Kategorienarchiv: Stephanie

Da geht’s gar nicht um Mädchen, sondern um Menschen!

kiturak und ich waren einkaufen. Während ich kurz zuvor erläuterte, warum es unbedingt zu vermeiden ist, in “Kunstläden” Postkarten anzuschauen – weil sonst entweder der Geldbeutel am Ende leer oder der Laden dank verschiedenster auf Postkarten inszenierter -Ismen unsympathisch wird – hatte kiturak ein Auge auf die Bastelbücher geworfen. Das nahm kein gutes Ende.

Wenn die langen/kurzen Haare nicht Indiz für die Geschlechtszuordnung genug waren schreibt’s sich diese am Besten gleich in den Titel: “Schminkspaß” “für Mädchen” und “für Jungen”. Für die Mädchen gilt dabei: “Von Prinzessin bis Mietzekatze ist alles dabei” und für die Jungen “Vom Fußballfan bis zum Ritter ist alles dabei”.

Jedes Buch ziert ein “Siegel” mit der Aufschrift “Kreativ- das bist Du”, was von der Autorin Birigt Hertfelder sicherlich nicht sagbar ist.

Einmal angefangen mit diesen Bastelbüchern nahm’s eigentlich kein Ende. Weiter also mit den zahlreichen Laternenbüchern, von denen scheinbar kein Einziges ohne Geschlechtszuordnung auskommt.

Auch hier gilt wieder: Es lässt sich nicht groß genug drauf schreiben, für welches Geschlecht die Laternen gedacht sind und FALLS irgendeiner Person entgeht, welche Gestaltung sich für welches Geschlecht ziemt: “SÜßE Laternen für Mädchen” und “FRECHE Laternen für Jungs”. Für Mädchen gilt wiederum “Von kinderleicht bis anspruchsvoll” und erstaunlich anders für Jungen “Fröhliche Ideen aus Papier und Pappmaché”. Vom Bild her sei noch gesagt: Was jetzt an dem Drachen bzw. der Eule weniger süß/frech sein soll, entgeht meiner Vorstellungskraft.

Die Laternen nehmen jedoch kein Ende. Diesmal erfolgt die schriftliche Geschlechtszuordnung im Untertitel, die abgebildete Prinzessin und der Drache sind eventuell Hinweis genug, doch das “Meine liebste Laterne” und “Meine coolste Laterne” im rosa bzw. blauen Kasten… ach, muss ich’s noch ausformulieren?

Gegen Ende der Laternenbücher war dann auch meine Kamera unwillig, so dass das 3. Laternenbuch für Mädchen und ein Buch für “Mädchen und Jungen”, dass von den Geschlechtszuordnungen der Laternen nach der umfangreichen Studie der restlichen Bücher jedoch auch keine Probleme mehr bereitet.

Da jedoch Laternen und Schminken beim besten Willen nicht ausreichen, Menschen Geschlechtern und Geschlechtern adäquate Beschäftigungen, Adjektive und Symbole zuzuordnen, ist es wichtig, auch den Schulstart entsprechend mit Schultüten auszustatten.


Ach Du liebe Scheiße. Aber sei’s drum: “Katzen, Herzen, Märchenfee” ist mit dem Untertitel “Schultüten für Mädchen” verstehen und “Panther, Skateboard, freche Monster” mit “Schultüten für Jungen”. Wundert sich noch irgendeine_r wie Verhalten geschlechtsstereotyp anerzogen wird?

Möchte irgendeine_r Antje Schrupps Opression Olympics im “Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungs” noch zustimmen? Vielleicht diesem Satz: “Mädchen können nämlich beides, Jungenkram machen und Mädchenkram.”?

(P.S: Ich habe mich in diesem Artikel auf den Sexismusformen beschränkt, sicherlich wäre es auch den “Spaß” wert, weitere -ismen darin anzugehen, z.B. dass alle abgebildeten Personen weiß sind und schlank und…)

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SV-Bildungswerk und BSK – damit komm‘ ich gar nicht klar

Wie im letzten Artikel bereits angekündigt, steht zum Thema Adultismus ein Artikel zur „Bioklippe“ aus. Wie ebenso angekündigt, tue ich mich mit der Formulierung meiner Gedanken dazu schwer. Aber ich werde versuchen, dies über ein Beispiel zu erklären – mal schauen ob’s funktioniert.

Meine politische Heimat ist die Schüler_innenvertretung (SV), genauer die LandesschülerInnenvertretung (damals nur GG, also Gymnasien und Gesamtschulen) Rheinland-Pfalz (LSV RlP). Die LSV RlP hatte zumindest damals den Anspruch (ich denke auch heute noch), die (einzig) demokratisch legitimierte Vertretung der Schüler_innen zu sein – oder am ehesten legitimierte, denn damals nur GG, heute sind die Grundschulen auch nicht dabei. Einzig legitim daher, da eben die meisten Schüler_innen nicht volljährig sind und damit an der Wahl keiner Regierung beteiligt sind – außer an den Wahlen der SVen. Unter anderem auf Grundlage dessen wurde das allgemeinpolitische Mandat beansprucht (das bis heute den Studierenden- und Schüler_innenvertretungen abgesprochen wird), also das Recht nicht nur in ausbildungsbezogenen Belangen Forderungen zu stellen. Ebenso gehörte zum politischen Repertoire der Selbstbestimmungs- statt Mitbestimmungsansatz, welcher zu meiner Zeit ebenso zu Konflikten führte.

