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Name: Stephanie Mayfield
Angemeldet seit: 27/01/2012
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  1. Diskussion um den Begriff “blind” — 17/02/2013
  2. Rant: Feminismus, Generationen, Wellen — 13/02/2013
  3. Die Nougat-Klausel für Mietverträge — 09/02/2013
  4. Knappe Gedanken zu Weltanschauung, Religion und so — 02/01/2013
  5. Groß und nackt — 17/12/2012

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  1. Ausgliederung der Adultismus-Diskussion — 44 Kommentare
  2. Verarsche ich Euch? — 19 Kommentare
  3. BERLIN!!!111einself!!11 — 18 Kommentare
  4. Selbstmord aus Neugier — 18 Kommentare
  5. Die Nougat-Klausel für Mietverträge — 15 Kommentare

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Diskussion um den Begriff “blind”

Unter einem Artikel von long_way_up ist eine Diskussion über den Begriff “blind” entstanden, die ab sofort hier weiterverfolgt werden soll. Aus dem Artikel “Why dancing?” wurde der Begriff entfernt.

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Rant: Feminismus, Generationen, Wellen

Schnauze voll… Seit 2009 habe ich mir zu Generationenfrage im Feminismus die Finger wund geschrieben und den Mund fusselig geredet (RW). Als Nadine Lantzsch und Kathrin Ganz dann vor einer kleinen Weile darüber bloggten, als wäre es das erste Mal, dachte ich mir, dass ich mir zu Schade bin, sie selbst darauf zu verweisen, inwiefern sie von mir klauen.
Das klingt nicht gut und für Plagiatsvorwürfe fehlt das Gremium. Also nein, natürlich wurde nicht geklaut. Wahrscheinlich hat nie auch nur Eine meine Texte bei der MM und bei Generationendialog gelesen.

Hätten sie vielleicht jedoch tun sollen. Magda Albrecht hat gerade wieder darüber gebloggt und netterweise ausgeführt, warum das Wellenmodell schwierig ist:

„Vorgekaut wird uns das Märchen von den drei feministischen Wellen, die sich bei näherer Betrachtung als viel zu verengt auf eine weiße US-amerikanische und west­europäische Geschichte beziehen. Es ist ein Schema, dass die Kämpfe in vielen anderen Regionen auf der Welt un­sichtbar macht, vor allen Dingen, wenn sie nicht in den Hoch­zeiten der so genannten Wellen stattfanden. Das Wellen-Modell begünstigt so einen homo­genisierenden Blick auf feministische Aktionen und Themen und negiert die Unter­schiede innerhalb (!) einer Bewegung.“

So besehen hat sie nicht Unrecht, nur gibt es zumindest in Deutschland das Wellenmodell in verschiedenen Bewegungen. Die Wellen bedienen die öffentlichkeitswirksamen Pieks/Ausschläge im historischen Verlauf der Bewegung. So habe ich meines Wissens in meiner Schulzeit die 7. Welle der Antira-Bewegung gestreift. Existieren die Bewegungen zwischen den Wellen? Sicherlich! Sind diese inhaltlich wesentlich weiter, als über die Pieks vermittelt? Natürlich! Treten die Wellen weltweit auf? Eher nicht. Es geht darum bei den Wellen einfach nicht.

Als ich die „7. Antira-Welle“ streifte, wurde ich über verschiedene Stellen über Nazi-Skinheads aufgeklärt. Für mich war das neues, erstrebenswertes Wissen, war schließlich „aktuell“. Das ist natürlich Humbug. Aber die Pieks schaffen den Anschluss neuer Menschen an eine bestehende Bewegung und diese Menschen schließen sich meist mit dem Schul-/Medienwissen an, nicht mit der Bewegungsgeschichte, -theorie und -praxis. Heißt es fehlt Wissen und meist hat den Menschen vorher kein Mensch gesagt, dass das Schul-/Medienwissen unzureichend ist. Daher braucht es meist sehr lange, bis 1. erkannt wird, dass etwas fehlt und 2. dieses Wissen angeeignet wird.

Womit wir bei dem Thema sind, dass die genannten Autorinnen ja schon eine ganze Weile feministisch unterwegs sind und jetzt langsam bemerken „Huch, wir müssen uns auch mit den Älteren beschäftigen“. Die Piek-Peergroup sind halt nicht alle, aber sie spiegeln die gleiche Welt. Ich erinnere mich an ein Interview-Gespräch in der Emma, in der vor allem die „jungen Feministinnen“ ganz erstaunt waren, dass die Inhalte der Emma teilweise gar nicht so gedacht sind, wie sie glaubten (z.B. die Trennung von Erotika und Porno). So ein fehlendes Wissen kommt halt über Wellen zustande. Nicht schlimm, aber dann halt nicht so tun, als wäre alles ein Brei.

Woher kommt dieses plötzliche Interesse? Wiederum in Magdas Text (aber auch in Nadines) finde ich einen Hinweis:

„Wer also in einer Stiftung, in einer Partei oder einer Behörde frauen- oder gender­politische Arbeit leistet, schwimmt vielleicht nicht im Geld (gekürzt wird ja gerade in der feministischen Arbeit gerne), aber hat trotzdem mehr Ressourcen zur Ver­fügung als die meisten nicht-kommerziellen queer_feministischen Projekte und Gruppen, die ich kenne.“

Am Anfang dachte ich: „Seltsam, wo hat sie die bloß alle gefunden? Ich kenne größtenteils nur verarmte Aktivistinnen der 2. Frauenbewegung.“ Dann jedoch fiel es mir wie Schuppen von den Augen (RW): Natürlich! Wer lädt schon Referentinnen ein und kann für diese auch bezahlen! Geradezu zwangsläufig müssen sie den besser Situierten begegnen.

Es würde allen mal gut tun, den verarmten Aktivistinnen und Projekten zu begegnen. Dann schreibt sich auch sowas nicht so leicht (ja, wieder Magda):

„aber sie sind heut­zutage häufig auch in privilegierteren Strukturen unterwegs als die durchschnitt­liche Aktivist_in um die 20. In den Communities, in denen ich unterwegs bin (z.B. bei Ladyfesten), können wir den Künstler_innen oder Workshop­gebenden höchstens mal eine Spende zahlen – die meiste Arbeit ist ehrenamtlich.“

Tja, Verarmung kommt in der Regel von so was. Das Projekt ist wichtiger als das Auskommen. Hab ich ja auch schon drüber gebloggt…

Ach, rutscht mir doch alle den Buckel runter (RW).

(Sabine, ich habe Deinen Text dazu noch nicht gelesen. Ich hol’s nach, sobald ich mich abgeregt habe.)

