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,,Woher kommst du?” – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.

Meine Lebensgeschichte (oder einen Aspekt davon) bekamen Menschen zum Teil recht unfreiwillig beim Smalltalken mitgeliefert. Das geschah, als ich das Prinzip ,,Smalltalk“ noch nicht so ganz verstanden hatte.
Gespräche liefen (oftmals 1:1) so ab:

xyz: ,,Hey, ich bin xyz! Und wer bist du?”
Ich: ,,Ich bin zyx(nichtdeutscher Name).”
xyz: ,,Ach wie lustig, du heißt ja zyx!”
Ich: ,,Ja genau. Ha ha.”
xyz: ,,Und woher kommst du?”
Ich: ,,Ähm. Ich bin in Hannover geboren.”
xyz: ,,Nee, ich mein… ursprünglich.”
Ich: ,,Meine Eltern kommen aus der Türkei.”
xyz: Mögliche Antwort 1: ,,Ach, du wirkst gar nicht türkisch!”
Mögliche Antwort 1.1: ,,… sondern[anderes Ausland einfügen, von indisch bis estnisch war da alles drin]
Mögliche Antwort 2: ,,Du kannst aber gut deutsch!”
Ich: ,,Tjaja.”
xyz: ,,Sprichst du Türkisch?”
Ich: ,,Nee.”
xyz: ,,Wieso nicht?”
Ich: ,,Weil ich nicht bei meinen Eltern aufgewachsen bin, sondern im Heim.”
FAIL.

Was ist das, was mich an dieser Situation ärgert? Erstmal, dass sie so, wie mensch sie hier liest, tatsächlich ablief, immer und immer wieder. Und bald verliert mensch den Glauben daran, dass Menschen und Begegnungen individuell sind.
Zweitens: Nicht der rassistische Unterton ließen diesen Smalltalk problematisch erscheinen für meine Umgebung (kleiner Brainstorm: fremdklingender Name: Lebenswirklichkeit muss anderes Land/Kultur sein; und was bitte ist ,,ursprünglich”, wenn Menschen schon immer von einem Ort zum anderen gezogen sind?; türkisch ,,wirken” heißt: gewisse Rassenmerkmale aufzuweisen wie …?; Verwunderung über Sprachkenntnisse), nein, problematisch war meine ehrliche und selbstbewusste Antwort, in der ich erwähnte, Heimkind zu sein, d.h. in einer Alternative zur Kernfamilie aufgewachsen zu sein. Und ähnlich, wie Lesben und Schwule (und viele andere) sich auf der Arbeitsstelle anhören dürfen, doch nicht von ihren ,,sexuellen Vorlieben” zu reden, wenn es um ihre Partnerschaften geht, weil sie nicht das Normale repräsentieren, so ähnlich wollte man mich zum Schweigen bringen, weil mit Heimleben das Andere, die Abweichung repräsentiert wird. ,,Heim”, das ist voller Symbolik über grausame Erziehungsmethoden, Missbrauch, böse Betreuer*innen, kriminelle Kinder. Dass es soetwas wie eine glückliche, eine gesunde Kindheit in Heimen gibt, dass auch hier interessante, vielfältige, tolle Menschen leben, darüber wird nicht geredet. Es verwundert mich, dass Menschen nicht nachfragen, wenn es schlicht ungewohnt für sie ist; dass sie bei der Erwähnung vom ,,Kinderheim” oft nur kurz abnicken in meiner Erfahrung und dann ihre eigenen Vorurteile züchten. Was ich dann in der Beziehung zu ihnen langfristig mitkriegen werde.
Wer Familien individuell betrachtet, weiß, dass es ziemlich viel Scheiße in jeder Familie geben kann. Doch sobald Heim und Familie als Dualismus gesehen werden, scheinen Menschen alles Negative, was auch in Familien vorkommt, auf das Leben im Heim zu übertragen. (Emotionale) Vernachlässigung, rauer Umgang, strenge Ordnung, wechselnde Bezugspersonen. Achja, und vermutlich hat es GRÜNDE™, warum das Kind im Heim ist, die sicher auch in seinen Genen vorliegen/auf eine alkoholabhängige Mutter/einen dauerschwangeren Vater hinweisen, der/die Drogen nahm/im Gefängnis saß/Sex vor der Ehe hatte/sonstwie ein schillerndes Leben führte.
Weil ich es müde geworden bin, eine Heimvergangenheit als annehmbare Alternative für ein Familienleben durchzusetzen, bin ich auf Umgehung Heikler Fragen™ umgeschwungen. Das heißt, ich antworte auf jeglichen Smalltalk-Mechanismus, der unweigerlich dazu führen wird, dass ich erzählen muss, warum ich so gut deutsch/kein Türkisch spreche, damit, dass ich einfach sehr viele deutsche Freunde hatte. Das ist sehr simpel. Es hilft mir aber nicht, weil ich damit selber einen wichtigen Teil von mir leugne und ihn der Marginalisierung überlasse, anstatt ihn wieder mit etwas Positivem zu besetzen, als Lebenswirklichkeit, die auch im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht verheimlicht werden müsste.
Was denkt ihr darüber?

