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Umgang mit Abwesenheit

In der Veranstaltungs-, Aktions- und Gruppenorganisation ist die Frage nach den Abwesenden ein leidiges Thema. Nicht weil die Frage schlimm ist, sondern weil die Antwort darauf spekulativ und jede Umgangsform mit den theoretischen Antworten zwar praktische Konsequenzen hat, aber nicht unbedingt eben die gewollten Auswirkungen.

Nehmen wir als Beispiel eine fiktive Gruppe zum Thema X. Die Zielgruppe ist also thematisch auf X beschränkt. In der Gruppenzusammensetzung finden sich nur Menschen ohne sichtbare Behinderung, nach Analyse stellt sich heraus, dass die Abwesenheit derjenigen nicht am Thema liegen kann. Es stellt sich heraus, dass der Gruppentreffpunkt kontraproduktiv für die Anwesenheit der in den Blick genommen Abwesenden ist – beispielsweise weil sich der Ort im fünften Stock ohne Aufzug befindet. Der Ort wird also zugunsten eines barrierefreieren Ort verändert. Die anvisierten Abwesenden bleiben abwesend. Die Analyse geht weiter und es stellt sich heraus, dass die Gruppenwerbung ausschließlich über barriereschrottige Wege erfolgt, z.B. nur über Flyer, die zwar auch online gestellt werden, jedoch als Bild. Die Gruppenwerbung wird entsprechend überarbeitet und die Abwesenden bleiben abwesend. Die Analyse geht weiter…

Ehrlich gesagt, läuft das immer so. Ich habe selten Fälle erlebt, in der es tatsächlich funktioniert. Meistens ist es schwierig, eine bestehende Gruppe inklusiver zu gestalten. Bei Gruppenneugründungen läuft’s nicht viel besser. Warum kann ich nicht so genau sagen, denn die Abwesenden sprechen selten. Deswegen bin ich für jede Kritik dankbar, denn wenn sich eine_r die Mühe macht, eine spezifische Gruppe zu kritisieren, hat die Gruppe eine erhebliche Chance, da sie nicht im luftleeren Raum rumanalysieren muss, sondern direkt auf etwas eingehen kann. Doch diese Dankbarkeit seitens Gruppen findet sich selten. Nicht nur deswegen ist schwer und erfahrungsgemäß demotivierend Kritik zu üben. Wie also kann ein kritikbegrüßender Raum geschaffen werden?

Negativbeispiele gibt’s viele, Antje Schrupp ist gerade auf einen aktuellen Fall eingegangen. Wie jedoch steht’s um die Projekte, die versuchen, kritikbegrüßend zu sein? Besonders schwierig ist dies nicht nur aufgrund von Abwehrreflexen, sondern auch bei die Vorerfahrung Kritikübender negativ sind. So ist es umso schwieriger, einen kritikbegrüßenden Raum zu schaffen, der gleichzeitig auch das „Nicht mehr sprechen wollen“ durch die Negativerfahrungen ausbügelt. Für dieses Ausbügeln gibt’s jedoch keinen heilversprechenden Weg, jedenfalls ist mir keiner bekannt.

Der kritikbegrüßende Raum kann vermutlich nicht perfekt sein und die Anspruchüberprüfung mangelt gerade an der fehlenden Perfektion. Wie kann ein Raum, der beispielweise mir nicht das Gefühl gibt, meine Kritik hören zu wollen, dafür von mir kritisiert werden? Eher gar nicht, doch wie soll dieser dann besser werden? Dieses Problem taucht zudem immer akut auf, heißt, eigentlich gibt’s was Kritikwürdiges, nur kann die Kritik nicht ohne Kritik am Umgang mit der Kritik geäußert werden…

Ein Indikator für eine derartige Situation ist Schweigen oder eben Abwesenheit. Wenn ich Stimmen nicht höre, gibt’s dafür eventuell einen Grund und dieser Grund könnte von meiner Seite ungewollt sein. Doch ob dem so ist oder nicht, kann eigentlich nur durch Versuch-und-Irrtum geklärt werden. Heißt: Thematisieren, an eventuellen Barrieren arbeiten oder eben vorrauseilenden Terror machen. Kein Weg ist unbestritten gut, kein Weg führt zwangsläufig ans Ziel.

