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Einführung in die Antipsychiatrie

 

Aus gegebenem Anlass

 

1.) Triggerwarnung für alle sog. “ableistischen” Begriffe aus dem Bereich „Psychose / Psychiatrie“, die mir gerade einfallen

2.) teilweise RANT!

 

 

Guten Abend ihr Irren,

ob das ein Reclaim sei, wurde ich gefragt. (Reclaim = Rückeroberung eines momentan stigmatisierenden oder beleidigenden Begriffs durch wiederaneignende Selbstbezeichung der betroffenen Gruppe.)

Nicht ganz. Es ist viel einfacher als ein Reclaim. Es ist die Wahrheit, denn:

 

wir irren allesamt, nur jede[_r] irrt anders. 

  • G.Lichtenberg

 

Nur haben das einige, die nachdem ich von Wahn sprach, regelrecht wahnsinnig geworden sind, nicht so wahrgenommen. Die allgemeine Fetischisierung des Verstands und der Rationalität nämlich ist es, die das Irren um seine neutrale, wenn nicht sogar positive Konnotation bringt. Damit ist dann auch jede Wertschätzung der Psychose dahin.

 

Dabei ist es das Irren, das den menschlichen Geist wachhält. Da ihr euch so sehr von eurer Kultur habt verrückt machen lassen, könnt ihr euch das vielleicht schon gar nicht mehr vorstellen, aber die Kulturgeschichte zeigt: Bevor das Wort „Psychose“ erfunden wurde, nannte mensch es wahlweise „Weisheit, Hellsehen, vom Allgeist / Kosmos erfüllt sein, Orakel, großes Erwachen, u.ä.“. (Übrigens: Diesen historischen Wandel von der Vergötterung zur Verachtung des Wahns beschreibt Foucault in seinem Hauptwerk „Wahnsinn und Gesellschaft“.) Es war mal mit großer Wertschätzung verbunden. Und diese Wertschätzung zeige ich auch gegenüber Eve Ensler.

 

Um zum Ausganssatz zurückzukommen: Da will euch eine Frau erzählen, man könne den „Kollektivkörper von negativen Energien bereinigen, indem man im Tanz tranceartig alle guten Mächte zu sich ruft“. Hallo? Ihr wollt mir absprechen, dass das psychotisch ist? Gehts noch? Da tauchen unsichtbare Mächte, Energiefelder und kollektive Gedächnisinhalte auf; alles drei Dinge, die ihr, wenn ihr gerade nicht besseres zu tun hättet als mich anzukotzen, in die sogenannte Esoterik-Abteilung stellen würdet. Da ich aber nicht psychose-feindlich bin, zolle ich dieser Frau großen Respekt. Denn der einzige Unterschied zwischen dem gängigen Gebrauch des Wortes „Wahn“ und meiner Verwendung des Begriffs ist, dass die Masse Ensler nicht wahnsinnig nennt, weil ihr so viele glauben. Und das ist ein Fehlschluss. Ich hingegen nenne es auch dann Wahn, wenn Menschen in mehr als 200 Ländern auf diese Psychose einsteigen. Gerade weil Enslers psychotisches Gedankengut genial ist. Weil es den menschlichen Geist erwachen lässt, und offensichtlich viele Menschen dazu verführen kann, endlich mal von ihrer sog. Ratio abzulassen. Denkt ihr das schafft jede_R Irre? Bei Gott (= noch so ne Kollektiv-Psychose = imaginäres Wesen, dessen Existenz nicht nachweisbar ist, aber vorgibt ein guter Gesprächspartner zu sein, obwohl er nicht antwortet), das ist eine wahnsinnig geile Spitzenleistung!

 

Wir dürfen also nicht aufhören, etwas Wahnsinn zu nennen, nur weil viele Leute es glauben. Gerade dann sollten wir damit anfangen. Weil es eine große Fähigkeit bezeichnet, die Fähigkeit Sinn zu produzieren. Denn dieser Fehlschluss ist es, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass nur noch Menschen, die eine Minderheitenposition vertreten als Irre im negativen Sinne abgestempelt und psychiatrisch eingeschlossen werden. Dabei sind wir alle zur Sinnstiftung fähig; wir irren allesamt. Dieser Fehlschluss ist es, der uns vergessen lässt, dass Wahnsinn und Genie zusammenhängen, dass Erkenntnis nicht ohne Irren geht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die kleinen Leute „irre“ nennt und die großen Leute „genial“, obwohl beides dasselbe ist.

