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Leben mit Depressionen

Nachtrag: Auch wenn der Artikel von der Form her sehr allgemein geschrieben ist, ist er nur Ausdruck meiner Erfahrung. Depressionen fühlen sich nicht genau so für jede*n an. Sie wirken sich auch nicht genau so für jede*n aus. Ich beschreibe also nicht Depression schlechthin, sondern nur das, was meiner Erfahrung entspricht. Andere Personen haben eigene Erfahrungen gemacht.

Inhaltswarnung: Erwähnung von Suizid, jedoch keine dahingehenden Gedanken

Depressiv zu sein bedeutet Stille. Es fällt schwer Menschen davon zu erzählen und dann kann man nicht einmal etwas vorweisen. Und so “richtig” depressiv ist man ja auch nicht, denn man hat noch nicht mal einen Selbstmordversuch unternommen. Es gibt dafür auch keine Hilfe an der Universität. Deine Studienzeit ist halt auf so und so viel Semester festgelegt. Niemand plant, da irgendwie mit deinen Gefühlen klarzukommen. Es gibt halt das Arbeitspensum und wie das erfüllt wird? Interessiert keine_n. Es gibt keine Anpassungen dafür. Keine besonderen Plätze, an denen man sich hinsetzen und ausruhen kann. Keine Alltagshilfe, falls man die grundlegenden Sachen nicht auf die Reihe kriegt. Essen und Essen kaufen zum Beispiel. Wenn du nicht ständig erklärst, wie schlecht es dir geht, wird es völlig übersehen. Aber selbst dann, wie erklärst du Menschen, dass du nicht meinst, dass du einen schlechten Tag hast? Dass du heute nicht “faul” bist, sondern dass dir die Müdigkeit in den Knochen sitzt, dass aufstehen eine unüberwindbare Hürde ist, dass – du – nicht – kannst. Jede Handlung ist zu viel. Und dennoch schleppt man sich durch den Alltag, wenn man keine andere Möglichkeit sieht, weil muss ja. Und wieder ist man in die Falle gegangen und erweckt den Anschein, als ginge es ja. Während man sich selbst weiter ausbeutet.
Freund_innen sind traurig. Sie wundern sich, warum du so wenig Zeit mit ihnen verbringst. Du brauchst Wochen und Monate, um ihnen zu antworten. Anscheinend magst du sie nicht? Sonst würdest du dir ja die Mühe machen ihnen zu schreiben? Dass du heute mit duschen, essen, Uni, Arbeit, nach Hause kommen alle vorhandene Energie aufgebraucht hast, dass das über Tage und Wochen gehen kann. Schwer vorstellbar. Und sie können es dir nicht ansehen. Du leitest nicht jedes Gespräch ein mit “Und übrigens, heute bin ich depressiv.” Und auch, wenn du es ihnen erklärst, können sie nicht abschätzen, wie lange du denn depressiv sein wirst. Und was heißt das überhaupt. Und zwischendurch haben wir uns doch getroffen, hättest du da nicht auch mal selbst ein Treffen anschubsen können? Es ist ihnen nicht nachvollziehbar, wie weit du schon wieder über deine Kraftreserven gegangen bist. Nicht fähig irgendwas zu tun, außer noch dein Essen zu machen, danach 2 Tage vor dem Computer gesessen hast. Was dir auch keine Linderung verschafft hat.
Der Kampf ist unsichtbar. Wie viel Überwindung am Morgen drin gesteckt hat, nicht einfach dazusitzen und vor dich hinzustarren. Aufstehen. Überwindung. Essen zubereiten. Überwindung. Zwischendurch nicht hinsetzen. Überwindung. Essen. Wenn’s scheiße läuft: Überwindung. Duschen gehen: Überwindung. Nicht wieder hinlegen. Überwindung. Sachen zum Anziehen raussuchen. Ach fuck, Entscheidungen treffen. Furchtbar. Anstrengend. Nicht sitzen bleiben, anziehen. Überwindung. Usw.
Das Gemeinste an der ganzen Sache: irgendwie willst du selbst klarkommen. Du willst nicht als Versager_in dastehen und nach außen organisiert und beisammen wirken. Bei einigen klappt das sehr gut. Bis es nicht mehr klappt. Der Preis ist die ständige Erschöpfung.
Um deine Fassade aufrecht zu erhalten, quälst du dich weiter. Der einzige Weg, der nicht in Frage kommt: einfach. nichts. tun.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/11/leben-mit-depressionen/

