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SV-Bildungswerk und BSK – damit komm‘ ich gar nicht klar

Wie im letzten Artikel bereits angekündigt, steht zum Thema Adultismus ein Artikel zur „Bioklippe“ aus. Wie ebenso angekündigt, tue ich mich mit der Formulierung meiner Gedanken dazu schwer. Aber ich werde versuchen, dies über ein Beispiel zu erklären – mal schauen ob’s funktioniert.

Meine politische Heimat ist die Schüler_innenvertretung (SV), genauer die LandesschülerInnenvertretung (damals nur GG, also Gymnasien und Gesamtschulen) Rheinland-Pfalz (LSV RlP). Die LSV RlP hatte zumindest damals den Anspruch (ich denke auch heute noch), die (einzig) demokratisch legitimierte Vertretung der Schüler_innen zu sein – oder am ehesten legitimierte, denn damals nur GG, heute sind die Grundschulen auch nicht dabei. Einzig legitim daher, da eben die meisten Schüler_innen nicht volljährig sind und damit an der Wahl keiner Regierung beteiligt sind – außer an den Wahlen der SVen. Unter anderem auf Grundlage dessen wurde das allgemeinpolitische Mandat beansprucht (das bis heute den Studierenden- und Schüler_innenvertretungen abgesprochen wird), also das Recht nicht nur in ausbildungsbezogenen Belangen Forderungen zu stellen. Ebenso gehörte zum politischen Repertoire der Selbstbestimmungs- statt Mitbestimmungsansatz, welcher zu meiner Zeit ebenso zu Konflikten führte.

Zu meiner Zeit gab’s das SV-Bildungswerk nicht und die BSK (Bundesschülerkonferenz) hatte sich gerade in Konkurrenz zur BSV (BundesschülerInnenvertretung) gegründet. Beide hielt und halte ich politisch für keine gute Idee. Das SV-Bildungswerk übernahm die Aufgabe der LSVen insofern, als dass dort Nicht-Schüler_innen Schüler_innen ausbilden, die dann Schüler_innen in SV-Arbeit ausbilden. Vorher bildeten schlicht (L)SVler_innen SVler_innen aus. Die Wissenstradierung lief nicht immer perfekt, im alten System, da natürlich die SV-Zeit wie die Schulzeit begrenzt ist und schneller Personalwechsel eben eine besondere Herausforderung auch in der Wissenstradierung ist. Das Problem löst das SV-Bildungswerk gewissermaßen, doch es nimmt im Gegenzug auch viel und zwar vor allem auf der Empowerment-Metaebene. Auch zu meiner Zeit wurden Externe – sprich Nicht-Schüler_innen – für ausgewählte Dinge beschäftigt, z.B. als Geschäftsführung oder als Referent_innen. Doch die Hierarchie ist in diesem Fall eine nicht unwesentlich andere: Schüler_innen bestimmten darüber, wer wofür für sie arbeitete. Das SV-Bildungswerk macht das Gegenteil, sie bestimmt welche Schüler_innen für sie arbeiten und das auch noch im ureigensten Feld der SVen, nämlich eben der SV-Arbeit.

Was die BSK betrifft möchte ich hier erstmal nicht viele Worte verlieren, vor allem da sie anscheinend zur Zeit zumindest inaktiv ist. Die BSK gründete sich wie gesagt in Konkurrenz zur BSV (BundesschülerInnenvertretung) und ging, naja, siegreicher hervor. Folgendes ist symptomatisch für die Selbstbestimmungs- oder Mitbestimmungsfrage. Auf wikipedia ist z.B. zu lesen: „Zudem postulierte die BSV über die Schul- und Bildungspolitik hinaus ein allgemeinpolitisches Mandat. Dies geht deutlich über den durch die Schulgesetzgebung der Länder vorgesehenen Auftrag der Landesschülervertretungen hinaus und wurde auch von einer reihe von Landesschülervertretungen kritisiert.“  Heißt: es gab LSVen, die sich an die Gesetzte hielten, die für sie geschaffen wurden und es gab LSVen die sich nicht daran hielten, weil ihre Beschlusslage vorsah, dass sie sich nicht daran halten sollen.

