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Rant: Feminismus, Generationen, Wellen

Schnauze voll… Seit 2009 habe ich mir zu Generationenfrage im Feminismus die Finger wund geschrieben und den Mund fusselig geredet (RW). Als Nadine Lantzsch und Kathrin Ganz dann vor einer kleinen Weile darüber bloggten, als wäre es das erste Mal, dachte ich mir, dass ich mir zu Schade bin, sie selbst darauf zu verweisen, inwiefern sie von mir klauen.
Das klingt nicht gut und für Plagiatsvorwürfe fehlt das Gremium. Also nein, natürlich wurde nicht geklaut. Wahrscheinlich hat nie auch nur Eine meine Texte bei der MM und bei Generationendialog gelesen.

Hätten sie vielleicht jedoch tun sollen. Magda Albrecht hat gerade wieder darüber gebloggt und netterweise ausgeführt, warum das Wellenmodell schwierig ist:

„Vorgekaut wird uns das Märchen von den drei feministischen Wellen, die sich bei näherer Betrachtung als viel zu verengt auf eine weiße US-amerikanische und west­europäische Geschichte beziehen. Es ist ein Schema, dass die Kämpfe in vielen anderen Regionen auf der Welt un­sichtbar macht, vor allen Dingen, wenn sie nicht in den Hoch­zeiten der so genannten Wellen stattfanden. Das Wellen-Modell begünstigt so einen homo­genisierenden Blick auf feministische Aktionen und Themen und negiert die Unter­schiede innerhalb (!) einer Bewegung.“

So besehen hat sie nicht Unrecht, nur gibt es zumindest in Deutschland das Wellenmodell in verschiedenen Bewegungen. Die Wellen bedienen die öffentlichkeitswirksamen Pieks/Ausschläge im historischen Verlauf der Bewegung. So habe ich meines Wissens in meiner Schulzeit die 7. Welle der Antira-Bewegung gestreift. Existieren die Bewegungen zwischen den Wellen? Sicherlich! Sind diese inhaltlich wesentlich weiter, als über die Pieks vermittelt? Natürlich! Treten die Wellen weltweit auf? Eher nicht. Es geht darum bei den Wellen einfach nicht.

Als ich die „7. Antira-Welle“ streifte, wurde ich über verschiedene Stellen über Nazi-Skinheads aufgeklärt. Für mich war das neues, erstrebenswertes Wissen, war schließlich „aktuell“. Das ist natürlich Humbug. Aber die Pieks schaffen den Anschluss neuer Menschen an eine bestehende Bewegung und diese Menschen schließen sich meist mit dem Schul-/Medienwissen an, nicht mit der Bewegungsgeschichte, -theorie und -praxis. Heißt es fehlt Wissen und meist hat den Menschen vorher kein Mensch gesagt, dass das Schul-/Medienwissen unzureichend ist. Daher braucht es meist sehr lange, bis 1. erkannt wird, dass etwas fehlt und 2. dieses Wissen angeeignet wird.

Womit wir bei dem Thema sind, dass die genannten Autorinnen ja schon eine ganze Weile feministisch unterwegs sind und jetzt langsam bemerken „Huch, wir müssen uns auch mit den Älteren beschäftigen“. Die Piek-Peergroup sind halt nicht alle, aber sie spiegeln die gleiche Welt. Ich erinnere mich an ein Interview-Gespräch in der Emma, in der vor allem die „jungen Feministinnen“ ganz erstaunt waren, dass die Inhalte der Emma teilweise gar nicht so gedacht sind, wie sie glaubten (z.B. die Trennung von Erotika und Porno). So ein fehlendes Wissen kommt halt über Wellen zustande. Nicht schlimm, aber dann halt nicht so tun, als wäre alles ein Brei.

Woher kommt dieses plötzliche Interesse? Wiederum in Magdas Text (aber auch in Nadines) finde ich einen Hinweis:

„Wer also in einer Stiftung, in einer Partei oder einer Behörde frauen- oder gender­politische Arbeit leistet, schwimmt vielleicht nicht im Geld (gekürzt wird ja gerade in der feministischen Arbeit gerne), aber hat trotzdem mehr Ressourcen zur Ver­fügung als die meisten nicht-kommerziellen queer_feministischen Projekte und Gruppen, die ich kenne.“

Am Anfang dachte ich: „Seltsam, wo hat sie die bloß alle gefunden? Ich kenne größtenteils nur verarmte Aktivistinnen der 2. Frauenbewegung.“ Dann jedoch fiel es mir wie Schuppen von den Augen (RW): Natürlich! Wer lädt schon Referentinnen ein und kann für diese auch bezahlen! Geradezu zwangsläufig müssen sie den besser Situierten begegnen.