9 Kommentare

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  1. 1
    Poogle

    Danke, liebe_r Autor_in.

    Habe schon viele Texte zu Depressionen gelesen (es scheint in queer-feministischen Räumen keine_r davon verschont zu bleiben) – doch keiner hat meine Situation so auf den Kopf getroffen.
    Gerade die student*ische Perspektive, das ständig begleitende Selbstvorwurf (und teils Fremdvorwurf) einfach nur faul zu sein, sich einfach mal zusammenreißen und anstrengen zu müssen. Weil pers ja nicht richtig krank ist, sonst könnte pers ja auch das halbwegs aufrechterhaltene (Über)Leben nicht bewerkstelligen.
    Kein Kind das pers vorzeigen kann um die Studienverzögerung glaubhaft zu machen, keine Krankenhausaufenthalte um verspätete Hausarbeiten rechtfertigen zu können – und das mitten in neoliberalen Gefielden der Uni. 24/7 sollte pers lernen, sich spezialisieren und engagieren um gute_r Student_in zu sein und den Wettkampf gegen die Komiliton_innen zu gewinnen. Zusätzlicher Stress der eine_n begleitet, wenn die Kraft kaum für die Mindestanforderungen des Studienalltags reicht.

    Es tut gut zu wissen, dass auch andere die ähnliche Erfahrungen machen wie ich – jenseits von Bilderbuchdepressionen.

    [freigeschaltet von Samia]

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  2. 2
    liva2lox

    [Anmerkung kiturak an liva2lox und alle: Bitte macht keine “allgemeingültigen” Aussagen über Depressionen. Alles in der Richtung “Bei Depressionen ist es so, dass …”, “Depressionen sind …”, “Bei Depressionen hilft …” ist von vornherein falsch und möglicherweise für andere schlimm zu lesen. Depressionen sind völlig unterschiedlich. Falls *Euch* etwas besonders hilft, *für Euch* etwas besonders schlimm ist, … ist das etwas ganz anderes. Vermutlich freuen sich auch viele andere Leute mit Depressionen, davon zu hören.]

    Ja, das ist ein Kampf, den niemand verstehen kann. Aber den man trotzdem nicht alleine kämpfen muss.
    Und, nebenbei, wenn die körperliche Antriebslosigkeit und Zerschlagenheit stark ausgeprägt ist, dann können Antidepressiva wirklich helfen. Die machen das Leben nicht bunter. Aber das aufstehen und selbst etwas tun, was vielleicht hilft, wird einfacher.
    Ich will nicht übrgriffig sein mit Ratschlägen. Ich wünsch’ Dir viel Kraft! Und, dich nicht selbst zu hassen dafür, dass du es vielleicht nicht so hinkriegst wie du vielleicht denkst, dass es sein müsste. Ich denke, es ist nicht der Weg, den depressiven Zustand “zu verstehen”. Sondern ihn als etwas zu begreifen, was nicht so ist, wie es sein sollte. Indem man selbst nicht das ist, was man ist. Genau so, wie der Körper sich mit einer Grippe nicht anfühlt, wie er sich anfühlen sollte. Das depressiver ich ist nicht das eigentlich ich. Es ist getrübt. Nur, dass die Grippe von alleine vorbei geht. Tut eine Depression vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber man muss sie nicht einfach aushalten, es gibt Behandlung.

    [freigeschaltet von Samia]

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  3. 3
    Wuschel

    Als ginge es da um mich.

