Kategorienarchiv: Bäumchen

Call for Ideas: FemoCo2013 – die Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland

Hier gehts zur Webseite. Diese Information hat mir übrigens den Tag gerettet. :) Ich bin sehr gespannt darauf.

Im Ankündigungstext steht(english version below):

FemoCo2013, die „Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland“ (Arbeitstitel), ist eine Konferenz von und für uns. Wir, das sind alle Frauen, Trans* und Inter*, die sich als Schwarze, of Color, als jüdisch, im Exil lebend, als Sinti und Roma oder als Migrant_in verstehen. Die Konferenz wird am 5. und 6. September 20137. und 8.September(verschoben) in Berlin stattfinden.
Wenn du Ideen und Vorschläge hast, was du dir auf der Konferenz Feminismen of Color wünschst, mach mit beim Call for Ideas! Mehr Info hierzu sowie zur Konferenz und eine Vorlage für deinen Ideenvorschlag findest du im Anhang sowie auf http://femoco2013.jimdo.com/.
Bitte schick deine Idee bis zum 18. März an femoco2013@gmail.com. Anfang April ist auch ein gemeinsames Meeting zur Besprechung der Vorschläge und zum gemeinsamen Kennenlernen geplant.

Mit Dank und Bitte um Weiterleitung
das FemoCo2013-Organisationsteam

*Bitte beachte: Die Teilnahme an der Konferenz sowie am Call for Ideas ist nur möglich, wenn du zur *Zielgruppe* gehörst. Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft und Cis-Männer sind von der Teilnahme an der Konferenz und am Call ausgeschlossen.
**Gerne kannst du den Aufruf über deine Netzwerke, an Freund_innen und Bekannte streuen. Wir möchten möglichst viele Frauen, Trans* und Inter* of Color erreichen.

- – - English Version:

FemoCo2013, the „Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland“ or the „Collaborative Conference on Feminisms of Color“ (working titles), is a conference for us and by us. „Us“ refers to all Women, Trans* and Inter* that recognize themselves to be Black, of Color, Jewish, living in exile, Sinti and Roma or Migrants. The Conference will be held from 5 – 6 September 2013 in Berlin.

If you have an idea or suggestion of what you wish to have at the conference, participate in the Call of Ideas! More information to the conference and the call as well as a template are attached and can also be found at http://femoco2013.jimdo.com/.

Please send your suggestions to femoco2013@gmail.com by 18th of March. An input.gathering is also planned for early April in order to discuss all ideas and get to know each other better.

Any forwarding of this call is very appreciated.

Kind regards

the FemoCo2013 organising team

* Please note: Participation in the Call for Ideas is restricted to those belonging to the conference ‘target group’. Members of the white
majority and cis-men are excluded from participation.
** Please distribute this Call for Ideas throughout your networks, to friends and acquaintances. We hope to reach as many Women, Trans* and Inter* of Color as possible.

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“Zu persönlich”. Über die Versuche, Kämpfe und Debatten zu entpolitisieren.

Auch auf Rumbaumeln veröffentlicht.

Die Kampfansage der Feministinnen* seit jeher war hierzulande eine kurze Phrase, ein in sich vollendeter Satz, der vermeintliche Gegensätze aufgriff und gleichsetzte; politisch wirksam durch die Versöhnung eines durch das Patriarchat unversöhnbar erklärten Dualismus.

Das Persönliche ist politisch.

Mit dieser Aussage wurde vorgegangen gegen die Hybris männlich-linker Politik, die Geschlechterpolitik in den Nähkasten daheim verbannen wollte; gegen Heterosexismus, der andere Formen des Begehrens durch den ,,Zu-Persönlich“-Stempel zum Schweigen bringen wollte und das noch tut; er wird angewendet gerade auch im Bereich sexueller Handlungen; wo lange Zeit negiert wurde, dass auch hier Macht ausgeübt und Unterdrückung erfahren wurde. Er wurde verwendet gegenüber Akten körperlicher wie seelischer Gewalt, die innerhalb von Familien und intimen Partner*innen ausgeübt wird, die ihre Probleme ,,unter sich” ausmachen sollten.

Und er wird noch nicht oft genug verwendet. Und nicht radikal genug.

Schauen wir uns an; was bedeutet denn die Aussage: „Es ist persönlich“ bzw. ,,Das ist zu persönlich“. Es bedeutet vor allem erstmal: Es betrifft andere nicht. Generell suchen sich Menschen aus, wem sie etwas erzählen möchten, sich öffnen möchten, auch was sie als ,,persönlich“ ansehen und was nicht.

Trotz dieser Selbstbestimmtheit bedeutet es nicht, dass diese Handlung/Entscheidung nicht eine Auswirkung hat und in ihren Konsequenzen zum Beispiel nicht auch andere Menschen trifft. Das Persönliche wird politisch, sobald es in einen sozialen Kontext tritt.

Beispiel: Ich entscheide mich als evangelikale Christin, meine Homosexualität nicht auszuleben, sondern eine Hetero-Ehe zu führen; das ist eine persönliche Entscheidung, die jedoch durch den Rahmen der Zwangsheterosexualität innerhalb unserer Gesellschaft und verstärkt durch meine Subkultur zu einem Politikum wird. Es reproduziert ein Machtverhältnis,

Wenn nun aber andere Menschen über einen Menschen hinweg das Urteil treffen, seine*ihre Aussage/Kritik sei zu persönlich; und damit aussagen: Es betrifft sie nicht; versuchen sie das Anliegen des Menschen aus dem sozialen Kontext herauszuheben. Sie verneinen die gesellschaftliche Verantwortung; und somit auch jede Möglichkeit, einen Handlungsrahmen zu schaffen, um mit dieser Aussage umzugehen. Was mich nicht betrifft, kann durch mich nicht verändert werden. Folglich habe ich keine Verantwortung.

Ich habe nun des öfteren erlebt, wie gerade auch zwischenmenschliche Kritik in eine ,,Zu persönlich“-Box gestopft wurde. Es kann eine Form der Reduzierung politischer Kämpfe sein, die uns tagtäglich umgeben und schafft mitunter Erleichterung. Für die betroffenen Personen ist es eine Form von Gewalt, es entzieht ihnen Handlungsmöglichkeiten, es reduziert sie zu Einzelwesen, es ent-powert und ent-solidarisiert. Es ist ein Signal: Hier bitte nicht hingucken. Es ist ein Herrschaftsinstrument.

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Credits

Ich begegne tausend tollen Menschen und die bereichern mich mit tausend tollen Gedanken. Manchmal ist ein ganzer Post von mir nur ein Korb mit vor allem von anderen Menschen gesammelten Früchten; oder wenigstens deren Setzlingen bzw. Kernen, die sich nach und nach zu Bäumchens Meinung(tm) entwickelt haben.

(Pflanzen-Metapher)

Manches ist nicht mehr rückzuführen auf etwaige Urheber*innen/Weiterleiter*innen. Manches ist als Ahnung oder als Beobachtung schon in mir drin, braucht aber die Worte eines anderen Menschen, um dieser Ahnung Bedeutung zu geben; quasi lose Gedanken ,,zusammenzuraffen”. Anderes wiederum ist schamlos geklaut :D Gerade bei letzterem versuchte ich bisher immer, Namen zu nennen, aber das lief auch nicht perfekt.

Ich will demnächst versuchen, mehr Credits zu geben. Mehr Namen zu nennen, mehr Hintergrund zu schaffen.
Also, ich gebe mal ein Beispiel: Den Gedanken, dass sich die feministische Bewegung vor allem deshalb an der Rassistin Alice Schwarzer abarbeitet, um sich nicht mit den eigenen Rassismen auseinanderzusetzen; den habe ich von Samia, meiner Takeoverbeta-Mitbloggerin. Das war irgendwie verschwommen als Beobachtung schon in meinem Kopf, dass da Schwarzer zentrale Bashing-Person war; aber welche Auswirkungen und Funktionen dies hatte; das habe ich für mich so noch gar nicht erkennen können. Also, danke an Samia für diesen Gedanken.

edit: Ich möchte aber nochmal konkret hinzufügen, dass die Schwarzer wirklich schrecklich ist und dass diese Gedanken NICHT dazu beitragen sollen, Schwarzer zu verharmlosen, im Gegenteil.

Und ja, wo ich gerade dabei bin: Danke auch an alle anderen, die ihre coolen Beobachtungen mit mir teilen und mir Worte geben für diese komische Welt.

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Berlin. Eine Körper-Geschichte.