Und da mache ich nicht mit. 

Macht ihr auch nicht mit! Dreht den Spieß mit mir um: Nennt jede_n und alles „irre“, der/die/das weit oben steht und den Dingen Sinn gibt!

 

Ihr wärd dabei in bester Gesellschaft:

  • Erich fromm tut es: „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, weil die Masse geisteskrank ist; nicht nur die Minderheit.
  • Foucault tut es.
  • Das Sozialistische Patienten Kollektiv tut es.
  • Thomas Bock aus der Trialog-Forschung tut es.

Es gibt kaum einen Bereich der Psychose-Forschung, der so gut ausgebaut ist, wie dieser, der endlich verstanden hat, dass gerade die Psychose Sinn macht. Irren produziert Sinn. Irren geht über die Ratio hinaus. Irren schafft es mehr zu produzieren als nur verständig zu reproduzieren.

Sei kein Feigling, irre mit mir. Schrei mit mir „IHR seid die Irren“, wenn du mal wieder von irgendeiner geisteskranken Scheiße betroffen bist. Wenn dein Leben keinen Sinn hat, irrst du zu wenig und nicht zu viel. Lass dich wahnsinnig machen. Mach mich wahnsinnig. Produziere SINN !

Das Problem sind nicht die Irren da draußen. Das Problem ist, welchen Irren geglaubt wird. Aber wenn du nicht mit uns irrst, stehen deine Chancen, dich in deinem Sinne gegen epistemische Gewalt zu wehren eben bei Null. Wahnsinn von sich zu geben ist eben die einzige Art, den Diskurs am Ansatz der epistemischen Gewalt, zu treffen. Nur durch geisteskrankes Zeug können wir den historischen Apriori ans Schienbein treten und neuen SINN produzieren.

Also hör auf mich zu langweilen und werd endlich irre.

 

long_way_up

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11 Kommentare

2 Pings

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  1. 1
    Kinch

    Hey,

    mich würde interessieren, ob du denn eine Psychose hast (bzw. diagnostiziert wurde)?

    Ich persönlich würde mich deiner erweiterten Definition von „Wahn” anschließen (ich sehe keinen objektiven Unterschied diverser Wahnsysteme und etwa Religion), aber imho muss nicht jeder der einen Wahn pflegt auch eine Psychose haben.

    Grüße

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  2. 2
    rouven

    Hi,
    ein aufregender Artikel, an dem ich einiges befreiend, anderes (oder gar dasselbe) einengend empfinde. Die Umwertung des Wahns bzw. des Irreseins als schöpfendes und wertvolles, ja gar unverzichtbares Element im Menschsein ist berauschend und deine Sprache vermittelt mir das auch.

    Aber mir gefällt dein Bezug zum Bereich Genie und Wahnsinn nicht. Zum einen ist mir nicht so ganz klar, was du als genial ansiehst, meist wird damit aber eine Einzelleistung einer Einzelperson angesehen. Wahnsinn meist ja auch. Du beziehst dich bei deiner Wendung, dem Diskurs ans Schienbein treten ja auch auf das Individuum, denn kollektiv könnten wir ja nur diskursiv dem Diskurs beikommen und das wäre ja dann nicht so wahnsinnig erfolgreich, um in das Grenzgebiet eines Wortspiels zu gehen. So verstehe ich auch den Abschluss, dass alle einzeln für ihre Langweiligkeit verantwortlich sind, da sie sich reproduktiv verausgaben und nicht neuen Sinn produzieren.

    Die Zuschreibung Feigheit (“Sei kein Feigling”) sehe ich dabei als ausgesprochene Zuspitzung. Das verengt mir beim Lesen die Brust, das sehe ich einfach nicht progressiv, sondern mehr als Beschimpfung. Und bezogen auf die Leute, die ein Leben in der BRD und Schizophrenie vereinen müssen und vieles, veilleicht alles tun, um als ein Mitglied einer Familie, im Berufsleben und mit FreundInnen zu funktionieren, ist ein unwahnsinniges Leben auch nicht unbedingt langweilig, sondern vielleicht sogar heftig fordernd.

    Ich will nicht so verstanden werden, dass ich Normalität* als heilend hochhalte oder als erstrebenswert; in dem Streit, ob die, die erstreben als normal angesehen zu werden, unsolidarisch sind gegenüber denen, die eine Anerkennung selbst als Gewalt ihnen gegenüber ansehen oder ob es umgekehrt unsolidarischer ist diese Bestrebungen zu bekämpfen, gibt es so viele Verletzungen, dass ich anerkenne, dass das größer ist als ein Entweder -Oder.