Es würde allen mal gut tun, den verarmten Aktivistinnen und Projekten zu begegnen. Dann schreibt sich auch sowas nicht so leicht (ja, wieder Magda):

„aber sie sind heut­zutage häufig auch in privilegierteren Strukturen unterwegs als die durchschnitt­liche Aktivist_in um die 20. In den Communities, in denen ich unterwegs bin (z.B. bei Ladyfesten), können wir den Künstler_innen oder Workshop­gebenden höchstens mal eine Spende zahlen – die meiste Arbeit ist ehrenamtlich.“

Tja, Verarmung kommt in der Regel von so was. Das Projekt ist wichtiger als das Auskommen. Hab ich ja auch schon drüber gebloggt…

Ach, rutscht mir doch alle den Buckel runter (RW).

(Sabine, ich habe Deinen Text dazu noch nicht gelesen. Ich hol’s nach, sobald ich mich abgeregt habe.)

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2013/02/rant-feminismus-generationen-wellen/

8 Kommentare

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  1. 1
    magda

    hallo stephanie,

    um mal ein paar dinge klarzustellen:

    1. ich habe texte von dir gelesen (z.B. auf http://generationendialog.wordpress.com/), weil ich weiß, dass du dich diesem thema schon gewidmet hast. die texte auf dem blog wollte ich aus verschiedenen gründen nicht verlinken (teilweise habe ich sie nicht verstanden, weil etwas durcheinander, teilweise fand ich sie inhaltlich kritikwürdig). zugegeben: ich habe auch einen text von antje schrupp unter meinem text verlinkt, dem ich inhaltlich nicht zustimmen würde, aber ihre sprechposition ist ne andere als deine, also habe ich es verlinkt (gerade, weil mein text sich klar an frauen* mit ihrer lebenserfahrung richtet und ich es wichtig finde, schrupp dort als bloggerin zu nennen). eigentlich müsste ich dir meine verlinkungspolitiken nicht erklären, weil: none of your business, aber weil ich keine freundin von sinnlosen missverständnissen bin, wollte ich das transparent machen.

    danke für den artikel zu „solidarität ist nicht essbar“, den hatte ich in der tat übersehen und werde den auch noch einbauen.

    2. du hast einer meiner thesen (mit absicht?) missverstanden. ich sage nicht, dass jene feminist_innen, die du „aktivistinnen der 2. frauenbewegung“ nennst, alle reich sind oder keine von ihnen prekär lebt, sondern dass viele von ihnen mehr ressourcen zur verfügung haben. allein, die tatsache, dass sie einen raum zur verfügung haben, netzwerke besitzen, ab und zu mal irgendwo etwas geld beantragen können, ein oder zwei bezahlte stellen haben (ja: neben viel ehrenamt) ist häufig mehr (!) als die meisten feminist_innen um die 20. Du schreibst in deinem „solidarität ist nicht essbar“-text doch selbst, dass du aus der vereinskasse 200 euro für eine referentin holst. das ist verdammt noch mal mehr, als die meisten gruppen, die ich kenne, für eine komplette veranstaltung zur verfügung haben!! ich weiß nicht, ob du mich mit absicht falsch verstehst oder die kontexte nicht kennst, von denen ich spreche, aber anzuerkennen ist: trotz schlechter ausstattung sind das mehr ressourcen als viele queer-feministische aktivist_innen heute haben.

    3. meine kritik an dem wellenmodell habe ich stark gemacht, weil ich die dichtomie “alte feminist_innen” und “neue feminist_innen” aufheben und kämpfe dazwischen sichtbar machen wollte. deine argumentation ist kein gegenargument, sondern zeigt lediglich auf, welche massiven wissenshierarchien es gibt und wie widerständiges, herrschaftskritisches feministisches wissen massenmedial ignoriert wird. das ist aber kein argument dafür an einem westlich-zentrierten und homogenisierenden wellenmodell hängenzubleiben, sorry. du schreibst zwar, dass fehlendes/falsches/homogenisierendes wissen durch das wellen-modell zustande komme (siehe: dein emma-zitat), findest aber immer noch nicht, dass das ein grund ist, wellen-modelle aufzugeben. soso. nicht überzeugend. (aus diesen sich teilweise auch widersprechenden gründen kommt übrigens punkt 1 zustande).