Inhaltswarnung: Beschreibung sexualisierter Gewalt an einer Stellezwei Stellen, auf die ich hervorgehoben nochmal aufmerksam mache. edit: Sowie Beschreibung (anderer) physischer Gewalt.

“… our writings like graffitis on the surface of the moneyed culture at large.”
(Michelle Tea: Without a Net. Via ClaraRosa)

Ich wünschte, ich hätte eine Geschichte, die nicht so starr wäre. Eine Geschichte, die ich im Nachhinein und mit wachsendem Alter immer neu und wie Bilder beim Internetdienst Instagram immer eingetaucht in anderen Farben sehen könnte. Hier und da mich an goldene Momente, an Highlights zurückerinnern könnte wie an funkelndes Spielzeug.

Aber meine Vergangenheit wirkt stattdessen unhandlich und unbeweglich auf mich. Ich habe sie selten erzählt bekommen; zuwenige Menschen, die sie kennen und die wenigen, die ein paar Jahre darunter kennen, verweigern mir oft ihre Perspektive; mit der seltsamen Annahme mich schützen zu müssen. Das Wenige was ich aus der frühen Kindheit weiß, habe ich den Menschen mit harter Arbeit abgezwungen; das andere aus meinem Gedächtnis gekratzt. Und weil ich von früh an lernte, mich mit den Augen anderer zu sehen, wurde ich meine eigene PR-Agentur. Ich erzählte den Menschen eine Geschichte, die okay war zu erzählen. Ich orientierte mich an Daten und Fakten, ich vergaß Gerüche, Bilder, Gesichter.

Vor kurzem war ich in Berlin; auf Konfrontationskurs; mit der Absicht diesen Erinnerungen nachzujagen um ein altes Tagheim wiederzufinden. Ich hatte nichts, nur die Information des Stadtteils; die schwache Erinnerung an ein längliches Haus und einen großen Garten; an eine Hausnummer, die dreistellig sein musste; und einen Straßennamen, den sich mein Gedächtnis vermutlich zurechtgelogen hatte.
So stand ich dann mit einem Menschen, die mich über die Zeit bei sich aufgenommen hatte, irgendwann am Abend an einer Straße; und die Straße endete im Nirgendwo; und die Hausnummer die ich zuvor noch bei GoogleMaps eingegeben hatte und dort sichtbar gewesen war, schien es nie gegeben zu haben.

Aber es hatte andere Momente gegeben. In Wedding in irgendeinem Treppenhaus – ein Geruch von früher, schlagartig erwachten meine Sinne, meine Knie wurden weich. Was da in einem Gehirn abgehen kann, in was da eine zurückgeworfen wird; ich stand und konzentrierte mich und genoss es, einen Erinnerungsfaden einzufangen und ihn wieder gehen lassen zu müssen. Später holten wir ein Kleinkind von der Krippe ab; der kleine Laden war süß, die Kinder purzelten mit durch Windeln vergrößerte Hinterteilen durch die Gegend, eine kam und legte mir mehrere Sachen in die Hand. Ein anderer erwartete seine Mutter und weinte und weinte und weinte. Ich saß da; und die Atmosphäre der Straße, die durch die hohen Schaufenster hineinwirkte und das heulende Kind, das wirkte, und plötzlich sah ich es wieder: keine eindeutigen Eindrücke, sondern ein verwehtes Bild einer Kindheit; auferstanden um mich herum, für wenige Sekunden.

Ich war mit vier oder fünf Jahren in Berlin. Meine Großeltern packten uns eines Nachts ein und fuhren meinen Bruder und mich zu meinem Vater; von Stuttgart nach Berlin. Türkische Konvention hatte anscheinend mal beschlossen, ein Mann dürfe nicht die Kinder eines anderen Mannes erziehen. Also musste/sollte/wollte meine Mutter ihre Kinder gefälligst in freundliche Hände abgeben.

Seriously, Mum? What were you thinking?

Ich hatte zuvor gedacht, mein Opa wäre mein Vater, der lediglich eben gerne das Bett mit meiner Oma teilt. Und als sie mir sagten: Dein Vater ist woanders und vllt besucht ihr ihn ja bald!!11 da dachte ich an einen abgedunkelten Raum mit einer Kerze, über die wir uns beugen damit ich das Gesicht meines Vaters besser erkenne. Ich weiß nicht, wieso ich mich an dieses Bild immer noch so gut erinnere. Mein Vater war ein Nichts; deshalb versuchte ich mir krampfhaft ein Gesicht vorzustellen. Aber jede Vorstellung entglitt mir.

Ich wachte im Auto auf; sie hatten uns in Schlafanzügen mitgenommen, wechselten nun unsere Kleidung; ich trug ein weißes Kleid mit rostroten Blüten auf Altrosa. Hin und wieder hielten sie an, um die Gebetsteppiche auszurollen. Sie setzten uns vor der Tür unseres Vaters ab. Die Putzfrau brachte uns hoch. Dort aus der Wohnung kam ein strahlender Mann heraus mt einem Schnurrbart, der sagte: ,,Meine Kinder sind da, meine Kinder sind da!”

Das Leben in Stuttgart hatte sich innerhalb eines großen Familienverbands abgespielt. Schon allein in der 5-Zimmer-Wohnung meiner Großeltern wohnten viele Menschen, große und kleine, alte und junge, und es gab immer Besuch. Ich war nie alleine, meine Tanten liebten mich, mein Opa liebte mich, vor einem Onkel rannten wir regelmäßig schreiend weg, wenn er zu Besuch kam, weil seine Wangenkniffe Ausschlag verursachten. Wir lebten in den Hochhäusern; und wenn wir rausgingen, war da schon immer ein Haufen Kinder, mit denen wir dann durch die Gegend rannten. Wir hatten bereits unsere eigenen hochkomplexen sozialen Netzwerke und die Währung bestand aus Selbstbewusstsein und Tratsch.

In Berlin: Ein weiteres Hochhaus, doch alles fiel zurück auf diese Kernfamilie: Mein Vater, seine Frau, ihre zwei Kinder. Wände. Mein Vater, eine Mischung aus Humor, Sentimentalität und Aggressivität. Selbstbewusstsein half nicht mehr; noch wurden wir von unserem Vater betüttelt; später würde das der genervten Langeweile weichen. Nach klassisch märchenhaften Prinzip bekamen mein Bruder und ich bald für alles die Schuld was unser kleiner Halbbruder anrichtete. [Hier folgt eine Darstellung sexualisierter Gewalt . . . ] Ein Cousin, der uns zeigte, wie er sich auf einer Matratze selbstbefriedigte. Unnütze Sachen, die uns gekauft wurden, wie Tische und Stühle für ein Puppenhaus, ohne Puppen, ohne Haus. Mein kleiner Halbbruder, der nur ,,heiß” sagen konnte und das oft und gerne. Meine Stiefmutter, die ihren Freundinnen die Haare blond färbte und ihnen erzählte, dass hier da und da eine grüne Stelle sei. Irgendwann rasierten mein Vater und sie sich ganz die Haare ab. Ich weiß, dass sie schön war, meine Stiefmutter, bis heute erinnere ich mich an ihre schönen Wangenknochen.
Dann dieses Tagheim. Kannst du dir vorstellen wie eine Art Kindertagesstätte, wo arbeitende Elternteile ihre Kinder hinbringen konnten und die durchaus auch dort übernachten konnten, für ein, zwei, mehrere Tage. Meine erste Erinnerung an ein Jugendamt. In der Wohnung gab es immer öfter Streit wegen Geld; meine Stiefmutter war überfordert mit uns zusätzlichen Kindern. Mein Vater wurde gewalttätig. Ich erinnere mich an eine Drohung, die er ausstieß: Wenn ich wieder ins Bett einnässen würde, würde er mir mit einem glühenden Eisen den Hintern versohlen. Ich erinnere mich nicht an Schläge. Mein Bruder erzählte mir, dass mein Vater mich oft geschlagen hätte. Ich glaubte ihm nicht. Jahre Später sah ich in einer Akte ein Arztschreiben. Da ging es wohl um eine tiefe Wunde an der Stirn, die mein Vater bei mir verursacht hat. Ich wäre dann mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht worden. Danach ging ich der Akte nach im Tagheim nicht mehr mit, als mein Vater uns zum Wochenende mitnehmen wollte.