Anhand dieses Beispiel komme ich zur „Bioklippen“-Frage zurück. Ich bin nicht mehr Schülerin und ich bin nicht mehr Minderjährig. Meine Kritik an SV-Strukturen (im weitesten Sinn) ist insofern völlig irrelevant, als ich nicht zur Entscheidungsgruppe zählen sollte (ich kann zwar als volljährige deutsche Staatsbürgerin auf die deutschen Schulgesetze Einfluss nehmen, aber…) und damit meine oberste Priorität sein muss, die selbst geschaffenen Strukuren und damit einhergehenden Beschlusslagen ernst zu nehmen. Wenn SVen das SV-Bildungswerk beschäftigen, hab ich nicht zu meckern. Wenn die BSK beschließt, dass sie die Schulgesetze für relevant  für ihre eigene Beschlusslage definieren, hab ich nicht zu meckern. Im Gegenteil: Ich habe sie darin zu unterstützen, zumindest insofern, als dass ich ihnen die Kompetenz für diese Entscheidung nicht abspreche.

Gerade für Adultismus ist symptomatisch, dass Volljährige Minderjährigen die Entscheidungskompetenz absprechen und das vielfach begründen. Auch wenn meine Kritik darauf aufbaut, dass das SV-Bildungswerk und die BSK „internalisiert adultistisch“ ist, wird’s halt nicht besser, wenn ich dagegen meine adultistische Entscheidungskompetenz setze. Das Beste was ich tun kann, ist einfach mal die Klappe halten und die Entscheidungen „für voll nehmen“, denn nur so können Menschen die Erfahrung machen, dass sie ein Recht darauf haben, für „voll genommen zu werden“.

Allgemeiner: Mit kiturak habe ich vielfach diskutiert, inwiefern wir als Volljährige etwas zu Adultismus sagen dürfen. Hätte ich meinen letzten Artikel schreiben dürfen und Adultismus mal grad so runterdefinieren, ohne einen einzigen Link? Lehrt die Anti-ismen Schule nicht, dass Betroffenen zugehört werden soll? Lehrt die Ally-Schule nicht, sich andere Nicht-direkt-Betroffene vorzuknöpfen? Wie steht’s überhaupt mit Diskriminierungsformen von denen eine_r mal betroffen war und jetzt aber nicht mehr ist?

Letztere Frage ist besonders im Adultismus-Bereich relevant, denn wir waren alle mal Minderjährig. Nur jetzt bin ich es nicht mehr, ich bin über die Bioklippe gegangen. Ich werde jetzt für „voll genommen“ insofern ich jetzt „VOLLjährig“ bin. Meine Sprecherinnenposition verändert sich gewaltig, auch wenn ich von früher spreche. Ich werde zu einer „erwachsenen Beraterin“ und das ist reichlich igitt.

Also: Wie schlimm ist mein letzter Artikel? (und wie schlimm ist dieser?) Ich werde mit mir und der Welt einfach nicht einig.

(P.S.: Ja, die Überschrift ist absichtlich provokativ gewählt, in der Hoffnung darauf, dass Betroffene neugierig werden, da “Adultismus” anscheinend bisher nicht zog. Sorry.)

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5 Kommentare

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  1. 1
    kiturak

    Okayyyy … und das Problem hast Du jetzt gelöst, indem Du Dich zu Deinem eigenen SV-Bildungswerk machst? :p

    Jedenfalls danke für das Thema aufmachen – ich find’ es wie schon unter dem letzten Artikel gesagt, super schwierig, mit der eigenen Situation als gleichzeitig negativ Betroffene (weil Adultismus erfahren) und Nicht-Betroffene (weil erwachsen und privilegiert) umzugehen.
    Ich widersprech Dir da auch übrigens. Ich behaupte, “ehemalig” betroffen (und “jetzt nicht mehr”) ist völliger Bullshit. Meine Erfahrungen sind mein Leben sind ich, da ist kein “ehemalig”. Auf der anderen Seite hab ich halt Privileg und bin LOGISCHERWEISE nicht negativ betroffen. Ich sage also, beides gleichzeitig, und wir müssen uns da irgendwie durchwurschteln.

