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Knappe Gedanken zu Weltanschauung, Religion und so

Bei Antje Schrupp wird Atheismus diskutiert. Leider aufgrund eines Missverständnisses ging Ilona Klemens folgendermaßen auf die (nicht gestellte) Frage ein, warum im Frankfurter Rat der Religionen keine Atheist_innen vertreten sind:

„Als Geschäftsführerin und Mitgründerin des Rates der Religionen bin ich diese Frage ja gewohnt. Hier noch einmal: Es handelt sich um den Rat der Religionen und nicht der Weltanschauungen. Allerdings kommt der neue Atheismus dieser Tage doch mitunter recht religiös-missionarisch daher – wie man auch an ein paar Bemerkungen hier erkennen kann. Tatsache ist: der Rat ist offen für das Gespräch mit Atheisten und respektiert und unterstützt ausdrücklich religiöse und weltanschauliche Vielfalt. Aber sein Fokus ist nun mal das Verhältnis von Religion und Gesellschaft. Die Frage für mich ist: sind Atheisten offen für den Dialog (!) mit Religionen? Oder wollen sie nur feststellen und dafür werben, wie überflüssig diese angeblich sind?“

(Leider lässt sich der Kommentar nicht einzeln verlinken, aber hier ist der Artikel samt Kommentarthread.)

Es gibt sicherlich viele Thesen darin, auf die einzugehen sich lohnen würde (z.B. ein kleiner Religionswissen-Wettbewerb: Wieviele Religionen kennst Du, die nicht missionarisch unterwegs sind? Ich komme spontan auf 2: Die Quäker_innen und das (orthodoxe?) Judentum.), doch mich faszinieren vor allem
a) die Trennung von Religion und Weltanschauung,
b) die These, dass Atheist_innen nicht mit den Religiösen „spielen“ wollen und
c) die Grundvoraussetzungen für die Teilnahme am Frankfurter Rat der Religionen.

Ich fang mit c) an und zwar ohne Recherchen. Aus Klemens Kommentar schließe ich, dass die Teilnahme am Rat der Religionen nur auf Einladung möglich ist. Demensprechend wird es Kriterien geben, nach welchen diese Einladungen ausgesprochen werden. Angesichts der im Kommentar dominant vermerkten Trennung von Religion und Weltanschauung, werden diese wohl darin zu finden sein. Nur wie will eine_r dies trennen? Also, Wikipedia kann’s nicht ;-) (s. Religion & Weltanschauung). Ist’s der Glaube an mind. eine Gottheit? Dann dürften die Buddhist_innen nicht als solche mitspielen (dank an meine Lieblingsbuddhistin für dieses Wissen). Ist‘s das „für-möglich-halten von mind. einer Gottheit“? Vermutlich. Aber wo sind dann die Ag-& Ignostiker_innen im Rat der Religionen (ach, vermutlich die Buddhist_innen :D ). Aber während ich noch rätsele, wie zum Teufel (haha) die’s auseinanderklamüsern, kam’s schon lang zur Einigung im Thread bei Antje.

Benni kommentiert u.a. „In einen “Rat der Religionen” wollte ich mich nie einmischen wollen, keine Sorge.“. Äh, warum? Tatsächlich kam es unter keinem von Antjes Artikeln zu einem Aufbrechen der Trennung von Weltanschauung und Religion und ich schätze gerade darin liegt die Krux – in Kombination mit b): Die Athest_innen wollen mit den Religiösen nicht spielen.

Wenn Religionen als Weltanschauungen begriffen werden würden, müsste sich die atheistische Fraktion tatsächlich damit beschäftigen, ob es einen näheren Zusammenhang zwischen Theismus und Atheismus gibt. (Die banale Argumentation, um an etwas zu nicht zu glauben, setze die Existenz von dem, woran nicht geglaubt wird voraus, beweist auch die Existenz von Einhörnen. Lassen wir das hier mal bei Seite.) Aber eben auch umgekehrt: Wenn’s einen Rat der Weltanschauungen gäbe, wären die Religionen darin gerne vertreten? (Ich vermute ja, denn die Machtposition die damit zusammenhängt, ist den Religionen bewusst – im Gegenteil zu atheistischen Fraktion, denn sonst wäre diese sicherlich stärker dabei, im Rat der Religionen mitspielen zu dürfen.) Ich harre der Dinge die da kommen.

