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“Sexismus oder Faulheit?” IHR KÖNNT MICH.

Ein Servicepost.
cross-posted bei mir daheim

Inhaltswarnung 1. Absatz: sexualisierte Gewalt in fiktiven Medien (danke für Erinnerung an Zweisatz)

Anlass:

 
 
Ich erkläre.

Mitten in die schönste Diskussion um … hmm, dass es keine weiblichen Tuskarr gibt bei World of Warcraft oder Elcor bei Mass Effect, dass schon wieder ein weiblicher Charakter Mysteriös Schwanger wird, dass zum VIERMILLIARDSTEN Mal eine Vergewaltigung (oder gleich ein paar hundert) die Protagonistin dazu bringen, Hart Und Beziehungsunfähig ™ zu sein, platzt unweigerlich, jedesmal, immer immer immer dieser Typ, weiß, cis, hetero, Science Fiction-/Fantasy-Geek (WIR KENNEN IHN ALLE) und sagt in etwa das Folgende:

“Ich glaube nicht, dass das SEXISMUS ist – die Spieleentwickler haben halt einfach Kosten gespart.” (Wahlweise: Der Autor war einfach zu faul, sich was anderes auszudenken.)

Er sagt es ernsthaft.
Er denkt wirklich, das sei eine sinnvolle Antwort.
Er sagt das im Anschluss an eine minutenlange Diskussion zu Sexismus.
Als sei noch niemand in der Runde auf “ES WAR EINFACH NUR FAULHEIT!!1″ gekommen.

Das “Faulheit-nicht-Sexismus-Argument” ist einfach Müll.

Das ist keine “zufällige”, sondern sexistische Faulheit.
Es ist sexistisch, bei männlichen Charakteren das Design oder individuelle Plots als zentral und interessant zu sehen, und die Ausgestaltung von weiblichen Charakteren als eine Art Bonus für Fleißpunkte, für den halt am End keine Kohle/ Zeit/ Bock mehr da war.

Das gilt übrigens genauso für jede andere Art von Faulheit-nicht-*ismus-Argument, z.B. “Alle sind Hetero? Das ist nicht heterosexistisch ‘gemeint’ – der Autor war halt einfach zu faul, sich was anderes auszudenken.”

Spezifisch zu der Praxis in Science Fiction/Fantasy-Spielgestaltung, bei irgendwelchen nicht menschlichen “Völkern” oder “Rassen” die “females” einfach mal wegzulassen (in einer Welt, die grundsätzlich immer in “männlich” und “weiblich” eingeteilt ist):

Das funktioniert meist über eine rassistische Instrumentalisierung von feministischen Themen, die in SF/F exakt genauso aussieht wie in der restlichen Welt: Irgendwelche nicht weiß/menschlichen “Völker” oder “Rassen” werden konstruiert, die “ihre Frauen” schlecht behandeln (diese Zivilisationen werden gern auch gleich “primitiv” und annähernd “tierhaft” dargestellt, und die Frauen “females” oder “Weibchen” genannt). Auf diese Weise müssen Frauen garnicht erst designt werden, weil sie nie vorkommen (sie sind Unterdrückt ™ und in der Küche/ beim Beerensammeln/ mit der “Aufzucht” der “Jungen” beschäftigt, egal, bloß IRGENDWO ANDERS). Die “ganz normal (sexistische)” weiße/menschliche Kultur, zu der der Protagonist üblicherweise gehört, kann sich dagegen als “zivilisiert”, “fortschrittlich” und moralisch überlegen fühlen.
(Zu Rassismus in SF/F bitte hier einlesen – via N.K. Jemisin. Ich weiß aus dem Kopf keinen Artikel, der’s genau so auf den Punkt bringt, aber meine Basics hab ich aus dieser Diskussion und ihren Vorgängerinnen.)

Es geht nicht darum, dass da nirgendwo jemals Faulheit war. IM GEGENTEIL. Es geht nur um selektive Faulheit.