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Die Nougat-Klausel für Mietverträge

Mietverträge lesen sich für Mieter_innen ja eher schlecht. Während die Vermieter_innen sich größtenteils von allem Möglichen freisprechen, werden die Mieter_innen größtenteils eigentlich nur mit Pflichten beladen. Das ist im privaten Bereich so und im Gewerblichen ist’s nur noch schlimmer. Selten ist eine_r in der Position zu verhandeln…

„Aber!“ schreien jetzt die Jurist_innen „die meisten Mietverträge sind sowieso quatsch und überhaupt prima vor Gericht anfechtbar!“. „Sicherlich“ denken die potenziellen Mieter_innen „aber welche_r will sich schon vor Gericht mit dem/der Vermieter_in kloppen und überhaupt steckt das für die Rechtschutzversicherung vorgesehene Geld in der Miete…“

Die beste Basis für ein gelungenes Mietverhältnis ist ein kooperatives und vertrauensvolles Miteinander zwischen Mieter_in und Vermieter_in. Während jedoch dieses vielleicht noch vor dem Lesen des Mietvertrags bestand, ist es spätestens nach dem Lesen seitens der Mieter_innen futsch.

Natürlich werden jetzt einige sagen: „Mietverträge sehen nun mal so aus.“ Oder „Ich als Vermieter_in hab’s auch nicht so dicke, dass ich mir einen nett ausgearbeiteten Mietvertrag leisten kann“. Aber das muss ja gar nicht so sein. Es gibt ab heute ein ganz einfaches Mittel den guten Willen seitens der Vermieter_innen zu zeigen:

Die Nougat-Klausel

Am Ende des Mietvertrags ist dafür ein ganz einfacher Paragraf einzufügen:

„§Z: Dem/der Mieter_in wird einmal jährlich eine handelsübliche Tafel Nougat-Schokolade unentgeltlich zur Verfügung gestellt.“ (wahlweise durch andere Süßigkeit zu ersetzen)

Da unterschreiben wir Mieter_innen doch gerne, oder?

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Knappe Gedanken zu Weltanschauung, Religion und so

Bei Antje Schrupp wird Atheismus diskutiert. Leider aufgrund eines Missverständnisses ging Ilona Klemens folgendermaßen auf die (nicht gestellte) Frage ein, warum im Frankfurter Rat der Religionen keine Atheist_innen vertreten sind:

„Als Geschäftsführerin und Mitgründerin des Rates der Religionen bin ich diese Frage ja gewohnt. Hier noch einmal: Es handelt sich um den Rat der Religionen und nicht der Weltanschauungen. Allerdings kommt der neue Atheismus dieser Tage doch mitunter recht religiös-missionarisch daher – wie man auch an ein paar Bemerkungen hier erkennen kann. Tatsache ist: der Rat ist offen für das Gespräch mit Atheisten und respektiert und unterstützt ausdrücklich religiöse und weltanschauliche Vielfalt. Aber sein Fokus ist nun mal das Verhältnis von Religion und Gesellschaft. Die Frage für mich ist: sind Atheisten offen für den Dialog (!) mit Religionen? Oder wollen sie nur feststellen und dafür werben, wie überflüssig diese angeblich sind?“

(Leider lässt sich der Kommentar nicht einzeln verlinken, aber hier ist der Artikel samt Kommentarthread.)

Es gibt sicherlich viele Thesen darin, auf die einzugehen sich lohnen würde (z.B. ein kleiner Religionswissen-Wettbewerb: Wieviele Religionen kennst Du, die nicht missionarisch unterwegs sind? Ich komme spontan auf 2: Die Quäker_innen und das (orthodoxe?) Judentum.), doch mich faszinieren vor allem
a) die Trennung von Religion und Weltanschauung,
b) die These, dass Atheist_innen nicht mit den Religiösen „spielen“ wollen und
c) die Grundvoraussetzungen für die Teilnahme am Frankfurter Rat der Religionen.

Ich fang mit c) an und zwar ohne Recherchen. Aus Klemens Kommentar schließe ich, dass die Teilnahme am Rat der Religionen nur auf Einladung möglich ist. Demensprechend wird es Kriterien geben, nach welchen diese Einladungen ausgesprochen werden. Angesichts der im Kommentar dominant vermerkten Trennung von Religion und Weltanschauung, werden diese wohl darin zu finden sein. Nur wie will eine_r dies trennen? Also, Wikipedia kann’s nicht ;-) (s. Religion & Weltanschauung). Ist’s der Glaube an mind. eine Gottheit? Dann dürften die Buddhist_innen nicht als solche mitspielen (dank an meine Lieblingsbuddhistin für dieses Wissen). Ist‘s das „für-möglich-halten von mind. einer Gottheit“? Vermutlich. Aber wo sind dann die Ag-& Ignostiker_innen im Rat der Religionen (ach, vermutlich die Buddhist_innen :D ). Aber während ich noch rätsele, wie zum Teufel (haha) die’s auseinanderklamüsern, kam’s schon lang zur Einigung im Thread bei Antje.

Benni kommentiert u.a. „In einen “Rat der Religionen” wollte ich mich nie einmischen wollen, keine Sorge.“. Äh, warum? Tatsächlich kam es unter keinem von Antjes Artikeln zu einem Aufbrechen der Trennung von Weltanschauung und Religion und ich schätze gerade darin liegt die Krux – in Kombination mit b): Die Athest_innen wollen mit den Religiösen nicht spielen.

Wenn Religionen als Weltanschauungen begriffen werden würden, müsste sich die atheistische Fraktion tatsächlich damit beschäftigen, ob es einen näheren Zusammenhang zwischen Theismus und Atheismus gibt. (Die banale Argumentation, um an etwas zu nicht zu glauben, setze die Existenz von dem, woran nicht geglaubt wird voraus, beweist auch die Existenz von Einhörnen. Lassen wir das hier mal bei Seite.) Aber eben auch umgekehrt: Wenn’s einen Rat der Weltanschauungen gäbe, wären die Religionen darin gerne vertreten? (Ich vermute ja, denn die Machtposition die damit zusammenhängt, ist den Religionen bewusst – im Gegenteil zu atheistischen Fraktion, denn sonst wäre diese sicherlich stärker dabei, im Rat der Religionen mitspielen zu dürfen.) Ich harre der Dinge die da kommen.

Noch ein paar abschließende Worte zum letzten Teil von Klemens Kommentar: „sind Atheisten offen für den Dialog (!) mit Religionen? Oder wollen sie nur feststellen und dafür werben, wie überflüssig diese angeblich sind?“

Die anscheinend maßgebliche Offenheit fasziniert mich schon. Also wie läuft das zwischen den Religionen, weil so richtig offen können sie gegenüber einander wohl kaum sein, sonst würden die andauernden Konvertierungen im Rat sicherlich für einige Verwirrungen sorgen. Scheint mir doch eher der gemeinsame Feind zu sein (“Die mögen uns alle nicht!”). Um’s mit Terry Pratchett zu sagen: „Schwarz und Weiß lebten in perfekter Harmonie zusammen und verbündeten sich gegen Grün.” (Total verhext) Tut auf jeden Fall was für den Weltfrieden.