Ein Beispiel dafür findet sich rund um die Diskussion der MM-Geburtstagsparty. accalmie, Sabine und Nadia haben einen Artikel geschrieben, der u.a. besagt, dass „vorrauseilenden Terror“ machen in Kommentardiskussion, in denen scheinbar Menschen nicht sprechen bzw. abwesend sind, für Allys von PoC kein guter Weg ist (so hab ich‘s verstanden, aber ich kann mich irren), also in ihren Worten: “Wir müssen nicht von Euch gerettet werden“. In ihrem Artikel wiederum thematisieren sie, dass nicht able-bodied Menschen sich nur wenig von der MM-Party angesprochen fühlen, also großteils „abwesend“ waren. Dieses Thematisieren kritisiert Rike wiederum als übergriffig. Es finden sich also zwei Fälle vom Umgang mit Abwesenheit, die beide (berechtigt) kritisiert wurden.

Ich würde gerne darüber reden, wie mit Abwesenheit irgendwie produktiv umgegangen werden kann oder ob das gar nicht sein soll? Ich weiß, dass ich gerne meine Wünsche zum Umgang mit meiner Abwesenheit auf andere übertrage, aber das kann auch nicht der Weg sein? Wie geht ihr mit Abwesenheit anderer und eigener Abwesenheit um? Sehe ich das alles falsch? Was soll/kann takeover.beta anders machen? Gibt’s weitere Positiv-/Negativ-Beispiele? Ähm, so viele Fragen…

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/10/umgang-mit-abwesenheit/

10 Kommentare

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  1. 1
    kiturak

    Hah, also Verschiedenes:

    - praktischer Tipp, zuerst so in dieser Form gehört von Ceren Türkmen auf die ewige Frage nach “was mach ich, wenn xy nicht zu meinen Veranstaltungen kommeeeeen?”: GEHT ZU DEN LEUTEN HIN. FRAGT sie nach ihren Kämpfen. Findet raus, ob ihr was gemeinsam machen wollt. Nee, echt. Diese Einladepraxis weißer Frauen hat soweit ich mich erinnern kann schon bell hooks kritisiert und vor und nach ihr x andere mehrfachdiskriminierte Leute – genauso, wie (auch weiße) Feministinnen* das bei Typen kritisieren. So läuft et nich.

    - “Abwesenheit” ist ja in ner Kommentarspalte was ganz anderes als in ner Orgagruppe, die sich in nem Raum mit vier Wänden außenrum trifft, wo garantiert keine anderen Leute sind – und es deshalb ziemlich einfach festzustellen ist, wer grad da ist und wer nicht. In einer Kommentarspalte IM INTERNET Abwesenheit von Menschen anzunehmen ist schlicht erasure, Ausschluss, Unsichtbarmachen. Im Zweifelsfall lesen immer alle mit – auch wenn vielleicht die Kommentare irgendwie undivers daherkommen. Klar gibt’s unterschiedliche Leser_innenschaften bei unterschiedlichen Seiten. Trotzdem.

    - Ich find’s wichtig, “für andere sprechen” bzw. Stellvertreter_innenbla abzugrenzen von Unterstützung und eigenverantwortlichem Engagement gegen *ismus, von dem Leute nicht negativ betroffen sind. Hab bestimmt nicht den Katalog Der Definierenden Eigenschaften, der den Unterschied festmacht, und find’s oft unglaublich schwer, das abzugrenzen, und hab’s bestimmt auch schon verbockt. (Fänd ich ein gutes Projekt, mal so Annäherungen zu finden.) Aber ohne selbst denkende und fühlende Allies wird die Sache nix.