Irgendwann kam unser Vater nicht mehr. Was da alles lief im Hintergrund würde ich erst ein Jahrzehnt später nachvollziehen können. Wir blieben in dem Tagheim. Mein Bruder und ich entwickelten recht bald große Unabhängigkeit voneinander; er hatte seine Freundeskreise, ich meine. Ich für meinen Teil vergaß meine Familie erstmal. Der Tagesrhythmus des Hauses wurde zu meiner Struktur; der quälend lange Mittagsschlaf, zu dem wir verordnet wurden; mein Neid auf die, die schon in die Schule gehen konnten und deshalb in der Mittagspause Hausaufgaben machen durften im Wohnzimmer. Ich brachte mir selber Lesen und Schreiben bei; erforschte Sexualkundebücher. Wir liebten Michael Jackson und seinen Moonwalk; tanzten ihn mit nackten Oberkörpern, wir befummelten einander wie es sich gehörte, überhaupt drehte sich vieles um Lust. Manche Freundschaften ergaben sich, unerklärlich wie so oft; andere waren Allianzen, die strategisch durchgeplant waren, zum Beispiel um sich gegen die älteren Kinder zu wehren.

[edit: Ab hier die Darstellung sexualisierter Gewalt; Absatz kann übersprungen werden!]

Es gab ein Mädchen über das sich alle lustig machten, weil sie alle paar Minuten aufs Klo musste und dadurch jedes Spiel verdarb. Ich erinnere mich, wie ein etwas älterer Junge ihr beim Campen irgendwann des Nachts während sie schlief seinen Pimmel in den Mund gestopft hat. Bis heute steht diese Erinnerung ziemlich isoliert in meinem Kopf. Es war ganz klar ein Akt der Macht gewesen und für mich velleicht nie so spürbar wie in diesem Alter, wo ja fast nichts mehr hervortrat als die Verfügbarkeit und Kontrolle unserer Körper durch die älterer, stärkerer Menschen. Die Verfügbarkeit machte den Ekel größer; ich dachte tatsächlich, er würde in ihren Mund pinkeln, weil er keine Lust hatte, draußen zu pinkeln.

[Hier ists auch schon wieder vorbei :) ]

Unsere Betreuer*innen, an die ich mich erinnern konnte … Wolfgang, Gisela, Dirk? Gisela war eine recht alte Frau gewesen, die mich immer mit zum Bäcker genommen hatte, wo ich regelmäßig ein Brötchen geschenkt bekam. Sie erzählte oft Lügen der Pädagogik wegen; und ich weiß, dass mich bei ihr dieses Mitleid ritt, dass mir schon in meiner Familie für alte Frauen eingeimpft worden war. Einmal hatte ich ihr absagen müssen, weil ich nicht mit ihr zum Bäcker gehen wollte und erinnerte mich sehr gut an die Schuldgefühle, die mich da heiß überfielen.

Mit den männlichen Betreuern hatte ich seit jeher meine Probleme. Ich erinnere mich noch, dass es mir unangenehm war, als unsere Prinzessin einmal liebevoll im Schnurrbart von Wolfgang gespielt hatte. Überhaupt diese Prinzessin … innerhalb der Machtspielchen die es damals unter den Kids gab, war das Ausspielen des “gelungeren” Mädchen-Seins der mich am meisten überfordernde Kniff. Ich sah schon damals wie perfekt die Inszenierung dessen war: diese zarten hellhäutigen blonden Mädchen mit den großen blauen Augen, die einfach nur durch ihre Präsenz Menschen überzeugten. Sie erzählten mir auch eine Geschichte dessen, was ich nicht war. Seit damals hatte ich nie verlernt zu sehen: wahrzunehmen: die gerade Haltung meines Gegenübers, wie der Schal saß; die sauberen Formulierungen, das Räuspern; bis heute kann ich menschliche Inszenierung nie ignorieren; selbst in jeder noch so banalen Busfahrt prägt sich mir das Auftreten meines Gegenüber ein. Am stärksten aber das von anderen Frauen*.

Berlin, das war damals dieses Tagheim und das eine Hochhaus und der Laden um die Ecke, wo es türkischen Honig gab. Berlin, das war schon damals Schimpfen über einen Flughafen. Das Tobezimmer mit den riesigen Plüschtieren. Mein Schlafzimmer und das häufige Kranksein. Die Entwicklung unserer Zähne; manchmal war nichts faszinierender. Und viele viele Kinder, viele große und kleine Geschehnisse, erste Enttäuschungen, Mohnbrötchen, Sandmännchen. Und Mineralwasser. Ernsthaft.

Kurz bevor wir wegzogen, lernte ich Annika kennen. Sie war ein Mädchen in meinem Alter, blond wie die Prinzessin aber überraschend nett und vielleicht war sie meine erste gute Freundin. Sie schien mich bedingungslos zu mögen und einfach nur gerne Zeit mit mir zu verbringen. Ich durfte bei ihr übernachten und wir hatten viel Spaß miteinander. Und dann war das auch schon wieder vorbei und mein Bruder und ich saßen im Auto; unterwegs zu einem anderen Ort, zu einem anderen Heim. Weil irgendwelche Menschen in Büros das so beschlossen hatten.

Berlin. Zurück im Heute. Als ich letztens dort aus der Bahn stieg nach einer langen Fahrt, und mich erstmal müde verlief, da überraschte mich, wie angenehm alles war. Die Häuser und die Straßen, die ich sah, die vielen türkisch- und arabischsprechenden Menschen um mich her; die Häuserwände bunt wie damals schon; der freundliche Schmutz. Ich fühlte mich zuhause. Ich verirrte mich, aber das war okay. Ich hätte stundenlang weiter durch diese Straßen irren und ihren Geruch und ihre Atmosphäre auf mich einwirken lassen können. Es ist schön, dieses Gefühl, dass manche Erinnerungen zwar nicht in Worte gefasst werden können, aber vom Körper gelebt werden. Und gerade dieses Nichtfassenkönnen, Nichteinteilenkönnen solcher Erinnerungen; gerade das, was flüchtet, sobald ich danach greife, dieses Sprachlose; das, was eingewirkt in unseren Körpern weiterhin unsere Geschichte erzählt; ich möchte dies wieder wahrnehmen lernen. Ich möchte lernen, mich dem Einteilen zu verweigern, mich der Datierung zu entziehen. Lernen, das was Körper-Geschichte ist – : nicht mehr zu hören durch Erzählungen allein, sondern auch zu schmecken, zu riechen, zu fühlen.
Meine ganz eigene Geschichte.

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Atheistin oder was.

Irgendwann die letzten Monate, im regen Austausch mit Menschen, die ähnlichen religiösen Missbrauch erlebt haben, fiel von einer Seite der Gedanke:
Gut, dass ich jetzt in einer anderen Welt lebe. Gut, dass ich nicht mehr glaube, was ihr glaubt.

Ich blieb an dieser Aussage hängen, ließ sie mir immer wieder durch den Kopf gehen. Geht es mir denn so? Kann ich sagen: Ich bin Atheistin? Will ich das sagen? Wieviel Überrest ist da noch in mir? Sage ich zu all dem, was in mich hineingeschrieben wurde: Nein – ? Wieviel möchte ich noch glauben. Inwieweit verletze ich mich erneut, wenn ich mich darauf einlasse. Triggert mich nicht schon der Gedanke an einen allmächtigen Gott?

Mir ist klar geworden, dass das Wort Atheistin für mich nicht passt. Es ergreift nicht ganz, wie sehr das Erbe, das mir diese Zeit in der Gemeinde hinterlassen hat, mich noch beschäftigt. Wie dessen Symbolik immer noch Handwerkzeug für mich darstellt, mit dem ich arbeite. Ich brauche ein Wort, das damit arbeitet, dass es diese Vergangenheit gibt. Post-christlich vielleicht? Post-gläubig?

Es funktioniert nicht für mich, den Glauben zur Seite zu schieben. Obwohl es oft genug Momente gab, wo ich das tun wollte. Aber vielleicht muss das auch nicht mein Ansatz sein. Im Gegenteil, ich lerne auch hier wieder gerade den Begriff der Dekonstruktion schätzen. Dekonstruktion von Geschlecht z.B. wird, sowie ich das verstanden habe, nicht so gehandhabt, dass jetzt alle bitte so tun sollen, als ob es Geschlecht nicht gäbe. Sondern mehr: Wir spielen damit, wir verzerren es, wir geben vielen Geschlechtern Raum, wir zeigen mit dem Finger auf die Willkür von Unterscheidungsmerkmalen und so weiter. Kurz: Wir beschäftigen uns damit, nehmen es in die Hand, nehmen es auseinander, setzen es ein wenig schief wieder zusammen, verändern Perspektiven. Und ich hab das Gefühl, dass wir damit quasi auch der Tatsache Tribut leisten, dass wir diese ganze Scheiße verinnerlicht haben. Dass wir das vielleicht sogar machen müssen, diese ganze Arbeit, weil wir es anders nicht innerhalb unseres Vermögens bekämpfen können. Durch steten Zweifel, im sanften Zerrütten.