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Groß und nackt

Ich musste 26 Jahre alt werden und ein Geschäft zu finden, welches ich nicht nach den Verkäufer_innen aussuchen musste. Als ich erstmals ein Schuhgeschäft meiner Zukunft besuchte, lernte ich, dass ich zur „Fransen-“Fraktion gehören würde. Mein Umfeld erziehe ich immer noch, neue Klamotten angemessen zu kommentieren. Mit meinem lesbischen Coming Out hörten ein Großteil der Sprüche auf, mit denen 90% der Frauen* auf meiner Augenhöhe konfrontiert sind. In Bussen sitze ich in den 4er-Sitzen, in Flugzeugen versuche ich einen der „Notausgang“-Sitze zu bekommen und mein Gesicht auf öffentlichen Toiletten im Spiegel zu sehen, ist dann doch eher eine Seltenheit.

Meine Körperhöhe wurde diagnostiziert, was sie zu einem Zustand macht. 1,90m +/- 5cm. Hormone oder Operation? Meine Mutter sagte „Nein“, damit kommen wir klar. Schon meine Oma wurde „Leni Leuchtturm“ genannt. In meiner Familie versauen wir gerne Altersschätzungen bei Kindern, schließlich ist nur einer meiner Cousins „normal“ groß. Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um mir einzuprägen, dass er nicht mehr im Kindergarten oder der Grundschule ist. Er war einfach so…klein.

Meine Kinderärztin war das Vorbild meiner Kindheit. Ich wollte nicht Ärztin werden, aber genauso groß wie sie. Sie musste sich immer unter der Tür durch bücken. Naja, dieses Ziel habe ich nicht erreicht, aber ich bin ihr und der Wahl meiner Mutter bis heute dankbar. Auf jeden Fall besser als der Kinderarzt, der meiner Mutter „Elefanten kriegen auch Elefantenkinder“ antwortete, als sie sich erkundigte, warum ich andauern hinfiel. Wachstum ist halt so eine Sache und diesen Prozess hatte ich mit 13 durch.

Zur Kommunion (mit 9) trug ich Brautschuhe, die Suche nach einem passenden (heißt genügend Länge) Kleid war nervenzermürbend. Zu meiner ersten Tanzstunde war ich erstmals in einem „Über- und Untergrößen“-Schuhgeschäft.  Die Untergrößen hatten Schleifchen und die Übergrößen Fransen. Die Farbauswahl war: Schwarz, Braun, Dunkelbau und Dunkelgrün. Der größte Stolz meiner Teenagerzeit waren hellgründe Turnschuhe. HELLGRÜN! Irgendwann fand ich ein Schuhgeschäft (Schuh Kaufmann), dass tatsächlich Auswahl hatte und höchstens 2-Jahre hinter dem jeweiligen Trend  zurücklag. Zum Glück war ich nicht so Mode interessiert, aber wie hätte ich dieses Interesse auch halten können?

Aber die Schuhe passen zu den Klamotten. Hochwasser (RW) in Hosen und Oberteilen habe ich lange Zeit in Kauf genommen, für ein bisschen mehr Spielerei und Auswahl. Irgendwann hat’s mir gereicht und ich wollte zumindest Hosen die lang genug sind. Was bedeutet Herrenabteilung. Der passende Laden war der, in dem das Personal so gut geschult war, mich nicht darauf hinzuweisen, wo die Damenabteilung ist. Manchmal hatte ich Glück und der_die Verkäufer_in antwortete auf „Ich hätte gerne ein Hose in Länge 36, 38 nehme ich auch.“ nicht mit „Welche Farbe/Machart denn?“. Je nach Laune ließ ich diese dann nach meiner Wunschfarbe suchen. Am Ende war ich froh, wenn ich mit einer Jeans nach Hause ging, die einigermaßen saß.

Dieses Jahr habe ich einen Laden (Weingarten) gefunden, der tatsächlich Überlängen anbietet. Der Hartnäckigkeit meiner Freundin ist es zu verdanken, dass ich mir den überhaupt angeschaut habe. Sonst hieß Überlänge nämlich nur, dass die Hosen auch in „Long“-Version haben. Haha. Seitdem ich Weingarten entdeckt habe, ist mein ganzer Stolz eine rosa Hose. ROSA! Ich hatte noch nie eine Hose, die nicht blau oder schwarz war. Dort gibt’s auch Oberteile, deren Ärmel lang genug sind. Luxus.  Mein Umfeld jedoch, weiß das nicht so richtig zu schätzen.

„Normalgroße“ Menschen (also alle, die (bei Frauen: mind. 11cm) kleiner sind als ich und über 1,40m) wissen nicht, warum ich mich in Schuhgeschäften gar nicht erst umgucke und das dazu hartes Training gehört. Oder warum rosa Hosen und hellgrüne Schuhe eine Errungenschaft der Menschheit sind. Oder warum ich in 2-er Bänken im Bus nicht neben ihnen sitze und schon gar nicht „reinrücken“ kann. Oder warum ich sie bitte, wenn sie Flugzeug vor mir sitzen und ich keinen Sondersitz erwischt habe, nicht die Stuhllehne zurück zu lassen. Oder warum ich zuhause die Badezimmerspiegel so hoch hänge, dass sie sich nicht mehr sehen können (und ich mit dem Gedanken spiele, einen Kindertritt-Schemel für sie zu kaufen…aber so viel Höflichkeit ist auch irgendwie zu viel verlangt…). Oder warum ich bei den meisten Autos darum bitte, vorne sitzen zu können.

Quasi nach den Grundregeln der Intersektionalität gibt’s gerade im feministischen Bereich, Diskriminierungen, die mich nicht gleichermaßen treffen. Beispielsweise belästigen Typen mich viel seltener, was wiederum am „Napoleon-Syndrom“ liegt (Napoleon hatte Angst vor großen Frauen). Ich hatte darüber bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

Naja, lange Rede, kurzer Sinn. Ich habe mir heute die DVD von „Tall girls“ bestellt. Auf deren Facebook-Seite gibt’s viele tolle Links (beispielsweise), die mich jetzt seit einigen Wochen glücklich machen. Nach dem Trailer und deren Selbstdarstellung endlich eine „Empowerment“-Dokumentation, statt des nervtötenden „Wachtumsstörungen“-Scheiß, den ich sonst so gesehen habe.