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    1. 1.1
      Stephanie

      kiturak »
      zum ersten “-”: Haben nicht alle Gruppen dieses Problem? Also läuft’s darauf hinaus, dass wir uns alle nur noch gegenseitig besuchen? Oder würde gerade die Besucherei dazu führen, dass sich neue Synergien finden?

      zum zweiten “-”: Ja! Dennoch gibt’s eben die Abwesenheit in den Kommentaren. Wie damit umgehen?

      zum dritten “-”: Ich hätt’ gern den Katalog ;-) . Wie können wir daran arbeiten?

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      1. kiturak

        Stephanie »

        Also läuft’s darauf hinaus, dass wir uns alle nur noch gegenseitig besuchen?

        Was für eine grauenvolle Vorstellung! ;)

        Oder würde gerade die Besucherei dazu führen, dass sich neue Synergien finden?

        “Synergien” – ?, äh: Ja, so, “cool, wir haben ein gemeinsames Interesse. Lasst was zusammen organisieren!” Vielleicht auch gleich ne gemeinsame Gruppe auf längere Zeit. Was weiß ich. “Nur noch besuchen” – keine Ahnung, wo da das “nur noch” herkommt. Aber “alle gegenseitig besuchen”: Ja, das wäre so die Vorstellung.

        Dennoch gibt’s eben die Abwesenheit in den Kommentaren.

        Na, eben nicht. Niemals. Ich nehm’ an, Du meinst, wenn Leute lesen, aber nicht schreiben?
        Das ist halt was anderes. Jedenfalls keine Abwesenheit.

        Ich hätt’ gern den Katalog ;-) . Wie können wir daran arbeiten?

        Njaaa, also die ganze Sache klingt ja bei Dir immer wieder so, als müsse mensch da komplett im Unbekannten herumtasten. Das stimmt ja meistens einfach nicht. Ich wusste als weißes Kind sehr genau, dass das N-Wort rassistisch ist, da musste ich nicht rumlaufen und jede rassistisch diskriminierte Person einzeln fragen. Und auch nicht warten, bis es eine Person of Color mir noch mal ganz persönlich sagt. Und ich habe auch nicht, wenn ich es gehört habe, die nächste PoC angesprochen, die dann Für Sich Selbst Sprechen und der rassistischen weißen Person Bescheid sagen kann*. Das kann’s nun echt nicht sein, und ich glaube auch wirklich nicht, dass es irgendwem gerade darum geht. Genauso wissen nervige Typen, dass Witze über V*rg*w*lt*g*ng (also, die “falsche” Sorte, aber das ist es bei denen ja immer) scheiße und verletzend sind. Ich bin dankbar, wenn ich nicht die*jenige bin, die* Was Sagen muss, sondern ein anwesender Typ das Rückgrat hat, sein Maul aufzukriegen und zu widersprechen. Gerne auch unhöflich. ;)
        Wenn der mich dann wiederum selbst nicht mehr zu Wort kommen lässt und zu vergessen scheint, dass ich da bin – das ist einfach eine völlig andere Sache.
        Und das geht mir genauso bei Cissexismus. Genauso bei Monosexismus. Genauso bei Ableismus. Monogamismus. Zuwenig-Geld-haben. Nicht-aus-Berlin-Sein. Bei allem, wovon ich betroffen bin. Ich bin dankbar für freundliche, pampige, nüchterne, wütende, … Leute, privilegiert oder nicht, die was sagen, die mir das Gefühl geben, nicht allein zu sein, Rückendeckung zu haben, respektiert zu werden. Du hast ja beschrieben, wie es nicht grad die Große Denkleistung erfordert, auf Barrieren wie xter Stock ohne Aufzug zu kommen. Sprich, was Menschen (mit Privileg) völlig selbst und ohne Diskriminierte Erklären Euch Die Welt-Leistung versuchen können und sollten hinzukriegen: Daran arbeiten, Menschen wie Menschen zu behandeln, mit Respekt, unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Interessen, so. Dass es ein Umfeld gibt ohne den bekannten entwürdigenden Mist.
        Das wäre halt schon der erste Schritt – also noch vor der Besuchstour, an sich.
        Wenn alles nix hilft, kein gemeinsames Interesse, Schweigen von manchen in der gemeinsamen Runde (z.B. Kommentarspalte), naja, ist es halt nix geworden. Da hilft weder aufdringliches Rumstochern in der fehlenden Motivation der anwesenden, aber sich nicht beteiligenden Leute, noch sexistisch-Diskriminierte-zur-Kandidatur-Drängen-Weil-Quote. Wenn Leute nicht längst klargemacht haben, was das Problem ist, und wieder mal nicht zugehört wurde, was ja meistens viel eher der Fall ist. Klar kann man im Verhalten der beteiligten Leute rumstochern, auch dem eigenen, und eben nach den Üblichen Bekannten in Scheißverhalten, Uninteressanten Themen, Barrieren im weitesten Sinn … etc. suchen. Aber manchmal hilfts vielleicht auch nur, die gesamte Sache neu aufzurollen (RW) und suchen, wo da ganz grundsätzlich was schief läuft. Oder halt vorerst akzeptieren und wenn gewünscht dran rumarbeiten (also, siehe oben), aber halt mit dem Bewusstsein, dass es momentan ausschließend ist.

