Kategorienarchiv: long_way_up

Sprachbarrieren zwischen Milieus

Dies ist der Abschiedspost von long_way_up.

 

Offensichtlich bring ich hier ständig, ohne es zu wollen und teilweise ohne es zu merken, das System aus dem Gleichgewicht. Daher habe ich beschlossen zu gehen.

Der Grund für mein Gehen ist weder Klassismus noch Anti-Klassismus, sondern einfach, dass ich mit der Art zu kommunizieren hier nicht klar komme; einfach, weil es eine sehr andere Art ist miteinander umzugehen. Es ist nicht so, dass ich gegen diese Art etwas habe, sie schlecht finde oder nicht mag. Es ist einfach so, dass sie bedeutet eine Sprache zu sprechen, die ich nicht beherrsche. Wie einige Artikel von mir und interne Debatten gezeigt haben, wird sich immer wieder an der Art wie ich spreche aufgerieben, ob in seriellen Missverständnissen oder in Form von unberechtigten und berechtigten Vorwürfen. In euer Milieu werd ich es nie reinschaffen, zu fremd, zu anders werden wir bleiben, obwohl wir in den meisten Fällen dieselben Ziele hatten. Selbst wenn es auf lange Sicht lösbar wäre, wollte ich dieses Umlernen nicht leisten. Auf jede Stunde Schreiben kommen hier für mich mehr als fünf Stunden Missverständnisse aufklären. Das lohnt sich für keinen von uns.

Wie ihr wisst, bin ich was „Bildung“ angeht scheiße privilegiert, von daher nehmt es doch als Beispiel dafür, dass Sprachbarrieren eben nicht nur auf der sog. „vertikalen“ Achse laufen; aber darüber hab ich mir ja schon mal den Mund fusselig gelabert, ich vergaß.

Allen Mitschreiber_Innen von takeoverbeta wünsche ich daher von Herzen alles Gute und weiterhin viel Freude beim Schreiben und Austauschen.

 

Alles Liebe,

es verbleibt als Euch Lesende

long_way_up

 

 

Letzte Missverständnis-Klär-Oder-Auch-Nicht-Aktion von mir, damit das von intern nach extern kommt:

 

Aus meiner Perspektive war, wie *intern* schon ausführte, das Wort “sachlich” nicht wertend – es ging mir also nicht darum, dass es “sachliche und unsachliche” Texte gibt, sondern der Gedanke war der folgende:

 

Gerade weil es inadäquat ist, auf einen so privaten Text wie den der vier verlinkten Blogs mit einer inhaltlichen Diskussion zu antworten, wollte ich einen weniger privaten bzw nicht privaten Text schreiben, über den die Leute herfallen können, ohne dass es eben eine privatperson verletzt.

 

Ich hab also so lange nicht geschrieben, weil es einfach so unfassbar viele missverständnisse gab, dass ich irgendwann das gefühl hatte, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. denn das ironische ist ja: ich seh das im grunde wie marlen_e. es ist scheiße, auf private/intime/ sehr persönliche /Tagebucheinträge mit einer Diskussion zu antworten. Wenn ich will, dass das Thema “Klassismus” diskutiert wird, und das will ich unbedingt, dann muss ich also einen Text schreiben, über den mensch herfallen und diskutieren kann, das darf also nichts persönliches sein. Und das wollte ich mit meinem Text tun. Diese Überlegungen habe ich dann zusammengefasst zu besagtem Satz:

“In diesem Post möchte ich zwei sachliche Punkte ergänzen, damit es nach der Sensibilisierung für das Thema, die durch die letzen vier Artikel von ClaraRosa , Regenbogenmaschine , insideoutsidenowhere und viruletta entstehen kann und sollte, mit inhaltlichen Überlegungen weitergehen kann.”

 

Ich hätte wohl besser schreiben sollen: “Über so private Texte wie diese vier zu diskutieren wäre scheiße. Also schreib ich hier mal einen unpersönlichen (~=sachlichen), damit ihr nen Text habt über den ihr alle herfallen könnt.”

 

Mit “sachlich” wollte ich also einfach nur sagen: un-persönlich, nicht privat, nicht intim, keine Einzelperson, sondern eine “Sache / ein allgemeines Thema” betreffend.

 

Eine Unterscheidung zwischen “sachlichen” und “emotionalen/unsachlichen/irrationalen whatever” Texten oder eine Unterscheidung zwischen “Rohstoff” und “richtiger Theorie/Arbeit” hatte ich dabei nie im Sinn.

 

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Vorschlag zu einer Neusortierung der Feminismen

Realsatire nach Kongressbesuch ;-)

 

Kleine Vorrede: Ich schätze männliche Allies und Feministen sehr, da mir aber für diese die Datenbasis fehlt, da ich nicht genügend kenne, bezieht sich dieser Text tatsächlich auf Feministinnen.

Aus gegebenem Anlass – also im Klartext – weil es schon überfällig ist zu sagen, dass es überfällig ist, möchte ich eine Neu-Sortierung der Feminismen vorschlagen. Eine, die den Problemen des Wellenmodells gerecht wird, die Intersektionalität mitdenkt und die -wie ich hoffe- manche Kommunikationsprobleme zwischen den Lagern lindern könnte. Um dies alles in einem Schlag zu schaffen, erscheint mir die eleganteste Lösung an genau diesen Kommunikationsstilen anzusetzen. Einteilungen nämlich, die anhand der Ziele oder Etappenziele Feminismen unterteilen wollen, so haben wir gesehen, sind nicht in der Lage, Streit wirklich zu erklären. Fem101 propagiert das; doch Konflikte zwischen Feminist_innen sind meines Erachtens selten Zielkonflikte. Einteilungen wie das Wellenmodell laufen bei Missverständnis im Umgang mit Modellen Gefahr, Generationenkonflikte zu überzeichnen. Daher folgender Ansatz:

Nach Beobachtung der Struktur inner-feministischer Streits komme ich zu folgendem Pattern

Es gibt drei gleichrangige und gleich wertvolle Stile des Feminismus.