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Die linke Presse entdeckt die Mädchenmannschaft

Eigentlich sollten wir uns freuen: Die linke Printpresse berichtet über Frauenbewegungs-/feministische Konflikte! Die Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen, praktischen, sozialen und politischen Fragen aus Perspektive der unterschiedlichen feministischen Strömungen ist eine sehr reiche, welche jedoch leider kaum Beachtung findet. Doch das diese kaum Beachtung der renommierten (linken) Presse findet hat System und es hat auch System, wenn diese plötzlich Aufmerksamkeit erlangt.

Prinzipiell sind die verschiedenen links-verorteten Bewegungen im beständigen Richtungsstreit. Irgendeine Gruppe redet immer mit irgendeiner anderen Gruppe der scheinbar gleichen Bewegung nicht, immer gibt es Vorfälle, die zu größeren Auseinandersetzungen führen. Meist ist es so, dass die Obrigkeit (welche auch immer) nicht ein Auge darauf werden soll, weshalb nicht berichtet wird. Doch gerade im anti-istischen Bereich gilt diese Annahme selten. Vielmehr ist hier die Frage, ob die jeweiligen anti-istischen Bewegungen in ihrem Streit gerade zweckdienlich zum „Wohle“ der anderen linken Aktionsfelder instrumentalisiert werden können.

Jungle World und taz berichten zurzeit über einen Richtungsstreit der Mädchenmannschaft. Die Mädchenmannschaft, als wichtigster feministischer Blog im deutschsprachigen Raum, hat jede Aufmerksamkeit seitens der feministisch-positionierten Menschen verdient. Schließlich wird sie es sein, die in den feministischen Geschichtsbüchern genauso stehen wird wie die Emma. So wird die Mädchenmannschaft auch beständiger Kritik seitens der verschiedenen feministischen Strömungen und Aktivist_innen ausgesetzt. Das ist wichtig, denn wie die Mädchenmannschaft sich positioniert, wird später als die dominante Strömung der feministischen Blogosphäre ausgelegt werden. Quasi zwangsläufig wird ein Richtungsstreit innerhalb der feministischen Blogosphäre anhand der Mädchenmannschaft eskalieren. Der Umgang mit dieser Eskalation als Ausdruck eines bestehenden Konflikts ist die politische Pflicht der Mädchenmannschaft, da sie der meistgelesene feministische Blog sind. Es gibt daraus kein Entrinnen, auch wenn diese vielleicht damit unglücklich sind.

Diese Eskalationen können in verschiedenen Bewegungen nachgelesen werden, eben immer auch anhand der wichtigen Gruppen. So eskaliert beispielsweise die Auseinandersetzung mit verschiedenen –ismen innerhalb der Lesbenbewegung regelmäßig anhand des Lesbenfrühlingstreffen (siehe beispielsweise “In Bewegung bleiben”). Alice Schwarzers Rassismus ist wichtiger, als der jeder anderer Feministin, aufgrund ihrer gesellschaftlichen Präsenz. Und wenn Luise F. Pusch einen cissexistischen Sprachgebrauch befürwortet, brennt der Richtungsstreit der anti-istischen Linguistik. Doch keine dieser Beispiele schaffte es, in der linken Printpresse derartig rezensiert zu werden. Was also ist jetzt anders?

Angeblich geht es um einen Richtungswechsel bei der Mädchenmannschaft, welcher durch die rassistischen Vorfälle auf der Geburtstagsparty zum 5-jährigen Jubiläum notwendig  wurde. Richtungswechsel gab es jedoch bereits vorher. Als beispielsweise Anfang 2011 die „Frau-Lila-Spaltung“ erfolgte, wurden die Artikel bei der Mädchenmannschaft deutlich diverser, so schienen Themen aus dem Homo-Bereich dominanter zu werden. Das jedoch war kein Grund für eine derartige Berichterstattung. Jetzt also kam es zu Redaktionsveränderungen aufgrund des erwähnten aktuellen Vorfalls. Nicht besonderer, als sonst. Doch liegt der Fall insofern anders, als die linke Presse ihre Rassismus-Diskussion (dominant geworden nach dem No-border-camp) mit Feminismus vermengen kann. Yay , der antisexistische Kampf wird verhindert durch den „falschen“ antirassistischen Kampf! Da lohnt es sich doch mal, möglichst tendenziös den Finger in die Wunde zu legen. Es macht dabei keinen Unterschied, dass die verbleibende Redaktion  sich der berichtenden Printpresse verweigert. Hätte die Printpresse tatsächlich Interesse, könnte sie genauso erraten warum, wie ich:

  1. Die Printpresse zeigt kein Interesse an der tatsächlichen Auseinandersetzung mit aktuellen feministischen Richtungstreitigkeiten, sondern will nur etwas zum ausspielen für die eigene Heiligsprechung der ihnen näheren Aktionsfelder.
  2. Es gibt keinen Weg der Äußerung innerhalb der Positionierung der verbleibenden Redaktion: Meredith Haaf und Susanne Klingner (übrigens genau wie bei Katrin Rönicke) profitieren durch ihre „Skandalaufdeckungen“ mittels der Alice-Schwarzer-Methode.  Sexismus gegen weiße Frauen wird für wichtiger erklärt, als Rassismus. So wird eine_r Bildzeitungs-anschlussfähig. Steigern können sie das nur noch, wenn sie sich alle samt mit Sarrazin an einen Tisch setzen. (Mehr dazu bei Noah Sow)

Innerhalb dieses Gefüges kann die aktuelle Mädchenmannschaft sich nicht äußern. Es gibt keinen Grund für eine Kooperation mit der Printpresse, weder aus Machtkalkül noch aus der Annahme heraus, es gäbe eine neutralere Berichterstattung. Das könnten taz und Jungle World wissen: Ist doch der Tomatenwurf aus einer ähnlichen Instrumentalisierungsgeschichte entstanden.

Linksammlung zur Rassismus/Criticial Whiteness-Debatte (danke an kiturak für die Zusammenstellung):

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Keine falsche Scham

Bild eingescannt aus “Vulva”. Foto einer Sheela-na-gig, Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an einer Kirche in England.

„(…) »Zwischen den Beinen«, da war etwas Widerliches, zu widerlich um es auch nur auszusprechen. Dann kam der Biologieunterricht. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hießen: Scham (aha!) – mit folgenden Schamteilen:  Schamhaar, Schamhügel, große Schamlippen, kleine Schamlippen. Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf. (…) Der nächste Lernschritt war, daß das Besitzen einer »Scham« fast automatisch die »Schande« nach sich zog.“ Luise F. Pusch „Scham und Schande“ in „Das Deutsche als Männersprache“, 1984.