Zu meiner Zeit gab’s das SV-Bildungswerk nicht und die BSK (Bundesschülerkonferenz) hatte sich gerade in Konkurrenz zur BSV (BundesschülerInnenvertretung) gegründet. Beide hielt und halte ich politisch für keine gute Idee. Das SV-Bildungswerk übernahm die Aufgabe der LSVen insofern, als dass dort Nicht-Schüler_innen Schüler_innen ausbilden, die dann Schüler_innen in SV-Arbeit ausbilden. Vorher bildeten schlicht (L)SVler_innen SVler_innen aus. Die Wissenstradierung lief nicht immer perfekt, im alten System, da natürlich die SV-Zeit wie die Schulzeit begrenzt ist und schneller Personalwechsel eben eine besondere Herausforderung auch in der Wissenstradierung ist. Das Problem löst das SV-Bildungswerk gewissermaßen, doch es nimmt im Gegenzug auch viel und zwar vor allem auf der Empowerment-Metaebene. Auch zu meiner Zeit wurden Externe – sprich Nicht-Schüler_innen – für ausgewählte Dinge beschäftigt, z.B. als Geschäftsführung oder als Referent_innen. Doch die Hierarchie ist in diesem Fall eine nicht unwesentlich andere: Schüler_innen bestimmten darüber, wer wofür für sie arbeitete. Das SV-Bildungswerk macht das Gegenteil, sie bestimmt welche Schüler_innen für sie arbeiten und das auch noch im ureigensten Feld der SVen, nämlich eben der SV-Arbeit.

Was die BSK betrifft möchte ich hier erstmal nicht viele Worte verlieren, vor allem da sie anscheinend zur Zeit zumindest inaktiv ist. Die BSK gründete sich wie gesagt in Konkurrenz zur BSV (BundesschülerInnenvertretung) und ging, naja, siegreicher hervor. Folgendes ist symptomatisch für die Selbstbestimmungs- oder Mitbestimmungsfrage. Auf wikipedia ist z.B. zu lesen: „Zudem postulierte die BSV über die Schul- und Bildungspolitik hinaus ein allgemeinpolitisches Mandat. Dies geht deutlich über den durch die Schulgesetzgebung der Länder vorgesehenen Auftrag der Landesschülervertretungen hinaus und wurde auch von einer reihe von Landesschülervertretungen kritisiert.“  Heißt: es gab LSVen, die sich an die Gesetzte hielten, die für sie geschaffen wurden und es gab LSVen die sich nicht daran hielten, weil ihre Beschlusslage vorsah, dass sie sich nicht daran halten sollen.

Anhand dieses Beispiel komme ich zur „Bioklippen“-Frage zurück. Ich bin nicht mehr Schülerin und ich bin nicht mehr Minderjährig. Meine Kritik an SV-Strukturen (im weitesten Sinn) ist insofern völlig irrelevant, als ich nicht zur Entscheidungsgruppe zählen sollte (ich kann zwar als volljährige deutsche Staatsbürgerin auf die deutschen Schulgesetze Einfluss nehmen, aber…) und damit meine oberste Priorität sein muss, die selbst geschaffenen Strukuren und damit einhergehenden Beschlusslagen ernst zu nehmen. Wenn SVen das SV-Bildungswerk beschäftigen, hab ich nicht zu meckern. Wenn die BSK beschließt, dass sie die Schulgesetze für relevant  für ihre eigene Beschlusslage definieren, hab ich nicht zu meckern. Im Gegenteil: Ich habe sie darin zu unterstützen, zumindest insofern, als dass ich ihnen die Kompetenz für diese Entscheidung nicht abspreche.

Gerade für Adultismus ist symptomatisch, dass Volljährige Minderjährigen die Entscheidungskompetenz absprechen und das vielfach begründen. Auch wenn meine Kritik darauf aufbaut, dass das SV-Bildungswerk und die BSK „internalisiert adultistisch“ ist, wird’s halt nicht besser, wenn ich dagegen meine adultistische Entscheidungskompetenz setze. Das Beste was ich tun kann, ist einfach mal die Klappe halten und die Entscheidungen „für voll nehmen“, denn nur so können Menschen die Erfahrung machen, dass sie ein Recht darauf haben, für „voll genommen zu werden“.

Allgemeiner: Mit kiturak habe ich vielfach diskutiert, inwiefern wir als Volljährige etwas zu Adultismus sagen dürfen. Hätte ich meinen letzten Artikel schreiben dürfen und Adultismus mal grad so runterdefinieren, ohne einen einzigen Link? Lehrt die Anti-ismen Schule nicht, dass Betroffenen zugehört werden soll? Lehrt die Ally-Schule nicht, sich andere Nicht-direkt-Betroffene vorzuknöpfen? Wie steht’s überhaupt mit Diskriminierungsformen von denen eine_r mal betroffen war und jetzt aber nicht mehr ist?