1) Die Parallelist_innen

2) Die Strukturalist_innen

3) Die Habermas-Bastion

(Reihenfolge ist willkürlich, nicht historisch und nicht wertend)

Leitfrage bei der Analyse ist immer „Was ist feministische Gesellschaftskritik?“ oder kurz und intersektionaler: „Was ist Kritik?“

 

1. Die Parallelist_innen

Was ist (feministische) Gesellschaftskritik für Parallelist_innen? Die Parallelist_in beginnt ihre Kritik damit, sich ein Paralleluniversum zu designen – daher der Name. Sie überlegt zunächst welche Normen und Werte ihr wichtig sind, welche sie hochhalten möchte. Das kann im Sinne eines kategorischen Imperativs geschehen; muss aber nicht. Sie kann in der Situationsanalyse etwas fordern, das eine allgemeine Regel sein sollte. Sie kann aber auch aus anderen Quellen die Sicherheit gewinnen, dass ein Wert oder eine Norm die hier richtige ist. Um selbst kritikfähig und selbstkritikfähig zu bleiben errichtet sie in der Regel gleich eine Vielzahl Paralleluniversen, im elaboriertesten Fall bis hin zu einem ganzen Netz an möglichen besseren Welten; die eine an der anderen Stelle besser als die andere an der einen. Diese Parallelwelten nutzt sie sodann zur genaueren Bestimmung der Situation auf dem Planeten Erde. Das Netz der Parallelogramme ermöglicht ihr dabei allerhand Winkel zu eröffnen, aus denen heraus sich die Analyse immer neu konstruieren lässt. Mit besonderer Raffinesse zeichnet sie auch die Paralleluniversen ihrer Mitblogger_innen im Kopf nach, um diese zu „verstehen“, wie sie dabei glaubt. In 99% der Fälle aber steht der Planet Erde schlechter da. So kommt sie zu dem Schluss: „Die Welt müsste SO sein (wie Parallelwelt X)“. Einen Kompromiss zu schließen, bedeutet für die Parallelistin demnach zuzulassen, dass mensch sich mit der anderen Partei wenigstens auf die Ankathete zu X kreuzt Y einigen kann. Praktische Handlungsanweisungen kann sie nur in den seltensten Fällen geben. Typische Beleidigungen gegenüber Parallelist_innen sind daher aus der Wortgruppe „verklärt, idealistisch, abgehoben“ oder klingen wie der Klassiker: „SO funktioniert die Welt aber nun mal nicht!“.

(Fachsprache: Primat der Theorie)

Slogan: Eine bessere oder gar gute Welt ist vorstellbar.

 

2. Die Strukturalist_Innen

Was ist Kritik für Strukturalist_innen? Die Strukturalist_in entscheidet sich zunächst für das, was man in den Sozialwissenschaften „teilnehmende Beobachtung“ nennt: Sie hockt dabei und denkt. Nachdem sie aus einer Intuition heraus, oder aber weil sie einen Geistesblitz hatte, beschlossen hat, dass sie sich das jetzt lange genug angeschaut hat, spricht sie. Weniger um etwas zu sagen, sondern vielmehr, um erst mal zu erfühlen, wie die Anderen denn so reagieren. Das schärft die Intuition für die Situation noch mehr. Ganz gewitzt „die Lage checken“: Dabei wird lediglich gecheckt, an welchen Stellen das System, das man beobachtet noch fragil genug ist, um es zu erschüttern; herausfinden, wo die Stellschrauben sind, an welchem Faden das Kartenhaus der sozialen Situation noch hängt. Eine Strukturalist_in, die einen schlechten Tag hat, erkennt man dementsprechend daran, dass sie in eine Diskussion einfach nur „FEHLSCHLUSS“ reinruft; und dann ins Stottern gerät, wenn man sie nach ihrer Position fragt. So weit war die Analyse noch nicht. Allgemein wird ihr gerne vorgeworfen, sie hacke nur auf den Meinungen anderer rum, und liefere nie ihre eigene Meinung der Kritik aus. Innerhalb des Soziolog_innen-Milieus ist sie die typische Foucault-Butler-Leser_in. An guten Tagen aber schafft sie als selbstgewählte Dauer-Externe genau den Faden reißen zu lassen, an dem der Streit hängt. In solchen kostbaren Momenten wird die Gewalt ihrer scharfen Analysen gelegentlich geschätzt.

(Fachsprache: Primat der Praxis)

Slogan: Eine bessere Welt ist möglich.

 

3. Die Habermas-Bastion

wird mit ihrer Vorstellung von Kritik nie fertig. Auf der nicht enden wollenden Suche nach einem idealen Diskurs ist sie jedes Mal wieder enttäuscht, wie solche Diskussionen ablaufen. Unabhängig davon, was sie denkt, ist sie daher gewillt, sich in die Waagschale zu schmeißen, die den Diskurs ausgeglichener macht. Sie erklärt sogar Posts der Gegenpartei, damit diese sich nicht missverstanden fühlt und auch ihr Recht gehört zu werden bekommt. Sie ist die typische Leserin der „friedfertigen Frau“ (Mitscherlich), achtet auch die übrigen toten (Gott hab sie selig) Ikonen des Feminismus und wird als Kosmopolit_in oft von Weltschmerz heimgesucht. Häufig ist sie so sehr damit beschäftigt die Debatte zu moderieren, dass sie ihre eigene Meinung, die eigenltich äußerst interessant und fundiert gewesen wäre, gar nicht mehr äußert (weil sie bei mehr als vier Posts Angst hat, sie würde die Debatte zu sehr dominieren). Durch dieses große Talent zur Vermittlung aber gelingt es ihr immer wieder zu zeigen „Ihr meint eigentlich dasselbe“ (Subtext an schlechten Tagen: „Bitte meint doch einfach dasselbe!“). Kritik ist für diese Frau immer eine Kritik daran, wie wir miteinander umgehen. Spielerisch leicht verbindet sie utopische Phantasien mit lebenspraktischen „klärenden Gesprächen“; immer wieder verblüfft sie uns mit ihrer synergetischen Aura. Ein Streit ohne sie, wäre ein verlorener Streit. Typische Beleidigungen an die Habermas-Tante sind: „Bemutternd, gluckenhaft“ oder aber „konfliktscheu, harmoniesüchtig“.

(Fachsprache: Primat der Emanzipation)

Slogan: Eine gute Welt ist mög

 

Wie alle Typologien bringt auch diese hier Überschneidungen mit sich und ich bin immer wieder überrascht wie flexibel manche Blogger_innen zwischen diesen Stilen wechseln können, während andere regelrecht dafür berühmt sind auf ihrem Stil zu beharren. Eisern. Bis Blut fließt.