Es gibt Gründe, warum ich als Feministin mit dem Begriff „Scham“ vorsichtig umgehe. Wie  Pusch es so schön auf den Punkt brachte: Für Frauen* fängt die Scham erst richtig an, wenn sie bei Männern* schon aufhört. (Hier geht’s zumindest auf einer Bedeutungsebene, anders als im Pusch-Zitat, tatsächlich um Gender und nicht um cissexistische Bio-Zuschreibungen.) Im Hexengeflüster 2 (1987) wird weiterhin notiert: „Uns fiel auf, daß das Wort Scham bei der Bezeichnung unserer Geschlechtsorgane ein Ausdruck ist, der zeigt, wie stark die weibliche Sexualität negiert und tabuisiert wird“. (S. 88) Mithu M. Sanyal argumentiert in ihrem Buch (2009) „Vulva.  Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ unter anderem, dass die Verbannung der Vulva aus dem Vokabular mit der Verdrängung der Frau aus Denken und Öffentlichkeit einherging.

Die Scham ist etwas, für dass sich geschämt werden soll und so ist das Schamgefühl insbesondere für Menschen mit Vulva eine sehr zwiespältige Geschichte, ist doch ihre Scham etwas, dessen sie sich nicht mehr schämen wollen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Scham – als Gefühl oder unpassender Ausdruck für die Vulva – von ihrer negativen Bedeutung befreit werden sollte. Sich für etwas zu schämen ist doch keine Schande und die Scham erst recht nicht. (Aber der Begriff „Schande“ geht aus vielen Gründen auch einfach nicht.)

Katrin Rönicke fühlt sich beschämt, nachdem sie Noah Sow Werk „Deutschland Schwarz Weiss“ gelesen hat. Das kann ich gut verstehen, ist doch die Erkenntnis von rassistischen Strukturen zu profitieren, keine, der eine_r sich rühmen möchte. Aber ist Scham etwas Schlimmes? Warum ist der Artikel mit der Forderung „Du sollst Deine Leser nicht beschämen“ überschrieben?  In einer Formulierung, die daraus quasi ein 11. Gebot macht (Bibel, Altes Testament).

Rönicke führt aus: „Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt.“ Ihr Schamgefühl wird also aus einem Unwohlsein geboren. Historisch sehr interessant, ist doch der Begriff Unwohlsein eine umständliche Bezeichnung für die Menstruation, welche nach Esther Fischer-Hombergers „Aus der Geschichte der Menstruation in ihrem Aspekt als Zeichen eines Fehlers“ (komplett online!) eben die Frau als Mangelwesen offenbart. Unwohlsein ist – falls es noch nicht klar ist – kein Grund für Scham.
Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten. Das ist jedoch mitnichten der Fall, sonst wäre dieses Kapitel der deutschen Geschichte schon abgeschlossen. Ist es schon beschämend, das so zu schreiben? Wäre das wirklich ein Problem? Fakten auf den Tisch zu legen kann beschämend sein, darauf zu verzichten, geht jedoch gar nicht.

Mehr dazu bei:

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Umgang mit Abwesenheit

In der Veranstaltungs-, Aktions- und Gruppenorganisation ist die Frage nach den Abwesenden ein leidiges Thema. Nicht weil die Frage schlimm ist, sondern weil die Antwort darauf spekulativ und jede Umgangsform mit den theoretischen Antworten zwar praktische Konsequenzen hat, aber nicht unbedingt eben die gewollten Auswirkungen.

Nehmen wir als Beispiel eine fiktive Gruppe zum Thema X. Die Zielgruppe ist also thematisch auf X beschränkt. In der Gruppenzusammensetzung finden sich nur Menschen ohne sichtbare Behinderung, nach Analyse stellt sich heraus, dass die Abwesenheit derjenigen nicht am Thema liegen kann. Es stellt sich heraus, dass der Gruppentreffpunkt kontraproduktiv für die Anwesenheit der in den Blick genommen Abwesenden ist – beispielsweise weil sich der Ort im fünften Stock ohne Aufzug befindet. Der Ort wird also zugunsten eines barrierefreieren Ort verändert. Die anvisierten Abwesenden bleiben abwesend. Die Analyse geht weiter und es stellt sich heraus, dass die Gruppenwerbung ausschließlich über barriereschrottige Wege erfolgt, z.B. nur über Flyer, die zwar auch online gestellt werden, jedoch als Bild. Die Gruppenwerbung wird entsprechend überarbeitet und die Abwesenden bleiben abwesend. Die Analyse geht weiter…

Ehrlich gesagt, läuft das immer so. Ich habe selten Fälle erlebt, in der es tatsächlich funktioniert. Meistens ist es schwierig, eine bestehende Gruppe inklusiver zu gestalten. Bei Gruppenneugründungen läuft’s nicht viel besser. Warum kann ich nicht so genau sagen, denn die Abwesenden sprechen selten. Deswegen bin ich für jede Kritik dankbar, denn wenn sich eine_r die Mühe macht, eine spezifische Gruppe zu kritisieren, hat die Gruppe eine erhebliche Chance, da sie nicht im luftleeren Raum rumanalysieren muss, sondern direkt auf etwas eingehen kann. Doch diese Dankbarkeit seitens Gruppen findet sich selten. Nicht nur deswegen ist schwer und erfahrungsgemäß demotivierend Kritik zu üben. Wie also kann ein kritikbegrüßender Raum geschaffen werden?

Negativbeispiele gibt’s viele, Antje Schrupp ist gerade auf einen aktuellen Fall eingegangen. Wie jedoch steht’s um die Projekte, die versuchen, kritikbegrüßend zu sein? Besonders schwierig ist dies nicht nur aufgrund von Abwehrreflexen, sondern auch bei die Vorerfahrung Kritikübender negativ sind. So ist es umso schwieriger, einen kritikbegrüßenden Raum zu schaffen, der gleichzeitig auch das „Nicht mehr sprechen wollen“ durch die Negativerfahrungen ausbügelt. Für dieses Ausbügeln gibt’s jedoch keinen heilversprechenden Weg, jedenfalls ist mir keiner bekannt.

Der kritikbegrüßende Raum kann vermutlich nicht perfekt sein und die Anspruchüberprüfung mangelt gerade an der fehlenden Perfektion. Wie kann ein Raum, der beispielweise mir nicht das Gefühl gibt, meine Kritik hören zu wollen, dafür von mir kritisiert werden? Eher gar nicht, doch wie soll dieser dann besser werden? Dieses Problem taucht zudem immer akut auf, heißt, eigentlich gibt’s was Kritikwürdiges, nur kann die Kritik nicht ohne Kritik am Umgang mit der Kritik geäußert werden…

Ein Indikator für eine derartige Situation ist Schweigen oder eben Abwesenheit. Wenn ich Stimmen nicht höre, gibt’s dafür eventuell einen Grund und dieser Grund könnte von meiner Seite ungewollt sein. Doch ob dem so ist oder nicht, kann eigentlich nur durch Versuch-und-Irrtum geklärt werden. Heißt: Thematisieren, an eventuellen Barrieren arbeiten oder eben vorrauseilenden Terror machen. Kein Weg ist unbestritten gut, kein Weg führt zwangsläufig ans Ziel.