    Wahnsinn in diesem Text lese ich als Überwindung eines Entder-Oder. Aber warum stellst du dann so viele Paare auf, die ich zudem selbst als eher langweilig (=deutsche Diskurse) einschätzen würde?:
    Große Leute – Kleine Leute
    Genie – Wahnsinn
    Feigheit – (Mut – hast du nicht explizit genannt)
    Auch die beiden Begriife Kultur und Fetisch sind in deinem Text und winken zu ihren GegensatzpartnerInnen hinüber, aber das sehe ich nicht so deutlich wie bei den Sachen da oben.

    Mich macht das ein bisschen irre, und auch kreativ, mir macht es auch Kopfweh, weil ich es so empfinde, dass einiges auf Kosten von Leuten geht, denen dieser Text Kraft geben könnte statt sie schwach zu machen, wenn diese Entweder-Oder nicht so herausstehen würden.

    In jedem Fall aber danke für den Artikel, ich empfand ihn als einen rauen Anstoß.
    Rouven

    * statistisch, juristisch, performativ, (TM), whatever

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  3. 3
    long_way_up

    Lieber rouven,

    endlich finde ich mal die Zeit zu antworten:
    Zum Thema Einzelleistung, Genie:
    Tatsächlich geht es für mich nicht um Einzelleistungen, zumal ich ja von einem sehr schwachen Subjektbegriff aus arbeite. So war auch der Genius zunächst etwas, das eine_n von außen befällt, ähnlich wie auch die Muse mal eine Andere im Außen war. Die Internalisierung des Genius zum “eigenen Genie” per se ist mir daher schon zuwider. Aber das wäre gewiss ein eigener Artikel. Daher sei hier nur kurz angerissen: Beide, der Wahn und der Genius haben diese Bewegung in Richtung Internalisierung zu Beginn der Disziplinargesellschaft durchlaufen. Das ist vielleicht auch den FreudianerInnen anzulasten. Für mich bleiben Genie und Wahn etwas, das eine_n von außen befällt, so wie man die “Geister zu sich ruft”, wie es noch bei Goethe so schön heißt. Von einer Einzelleistung würde ich daher nicht sprechen. Das implizierte mir auch mehr Autorenschaft des “Einzel-Genies” als ich annehmen wollte. Aber vielleicht schreiben wir dazu ja ein ander Mal ;-)

    zu Feigheit und Mut:
    Mut ist für mich einer der wichtigsten Hinweise für das Vorliegen einer kritischen Haltung. Ich schließe mich mit der Anspielung auf Mut, die in der Formulierung “Feigheit” steckt, also einem Kritikbegriff an, der davon ausgeht, dass mensch Mut braucht, um sich kritisch zu äußern. Idee: Was leicht gesagt ist, kann nicht kritisch sein. (s.a. den wunderschönen kurzen Aufsatz “Was ist Kritik?” von Foucault, mehrfach von Judith Butler ausgearbeitet). Daher möchte ich es nicht mit Langeweile assoziieren, sondern eben mit Kritiklosigkeit (was nicht un-kritisch Sein bedeuten muss, sondern einfach ein nicht angegangenes Wagnis bezeichnet).

    zu Gegensätze im Text:
    Nach obigen beiden Erläuterungen bleibt meines Erachtens daher nur noch der Gegensatz “große leute, kleine leute”, den ich ja als Zitat aus dem bestehenden Diskurs erlebe. Für deine Kritik bin ich dir sehr dankbar, da ich selbst darauf achten möchte, wann sich Dichotomien einschleichen. Aber ich glaube in dem Text erscheinen manche Begriffe eher aus Gewohnheit in dieser dichotomen Konfiguration (wie eben bei “Mut”). Genie-Wahn ist für mich gerade nicht Zweiheit sondern Einheit (Genie=Wahn=befallende Geister). Und was die Natur angeht, die hinter Kultur liegt, möchte ich an eine alternative Formulierung für “Episteme” erinnern: Episteme als sogenannte Natur, Diskursanalyse als Analyse der Konstruktion der “Natur der Dinge”.