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14 Kommentare

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  1. 1
    Power Poodle

    Hallo AusderBaum, toller erster Post!
    Die beschriebene Situation sieht mensch wirklich geradezu vor sich. Das mit der Herkunft kenne ich besonders in Bezug auf Sprache, wenn das “wieso denn nicht?” fast schon empört daherkommt. Mein deutsches Elternteil hingegen, gibt mir immerhin das Privileg, dass Frankfurt als Herkunft Ok ist. Was den Teil der Herkunft aus dem Kinderheim betrifft, muss ich mich wirklich für den Artikel bedanken. Die Bilder, die mensch da im Kopf hat, sind einfach durchweg negativ. Das fängt ja schon mit den Kindergeschichten an, in denen Heime ausnamslos als Orte des schrecklichsten Grauens beschrieben werden. Wieder mal ein unbewusstes Vorurteil entdeckt, über dass ich mir nie Gedanken gemacht habe. (Ich hoffe natürlich trotzdem, dass ich irgendwie cooler reagiert hätte, aber … hmm wenn ich ehrlich bin, weiß ichs nicht)

    Interessant an der beschriebenen Situation ist, dass die priveligerte Person (mit dem unaussprechlichen Namen Xyz…) bei dem Teil der Herkunft, der sich auf Nation/Kultur (bzw. vermeintliche “Rasse”) der “geotherten” Person (mit dem viel besser aussprechbaren Namen Zyx) bezieht, sich völlig übergriffig das Recht nimmt auch nach den intimsten Details nachzufragen. Bei der Herkunft aus Heim/Familie aber verfällt sie in peinliches Schweigen (inkl. Kopfkino “ohgottogott, warum erzählt die mir denn jetzt von ihrem Kindheitstrauma, ich wollte doch nur wissen wo sie herkommt”). Ist natürlich auch scheiße aber irgendwie anders scheiße. Würde es das treffen, wenn mensch sagte, das erste ist eine rassistische Machtdemonstration, während das zweite eine Viktimisierung ist? (und hilft diese Benamsung bei irgendwas weiter?)