Letztere Frage ist besonders im Adultismus-Bereich relevant, denn wir waren alle mal Minderjährig. Nur jetzt bin ich es nicht mehr, ich bin über die Bioklippe gegangen. Ich werde jetzt für „voll genommen“ insofern ich jetzt „VOLLjährig“ bin. Meine Sprecherinnenposition verändert sich gewaltig, auch wenn ich von früher spreche. Ich werde zu einer „erwachsenen Beraterin“ und das ist reichlich igitt.

Also: Wie schlimm ist mein letzter Artikel? (und wie schlimm ist dieser?) Ich werde mit mir und der Welt einfach nicht einig.

(P.S.: Ja, die Überschrift ist absichtlich provokativ gewählt, in der Hoffnung darauf, dass Betroffene neugierig werden, da “Adultismus” anscheinend bisher nicht zog. Sorry.)

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Wenn Menschen Menschen sind – Adultismus

Zusammenhängend-lose Gedanken zu Adultismus von einer Nicht-negativ-Betroffenen, die die Übergriffigkeit dessen nicht so ganz klar in den Artikel kriegt.

Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch nach dem Geburtstag berechnet wird, welche Rechte Menschen haben und wie sie behandelt werden sollen/dürfen. Erstaunlicherweise ;-) hat das Auswirkungen, die sich besonders gern bei Menschen zeigen, die mit nicht-gleichaltrigen Menschen zu tun haben, z.B. Elter_n (der Unterstrich markiert hier das Singular vom Plural, heißt es geht mir nicht um die Paarkonstellation, die Biologie usw..) oder Pfleger_innen. Das heißt nicht, dass der Rest der Welt nicht die gleichen Gedankengänge pflegt, sondern nur, dass sie seltener die Gelegenheit haben, diese zu performen.

Wie immer wenn’s um gruppenbezogene Rechte anhand von sozial-konstruierten Merkmalen geht, ist’s eine Form von Diskriminierung. Adultismus bezeichnet demnach die Diskriminierung von Menschen, die unter 18 bzw. unter 21 Jahre alt sind. Adultismus ist daher scheinbar eine Form von Ageismus, wobei ein deutliches Differenzierungsmerkmal ist, dass von Adultismus-Betroffene niemals durch eine Phase der Mündigkeit gegangen sind und somit niemals in der gesellschaftlichen Position waren, ernst genommen zu werden. Heißt, junge Menschen konnten weder sehen, was auf sie zukommt (da sie reingeboren wurden) noch konnten sie dies im Vorhinein angehen. Während ich mich also jetzt, als 26-Jährige dafür einsetzen kann, auch mit 80 noch ernst genommen zu werden, da ich gesellschaftlich in meinem aktuellen Alter für artikulations- und kritikfähig gehalten werde. Daher macht’s meines Erachtens keinen Sinn, Adultismus Ageismus zuzuordnen.

Ein häufiges Argumentationsmodell gegen Adultismus ist daraus eine Ableismus-Diskussion zu machen. So wird z.B. gegen die Forderung nach Wahlalter 0 eingewendet, dass junge Menschen beeinflussbar(er) sind oder wahlweise nicht selbstständig zur Wahlurne gelangen können (weil sie nicht laufen, schreiben, lesen, etc. können). Diese Einwände sind also auf Ableismus aufgebaut und zeigen, dass adultistisch diskriminierte Menschen häufig auch ableistischer Diskriminierung unterworfen sind. Dies wird gerne unterschlagen, dennoch wird deshalb aus Adultismus keine Form von Ableismus.

Ziemlich offensichtlich ist, dass adultistisch diskiminierte Menschen auch weiteren –ismen ausgesetzt sind, sei es nun Sexismus, Rassismus usw. und wie die intersektionelle Schule lehrt, die Verschränkungen verschiedener –ismen eigene gesellschaftliche Ausprägungen gebiert. Diese weiter auszuarbeiten, ist sicherlich aus vielerlei Gründen zentral, kann ich jedoch fortfolgend nicht leisten.

Adultismus ist also meines Erachtens eine eigene Form von Diskriminierung, die in sich deutliche Zusammenhänge zu Ageismus und Ableismus (ich würde mich zu der These hinreißen lassen, dass jeder –ismus einen starken Anknüpfungspunkt zu Ableismus hat) hat, jedoch eine eigenständige Diskriminierungsform ist.

Warum Eltern gar nicht so wichtig sind

Als Elter_n bezeichne ich fortfolgend Menschen, die bereit waren/sind, eine rechtlich-verpflichtende Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen, die von einem deutlichen Altersunterschied geprägt ist, in welchem die als Elter_n-Bezeichneten die jeweils älteren sind. Die Dauer dieser Beziehung ist dabei nicht vorgeschrieben (zumindest die rechtliche Seite dessen).

In den aktuellen Diskussionen um Adultismus geht es in großem Ausmaß um Elter_n. Ich verstehe schon, warum Elter_n so zentral für die Adultismus-Bekämpfung sind, doch scheinen mir diese nicht Hauptadressat_innen zu sein. Vielmehr sollte es darum gehen, wie die Denkschule gestellt werden kann, in welchem auch Elter_n Menschen als Menschen wahrnehmen können und ebenso als solche wahrgenommen werden.

