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Keine falsche Scham

Bild eingescannt aus “Vulva”. Foto einer Sheela-na-gig, Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an einer Kirche in England.

„(…) »Zwischen den Beinen«, da war etwas Widerliches, zu widerlich um es auch nur auszusprechen. Dann kam der Biologieunterricht. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hießen: Scham (aha!) – mit folgenden Schamteilen:  Schamhaar, Schamhügel, große Schamlippen, kleine Schamlippen. Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf. (…) Der nächste Lernschritt war, daß das Besitzen einer »Scham« fast automatisch die »Schande« nach sich zog.“ Luise F. Pusch „Scham und Schande“ in „Das Deutsche als Männersprache“, 1984.

Es gibt Gründe, warum ich als Feministin mit dem Begriff „Scham“ vorsichtig umgehe. Wie  Pusch es so schön auf den Punkt brachte: Für Frauen* fängt die Scham erst richtig an, wenn sie bei Männern* schon aufhört. (Hier geht’s zumindest auf einer Bedeutungsebene, anders als im Pusch-Zitat, tatsächlich um Gender und nicht um cissexistische Bio-Zuschreibungen.) Im Hexengeflüster 2 (1987) wird weiterhin notiert: „Uns fiel auf, daß das Wort Scham bei der Bezeichnung unserer Geschlechtsorgane ein Ausdruck ist, der zeigt, wie stark die weibliche Sexualität negiert und tabuisiert wird“. (S. 88) Mithu M. Sanyal argumentiert in ihrem Buch (2009) „Vulva.  Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ unter anderem, dass die Verbannung der Vulva aus dem Vokabular mit der Verdrängung der Frau aus Denken und Öffentlichkeit einherging.

Die Scham ist etwas, für dass sich geschämt werden soll und so ist das Schamgefühl insbesondere für Menschen mit Vulva eine sehr zwiespältige Geschichte, ist doch ihre Scham etwas, dessen sie sich nicht mehr schämen wollen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Scham – als Gefühl oder unpassender Ausdruck für die Vulva – von ihrer negativen Bedeutung befreit werden sollte. Sich für etwas zu schämen ist doch keine Schande und die Scham erst recht nicht. (Aber der Begriff „Schande“ geht aus vielen Gründen auch einfach nicht.)

Katrin Rönicke fühlt sich beschämt, nachdem sie Noah Sow Werk „Deutschland Schwarz Weiss“ gelesen hat. Das kann ich gut verstehen, ist doch die Erkenntnis von rassistischen Strukturen zu profitieren, keine, der eine_r sich rühmen möchte. Aber ist Scham etwas Schlimmes? Warum ist der Artikel mit der Forderung „Du sollst Deine Leser nicht beschämen“ überschrieben?  In einer Formulierung, die daraus quasi ein 11. Gebot macht (Bibel, Altes Testament).

Rönicke führt aus: „Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt.“ Ihr Schamgefühl wird also aus einem Unwohlsein geboren. Historisch sehr interessant, ist doch der Begriff Unwohlsein eine umständliche Bezeichnung für die Menstruation, welche nach Esther Fischer-Hombergers „Aus der Geschichte der Menstruation in ihrem Aspekt als Zeichen eines Fehlers“ (komplett online!) eben die Frau als Mangelwesen offenbart. Unwohlsein ist – falls es noch nicht klar ist – kein Grund für Scham.
Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten. Das ist jedoch mitnichten der Fall, sonst wäre dieses Kapitel der deutschen Geschichte schon abgeschlossen. Ist es schon beschämend, das so zu schreiben? Wäre das wirklich ein Problem? Fakten auf den Tisch zu legen kann beschämend sein, darauf zu verzichten, geht jedoch gar nicht.

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5 Kommentare

4 Pings

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  1. 1
    Nadia

    “Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten.” Made my Day.
    Sehr guter Text. Danke.

