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Klassismus intersektional denken

 [Die Kommentarmoderation ist stillgelegt, bis die internen Absprachen gelaufen sind. Es ist egal, was ihr in der Zwischenzeit schreibt, ob Pro, Contra oder Jein, es wird von mir nichts mehr freigeschaltet, solange die Interna nicht geregelt sind.] – Zur Erklärung der Interna hierlang.

Wunderschöner Artikel zur Erklärung des Konflikts, der lief, von einem meines Wissens daran unbeteiligten Beobachter, für den ich sehr dankbar bin:

http://thewholebakery.wordpress.com/2013/03/12/anti-klassismus-und-anti-kapitalismus/

 

Zunächst möchte ich meinen vollen Support für die Thematisierung von Klassismus gerade auch innerhalb der „Linken / der Blogosphäre aussprechen. Wie mein Nickname verrät, ist dies auch für mich ein sehr wichtiges Thema. Und auch ich habe mich lange nicht am politischen Diskurs des Feminismus sowie der Linken beteiligt, weil ich nicht bürgerlich genug war, ihren Code zu imitieren.

 

In diesem Post möchte ich zwei sachliche Punkte ergänzen, damit es nach der Sensibilisierung für das Thema, die durch die letzen vier Artikel von ClaraRosa , Regenbogenmaschine , insideoutsidenowhere und viruletta entstehen kann und sollte, mit inhaltlichen Überlegungen weitergehen kann.

Bei keiner Dimension von Intersektionalität erscheint es mir gleichzeitig so wichtig und so „gefährlich“, sie intersektional zu denken. „Gefährlich“, weil ich befürchte, die ein oder andere könnte das in den falschen Hals kriegen, da es oft mit Blaming verwechselt wird, obwohl es keines ist. Daher nochmal ausdrücklich: Ich schätze eure vier Artikel sehr und ich schätze sie als Rant und als biographische Texte, ich befürchte lediglich, dass dabei zwei Dinge durcheinander geraten.

 

Klassismus und Ableismus müssen in der Debatte getrennte Dimensionen bleiben. Das ist mir gerade deswegen so wichtig, da wenn mensch beides in einem Atemzug nennt, das Klischee, dass Menschen, die wenig Geld haben auch gleichzeitig wenig gebildet sind, dadurch reproduziert wird. Und gegen dieses Vorurteil möchte ich kämpfen und auch ihr habt dieses Vorurteil ja angesprochen. Wenn das Benachteiligen von Menschen mit geringerem Bildungsstand aber auch einfach als „Klassismus“ bezeichnet wird, wie es in den vier Tagebuch/Rant-Einträgen teilweise geschah, erhärtet sich dieses Vorurteil mehr und mehr. Deshalb wäre ich froh, wenn es eine Möglichkeit gäbe, diese beiden Dimensionen der Intersektionalität getrennt zu benennen und dann erst im zweiten Gedankenschritt zu zeigen, dass natürlich viele Menschen von beidem betroffen sind. Deshalb mag ich den Intersektionalitätsbegriff ja so gerne, weil er gerade das zeigt, dass Menschen, die von einer Ungleichheitsdimension betroffen sind, oft unweigerlich in andere Dimensionen reinrutschen. Also eben am Beispiel, dass von Klassismus Betroffene oft und auch systematisch von Ableismus Betroffene werden. Aber dennoch sind es zwei Paar Schuhe, denn wie gesagt, das Vorurteil vom „d*mmen Ba*er“ will ich nicht reproduziert sehen, indem das Wort Klassismus auf Bildungsdebatten nur halb-richtig angewendet wird.

