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Solidarität mit “AZ Wuppertal – Es reicht!”

Triggerwarnung: Debatte zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in der radikalen Linken

Auf diesen Streit bin ich durch einen Link von Kommentator_in Nelo bei der Mädchenmannschaft aufmerksam geworden.

Eine Gruppe von Besucher_innen des AZ Wuppertal (im Folgenden nach ihrem Blogtitel “Antisexismus Wuppertal” genannt) beschreibt in einem ausführlichen Text das in ihrer Erfahrung von Sexismus und sexualisierten Übergriffen geprägte Klima dort. Ich weiß nichts über diese Szene, ich weiß nicht einmal, wo Wuppertal liegt, aber ich werde solche Erfahrungen niemals anzweifeln. Auslöser für die Intervention war der Umgang mit einem aktuellen Vergewaltigungsfall im AZ.

Die AZ-Leute sehen sich in ihrer Stellungnahme als Opfer einer Schmutzkampagne politischer Gegner_innen, die eine “Vergewaltigung instrumentalisieren” würden, um dem AZ zu schaden. Sie verbitten sich die radikale Formulierung “AZ dichtmachen” mit dem Hinweis, das AZ stehe durch Naziterror ohnehin ständig unter Beschuss. Bei der Gelegenheit werden die Kritiker_innen auch gleich in die Nähe der Nazis gerückt.

Diese Art der Prioritätensetzung kommt mir allzu bekannt vor: Weiße Feminist_innen bügeln mit der gleichen Logik die Kritik von WoC an der Bewegung ab, Pro Choice-Aktivist_innen schweigen aus “taktischen Erwägungen” zur Ableismus-Problematik oder vertreten sie gleich selbst, Kämpfer_innen für die gesetzliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare wollen von Poly-Anliegen nichts hören. Und das ist nur eine kleine Auswahl.

Das AZ scheint die Sache jedenfalls für eine Art Polit-Privatangelegenheit zu halten. Neben einem “offenen Austausch” fordert es allen Ernstes strikte Geheimhaltung, was das Internet betrifft:

Uns ist es wichtig Strukturen und Probleme offen (in gewissem Rahmen) anzusprechen und zu diskutieren. Wir bitten darum, mit dem Papier verantwortlich umzugehen, um eine von Nazis und Behörden kommentierte Debatte im Netz zu verhindern. Das schließt für uns das Posten auf öffentlichen Plattformen mit offener Kommentarfunktion (Facebook, Indymedia, diverse offene Foren ect.) aus.

Dem haben sich die Leute von Antisexismus Wuppertal widersetzt, und ich tu es ihnen gleich. Ohne das Internet blieben solche Debatten lokal begrenzt. Ohne das Internet hätte ich wahrscheinlich erst viele Jahre später vom Konzept der Definitionsmacht gehört. All das kann niemand wollen, der_die nicht bemüht ist, Täter zu schützen. Ich akzeptiere nicht, dass es “Nazis und Behörden” tatsächlich geschafft haben sollen, uns in die Lage zu bringen, uns nicht mehr politisch austauschen zu können. Es ist eine traurige Banalität, dass in vielen linken Zusammenhängen erst über Sexismus und sexualisierte Gewalt gesprochen wird, wenn eine Vergewaltigung öffentlich gemacht wird. Klarnamen u.Ä. haben natürlich trotzdem nichts im Internet verloren!

Ich gebe zu, mit der einleitenden Behauptung – wahr oder unwahr ist hier gleichgültig – die Kritiker_innen seien lediglich eine “kleine antideutsche, dogmatische Fraktion”, die eine “autoritäre Politik” betreiben würde, hätten sie mich fast gekriegt. Zum Glück habe ich den ganzen Text gelesen. Ohnehin hat die Haltung von Antisexismus Wuppertal zum israelischen Nationalismus in diesem Kontext keine Relevanz. Selbst wenn es sich bei den Leuten um einen ganz widerlichen Haufen antimuslimischer Rassist_innen handeln sollte, täte das der Richtigkeit ihrer Kritik in dieser Frage keinen Abbruch.

Ein nicht unwichtiges Detail ist die Tatsache, dass die Replik der AZ-Leute offenbar eine Beschreibung der Tat enthielt. Danke an Antisexismus Wuppertal für das Löschen derselben.