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  2. 2
    Jutta Piveckova

    Lass dich niemals eine Scham-Lose schimpfen habe ich vor einiger Zeit, in einem anderen Kontext geschrieben. Aber es stimmt auch hier.
    Wer hätte keinen Grund, sich zu schämen, aufrichtig zu schämen für so viel rassistisches Gedankengut und mehr noch Empfinden, das doch in jeder und jedem aus unserer Kultur drin ist, das kann doch keine/r leugnen, finde ich. Ich ertappe mich immer wieder dabei, neulich z.B. als ich über die Documenta und eine Installation von William Kentridge schrieb und bei der Beschreibung die Schwarzen markierte, den Weißen aber nicht. Es ist doch ganz ähnlich wie bei den Geschlechterzuschreibungen: Da sie unsere ganze Sozialisation geprägt haben, haben wir sie verinnerlicht. Gerade deshalb ist es ja so schwer, sie aufzudecken und (sich) zu ändern. Scham kann dabei ein gutes Korrektiv sein, finde ich. Weil Scham nicht nur intellektuell wirksam ist, sondern in den Körper hinein: rot werden, heiß werden. Da kann was weg glühen, was weg gehört. Eine Erinnerung sich einbrennen, die Wiederholungen unwahrscheinlicher macht. Hoffentlich.
    Also: Ein “Lob” der Scham (am richtigen Ort).
    http://gleisbauarbeiten.blogspot.de/2011/03/wort-schatz-ein-padagogisches-projekt-4.html

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  3. 3
    Anisah

    Scham an sich ist ja ein starker Marker, der sagt: was ich erlebe, passt nicht zu dem, was ich akzeptieren kann oder will. Ist also mithin eine deutliche Aufforderung, etwas zu ändern. An der Situation oder an meinen Erwartungen. So ist es eben auch mit meiner Intimzone (auch so ein Wort). Die möchte nicht an die Öffentlichkeit, das fände ich beschämend. So gesehen habe ich mit Scham-irgendwas als Wort erstmal kein wirkliches Problem. Mit Racial Profiling…nun ja, auch ich bin da nicht frei von Vorurteilen.

    [Freigeschaltet von Bäumchen]

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  4. 4
    Uli

    Hm, das ist das erste Mal, dass ich lese, wie Scham positiv wirken könnte. In aller Regel halte ich die Auslösung von Schamgefühl für verinnerlichte äußere Normen, weswegen es allgemein mein Ziel ist, nahezu völlig schamlos diesen gegenüber zu werden (bisherige Erfolgsbilanz: gemischt).
    Interessanter Ansatz und ich gebe zu, dass Scham über Fehler gemessen an meinen selbstgewählten Verhaltensmaßstäben durchaus eine positive Funktion erfüllt. Juttas etwas verschwurbelter Text bringt das schon ganz gut zum Ausdruck.

    @Stephanie: Toller Artikel, über diese Bezeichnungen hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. “Scham-” als Beschreibung für die Einzelteile des genitoanalen Bereichs zu wählen, halte ich ganz gemäß Deiner Argumentation über riesige Scheiße.

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  5. 5
    Musenrössle

    Scham ist ein sehr schwieriges Gefühl…

    Im Gegensatz zur Schuld, bei der man sich für ein VERHALTEN schuldig fühlt, ist es bei der Scham so, daß man sich nicht für etwas was man tut schämt sondern für etwas, was man IST.

    Es wird dabei also nicht einfach nur ein konkretes Fehlverhalten abgewertet sondern der Mensch als ganzes fühlt sich beschämt.

    Das ist ganz schlecht, wenn man sich für etwas schämt, das man sich nicht ausgesucht hat und das man auch nicht ändern kann, beispielsweise eben Frau sein oder eben eine dunkle Hautfarbe.

    Wenn man sich dagegen dafür schämt, daß man rassistische oder ähnliche unschöne, aber änderbare Ansichten oder Verhaltensweisen hat, dann kann Scham eine gute Motivation sein um daran etwas zu ändern…

    Vorausgesetzt man ist bereit sich diesem Gefühl zu stellen statt’s es abzuwehren.

    Und ich rede da durchaus aus eigener Erfahrung, auch ich bin nicht frei von Vorurteilen und werde es auch nie sein, auch wenn ich mich darum bemühe, einfach weil Menschsein ohne Vorurteile wohl nicht möglich ist…

    Aber man kann zumindest daran arbeiten, daß es weniger werden… so man denn bereit dazu ist sich zu fragen ob die Scham denn gerechtfertigt ist…

    So und jetzt gehe ich mich mal eine Runde für Frau Rönicke fremdschämen. ;-)

    [freigeschaltet von Bäumchen]

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