 

Glossar-Einschub:

Klassismus bezeichnet die strukturelle Benachteiligung von Menschen aus der sogenannten „Unterschicht“ bei Prozessen der Partizipation am kulturellen, sozialen und politischen Leben. „Unterschicht“ bezeichnet dabei die soziale Schicht (englisch eben „class“, wie früher bei den MarxistInnen „Klasse“, was eigentlich nicht mehr ganz richtig und zeitgemäß ist), deren „sozioökonomischer Status“ in der Gesellschaft durch die Geringschätzung ihrer Berufe, Tätigkeitsfelder und die damiteinhergehende geringe Entlohnung sowie Prekarisierung (Drohung der Arbeitslosigkeit, Teilzeit, Rente, Mini-Jobs) herabgestuft wird. Diese Herabsetzen bedeutet oft auch eine Geringschätzung der durchaus vorhandenen Bildung. (zB die Vorurteile wie, dass das was ein_e Handwerker_In könne ja keine große Kunst sei)

 

Ableismus bezeichnet die strukturelle Benachteiligung von Menschen, die eine für die konkrete Situation relevante Befähigung nicht haben. Dies kann eine Behinderung im engeren Sinne sein oder eben die Fähigkeit an Informationen zu kommen, zu lesen (zB Alphabetisierungsdebatte) oder sich zu bilden. Im Bereich Bildung bedeutet Ableismus in der Regel einen Teufelskreis: Aufrgund der fehlenden Capability (nach Nussbaum „Capabilities Approach“. Sie bricht die künstliche Unterscheidung zwischen Behinderung und behindert werden auf, indem sie zeigt, dass die Diskriminierungsprozesse dieselben sind) hat der Mensch wiederum geringere Chancen, sich zu befähigen. (Also kurz: Menschen mit geringerer Bildung haben schlechtere WEITERbildungschancen, egal wie viel Geld sie haben!).

Bekannte Beispiele dafür, dass das verschiedene Dinge sind: In Kuba sind die Taxifahrer reicher als die Ärzte.

Unternehmer_Innen in Deutschland, die nicht studiert haben, aber steinreich geworden sind, haben große Probleme von den anderen als gleichgute Unternehmer_Innen gewertschätzt zu werden.

 

Der zweite Punkt, den ich machen möchte ist, dass ich das Gefühl habe, es wird übergangen, dass insbesondere die Linke nicht nur in einer bestimmten Klasse stattfindet, sondern auch in einem bestimmten Milieu. Ich weiß, einige von euch bekommen bei diesem Wort bereits allergischen Hautausschlag ;-) . Aber das ändert nichts daran, dass es der Fall ist und dass eine andere Empowerment-Bewegung, nämlich die ANTI-KLASSIST_INNEN DER ERSTEN STUNDE ! hart dafür gekämpft haben, dass diese Unterscheidung gemacht wird. Also bitte, lasst diesen Menschen ihre Stimme, die lange vor euch über Klassismus nachgedacht haben. Eure Arbeit hat eine wesentlich längere Tradition als ihr denkt. Ich bitte euch: Nutzt doch diese Vorarbeiten, nehmt sie wahr, sie haben uns allen viel zu bieten. Eine von euch hat Bourdieu genannt: Ironisch, denn Bourdieu kommt wirklich aus der Gosse. Er hat Soziologie studiert, weil er sich gegen Klassismus wehren wollte! Weil er nichts hatte! Bourdieu ist nicht nur einer unserer Allies, er ist (bzw war) ein Mitbetroffener! Lasst dem Mann doch seine Würde.

 

Bourdieu-Einschub: 

Bourdieu ist auch der Mann, der als er es sich später leisten konnte das berühmte Werk “Das Elend der Welt” herausgegeben hat, in dem er Tagebucheinträge und Geschichten aus dem täglichen Leben, genau solche wie die der vier Bloggerinnen oben, publiziert hat. Damit hat er seine Macht als Professor genutzt, damit nicht seine Stimme, sondern die Stimme der Menschen, denen er sein ganzes Werk gewidmet hat, gehört wird! Wenn über den Mann hergezogen wird, kommen mir die Tränen. Das hat er nicht verdient. Auch dann nicht, wenn gewisse “Linke” ihn ständig ausnutzen um die letzte Scheiße zu rechtfertigen.