 

In jedem Fall, so weit der ernsthafte Teil dieses Posts, würde es sich lohnen, gemäß der postmodernen Philosophie über eine Einteilung der Feminismen entlang ihrer diskursiven Stile nachzudenken. Dies könnte wesentlich ertragreicher sein, als sie (ggf. fälschlicherweise) nach Zielkonflikten zu sortieren und diese damit zu überspitzen. In jedem Fall erscheint es mir sinnvoller als eine Einteilung entlang der Schwerpunktthemen, da jede thematische Sortierung (in den meisten Fällen entlang der Dimensionen von Ungleichheit oder aktuellen tagespolitischen Ausformungen dieser) im Zuge der Intersektionalitäts-Debatte von Auflösung bedroht ist.

Was bleibt ist also die Frage der Methode und dem daraus folgenden Argumentationsstil und dem daraus folgenden Methodenstreit.

 

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Einführung in die Antipsychiatrie

 

Aus gegebenem Anlass

 

1.) Triggerwarnung für alle sog. “ableistischen” Begriffe aus dem Bereich „Psychose / Psychiatrie“, die mir gerade einfallen

2.) teilweise RANT!

 

 

Guten Abend ihr Irren,

ob das ein Reclaim sei, wurde ich gefragt. (Reclaim = Rückeroberung eines momentan stigmatisierenden oder beleidigenden Begriffs durch wiederaneignende Selbstbezeichung der betroffenen Gruppe.)

Nicht ganz. Es ist viel einfacher als ein Reclaim. Es ist die Wahrheit, denn:

 

wir irren allesamt, nur jede[_r] irrt anders. 

  • G.Lichtenberg

 

Nur haben das einige, die nachdem ich von Wahn sprach, regelrecht wahnsinnig geworden sind, nicht so wahrgenommen. Die allgemeine Fetischisierung des Verstands und der Rationalität nämlich ist es, die das Irren um seine neutrale, wenn nicht sogar positive Konnotation bringt. Damit ist dann auch jede Wertschätzung der Psychose dahin.

 

Dabei ist es das Irren, das den menschlichen Geist wachhält. Da ihr euch so sehr von eurer Kultur habt verrückt machen lassen, könnt ihr euch das vielleicht schon gar nicht mehr vorstellen, aber die Kulturgeschichte zeigt: Bevor das Wort „Psychose“ erfunden wurde, nannte mensch es wahlweise „Weisheit, Hellsehen, vom Allgeist / Kosmos erfüllt sein, Orakel, großes Erwachen, u.ä.“. (Übrigens: Diesen historischen Wandel von der Vergötterung zur Verachtung des Wahns beschreibt Foucault in seinem Hauptwerk „Wahnsinn und Gesellschaft“.) Es war mal mit großer Wertschätzung verbunden. Und diese Wertschätzung zeige ich auch gegenüber Eve Ensler.

 

Um zum Ausganssatz zurückzukommen: Da will euch eine Frau erzählen, man könne den „Kollektivkörper von negativen Energien bereinigen, indem man im Tanz tranceartig alle guten Mächte zu sich ruft“. Hallo? Ihr wollt mir absprechen, dass das psychotisch ist? Gehts noch? Da tauchen unsichtbare Mächte, Energiefelder und kollektive Gedächnisinhalte auf; alles drei Dinge, die ihr, wenn ihr gerade nicht besseres zu tun hättet als mich anzukotzen, in die sogenannte Esoterik-Abteilung stellen würdet. Da ich aber nicht psychose-feindlich bin, zolle ich dieser Frau großen Respekt. Denn der einzige Unterschied zwischen dem gängigen Gebrauch des Wortes „Wahn“ und meiner Verwendung des Begriffs ist, dass die Masse Ensler nicht wahnsinnig nennt, weil ihr so viele glauben. Und das ist ein Fehlschluss. Ich hingegen nenne es auch dann Wahn, wenn Menschen in mehr als 200 Ländern auf diese Psychose einsteigen. Gerade weil Enslers psychotisches Gedankengut genial ist. Weil es den menschlichen Geist erwachen lässt, und offensichtlich viele Menschen dazu verführen kann, endlich mal von ihrer sog. Ratio abzulassen. Denkt ihr das schafft jede_R Irre? Bei Gott (= noch so ne Kollektiv-Psychose = imaginäres Wesen, dessen Existenz nicht nachweisbar ist, aber vorgibt ein guter Gesprächspartner zu sein, obwohl er nicht antwortet), das ist eine wahnsinnig geile Spitzenleistung!

 

Wir dürfen also nicht aufhören, etwas Wahnsinn zu nennen, nur weil viele Leute es glauben. Gerade dann sollten wir damit anfangen. Weil es eine große Fähigkeit bezeichnet, die Fähigkeit Sinn zu produzieren. Denn dieser Fehlschluss ist es, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass nur noch Menschen, die eine Minderheitenposition vertreten als Irre im negativen Sinne abgestempelt und psychiatrisch eingeschlossen werden. Dabei sind wir alle zur Sinnstiftung fähig; wir irren allesamt. Dieser Fehlschluss ist es, der uns vergessen lässt, dass Wahnsinn und Genie zusammenhängen, dass Erkenntnis nicht ohne Irren geht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die kleinen Leute „irre“ nennt und die großen Leute „genial“, obwohl beides dasselbe ist.

Und da mache ich nicht mit. 

Macht ihr auch nicht mit! Dreht den Spieß mit mir um: Nennt jede_n und alles „irre“, der/die/das weit oben steht und den Dingen Sinn gibt!

 

Ihr wärd dabei in bester Gesellschaft:

  • Erich fromm tut es: „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, weil die Masse geisteskrank ist; nicht nur die Minderheit.
  • Foucault tut es.
  • Das Sozialistische Patienten Kollektiv tut es.
  • Thomas Bock aus der Trialog-Forschung tut es.

Es gibt kaum einen Bereich der Psychose-Forschung, der so gut ausgebaut ist, wie dieser, der endlich verstanden hat, dass gerade die Psychose Sinn macht. Irren produziert Sinn. Irren geht über die Ratio hinaus. Irren schafft es mehr zu produzieren als nur verständig zu reproduzieren.