So ähnlich gehts mir mit Gott. Ich krieg ihn nicht aus meinem System raus. Er (ja, als er) ist da drin; vermengt mit meinen Nervenenden; eingewebt in meine Gefäße; jeder Kampf, den ich mit ihm je führte, hat Zeichen hinterlassen, Spuren: “Ich war da” mit rotleuchtenden Buchstaben an die Innenseite meines Kopfes geschrieben.

Solche Spuren sind wie Tatorte; ich kann versuchen, alles zu säubern; ich kann aber auch die Gaffer verjagen, den Bereich absperren und dann jedes einzelne Indiz untersuchen. Und vielleicht säubere ich alles danach so, dass nichts mehr daran erinnert, wenigstens so, dass ich ungestört meinen Tätigkeiten nachgehen kann. Ohne über Leichen zu stolpern. Vielleicht hinterlasse ich aber hin und wieder Mahnmale; ein Blumenstrauß, ein Brief, an mich, eine Erinnerung; Beweggründe; und manch Ding, das mir einfach kostbar war und was ich gar nicht wegschmeißen will. Vielleicht bau ich ein fettes Denkmal dahin. Oder einen Ort zum Tanzen …

Strategien, mit diesem ,,Danach” umzugehen. Ich brauche sie.

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Feminism mit Schmerz und Schwarzer

Meine Timeline auf Twitter las sich vorgestern so: Allgemeine Empörung(tm) von Feministinnen*. Auf @radioeins wurde behauptet, es gäbe ja eh nur Alice Schwarzer die in Deutschland wirke und nach ihr keine andere Feministin*.

Die Wut einiger darüber kann ich sehr gut verstehen. Bei anderen ist mein Mitgefühl begrenzt.

Liebe Feministinnen*, die ihr euch unbeachtet fühlt: Kritik an Schwarzer ist bäräh-chtigt, das wissen wir alle. Aber bevor ihr euch vornehmlich an ihr abarbeitet, also an einer, an der das echt ne leichte Aufgabe ist; eine die offen zu Rassismen wie der Forderung nach ,,Assimilation” steht und den Islam als Bedrohung für die Zivilisation darstellt; achtet doch darauf, wo ihr selber daran mitwirkt, andere Menschen innerhalb der Bewegung auszugrenzen und unsichtbar zu machen. Das ist etwas, woran wir alle noch arbeiten müssen. Ich auch. Und das ist auch etwas, was vielen Menschen wehtut. Und nicht nur Schwarzers Variante.

Schwarzer zu kritisieren ist easy. Ich hab das auch schon geschafft. Aber was wir lernen müssen und was schwieriger ist: Sich selber der Kritik stellen. Nicht mit Beißreflexen reagieren. Oder genauso schwierig: Lernen, die eigenen Freund*innen zu kritisieren, wenn sie failen. Denn wir alle haben den Bullshit verinnerlicht.

Stellt euch vor, ich hätte gestern einigen geantwortet, wie mir und anderen Menschen beim Thema Klassismus geantwortet wurde. Ich gehe dabei mal darauf ein, was Nadia v.a. in ihrem Artikel an die taz schrieb und der von vielen gefeiert wurde (und nein, Nadia, ich lasse hier mal nicht los). ,,Die Schwarzer kämpft für euch da draußen, während ihr es hier in eurer Bubble schön kuschlig habt.” Stellt euch vor, ich hätte gesagt auf euer Bemühen hin, Formen von Rassismus sichtbar zu machen: ,,Es gibt ja eh fast nur deutsche Feministinnen* in der feministischen Bewegung.” Das wäre nicht okay gewesen. Ihr wäret zu Recht wütend geworden. Und dann hätte euch noch jemensch gesagt: Sag das bitte netter, sonst provozierst du ja nur, dass ich dir nicht zuhöre. Das hat Antje Schrupp gebracht.

Nein, mensch kann Rassismus und Klassismus nicht gleichsetzen. Muss ich auch nicht. Klassismus IST eine Form von Ausgrenzung und ist für viele unter uns spürbar. Und niemand muss dazu Bourdieu studiert haben, um das zu wissen. Ich weiß, wie emanzipatorisch Bildung sein kann; ich weiß, wie wichtig mir gerade als von Rassismus Betroffene Bildung gewesen ist und noch immer ist. Aber es bleibt dabei: Wichtig ist, nicht stehenzubleiben dabei, sondern diese Form von Ermächtigung zu reflektieren.

Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht.
Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht?

Eine Feministin zitierte vor kurzem Flavia Dzodan von Tiger Beatdown, die schrieb:

,,My feminism will be intersectional or it will be Bullshit. /
Mein Feminismus wird entweder intersektionell sein oder er ist Bullshit.”

Oder Vegans of Color, in deren Blogtitel steht:

,,Because we don’t have the luxury of being single-issue.” /
Sinngemäß etwa: Weil wir nicht den Luxus genießen, uns nur mit einer Form von Diskriminierung beschäftigen zu können.

Wieso schreib ich das alles. Ich habe heute einen Brief von der EMMA bekommen. Vor zwei Monaten oder so habe ich mein Abo gekündigt und den Grund dafür in meiner Mail angegeben: Rassismus.

Die EMMA schreibt:

,,Wir sind sicher, dass Ihnen Ihr Abonnement der Zeitschrift EMMA viel Freude bereitet und wertvolle Informationen vermittelt hat.”

Bullshit.

Ich bin im ,,Frauenkirche”-Verteiler. Gestern gingen antimuslimische Emails rum, die von der ,Mehrheit muslimischer Männer” redeten, die alle ihre Frauen* schlagen. Und dass ja Änderung nur von den “intellektuellen europäischen Zirkeln” ausgehen würde. Ich reagiere und bekomme die Abwehrreaktionen eurozentrischer Elitengläubigkeit. Zitat: ,,Antimuslimischen Rassismus lasse ich mir nicht vorwerfen!” und ,,die Eliten müssen anfangen … Es waren auch die Eliten, die zur Aufklärung geführt haben!” und dass muslimische Frauen in Europa das Glück haben, das ihnen hier Bildung offensteht: ,, (wenn es ihre Eltern zulassen!!!)!”

Und das von Feministinnen*. Wieder und wieder.

Bullshit.

Das alles ist kein Hobby von mir oder anderen. Die letzten Wochen sind voll gewesen mit dieser Scheiße. Ihr regt mich auf.

- – -

Ellenlanges Derailing wird erst gar nicht veröffenlicht.

Crossposted bei Rumbaumeln.

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Von Meerjungfrauen und Werwölfen – Pubertätsmärchen. Teil I

Spoiler Alarm: Hier geht es heute um die Serie ,,Teen Wolf”. Ich werde alles verraten. Rettet euch.

Alarm 2: Ich bin unzufrieden mit diesem Post. Ich will ihn aber trotzdem veröffentlichen. Ich hoffe, ich werde mit ähnlichen Postings in der Zukunft zufriedener sein. Das Hauptproblem, das ich für mich sah, waren die vielen Assoziationen und dass ich viele davon einfach nicht zuende denken konnte.

Alarm 3: Mir ist es total schwergefallen, gescheit mit den Sternchen* umzugehen. Ihr werdet es merken. Ratet mal, worans liegt. Es ist das eine, gegen Geschlechterbinarität zu sein; es ist etwas anderes(edit: Nein, eigentlich nicht^^), wenn Popkultur dir erzählt, es gibt da diese Parallelwelt einer Serie, in der gäbe aber nur diese ZWEI Geschlechter und die benehmen sich eben so. Soll ich mich jetzt innerhalb der Geschichte auf diese Logik einlassen, weil ??? Ich habs versucht mit den Sternchen, verbessert mich, wo ihr könnt.

— — —

Ich mag Teenieserien. Hab sie in den dafür ausgerichteten Jahren nicht gucken können, bilde mir aber auch ein, dass es damals nur Buffy und Dawsons Creek gab. Ich war ziemlich lange noch mit Disneyfilmen verbandelt.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass es mir leichter fiel, mich mit Tiercharakteren zu identifizieren, als mit den weißen, schlanken, normgerechten Mädchen der klassischen US-Teenserie.

Yeah, aber jetzt: Teenieserien ahoi. Vor ein paar Jahren war es [edit:Ableismus im Titel] „Neds ultimativer Schulwahnsinn”, die letzten Monate ,,Awkward. Mein sogenanntes Leben.“ und ,,Teen Wolf”.