        *edit: Das sollte nun nicht das Märchen sein von Jung-kiturak, dem Nicht Rassistischen weißen Kind(tm). Ich meine nur, das mit dem N-Wort wusste ich eben.

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  2. 2
    Rike

    Nur zur Klarstellung: Ich finde es wichtig und begrüße es, wenn die Abwesenheit von Menschen mit Behinderung bei einer bestimmten Veranstaltung registriert und zum Anlass genommen wird, sich Gedanken über die Gründe dafür zu machen. Kritikwürdig finde ich es aber, wenn dann im selben Schritt Unterstellungen über die Beweggründe dieser Menschen ausgebreitet werden (nämlich dass die sich “nicht angesprochen gefühlt” hätten). Da hilft auch der Disclaimer am Anfang nicht, nur für sich zu sprechen.

    [freigeschaltet von Samia]

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    1. 2.1
      Stephanie

      Richtig, da steckt ja schon ein Beweggründe drin! Ich hätte bis zu Deiner Erläuterung angenommen, dass das halt so notwendig sein müsste. Aber ja, du hast Recht, ist’s nicht. Ich muss jedoch zugeben, dass mir außer “Zufall” kein weiterer Grund einfällt. Ich denk mal weiter drüber nach.

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  3. 3
    Rike

    Genau genommen handelt es sich um eine Unterstellung über das potenzielle und aktuelle Verhältnis von Veranstaltungsorganisation und Abwesenden.

    Wenn ich eine Fortbildungsveranstaltung für Hebammen organisiere, und es kommen keine Maschinenschlosser, dann klingt es komisch zu sagen, die Maschinenschlosser hätten sich “nicht angesprochen gefühlt”. Die waren schlicht nicht angesprochen, weil die Veranstaltung nicht für sie gedacht war, punkt.

    Mit dieser Formulierung wird vielmehr suggeriert, eine Veranstaltung wie der MM-Geburtstag müsste “eigentlich” für (eine bedeutende Zahl von) Menschen mit Behinderung relevant sein, und es sei ein Versäumnis der Veranstaltungsmacherinnen, ihre Botschaft Menschen mit Behinderung nicht deutlich genug vermittelt zu haben bzw. Menschen mit Behinderung vom Besuch der Veranstaltung sogar abgeschreckt zu haben. Damit wird auch eine Aussage darüber getroffen, wofür sich Menschen mit Behinderung interessieren oder interessieren sollten und wodurch sich Menschen mit Behinderung einschüchtern lassen.

    [freigeschaltet von kiturak]

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    1. 3.1
      Stephanie

      Rike » Plädierst Du dafür immer nur die Abwesenheit festzustellen? Wie verhält sich das insgesamt zum kritikpositivem Raum? Ich seh die krasse Bervormundungstendenz auch, nur ist auch die Abwesenheit vermutlich nicht aus dem luftleeren, geschichtslosen Raum entstanden… Oder hab ich einen Drehwurm im Kopf? Also wie mit Beweggründen umgehen, die eine Nicht-Äußerung bedingen?