    [freigeschaltet von Samia]

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  4. 4
    takeover.beta

    Danke für eure lieben Rückmeldungen. Ich muss sagen, ich hab’ das mit den Depressionen “eigentlich” schon einigermaßen im Griff. Ich mach seit ‘nem dreiviertel Jahr Therapie und finde das auch hilfreich. Mir geht’s sogar schon recht oft ziemlich gut (wenn ich’s mit früher vergleiche). Aber die Episoden kommen halt doch und jetzt weiß ich gar nicht so recht woher, aber wahrscheinlich hab ich mich einfach mal wieder auf irgend ‘ne Art überfordert.

    Weil’s eben so weit verbreitet ist, wollte ich mal was dazu schreiben.

    Re: antiprodukt auf Twitter. Mir ist bewusst, dass überhaupt studieren zu können, ein Zeichen meiner Privilegien ist¹. Das ist nicht wegzureden. Falls ich da durchkomme, habe ich nun einmal bessere Aussichten. Bzw. schon die Tatsache, dass ich mich am Studium versuchen kann, ist eben eine Folge meiner Privilegien¹.
    Zum Studium nicht verschieben können: Ich muss ehrlich sagen, für den Artikel find ich es relativ egal, wie real das ist. Es ist das Gefühl nicht ‘raus zu können, was mich fertig macht. Eine Sache von Depressionen an sich ist ja, dass man sich in Mustern gefangen fühlt, fremdbestimmt. Ich denke, das es oftmals von außen betrachtet einen Ausweg gebe, aber dazu erst mal einen emotionalen Zugang zu finden, dass man wirklich nicht draufgehen würde, wenn man sich mehr Zeit nimmt, das ist schwer.
    Wenn du’s genau wissen willst: ich bezieh Bafög. Der wird halt gezahlt, so lange die Regelstudienzeit nicht abgelaufen ist. Ich könnte arbeiten gehen, aber das ist natürlich keine geringere Belastung. Ich kann nicht zu meiner Familie zurück ziehen. Bzw. will ich nicht, weil die zum guten Teil der Grund ist, warum ich abgefuckt bin. Und ich studiere ein Fach mit einem enormen Arbeitsaufwand. Ja, mit Bafög bin ich auch wiederum bevorteilt. Mein Privileg macht mir diese schwere Situation leichter, aber meine Depression macht es deswegen noch lange nicht leicht.

    1 Für Korrektheit geändert

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  5. 5
    Wintermute

    wegen bafög: mein mitbewohner hat durch seine therapeutin 2 semester verlängerung gekriegt

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  6. 6
    Wuschel

    Funktioniert aber nur, wenn man nicht länger als ein Jahr überziehen sollte und die Herrschaften vom Bafög-Amt nicht auch noch auf die Idee kommen, zu verlangen, dass man sich als Behinderter einstufen lässt. Das habe ich nämlich durch.

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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  7. 7
    Hans

    Was passiert, wenn man sich als Behinderter einstufen lässt. Was sind die negativen Folgen?

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

    Hinweis: Nach einer etwaigen Antwort bitte wieder mehr Richtung Thema wenden. Zweisatz

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  8. 8
    Distelfliege

    Danke für den Text. Ich habe zwar keine Depression, bzw. hatte eine, inzwischen gehts mir wieder gut – aber gerade ist es schon eine Gratwanderung, bzw. fordere ich meine Gesundheit grade wieder ganz schön heraus. Auf jeden Fall gibt mir der Text die Anregung, für mich selbst was zu tun, mich mehr zu pflegen und mir was Gutes zu tun! Denn die Luft wird sonst echt schon dünn!
    Ich habe dazu auch bischen gebloggt.. http://distels.wordpress.com/2012/11/30/art-journaling-doodlefonts-und-klebstoff-und-herbstdepro/

    [freigeschaltet von Samia]

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  9. 9
    Mensch

    Danke für diesen Text. Vielen, vielen Dank!

    [Freigeschaltet von Bäumchen]

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