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  2. 2
    Bäumchen

    Hey PowerPoodle
    Ich hab beim Beschreiben der Szene tatsächlich auffallend oft an das englische Wort ,,intrusive” gedacht, ,,aufdringlich” weil es genau das ist: Ich als ,,die andere” muss Auskunft geben über Herkunftsort, muss herhalten als Vertreterin meiner ,,Landesleute”, mit denen ich sofort auch verglichen werde. Das ist etwas, was Noah Sow bereits beschrieben hat in bestimmt klügeren Worten als ich. Rassistische Machtdemonstration ja, Viktimisierung ja, und die Benennung hilft den Menschen weiter, die sich unwohl fühlen in solchen Situationen und nicht genau wissen, warum. Ich bin nur immer froh, etwas in meinen Worten sagen zu können und mich selbst nicht mit Fachwörtern herumzuschlagen (die aber wichtig sind, keine Frage!).
    Und das ist ja das Bizarre an der ganzen Szene: Aufdringlich bin in der ,,normalen” Einschätzung nur ich, weil ich den anderen mit meiner Vergangenheit ,,belaste”. Dass alle anderen Menschen auch in Smalltalksituationen anekdotenhaft von ihrer Familie erzählen können oder was sie als Kinder erlebt haben, wird als selbstverständlich wahrgenommen.
    Du weißt selber nicht, wie du bei der zweiten Hälfte reagiert hättest. Und beweist damit gut, wie nötig die Sensibilisierung ist. Auf meinem Blog hat jemensch kommentiert, dass doch diese Reaktion total verständlich ist und zählte auf, wieso und warum es so verständlich und ,,normal” ist, derart zu reagieren wie xyz. Bin mir noch nicht sicher, ob ich den Kommentar überhaupt zulasse: Anscheinend hat dieser Mensch nicht verstanden, dass ich gerade diese ,,Normalität” anprangere und hinterfrage.
    Wegen der Viktimisierung: Die Tatsache ist, dass hierzulande Heimkinder in den Medien wahrgenommen werden, aber vor allem in der Debatte um Missbrauch, Züchtigung, Misshandlung und krassen Erziehungsmethoden. Das betrifft vor allem frühere Jahrzehnte und ja, diesen Menschen muss zugehört werden. Ein engagiertes Blog in dieser Hinsicht ist übrigens http://dierkschaefer.wordpress.com/. Ich weiß aber dass meine Wirklichkeit anders aussah, dass ich in einer Zeit im Kinderheim lebte, wo die Pädagogik schon längst etliche Reformen erlebt hat, die die Situation für Kinder verbesserte. Leider scheinen sich die Bilder in den Köpfen der Menschen kaum zu ändern, weil es u.a. keine mediale Wahrnehmung von Kinderheimen heutzutage gibt.

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  3. 3
    Mrs

    Stimmt. Für Adoptierte ohne Bioherkunfts-Wissen dann nochmal ätzender.

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    1. 3.1
      Stephanie

      Mrs » Ich habe den Kommentar freigeschaltet, frage mich jedoch gerade (nachträglich), ob diese Hierarchisierung von Ätz-Erfahrungen aus dem Bereich “Nicht-bei-Bio-Eltern-Aufgewachsen” eine gute Idee ist… für die Diskussion und so.

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  4. 4
    kiturak

    wow, danke für den tollen Artikel.

    Ich hab das in meiner eigenen wieauchimmer”Familien”-Normativität garnicht auf dem Schirm gehabt, und damit bestimmt auch bisher nicht grad zu nem vertrauenerweckenden, interessierten Umfeld beigetragen. Ich kannte ein Heim ein bisschen und hatte daher nicht ganz die stereotypen Vorstellungen, aber umgesetzt hab ichs irgendwie trotzdem nicht. :-/ danke auch für den Dierk Schäfer-link!

    Zu deiner Frage am Schluss: Ich schreib einfach mal, wie es für mich persönlich bei so “Outing”-Fragen ist, keine Ahnung, ob davon was für dich Sinn macht. (Um in der Sprache mal bei der sexuelle- und Gender-Minderheiten-Parallele zu bleiben, die du angesprochen hast)
    Ich hab für mich keine 100%-immer “richtiges” Verhalten-Lösung – das hieße ja im Grunde, dass ich im Alleingang meine Diskriminierung abschaffen kann, was nicht stimmt und deshalb auch victim blaming wäre. Das heißt, meine Antwort ist deshalb lang und kompliziert, und wenn das für den thread zuviel ist, bitte einfach nicht veröffentlichen – oder andere ab hier nicht weiterlesen!
    (Ich bin allerdings innerhalb der sexual/Gender-Minderheiten auch einigermaßen marginalisiert und kenn deshalb viel nicht. Da gibts bestimmt tausende super Ressourcen zu Coming Out-Fragen, die ich nicht kenne, und die sich vielleicht sinnvoll auf mich oder dich “umschneidern” ließen. Wenn du eine praktische kennst, immer her damit.)

