«

»

Atheistin oder was.

Irgendwann die letzten Monate, im regen Austausch mit Menschen, die ähnlichen religiösen Missbrauch erlebt haben, fiel von einer Seite der Gedanke:
Gut, dass ich jetzt in einer anderen Welt lebe. Gut, dass ich nicht mehr glaube, was ihr glaubt.

Ich blieb an dieser Aussage hängen, ließ sie mir immer wieder durch den Kopf gehen. Geht es mir denn so? Kann ich sagen: Ich bin Atheistin? Will ich das sagen? Wieviel Überrest ist da noch in mir? Sage ich zu all dem, was in mich hineingeschrieben wurde: Nein – ? Wieviel möchte ich noch glauben. Inwieweit verletze ich mich erneut, wenn ich mich darauf einlasse. Triggert mich nicht schon der Gedanke an einen allmächtigen Gott?

Mir ist klar geworden, dass das Wort Atheistin für mich nicht passt. Es ergreift nicht ganz, wie sehr das Erbe, das mir diese Zeit in der Gemeinde hinterlassen hat, mich noch beschäftigt. Wie dessen Symbolik immer noch Handwerkzeug für mich darstellt, mit dem ich arbeite. Ich brauche ein Wort, das damit arbeitet, dass es diese Vergangenheit gibt. Post-christlich vielleicht? Post-gläubig?

Es funktioniert nicht für mich, den Glauben zur Seite zu schieben. Obwohl es oft genug Momente gab, wo ich das tun wollte. Aber vielleicht muss das auch nicht mein Ansatz sein. Im Gegenteil, ich lerne auch hier wieder gerade den Begriff der Dekonstruktion schätzen. Dekonstruktion von Geschlecht z.B. wird, sowie ich das verstanden habe, nicht so gehandhabt, dass jetzt alle bitte so tun sollen, als ob es Geschlecht nicht gäbe. Sondern mehr: Wir spielen damit, wir verzerren es, wir geben vielen Geschlechtern Raum, wir zeigen mit dem Finger auf die Willkür von Unterscheidungsmerkmalen und so weiter. Kurz: Wir beschäftigen uns damit, nehmen es in die Hand, nehmen es auseinander, setzen es ein wenig schief wieder zusammen, verändern Perspektiven. Und ich hab das Gefühl, dass wir damit quasi auch der Tatsache Tribut leisten, dass wir diese ganze Scheiße verinnerlicht haben. Dass wir das vielleicht sogar machen müssen, diese ganze Arbeit, weil wir es anders nicht innerhalb unseres Vermögens bekämpfen können. Durch steten Zweifel, im sanften Zerrütten.

So ähnlich gehts mir mit Gott. Ich krieg ihn nicht aus meinem System raus. Er (ja, als er) ist da drin; vermengt mit meinen Nervenenden; eingewebt in meine Gefäße; jeder Kampf, den ich mit ihm je führte, hat Zeichen hinterlassen, Spuren: “Ich war da” mit rotleuchtenden Buchstaben an die Innenseite meines Kopfes geschrieben.

Solche Spuren sind wie Tatorte; ich kann versuchen, alles zu säubern; ich kann aber auch die Gaffer verjagen, den Bereich absperren und dann jedes einzelne Indiz untersuchen. Und vielleicht säubere ich alles danach so, dass nichts mehr daran erinnert, wenigstens so, dass ich ungestört meinen Tätigkeiten nachgehen kann. Ohne über Leichen zu stolpern. Vielleicht hinterlasse ich aber hin und wieder Mahnmale; ein Blumenstrauß, ein Brief, an mich, eine Erinnerung; Beweggründe; und manch Ding, das mir einfach kostbar war und was ich gar nicht wegschmeißen will. Vielleicht bau ich ein fettes Denkmal dahin. Oder einen Ort zum Tanzen …

Strategien, mit diesem ,,Danach” umzugehen. Ich brauche sie.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/12/atheistin-oder-was/