    Wie steht’s überhaupt mit Diskriminierungsformen von denen eine_r mal betroffen war und jetzt aber nicht mehr ist?

    … Ich frage mich, inwieweit das bei trans*-männlichen Erfahrungen ähnlich sein kann? Also z.B. Erfahrung mit Diskriminierung als “Frau” zu haben, ohne eine zu sein, und dann später nicht mehr?* “Neues” Privileg? Wie ist das? Die Frage steckt natürlich in der Motivation von allem Anti-*ismus, wenn ein Anspruch an “Betroffenheitspolitik” drinsteckt. Also: Was ist wirklich für die Zukunft gedacht, und was ist “ich bekämpfe, was mich kaputtmachen wollte, oder kaputtgemacht hat”? Ist das eine “besser”, irgendwie legitimierter als das Andere? Oder ist es einfach wichtig, mit beidem unterschiedlich umzugehen?

    *(Ich bezeichne mich schon als cisgender samt Privileg, üblicherweise, obwohl genderqueer. Aber bitte für mich die “Frau” steckenlassen, ernsthaft, außer ich hab’s Euch erlaubt. “Frau*” in Sexismuszusammenhängen ist ok. Pronomen: sie*, bis mir was Besseres einfällt. Bin da insgesamt noch überhaupt nicht durchgestiegen(RW).)

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    1. 1.1
      Stephanie

      kiturak »

      Okayyyy … und das Problem hast Du jetzt gelöst, indem Du Dich zu Deinem eigenen SV-Bildungswerk machst? :p

      Gelöst nicht, aber thematisiert?!? Also, klar, der Artikel wiederspricht sich selbst, absichtlich, eben damit mein Knoten im Hirn/das Problem/irgendwie sowas halt klarer wird.

      Ich widersprech Dir da auch übrigens. Ich behaupte, “ehemalig” betroffen (und “jetzt nicht mehr”) ist völliger Bullshit. Meine Erfahrungen sind mein Leben sind ich, da ist kein “ehemalig”. Auf der anderen Seite hab ich halt Privileg und bin LOGISCHERWEISE nicht negativ betroffen. Ich sage also, beides gleichzeitig, und wir müssen uns da irgendwie durchwurschteln.

      Ist dieses “ehemalig” nicht etwas anderes? Also insofern, dass Diskriminierungserfahrung Auswirkungen hat ist klar, die Auswirkung jedoch selbst vielleicht etwas anderes ist, als der “ursprüngliche” -ismus? Das die Auswirkung von Adultismus auf akut-Betroffene eben mit darauf aufbaut, dass Erwachsene es halt besser wissen, weil sie die Erfahrung “Kind” zu sein, ja schon durch haben? Ich frag mich halt, ob grad dieses Ding eben schon im Adultismus angelegt ist – anders als bei anderen -ismen? Das eben Trans* nicht im Sexismus mit angelegt ist (zumindest hierzulande)… Macht das einen Unterschied?

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      1. kiturak

        @Stephanie:

        Das die Auswirkung von Adultismus auf akut-Betroffene eben mit darauf aufbaut, dass Erwachsene es halt besser wissen, weil sie die Erfahrung “Kind” zu sein, ja schon durch haben? Ich frag mich halt, ob grad dieses Ding eben schon im Adultismus angelegt ist

        Unglaublich guter Punkt. Ändert nichts daran, dass wir alle Erwachsenen Privilegierte/ Täter_innen und AUCH gleichzeitig Betroffene sind – also hinter jeder erwachsenen Person, der_die adultistisch handelt, steckt ein ehemaliges Kind, der_die das halt damals als “gerecht”, “ist halt so” oder sonstwie reingedrückt bekommen hat.
        Ich find uns “von außen gesehen” lustig, wie wir uns mit unseren Privilegiert/ Marginalisiert/ negativ Betroffen-Kategorien abmühen, die bei Adultismus halt offensichtlich völlig verschoben sind und so nicht funktionieren (und eben doch wieder genau gleich). Ich lass hier halt genau wie Du auch bewusst die Widersprüche nebeneinander stehen.
        Aber KLAR ist Adultismus was anderes als Cissexismus. Hab das auch nie behauptet, dass die beiden gleich sind. Du hattest eben nur gefragt, wie das bei anderen Diskriminierungsformen ist.