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      1. Rike

        Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, wenn Mutmaßungen über die Abwesenheitsgründe angestellt werden, die dann aber als Mutmaßungen gekennzeichnet werden sollten.

        Im Übrigen muss mensch vielleicht damit leben, dass Kritik, die über die rein indivuelle Perspektive hinausgeht, letztlich nicht geübt werden kann, ohne eigene Eindrücke zu verallgemeinern oder Mutmaßungen über die Eindrücke anderer anzustellen. Gegen den Paternalismus-Vorwurf ist eine solche Kritik natürlich nicht immun, aber der/die Vorwerfende sollte sich dann auch die Frage gefallen lassen, ob Schweigen (und auf die unmittelbar Betroffenen Hoffen) immer die bessere Idee ist.

        Von daher war die Stoßrichtung meines Kommentars zu dem anderen Blogtext eigentlich in erster Linie, auf gewisse Selbstwidersprüche der Autorinnen hinzuweisen. Nur zusätzlich wollte ich auf eine Vereinnahmung Abwesender hinweisen, die ich als solche – wenn sie offen gelegt würde und offen für Korrekturen bliebe – letztlich nicht beanstanden würde.

        [freigeschaltet von Stephanie]

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        1. Stephanie

          Rike »

          Von daher war die Stoßrichtung meines Kommentars zu dem anderen Blogtext eigentlich in erster Linie, auf gewisse Selbstwidersprüche der Autorinnen hinzuweisen.

          U.a. deswegen war ich so geflasht von Deinem Kommentar! Also, weil ich finde, die krassen Probleme gibt’s erst, wenn irgendwie mit Abwesenheit/angenommener Abwesenheit umgegangen wird. Aber ich hätte das ohne Deinen Kommentar auf shehadistan nicht greifen können. Deine weiteren Erläuterungen hier find ich total gut, weil – naja, ich z.B. halt so eingefahren auf Erklärungsmuster bin, dass ich’s gar nicht mehr mitkriege, wenn’s eben nur Mutmaßungen sind. Hättest Du Lust dazu mal einen Artikel zu schreiben? Dieses “fühlten sich nicht angesprochen” ist echt weit verbreitet als “Nicht-Mutmaßung” für Abwesenheitsgründe, dass zumindest ich es ganz toll fände, dazu einen Grundsatztext lesen und verlinken zu können. Oder gibt’s das schon und ich hab’s einfach nicht mitgekriegt?

          Gegen den Paternalismus-Vorwurf ist eine solche Kritik natürlich nicht immun, aber der/die Vorwerfende sollte sich dann auch die Frage gefallen lassen, ob Schweigen (und auf die unmittelbar Betroffenen Hoffen) immer die bessere Idee ist.

          Bin nicht sicher, ob ich Dich richtig verstehe. Meinst Du, es geht in der Erörterung der Abwesenheitsfrage mit den Problematiken schlicht bewusst umzugehen, da sich Paternalismus etc. nur bedingt verhindern lassen?

          Nachdem ich Deine Kommentare von gestern nochmal gelesen haben, würde ich gerne nochmal auf eine andere Geschichte genauer eingehen:

          Mit dieser Formulierung wird vielmehr suggeriert, eine Veranstaltung wie der MM-Geburtstag müsste “eigentlich” für (eine bedeutende Zahl von) Menschen mit Behinderung relevant sein, und es sei ein Versäumnis der Veranstaltungsmacherinnen, ihre Botschaft Menschen mit Behinderung nicht deutlich genug vermittelt zu haben bzw. Menschen mit Behinderung vom Besuch der Veranstaltung sogar abgeschreckt zu haben. Damit wird auch eine Aussage darüber getroffen, wofür sich Menschen mit Behinderung interessieren oder interessieren sollten und wodurch sich Menschen mit Behinderung einschüchtern lassen.