 

Insbesondere, wenn es um Phänome geht, wie den Ausschluss von Menschen, die in Sitzungen überhört werden oder sich erst gar nicht trauen, dort zu erscheinen, weil sie die dort vorherrschende Sprache nicht sprechen, müssen wir, wenn wir zu einer Lösung kommen wollen, über Sprache und Habitus sprechen. Und darüber wurde schon sehr viel gesprochen. Und dann sollte mensch nicht so tun, als müsste mensch das Rad neu erfinden. Das tut mir weh, dass so viele Menschen, die nicht nur Allies, sondern Mitbetroffene sind, da einfach übergangen werden. Gerade in den Massenmedien haben diese Ansätze es schließlich schon zu Anschlussfähigkeit gebracht (zB durch den Begriff der „Chancengerechtigkeit im Vergleich zu Chancengleichheit“-Debatte). Da ist so viel schon passiert. Und auch diese Unterscheidung bedeutet, nicht aus Versehen klassistische Vorurteile zu reproduzieren, wenn mensch über Klassismus spricht, denn auch hier gilt: Natürlich gibt es innerhalb der Untersschicht viele Familien, die sehr viel Wert auf Bildung legen. Und natürlich gibt es Kinder, die in derselben Klasse/Schicht noch nicht mal mehr diese Chance auf Empowerment in der Kernfamilie haben, weil sie eben in einem anderen Milieu groß werden. Wer nur über Class spricht, ohne über Milieus zu sprechen, läuft Gefahr diese Verhältnisse zu verschweigen. Wie gesagt, das soll kein Vorwurf an euch vier sein, aber an der Stelle tut es eben mir weh, wenn das übergangen wird. Ich bin offline seit zehn Jahren in der Debatte drin, weil ich den Sprachcode des Feminismus nie beherrscht habe und dort nie mitreden konnte. (Kleines Schmankerl am Rande: Das ging so weit, dass mich Stephanie irgendwann für „unpolitisch“ hielt, weil ich mich nicht mehr mit ihr über Politisches unterhalten habe ^^). Auf jeden Fall, fände ich es ein bisschen schräg, so zu tun, als wäre dieses Thema immer nur totgeschwiegen worden, denn es ist in den Massenmedien sowie in der sozialwissenschaftlichen Forschung sogar präsenter als Feminismus. Es wird dort eben nur anders formuliert. Im Gegensatz zu Feminismus füllt Klassismus in der Soziologie so viele Bücherregale, dass es in der Bibliothek eine eigene Abteilung hat. Das Grundlagenfach, das jede_r Sozialwissenschaftler_In kennt, heißt „Soziologie der Ungleichheit“ und es ist einfach falsch zu behaupten, dies sei insgesamt ein unterbearbeitetes Thema. Es ist ein Thema, vor dem die Linke schon sehr oft Angst hatte, es in den eigenen Reihen zu reflektieren, ja. Aber es ist ein Feld, das seit über 40 Jahren unablässig beackert und beforscht wird. Bitte vergesst das nicht.

 

Herzliche Grüße

long_way_up

 

Storno an Kasse 3, bitte.

-Ich habe einen Fehler gemacht: Ich hatte, bis mir einige “Linke” hier unter den Artikel geschissen haben, keine Dimension davon, wie angestrengt manche “Linke” versuchen, nicht über Klassismus in den eigenen Reihen nachzudenken und wie sehr die den Arsch offen haben. Wer will, kann dies unten nachlesen. Kurzfassung aus meiner Perspektive: Da kommen ein paar Menschen und erzählen, dass ihr sie klassistisch ankotzt und ihr wollt mir erzählen, dass ihr denen nicht zuhören könnt, weil ihre Vorstellung von Klassismus auf einer falschen Annahme von “Mittelschicht” und “Privileg” basiert. Fickt euch!

Ich glaube zwar immer noch an das, was ich oben gesagt habe, aber nun hab ich gesehen, womit es in Verbindung gebracht wird und ich habe keine Lust Futter zu bieten für falschrum links-Gestrickte, die es in ihrem revolutionären Eifer nicht für nötig halten, Menschen zuzuhören: Wer seine kommunistische oder sonstwie geartete Ideologie über die Menschen stellt, die in dem System wie es nun mal ist, so kapitalistisch wie es ist, leiden und dieses Leiden ausdrücken, kann mir gestohlen bleiben.