Der Punkt ist, dass für das Mass Effect-Universum der Seufzer “ooooch, brauchen wir jetzt WIRKLICH noch ein weibliches Salarian-Modell?” ein kleiner, unwesentlicher Moment am Ende einer langen, langen Entscheidungskette ist, in der völlig andere Dinge eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

“Hey, wie cool wäre es für unsere Galaktopolitik, so eine halb tierhafte dunkelh-aarige Supermackerrasse zu haben, die primitiv ist, aber auch auf schlichte Weise putzig, und dauernd nur Krieg führt in kleinen Stämmen gegeneinander? Und sie sind riesige Muskelpakete, daran sieht man, dass das mit dem dauernd kämpfen und brutal sein und keine richtige Zivilisation auf die Reihe kriegen total in Einklang steht mit ihrer biologischen Veranlagung, deshalb sind sie auch tendenziell alle ziemlich ähnlich und reden nur von Kämpfen und Ehre und so, und die einzelnen Leute sind ihnen total egal. UND SIE VERMEHREN SICH! Sie werden uns alle überrennen! Das gibt JEDE MENGE COOLE KÄMPFE!

Wir bringen sie in einen Konflikt mit, äh, den anderen Aliens, die auf ihre Weise genauso brutal sind und sie durch, äh, Wissenschaft ausrotten wollen (HINTERGRUND, LEUTE), und menschliche Helden können dem dann zwiespältig gegenüberstehen, sich generell aus allem raushalten und natürlich an nichts schuld sein.

Fertig!

Oh, ach, Frauen?
Für die GANZEN Alien races, die wir uns grad ausgedacht haben?
äh.
Ach, echt jetzt.”

Der Punkt ist also weniger Faulheit als Interesse für eine andere Art von Geschichte, in der nicht menschliche Aliens als stereotypisierte Einheit gedacht sind, und in der deshalb Frauen, als eh nur Fortpflanzungsträgerinnen der in der Regel männlich gedachten Norm-Aliens, einfach nicht relevant sind.
“Alienfrauen” gibts ja auch schon als eigene Rasse.

Desinteresse an Nicht Männern, die irgendeine andere Funktion erfüllen als Sexy Eye Candy mit stereotyp weiblichen, für weiße cis Heterotypen unbedrohlichen Eigenschaften ist in meiner Terminologie aber nicht “Faulheit”, sondern “Sexismus”.

Und was ist das Perfide an dem “Faulheits”-Scheißargument?

Dass das suggeriert, weniger Sexismus, Rassismus etc. wäre grundsätzlich ein MEHRAUFWAND.

FICKT EUCH. Schreibt ANDERS. Nicht mehr.

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5 Kommentare

3 Pings

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  1. 1
    istvan kantor

    die macherInnen, die sich solche langweiligen heterotormativen sachen ausdenken sind nicht einfach faul, sondern es gibt einen druck von seiten des publishers, mit möglichst geringem zeitaufwand ein möglichst profitables game zu programmieren. hast du mal dragon age 1 gespielt? da gab es noch komplexe homosexuelle beziehungen, du hast erfahrungen mit sexismus oder rassismus machen können, du wurdest zum nachdenken darüber angeregt. es gab soziale konflikte bei denen es schwer war auszumachen, wer da böse oder gut ist usw. danach wurde bioware von ea aufgekauft und spätestens ab mass effect 2 war es damit vorbei. weil ea profit machen will und das geht halt mit einem mackerhelden mindestens genauso gut. ich kann mir gut vorstellen, dass manche writer bei bioware das genauso mies finden, aber die haben zurecht angst um ihren arbeitsplatz. klar könnten die mit genausoviel geld und zeit auch andere spiele machen, aber da würde der profit mit sicherheit nicht mehr klappen. was anderes auszuprobieren ist auch immer ein risiko für den publisher, dann hat er investiert und der profit klappt nicht. diese gewinnrechnung ist der grund für die scheiße, nicht die faulheit von einzelnen.

    [freigeschaltet von kiturak]

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    1. 1.1
      kiturak

      @istvan kantor: Ich geb’ Dir zum Teil recht, wobei auch Deine Argumentation in der “*ismus ist erfolgversprechender/ profitabler”-Schiene bleibt, die ich eben wie gesagt schlicht bestreite. Nebenbei auch nicht nur auf der “Aufwand”-Seite, wie oben beschrieben, sondern auch auf der “Erfolg”-Seite, aber das ist ein neues Thema.