Viele kennen das: Mensch entdeckt, bestimmte Storylines erzählen ihre eigene Geschichte; sie haben einen Bezug zur heutigen Gesellschaft, etc-ach-was-ist-Kultur-doch-interessant. Großes rhetorisches Blabla; jetzt kommt die eigentliche Idee: Ich will zwei der Teenieserien miteinander vergleichen. Und zwar einfach nurmal die erste Episode.

Ich habe mir ,,Teen Wolf“ und ,,H2O – Plötzlich Meerjungfrau“ (im Folgenden “H2O”) dafür ausgesucht, aus dem ganz gezielten Grund, dass sich 1. beide um eine Verwandlung in ein mythisches Geschöpf drehen und 2. sehr auffällig ist, dass in Teen Wolf v.a. junge Männer, in ,,H2O“ nur junge Frauen sich verwandeln.

Und dass beide Storylines anscheinend Geschichten über die Pubertät sind. Mensch muss nicht lange eine Folge von Teen Wolf ansehen, damit klar wird, dass es eine Geschichte oder auch ein Märchen über männliche* heterosexuelle Pubertät ist. Und als ich mir heute die Episode von “H2O” anschaute, wurde mir klar, dass hier etwas ähnliches geschieht, mit Frauen*. Wieso werden Jungen* zu Werwölfen und Mädchen* zu Meerjungfrauen? Für mich haben die Serien durchaus was mit der Erziehung zur Zweigeschlechtlichkeit zutun.

Die Berufung auf mythische Geschöpfe gibt dieser Erziehung zur Zweigeschlechtlichkeit dabei soetwas wie Legitimität, das ,,Von alters her”, das uns immer wieder neu erzählt wird.

Da ich bemerkt habe, dass mir das zuviel Arbeit wird, hab ich eine kleine Serie drausgemacht; danke @Esme für die Idee. Ich beginne mit Teen Wolf, werde im nächsten dann “H2O” behandeln und als drittes einen Vergleichs-Post der zweien schreiben. So die Idee, ob es dann letzten Endes auch klappt, liegt in den Sternen.

Wie ich zu Pubertätsinszenierungen stehe: Ambivalent. Ich werde jetzt nicht runterleiern, was Pubertät ist, was ,,im Körper ausgelöst wird“ (siehe Esmes großartiges ,,Bei einem Orgasmus passiert irgendwelches Zeug“).

Mir geht es erstmal um die Machtfrage. Solange ist die Zeit nicht her, dass ich mich nicht noch schmerzlich daran erinnern kann, wie diese ,,Phase“, die anscheinend nur aus weiteren Phasen bestand, von Älteren instrumentalisiert wurde, um mich und andere als junge Menschen nicht ernst nehmen zu müssen beziehungsweise alles auf die geheimnisvollen Hormone herunterzubrechen.

,,Teenagersein“ hieß, so stark von biologischen Prozessen beeinflussbar zu sein, dass kühle, vernünftige, quasi vom Körper losgelöste (=gute) Entscheidungen nur die Erwachsenen treffen konnten. Mich hat dieser Mythos, diese Vorhersage über mich selber so genervt, dass ich aus Trotz (ahaha) die Erwachsenen in ihrer ,,vernünftigen“ und ,,pflichtgemäßen“ Art nachahmte. Zum Leidwesen der anderen Kinder um mich herum, weil sie neben mir erst recht ,,kindisch“ wirkten. Erst mit neunzehn, zwanzig oder so konnte ich mal ,,loslassen”.

Anderseits freut es mich dann immer wieder, solche Stories zu lesen, mitzukriegen, wie diese inszeniert werden: wie gehen andere mit ihrer sich etablierenden sozialen Rolle um – oder bzw. was wird angenommen, wie sie damit umgehen, wie kommen sie mit Schamgefühlen klar, wie gehen sie mit ihrem eigenen Körper und den anderer um, mit Gruppenprozessen, Familienleben und so weiter. Und was erzählt uns diese Inszenierung über die Gesellschaft, in der wir leben.

So, nun zur Dekonstruktion. Ich hab mir den Begriff von Ana Mardoll geliehen, die ich bereits in einem früheren Post mal erwähnt habe.

Generell bedeutet es, alles Mögliche niederzuschreiben, was mir zu einem Schlagwort, einer Geschichte, einer Storyline so einfällt, es nicht in seiner Abgeschlossenheit sein zu lassen, sondern herauszuholen und in den Meat-Space zu übersetzen, es zu kritisieren, quasi zu schauen, was unten rauskommt, wenn ich es mal ganz kräftig schüttele. Etc.

Beginnen wir mit dem Geschlechterbild: In Teen Wolf verwandeln sich vor allem Männer* in Werwölfe. Ein Werwolf besitzt große Macht und Kraft, aber nur, wenn er sich kontrollieren kann, ansonsten verletzt er sich selber und natürlich die, die ihm lieb und teuer sind.

Für mich ist er das Sinnbild ganz klar traditionell männlich konnotierter Aggression, die richtig kanalisiert werden muss, damit sie konstruktiv genutzt werden kann und die durch männliche Vorbilder und peer buddys Erziehung und Eingrenzung braucht.

Im späteren Teil der Serie wird klar, dass die Hauptbeschäftigung der Werwölfe bleibt, andere zu unterwerfen und sich gegenüber Werwolfjäger*innen zu behaupten. Scott kämpft u.a. damit, eine andere Männlichkeit als die der Alpha-Wölfe anzustreben.

Weibliche Werwölfe gibt es kaum. In der gesamten Serie soweit ich weiß nur zwei, nämlich die bereits zu Anfang der Serie tote Schwester des Alphawolfes Derek Hale und dann eine Klassenkameradin von den Jungen, die durch den Biss vom Mauerblümchen zur supersexualisierten PHRAU(tm) wird. Sie hebt die These Werwolf=männliche Aggression nicht auf; da es durchaus in der Gesellschaft als ,,Vermännlichung” betrachtet wird, wenn eine Frau* ihren* Willen durchsetzt, ihre* Lust lebt, sich nimmt, was sie* möchte.

Die Klassenkameradin bleibt aber auch nach ihrer Verwandlung eher unsichtbar; diese dient mehr dem ,,Aha”-Effekt der Vorher-Nachher-Show, als dass die Storyschreiberlinge tatsächlich an ihrem Charakter und seinem Wandlungsprozess interessiert wären. Das finde ich verdammt nochmal SCHADE. Baut sie aus! Macht sie großartig!

Scott McCall ist die Hauptfigur in Teen Wolf. Zu ihm las ich zuallererst in der Beschreibung des englischen Wikipedias, dass er ein ,,social outcast“ sei, ein Außenseiter; ich verstand es noch extremer als ,,Ausgegrenzter“.

Ich war recht enttäuscht, als sich herausstellte, dass die Hauptfigur ein für Hollywood klassischer weißer Dude war mit breiten Schultern, einem fotogenen Lächeln und viel Begeisterung für den Schulsport Lacrosse. Edit: Von Samias Verlinkung in den Kommentaren erfährt mensch, dass der Schauspieler Latino ist.

Zu einem Außenseiter nach Hollywoodsinn markieren ihn: Sein Asthma-Spray; dass er ein Fahrrad statt ein Auto besitzt und zuletzt sein nerdiger Freund Stiles Stilinski (oh ja, er heißt so), der gleichzeitig als Abgrenzung dient, um zu zeigen, dass Scott zwar Außenseiter ist, aber nicht sooo einer.

Stiles ist der einzige, der mir wirklich gefällt und dessen Namen ich mir merken konnte; er dient offensichtlich zur Bespaßung und positiven Berahmung des eher langweiligen Titelhelden, er ist zuständig für dessen Gefühle und Seelenzustände. Zu ihm schreibt The Fashion Harbinger sehr passend:

Stiles ist so schön wie ein Zeitlupenvideo einer blühenden Blume; die beste Mutter, die sich ein junger Wolf erhoffen kann. [...Er] ist der liebenswürdigste Charakter überhaupt. Stiles ist der mit den Plänen, der strategische Denker, der Forscher … er ist die Hermine Granger der Show.

Stiles is beautiful like a timelapse video of a blossoming flower, and is the best mother any young wolf could possibly hope for. [... He] is basically the most lovable character ever. Stiles is the planner, the strategic thinker, the researcher… basically, he’s the Hermione Granger of the show.