Sei kein Feigling, irre mit mir. Schrei mit mir „IHR seid die Irren“, wenn du mal wieder von irgendeiner geisteskranken Scheiße betroffen bist. Wenn dein Leben keinen Sinn hat, irrst du zu wenig und nicht zu viel. Lass dich wahnsinnig machen. Mach mich wahnsinnig. Produziere SINN !

Das Problem sind nicht die Irren da draußen. Das Problem ist, welchen Irren geglaubt wird. Aber wenn du nicht mit uns irrst, stehen deine Chancen, dich in deinem Sinne gegen epistemische Gewalt zu wehren eben bei Null. Wahnsinn von sich zu geben ist eben die einzige Art, den Diskurs am Ansatz der epistemischen Gewalt, zu treffen. Nur durch geisteskrankes Zeug können wir den historischen Apriori ans Schienbein treten und neuen SINN produzieren.

Also hör auf mich zu langweilen und werd endlich irre.

 

long_way_up

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Was ist epistemische Gewalt?

In diesem Artikel hole ich etwas nach, womit ich nichts zu tun habe.
Aber nachdem Samia keine Antwort auf ihre Frage bekam, dachte ich: Als große Foucault-Fan mach ich das gerne. Ich geb mein Bestes: Sollte ich was verkacken, bitte drauf aufmerksam machen. Bin für jeden Hinweis dankbar.
Zweite Motivation dies zu tun: Ich glaube, dass das ein wichtiger und nützlicher Begriff ist. Warum steht im zweiten Teil.

Teil 1
Was ist epistemische Gewalt?
Fangen wir damit an zu erklären was ein Epistem ist.
Epistem ist einer der Kernbegriffe Foucaults, einem französischen Philosophen und Historiker.

Ein „Epistem“ bezeichnet in seiner Theorie bestimmte Dinge, die wir stillschweigend voraussetzen, wenn wir über etwas reden. Das ist immer der Fall: Mensch kann nichts sagen, ohne etwas vorauszusetzen.
Diese Dinge, die wir stillschweigend voraussetzen, brauchen wir um überhaupt über etwas sprechen zu können. Mensch kann ja nicht jedes Mal „bei Adam und Eva anfangen (RW)“, wie mensch so schön sagt. In diesem Sinne ermöglichen Episteme erst das Sprechen. Gleichzeitig aber schränken sie das Sprechen ein. Denn natürlich sorgt das, was ich einfach voraussetze, dafür, dass ich alle Menschen ausschließe, die dies nicht voraussetzen. Das ist laut Foucault nicht verhinderbar! Das wird häufig übersehen, wenn Menschen in der Illusion leben, es gäbe eine Möglichkeit zB einen Blogpost zu schreiben ohne jemanden auszugrenzen. Dass mensch aber immer jemanden ausgrenzt, wenn mensch redet, ist direkte Folge der beiden ersten Sätze! Fassen wir also zusammen:
Immer wenn ich rede, setze ich etwas stillschweigend voraus.
UND Immer wenn ich etwas einfach voraussetze, grenze ich all die Menschen aus, die es nicht voraussetzen.
=> Immer wenn ich rede, grenze ich all die Menschen aus, die nicht voraussetzen, was ich voraussetze.

Das zeigt zwei Dinge:
a) Zunächst zeigt es uns, dass das nicht immer was schlimmes ist, jemanden auszuschließen. Wenn ich zB voraussetze, dass dir klar ist, dass wir gerade über Schavan reden, während du noch überlegst, ob das Gespräch in das du reinplatzt, von Guttenberg handelt, kannst du einfach fragen „Worüber sprecht ihr da?“ und die Sache ist erledigt.
b) Es ist hoffnungslos, niemanden ausschließen zu wollen, da es sehr viele sehr unterschiedliche Menschen gibt, die sehr unterschiedliche Dinge voraussetzen. Das Ziel kann daher nur sein, zu überlegen, wen ich ausschließe (bzw. mich zu fragen, wen ich nicht ausschließen möchte).

Daraus wiederum folgt, warum nun noch der Begriff „Gewalt“ hinter das „epistemisch“ kommt. In einer Situation wie in Fall a gab es keine Gewalt. Das, was da vorausgesetzt wurde, ist aber eben auch etwas sehr oberflächliches, das leicht zu benennen ist. Wenn ich aber wie in Punkt b beschrieben, darüber nachdenken möchte, wen ich womit ausschließe, komme ich oft sehr schnell an meine Grenzen. Episteme nämlich bezeichnen ja gerade das Unhinterfragte einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu Gesprächen zwischen drei, vier Menschen, wie in Fall a, wird es bei so großen Gefügen wie der Gesellschaft leicht unüberschaubar. Deshalb ist es auch wichtig für Foucault gewesen, dass er Geschichte studiert hat: Was in einer Gesellschaft für selbstverständlich gehalten wird, ändert sich schließlich. Das, was mensch momentan, hier und heute für „selbstverständlich“ hält, nennt er „historisches Apriori“. Das historische Apriori ist also das, was in der Geschichte kein („a-“ ist die Vorsilbe der Verneinung) Vorhergehendes oder Vorangegangenes (latein: „prior“; wie in „Priorität“ = das, was für jemanden Vorrang hat) kennt. Und was das zum Teufel sein soll, wissen wir oft selbst nicht. Es ist uns in der Regel nicht bewusst, wie oft eine_r „Warum? Warum? Warum?“ fragen muss, bis wir uns gezwungen fühlen zu antworten „Das weiß keine_r. Das ist eine große philosophische Frage“. Falls das noch nicht nachvollziehbar ist, möchte ich dich einladen, dich an eine Situation zu erinnern, in der dich jemand so oft gebeten hat, zu erklären warum das Sinn macht, was du sagst, dass du irgendwann dachtest „Da kannste mich auch gleich fragen, was der Sinn des Lebens ist“.

Ein Beispiel:
Runde 1: Warum bist du gegen Gewalt an Frauen?
- Weil Frauen auch Menschen sind und alle Menschen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Runde 2: Ok, von mir aus. Aber warum haben alle Menschen ein Recht auf körperliche Unversehrtheit?
- Weil alles andere die Würde des Menschen verletzt.
Runde 3: Was soll denn die „Würde des Menschen“ sein? Und warum glaubst, dass der Mensch Würde hat?
- Na, weil der Mensch doch das Maß der Dinge ist und so. Weil man Menschen nicht zum Mittel anderer Zwecke machen darf – Puh, jetzt wirds schon eng.