Entschuldigen möchte ich mich also dafür, dass ich euch unwissentlich damit getriggert habe, etwas zu sagen, dass euch an diese Struktur erinnert. Diese Scheiß-Comments unten (und einige nun gelöschte) hab ich gebraucht, um zu sehen, dass es allen Ernstes Leute gibt, die euch absprechen wollen, dass ihr von Klassismus betroffen seid, und das nur, weil es ihnen nicht in die kommunistische Ideologie passt. Dafür hats bei mir – zugegeben lange gebraucht. Sorry.

Der Text oben ist nur gestrichen, nicht gelöscht, da ich wie gesagt, immer noch glaube was ich gesagt habe, aber es offensichtlich in eine schräge Ecke gestellt wird. Warum, kann ich mir erst seit einigen Stunden vorstellen. In jedem Fall ist es mir, um mich ausdrücklich von dieser Ecke abzugrenzen, wichtiger etwas gegen den Klassismus im bestehenden System zu tun, als unter Berufung auf kommunistische Wunschphantasien, den Menschen, die unter dem Kapitalismus leiden, auch noch ans Bein zu pinkeln, weil sie natürlich eine Klasse konstruieren müssen, um auf Klassismus hinzuweisen!

Alles Liebe

long_way_up

 

[Die Kommentarmoderation ist stillgelegt, bis die internen Absprachen gelaufen sind. Es ist egal, was ihr in der Zwischenzeit schreibt, ob Pro, Contra oder Jein, es wird von mir nichts mehr freigeschaltet, solange die Interna nicht geregelt sind.]

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14 Kommentare

6 Pings

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  1. 1
    ClaraRosa

    wir (ein teil der angesprochenen blogger_innen) haben uns auf diesen post zusammen getan und entschieden gemeinsam zu antworten.

    soviel erst mal von uns.

    [freigeschaltet von Marlen_e]

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  2. 2
    tante ösi

    “Unternehmer_Innen in Deutschland, die nicht studiert haben, aber steinreich geworden sind, haben große Probleme von den anderen als gleichgute Unternehmer_Innen gewertschätzt zu werden.”

    mir kommen gleich die tränen. nicht mal die herausragenden ausbeutungsleistungen der klassistisch diskriminierten kapitalistInnen werden anerkannt. jössas.

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  3. 3
    Judith

    tante ösi,

    Meistens sind es ja gerade die Unternehmer, die ihre eigene Firma aufgebaut haben, die gerade ihre (Mit-)Arbeiter NICHT ausbeuten, sondern nur die großkotzigen abgehobenen vom Vorstand hereingeholten Typen, die erst mal die Firma gegen die Wand fahren, dann die Belegschaft büßen lassen (oder einfach so die Belegschaft büßen lassen um vor den Aktionären gut auszusehen) und dann noch mächtige Boni erwarten.

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  4. 4
    MZ

    Sich als “Arbeiterkind” in der Konkurrenz der Kapitalisten durchsetzen wollen und Anerkennung für’s eigene Latinum fordern. Das ist der Klassenverrat der Anarchisten 2013.

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  5. 5
    tante ösi

    Judith,

    hi judith,

    ich verwende den begriff ausbeutung nicht moralisierend, sondern im ökonomischen sinne. auch bei den firmen, die ein mensch aufbaut, die nachher leute beschäftigt, gilt: die beschäftigten haben mehr reinzuwirtschaften als sie kosten (lohn). die differenz macht den gewinn aus, und lohnkosten sind als abzug vom gewinn immer ein zu drückender kostenpunkt – wobei man die auch drücken kann, indem man die produktivität steigert. das führt dann “nur” zu einer relativen verarmung der beschäftigten.

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  6. 6
    tante ösi

    noch was zu den zig büchern, ja stimmt, ganze regale sinds: ich behaupte jetzt frech, dass die mehr zur verrätselung des phänomens, dass es da auf der einen seite einen riesenreichtum gibt, auf der anderen seite aber ärgste armut, beitragen, als es zu erklären.
    “bildungsferne” pipapo: alles nur schlecht getarnter klassenrassismus (manche nennens klassismus).
    lustig übrigens auch, dass jahrzehnte der “wissenschaftlichen” forschung die armut kein bisschen zu mildern vermochten. man mag sich mal die frage vorlegen, woran das liegt. vielleicht produziert man ja zu 99,9% ideologische rechtfertigungen für die realexistierende klassengesellschaft? die 0,01%, die das nicht tun, werden übrigens flott aus den unis rausgesäubert.