Die weiblichen Personen im Vordergrund sind ERSTMAL vor allem Love Interests, nämlich Allison Argent und Lydia Martin. Ein ganz typisches Klischee ist, dass Allisons Vater ein Werwolfjäger ist und Allison so für Scott zur verbotenen Frucht wird; der Vater ist hinter Werwölfen her und bald hinter Scott, in einem typisch US-amerikanischen ,,Er nimmt mir meine Tochter weg/ er ist eine Gefahr für meine Tochter/ Wehe du hast Sex mit meiner Tochter”. Später entwickelt sich aus ihrer Beziehung zu Scott, die von Vertrauensbruch durchzogen ist, eine Art Penthesilea-Geschichte, zu der dann auch gut passt, dass sich nach und nach herausarbeitet, dass ihre Familie, die Werwolfjäger*innen Argent, matriarchatsförmig aufgebaut sind. Aber das kommt erst später …

Lydia Martin ist die klassische Schulschönheit, die am Anfang sehr überzeichnet dargestellt wird. Im Laufe der Serie wird sie zu einen der Gestalten, deren Trope die meisten Brüche bekommt, wo es aber wieder so oft nur bei Andeutungen bleibt.


So, hier nun zum Ablauf der ersten Folge:

Die Episode 101 beginnt mit der Polizei des Ortes Beacan Hills, die im dunklen nebligen Wald mit Schäferhunden nach einer Mädchenleiche sucht. Die Szene dient auch dazu, den Wald als einen der wichtigen Orte in der Serie vorzustellen, wo sich vieles im Verlauf von Teen Wolf abspielen wird; quasi der politische Lebensraum der Werwölfe.

Scott wird eingeführt, wie er den Schläger seines Lieblingssports repariert, mit nacktem Oberkörper. Diese Körperlichkeit ist ein ganz wichtiger Aspekt in Teen Wolf. Grins: Die Männer*-Umkleide des Schulsports ist dabei eines der zentralen Schauplätze für dramatische Ereignisse. Da die Frauen* eher zugeknöpft sind, hat diese männliche Körperlichkeit durchaus etwas Homoerotisches, mit der die Macher*innen auch bewusst spielen. Es gibt u.a. eine Szene, wo Alphawolf Derek Hale sich auszieht, um die schwule Nebenfigur Danny zu bezirzen. Danny ist wohl der unkomplizierteste schwule Teenager, den TV-Serien je gesehen haben, er ist relaxed, gerät in keine dramatischen Situationen hinein und gehört zu den Popular Kids. Aber er bleibt auch eine Nebenfigur, die von den ganzen Auseinandersetzungen der Werwölfe nix mitkriegt.

Zurück zur Hauptfigur: Scott hört etwas draußen und geht gleich mit dem Baseballschläger raus. Ich kann mich irren; ich weiß, dass in den USA das mit dem Privatbesitz anders gesehen wird und so, aber dass jedesmal zum Baseballschläger gegriffen wird, sobald ein Zweig knackst, finde ich dann schon seltsam.

Als es sich dann als sein Freund Stiles herausstellt, der auf dem Dach herumklettert, meint er, er dachte es sei ein Raubtier gewesen. Das ist deswegen interessant, weil Stiles ihn später aufklärt, es gibt keine Wölfe in Kalifornien. Und ich kann mir gerade nicht vorstellen, welche Tiere Scott noch Angst gemacht hätten. Ich denke, es ist als nettgemeinter kleiner Hinweis gedacht, dass das eigentliche Raubtier eigentlich er, Scott, ist beziehungsweise er es im Laufe dieser Folge in sich entdeckt.

Stiles, Sohn eines Polizisten, erzählt ihm, dass die Polizei nach einer Mädchenleiche im Wald sucht. Die Jungs ,,wittern ein Abenteuer“ (oh diese TKKG-Schreibe!)und ziehen los. In der Nähe der Polizisten wird Stiles von seinem Vater entdeckt; Scott bleibt alleine im Regen zurück und irrt dann durch den düsteren Wald. Irgendwas scheucht Rehe auf; sie trampeln über ihn hinweg; er verliert dabei sein Asthma-Spray. Er sucht mit seinem Handylicht danach und findet ein Teil der Mädchenleiche. Er rennt und begegnet dem Werwolf, der ihn beißt. Er flüchtet.

Am nächsten Tag in der Schule zeigt er Stiles seine Wunde: Erklärung: Es muss ein Wolf sein. Stiles meint, es gäbe keine Wölfe in Kalifornien.

Sie sind im Klassenzimmer, wo der Lehrer ironischerweise Kafkas Verwandlung durchnimmt. Kurz darüber nachgesonnen, hier mal Grundsätzliches: Gregor Samsa erlebt seine Verwandlung insgesamt negativ und sie führt auch dazu, dass er zum sozialen Absteiger wird; mit Eltern die mit ihren Ambitionen am Schluss auf die heiratsfähige Tochter setzen. Scotts Verwandlung hingegen ist eine, die ihn sozial aufsteigen lässt und dessen Konsequenzen ihn erstmal glücklich machen. Keine Ahnung, vielleicht hat jemensch Lust, einen Samsa-Teenwolf-Vergleichspost zu schreiben.

Scott bemerkt, dass er ein außergewöhnlich sensibles Gehör bekommen hat. Die Neue wird vorgestellt, Allison Argent. Es wird schon anfangs klar, dass sie der Love Interest von Scott sein wird. Scott benutzt sein verbessertes Gehör, um das Mädchen zu beeindrucken.

Allison wird sofort von der Schulberühmtheit Lydia Martin als beste Freundin akzeptiert wegen ihrer tollen neuen Jacke. Das geht sehr schnell und sehr glatt über die Bühne. Teen Wolf reproduziert die üblichen Klischees gerne, bringt aber im Laufe der Staffeln immer wieder Brüche hinein, die für mich erst die Spannung der Serie erzeugen. Leider muss ich auch sagen, lasse ich mich auch oft damit abspeisen. –

Erste und in der Folge einzige schwarze Frau tritt auf, um zu sagen, wie unfair das sei, dass Allison sofort diese Aufmerksamkeit bekommt. Stiles antwortet ihr mit nüchternem Realismus: So ist das halt. ,,Schöne Menschen gehören zusammen”.

Die nächste Körpersituation: Lacrosse. Love Interests sind nur da um zuzuschauen. Scott will sich dringend beweisen, für sich selber, aber auch für das Mädchen. Der Trainer des Lacrosse-Teams ist dabei die klassische negative männliche Figur, die ihn nicht anerkennt und für den menschlich nichts zählt außer Leistung.

Scott kommt mit seinen neuen Kräften erst überhaupt nicht klar, sie überwältigen ihn, als die Pfeife für ihn so laut zu hören ist, dass er nicht auf das Tor aufpassen kann. Doch dann kriegt er jeden der Bälle gefangen. Der Schulfiesling kann sich das nicht länger mitanschauen, drängt sich gebieterisch vor beim Trainingswerfen und – Konfrontation – doch Scott hält.

Was hier inszeniert wird, ist die klassische Fabel: Überwältigung versus Kontrolle. Solange Scott sich im Griff hat, solange er die neuen Kräfte übt und beherrscht, wird er Anerkennung gewinnen.

Nächste Szene: Scott und Stiles laufen durch den Wald, um das Asthma-Spray zu finden. Scott erzählt Stiles von seinem Zustand. Stiles macht Werwolfwitze. Sie kehren zu der Stelle zurück. Derek Hale taucht plötzlich auf, ein junger Mann, dessen Familie vor einiger Zeit in einem Hausbrand gestorben ist. Er wirkt sehr bedrohlich und geht wieder, nachdem er meint, dass die Jungs sich auf Privatgelände befinden, und dann das Asthma-Spray rüberwirft. In der Tierklinik, in der Scott arbeitet, entdeckt er dass seine Wunde völlig verheilt ist. Die Katzen schlagen alle wie wild an, als er in ihren Raum geht (hiermit habe ich entschieden, dass Katzen auch anschlagen können!).

Allison kommt vorbei; sie hat einen Hund angefahren. Hund ist total verängstigt und bellt laut rum; intuitiv beschwört Scott den Hund mit Augenkontakt.
Es folgt ein grässlich langweiliges Gespräch zwischen den Anbändelnden: Allison, weil sie so verängstigt war um den Hund:,,Ich bin ausgeflippt wie ein typisches Mädchen und ich bin kein typisches Mädchen!”