In der Elter_n-bezogenen Adultismus-Diskussion geht es viel darum, wie die Abhängigkeitsbeziehung gestaltet werden soll. Heißt, wir leben in einem Staat in dem „Minderjährige“ eine verpflichtende Abhängigkeit zu ihren „Erziehungsberechtigten“ haben. Diese Abhängigkeit und die daraus resultierende Probleme werden daraufhin den Elter_n in diesen Diskussionen vorgeworfen, dabei dürfen diese nur die Scheiße austragen, die die gesellschaftliche Situation ihnen vorgibt.  Viele Facetten der Abhängigkeit sind rechtlich vorgeben, heißt Elter_n müssen die Verantwortung für Menschen übernehmen, denen sozial die Eigenverantwortlichkeit abgesprochen wird.

Diese Situation gebiert geradezu missbräuchliche Beziehungen und darüber hinaus, sind Menschen (und somit auch Elter_n) sehr unterschiedlich und schaffen es – flappsig gesagt – überhaupt nur selten zu nicht-missbräuchlichen Beziehungen. Natürlich macht’s die rechtliche und konstitutions-bedingte Abhängigkeit nicht besser. Aber die rechtliche Diskriminerung von „Minderjährigen“ abzuschaffen, ist sicherlich ein wichtiger erster Schritt.

Die konstitutions-bedingte Abhängigkeit

Bei der konstitutions-bedingten Abhängigkeit ist der Zusammenhang zu Ableismus wesentlich, denn auch wenn bei „Minderjährigen“ die konstitutions-bedingte Abhängigkeit zwangsläufig und häufig nicht von Dauer ist, sind die Zuschreibungen zu dieser Konstitution eben im Ableismus verankert.

So können sich Säuglinge unseres Wissens (hier wären dann eher die Religionen gefragt) nicht aussuchen, im welcher sozial-, genetisch und „dispositions“bedingten „Art“ sie erschaffen werden. Sei es die Staatsbürgerschaft, die physische Beschaffenheit oder eben die soziale Klasse, wird mit angeboren und fertig ist’s. Prognosen darüber, was welchem Menschen wohl lieber wäre, sind hahnebüchend und Teil verschiedener –ismen. Das bedeutet im Rückschluss nicht, dass Staatbürgerschaften, die Bewertung physischer Eigenheiten oder sozialen Klassen gute gesellschaftliche Ideen sind.

Fortfolgend ab der Zeugung sind Menschen verschiedenen Abhängigkeiten unterworfen und wie Abhängigkeiten nun mal so sind, sie sind selten fair. Die Frage ist jedoch, was wir daraus machen. Viele der Fragen, die vor allem die körperliche- und erfahrungsbedingte Beschaffenheit von Menschen ausmachen, können somit wunderbar in der Behindertenpolitik entlehnt werden.

„Ja, aber…“ – wenn Menschen Menschen sind

Menschen wie Menschen zu behandeln, ist in der derzeitigen gesellschaftlichen Lage immer eine Herausforderung. Das Denken ist zu sehr geprägt, von den verschiedensten –ismen. Ein paar dieser Herausforderungen/Fehlschlüsse möchte ich hier jedoch beispielhaft thematisieren.

„Aber ich will (m)ein Kind doch davon abhalten, auf die heiße Herdplatte zu fassen/vor ein Auto zu laufen.“
Die Sache ist, dass dieses Bedürfnis nichts mit „Kind“ zu tun hat. Es gibt wohl kaum Menschen, die nicht gerne davon abgehalten werden, sich versehentlich weh zu tun. Wenn’s wiedererwartend doch der Fall sein sollte, spricht nichts gegen den Konflikt. Sich darum zu streiten, was die jeweils andere Person als übergriffig empfindet und die gegenseitigen Bedürfnisse in einer Beziehung abzuwägen, ist ein normaler sozialer Prozess und nicht altersabhängig.

Aber Kinder verstehen doch gar nicht…“
Wiederum, „Kind“ ist hier nicht das zentrale Problem, sondern die soziale Situation. Wenn Verständnis für etwas wesentlich ist, haben wir immer ein gesellschaftliches Problem, verschiedene Menschen haben erfahrungs- oder sonstwas-bedingt verschiedene Weisen und Möglichkeiten etwas zu verstehen. Wie wir damit umgehen, ist die Herausforderung, nicht wie wir Adultismus rechtfertigen.

Altersunterschiede

Aus meiner Zeit als Jugendliche ist mir eine Sache besonders wichtig und erscheint mir ein wesentliches Merkmal von Adultimus zu sein. Es kommt durch folgende Aussage (die ich früher definitiv zu oft gehört habe) – ab und zu begegnet mir das auch heute noch:

„Wenn Du mal in meinem Alter bist…“

Das ist ein argumentatives Knock-Out und zwar weil es bedeutet „Ich nehme Dich nicht ernst, aufgrund einer Eigenschaft, die Du nicht ändern kannst.“
Das besonders perfide daran ist, dass es nicht zu widerlegen ist. Natürlich machen Erfahrungen einen Unterschied und natürlich braucht’s Erfahrungen, um zu sehen, dass Erfahrungen einen Unterschied machen. Gerade junge Menschen haben häufig weniger Erfahrungen als ältere Menschen.
Das ist und kann jedoch kein Grund sein, sie nicht ernst zu nehmen. Die so angegangen Person hat keine Chance die Diskussion weiter zu führen, weshalb ich nach einiger Übungszeit meine älteren Freund_innen immer in etwa folgenden Worten auf die Scheiße aufmerksam gemacht habe.