2 Kommentare

  1. 1
    C. Rosenblatt

    Sie haben in klarer Sprache ausgedrückt wofür ich in den letzten Tagen viele viele viele viele ja ECHT WIRKLICH VIELE -.- Worte brauchte.
    Was war- womit man aufwächst, verwächst in einem und man muss sich selbst Faser für Faser auftrennen und neu aufbauen- nie einen Arm abschneiden und (Achtung Fallstrickwort:) vergeben

    Für viele Aussteiger ist es hilfreich Glauben- mit Religion gleichzusetzen und mit Hilfe der allgemein anerkannten Verachtung für Religion in der Gesellschaft, haben sie dabei sogar richtig gute Aussichten niemals Probleme damit zu bekommen. (es gibt nämlich auch genug Menschen die Religionsverachtung mit Atheismus gleichsetzen)

    Jene die etwas mehr brauchen (Zeit, Hilfe beim Fasern begucken, vielleicht sogar die Möglichkeit ihren eigenen Glauben zu suchen zu finden und für sich gerade zu biegen) sind ganz auf sich gestellt, wenn sie nicht im nächsten (religiösen) Konstrukt landen wollen. Ich habe zumindest noch nichts gefunden und suche auch schon eine Weile…

    Ich wünsche Ihnen alles Gute :)

    [freigeschaltet von Bäumchen]

      Zitieren  Antworten

  2. 2
    Bäumchen

    C. Rosenblatt,

    Vielen lieben Dank :) Ich habe gerade Euren Blog angefangen zu lesen und dabei ganz die Zeit vergessen. Er ist toll! Danke dass Ihr aufschreibt was Ihr so erlebt. Muss ich mal jetzt sagen, weil Eure Artikel mich sehr glücklich machen. Werde auf jeden Fall gespannt weiterverfolgen, wie es Euch geht!

    Ja hatte mitunter auch das Gefühl, dass in der Gesellschaft ein gewisser Konsens über Religions – ja vielleicht Verachtung, vielleicht Spöttelei gibt. Ich wurde mit offenen Armen empfangen, als ich mich rausarbeitete, aber mit so nem lapidaren: Endlich bist du bei den Vernünftigen angekommen. Nicht mit einem: Ach, wir wissen, wo du durch bist. Es regnete Verwunderung über meine einstige Hingabe. Und genau das ist es. Belächelt an Religion wird die Hingabe. Dass es gerade auch stark in unserer westlichen Gesellschaft propagiert wird, diese Verachtung dem Religiösen gegenüber und die Anbetung des sogenannten ,,Vernünftigen”, während andere Ethnien und Kulturen als religiös, fanatisch, bis hin zu unvernünftig, gefühlsduselig abgestempelt und ge-othert werden, Dann auch, dass an Religionen die soziale Funktion abgewertet wird. Kiturak hat dazu mal was gesagt irgendwann. Dass sich v.a. Typen verächtlich darüber erheben, wenn (mostly) Frauen* zum Beispiel sowas wie Weihnachtskarten schreiben. Und in einem Buch über Anarchafeminismus las ich mal, dass in Spanien die Kirche der soziale Ort v.a. für die Frauen* war, in dem sie sich betätigten konnten und Einfluss genossen. Und die Anarcho-Macker die Kirche abschaffen wollten ohne zu kapieren, was sie den Frauen* dadurch an Handlunsgspielraum wegnahmen, ohne dass es Alternativen gab. Was will ich damit sagen? Wenn Atheismus, dann brauche ich ihn konsequent, klug, mit Hingabe, ansonsten ist er kein Support für mich. Wenn Nicht-Religiösität jemals ein Thema werden sollte, möchte ich eine atheistische Grundausrüstung bekommen, die mir hilft, mit dem verinnerlichten Scheißhaufen in mir klarzukommen, und nicht abwertet, was ich an Gutem empfangen habe/ gelernt habe.
    Liebe Grüße und auch euch alles Gute!

      Zitieren  Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>