*augenroll*

Scott sagt, dass er wahrscheinlich geweint hätte an ihrer Stelle. Das ist für ihn leider aber nicht eine Form von Männlichkeit, sondern wieder etwas, was nur ein ,,girly girl”, ein typisches Mädchen machen würde, nicht ein MANN. Die Gleichung Girly girls= pathetic, also erbärmlich (Zitat!) geht mir gewaltig auf die Nerven. Die Streichelszene des Hundes wird zum romantischen Moment. Kleiner Nebengedanke: Mensch und Werwolf kommen sich über einen Hund näher. Discuss ^^

Körperliche Szene 2: Scott geht nachhause schlafen, und wacht nur in Unterhosen im Wald auf. Er trifft dort den anderen Werwolf wieder, kann aber fliehen. (In ein Swimmingpool! Geht es da irgendwie darum, dass kalte Duschen das beste für WERWOLFMOMENTE sind?)In der Schule stellt ihn der Fiesling Jackson Whittemore zur Rede; er glaubt Scott nimmt Steroide. Hätte erwartet, dass Scott ausweichend reagiert; stattdessen, anscheinend überwältigt und und befremdet von seinem eigenen Zustand, brüllt er zurück, dass er ja selber nicht wisse, was los ist. Jackson-Fiesling bleibt sich sicher, dass Scott ein Geheimnis hat, dass er dringend lüften muss; für ihn ist Scott ein Betrüger.

Der Trainer zählt währenddessen auf, was die Jungs erwartet, wenn sie gewinnen: „Your parents are proud, your girlfriend loves you, everything else is cremecheese/ Deine Eltern werden stolz sein, deine Freundin wird dich lieben, alles andere ist Frischkäse.”

Stiles recherchiert im Internet. An solchen Googlesuchen (wie auch bei Twilight), so lächerlich sie aussehen mögen, offenbart sich aber auch ein wenig die subversive Kraft des Internets. Ich erinnere mich daran, welche wichtige Rolle das Internet für mich gespielt hat, als ich entdeckte, dass ich lesbisch war. Mit ähnlichem Eifer sucht Stiles hier nach einer Antwort, die Frage: Wer bin ich wirklich? für seinen Freund zu beantworten. Scott will aber von den Ergebnissen der Recherche, die ihn wieder zu etwas ,,anderem“ gemacht hätten, nichts wissen. ,,Ich bin Stammspieler, ich habe ein Date mit einem Mädchen, von der ich nie dachte dass sie mit mir ausgeht; alles ist irgendwie perfekt“ reagiert er. Er will normal sein und die einzige Normalität, die er akzeptiert ist die der Gewinner, die der Popular Kids. Was Stiles herausfand, war: Die Verwandlung kann durch Wut, oder alles andere, was den Puls steigen lässt, ausgelöst werden. Stiles betont deutlich: Es geht nicht nur um Wut, sondern auch ganz klar um Erregung. Die Beziehung zu Allison wird damit zum Problem. Scott geht vor Wut auf seinen besten Freund los. entschuldigt sich, haut ab.

Dieses Bild, das Stiles’ Recherchen da zeichnen, finde ich hochproblematisch. Es erzählt die Idee einer männlichen Sexualität, die mit Gewalt und Aggression verbunden ist. Sexualisierte Gewalt sei nicht Machtausübung, sondern fehlende Beherrschung. Sie muss erst kontrolliert werden, aber bis dahin kann der Scott ja auch nichts wirklich dafür.

Auf der Party macht er mit Allison rum; der Puls steigt, er bemerkt, dass die Verwandlung beginnt und flüchtet mit dem Auto. Dass er in diesem Zustand Auto fahren kann … Er duscht, erlebt die Verwandlung als monströses Ereignis. Kafka anyone? :)

Wichtig: bei Teen Wolf betrifft Verwandlung auch den Kopf, die Gefühle. Das Tiersein oder das Bild, das hier von Tiersein gemacht wird, überwältigt den ,,vernünftigen“ Mann ganz und unterwirft ihn ersteinmal. Hier wird mein Interesse als Antispeziesistin wach. Der Mensch macht sich selber zum Menschen, indem erklärt wird, was ,,tierisch“ ist; es erfolgt eine Abgrenzung dazu. Menschlich heißt, nicht “Tier” zu sein. Hier geht es nicht nur um Sexualität, sondern um ein grundsätzliches Bild von Menschlichkeit, deren Grundlage die Erziehung zum Menschen ist. (Yeah erinnert nicht grundlos an Beauvoirs ,,Man wird nicht als Frau geboren, sondern zu einer gemacht.”) Und die Jugend ist die Zeit, in der diese Erziehung noch nicht zur Genüge abgeschlossen ist.

Ich übersetze mir ,,Teen Wolf“ deshalb nicht allein als ,,jugendlicher Wolf“, sondern für mich ist es eher ein recht offensichtliches „Teen = Wolf“.

Allison ist in Gefahr, weil Derek Hale, seines Zeichens der Alpha-Werwolf, der Scott gebissen hat, sie abgeholt hat von der Party. Scott stürzt zu ihrer Rettung los. Doch Derek stellt ihm nur eine Falle: er hat Allison sicher zurückgebracht. Die Begegnung ist wieder eine rein körperliche Szene, Mann gegen Mann. Derek sagt ihm klar, um was es ging: „She‘s safe. from YOU/ Sie ist sicher, vor DIR.“ Hier taucht der Werwolfjäger Argent auf, Scott wird verletzt. Derek befreit ihn von dem Pfeil und sagt ihm:,,Dir wurde etwas gegeben, für das die meisten Menschen töten würden. The bite is a gift.“ Der Biss soll ein Geschenk sein, von einem anderen Mann, auferzwungene Gewalt, die ihn zu einem Mann machen soll. Hier wird also klar, wer nicht nur großzügiger Schenker echter Kraft und Macht ist, sondern zudem die Erziehung eines männlichen* Teenagers zur (rechten) Männlichkeit übernehmen sollte: ein (älterer, erfahrener) Mann. Derek Hale, Alpha-Werwolf, will ihm beibringen es zu kontrollieren und sagt, dass sie jetzt Brüder sind. Scott sagt erstmal Nein.

Crossposted auf Rumbaumeln.

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Schnipp-Schnapp-Thread (3): Der, wo mir der Nacken wehtut.

Bei all der Politik wird hin und wieder vergessen, wie wichtig Gespräche über fusslige Hemden und steife Nacken sind. ALSO: Ich habe einen steifen Nacken, denn ich habe zum ersten Mal in meinem Leben Headbanging gemacht. Über Risiken und Nebenwirkungen habe ich mich im Voraus nicht erkundigt; und v.a. nicht, wie schummrig und leicht es einer* im Kopf plötzlich wird :-) Aber ein tolles Mädchen dabei kennengelernt mit einer sehr hübschen Lederjacke aus den 80ern.

Außerdem hab ich Amanda Palmer (@amandapalmer) heute per Twitter zum Refugee-Camp eingeladen. Sie hat sogar reagiert :-) , allerdings auf die etwas spätere Anfrage einer anderen Twitterin, @miss_leelah. Leider wohl keine Zeit. Fand ich aber sehr nett.

Was habt ihr so in der letzten Zeit erlebt, was wollt ihr erzählen?

 

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Vaginas, Penisse, Politik

Inhalt: Penetrationssex (PIV – penis in vagina), r*pe, frauen*ärztliche Untersuchung

Hallo Heterafreundinnen*. Lasst euch was erzählen!
Also: Ihr benutzt Tampons und Penisse? Wie schön! Behaltet das für euch! Will ich nicht! –

Szene 1: Ich werde gefragt, ob ich Tampons habe, da eine der Mädels ihre Tage hat. Nein, sage ich, ich benutze nur Binden. Aber warum?, fragt das Mädel sofort. Und redet eindringlich auf mich ein. Gibt es denn einen Grund wieso? Und die sind doch viel besser als Binden! Hast du etwa ein Problem damit, die dir einzuführen? Na? NA?

Warum müssen Menschen mit Vaginas immer stets bereit sein, sich irgendwas in ihre Vagina einzuführen?

Szene 2: Wir reden über Frauen*ärzt*innen. Heterafreundin hat tolle Ärztin und schwärmt, ich brumme etwas über beschissener Typ und nie wieder. Wasdennwasdenn, meint Hetera. ,,Was ist denn das für ne Scheiße, dass ich da halb vergewaltigt werden muss für ne Untersuchung“, meine ich. Und meine damit das kalte Ding, mit dem Menschen penetriert werden, um sie vaginal zu untersuchen. Freundinnen hatten mir davon erzählt, wie ihre Ärzte mit ihnen dabei umgegangen war, und ich entschied mich, die Untersuchung für mich abzulehnen. Mein Arzt war auch so scheiße. Wie lustig. Als ich es ablehnte, kam die Assistentin zu mir und fragte mit Piepsstimme, ob ich Jungfrau sei.