Ich glaube so eine Situation, kennen wir alle. Das setz ich jetzt mal voraus ;-) . Und irgendwann wird es immer eng. Und irgendwann will mensch immer einfach nur noch so was antworten wie „Daran glaub ich halt einfach“. Und genau dieses wovon mensch glaubt, dass “mensch das halt einfach glaubt”, ist das Epistem. Weil er/sie/es in dem Moment gar nicht mehr anders erklären kann. Deshalb ist es ja so gemein, wenn eine_r so vorgeht in einer Unterhaltung. Gleichzeitig aber können diese Fragen todernst gemeint sein.
Das besondere an Foucault ist nun, dass er behauptet hat: Dieses Episteme, das sind gar keine großen philosophischen Fragen, auf die keine_r die Antwort kennt! Deshalb hat er selbst sich auch irgendwann aus der Philosophie verabschiedet, weil er der Meinung war, dass spätestens ab Runde 15 in einem Gespräch nichts mehr zu holen ist. Jedenfalls nichts außer Glaubenskrieg und kranken Machtspielchen. Es ist nämlich noch viel krasser; er hat behauptet, dass dieses „Wissen“ die größte Quelle der Macht ist. Das Epistem legt fest, worüber wir nicht mehr sprechen können, ohne „philosophisch“ im negativen Sinne des Wortes werden zu müssen. Denn irgendwoher muss es ja kommen, dass du das „einfach glaubst“. Denn so einfach ist das nicht, etwas zu glauben. Wenn du nun glaubst, dass das deine Entscheidung sei, was du glaubst, hast du weit gefehlt, würde Foucault sagen. Genau hier sitzt die Gewalt, die dich zwingt, zu akzeptieren, dass du nun mal Teil der Gesellschaft bist in der du lebst. Die Gewalt, die dich zwingt anzuerkennen, dass auch dein Denken nicht von einem anderen oder besseren Stern kommt, sondern in denselben Fäden zusammenläuft, wie das aller anderen, ob mit oder ohne Right-Planet-Syndrom. Es ist „nicht im Sagbaren“, wie Foucault sagen würde, geschweigedenn ist es verhandelbar. Ich verhandele nicht über die „Würde des Menschen“. Wenn der jemand ans Bein pinkeln will, schau ich, dass er mir an Macht unterlegen ist und sich bloß nicht durchsetzen kann!
Wer sich durchsetzt nämlich, trägt mit dazu bei, was in Zukunft für selbstverständlich gehalten werden wird. Dadurch trägt er/sie/es mit dazu bei, „Wissen“ zu produzieren. Denn, wie oben erläutert, können wir Dinge nur „wissen“, wenn wir das, was unhinterfragt vorausgesetzt wird, bereits vorher „wissen“. Weil es am Ende also an diesen scheiß Machtspielchen hängt, was ich „wissen“ kann, schreibt Foucault auch oft in einem Wort „MachtWissen“. Über den Satz, der zum Sprichwort geworden ist: „Wissen ist Macht“ lässt sich aus Foucaults Perspektive daher sagen (s.a. Kommentar unten von Du_weißt_schon_wer). Das heißt nicht, dass ein mensch, der viel weiß auch viel Macht hat! Das ist klassistischer Unfug und ein grob fahrlässiges Missverständnis. Gemeint ist, dass das Wissen Macht über uns hat und dass es viel Macht (Nachtrag: und ein Wagnis) braucht, um neues Wissen produzieren zu können.

Unsere Möglichkeit wirklich anders zu denken, werden also durch die Episteme begrenzt. Ein weiteres Beispiel: Warst du schon mal enttäuscht, dass die Aliens in ScienceFiction-Filmen unterm Strich doch so funktionieren wie Menschen? Ich war das oft. Es ist sehr schwer, sich etwas vorzustellen, das fundamental anders ist als das, was uns die Episteme vorschreiben.
Damit wäre jetzt auch geklärt, dass epistemische Gewalt nichts ist, was einzelne Menschen über dich ausüben. Der Satz „Die komischen Menschen auf dieser Konferenz üben epistemische Gewalt über dich aus“ ist also immer falsch. Epistemische Gewalt meint die Gewalt DES Epistems ÜBER dich (nicht gegen dich – über dich). Die kann kein Mensch ausüben, egal wie viel Foucault er gelesen hat. Denn die epistemische Gewalt entsteht nicht durch das, was einzelne Menschen sagen. Die epistemische Gewalt entsteht – entgegen der Gerüchte, die mittlerweile leider schon kursieren – auch nicht durch das, was die „herrschende Klasse“ sagt. Die epistemische Gewalt entsteht dadurch, das sich Menschen, kreuz und quer, mit und ohne Privilege, unterhalten und sich dabei so verstricken, dass am Ende sowieso keine_r mehr weiß, wer jetzt was gesagt hat, und wer wie darauf gekommen ist; und diese Verstrickungen und Verwirrungen laufen so aus dem Ruder, dass sie kaum noch steuerbar sind; und sie sind so wenig steuerbar oder verhinderbar, dass auch nie die Einzelperson daran Schuld ist oder etwas daran ändern kann. Diese Wollknäuel kennt glaub ich nun wirklich jede_r Blogger_In. Und dieses unentwirrbare Wolknäuel ist es, das mit dem magischen Begriff „Diskurs“ gemeint ist. Diskurse sind öffentliches Gerede, das so aus dem Ruder läuft, dass keine_r mehr weiß, wer da was genau gesagt hat und was damit wirklich gemeint war und wie mensch darauf eigentlich gekommen ist; und eigentlich macht alles keinen Sinn mehr, aber trotzdem redet mensch weiter. Der Diskurs produziert das Wissen, das sich zu Epistemen verdichtet, die dann Gewalt über dich haben. Nur der Diskurs kann diese Episteme verändern. Und das geht, wie wir alle wissen, sehr zäh vonstatten.

Teil 2
Wozu kann man diesen Begriff also in gesellschaftskritischen Analysen wie zB den Feminismen benutzen?
To be continued.