Wenn ihr dieses AZ erhalten wollt, AZ-Leute, stellt euch doch einfach der Diskussion. Unterdrückt die Abwehrreflexe und geht ernsthaft auf die Kritik ein. Äußert euch zu jeder einzelnen von Antisexismus Wuppertal geschilderten Situation, nicht nur zu der einen. Und tut es öffentlich. Tut es am Besten auch gleich: im Internet.

Hier nochmal die Links:

Kritik von Antisexismus Wuppertal

Stellungnahme der AZ Wuppertal-Leute

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/05/solidaritaet-mit-az-wuppertal-es-reicht/

13 Kommentare

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  1. 1
    Zweisatz

    Hast du “Täter” nicht gegendert, weil klar ist, dass es nur Männer* sind?

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  2. 2
    Samia

    Nee, weil mir die Begründung von Antisexismus Wuppertal total eingeleuchtet hat:

    Wir schreiben Täter in rein männlicher Form, um nicht sprachlich zu verschleiern, dass Gewalt und vor allem sexualisierte Gewalt weit überwiegend von sogenannten Männern ausgeübt wird. Diskriminierende Denkweisen haben selbstverständlich, leider alle Menschen verinnerlicht.

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  3. 3
    Zweisatz

    Samia, Ah, auch ein Grund.

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  4. 4
    Zweisatz

    Oh man, hab mir jetzt mal alles durchgelesen. Ist das furchtbar -.- (die Reaktion des Zentrums und seiner Sympathisant*innen) So … vollkommen an der Realität vorbei und *arg*.

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  5. 5
    kiturak

    wow, krass. Dass das immer die gleiche Scheiße ist in irgendwie “linken”, “emanzipatorischen” Räumen – Bäumchen hatte doch neulich zu soner Party auch nen Artikel geschrieben? Ich verlinks, sobald ich wieder zu mehr Internet komm. Super zusammengefasst,

    Ich akzeptiere nicht, dass es “Nazis und Behörden” tatsächlich geschafft haben sollen, uns in die Lage zu bringen, uns nicht mehr politisch austauschen zu können.

    exakt. Das kanns einfach nicht sein, dann können wir echt aufgeben.
    Ersetze “Nazis und Behörden” durch “Antifeministen/Masku-Szene”, und das gleiche gilt für innerfeministische Diskussionen.

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  6. 6
    Samia

    Ha:

    Nach jedem Großereignis wie dem G8 oder dem „Antikriegstag“ werden Nachbereitungs-diskussionstexte veröffentlicht – und ihr glaubt eine Diskussion zum Thema Sexismus wäre für Nazis und Behörden spannender? Ehrlich?

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    1. 6.1
      kiturak

      aber echt. Ich hoff’ ja, blogsport kommt bald wieder auf die Beine – ich würd so gern die neuen Artikel lesen.

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  7. 7
    Lena

    Es lohnt sich hin und wieder den Blog aufzusuchen. Hier etwas ganz Feines. Die Leute vom AZ Wuppertal zeigen ein erstaunliches Maß an Aufklärungsresistenz. Mir fehlen echt die Worte. Wenn alle linken Läden so sind (oder nur ansatzweise), dann ist das verdammt traurig.

    http://antisexismuswuppertal.blogsport.de/2012/06/09/transinterqueer-not-welcome/

    [freigeschaltet von kiturak]

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    1. 7.1
      kiturak

      @Lena – ich hab’ immer n fieses Gefühl bei Aussagen wie “wenn alle linken Läden so sind”.
      Das ist kein “linkes” Problem, das ist ein gesellschaftliches Problem, in nicht linken Läden ist diese Scheiße teilweise viel schlimmer.
      Ich würd’s insofern als ein irgendwie-im-weitesten-Sinn-Linken-spezifisches Problem bezeichnen, als sich da der Kram üblicherweise anders äußert. Von nicht Linken kriegst Du halt selten die ultra-pseudofeministisch-theoretisch geschulten Abwehrhaltungen (“wie, unsre Kandidat_innenliste gendern? Das ist doch ne völlig differenzfeministische Forderung” – “hey, mit Deiner Kritik schadest Du autonomen Freiräumen”) – sondern eher so Sachen wie “die war doch nur eifersüchtig und jetzt will sie Aufmerksamkeit. Der arme Mann, was diese Vorwürfe ihm schaden.” Will sagen, weiß nicht, wie es mit Samia ist, aber ich kritisiere linke Räume, weil ich da eher freiwillig bin. Und weil sie den Anspruch haben, anders zu sein.

      [Nachtrag] … aber das Ding ist natürlich der Hammer, wollt ich sagen. Sorry, ganz vergessen. Wie scheiße geht’s denn noch?