          Ich hatte das immer andersrum verstanden. Also, Veranstaltungen, die sich halt nicht explizit an bestimmte Menschen richten (wie z.B. Hebammen), müssen sich halt fragen, warum welche Menschen kommen und andere nicht. Also warum zu Nicht-Fachtagung eben nicht sowohl Hebammen als auch Maschinenschlosser_innen kommen. Bei thematischen Veranstaltungen, die halt nicht nur für bestimmte Zielgruupen relevant ist (z.B. eine Veranstaltung die “deutsch ist nicht nur weiß” heißt, ist offensichtlich für Weiße), muss das Interesse auf alle Menschen gleichermaßen verteilt quasi vorrausgesetzt werden. Warum’s dann nicht so ist, ist die Frage nach der Abwesenheit. Sonst müsste die Frage nach der Abwesenheit gar nicht gestellt werden, oder?

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  4. 4
    Rike

    Genau, wenn mensch überhaupt über mehr als die eigenen Eindrücke spricht, kann immer die Frage gestellt werden, wie mensch eigtl dazu kommt und ob dadurch nicht andere Perspektiven marginalisiert werden. Die Frage ist auch berechtigt, aber es kann nicht die einzig richtige Antwort darauf sein, sich auf eine Schilderung der eigenen Eindrücke zurückzuziehen.

    Die default-Annahme, alle gesellschaftlich konstruierten Menschengruppen seien an einer Veranstaltung, die sich nicht eindeutig an bestimmte Gruppen richtet, gleichermaßen interessiert, ist als deskriptive Annahme offenkundig fast immer falsch. Gesellschaftliche Eingruppierungen beeinflussen die kulturellen, sozialen usw. Präferenzen der Eingruppierten. Darum interessieren die sich typischerweise für unterschiedliche Dinge. Dass es Ausnahmen gibt, liegt auf der Hand, ändert aber nichts daran, dass das Interesse i.d.R. auf unterschiedliche Gruppen unterschiedlich verteilt sein wird.

    Wird diese default-Annahme normativ gewendet (also: eine solche Veranstaltung muss prinzipiell so gestaltet werden, dass sich alle dafür interessieren), halte ich sie für problematisch, weil so viele Veranstaltungsthemen ohne Grund anrüchig werden. Eine ganz andere Frage ist, ob eine Veranstaltung zu einem bestimmten Thema – für das sich typischerweise die Angehörigen bestimmter Gruppen mehr interessieren als andere – so gestaltet wird, dass auch die Angehörigen anderer Gruppen ohne Furcht vor Diskriminierung teilnehmen könne, wenn sie eben wollen. Dies ist die Frage, ob die Veranstalterinnen sich bemühen sollten, einen safe space zu schaffen. Diese Frage ist aus meiner Sicht erst einmal zu bejahen, egal ob es um den MM-Geburtstag oder ein Fußball-public viewing geht. Trotzdem werden bestimmte Gruppen wegen typischer Präferenzordnungen der Gruppenangehörigen bei solchen Veranstaltungen unterrepräsentiert sein. Das ist dann aber für sich genommen auch nicht schlimm.

    Wenn “nicht angesprochen fühlen” einfach nur bedeutet, dass eine deskriptive Annahme gleichen Interesses im Hinblick auf eine konkrete Veranstaltung halt nicht zutrifft, ist das keine problematische Formulierung. Dann beinhaltet “nicht angesprochen fühlen” allerdngs auch keine Wertung, sondern stellt nur Abwesenheit fest.

    Ich lese diese Formulierung aber anders, nämlich so, dass damit Kritik an den Veranstaltungsmacherinnen geübt werden soll. Diese Kritik müsste konkretisiert werden: Wenn sie im Sinne der o.a. normativen Formulierung gemeint ist, halte ich sie aus den oben genannten Gründen für problematisch. Wenn die Kritik so gemeint ist, dass bestimmte Gruppen weitgehend abwesend waren, weil für sie kein safe space geboten wurde, sollte jemand, der diesen Gruppen nicht angehört, meines Erachtens offenlegen, dass es sich um eine Mutmaßung handelt.

    [freigeschaltet von Stephanie]

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