„Das mag sein. Doch Du bist jetzt und hier mit mir konfrontiert. Möchtest Du mich erst wieder in 10+X Jahren wieder sehen oder glaubst Du, dass unsere soziale Beziehung es wert ist, dass Du mich jetzt ernst nimmst?“

Meiner Erfahrung nach, war dies der einzige Weg ältere Menschen auf den Missstand ihres „Arguments“ hinzuweisen. Jede Form von „witziger“ Entgegnung, wie z.B. „Wenn Du mal noch in meinem Alter wärst…“, führt nicht zum gewünschten Ziel, sondern nur zum Belitteln.

Schlussworte

Die Gedanken zu diesem Text gehen mir seit einiger Zeit im Kopf rum und sind nicht vollständig, manchmal nur unzusammenhängend, häufig pauschalisierend usw. Dennoch will ich sie mit Euch teilen, in der Hoffnung, dass sie besser werden. Achso und in dem Artikel fehlt ein Punkt, den ich noch nicht formuliert kriege…

Andere Artikel sind von

 

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Quatschen mit den Suchenden

Wie jeder Blog bekommen wir mehr Besuche als Kommentare. Wie wohl viele Blogger_innen verbringe ich eine unglaubliche Zeit mit dem Betrachten der Statistiken. Dort findet sich u.a. eine Auflistung der Suchbegriffe über welche takeover.beta nicht nur gefunden wurde, sondern auch besucht wurde. Viele der Suchbegriffe erschüttern mich, viele Suchbegriffe ärgern mich und bei vielen find ich’s schade, dass wir vermutlich nicht ins Gespräch gekommen sind. Aber „hey“ ich kann ja antworten!

„lesbenfilme“, „wo kann man lesbische filme schauen?“ etc.
Wenn Du Interesse hast, gibst folgende Möglichkeiten, an diese zu gelangen: Konny von lesben.org betreibt einen amazon-shop, das Lesbenkaufhaus hat sie alle und bei Filme für Frauen können einige geliehen werden.

„right planet syndrom wiki“
Noch hat Dr. autistic Summers Forschung es noch nicht zu einem wikipedia-Eintrag geschafft. Dennoch gibt’s zum Weiterlesen hier ein geschlossenes Institut.

„coole namen für dalmatiner“
Das ist wirklich schwierig ;-) .

„stephanie lesb“
Da fehlt ein „e“!

„da bin ich nicht kompetent genug“
Welche_r ist das schon?

„elis hi ich bin ein bi hi daki“
Da bin ich auch überfragt, aber hat mir einige schöne Stunden beschwert, über die Bedeutung dieser Suchphrase nachzudenken.

„samia weiss was freischalten“
Samia ist die Beste, also bitte immer freischalten!

„ich bin lesbe und ich will es vollkommen ausnutzen wie geht das“
Da hilft nur lizzy the lezzy.

„warum nimmt elena nicht damon“
Ich versteh das auch nicht!!!

„schimpfwort nazi eine beleidigung?“
Ich glaub ja nicht, dass Nazi ein Schimpfwort ist. Vielmehr sollte es sich um eine Beschreibung des Gedankenguts der betitelten Person handeln. Ob’s dann für die Person eine Beleidigung ist, ist mir ehrlich gesagt schnuppe.

„muss man sich als frau angrapschen lassen“
NEIN!!!!

„ich werde meinen ansprüchen nicht gerecht“
Welche_r wird das schon?

„parken sie ihre lesben“
Ich will auch wissen, wie das geht!

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Wären Sie bitte so freundlich, Herr Welding?

Ich lerne zur Zeit für meine Philoprüfung und da kommt mir das amüsante „Haha, guck Dir den Scheiß mal an!“-Spiel rund um einen Text von Malte Welding gerade Recht. Viele haben schon dazu geschrieben, z.B. das kotzende Einhorn, Nadia Shehadeh und Antje Schrupp (edit: Noch mehr Mitspieler_innen gefunden: TheGurkenkaiser, Claudia Kilian, yetzt (hab noch Plätze frei ;-) ).

Da ich jedoch gerade in so einer sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Philo-Blase drin hänge, halte ich mich einfach nur mit den fehlenden Ausrufungszeichen und Formulierungsfragen auf. Das ganze anhand der ersten beiden Sätze:

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Es scheint deutlich zu sein, dass in beiden Sätzen jeweils eine klare Aufforderung drin steckt. Bei Aufforderungen ziemen sich in der Regel Ausrufungszeichen, z.B. in „Mach das!“, „Lass das!“, „Tu was!“. Die Ausrufungszeichen scheinen einen „Call to action“ deutlich zu machen, welcher eben beinhaltet, dass eine oder mehrere Personen eine Handlung durchführen soll(en) (wozu ich auch Unterlassungsaufforderungen zählen würde).  Ebenso bestimmt das Ausrufungszeichen eine Form der Betonung die Aufregung, einen Befehl… irgendetwas in der Art, auf jeden Fall soll die Stimme eher hoch gehen.
Ein Punkt wiederum schließt eine Aussage ab.  Ein Punkt lässt keine Frage aufkommen und keine Aufforderung stehen. Ein Satz mit Punkt ist in sich geschlossen und lässt von der Struktur her keine Unschlüssigkeiten zu. Die Stimme geht runter, na, wie in der Grundschule gelernt.