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  7. 7
    long_way_up

    Liebe Tante Ösi,
    deinen Post

    http://tante-oesistan.at/klassenrassismus-und-klassismuskritik-i/20130310

    mag ich sehr gerne. Mehr wollte ich nicht sagen, als dass Bildung und Einkommen und somit auch die Achsen Klassismus und Ableismus getrennt zu denken sind, oder wie es in obigem Post heißt:

    “Armut verdankt sich nicht sog. Bildungsarmut, auch wenn Ideologen wie Paul Nolte anderes behaupten. Nein, ein Goethe-Gedicht kann man nicht fressen, und wenn Bill Gates Nachkommen dumm wie Stroh sind, ist das scheißegal.” (Tante Ösi)

    Wenn euch meine Formulierung nicht passt, könnt ihr es also da noch mal anders formuliert lesen.

    Alles Liebe
    long_way_up

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  8. 8
    tante ösi

    long_way_up,

    hi lang_way_up,

    erstens möchte ich mal um entschuldigung bitten für meinen barschen ton. den habe ich manchmal, und er tut der debatte nicht gut.

    zweitens verstehe ich den post immer noch nicht ganz. du schreibst zb

    “Menschen mit geringerer Bildung haben schlechtere WEITERbildungschancen, egal wie viel Geld sie haben!”

    und da würde ich sagen: die haben es auch gar nicht nötig, sich zu bilden. bildung ist hier und heute zuallererst etwas, was dazu dient, sich selber tauglich herzurichten fürs kapital. egal ob mit scheinen und titeln an der uni, die dann im bewerbungsschreibung gut kommen, wo man sich anpreist, um dann ausgenutzt zu werden, oder im rahmen repressiver arge-schuldungen.
    menschen, die viel geld haben, müssen sich das nicht geben, können einfach privat und ohne titeleinheimsere (weiter)bildung betreiben, zB viel lesen oder rumfahren und sich die welt anschauen. und da im hier und heute zuallererst nur das als bildung gilt, was fürs kapital und den bürgerlichen staat von interesse ist, kommt beim bilden nach lust und laune vllt sogar was ordentliches rum in sinne von: da erschließt man sich mal wirklich was.

    lange rede, kurzer sinn: von benachteiligung kann man da kaum reden. die betreffende person hat im gegenteil ziemlich viel glück, weil eben nicht dem bildungssystem ausgeliefert.

    mit ausgeliefert meine ich: menschen, die nicht über viel geld verfügen, müssen eine ausbeutungsstelle finden, also jemanden, den sie reicher machen können, um selber mehr schlecht denn recht überleben zu können. also eigentlich ist man schon mal prinzipiell am arsch. und genau für die menschen, die in dieser lage stecken, ist das bildungssystem ne echte bedrohung.

    a.) auch wenn man noch so viele titel einheimst – nachdem man sich in der schulkonkurrenz gegen andere durchgesetzt hat -, man hat dann immer nur ne chance (auf, sehr bescheiden, eine ausbeutungsstelle, die vltl etwas besser bezahlt ist): eine chance ist aber nicht identisch mit ihrer realisierung. man hat es also auch mit zig titeln nicht selber in der hand, wie man da steht, sondern ist immer noch dem kapital unterworfen. (es ist also (klassistische) ideologie zu meinen, titel werden eine dem proletariat entheben.)
    b.) umgekehrt ist es für jene, die in der bildungskonkurrenz verlieren, so, dass über ihr schicksal bereits entschieden ist. denen wird mit dem ausselektieren sogar die chance genommen. mit einem hs-abschluss erwartet dich nun mal hier und heute hartz-iv oder brutalst beschissene arbeit. in den herrschenden verhältnissen ist nach unten ja alles offen.

    aber das gilt eben nur für menschen, die aus dem proletariat stammen. also menschen, die nicht über so viel privateigentum/geld verfügen, dass sie sich damit reproduzieren können, und daher darauf angewiesen sind, sich anderen anzudienen, um überleben zu können. und wenn man sich mal so die löhne anschaut, dann merkt man schnell, dass wir hier von mindestens 90% der menschen in deutschland reden.

    so, mir wars einfach wichtig zu sagen, was hier und heute bildung ist und dass man dieser mit viel glück entfliehen kann. was positiv ist für die betreffende person – außer natürlich die person ist sehr ideologisch unterwegs und auf ihre “ehre” bedacht. aber auch dieser ideologische fehler, die sich so mancher reiche mensch leisten mag, macht die bildung noch lange nicht zur notwendigkeit.