    4. ich beschäftige mich übrigens aus persönlich gründen schon seit ich denken kann mit dem thema alter, generationen, politische überzeugungen (nicht nur feministische) und mögliche generationsunterschiede, und nur weil ich bisher keine artikel geschrieben habe, heisst das nicht, dass ich es jetzt für mich ‚auf einmal’ entdecke. eine meiner wichtigstens referenzpunkte in meinem leben waren immer personen über 50, gerade deshalb wollte ich endlich mal aufschreiben, was ich über das thema denke in einem spezifisch feministischen kontext, gerade auch weil ich einige deiner texte wirklich kritisch und als repoduktion von vereinfachenden modellen sehe. ich kenne klassische frauenräume ziemlich gut und finde es anmaßend, dass du dich hinstellst, als hättest du das feld erfunden bzw. hinreichend beackert. was mich zu 5. bringt:

    5. ja, das private ist politisch, aber wenn es nur noch um eigene befindlichkeiten und das eigene ego geht („ich wurde nicht verlinkt einself!“), dann würde ich mir mal gedanken um die eigene politische agenda machen: gerne hätte ich mehr auseinandersetzung, mehr argumente in deinem text gelesen.

    so long,
    magda

    [freigeschaltet von Stephanie]

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    1. 1.1
      Stephanie

      magda »
      Zu 1 und 5: Mehr Argumente (s. 5.) bringen anscheinend nichts weil siehe 1.
      zu 2.: Wenn in meiner Vereinskasse 200€ sind, was glaubst Du haben die Aktivistinnen (in Ihren Vereinen), die zu dem Preis anreisen?
      zu 3.: Ich spreche halt ganz offensichtlich von einem anderen Wellenmodell. Hab Dein’s auch nicht kritisiert, nur als einseitig beschrieben befunden.
      zu 4.: find ich prima und nein, ich hab auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen (RW).

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  2. 2
    kiturak

    Ich hab die Kritik an dem “Wellenmodell” bisher eh immer so verstanden, dass eben nicht alles außerhalb “ausgeblendet” werden sollte. Heißt doch nicht, dass es den Effekt nicht gibt oder gab, im Gegenteil. Wenn ich sag’, der Feminismus war/ist zu sehr auf nicht behinderte Frauen/sonstwat privilegierte Leute ausgerichtet, dann heißt das doch nicht, dass ich die Situation erst heraufbeschwöre, indem ich das sage. Wenn ich sag’, alle paar zig Jahre beschließt die Öffentlichkeit, Feminismus zur Kenntnis zu nehmen: Und jedesmal wird eine große Zahl Leute ‘reingespült(RW), die erstmal von nix Ahnung haben. (Und ja, ich meine mich auch … obwohl ich bisschen über ne andere Struktur reingerutscht(RW) bin), und am End noch allen erklären, dass sie voll gern Röcke tragen und auch Spaß auf Partys haben, nicht wie die “anderen” Feministinnen! Dann geht der geschichtliche Effekt doch nicht weg, wenn wir sagen, “das ist aber ganz gemein gegenüber den Durchhalte-Feministinnen aus den “Wellentälern”! Gegenüber marginalisierten Bewegungen jenseits davon! Hört mal!” … Im Gegenteil. Dominanz von Heteras geht auch nicht weg, wenn wir sagen, es gibt keine Heten mehr und sie haben auch nie nicht irgendwas dominiert. Je. ever. Überhaupt, das Konzept von Hetero! Sind wir nicht alle Menschen? … So läuft’s halt nicht. Das Problem an dem (weiß dominierten, westlichen, …) Wellenmodell ist doch nicht, dass es benutzt wird. Grad da, wo’s nunmal passt. Sondern dass so getan wird, als sei es allgemeingültig. Für alle hier, für alle im Rest der Welt.

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    1. 2.1
      kiturak

      Achso, und @Magda: Das mit dem Beharren auf den älteren Feministinnen, die die Vereine und das Geld haben, während die jungen Queerfeminist_innen sich ehrenamtlich abschuften müssen, ist widerlich.