Selbstverständlich ist je nach Satzzeichen zumindest im Deutschen auch der Aufbau der verwendeten Wörter verschieden. Dies ist jedoch bei Weldings Sätzen nicht der Fall, die Sätze könnten ohne grammatikalische Probleme ein Ausrufungszeichen bekommen. Warum also die Punkte?

Ich denke es handelt sich dabei um schlichte Vermessenheit/Selbstüberschätzuhng. Um dies jedoch möglichst vollständig zu belegen, möchte ich auf eine weitere sprachliche Besonderheit aufmerksam machen und zwar das fehlende Personalpronomen.  In Aussagen wie „Ich schreibe gerade einen Text.“ oder Fragen wie „Wären Sie bitte so freundlich?“ stecken Personalpronomen und ich neige dazu, dass die Personlpronomen bei solcherlei Sätzen seltener fehlen, als bei Aufforderungen. Das liegt daran, dass bei Aufforderungen häufig der_die Adressat_in klar ist, durch die implizite Form, welche deutlich macht,  welche Person(en) handeln soll(en). „Sagt ihr seltener…!“ wirkt halt irgendwie doppelt gemoppelt. Dieses „ihr“ jedoch ist durchaus relevant, insbesondere wenn’s um politische Arbeit geht. „Lasst uns…!“ sagt halt, dass eine_r Teil der Bewegung ist und nicht außerhalb steht – daher ist’s auch inhaltlich eine komplett andere Aussage. Welding jedoch wählte die Version, in der er nicht Teil der politischen Arbeit ist – und will trotzdem die Art und Weise der politischen Arbeit bestimmen.

Warum und wie er sich dieses Recht konstruiert, wird meines Erachtens eben auch durch die Wahl der Satzzeichen deutlich, denn er macht dadurch deutlich, dass der Chef (Geschlecht ist Absicht) gesprochen hat. Implizite Aufforderungen mit Punkt sind z.B. „Du räumst jetzt Dein Zimmer auf.“, „Wenn Du das essen willst, musst Du es Dir selber kaufen.“ oder „Das darfst Du nicht.“. In jedem Fall dieser impliziten Aufforderungen mit Punkt ist klar, dass die sprechende Person zumindest glaubt bestimmen zu dürfen und das nach dieser Aussage „natürlich“ gehandelt wird.

Weldings Punkte machen also deutlich, dass er glaubt bestimmen zu dürfen und nicht befehlen muss. Ein Befehl wäre genauso anmaßend, aufgrund der Wahl des impliziten Personalpronomens. Also, eigentlich endet die Kritik des Textes nach den ersten beiden Sätzen.

Warum jedoch glaubt Welding auf diese Art mitreden zu können? Was gibt ihm die Macht? Dass er weiß, vermutlich cis und männlich ist? Um das zu belegen, fehlt mir die Motivation. Also:

Wären Sie bitte so freundlich Ihre vermeintlich sexistische und rassistische Kackscheiße zu unterlassen, Herr Welding?  

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Motivation, Wohltätigkeit und Antidiskriminierungspolitik

Seit einiger Zeit stelle ich mir die Frage, warum ich’s eigentlich keine Menschen diskriminieren, ausschließen, beleidigen und benachteiligen möchte. Solange ich ausschließlich im Betroffenheitsbereich war – als Lesbe und Frau ist ja genug zu tun – war das kein Problem, ich kämpfte schlicht für mich, selbst wenn ich selbst nur peripher betroffen war. Doch mit dem intersektionellem Ansatz kam eben nicht nur die Frage auf, wie ich als Adressatin von Betroffenheitspolitik von Menschen deren Merkmale ich nicht teile, umgehen soll, sondern auch warum mir „die Anderen“ am Herzen liegen.

Gerade bei –ismen von denen ich positiv bedacht werde, finde ich keinen Grund mich kritisch zu meinen Privilegien zu stellen, ohne Wohltätigkeitsattitüden an den Tag zu legen. Wohltätigkeit  ist jedoch nicht nur keine gute Idee, siehe z.B. white charity, sondern ist auch ein andauerndes othern, ein Verweis auf „die Anderen“ die einer_m dann „am Herzen liegen“ können, die im Falle des Falles einfach nicht Teil der eigenen Gruppe sind, nur „bedacht“ werden können usw. Wohltätigkeit ist daher für mich keine Grundlage für politisch-gesellschaftliches Engagement.

