«

»

Why dancing? – Part II – Whiteness bei One Billion Rising

 

(in gewisser Hinsicht ein langer Comment on “Why dancing?”)

- meine persönliche Fehleranalyse als Organisatorin

 

Alle Choreograph_Innen, die sich in meiner geliebten Heimatstadt am Tanzevent OneBillionRising beteiligt haben, waren aus einem anderen Kulturkreis als dem deutschen, was Ihre Haltung zum Tanz angeht. Das heißt, sie waren nicht „deutsch“ bezüglich ihrer Einstellung gegenüber der Verbindung von Tanz und Protest.

Es ist mir wichtig, diesen Punkt zu machen, da im Vorfeld darüber geredet wurde, wie „weiß“ die Idee von OneBillionRising konzipiert sei und wie sie POC ausschließt. Aber das ist mir noch zu einfach:

 

Eve Ensler hatte diese Vorstellung von einem Tag der Freude und Befreiung und karikierte den Tanz zu einem reinen Freudentanz *kotz*. Dementsprechend musste es passieren, dass Bloger_Innen aus dem deutschen und aus diesbezüglich ähnlichen Kulturkreisen, diese Vorstellung Enslers angehen: So wurde auch in Shehadistan kritisiert, dass Tanz nicht jederfraus Ausdrucksform sei und dass das Tanzen dazu verleiten könnte, dass das Seichte, der Spaß in den Vordergrund gerät. ABER: „Seicht und spaßig“ ist tanzen eben in der deutschen und shehadistischen Kultur!

Das ist eine kulturspezifische Abwertung des Tanzens, bei der nicht jede_R Mensch of Color mitgehen kann. (Wobei der Sammelbegriff „of Color“ hier schräg ist, da es sehr sehr spezifisch für Kulturen ist, wie wir gleich sehen werden).

An dieser entscheidenden Stelle jedenfalls ist die deutsche Kultur und auch Eve Ensler als weiße Frau im Nachteil. Meine Erfahrung hier war nämlich, dass man auf einem OBR-Event in Deutschland auf intellektueller Ebene erklären muss, was Tanzen mit Protest zu tun hat. Und das ist nicht selbstverständlich, sondern kulturspezifisch. Und Eve‘s süße Videos haben mir dabei nicht gerade geholfen.

 

Den bisherigen Diskurs kann man also meines Erachtens zusammenfassen zu:

Da kommt diese weiße Frau, die keine Ahnung vom internationalen Spektrum des Tanzes hat, und reduziert die Idee des Tanzes auf einen „Freudentanz“, woraufhin sich manche Frauen natürlich darüber aufregen müssen, dass ihnen aber bei so einem Thema nicht nach Freude zumute ist. 

 

Der Fehler Enslers liegt aber meines Erachtens bereits an früherer Stelle: Ihr Denkfehler liegt gerade in der Verbindung von Tanz und Freude. Diese Reduktion auf „Freudentänze“ haben die Kritiker_Innen Enslers übernommen, und liegen daher genauso falsch (sind genauso unsensibel [Wort getauscht] für kulturelle Unterschiede). 

 

Und ich weiß, ich bin bei Weitem nicht alleine: Der Tango Argentino ist hinter mir. Der Flamenco Südspaniens ist hinter mir. Ja, sogar unsere französische Choreographin mit dem Pathos der blutigen Revolution, die diesen direkten Nachbarn Deutschlands geprägt hat, steht bei diesem Post hinter mir. Also bitte hört kurz diesen nicht-deutschen Kulturen zu, bevor ihr OBR als Spaßveranstaltung kritisiert, denn dieser Vorwurf macht eben nur aus der hier dominanten deutschen Kultur heraus Sinn.

 

Wir tanzten also Tango, Flamenco und hatten eine POC-geleitete Truppe (achtet ruhig bewusst auf den paramilitärischen Jargon des Tanzes!):

Der Tango wurde in Argentinien geboren als eine tänzerische Ausdrucksform, die explizit das Geschlechterverhältnis künstlerisch abbildet. Dem i.d.R. führenden Mann (aber bereits im klassischen Tango in der Entstehungszeit war das nie so einfach gedacht) folgt dabei eine i.d.R. folgende Frau. Das Führen aber funktioniert nur, wenn der Mann der gefolgten Bewegung folgt. (Für intellektuell angehauchte: Hier tanzt es sich zwischen dem hegelschen Herrn und Knecht. Tango funktioniert nur als Dialektik zwischen Führen und Folgen). Nur die Folgende kann frei gehen. Sie legt die „Spur“, wie es im Tänzer_Innen-Jargon heißt. Im Gegensatz zu anderen Paartänzen, wie zB dem österreicherischen Walzer, wird daher im Tango, wider der Gerüchte, der Tanz gerade dann zerstört, wenn jemand führt ohne zu folgen. Das sowieso rassistische Klischee vom „südamerikanischen Macho“ kann im Tango gar nicht funktionieren. Denn der Mann kann nur das führen, was er der Frau im wörtlichen Sinne zu Füßen legt. Er muss sich beugen, um an die Macht zu gelangen. Die Frau wiederum erlangt ihre Macht, indem sie die Spur legt. Und eine Spur legt frau, wie gesagt, nur folgend. Das alles sind hochbrisante Inhalte! Nach dieser Eloge, die viel enthält, dass fragwürdig, kritisch, zweifelhaft ist, die so viel darüber offen lässt, wie sich das Geschlechterverhältnis -nicht nur des 20.Jhd. beschreiben lässt- fällt es euch nun hoffentlich schwer, keinen politischen Kommentar zu dieser tänzerischen Darstellung von Machtverhältnis zu fällen. Ich glaube nicht an dieses Weltbild des Tangos – ich habe es hier nur dargestellt, damit bewusst werden kann, wie politisch Tanz ist und was darin alles ausgedrückt wird. In Argentinien jedenfalls wurde dieser Tanz ganz im Sinne einer hegelschen „Unterdrückung als Geschichte“ zu einem wesentlichen Bestandteil des Kulturguts. Zu behaupten, dass das unpolitischer Spaß sei, ist Ausdruck blanker Unverständigkeit! Wie Eve Ensler zu behaupten, dass das Freude und Befreiung sei, ist eine Beleidigung, die beweist, dass da jemand nicht aus seiner weißen Haut kann.