      Nur geht’s meinem Artikel nicht um die Hintergründe, warum und von wem die *istischen Sachen gewollt werden. Das läuft in meiner Erfahrung darauf hinaus, dass alle Teile einer *istischen Gesellschaft sich gegenseitig die SCHULD ™ zuschieben, ohne je selbst verantwortlich sein zu wollen (mein Mitleid mit imaginären cis weißen Hetero-Spieleautoren, die nur hilflose Rädchen im Getriebe sind und sich jede Nacht schlaflos herumwälzen, weil sie “gezwungen” sind, sexistische Scheiße zu verfassen, hält sich in Grenzen).
      Mit der Wer Ist Schuld?-Frage (Spoiler: DIE ANDEREN) bin ich im Nu in ner Riesendiskussion, die hier nicht nur keinen Platz hat, sondern die ich auch prinzipiell nicht bereit bin zu führen, solang sie hinausläuft auf “Gruppe X Ist Unschuldig (und beugen sich nur Sachzwängen ™ )”.

      Ich hab ein spezifisches Argument widerlegt, und darüber diskutier ich gern. Nicht über “Wer Ist Schuld An Sexismus In Videospielen?”. Falls Du über das letztere sprechen willst, würde ich Dich bitten, Dir einen anderen Ort zu suchen, das Netz ist ernsthaft voll von genau diesem Thema.

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    2. 1.2
      kiturak

      @istvan kantor: Ich hab’ tatsächlich Dragon Age – Origins gespielt, genauso wie Mass Effect 2 und 3. Nach allem, was ich mitbekomme, ist da die Spaltung aber eher innerhalb von Bioware zwischen Mass Effect und Dragon Age. Also, DA2 wurde ja geradezu berühmt dafür, gleichgeschlechtliche wie andersgeschlechtliche Beziehungen möglich zu machen, während ME gleichzeitig immer weiter in die WCH*-Macker-Richtung (Rollenspiel ist für MÄDCHEN) gesteuert wurde. Garantiert hat die Übernahme durch EA die Firmenpolitik beeinflusst. Aber das war wie gesagt nicht mein Thema, sondern die ganzen alltäglichen “Faulheit”/ “Kostenersparnis”-Ausreden für den Mist.

      *weiße cis hetero

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  2. 2
    bile

    kiturak,

    ME3 bietet als einziges ME die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Ist also genau umgekerht, wie hier behauptet, EA hat damit auch nur marginal etwas zu tun. Die Charakter sind auch nicht alle Bi (Das spart auch Zeit…), wie bei Dragon Age 2 ;) , sondern haben extra auch noch Dialog dazu erhalten.

    [freigeschaltet von kiturak]

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    1. 2.1
      kiturak

      bile »
      Bitte nochmal nachlesen, was die romance-Optionen angeht.
      http://masseffect.wikia.com/wiki/Romance
      Wir können uns hier ne Weile streiten über inwiefern was bei romance scheiße oder weniger war, ist, geworden ist, oder was weiß ich. Weiß nicht, ob ich da grad Bock zu hab, nichtmal weil mich das nicht interessiert (im Gegenteil), sondern weil ich dazu ca. 2 neue Blogposts schreiben wollen würde, einen zu “romance options” bei DA/ME/generell und einen dazu, warum ich Mass Effect 3 so unglaublich, unfassbar scheiße und ärgerlich fand, ganz abgesehen vom Großen Fan Outrage über Das Ende, den ich (klar) auch geteilt hab’. Sprengt vermutlich den Rahmen, und ich hab auch leider grad zuwenig Zeit.
      Jedenfalls ist das neu einführen von ner schwulen romance Option (für weibliche Sheps gab’s gleichgeschlechtlich schon vorher, hab ich geteilte Ansichten zu, andersgeschlechtlich ist noch VIEL beschissener geworden als vorher) nun wirklich nicht das einzige Thema, was mich in der Gesamtwertung interessiert (SIEHE ZUM BEISPIEL ARTIKEL OBEN), und meine Gesamteinschätzung bleibt. Begründet.
      Dass EA nur marginal was mit den Spielen zu tun hat, ist ne lustige Behauptung, aber nee, auf die Diskussion hatte ich bei istvan kantor schon kein Bock, hat sich nicht geändert.

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