    [Freigeschaltet von Zweisatz]

      Zitieren  Antworten

  9. 9
    Zweisatz

    Das ist mir gerade deswegen so wichtig, da wenn mensch beides in einem Atemzug nennt, das Klischee, dass Menschen, die wenig Geld haben auch gleichzeitig wenig gebildet sind, dadurch reproduziert wird.

    Was ist denn das anderes als Victim Blaming? Etwas nicht tun zu sollen, weil andere daraus negative Stereotype formen, ist doch absurd.

    Klar wurde zu dem Thema schon Vieles gesagt, aber du sprichst 4 Autorinnen* an, die das Thema gerade gegen viele äußere und innere Widerstände zur Sprache gebracht haben. Wenn ich dann ein “ließ erst mal die Theorie” vor den Latz geknallt (Redewendung) bekäme, käme ich mir ziemlich verarscht vor. Vor allem in einem Kontext, wo es um Bildungschancen und Ausschluss von solchen geht. Aber ich schätze, dazu werden sie selbst noch was schreiben.

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  10. 10
    long_way_up

    Zweisatz,

    In dem Artikel steht nirgends “Lies mal Theorie” und ich weiß echt nicht, warum gewisse Menschen ihn unbedingt so verstehen wollen. Da steht lediglich, dass Bourdieu zum Reizwort geworden ist und durch den Dreck gezogen wird, und dass ich finde, dass er das nicht verdient hat. Weil er übrigens ein Mitbetroffener ist und KEIN ALLY! Genauso wie ich! Da steht nicht, ihr sollt den lesen, da steht ihr sollt aufhören ihn durch den Dreck zu ziehen und so zu tun als wärt ihr die ersten Anti-Klassistinnen der Welt.
    Das ist kein Victim-Blaming, aber ja das ist Blaming, denn: ihr tragt teilweise die falsche Bezeichnung vor euch rum, dafür wovon ihr denn “victim” seid. Die platteste Art das zu zeigen: Wenn ihr nur von Klassismus betroffen wärt und meine Ergänzung um “Ableismus” völlig irrelevant, dann gehören wir beide zur selben Betroffenengruppe. Schau mir virtuell in die Augen und sag mir dass das dein ernst ist!
    Ihr müsst euch schon entscheiden: Entweder ich bin in eurer Welt nur ein Ally undzwar ein schlechter, dann seid ihr bisher zu undifferenziert gewesen, denn bisher waren wir peers. Oder ihr akzeptiert, dass an dem Artikel was dran ist, also dass es hier nicht nur um Klassismus geht, dann könnt ihr gerne weiter so tun, als hätte ich mit der gruppe, von der ihr sprecht, nichts zu tun.

    PS: Die Definitionen sollten übrigens wirklich keine Belehrung sein, sondern einfach eine Abgrenzung zum Ansatz von zB Tante Ösi. Sie bezieht ja Klassismus auf 90% der Bevölkerung (s.o). Wie ich euch verstanden habe, geht es euch aber -wie mir- um obige Definition, die auf die Benachteiligung im Vergleich zur Mittelschicht eingeht. Das Glossar sollte niemandem hier unterstellen, er_sie wisse nicht was das ist, sondern lediglich helfen, klarzustellen, wer was meint, wenn er Klassismus sagt.