 

Das Problem an dieser Betrachtungsweise liegt allerdings genauso auf der Hand: Klassismus, Ableismus und Auschluss der Nicht-Informierten. Den Tänzer_Innen nicht-deutscher Tänze in meiner Stadt musste ich also nicht erklären, was Tanzen mit Protest zu tun hat und warum sie tanzen sollten, da sie unabhängig von Bildungsstand und Einkommen fühlten, worum es geht. Sie wussten es besser als Eve Ensler. Sie wussten es geht weder um Freude, noch um Freiheit, noch darum im shake-your-bootie-Style das Leid von sich abzuschütteln.

Sie wussten es ohne sich groß drüber unterhalten zu müssen. (Das ist übrigens genau die Geschichte des Flamenco in Südspanien: Da die Spanier ihnen ihre eigene Sprache verboten haben, die ethnische Minderheit aber noch kein spanisch konnte, haben sie im Tanz ihre Wut und ihren Hass gegen die spanische Unterdrückung ausgedrückt. Deshalb wird im Flamenco auch so viel gestampft – das ist Wut! Also auch explizit eine Unterdrückungsgeschichte).

 

Allerdings blieben die deutsch Erzogenen auf ihrem „Freude“-Trip hängen. Die einen, indem sie einen unpolitischen Freudentanz aufführten, der nur dadurch wieder politisiert werden kann, dass man anschließend doch wieder redet und redet und labert. Die Anderen, indem sie Tanz per se als unpolitischen Spaß diskreditieren.

Einmal Klartext für Schnell-Leser_Innen: Wenn du glaubst, eine Tanzdemo würde erst politisch werden, wenn sich jemand vorne hinstellt und redet, muss ich dir leider sagen: „Dieses Handicap habt ihr hier in Deutschland. Das ist nicht allgemeingültig.“

 

Die intellektualiserte Erklärung von oben allerdings, ist mit Sicherheit genauso ausschließend und für viele unverständlich und kann daher den Ausschluss der deutsch Erzogenen nur in wenigen Fällen aufheben; für die deutsch Erzogenen bleibt es Ableismus.

(Für deutsche akademische Tänzer_Innen: Ich weiß, dass auch ihr wisst, dass es keinen Ausdruckstanz gibt ohne Unterdrückung. Man drückt Unterdrücktes aus – auch hier. Aber das weißt du eben, weil es mind. dein Hobby ist- das ist der breiten Masse so nicht klar.)

Was ich daraus lerne: So betrachtet ist das OneBillionRising-Event ein hervorragendes Beispiel für die Notwendigkeit intersektional zu denken. Die drei relevanten Faktoren sind hier also

  1. (Cap)Ability to understand / Bildungsprivileg
  2. Kultureller Hintergrund / Whiteness
  3. (Cap)Ability to dance als „körperliches Verstehen-Können“ als Zugang zu diesem Medium

 

Whiteness ist hier ein Nachteil in Bezug auf den dritten Faktor, da man als deutsch oder ähnlich Erzogene einen längeren Weg vor sich hat, um verstehen zu können, warum das „Getanze“ hier kein Spaß ist, sondern per se ein Ausdruck einer Unterdrückungsgeschichte und deshalb mehr als passend gerade für eine feministische Aktion. Nur für diese tritt daher der Faktor Ableismus-Achse 1 in Kraft. (Nur für diese haben wir eine Rede gehalten.)

 

Daher das Fazit: Wer in diesem Land nicht der rassistischen Esoterik Enslers folgen will, braucht wesentlich mehr Privilegien als dies in anderen beteiligten Nationen der Fall ist. Diese Privilegien, die deutsch Erzogene brauchen, um an der Idee teilzuhaben, sind Dinge wie der Zugang zu Informationen, Reisen, Wissen, Bildung, musikalische Bildung oder Sinn für Kunst. In anderen Ländern nämlich (in Argentinien, Brasilien, Südspanien, Jamaica (-> Capoeira ist ein gutes Beispiel für eine sehr junge, neue Tanzart der Unterdrückten) und vielen anderen Nationen) liegt die Verbindung von Tanz und Protest auf der Hand und ist einer breiten Masse durch die Kulturgeschichte ohne zusätzliche Worte und freud-los zugänglich.

 

In einem Satz:

Eve Ensler hat sich selbst ans Schienbein getreten. Dadurch, dass sie in der Logik der Kolonialisierung ihre weiße esoterische Idee des Reinigungs-Freudentanzes über den ganzen Globus verbreitet hat, wurde der Bewegung der Zugang zu Tanzformen, die wesentlich mehr Sinn machen, verwehrt. 

 

long_way_up

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2013/02/whiteobr/

Hinterlasse einen Kommentar zu Einführung in die Antipsychiatrie » takeover.beta Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>