    Was ich tue (vermutlich viele/die meisten/du auch ;) ), ist immer sone Art Abwägen, in welcher Situation ich bin, mit wem, und was ich selbst grad als Reaktion erwarte/verkraften kann. In etwa
    Gegenüber
    1. DIE WELT/ irgendwelche Leute, die ich nicht gut kenne/die mir nicht wichtig sind, oder
    2. Menschen, die mir wichtig sind/die ich gut kenne
    erwartete Reaktion
    a. *istischer, aufdringlicher, ausschließender Dreck, oder
    b. Verständnis, Interesse, Zuneigung, selbstverständliche Akzeptanz
    … und das überleg ich mir halt. Im Grund ist 1.b das gesellschaftliche Normverhalten, das mir auch so beigebracht wurde. Privilegierte Menschen laufen damit durch die Welt und stoßen kaum je an, und spammen dann Kommentarthreads marginalisierter Menschen damit, weil sie nicht begreifen wollen, dass uns 1.b in der Form NICHT. ZUR. VERFÜGUNG. STEHT.

    Meine persönliche Kombo ist in den meisten Fällen 1.a plus 2.b.
    Das heißt nicht, dass ich mich Fremden gegenüber grundsätzlich nicht “oute” – nur, dass ich halt nur Scheiße als Reaktion erwarte, und deshalb mein Bedürfnis, als “ich selbst” gesehen zu werden, in den Fällen nach hinten stelle, wenn ich grad kein Bock hab drauf. Heißt, deine Frage nach der smalltalk-Situation ist bei mir ne Fall-zu-Fall-Sache, je nach Laune.
    Das heißt auch nicht, dass ich von Freund_innen nie Scheiße als Reaktion einstecke, im Gegenteil – aber ich habe halt diesen Anspruch an sie. Und die Verletzungen, die ich dabei regelmäßig einstecke, sind es mir wert, nicht mit einer TRUST NOBODY-Haltung durch die Welt zu laufen. Die zwar völlig gerechtfertigt wäre, aber mir persönlich eher schadet als hilft.

    Und dann “oute” ich mich meistens nicht kontextlos (bei der Killer-Kombo, die Du oben beschrieben hast, gibt’s die Option natürlich nicht, insofern ist dieser Absatz für deine Frage sinnlos – gern löschen ;) ). Darauf gibt’s in meiner Erfahrung zwei Antworten:
    - was, bi bist du jetzt auch noch? Und dich hab ich in meine Küche gelassen?! (… har har.)
    - ah, ok. (keine weiteren Fragen)
    und zwischen den beiden ist mir die zweite noch lieber, weil ich nicht “lachen” muss, und sie starrköpfig als Akzeptanz werte.
    Wenns aber n Kontext gibt, muss ich nicht mehr über “poly”/”Depressionen”/”genderqueer/wasweißich an sich sprechen (und die andere Person auch nicht auf sonen riesigen Begriff reagieren), sondern wir reden über eine ganz bestimmte Situation, das ist gleich viel menschlicher und angenehmer – und da ist es in meiner Erfahrung für die andre Person auch einfacher, interessierte Nachfragen zu stellen, ach krass, das wusst ich ja garnicht, wie ist das denn dann?

    … naja. meine zwei Pfennig. Und nochmal danke!

      Zitieren  Antworten

  5. 5
    Bäumchen

    Hallo liebe Kiturak
    Ich habe deinen langen Kommentar einfach mal so stehengelassen, weil mich die Länge trotz allem nicht erschlägt und dein Kommentar für mich auch keine Form von ‘splaining darstellt, der durch die Länge nochmal viel ‘splainiger wird, im Sinne von ,,Ich erklär dir jetzt die Welt (in siebzehn Romanen,denn ich bin Karl May!).”