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  3. 3
    magda

    “Das Problem an dem (weiß dominierten, westlichen, …) Wellenmodell ist doch nicht, dass es benutzt wird. Grad da, wo’s nunmal passt.”

    wo wird denn das wellen-modell kritisch benutzt und kritisch eingeordnet, wenn es benutzt wird? das passiert doch überhaupt gar nicht. für die meisten ist dieses modell doch historische wahrheit. es gibt halt “die zweite-wellen feministinnen” und dann “die dritte-welle feministinnen”. auch in stephanies texten – und das habe ich kritisiert. für nen blog, der sich intersektionalität auf die fahnen schreibt, habt ihr echt arge probleme, bewegungen intersektional zu betrachten. kituraks vergleich vom wellen-modell mit heteras/lesben sprechen da bände. peinlich.

    ach ja, kiturak. widerlich ist eigentlich nur, dass du meine aussagen so verdrehst, wie es dir in den kram passt. lies meinen beitrag und meinen kommentar gerne noch einmal. ich sage nicht mit einem wort, dass die einen sich abschuften und die anderen nicht. deinen rumkotz-ton kannste dir also sparen. hab übrigens keinen bock wieder mal mit der halben takeover-belegschaft hier zu diskutieren (eigentlich hatte ich mich mit stephanie über ihren text unterhalten wollen, aber das klappt ja offensichtlich nicht), also gebt euch keine mühe mit großspurigen, rumkotzigen antworten, denn ich komm hier zu selten und ungern vorbei. dafür ist mir hier zu wenig debatte und zu viel selbstgerechtes gelaber. unterhaltet euch gerne untereinander weiter ;)

    [freigeschaltet von Stephanie]

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    1. 3.1
      Stephanie

      magda » Zunächst: Anscheinend kennst Du takeover.beta. Also, wenn Dir “rumkotz-ton” nicht passt und/oder eine private Unterhaltung mit mir führen möchtest, solltest Du entweder den Blog wechseln oder eben eine private Unterhaltung mit mir beginnen. Halt nicht hier, weil öffentlich.

      Ich verstehe nicht, wie ein Modell eine “historische Wahrheit” werden kann. Modelle sind dafür da, Kram zu erklären, halt innerhalb des Rahmens, den das Modell stellt. Wenn daraus “Wahrheiten” gezaubert werden, ist diese Zauberei tatsächlich ein Problem.

      Generell: Probleme Kram intersektional zu betrachten, gehört meines Wissens einfach zur Intersektionalität hinzu.

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  4. 4
    Anna

    Stephanie, du schreibst:

    “Ich verstehe nicht, wie ein Modell eine “historische Wahrheit” werden kann”

    – darüber wundere ich mich etwas, muss ich sagen. *Wie* das passiert und *dass* es passiert, lässt sich doch diskursanalytisch klar erkennen. Genau das ist ja das Problem mit dieser Wellengeschichte: Diese Modelle wollen doch nicht die Verteilung von Diskursmacht bzw. die Öffentlichkeitswirksamkeit bestimmter Positionen in ihrem historischen Verlauf veranschaulichen oder gar kritisierbar machen, sondern Bewegungen abbilden, also “historische Wahrheiten” schaffen. Das hat wenig mit Zauberei zu tun und auch kaum was mit “faktischen” Wahrheiten, sondern mit Strukturen, Diskursmacht und all dem Pipapo. Magda hat das aber eigentlich auch schon ziemlich gut erklärt, finde ich.

    Verständnisfrage noch: Gilt Punkt 7 aus eurer Netiquette nur für “Externe”? Ansonsten verstehe ich – von so manchem anderen mal abgesehen – nicht so ganz, warum ein Kommentar wie

    ” Das mit dem Beharren auf den älteren Feministinnen, die die Vereine und das Geld haben, während die jungen Queerfeminist_innen sich ehrenamtlich abschuften müssen, ist widerlich”

    hier stehen kann, wenn eine produktive Strohmann-freie Debatte gewünscht wird. Liest eigentlich auch mal eine das, was Magda schreibt – vom inhaltlich drauf eingehen mal zu schweigen – oder sind da mehr so Rantreflexe am Werk?

    [freigeschaltet von Stephanie]

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    1. 4.1
      Stephanie

      Dann haben wir anscheinend eine grundlegend andere Auffassung von Modellen.

      Was die Nachfrage, zum Lesen & Verständnis betrifft: Ich sehe auch nicht, dass meine Texte gelesen und verstanden wurden. Wenigstens ist es gegenseitig?!? ;-)
      Was kituraks “Strohmann” betrifft: Ich hatte Magda auch weitgehend so verstanden, wenn auch nur unterschwellig in der ganzen Härte von kituraks Formulierung.

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