Noch ein paar abschließende Worte zum letzten Teil von Klemens Kommentar: „sind Atheisten offen für den Dialog (!) mit Religionen? Oder wollen sie nur feststellen und dafür werben, wie überflüssig diese angeblich sind?“

Die anscheinend maßgebliche Offenheit fasziniert mich schon. Also wie läuft das zwischen den Religionen, weil so richtig offen können sie gegenüber einander wohl kaum sein, sonst würden die andauernden Konvertierungen im Rat sicherlich für einige Verwirrungen sorgen. Scheint mir doch eher der gemeinsame Feind zu sein (“Die mögen uns alle nicht!”). Um’s mit Terry Pratchett zu sagen: „Schwarz und Weiß lebten in perfekter Harmonie zusammen und verbündeten sich gegen Grün.” (Total verhext) Tut auf jeden Fall was für den Weltfrieden.

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7 Kommentare

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  1. 1
    Janne

    Interessante Frage.
    Ich für meinen Teil habe bisher (noch) keine “missionierenden” Atheist_Innen getroffen, deswegen weiß ich nicht genau, wie diese an die Sache heran gehen. Mit religiösen Menschen (bisher nur christlichen Glaubens), die gerne Missionieren (also nicht nur ihren Glauben erklären, sondern ihn dir auch aufzwingen wollen) hatte ich allerdings schon zu tun und da muss ich sagen, dass ich dann auch gelegentlich mal in die Offensive gehe und erkläre, warum ich Religion für unsinnig halte bzw. was ich an den konservativen Halttungen kritisiere. Wenn allerdings bereits die Erklärungen (Determinismus, Evolutionstheorie, oder meinetwegen auch einfach nur ein “seh und erfahre ich nicht, also glaub ich auch nicht dran”) als “Mission” verstanden wird, dann gibt es wohl jede Menge “missionierende” Atheist_Innen. Allerdings kenne ich dieses Verhalten nur als Reaktion auf (christlich-)religiöse Missionsversuche. Wenn die Religion Menschen Kraft gibt, halte ich sie für legitim. Wenn sie anderen Menschen Schaden zufügt, nicht. Und wie sie ausgelegt wird, kommt ja auch immer auf das Individuum (bzw. die Gemeide oder die “Abspaltung”) an, deswegen stelle ich mich nicht grundsätzlich dagegen. Aber solange mir Leute immer noch erklären wollen, dass Homosexualität etwas böses und widernatürliches ist, “missioniere”/diskutiere ich das auch. Ich habe allerdings auch schon tolle Diskussionen mit religiösen Menschen gehabt, ohne dass eine der Parteien sich irgendwie angegriffen gefühlt hat.

    Btw: Gibts im Rat der Religionen einen Abzweig für das Spagettimonster? :D

    [freigeschaltet von Samia]

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  2. 2
    kiturak

    Benni kommentiert u.a. „In einen “Rat der Religionen” wollte ich mich nie einmischen wollen, keine Sorge.“. Äh, warum? Tatsächlich kam es unter keinem von Antjes Artikeln zu einem Aufbrechen der Trennung von Weltanschauung und Religion und ich schätze gerade darin liegt die Krux – in Kombination mit b): Die Athest_innen wollen mit den Religiösen nicht spielen.

    huh. Also, nee, bin ganz bei Benni, zumindest mit dem Zitat. Nicht nur bin ich Atheist*in. Ich lass mir meine Ideen, Gedanken oder sonstwas auch nicht als “Religion” fremddefinieren. Von daher bin ich für einen “Rat der Religionen” im allerbesten Fall schlicht nicht Zielgruppe. Zu erwarten, dass ich mich da angesprochen oder eingeschlossen fühlen sollte (“spielen wollen”), wäre schlicht eine Frechheit. Wenn wir aber, nach Deinem Gedankengang (Religionen sind bzw. gehören zu Weltanschauungen) einen “Rat der Weltanschauungen” aufmachen, und nehmen wir mal an, das Thema interessiert mich – nächste Frage: Was soll das? Wer redet mit wem worüber? Und warum? Sitzt da die katholische Kirche bei, die Interessensgemeinschaft der Dreiradhersteller_innen, Pro Köln? Neee. Also, da muss schon mehr her. Mit “Offenheit für Dialog” und so Worthülsen können wir anfangen, wenn klar ist, was das Ganze eigentlich soll.

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  3. 3
    Bäumchen

    Schaut mal :) http://www.huffingtonpost.com/2013/01/08/atheist-church-sunday-assembly_n_2432911.html

    “Like their predecessors, the newly founded atheist church of England, seeks to create meaning and offer a sense of belonging for those who lack what one of its founders describes as “the good stuff of religion.” They see no reason why “theological disagreement” should keep people from enjoying that so-called good stuff, and especially in a world where decisions about worship are made increasingly based on what works for the worshipper, not based on some pre-existing theology or creed, that seems like a more than reasonable claim.”