    Ich stell mal als Prämisse vornean, dass mich Outingsituationen eh verschrecken. Nicht, dass Menschen von sich erzählen. Aber ich mag den Beichtcharakter eines Outings nicht sowie wieviel die Reaktion des Gegenübers an Bedeutung gewinnt durch solche Situationen. Wenn ich Menschen erzähle, dass ich lesbisch bin, dann in einem Nebensatz(wie zum Beispiel jetzt). Ich möchte meinem Gegenüber gar nicht so viel Raum geben für ein Urteil. Wenns negativ ausfällt, soll ich dann etwa unglücklich sein? Und wenns positiv ausfällt, soll ich Orden verteilen, weil die andere Person mich akzeptiert? So ähnlich gehts mir glaub ich auch mit der Heimsache. Ich möchte das nebenbei sagen und ich möchte, dass es als Aspekt meiner Person betrachtet wird und nicht als ein alles bestimmendes Identitätsmerkmal. Dein Umgang mit Outingsituationen find ich ziemlich nachvollziehbar, weil wir alle abwägen bei Menschen, was wir ihnen sagen können und was nicht… Mein Problem mit Outing fängt an, wo wir anfangen zu Erwarten, Wie Die Person Wohl Reagiert und wieso das wo wichtig für uns ist. Edit: Dennoch kann mensch es wohl auch nicht vermeiden, hin und wieder in solche Situationen zu kommen.

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    1. 5.1
      kiturak

      @AusDerBaum: ooh ooh, ich bin verwirrt und nicht sicher, ob wir ein Missverständnis haben? und, wieder n Roman. Irgendwie schaff ichs die Tage nicht kürzer. stups mich, wenns zuviel ist!

      Für mich ist “outen” jede Situation, in der ich anderen Menschen irgendwie klarmache, dass ich irgendwie nicht der gesellschaftlichen “Normalität” entspreche (die sie leider wegen diskriminierender *normativität offensichtlich gerade von mir erwarten). Das kann in nem Nebensatz sein (“Brad Pitt? uhh :/ … Michelle Rodriguez?”) oder auf ner COMING OUT PARTY!! (Nee Quatsch, zweiteres hab ich nie gemacht. Wär aber lustig :D )
      Was du als “Beichtcharakter” beschreibst, kannte ich auch als sozusagen das Klischee – ComingOutFürSchwule(tm) aus Film und Fernsehen und BRAVO GIRL! – “MUTTER. VATER. Ich muss euch etwas sagen.” Das wäre für mich nur eine von den ganz vielen möglichen Situationen, und da teil ich Deine Einstellung vollkommen. Schrecklich. Das meinte ich oben mit “ohne Kontext”. Dein Nebensatz-Ding wäre für mich eben genau ne Situation “mit Kontext”. Was du sagst mit dem “Aspekt deiner Person”, wäre für mich auch genau der wichtige Punkt: Dass ich damit eben z.B. mitten in einer Unterhaltung sage, dass [Eigenschaft xy] für mich ein bestimmtes Thema anders aussehen lässt als für mein Gegenüber – und nicht ICH BIN SCHWUL(tm). LOS, ANTWORTE MIR WAS BEDEUTUNGSVOLLES. Nur, das garantiert halt immer noch keine okaye Reaktion.

      Jedenfalls, ich hatte deinen Artikel so verstanden, dass du die Raumgeberei/Abwägerei genau wie ich längst machst? – also dich (in “meinen” Worten) wegen der ärgerlichen Reaktionen einfach prinzipiell garnicht mehr “outest” in so smalltalk-Situationen, damit aber auch wieder unzufrieden bist, weil Du nicht im Schrank leben willst, sozusagen. Leugnen, Marginalisierung, all das. Und deshalb hatte ich geschrieben, wie ich selbst für sowas Ähnliches keine “Lösung” kenne (und auch nicht glaube, dass es eine gibt, solang die Diskriminierung existiert), aber für mich diese meehh-geb-ich-mir-das-jetzt-Abwägerei eben mit der Zeit auf ne kiturak-spezifische Weise (lesen Sie hier!) fein-getuned hab, mit der ich klarkomme. Wenn ich das falsch verstanden hab, sorry.

      “Wieso das wo wichtig für uns ist” – das ist bei mir meist entweder die Frage, ob ich Leute von 2. wieder in 1. zurückstufe, oder eben ne sehr kurzfristige Sache, ob mir grad in ner spezifischen Situation das “hier bin ich. DEAL.” wichtiger ist, oder das “kein Bock auf verletzenden Mist”.

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  6. 6
    Bäumchen

    Nee, du hast den Artikel nicht falsch verstanden, ich aber n bisschen deinen Post, weil ich meine Intention von Outing (also Outing(tm)) abgrenzen wollte, aber gar nicht bemerkt hab, dass das nicht deine Aussage war bzw. dass wir verschiedene Bilder im Kopf haben, was Outing betrifft. Aber da ich das auch nicht herausgefunden hätte, wenn ich da nichtnochmal nachgehakt hätte, ist das vermutlich ganz gut gewesen.