Zu meinen Gedanken zu der Konstruktion von „ich und die Anderen“ schreibe ich ein andermal mehr, jetzt möchte ich den Fokus auf die Frage legen, wie sich Wohltätigkeitsdenken verhindern lassen könnte.  Warum ich generell alles, was mit Altruismus verbunden werden könnte, für zunächst keine gute Idee halte, habe ich bereits geschrieben und ich neige dazu, die Wohltätigkeitsfalle mit einem „kapitalistischen“ Egoismus-Modell zu umgehen:

Ich gehe davon aus, dass Menschen Einfluss auf mein Leben haben und ich habe ein ziemlich großes Interesse daran, dass dieser Einfluss mir nicht auf die Nerven geht. Das ist nicht nur die Motivationsgrundlage für mein antisexistisches und antihetereosexistisches Engagement, sondern eben auch für anti-istisches Engagement in Bereichen, von denen ich positiv betroffen bin. Auf einer ganz banalen Ebene habe ich ein großes Interesse daran, dass mir mein Auto nicht geklaut wird, mir Mitmenschen nicht die Hölle heiß machen und ich mich um viele Belange nicht selbst kümmern muss. Das bedeutet für mich, dass kein Mensch einen Grund haben sollte, mein Auto zu klauen (weil er_sie selbst eins haben oder eine äquivalente Einnahmequelle zur Verfügung steht); dass ich meine Mitmenschen nicht scheiße behandele, damit diese nicht wütend auf mich sind; und dass die gesellschaftlichen Organe, die sich um vielseitige gesellschaftliche Probleme kümmern (von Polizei bis freie Initiativen) gute Arbeit leisten und keinen Bockmist verzapfen.

Da ist nicht unbedingt eine umfassende Systemkritik drin, kann aber daraus abgeleitet werden, je nach dem, wie die_der Jeweilige glaubt, dass das „nicht auf die Nerven gehen“ am besten umgesetzt werden kann. Weiterhin heißt „nicht auf die Nerven gehen“, dass ich keiner_m auf die Nerven gehen soll oder dass der Wunsch, nicht auf die Nerven gegangen zu werden allzeit Berechtigung hat. Es ist nur eine Grundlage für einen beginnenden sozialen, gesellschaftlichen und/oder kleingruppenbezogenen Einigungsprozess. Ohne auf eine Version von „Ich kümmere mich um Dich, Du armes Ding“ zu verfallen.

Zwei Anmerkungen:

  • Dies ist ein unfertiges Gedankengang-Ding. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, so wie ich das vorschlage und bin daher dankbar für Diskussion und Kritik.
  • Dies ist irgendwie auch eine Antwort auf diesen Kommentar von AusDerBaum.

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Auf dem Weg zur Perfektion oder Altruismus verhindert Altruismus

Unter Leuten, die sich mit Intersektionalität beschäftigen, beobachte ich immer wieder Gespräche, die in einer „Wenn ich’s nichts richtig machen kann, darf ich dann überhaupt noch was machen?“-Schleife enden. Es gibt eine gewisse Grundverzweiflung, für dich ich drei Ursachen/Fehlschlüsse vermute.

Das erste, noch am leichtesten verständliche Ding ist, dass keine_r „nichts“ machen kann. Jede Aktion, auch das Unterlassen einer Handlung, ist eine Aktion. Wenn ich nichts mehr schreibe, nichts mehr sage usw. hat dies eine Aussage. Wie Wittgenstein und Lyotard es ausdrücken „Schweigen ist ein Satz“. Das bedeutet jedoch auch, dass es keinen Weg gibt, das „nicht richtig machen können“ über eine „Passive“-Handlung zu verhindern. Meines Erachtens ist es hier besser, eine „aktive“ Handlung vorzuziehen, da „passive“ Handlungen vielseitiger interpretierbar sind und somit eine größeren als falsch-interpretierbaren Spielraum haben.

Das zweite und wohl am meisten diskutierte Ding ist, dass „richtig“ ein sehr schwammiger Begriff ist. Das sind so Diskussionen nach dem Motto „Wäre es nicht richtiger, wenn…“ bzw. „Wie gehe ich besser mit den eigenen Privilegien um?“. Das Problem hieran ist nicht, dass die Diskussion und die Fragestellungen nicht zweckdienlich sind, sondern dass sie die Grundverzweiflung nicht einschränken. Scheinbar ist das Ziel der Auseinandersetzung Perfektion zu erreichen und diese Perfektion besteht nicht darin, Fehler bewusst zu machen. Eigentlich wissen ja alle, dass die gesellschaftlichen Probleme – gerade in -istischen Fragen – nicht von einer Person, die „alles richtig macht“ zu lösen sind. Das hindert uns jedoch nicht daran, trotzdem nach jeder dieser Diskussionen ein horrendes Bedürfnis nach Verdrängungswerkzeugen wie Alkohol, Schokolade oder Fernsehen zu entwickeln.
Ich glaube nicht, dass die Grundverzweiflung eine gute, beizubehaltende Idee ist. Sie macht Aktivist_innen müde, depressiv und/oder demotiviert. Ich denke, dass Beste was wir tun können, ist die Idee der Perfektion dahingehend aufzugeben, dass wir die Fehler in den Vordergrund stellen und nicht die Positivbeispiele. Dafür jedoch halte ich es für notwendig, auch die Idee des Altruismus aufzugeben. Womit ich zum dritten Ding komme:

Zumindest mir wurde gerade in meiner Jugend beständig vermittelt, dass es diese tollen, selbstlosen Menschen gibt, die „einfach so“ ihr Leben irgendeiner Sache gewidmet haben und dafür „am Besten“ auch noch in den Tod gegangen sind. In den unzähligen Schuldiskussion zu diesem Altruismus habe ich jedes mal gesagt, dass ich glaube, dass sie das aus reinem Egoismus getan haben, nämlich mindestens in der Hoffnung darauf, irgendwann von der Nachwelt dafür bewundert zu werden. Das Problem an der Altruismus-Konstruktion ist für mich, dass Altruismus motivationslos zu erfolgen hat. Dementsprechend ist die Frage, warum sollte ich altruistisch handeln?