Ein Beispiel dafür findet sich rund um die Diskussion der MM-Geburtstagsparty. accalmie, Sabine und Nadia haben einen Artikel geschrieben, der u.a. besagt, dass „vorrauseilenden Terror“ machen in Kommentardiskussion, in denen scheinbar Menschen nicht sprechen bzw. abwesend sind, für Allys von PoC kein guter Weg ist (so hab ich‘s verstanden, aber ich kann mich irren), also in ihren Worten: “Wir müssen nicht von Euch gerettet werden“. In ihrem Artikel wiederum thematisieren sie, dass nicht able-bodied Menschen sich nur wenig von der MM-Party angesprochen fühlen, also großteils „abwesend“ waren. Dieses Thematisieren kritisiert Rike wiederum als übergriffig. Es finden sich also zwei Fälle vom Umgang mit Abwesenheit, die beide (berechtigt) kritisiert wurden.

Ich würde gerne darüber reden, wie mit Abwesenheit irgendwie produktiv umgegangen werden kann oder ob das gar nicht sein soll? Ich weiß, dass ich gerne meine Wünsche zum Umgang mit meiner Abwesenheit auf andere übertrage, aber das kann auch nicht der Weg sein? Wie geht ihr mit Abwesenheit anderer und eigener Abwesenheit um? Sehe ich das alles falsch? Was soll/kann takeover.beta anders machen? Gibt’s weitere Positiv-/Negativ-Beispiele? Ähm, so viele Fragen…

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Urheber_innen in einer telematischen Gesellschaft

Gekürzter Auszug aus meiner Magistraarbeit (S. 87-93). Das schöne an diesem Kapitel ist, dass es kaum Printquellen gibt, aber es ist auch “mitten raus gerissen”. Wenn’s Begriffe und so gibt, die nicht nachvollziehbar sind, bitte einfach nachfragen. Danke!
Ansonsten: Das ist so eine halbe Antwort/Ergänzung zu Zweisatz Artikel.

Doch nicht nur der Umgang mit privaten Daten wird diskutiert, sondern auch der Umgang mit Daten, die für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Die immer wiederkehrende und dadurch laufend aktuelle Diskussion des Urheberrechts angesichts des World Wide Webs stellt sich eben jene Frage, inwiefern zur vernetzten Telematik in Bezug zu urheberrechtlich geschützten Werken gesamtgesellschaftlich „Nein“ gesagt werden soll.

Über das Internet, insbesondere über das World Wide Web, finden Musik, Film und Text weite Verbreitung und zwar häufig unbesehen eventuell rechtlich entstehender Kosten. Die alteingesessene Kulturindustrie, allen voran die Musik- und Filmbranche, sieht sich „Schäden in dreistelliger Millionenhöhe“ durch Konsum von Kulturgütern ohne Bezahlung ausgesetzt. Daher müssten sogenannte „Raubkopien“ stärker und vehementer geahndet werden. Andere sprechen sich dagegen für eine Lockerung des Urheberrechts aus: Die Schutzfristen seien zu lang, der_die eigentliche Urheber_in verdiene kaum etwas durch das Urheberrecht, die Inhalteindustrie orientiere sich nicht an den neuen Marktbegebenheiten und/oder viele produzierten Inhalte gehörten inzwischen zu den Erinnerungen der Konsument_innen und für Erinnerungen sollte kein Geld verlangt werden.

Flusser zu Autoritäten und Autor_innen

Geradezu prophetisch lesen sich dazu Flussers im Jahr 1985 erstmals publizierte Gedanken zur Existenz von Autoritäten und Autor_innen in einer telematischen Gesellschaft. Laut Flusser wird eine dialogisierende telematische Gesellschaft Information immer stärker im Dialog herstellen und nicht wie früher in „»innerem« Dialog“( Flusser (1985), S. 104). Durch das gemeinschaftliche Herstellen von Information ist kein_e einzelne_r Autor_in mehr auszumachen. Für Flusser ist die Idee, dass Information „von »großen Männern« dank »inneren« Dialogen hergestellt wurden“ ein Mythos, der „(…) die Tatsache [verzerrt], daß (sic!) Informationserzeugung ein Dialog ist“ (Flusser (1985), S. 107). Dieser Mythos wird durch die Telematik offengelegt und so wird es in einer Informationsgesellschaft keine mythischen Autor_innen mehr geben.

Ebenso verhält es sich mit den Autoritäten, die vor der telematischen Gesellschaft die Informationen ausgewählt und „die gemeinte Botschaft treu übertragen“( Flusser (1985), S. 106) haben, wie zum Beispiel Verleger_innen.  „Da das Kopieren von Apparaten besorgt wird, macht es menschliche Bemühungen, bereits erzeugte Informationen zu wiederholen (abzuschreiben, abzuzeichnen, nachzurechnen) überflüssig“ (Flusser (1985), S. 105). Das Filtern von Information kann laut Flusser automatisch von Apparaten übernommen werden und das Kopieren von Information erhält die intendierte Botschaft mit den richtigen technischen Mitteln und in einer für eine telematische Gesellschaft angemessenen Weise ebenso. Wichtig ist Flusser jedoch an diesem Punkt nicht das Botschaft erhaltende Kopieren, sondern das neue Botschaften Synthetisierende, das in der Informationsgesellschaft im Vordergrund stehen sollte.( Flusser (1985), S. 106)

Autorität und Autor_innen im World Wide Web

Das Filtern von Information übernehmen im World Wide Web tatsächlich Apparate, wie die Google Suchmaschine, doch auch soziale Plattformen wie Facebook und Twitter übernehmen anhand von selbstgewählten Autoritäten als Mischform aus Apparat und humaner Autorität diese Funktion.

Für das intendierte Botschaft erhaltende Kopieren ist TUMBLR® seit der Gründung 2007 ein spannendes Beispiel: Tumblr ist eine Blog-Plattform, doch aufgrund einer anderen Software steht mit der Tumblr-Software das Wiederveröffentlichen bzw. Co-Veröffentlichen von Daten – wie Fotos, Texte, Unterhaltungen – im Vordergrund. Dabei wird innerhalb des gleichen technischen Umfelds (Software), jedoch unter teilweise anderer Optik des Umfelds eine erstellte Information in den eigenen Tumblr übernommen und kann genauso dargestellt werden wie im Original. Damit wird trotz der Kopie die Möglichkeit geschaffen, einen Text, ein Bild oder eine Unterhaltung intentionsgerecht weiterzuverbreiten bzw. zu kopieren. Die Form ist jedoch nicht festgelegt: Weder muss die Formatierung oder der Inhalt ein- bzw. beibehalten noch die Urheber_in genannt werden, doch legt die Software dies nahe – während andere Blogsoftware technisch nicht ausdrücklich darauf vorbereitet ist. Zusätzlich gibt es unter jeder Veröffentlichung eine Liste derjenigen, die die Information mögen, wiederveröffentlicht oder eben erstmals publiziert haben. Im Gegensatz zu herkömmlichen Blogs ist Tumblr nicht nur besser auf das Wieder- und Co-Veröffentlichen vorbereitet, sondern das Wiederveröffentlichen steht auf Tumblr im Vordergrund (Danke für das Teilen der Praxiserfahrung an NOISEAUX und kiturak).