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  11. 11
    long_way_up

    tante ösi,

    Liebe Tante Ösi,
    was du ansprichst, ist mir zwar auch wichtig, aber wie du dir vorstellen kannst, hat der “Klassismus” über den die vier Bloggerinnen und ich oben sprechen, für mich gerade Priorität.
    Ich geb dir völlig Recht, dass hinter “Bildung” eine bürgerliche Ideologie steckt und dass die hier vertretenen Ansätze von “Antiklassismus” und Ableismus das System reproduzieren, indem sie den – ich nenns jetzt mal -”Aufstiegsmythos” weiter nachbilden. Danke dir, dass du diesen Aspekt einbringst. Aber wenn ich deinem Gedanken folge, habe ich keine Schnittmenge mehr, mich über das oben gemeinte systemimmanente Phänomen zu unterhalten. Dieser Diskurs ist mir aber grade sehr wichtig.
    Von daher können wir unseren Teildiskurs vielleicht vertagen?
    Herzliche Grüße
    long_way_up
    PS: Mit deinem Ton ist alles in Ordnung ;-)

      Zitieren  Antworten

  12. 12
    tante ösi

    long_way_up,

    sorry, ich gleich noch mal: mittelschicht ist ideologie. das haben nicht mal die urheber dieser theorie verschwiegen.

    die “mittelschicht” startet in deutschland bereits im jahre 2010 bei 866 euro netto / singlehaushalt. bei diesem betrag fällt auf: da ist man arm. man ist da auch arm, wenn andere – gut 25% der in deutschland lebenden menschen – noch ärmER ist. die sog. “oberschicht” startet bei gut 2.200 — ich mein, das kann doch nicht ernstgenommen werden. was hat der betrag bitte mit dem vermögen zu tun, bei dem es um ganz andere dimensionen geht? auch mit 2.200 im monat musst nächsten monat wieder zum dienst beim kapital antreten.

    bei dieser elenden mittelschicht-def trennt dich 1 euro von der sog. “unterschicht”. das ist schwachsinn. die ökonomsiche lage ist dieselbe. und das ändert sich auch nicht, wenn die angehörigen der sog mittelschicht sich für was besseres halten in ihrem klassenrassismus/klassismus. nein, sie sind ncihts “besseres”.

      Zitieren  Antworten

  13. 13
    tante ösi

    long_way_up,

    hi,

    ich verstehe das nicht. du sagst, die von mir vorgebrachten argumente stimmen. dann frag ich mich, wie du dann deine ansicht weiter pflegen kannst. ich möchte auch in anspruch nehmen, dass ich nicht nur “aspekte” einbringe. du willst damit ja sagen: das kann man so sehen, oder so. ich behaupte jetzt: nein, es kann nur eines richtig sein. das aspekte-gerede macht mich etwas verärgert, weil es meistens eine ganz gemeine tour ist, die nur darauf abzielt, eine zum verstummen zu bringen: halt ein aspekt, schön, dass du den eingebracht hast, und jetzt schluss. aber meine argumente sind schon mehr und ich würde mich freuen, wenn die ernst genommen werden, statt mit dem verweis auf die “aspekt”-ideologie abgetan. das aspekt-gefasel, das sich nicht für die erschließung des gegenstandes interessiert, sonst würde es nicht a und b nebeneinander stehen lassen, obwohl nur eines richtig sein kann, regiert bereits die uni. ich finde es schade, wenn das außerhalb der uni dann fortgeführt wird.

    in der mod steckt noch ein kommentar zur “mittelschicht”. der wäre mir wichtig. wenn du oder andere dann nicht debattieren wollt/en, kann ich eh nix machen.

    gruß, tante ösi

      Zitieren  Antworten

  14. 14
    long_way_up

    Liebe Tante Ösi,
    kann dir nicht antworten, ohne die Diskussion zu derailen. Daher mein Schweigen.
    Es geht hier um mittlerweile 7 posts, die die Benachteiligung der sog. “Unterschicht” ggüber der sog. “Mittelschicht” thematisieren. Wenn ich auf dein “Mittelschicht gibts nicht”Argument eingehe, sind alle sieben posts, inklusive meiner, mundtot.
    Deshalb bitte ich nun abermals um Verständnis.

    PS : “Aspekte”, weil ich nicht an Wahrheit glaube. Aber das ist gewiss ein wissenschaftstheoretisches Problem und das wird an der Uni auch gehasst, sonst würden sie Paul Feyerabend nicht zum Feind der Wissenschaft karikieren.

      Zitieren  Antworten

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