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    1. 6.1
      kiturak

      @AusDerBaum: Auf jeden Fall, und sorry&danke fürs Nachhaken! Ist schon so lange her, seit ich kapiert hab, dass Outing ™ für mein Leben völlig sinnlos ist, dass ichs offensichtlich garnicht mehr auf dem Schirm hatte, dass das trotzdem (auch) so verwendet wird ;)

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  7. 7
    Samia

    Danke für den Artikel, da hab ich ja mal voll versagt (Heimklischees) und schäme mich. Also danke, danke, danke.

    Den “Was soll dein Name”-Terror erleb ich berufsbedingt in hässlichster Regelmäßigkeit, da spul ich meistens einfach das Standardprogramm ab, damits möglichst schnell vorbei ist.

    kiturak
    ob ich Leute von 2. wieder in 1. zurückstufe

    Happens all the time :/ Wobei ich eher so drei Stufen habe: Von 2 nach 1 gibts oft, von 3 nach 2 aber leider auch mal.

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  8. 8
    ClaraRosa

    hallo AusDerBaum,

    wurde gerade auf deinen tollen blogeintrag aufmerksam gemacht, als ich davon erzählt habe, dass ich es (meistens) gar nicht das schlimme finde, dass alle immer ganz selbstverständlich von ihren “eltern” reden, sondern dass ich nicht genau so selbstverständlich von meiner tollen sozialarbeiterin reden kann.. mit dem heimkind-teil kann ich also sehr viel anfangen.
    meistens fühle ich mich wie die person, die auf ´ner party gegen den plattenspieler getreten und plötzlich mit dem mikro in der hand ein lautes “ich bin HEIMKIND!” in den raum gebrüllt hat:
    dem unbehagen, dass daraus folgt, will ich mich meistens gar nicht aussetzen….
    obwohl ich zugeben muss, dass ich mit den vorurteilen von meinen freund_innen damals relativ grob umgegangen bin… wenn sie mich zum ersten mal besucht haben zum beispiel:
    mein heim war in einem waldstück, am ende einer sackgasse (in der nähe der höchsten eisenbahnbrücke europas, aber das nur am rande).. am anfang dieser sackgasse gab es ein fabrikgebäude, von dem ich immer behauptet habe, dass das unser schlafsaal sei (jungen und mädchen getrennt) und hab dann immer so getan, als hätte “der pförtner” “das tor” schon abgeschlossen und die guten unter “hoffentlich sieht uns “der pförtner” nicht”-geflüster halb über den zaun klettern lassen, bevor ich mich darüber schlapp gelacht hab, wie gern die glauben wollten, dass wir in einem alten fabrikgelände quasi eingeschlossen sind….
    mit denen, die DANACH noch mit mir befreundet sein wollten bin ich immer noch befreundet ;) =).

    vielen dank, dass du das aufgeschrieben hast! ich lese so selten von anderen, die im heim gelebt haben!

    beste grüße,
    clararosa

    [freigeschaltet von Samia]

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  9. 9
    Bäumchen

    ClaraRosa,

    Wow, wie toll ist das denn! Weißt du, wie selten ich von Leuten mitkriege, die auch im Heim sind? Ja, vermutlich weißt du’s! ^^ Abgefahren, dann auch noch ne andere Bloggerin zu treffen. Wie du mit den Vorurteilen deiner Umgebung umgegangen bist, finde ich großartig. N besseren Umgang gibts damit eigentlich kaum. Diese Souveränität hatte ich leider nicht. Hin und wieder wäre es nett gewesen, auf manch Nachfrage:,,Wie war es da?” zu entgegnen: ,,Voll gut eigentlich. Und manchmal durften wir sogar raus aus dem Keller.” Einfach nur um die Gesichter zu sehen.
    Ich liebe deinen Blog übrigens sehr. In deinen Beschreibungen von klassistischer Ausgrenzung finde ich mich meistens wieder. Gerade wo es um Selbstverständlichkeiten im Leben von Akademikerkids geht, die ich auch im Studium die ganze Zeit um mich habe. Mindestens genauso schwierig finde ich mittlerweile die regelrechte Akademisierung feministischer Blogs, mit Postings, die immer direkt aus irgendwelchen Soziologieseminaren aufzutauchen scheinen. Ich schwanke gerade hin und her, ob ich einfach versuche, da generell mich nicht beeinflussen zu lassen oder deswegen mal offen herumzupöbeln. Mal gucken.
    Schön, dass es dich gibt!