Ebenso erwähnenswert ist die weitreichende Einfügbarkeit von Youtube-Videos. Das Einbinden von Youtube-Videos in andere Webseiten, wie Facebook oder Blogs, ist technisch kein Kopieren. Das Video wird nicht kopiert, sondern nur auf einer anderen Website angezeigt. Es ist natürlich auch möglich das Video zu kopieren, doch dies ist über die Einbindungsmöglichkeit in der Regel nicht notwendig. So kann Information in der intendierten Form an anderer Stelle verarbeitet, „veröffentlicht“ und ausgewertet werden, ohne jedoch an die Struktur der Erstveröffentlichungsseite gebunden zu sein.

Die Probleme der Kopierbarkeit scheinen also mittels technischer Angebote auf dem Weg der Lösung zu sein und so ist – mit Flussers Worten – die Autoritätswirtschaft, wie das Verlagswesen für Bücher, Filme, Musik und andere Informationsgüter in beständiger Sorge um ihre Existenzberechtigung, die darin besteht, Informationen zu kopieren und zu veröffentlichen. Flusser war der Auffassung, dass diese ihre Existenzberechtigung verlieren, da das, was sie leisten, in einer telematischen Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird.

Schöpferische Begeisterung in der telematischen Gesellschaft

In der öffentlichen Debatte geht es – zumindest heute – meistens um die Frage des Geldverdienens mit und für die Produktion von Informationsgütern und weniger um den gesellschaftlichen Wert der Dienstleistung. So wird unter einer pauschalen Zustimmung dazu, dass die „Kulturindustrie“ keine Umsatzeinbußen hinnehmen sollte (Bei historischer und näherer Betrachtung verschiedener Branchen und Berufe ist der Wert der Arbeit erheblichen Schwankungen ausgesetzt, weil gesellschaftlich nicht (mehr) das gleiche Geld für die gleiche Arbeit bezahlt oder gar nicht mehr dafür gezahlt wurde. vgl. z.B.  Döpcke, S. 18,  Equal Pay Day & MM), diskutiert, dass dazu nicht schärfere Gesetze notwendig sind, sondern die Geschäftsmodelle und Einkaufswege an die Konsument_innen angepasst werden sollen. Dies führt dazu, dass häufig von Verlusten durch Raubkopien im Internet gesprochen wird. Abgesehen davon, dass die Verluste der Musik- und Filmindustrie eher nicht an Raubkopien liegen (So geht zum Beispiel der Verkauf von Tonträgern, wie CDs, zurück – was angesichts der weiten Verbreitung von MP3-Playern keine große Überraschung ist.), kann von einem Verlust durch Raubkopien nur dann die Rede sein, wenn es bei der Produktion von Informationsgütern ausschließlich um den Gewinn der Unternehmen geht. Gesamtgesellschaftlich handelt es sich nur um einen Verlust, wenn teure oder viele günstige Informations-güter-Produktionen von den Konsument_innen nicht in dem Wert vergleichbarer Menge angenommen werden – heißt die Produktionsgüter wurden nicht in einer Menge konsumiert, welche die Kosten für die Produktion rechtfertigen – oder wenn die Produktionen vernichtet wurden, bevor diese konsumiert werden konnten. In allen anderen Fällen bleibt der investierte Wert erhalten, auch wenn Konsument_innen eventuell nicht dafür bezahlen – in diesem Fall wurde eben nur einseitig dafür bezahlt, ein Verlust ist also aus gesellschaftlicher Perspektive nicht gegeben.

Doch natürlich stellt sich die Frage, wie die gesellschaftlich gewollte Information finanziert werden kann, um die Motivation für die Informationserstellung zu gewährleisten. Flusser stellt die Frage, ob „es in so einer Lage, ohne Autor und Werk eine schöpferische Begeisterung geben [kann]?“ Doch Flusser geht davon aus, dass in einer telematischen Gesellschaft immer mehr Menschen sich „mit Selbstvergessenheit in die Informationserzeugung stürzen“ (Flusser (1985), S. 110.) und so in die Informationserzeugung mit einbezogen und an ihr beteiligt sein werden. Die in Frage gestellte „schöpferische Begeisterung [wird] jene Stimmung (…) [meinen], in welcher sich der kosmische Dialog ereignet“ (Flusser (1985), S. 110) und „[d]ie telematische Gesellschaft wird dem Begriff »Schaffen« (…) erst seine eigentliche Bedeutung verleihen“ (Flusser (1985), S. 113).

Diese Prognose scheint sich zu bestätigen, wird der Blick auf die unzähligen Blogs, Videos, Tondokumente usw. gerichtet, welche über das Internet zur Verfügung gestellt werden. Die meisten davon sind kostenlos und häufig profitieren die Ersteller_innen monetär nicht. Andere wiederum verdienen ihren Lebensunterhalt rund um die zugangsunbeschränkten Veröffentlichungen oder werden gerade aufgrund dieser berühmt, woraufhin sie ebenso monetär-beschränkte Information zur Verfügung stellen. Die Informationserzeugung ist in vollem Gange und das nicht nur für Ruhm und Geld, sondern häufig um der Information willen.