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Trifft mensch sich nicht in dieser Welt – trifft mensch sich in Bielefeld

TOP 1

“Politische Prostitution” ist ein Kompliment. (Stephanie)

Deshalb bin ich eine Wölfin. (long_way_up)

 

Dr. autistic Summer und long_way_up hatten schon mal Sex.

Könnten wir diese Unterhaltung, bitte halal halten? (Nadia)

Aber koscher ist sie doch. (Stephanie)

Ich importier mir irgendwann nen Mann. Aber das darf nicht ins Protokoll! (Nadia)

 

TOP 2

Du wartest also auf den Messias für die Revolution? (Nadia)

Nein, ich warte auf den Mechatron. (Stephanie)

“Der Prophet predigt nur bereits Bekehrten” – Pierre Bourdieu (long_way_up)

Prophet, Mechatron, Messias leiden alle unter RPS. (Dr. autistic Summer)

 

TOP 3

Ich will alles oder ich will nichts – Antigone flowt. (long_way_up)

Ist Sexentzug ein feministisches Mittel? (Stephanie)

Stephanie versucht ihr Abitur vor uns geheim zu halten. (Nadia)

Stephanie wählt den Telefonjoker:

Kennst du die Telefonnummer auswendig? (Nadia) – Sie wohnt bei mir. (Stephanie)

Sexentzug war bei Lysistrata. (Happy Kay)

 

TOP 4

Stephanie liest gerade einen Vampirroman von Alexandra Ivy.

Nadia liest Siri Hustvedt – Die unsichtbare Frau.

Und long_way_up hat alle drei Bände von “Fifty Shades of Grey”.

 

TOP 5

Heterosexualität ist ein Problem, und zwar ein teures. (Nadia)

Ich wollte immer ein Sachbuch schreiben, das heißt “Was Lesben wirklich über uns denken”. (Dr. autistic Summer)

Ich weiß nicht, was du falsch machst, Nadia: Heterosexualität ist doch ne Einkommensquelle (long_way_up)

Heute ist alles anders! Das war ein Krisenexperiment! (Nadia)

Diese Unterhaltung ist fast so spannend wie Twilight. (Stephanie)

Anna Karenina war Twilight für Bildungsbürger_Innen. (long_way_up und Nadia)

 

 

 

 

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Why dancing? – Part II – Whiteness bei One Billion Rising

 

(in gewisser Hinsicht ein langer Comment on “Why dancing?”)

- meine persönliche Fehleranalyse als Organisatorin

 

Alle Choreograph_Innen, die sich in meiner geliebten Heimatstadt am Tanzevent OneBillionRising beteiligt haben, waren aus einem anderen Kulturkreis als dem deutschen, was Ihre Haltung zum Tanz angeht. Das heißt, sie waren nicht „deutsch“ bezüglich ihrer Einstellung gegenüber der Verbindung von Tanz und Protest.

Es ist mir wichtig, diesen Punkt zu machen, da im Vorfeld darüber geredet wurde, wie „weiß“ die Idee von OneBillionRising konzipiert sei und wie sie POC ausschließt. Aber das ist mir noch zu einfach:

 

Eve Ensler hatte diese Vorstellung von einem Tag der Freude und Befreiung und karikierte den Tanz zu einem reinen Freudentanz *kotz*. Dementsprechend musste es passieren, dass Bloger_Innen aus dem deutschen und aus diesbezüglich ähnlichen Kulturkreisen, diese Vorstellung Enslers angehen: So wurde auch in Shehadistan kritisiert, dass Tanz nicht jederfraus Ausdrucksform sei und dass das Tanzen dazu verleiten könnte, dass das Seichte, der Spaß in den Vordergrund gerät. ABER: „Seicht und spaßig“ ist tanzen eben in der deutschen und shehadistischen Kultur!

Das ist eine kulturspezifische Abwertung des Tanzens, bei der nicht jede_R Mensch of Color mitgehen kann. (Wobei der Sammelbegriff „of Color“ hier schräg ist, da es sehr sehr spezifisch für Kulturen ist, wie wir gleich sehen werden).

An dieser entscheidenden Stelle jedenfalls ist die deutsche Kultur und auch Eve Ensler als weiße Frau im Nachteil. Meine Erfahrung hier war nämlich, dass man auf einem OBR-Event in Deutschland auf intellektueller Ebene erklären muss, was Tanzen mit Protest zu tun hat. Und das ist nicht selbstverständlich, sondern kulturspezifisch. Und Eve‘s süße Videos haben mir dabei nicht gerade geholfen.

 

Den bisherigen Diskurs kann man also meines Erachtens zusammenfassen zu:

Da kommt diese weiße Frau, die keine Ahnung vom internationalen Spektrum des Tanzes hat, und reduziert die Idee des Tanzes auf einen „Freudentanz“, woraufhin sich manche Frauen natürlich darüber aufregen müssen, dass ihnen aber bei so einem Thema nicht nach Freude zumute ist. 

 

Der Fehler Enslers liegt aber meines Erachtens bereits an früherer Stelle: Ihr Denkfehler liegt gerade in der Verbindung von Tanz und Freude. Diese Reduktion auf „Freudentänze“ haben die Kritiker_Innen Enslers übernommen, und liegen daher genauso falsch (sind genauso unsensibel [Wort getauscht] für kulturelle Unterschiede). 

 

Und ich weiß, ich bin bei Weitem nicht alleine: Der Tango Argentino ist hinter mir. Der Flamenco Südspaniens ist hinter mir. Ja, sogar unsere französische Choreographin mit dem Pathos der blutigen Revolution, die diesen direkten Nachbarn Deutschlands geprägt hat, steht bei diesem Post hinter mir. Also bitte hört kurz diesen nicht-deutschen Kulturen zu, bevor ihr OBR als Spaßveranstaltung kritisiert, denn dieser Vorwurf macht eben nur aus der hier dominanten deutschen Kultur heraus Sinn.