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  10. 10
    klarala

    Super Blockeintrag !!!
    Bin selber in mehreren Pflegefamilien und auch im Heim gewesen und hasse diese Gesprächssitiationen. Sobald nach der Herkunft im weitesten Sinne gefragt wird, wirds kritisch. Ich empfinde mein Aufwachsen garnicht als Benachteiligung sondern als Bereicherung, aber wenn Fragen aufkommen wie: Was macht dein Vater von Beruf ? etc. ist es kritisch und auf Dauer fällt auf, dass nichts von Zuhause erzählt wird. Es gibt soviele auch ganz normale Lebenserfahrungen, die ich aber im Alltag nicht teilen kann.
    Und entgegen aller Klischees, habe ich einen Universitätsabschluß und Promoviere mittlerweile. ;-)
    Ach und die Beschreibung des unterbringungs Ortes von Clararossa kommt mir doch, arg bekannt vor ;-)
    Grüße unbekannterweise an eine/nen ehemalige/n Mitbewohner/in.

    [freigeschaltet von Stephanie]

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  11. 11
    mme

    hej, danke für den tollen artikel! ich hab grade viel zeit und wenig feminismus und kritisches umfeld um mich, dafür aber mehr zeit, um mich durch tolle blogs zu lesen.
    ich – akademiker_innenkind, und ex-internatlerin- hab immer wieder erfahrungen mit dem wort “heimleiter(_innen, wurde eher nicht gegendert) gemacht, da ich auf einem Internat (in dem sich großenteils mittelschichtskinder mit christlichem und akademischen hintergrund/elternhaus aufhielten) war, in dem die Menschen, die uns betreut haben, eben heimleiter_innen hießen. Und da ich immer mal wieder aus meiner Schulzeit erzähle, kommen in meinen Erzählungen eben auch Heimleiter_innen vor. Irgendwann habe ich verstanden, dass das ein “Reizwort” (mir fällt grade nix besseres ein) ist. Dass Menschen damit sehr spezifische Assoziationen haben, die kucken mich dann an und fragen: “Warst Du im Heim???”.
    Wenn ich das dann richtig stelle, sind alle erleichtert und mit der Zeit habe ich diesen Begriff weniger benutzt. Und mit deinem Artikel hab ich gemerkt, dass da wieder sone blöde Dichotomie aufgemacht wird: Internat für Kids und mit Musikschwerpunkt und außerschulischem Angebot – voll gut, und toll und mit vielen romantisierten Vorstellungen besetzt und Heim ist das “schlimme”.
    Klar, es gab auch Menschen, die gefragt haben, weshalb ich ins Internat musste, aber trotzdem ist Heim weitaus stigmatisierter und die Assozationen (auch die, die ich habe) sind sehr viel negativer. Ich finde es sehr übergriffig, dass andere Menschen dich beim Smalltalk nach ziehmlich persönlichen Dingen fragen (“und ursprünglich” – echt mal! ich überlege grade, ob es angebracht wäre da was (pseudo-)naturwissenschaftliches wie “wir stammen ja alle von amöben ab” oder “aufgewachsen bin ich im urschleim” zu sagen, keine ahnung, mich nervt diese frage oft (allerdings wird sie mir nicht gestellt, weil mein name “nicht deutsch genug” klingt, sondern weil ich aufgrund von zu oft umgezogen keinen ort nenne und keinen bock hab, immer meine lebensgeschichte menschen, die ich nicht kenne, zu erzählen, aber wem sag ich das…) ich wünsch dir weniger solcher begegnungen und mehr absurde und das gegenüber als doof und übergriffig outende antworten zur hand…

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