    Dennoch gebe ich dir Recht: Der Text hätte natürlich runder sein können, wäre er mit weniger Wut geschrieben worden. Im nächsten Satz wieder. Möchte jetzt nur ungern darin rumfuhrwerken, da er für mich eine Momentaufnahme darstellt.
    Normalerweise (*ironie*) bin ich freundlicher ^^
    Es steht auf jeden Fall auf meiner Memo-Liste für Dinge, an die ich noch mal ran muss.

    Vielen Dank für deine Rückmeldung
    Ein schönes Wochenende Dir
    long_way_up

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  4. 4
    long_way_up

    Kinch,

    Guten Tag Kinch,
    ja, eine Ausdifferenzierung der Begriffe “Psychose” (evtl als klinische?) und Wahn steht definitiv noch an.
    Bin mir da selbst manchmal noch unschlüssig.
    Zu deiner ersten Frage: Ich nehme generell von kontextlosen Selbstbezeichnungen Abstand – reagiere also auch nicht auf Fragen, wie ob ich eigentlich “hetero”, “of Color” oder sonstwas bin. Das hängt für mich von der Situation ab. Daher kann ich dir deine Frage auch so nicht beantworten.
    Einen schönen Abend noch
    wünscht long_way_up

      Zitieren  Antworten

  5. 5
    Kinch

    long_way_up,

    Hi,

    vielen Dank für deine Antwort. Über einen ausdifferenzierenden Artikel würde ich mich auch sehr freuen.

    Ich verstehe und respektiere natürlich dein Unwillen bezüglich kontextlosen Selbstbezeichnungen. Persönlich habe ich allerdings einige Probleme mit dem Artikel, weil er mir Psychosen und Wahnvorstellungen ein wenig zu einseitig darstellt. Psychosen und Wahnvorstellungen, sind nicht immer ein Spaß an dem selbstbestimmt partizipieren kann. Eine sehr gute Freundin von mir hat eine paranoide Psychose und wenn diese durchbricht ist das nicht schön. Und es ist definitiv keine gute Idee sie in diesen Phasen in ihrem Wahnsystem zu bestätigen.

    Für ein Verständnis deines Artikels, wäre es für mich daher schon interessant welchen Zugang du zur Psychose hast. Vielleicht wird das in einem Folgeartikel etwas klarer.

    Grüße und ein schönes Wochende

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  6. 6
    Wintermute

    “.Eine sehr gute Freundin von mir hat eine paranoide Psychose und wenn diese durchbricht ist das nicht schön. Und es ist definitiv keine gute Idee sie in diesen Phasen in ihrem Wahnsystem zu bestätigen.”

    ich möchte das ganz dick unterstreichen. ich habe erlebt, das leute dann verhalten zeigen, dass sie selbst gefährdet (beispiel: den lüfter vom badezimmer bei nicht ausgeschalteter sicherung mit dem schraubenzieher aufschrauben und abklemmen, weil böse menschen darüber verhaltenskontrollierendes nervengas einleiten; penetrativen sex mit sehr vielen verschiedenen männern in kurzer zeit ohne kondome, weil die person (männlich) davon überzeugt ist, HIV leuten an ihrer aura ansehen zu können) oder andere leuten (schläge denen androhen, die für “die” arbeiten). gerade paranoide vorstellungen sind einfach auch für die betroffenen subjektiv offensichtlich unangenehm und belastend

      Zitieren  Antworten

  7. 7
    long_way_up

    Guten Abend Kinch und Wintermute,

    das sind natürlich gefährliche und leidvolle Situationen, die ihr da beschreibt.
    Und solche Situationen waren auch die Ausgangslage der Antipsychiatrie-Bewegung, die momentan eine zweite Welle durchläuft. Was diesen Ansatz auszeichnet ist nun zu sagen, dass auch solche paranoiden Zustände Sinn machen. Die konventionelle Psychiatrie hatte den Menschen abgesprochen, dass ihre Wahnvorstellungen eine Bedeutung haben. Sie gingen davon aus, dass das alles sinnlose Hirngespinste seien, die mensch sich nicht genauer anschauen müsse. So nach dem Motto : “Da ist kein Nervengas! Sieh das ein! Diskussion beendet”. Die Antipsychiatrie hingegen behauptet, dass in diesen Wahnsystemen eine Botschaft steckt, dass auch dies eine Art der Kommunikation mit sich selbst und anderen darstellt, die etwas ausdrücken möchte. Das Revolutionäre war also, sich mit den Menschen über diese Überzeugungen zu unterhalten, sie ernst zu nehmen, sich nicht über sie zu stellen, sondern zu fragen, was dies denn für ihre Leben bedeutet. Antipsychiatrie heißt auch in solchen Situationen verstehen zu wollen. Also stattdessen etwas zu fragen wie: “Kannst du mir sagen, von wem du dich kontrolliert fühlst? Hast du eine Idee, wie du dich gegen diese Menschen wehren könntest?”. Und dann auch innerhalb der paranoiden Angst, selbst wenn mensch sie nicht versteht, Hilfe dabei anzubieten, sich gegen diese Verfolger_innen zur Wehr zu setzen. Zu sagen und es auch so zu meinen: “Ich kann zwar nicht sehen, wer dich so bedrängt, aber ich stehe trotzdem hinter dir und will dir helfen, einen Weg zu finden, dich zu wehren.”. Das lindert das Leid natürlich nicht unmittelbar. Aber es kann helfen, mit dem/der Patient_in eine Lösung zu finden, die nicht über das, was er/sie uns mitteilen möchte, hinweggeht. Es heißt, dem/der Anderen zuzugestehen, dass das was er/sie tut, für sie/ihn Sinn macht.
    Ist das verständlicher?