    :) “We build a useful community” schreibt der eine. Das find ich ziemlich clever.

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  4. 4
    Zweisatz

    Bäumchen,

    Das klingt in der Tat cool.

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  5. 5
    Judith

    Janne,

    Vermutlich hast du als Nicht-Christin weniger mit “missionierenden” Atheisten zu tun, also beschreibe ich dir einmal, wie es aus der anderen Richtung aussieht: Wenn ich mich als Christin zu erkennen gebe, ohne auch nur drüber diskutieren zu wollen, geschweige denn meinen Gesprächspartner zum Konvertieren bringen zu wollen, dann gibt es Menschen, die reagieren darauf so:

    “Wie kannst du denn nur so etwas glauben, es ist doch inzwischen bewiesen, dass es die Evolution gibt” und so weiter, mit sämtlichen wissenschaftlichen Theorien, um mir zu beweisen, dass ich da nur falsch liegen kann. Da ist es egal, dass ich nicht an eine wortwörtliche Interpretation der Bibel glaube, sondern die Evolution eben auch für logisch halte – und trotzdem nicht glaube, dass dadurch die Existenz Gottes widerlegt wird. Mein Gesprächspartner scheint es aber darauf anzulegen, mich dazu zu bringen, zuzugeben, dass mein Glaube ja so unlogisch ist; dass ich falsch liege und dieser Mensch recht hat.

    Oder “Alles Schlechte in der Welt kommt von Religionen” mit lauter Beispielen wie Kreuzzüge oder pädophile Priester (ich bin nicht katholisch und halte das Zölibat für [Unsinn; Samia]) oder islamistische Selbstmordattentäter (was hat der extremistische Islam mit meinem Christsein zu tun?) oder die ultrarechten christlich-konservativen [Leute; Samia] in den USA (die ich auch für völlig [daneben; Samia] und rückwärtsgerichtet) halte, während gleichzeitig die guten Dinge, die durch Religiosität entstehen überhaupt nicht anerkannt werden: Diakonie, Brot für die Welt, karitative Spenden und so weiter. Dieser Mensch scheint es darauf anzulegen, dass ich erkenne, dass ich für meine Umwelt schlecht bin weil ich Christin bin. Oder was auch immer.

    Oder die dritte Variante, die sich auf Blogs findet, wo Christen mit anderen Christen darüber diskutieren, was sie an Kirche schlecht finden und ändern wollen – die Rolle der Frau, Machtverhältnisse, die Tendenz mancher christlicher Gruppen, totale Leitungshörigkeit ihrer Schäfchen zu verlangen, wie mit Sexualität im Allgemeinen und Homosexualität im Speziellen umgegangen wird und so weiter – und dann mischt sich ein Atheist in die Diskussion ein, nur um allen Anderen zu sagen, dass die einzige Lösung ist, gleich den ganzen Glauben in die Tonne zu kloppen und ganz aus der Kirche auszutreten. Oder er benutzt eine der beiden anderen Argumentationen.

    So etwas nervt ordentlich, denn solche Gespräche führen zu nichts (abgesehen davon, alle Beteiligten auf die Palme zu bringen). Auf diese Weise hat es natürlich auch noch keiner geschafft, mich vom Atheismus zu überzeugen. Das Einzige, was ich gelernt habe, ist, dass ich besser aufpasse, wann, wie und mit wem ich über meinen Glauben rede, erstens, damit ich mir solche Diskussionen gleich von Anfang an spare, und zweitens, dass ich nicht selber rüberkomme wie so ein dogmatisches Arschloch mit Scheuklappen.

    [freigeschaltet von Samia; verschiedene ableistische Begriffe entfernt - bitte in Zukunft beachten]

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    1. 5.1
      Janne

      Judith,

      Das kann ich gut nachvollziehen, da hätte ich auch keinen Bock drauf. Gibt halt immer beide Seiten :/

      [freigeschaltet von Samia]

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  6. 6
    Judith

    Samia,

    tut mir leid, ich bin neu in der “Szene” und beschäftige mich noch nicht so lange damit. Ich hab versucht, drauf zu achten, was ich da von mir gebe, aber da ist mir ja doch noch viel zu viel durchgerutscht. Ich hoffe, ich kriegs beim nächsten Mal besser hin :/

    [freigeschaltet von Samia]

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