Die Existenzberechtigung der Autoritäten und Autor_innen

Um der Informationserzeugung Willen ist die Existenzberechtigung von Autoritäten also nicht gegeben, was jedoch nicht bedeuten soll, dass diese nicht neue Existenzberechtigungen für sich finden können. Wege zu finden, mit der Informationserzeugung Geld zu verdienen, erscheint eine gute Geschäftsgrundlage für die (ehemaligen) Autoritäten zu sein. Doch kann das Finden von Finanzierungswegen nicht oder nur bedingt auf dem Urheberrecht aufbauen, denn die Urheber_innenschaft ist laut Flusser in der telematischen Gesellschaft zumindest nicht nachweisbar:

Noch kommt es selten zu Konflikten um die Faktizität der Autor_innen- bzw. Urheber_innenschaft. Die Diskussion um Helene Hegemanns Veröffentlichungen, die teilweise entlehnt, teilweise wortwörtlich aus anderen Werken gespeist sind, zeigt einen eventuell anderen Umgang mit der Urheber_innenschaft. Als sich nach und nach herausstellte, aus welchen Texten Hegemanns „Axolotl Roadkill“ abgeschrieben bzw. entlehnt ist, wurde ihr der Vorwurf des Plagiats gemacht. In der Zeitschrift „Die Zeit“ argumentierte Jürgen Graf, dass Hegemann sich ebenso wie viele andere Autor_innen der Gegenwart und Vergangenheit bei anderen bedient hatte und somit ein eigenes Kunstwerk im Stil einer „Montageästhetik“ geschaffen hätte – eben genau wie die von ihm aufgeführten berühmten Autor_innen. Er zitiert dazu Hegemann mit: „Von mir selber ist überhaupt nichts, ich selbst bin schon nicht von mir.“ Aus dieser Perspektive ist Flussers These, dass die telematische Gesellschaft sich ihrer Informationserzeugung bewusst werde und somit erkenne, dass es im mythischen Sinne keine Autor_innen gibt, in Grafs und Hegemanns Darstellung enthalten. Doch im Fall Hegemanns verteidigen wir noch die künstlerische Urheber_innenschaft Hegemanns, doch wird in und für die Zukunft der telematischen Gesellschaft vielleicht erkannt, dass diese in Gänze in Frage gestellt werden kann – wie Hegemann es implizit vorgeschlagen hat.

 

  • Flusser (1985) = Flusser, Vilém: Ins Universum der technischen Bilder. European Photography. Göttingen, 5. Auflage, 1985.
  • Döpcke = Döpcke, Indre: Frisch gestrichen! Maler und Malerhandwerk im 20. Jahrhundert. Stiftung des Museumsdorfes Cloppenburg. Cloppenburg, 2008.

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„Theoretisch“ feministisch, nur leider ohne Geld (Rant?)

Bei der Mädchenmannschaft hat Melanie eine Zweitausgabe ihres Artikels „Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit“ veröffentlicht, welchen ich im Ganzen gar nicht kritisieren möchte – vor allem, da sie den Schlussworten gemäß meine Kritik daran wohl teilen wird – sondern nur eine Formulierung und damit einhergehende inhärente Positionierung. Diese wiederum begegnet mir gefühlt häufiger, nur selten so klar formuliert:

Melanie berichtet von Ihrer Jobsuche, die sich als Mutter aufgrund von Vorurteilen und Arbeitszeitregelungen schwierig gestaltet. Unter anderem hat sie sich bei einer „ – theoretisch – feministische[n] einrichtung“ beworben. Das „theoretisch“, wird nachfolgend im Artikel klarer, ist dem geschuldet, dass die Teilzeitstelle extrem flexible Arbeitszeiten voraussetzt, welche sich für die vorher beschäftigte Arbeitnehmerinnen anscheinend nicht mit dem vermeintlichen Mutter-Dasein verträgt. (Das „anscheinend“ nur weil Bewertung der Kündigung aus Dritter-Hand (nicht Melanie, sondern die Gesprächspartnerin) und das “vermeintlich” im Sinne von Fremd- und Selbsteinschätzung)

Feministische Arbeitsplatzgestaltung ist eine Geldfrage. Um geregelte Arbeitszeiten stellen zu können, müssen genügend Arbeitskräfte beschäftigt werden, damit Tätigkeiten außerhalb der Arbeitszeitregelungen abgedeckt werden. An Arbeit für die zusätzlichen Arbeitskräfte mangelt es in der Regel nicht (einer der Gründe warum gerade bei Vereinsstellen 50% der Zeit bezahlt werden und der Rest…), wohl aber am Geld das zu finanzieren, gerade im „sozialen“ Bereich. Ist zudem der Trägerverein des Projekts nicht enorm groß, sondern eben ein beispielsweise feministisches Projekt, ist es schon ein riesen Ding überhaupt eine Stelle anbieten zu können – und dann auch noch außerhalb von Mini- und Midijobs.  Um das zu verstehen, reicht es vielleicht, sich bewusst zu machen, dass die Finanzierung solcher Projekte eigentlich immer wackelig ist. Was wenn die Finanzierung plötzlich zusammenbricht (plötzlich ist dabei ein realistisches Szenario), aber der Arbeitsvertrag noch läuft? Woher dann das Geld nehmen? Wie den Arbeitnehmer_innen Sicherheit bieten?

Häufig entwickeln sich diese Stellen auch noch aus ehrenamtlichen Zusammenhängen und sind häufig zusätzlich „symbiotisch“ mit Ehrenamt und/oder Ehrenamtlichen verbunden. Heißt: Die Stellen sind überhaupt schon eine Errungenschaft, wenn auch nicht unbedingt gut bezahlt, aber eben immerhin bezahlt, werden und sind unterstützt durch ehrenamtliche Zeit und hinzukommen die politischen Fragen. Zum Beispiel: Welche Arbeit kann vertretbar ehrenamtlich erfolgen und welche vertretbar bezahlt? Das feministisch zu begründen ist die Hölle, aber eben Teil der praktischen feministischen Arbeit.

Anhand eines anderen Beispiels wird das vielleicht deutlicher: Neben der Teilzeit-Geschäftsführungsstelle gibt’s eine Mini-Aushilfsstelle für das Reinigen der sogar vorhandenen Räumlichkeiten.  Wie hoch soll der Stundenlohn für diese Aushilfe sein? So hoch, wie der der Geschäftsführung oder andersherum? Gibt’s eine Abstufung des Lohns nach Marktwert? Gibt’s eine Abstufung des Lohns nach Möglichkeiten nebenher anderen Beschäftigungen nachzugehen? Oder…? Wie vertragen sich all‘ diese Fragen mit den jeweiligen Finanzen?

Diese Fragen werden sich vermutlich ähnlich auch in sozialpädagogischen feministischen Projekten stellen, vielleicht auch nicht genauso. Doch – und darauf kommt’s mir an – „theoretisch-feministisch“ sind diese mitnichten, sondern eben praktisch, mit und in der Welt, die sie umgibt.

Was nicht bedeutet, dass die Lösungswege cool sind. Was nicht bedeutet, dass diese nicht kritisiert werden sollen und dürfen. Doch – und da sind all diejenigen gefragt, die es leisten können – an den Lösungswegen muss gearbeitet werden. Gerne in den bestehenden Projekten, gerne in neuen.

Diese Arbeit aber vermisse ich, das darüber Nachdenken, wie sich Projekte realisieren lassen. Wie sich die Bedingungen verändern lassen und diese zu verändern. Das ist kein theoretisches Problem, sondern ein praktisches.

(Ich habe bereits mal über eine ähnliches gelagertes Thema vor einigen Jahren geschrieben: Solidarität ist nicht essbar).

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