    Alles Liebe
    long_way_up

      Zitieren  Antworten

  8. 8
    Kinch

    Hi long_way_up,

    ich möchte mal vorweg sagen, dass ich der Psychiatrie in der gegenwärtigen Form auch sehr kritisch bis ablehenden gegenüber stehe. Ich habe also keine dezidierte Kontraposition. Außerdem habe ich das Problem, dass ich nicht weiß, wie wörtlich ich den Artikel zu nehmen habe.

    Aus meiner bescheidenen persönlichen Erfahrung heraus finde ich das von dir geschilderte Vorgehen in vielen (nicht allen) Fällen hilfreich. Ich kenne suizidale oder auch selbstwahrnehmungsgestörte Menschen und Freundschaften können da nur funktionieren, wenn man sie eben so akzeptiert.

    Aber mir geht ein wenig gerade der rote Pfaden verloren. Also, vielleicht ein wenig konkreter, was mich stört. In dem Artikel wird, rein von den Begrifflichkeiten her, schwere Formen der s.v.v. Denkstörung mit esoterischen Überzeugungen gleichgesetzt. Ich finde das in der Form nicht angemessen. Esoterik, Religion oder ähnliche Glaubensgebilde, sind im Grunde etwas wofür sich ein Mensch entscheiden kann; deshalb kann man Menschen ja auch überhaupt erst davon überzeugen.

    Wahnsysteme die aus einer Psychose heraus geboren werden haben eine andere Natur. Besagte Freundin etwa weiß das ihr Wahnsystem unmöglich der Realität entsprechen kann. Sie kann aber nicht anders, als diesem spezifischen Wahnsystem nachzuhängen.

    Ich muss daher sagen, dass dein Artikel bei mir den Eindruck erweckt, dass hier ein Krankheitsbild falsch dargestellt wird.

    Ich denke, ich verstehe jetzt besser, was du mit „Wertschätzung der Psychose” meinst, wenn du in ihr einen Hinweis auf eine tiefer liegende Wahrheit siehst. Ich persönlich muss aber gestehen, dass ich keinen Fall kenne, indem eine Psychose eine lebensverbessernde Wirkung mit sich brachte; aber das ist natürlich nur mein Erfahrungshorizont.

    Viele Grüße

      Zitieren  Antworten

    1. 8.1
      Stephanie

      Kinch »

      Esoterik, Religion oder ähnliche Glaubensgebilde, sind im Grunde etwas wofür sich ein Mensch entscheiden kann; deshalb kann man Menschen ja auch überhaupt erst davon überzeugen.

      Ich will diese durchaus sinnvolle Diskussion eigentlich nicht unterbrechen, aber das kann ich einfach nicht unkommentiert stehen lassen: Schon erstaunlich, dass nur so wenig Menschen konvertieren…

        Zitieren  Antworten

  9. 9
    long_way_up

    Kinch,

    Guten Abend Kinch,

    danke für die Klarstellung deines Gedankens: Ich glaube, ich habe jetzt eine Idee, an welcher Stelle wir unterschiedliche Abzweigungen nehmen. Kann es sein, dass es das ist? :