 

Wir tanzten also Tango, Flamenco und hatten eine POC-geleitete Truppe (achtet ruhig bewusst auf den paramilitärischen Jargon des Tanzes!):

Der Tango wurde in Argentinien geboren als eine tänzerische Ausdrucksform, die explizit das Geschlechterverhältnis künstlerisch abbildet. Dem i.d.R. führenden Mann (aber bereits im klassischen Tango in der Entstehungszeit war das nie so einfach gedacht) folgt dabei eine i.d.R. folgende Frau. Das Führen aber funktioniert nur, wenn der Mann der gefolgten Bewegung folgt. (Für intellektuell angehauchte: Hier tanzt es sich zwischen dem hegelschen Herrn und Knecht. Tango funktioniert nur als Dialektik zwischen Führen und Folgen). Nur die Folgende kann frei gehen. Sie legt die „Spur“, wie es im Tänzer_Innen-Jargon heißt. Im Gegensatz zu anderen Paartänzen, wie zB dem österreicherischen Walzer, wird daher im Tango, wider der Gerüchte, der Tanz gerade dann zerstört, wenn jemand führt ohne zu folgen. Das sowieso rassistische Klischee vom „südamerikanischen Macho“ kann im Tango gar nicht funktionieren. Denn der Mann kann nur das führen, was er der Frau im wörtlichen Sinne zu Füßen legt. Er muss sich beugen, um an die Macht zu gelangen. Die Frau wiederum erlangt ihre Macht, indem sie die Spur legt. Und eine Spur legt frau, wie gesagt, nur folgend. Das alles sind hochbrisante Inhalte! Nach dieser Eloge, die viel enthält, dass fragwürdig, kritisch, zweifelhaft ist, die so viel darüber offen lässt, wie sich das Geschlechterverhältnis -nicht nur des 20.Jhd. beschreiben lässt- fällt es euch nun hoffentlich schwer, keinen politischen Kommentar zu dieser tänzerischen Darstellung von Machtverhältnis zu fällen. Ich glaube nicht an dieses Weltbild des Tangos – ich habe es hier nur dargestellt, damit bewusst werden kann, wie politisch Tanz ist und was darin alles ausgedrückt wird. In Argentinien jedenfalls wurde dieser Tanz ganz im Sinne einer hegelschen „Unterdrückung als Geschichte“ zu einem wesentlichen Bestandteil des Kulturguts. Zu behaupten, dass das unpolitischer Spaß sei, ist Ausdruck blanker Unverständigkeit! Wie Eve Ensler zu behaupten, dass das Freude und Befreiung sei, ist eine Beleidigung, die beweist, dass da jemand nicht aus seiner weißen Haut kann.

 

Das Problem an dieser Betrachtungsweise liegt allerdings genauso auf der Hand: Klassismus, Ableismus und Auschluss der Nicht-Informierten. Den Tänzer_Innen nicht-deutscher Tänze in meiner Stadt musste ich also nicht erklären, was Tanzen mit Protest zu tun hat und warum sie tanzen sollten, da sie unabhängig von Bildungsstand und Einkommen fühlten, worum es geht. Sie wussten es besser als Eve Ensler. Sie wussten es geht weder um Freude, noch um Freiheit, noch darum im shake-your-bootie-Style das Leid von sich abzuschütteln.

Sie wussten es ohne sich groß drüber unterhalten zu müssen. (Das ist übrigens genau die Geschichte des Flamenco in Südspanien: Da die Spanier ihnen ihre eigene Sprache verboten haben, die ethnische Minderheit aber noch kein spanisch konnte, haben sie im Tanz ihre Wut und ihren Hass gegen die spanische Unterdrückung ausgedrückt. Deshalb wird im Flamenco auch so viel gestampft – das ist Wut! Also auch explizit eine Unterdrückungsgeschichte).

 

Allerdings blieben die deutsch Erzogenen auf ihrem „Freude“-Trip hängen. Die einen, indem sie einen unpolitischen Freudentanz aufführten, der nur dadurch wieder politisiert werden kann, dass man anschließend doch wieder redet und redet und labert. Die Anderen, indem sie Tanz per se als unpolitischen Spaß diskreditieren.

Einmal Klartext für Schnell-Leser_Innen: Wenn du glaubst, eine Tanzdemo würde erst politisch werden, wenn sich jemand vorne hinstellt und redet, muss ich dir leider sagen: „Dieses Handicap habt ihr hier in Deutschland. Das ist nicht allgemeingültig.“

 

Die intellektualiserte Erklärung von oben allerdings, ist mit Sicherheit genauso ausschließend und für viele unverständlich und kann daher den Ausschluss der deutsch Erzogenen nur in wenigen Fällen aufheben; für die deutsch Erzogenen bleibt es Ableismus.

(Für deutsche akademische Tänzer_Innen: Ich weiß, dass auch ihr wisst, dass es keinen Ausdruckstanz gibt ohne Unterdrückung. Man drückt Unterdrücktes aus – auch hier. Aber das weißt du eben, weil es mind. dein Hobby ist- das ist der breiten Masse so nicht klar.)

Was ich daraus lerne: So betrachtet ist das OneBillionRising-Event ein hervorragendes Beispiel für die Notwendigkeit intersektional zu denken. Die drei relevanten Faktoren sind hier also

  1. (Cap)Ability to understand / Bildungsprivileg
  2. Kultureller Hintergrund / Whiteness
  3. (Cap)Ability to dance als „körperliches Verstehen-Können“ als Zugang zu diesem Medium

 

Whiteness ist hier ein Nachteil in Bezug auf den dritten Faktor, da man als deutsch oder ähnlich Erzogene einen längeren Weg vor sich hat, um verstehen zu können, warum das „Getanze“ hier kein Spaß ist, sondern per se ein Ausdruck einer Unterdrückungsgeschichte und deshalb mehr als passend gerade für eine feministische Aktion. Nur für diese tritt daher der Faktor Ableismus-Achse 1 in Kraft. (Nur für diese haben wir eine Rede gehalten.)

 

Daher das Fazit: Wer in diesem Land nicht der rassistischen Esoterik Enslers folgen will, braucht wesentlich mehr Privilegien als dies in anderen beteiligten Nationen der Fall ist. Diese Privilegien, die deutsch Erzogene brauchen, um an der Idee teilzuhaben, sind Dinge wie der Zugang zu Informationen, Reisen, Wissen, Bildung, musikalische Bildung oder Sinn für Kunst. In anderen Ländern nämlich (in Argentinien, Brasilien, Südspanien, Jamaica (-> Capoeira ist ein gutes Beispiel für eine sehr junge, neue Tanzart der Unterdrückten) und vielen anderen Nationen) liegt die Verbindung von Tanz und Protest auf der Hand und ist einer breiten Masse durch die Kulturgeschichte ohne zusätzliche Worte und freud-los zugänglich.