JUNGFRAUSEIN. Ahahaha. Auch so ne Heteroscheiße mit diesem ,,Jungfernhäutchen“, blödes Konstrukt alá echter Frauen* aus Kindheitsstadium herausreißender Erlösersex über Penisconnection.

Von einer älteren Frau*, die mich wohl beraten wollte und gar nicht darauf eingehen, dass ich es NICHT WILL, hörte ich dann, ich solle versuchen, mich zu entspannen und durch den Bauch zu atmen während einer solchen Untersuchung. Das klingt verdächtig nach ,,Close your eyes and think of England.” Auch sie schaute mit einem hochzufriedenen Blick dabei, amüsiert über mein für Frauen* ihrer Ansicht nach unreifes Verhalten.

Zurück zum Hetera-Lesben-Gespräch. ,,Weißt du, wer öfter Sex hat, bei dem wird die Scheide gedehnt und dann tuts eben auch nicht so weh“, gab die Hetera hilfsbereit von sich. Ich starrte sie fassungslos an.

Bitte nochmal: Sex ist nicht gleich Penetration. Vor allem nicht gleich Penispenetration.

,,Es geht nicht darum, ob ich häufig Sex habe oder nicht“, fauchte ich. ,,Sondern dass ich es NICHT WILL!“ Nicht wollen, das bedeutet: Ich strebe es nicht an, mich auf eine Weise untersuchen zu lassen, die mir unangenehm ist, nur weil Männer*(in meinem Fall) meinen, das sei Notwendig(tm), und das als einzigen Grund anführen, was es für mich von einer Vergewaltigung unterscheiden soll.

Menschen und Vaginas und die Politik um ihre Vaginas: Was da los? Aber hier eine Zusammenfassung meines Alltagswissens: Irgendwie scheint da noch ein Märchen herumzugehen, was den Reifegrad eines Menschen mit Vagina betrifft und das er wohl umso höher ist, umso häufiger dabei irgendetwas (bevorzugt ein Penis) in die Vagina dieses Menschen eingeführt wird.

Tampons sind nicht per se ,,besser“ als Binden oder lassen dich reifer menstruieren. Schwimmen soll besser damit gehen – keine Ahnung; ich hab Schulsport [gelöscht, weil Ableismus. Danke, Samia] gern geschwänzt. Und die Leute, die mir erzählen, dass mensch mit Tampons doch auch schwimmen gehen kann, gehen nie schwimmen.

Es gibt [in manchen Fällen. Nochmal danke @Samia] Alternativuntersuchungen beim Frauen*arzt. Auch wenn frau*mensch viel trinken muss.

Sex geht gut ohne Penis.

P.S: Ich habe bisexuelle Frauen* und andere (maybe)tampons-and-penis-using people ausdrücklich nicht angesprochen, weil ich mit denen nicht solche Erfahrungen hatte.

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Ein Knast, den eine mitträgt.

Alice Schwarzer, Talkshow-Feministin und Journalistin, hat in der neuen Emma-Ausgabe Nr.4 im Herbst 2012 wieder hervorragend bewiesen, dass sie sich rassistischen Diskursen offen zugewandt hat und diese nun frei heraus vertritt. Im Editorial ihres Blattes deutet sie die Zeichen dieser Zeit, die alle darauf hinweisen, dass ,,Islamisten” die Welt zu einer Katastrophe führen, wenn ich ihre flammende Rede, begonnen tatsächlich mit dem Satz: “Die Welt steht in Flammen”, richtig verstehe.

Ich werde nicht den gesamten Inhalt wiedergeben, stattdessen möchte ich nur einige Schlagwörter heraussammeln, die sich im Laufe dieses Editorials ansammeln, mit dem sie ihr neues rassistisches Buch bewirbt. Da gibt es ,,aufgehetzte Massen”, die ,,Angst, stigmatisiert zu werden: als >islamfeindlich<, >fremdenfeindlich<, >rassistisch<”, das wären nämlich ,,die geistigen Waffen” der ,,agitierenden Islamisten”, mit denen ,,kritische Deutsche” bedroht werden. Auch eine weitere bekannte rassistische Waffe setzt sie ein; spaltet die ,,guten” Muslim*innen von den ,,bösen” Muslim*innen und stellt ihren Kampf als einen dar, der gerade die gemäßigte muslimische Community unterstützen soll. Kopftuchträgerinnen, die ihr in Talkshows begegnen, seien ,,bestens geschulte Propagandistinnen aus islamistischen Organisationen”. Das Kopftuch sei ,,ein Totentuch für Frauen”. Auch die Situation deutscher Frauen* wird idealisiert dargestellt; ,,kleine Musliminnen” sollen “sich frei bewegen wie ihre deutschen Freundinnen”; als ob das Kopftuch die absolute Einschränkung bedeute; eine Art Knast zum Mitnehmen. Über die Bewegungsfreiheit deutscher Frauen* würde ich auch gerne mal mit ihr diskutieren; so im Sinne von sexueller Belästigung, die überall in der Öffentlichkeit droht. Aber nein, wahrer Sexismus droht ja vor allem von den anderen, den religiösen Fanatikern und anderen Fremden.

Erdogans ,,Assimiliation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit” sieht sie als Absage gegen ,,Integration”; denn das wäre Assimilation bloß; und Menschen sollen sich gefälligst auch angleichen, wenn sie in fremden Kulturen unterwegs sind, denn: das hat sie ja in ihrer Zeit in Frankreich auch so gemacht. Dass sie dadurch eine radikalere Tour fährt als selbst die Regierung, die noch klar trennt zwischen Integration und Assimilation, macht die Frau Schwarzer bewusst, denn sie möchte beitragen, sie möchte auftragen, sie möchte unbedingt mehr PI-Leser im Boot haben und sie ignoriert komplett, von wem solche rassistische Schmiere noch kam, nämlich von ihrem vielbeschworenen Osloer Attentäter; der ja ihrer Meinung nach vor allem ein Krieg gegen Frauen führen würde. Am Ende zeichnet sie noch das bereits erwähnte Weltuntergangsszenario, mit dem ein durch Islamisten gänzlich ,,gekippter” Naher Osten Unheil für die restliche Welt hinaufbeschwört. Und da mag mir irgendein Antideutscher nochmal erzählen, dass ,,antimuslimische Ressentiments”, wie sie die Verharmlosung rassistischer Gewalt gegen Muslime nennen, Muslim*innen nicht als Bedrohung darstellen.

Ich erwarte von Frau Schwarzer nichts mehr, bereits lange nicht mehr. Für mich war das jetzt der letzte Auftakt, dass ich sie zu meiner politischen Feindin erkläre. Ich bin vor allem enttäuscht, traurig und wütend; in einer Zeit, in der die Welt von Krisen geschüttelt eine Neoliberalisierung durchläuft, in der Europa sich abschottet gegen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge und Deutschland eine Militarisierung erfährt, die vor Klassenzimmern nicht Halt macht und auch nicht vor Teeniezeitschriften; in der es nicht einfach Sexismus gibt, sondern für viele Menschen ein Paket an Sexismen, Rassismen, generelles Entmenschlichen und in eine Verwertungslogik packen; in dieser Zeit erklärt Frau Schwarzer ,,Islamisten” zu ihren Hauptfeinden. Und das innerhalb eines Diskurses, der die muslimischen Mitmenschen in unserem Land ,,an strammer Leine” hält; denn sollte sich ihre ,,Integration” nicht an irgendeiner ,,Leistung” messbar erzeigen, wird ihnen schonmal durch das Abwatschen ihrer nicht so leistungsfähigen Mitmenschen gezeigt, was ihnen droht: Eine noch stärkere Marginalisierung, etwas, was die meisten von ihnen hier bereits erleben und im Alltag immer befürchten müssen.

Sie sind eingeknickt, Frau Schwarzer. Weil Sie politische Macht mehr lieben, weil Sie es genießen, heute einen Artikel zu schreiben, über den die Menschen reden werden, denn sie lesen, was sie KENNEN; weil Sie demagogisch geworden sind und wissen, wo Sie die Fäden ziehen müssen; weil es Ihnen nicht reicht, die wenigen zu erreichen, die hart kämpfen; Sie sind eingeknickt vor der strukturellen Gewalt der Institutionen, in denen auch Sie sich bewegen, deren staatliche Zuschüsse Sie genießen und in dessen Bild Sie sich umgewandelt haben. Doch auch Sie haben Fäden, an denen andere ziehen; und wo Sie beherrschen, werden auch Sie ganz und gar beherrscht. Willkommen in Ihrem ganz persönlichen Knast, Frau Schwarzer, den Sie mit sich tragen und der in Ihrem Kopf steckt. Sie widern mich an.

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