    Du schreibst, dass du keinen Fall kennst, indem eine Psychose eine lebensverbessernde Wirkung hatte und dass daher für dich ein anderer Mechanismus dahinter liegt, als bei Esoterik, Religion, etc.
    Solche Fälle gibt es und ich bin um jeden einzelnen dankbar. Thomas Bock berichtet zB folgende Geschichte: Da kommt eine Frau, die Kinderstimmen hört, die sie unfassbar quälen und verfolgen. Im Laufe der Zeit stellt sich heraus, dass sie selbst im Krieg der Einrichtungsleitung gegenüber Ungehorsam war und sich nicht hat evakuieren lassen. Bei der Bombardierung starben alle außer ihr, die sich ja nicht da befand, wo alle anderen Kinder waren. Mittlerweile ist besagte Frau in Hamburg in der Anti-Stigma-Bewegung aktiv und dafür sehr bekannt. Sie selbst sagt, dass die Kinder, solange sie sie hört, weiterleben. Dies ist eine solche “bessere Lösung” für sie. Für sie ist das Stimmenhören das “bessere Leben”, das du suchst. Nie hat sie aufgehört diese Stimmen zu hören, und das möchte sie auch gar nicht. Sie möchte, dass die Kinder leben. Macht Sinn, oder nicht?
    Und natürlich hat sie gelitten und fühlte sich ohnmächtig und hatte zu Beginn das Gefühl “dass sie nicht anders kann”, wie du es formulierst.

    Bei genau dieser Formulierung aber, bin ich wiederum vorsichtig.

    “…weiß das ihr Wahnsystem unmöglich der Realität entsprechen kann. Sie kann aber nicht anders, als diesem spezifischen Wahnsystem nachzuhängen.”

    , würde ich in meiner Welt so nicht sagen. Aus meiner Perspektive heraus ist es schwierig, Menschen zu unterstellen, dass sie etwas tun, das sie nicht wollen, weil sie nicht anders “können”, denn genau dies unterstellt ja, dass es “Unsinn” sei diesem System nachzuhängen, dass alles viel einfacher oder leichter oder besser wäre, wenn mensch es nicht tun würde. Dass mensch es gerne lassen würde, weil mensch doch wisse, dass es “Blöd-Sinn” ist. Diese Idee ist es ja gerade, die ich persönlich so gar nicht mag. Diese Idee lässt sie ja gerade als irrational dastehen, da sie dann etwas tut, wovon sie “weiß” oder besser “behauptet”, dass es keinen Sinn macht. Ich glaube eben, dass sie sehr wohl anders könnte, dass sie sich genauso entschieden hat für diesen Wahn, wie andere sich entscheiden an einen Gott zu glauben, eben weil es für sie MEHR Sinn macht als die Alternative. Auf diesem Punkt möchte ich auch dann beharren, wenn deine Freundin selbst daran zweifelt, dass es sinnvoll ist, so zu leben, wie sie lebt. Eben wie in dem Beispiel: Auch zu den Zeiten, zu denen die Frau gelitten hat und sich selbst für unsinnig gehalten hat, in denen sie, wie du es formulieren würdest, “wusste, dass es nicht sein kann und diesem System trotzdem nachhing”, war es dieses System, das mehr Sinn macht, da in diesem System die Kinder lebten.

    Dass mensch unabhängig davon, woran mensch gerade glaubt, selbstverletzend und suizidal handeln kann, ist ja gerade UNABHÄNGIG von Wahn / akuter Psychose. Deshalb lasse ich das außen vor. Natürlich verbindet sich das oft miteinander, aber das ist eben nicht notwendigerweise so: Es gibt viele Psychotiker_Innen, die sich nicht selbst verletzen und eben nicht mehr leiden. Und das ist ja mein Ziel. Und ich tue viel, um diese öffentliche Vorstellung von klinischer Psychose als etwas, worunter mensch nur leiden kann, zu ändern.
    I.d.R. leidet mensch bei genauerem Hinschauen nicht an der Psychose, sondern daran wie mensch mit dieser umgeht. Die Frau aus dem Beispiel ist ihrer Psychose mittlerweile sehr dankbar.

    PS: Deshalb (s.o.) glaub ich ja auch, dass eine_n die Geister von außen befallen, weil auch mensch selbst nicht immer versteht, was ihr Sinn ist.

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  10. 10
    long_way_up

    Guten Tag,

    long_way_up ist mit der Anti-Psychiatrie-Debatte
    beziehungsweise mit der Diskussion um das Verhältnis von Psychologie und Aktivismus
    umgezogen auf

    http://schizoanalyse.wordpress.com/psycho-for-activists/

    vielleicht sehen wir uns ja da wieder?
    long_way_up

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

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