      [Nachtrag 2] … und jetzt seh’ ich, dass ich selbst damit angefangen hab’. Sorry.

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  8. 8
    Samia

    Vielen Dank für den Hinweis, Lena. Ich empfinde linke Räume nicht als sicherer als andere. Ich geh da hin, wenn ich nen Grund hab (interessante Veranstaltung, gute Band), nicht weils da so toll ist. Ja, der (behauptete / tatsächliche) Anspruch ist ein anderer. Wenn ich den Eindruck habe, dass der auch nur ansatzweise erfüllt wird, freu ich mich und komme vielleicht wieder. Es gibt hier mittlerweile aber auch Locations, die ich bewusst meide.

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  9. 9
    Lena

    @kiturak
    Ja klar weiß ich dass es in nicht-linken Räumen oftmals schlimmer ist, wobei es auch Momente in Mainstreamläden gab, in denen ich überrascht war von einem sehr guten Umgang mit diversen blöden Situationen. Aber ja, im Grunde stimmt das. Das spezifisch linke ist eher, dass es einen vermeintlichen Anspruch gibt und dieser aber nicht umgesetzt wird/werden kann. Deshalb ist man als Person die auf einen Raum hofft, indem Diskriminierungsmechanismen reflektiert werden und den Lippenbekenntnissen glauben schenkt dann doppelt enttäuscht bzw. verletzt. Wie in dem ersten Text ja schon geschrieben verbleibt dann kein Raum mehr. Deshalb gehen ja auch so viele Menschen wieder aus “linken” Räumen raus und sind dann oftmals alleine.

    Ich bin vor einigen Jahren auch oft in einem autonomen Zentrum aktiv gewesen und bin genau aus den auf dem Blog genannten Gründen da raus. Es war ein stiller Rückzug. Die meisten dachten wohl, ich bin jetzt in der Arbeitswelt angekommen und würde mich in Private zurück ziehen. Vielleicht hätte ich damals auch so Texte schreiben sollen, damit Leute mal mitkriegen, was andere dazu bringen kann mit der politischen Aktivität aufzuhören.

    [freigeschaltet von kiturak]

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    1. 9.1
      kiturak

      @Lena – ja, sorry! Bin schon in Sack und Asche für meine Antwort vorhin, zumal ich das “doppelt enttäuscht” nur zu gut aus eigener Erfahrung kenne (und auch aus der vieler anderer). Du hast einfach komplett und vollständigst recht.*
      @Artikel schreiben: Na ja, ich schreib Artikel über die Scheiße, Samia auch, antisexismus wuppertal auch, die kommen bei den Verantwortlichen auch nicht an. Mir tut sowas immer gut, weil ich dann mitkriege, dass ich nicht die Einzige* bin, weniger isoliert – also, meine Artikel schreib ich glaub ich eher für die, die auch sauer sind.

      *edit: und Samia natürlich auch. Keine Ahnung, was das fürn Verteidigungsreflex gegenüber Ärschen war.

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  10. 10
    se

    Hey, es gibt neues aus Wuppertal. Und zwar haben Leute den Text und die Auseinadersetzugn zum Anlass genommen ein Veranstaltungswochenende zu organisieren. Da das ganze wegen der aktuellen Situation mit wenig Vorlauf stattfindet, ist Unterstützugn durch Werbung und das Anbieten von Vorträgen oder Workshops höchst willkommen:

    Vom 10.-12.August finden in Wuppertal die Antisexistischen Tage statt.
    Aus gegebenem Anlass scheint uns die Zeit reif, für einen Austausch und
    verschiedene Workshops rund um Antisexismus. Wir freuen uns über eine
    rege Beteiligung und viele spannende Workshops. Wenn du/ihr etwas
    beitragen möchtet, ist das sehr willkommen!! Workshops, Kultur oder was
    leckeres zu Essen, alles was die Tage spannend und nett machen. Die Tage
    leben von dem was alle einzelnen dazu beitragen, also überleg dir was
    oder komm einfach so.

    Wenn du einen Schlafplatz brauchst, dann melde dich bitte bis zum
    6.August bei: kontakt-antisexism@riseup.net

    Workshopanmeldungen ebenfalls an: kontakt-antisexism@riseup.net

    Der “gegebenen Anlass” kann hier antisexismuswuppertal.blogsport.de nachgelesen werden.

    Aktuelle Infos zu den Antisexistischen Tagen findet ihr hier: antisexismustagewpt.blogspot.de

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  1. 11

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