 

In einem Satz:

Eve Ensler hat sich selbst ans Schienbein getreten. Dadurch, dass sie in der Logik der Kolonialisierung ihre weiße esoterische Idee des Reinigungs-Freudentanzes über den ganzen Globus verbreitet hat, wurde der Bewegung der Zugang zu Tanzformen, die wesentlich mehr Sinn machen, verwehrt. 

 

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Über die unmögliche Möglichkeit als Feministin zu lieben -Bekenntnisse einer Wölfin

Trigger-Warnung: Sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Prostitution

 

Wenn es um Liebe geht, war ich oft eine Defaitistin. Die Liebe, größtes Symbol der romantischen Verklärung, ist eine der letzten großen Insignien der Macht, die uns bei der Stange halten, uns auf die Suche schicken, uns umtriebig machen. Wozu lieben? Wie?

 

In letzter Zeit sind Bücher dazu erschienen: Von Eva Illouz “Warum Liebe weh tut” und das weniger bekannte, aber meines Erachtens bessere „Das Ende der Liebe – Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ von Hillenkamp. Ich bin froh, dass darüber geredet wird. Und ich glaube, dass dieses Thema bisher unterschätzt wurde in seiner Bedeutung für den postmodernen Feminismus; ja vielleicht war dies sogar die Stelle, an der sie uns alle abgehängt haben?

 

Die Vagina-Monologe etwa propagieren, dass meine Vagina mir gehört und dass ich sie mag und viel Freude mit ihr habe – doch gleichzeitig, und deshalb mochte ich dieses Theaterstück nie – bleibt es dabei eine Frau* zu entwerfen, die ihre Vagina liebt um dafür einen Mann* oder eine Frau* zu lieben. Es vermittelt subtil (wahrscheinlich sogar unfreiwillig?) die Botschaft: „Meine Vagina gehört mir, damit ich sie dir – als Zeichen der Liebe – schenken kann“.

Der ökonomische Zirkel des Tauschens ist damit geschlossen. Die Rede von asymmetrischen Machtkonstellationen wie die der unerfüllten Liebe, von Missbrauch und betrogen und verlassen Sein kann beginnen. Der Betrug, all die Zeit, die ich in dich investiert habe; diese Wort rekurrieren auf eine ökonomische Logik, auf eine Logik der Wahl, wie Illouz sagt, auf eine Illusion des freien Aus-handel-ns (Hillenkamp). Und diese Logik befiehlt, meine Vagina freizugeben, idealiter in einem gerechten Tausch mit einer ehrbaren Kauffrau, die mich wiederliebe.

Selbst das Gefühl, beraubt worden zu sein, das sich nach einer Vergewaltigung einstellt, entspricht dieser Ökonomisierung der Vagina. Die Formulierung „Er hat sich etwas genommen, das ihm nicht zusteht, das ihm nicht freiwillig gegeben wurde“ zeigt uns an, dass die Vagina im Netz des Tauschhandels verstrickt ist, dass sich die Vergewaltigung daher wie ein Diebstahl beschreiben lässt.

Meine Vagina gehört mir – und Eigentum ist Diebstahl, wie die Kommunist_Innen sagen. Io sono mia (=“Ich gehöre mir“ – berühmter Slogan der italienischen Frauenbewegung) ist ein Besitzanspruch, wie der Kapitalismus ihn vorschreibt.

 

Jemandem seine Liebe zu schenken ist ein unmöglicher Vorgang, wie Derrida sagen würde. Es ist ein Ereignis. Das beginnt schon damit, dass es durchaus kompliziert ist, jemandem etwas wirklich zu schenken, als Gabe zu lassen. So erläutert Derrida in „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen“, dass das Spezifikum der Gabe schließlich sei, dass sie das ökonomische Prinzip des Tauschens durchbricht. Es handelt sich nur dann um eine Gabe, wenn ich nichts dafür zurückverlange. Sonst ist ein Geschenk kein Geschenk. Der Dank zerstöre daher die Gabe, da der Dank sich als eine solche Gegenleistung darstellt und das Präsent wieder in die Logik der Ökonomie zurückdrängt. Das sich unmittelbar einstellende Gefühl des Dankes verunmöglicht die Gabe. „Es ist die Unmöglichkeit des Ereignisses, die das Maß für seine Möglichkeit gibt. Die Gabe ist unmöglich, und nur als unmögliche kann sie möglich werden. Es gibt kein ereignishafteres Ereignis als eine Gabe, die den Tausch, den Gang der Geschichte, den Kreislauf der Ökonomie unterbricht.“ (S.29; Merve-Ausgabe). Und wie könnte mensch der Liebe gegenüber undankbar sein?

 

Diese unmögliche Möglichkeit also muss es sein, die die Liebe von der alltäglichen Prostitution, die eine gescheiterte Gabe ist, die den ökonomischen Kreislauf nicht durchbricht, unterscheidet. Wenn die Liebe ein Geschenk ist, habe ich mich mein Leben lang nur prostituiert. Prostituiert für dich, für Geld, für den Hausfrieden, für deine Liebe, damit du bleibst, damit du gehst, damit du mich magst, damit ich die Miete zahlen kann; all das gerät in dieselbe Reihe – nichts davon bleibt erhaben.

Die Diskriminierung von Prostituierten und all das falsche Mitleid lässt sich so durch eine andere Brille sehen: Das einzige, was die/der Prostituierte anders macht, ist, dass der Tauschhandel der Liebe durch die Gegenleistung des Geldes (statt oder ergänzend zu dem Dank) dort offensichtlich gemacht wird. Bei dem stellvertretenden Hass und der peniblen Distanzierung von der Prostitution handelt es sich so betrachtet nur um eine einfache Projektion einer Gesellschaft, die nicht wahrnehmen möchte, dass sie aus Prostituierten besteht. Bis auf diese seltenen kostbaren Momente, diese unmöglichen Ereignisse der Liebe als Geschenk. Liebe ist kein Gefühl, sie ist ein Geschenk. Sie durchbricht den ökonomischen Teufelskreis der Inflation, durch die deine Küsse immer weniger wert werden.

 

Dich zu lieben ist mir unmöglich. Und nur so kann ich dich lieben. In dieser unmöglichen Möglichkeit vor dir glaubhaft zu bekunden: Ich liebe dich.

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