        Jedenfalls, zur Verarbeitung eigener Erfahrungen: Ich finde, es macht einfach einen Unterschied, ob das Argument heißt: “ICH MUSSTE DAMALS (10 km barfuß zur Schule laufen), deshalb beschwer Dich nicht!” oder “Ich wär damals froh gewesen über Lakritz, also ISS DEIN LAKRITZ” oder “Ich wurde damals soundso schlimm behandelt, das darf nie wieder passieren!”
        Das letzte ist ne wichtige Ally-Position.
        Ich denk immer an manche Frauen, die schlimme sexistische Positionen vertreten – also internalisierter Sexismus, ICH HAB ES AUCH GESCHAFFT, also beschwert Euch nicht über sexistische Strukturen, etc. “Das muss man halt einfach abkönnen, wenn man in dem Bereich arbeitet”. Von Frauen* kommt da teilweise fiesere Scheiße als von Typen – die haben das nämlich oft garnicht nötig, sich über sowas Gedanken zu machen, die treiben sanft auf ihren Privilegien über das Ganze hinweg. Frauen* mussten da halt nen Umgang mit finden (also, so erklär ich mir das.) Die betrifft das halt auch direkt selbst, im Gegensatz zu Adultismus von Erwachsenen, deswegen wirkt sich das anders aus. Aber immer gibt’s diese internalisierte Seite davon.

        Anhang mit Triggerwarnung adultistische/sexistische Gewalt (edit: und rassistische Gewalt im verlinkten Artikel):
        Sady Doyle hatte auf Tiger Beatdown mal diesen Artikel zu Betty Draper aus Mad Men geschrieben, die mit dem Protagonisten verheiratet ist und mit “ihren” zwei Kindern zusammenlebt, die sie schrecklich behandelt:

        But in her mind, in terms of her subjective experience of her life, she’s never had power. It’s been implied, many and many a time, that Betty’s mother was also abusive — that Betty’s mother, basically, was Betty. Betty, unlike Sally, didn’t rebel; she didn’t have it in her, or didn’t have the support necessary to pull it off, or she just never knew that it was an option. Like a lot of abuse survivors, she keeps referring back to clearly terrible and scarring things that her mother said or did as if they were not only normal, but positive. She’s angry when Sally cuts her own hair because her mother used to threaten to cut her hair when she was bad; to everyone who hears this, it’s a story about having control over your own body, and the constant threat that someone else is going to take that control away from you in a way that you fear and hate. Betty thinks it’s a story about hair. This is the first truth of Betty Draper Francis: For her, there are no healthy relationships. There are abusers, and there are the abused.

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  2. 2
    Samia

    Wir hatten in meinen politischen Zusammenhängen damals fast nur Stress mit den Schüler_innenvertretungen. Die wollten immer zum Direktor, zu den Bullen und so, haben versucht, uns unsere Initiativen aus der Hand zu nehmen, uns zu sabotieren. Ich sehe nicht ein, mich aufgrund meiner Volljährigkeit auf einmal mit denen solidarisieren zu müssen, zumal das ja auch zwangsläufig eine Entsolidarisierung mit der heutigen revolutionären Jugend wäre. 

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    1. 2.1
      Stephanie

      Samia » Das Beispiel mit der SV zieht nur solange demokratische Entscheidungen für einen grundsätzlich gute Idee gehalten werden, heißt Du “musst” eine SV nur so ernst nehemen wie den_die Bürgermeister_in (oder das entsprechende Äquivalent). Worum’s mir halt geht – und das steckt in Deiner Schilderung find ich auch drin – ist inwiefern gerade bei Adultismus das “für voll nehmen” relevanter ist, als das “richtig”.

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