Aus dieser Motivationslosigkeit des viel bewunderten Altruismus folgen dann Gespräche, wie sie vielleicht jede_r Aktivist_in kennt: Bewundernde Äußerungen seitens nicht oder wenig aktiven Menschen, wie „Ich find’s so toll, was Du alles machst. Ich könnte das nicht.“. Solche Äußerungen machen mich aggressiv, ich antworte darauf mal mit einer Version von „Super, mehr Blumen und Anerkennung für mich.“ und mal, dass es halt eine Frage von Prioritäten ist (Natürlich gibt es selbstgewählte und erzwungene Prioritäten, Engagement ist nicht frei von Privilegien.). Meine Antworten werden in der Regel nicht verstanden, was ich jedoch versuche deutlich zu machen, ist das Engagement nicht selbstlos ist und jede_r Motivationsgründe für Engagement finden kann. Es geht nicht darum, für das eigene Engagement irgendwann „heilig“ gesprochen zu werden, sondern das eigene Leben so zu gestalten, wie es für die Jeweiligen cool ist. Zu meiner Lebensplanung gehört ein ziemlich großer Lottogewinn, den ich vermutlich nicht kriegen werden, genauso wie Engagement, welches nicht immer perfekt laufen wird. Doch wenn ich vorgebe, aus Altruismus heraus zu handeln, verhindere ich einerseits, dass meine Handlungen anschlussfähig für Viele sind, die ihr Leben nicht aufgeben wollen und ich bau mir selbst einen riesigen moralischen Druck auf, selbstlos zu sein und keine Fehler zu machen – denn Fehler offenbaren scheinbar einen fehlerhaften Charakter und wie kann ein fehlerhafter Mensch altruistisch sein?

Egoistische Motivationsgrundlagen zu finden, scheint mir ein wichtiges Anliegen für Engagement und Aktivismus zu sein. Die Idee aufzugeben, ein „besserer Mensch zu werden“ zugunsten des eigenen Lebensplans. Wenn Engagement und die Beschäftigung mit Intersektionalität auf „Genau so habe ich mir mein Leben vorgestellt“ beruht und nicht auf „Ich will, dass die Welt ein besserer Ort ist“, hilft das nicht nur dabei, bei jeder weiteren Baustelle, bei jedem Fehler usw. nicht zu verzweifeln, sondern jede Baustelle und jeder Fehler ist genau das, was das Ziel des Ganzen war, nämlich das Leben mit eben diesen Baustellen und Fehlern und Menschen und Kram zu füllen.

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Urlaub in Mecklenburg

Ich liebe Frauenorte und so ist es wenig überraschend, dass ich die letzten zwei Wochen Urlaub in einer Frauenferienwohnung auf einem Selbstversorgerinnenhof gemacht habe. Eines der begnadeten Vorteile an Frauenurlaubsorten ist, dass bei der Anmeldung keine entsetzter Gesichtsausdruck seitens der Betreiber_innen zu sehen ist, der mit den Worten “Oh, wir haben für Sie ein Doppelzimmer reserviert” garniert wird. Aber es gibt noch andere Vorteile, insbesondere wenn, wie in diesem Fall, der Urlaubsort mitten in der Pampa gelegen ist. Die Betreiberinnen haben meist schon ein grundlegendes Stück Arbeit geleistet und so ist das Dorf darauf vorbereitet, dass es tatsächlich Lesben gibt. Macht das Leben leichter.

Sonnenuntergang mitten auf dem Land. Zu sehen ist ein Baum im Vordergrund, dann ein Kornfeld, im Hintergrund Windräder und ein paar Wölcken.Meine Freundin und ich waren also mitten in Mecklenburg. Der schnellste Weg dorthin – vor allem bei ungünstiger Verkehrslage – führt 3 Stunden über Landstraßen. Kleine eher einspurige Straßen, mit der Zeit wird auch der eigene Fahrstil immer rasanter, Alleen soweit die Straßen reichen.

Danach ist eine_r mitten im Nirgendwo. Riesige Felder, vermutlich dank der LPGen, Wald in Massen, kleine Hutzeldörfer, ab und zu ein touristischer gesprägter Ort. Noch mehr Felder… Backsteingebäude, Höfe, verhältnismäßig wenig Tiere (find ich).

Der Selbstversorgerinnenhof ist wunderschön. Viele Stunden habe ich mit dem Ausblick verbracht:

3 Pferde im Stall. Ausblick vom Hof aufs Land.

Die Ferienwohnung hat einen eigenen Eingang, der durch den Pferdestall führt. So konnte ich jeden Morgen damit beginnen, den Pferden einen guten Morgen zu wünschen. Auf dem Hof gab’s auch eine spielsüchtige Hündin, viele Schafe, zwei Laufenten, ein paar Hühner (zwei davon schliefen lieber auf dem Baum, als in ihrem Stall ;-) ) und zwei Katzen.
Katze liegt unter einem Sattel, welcher ihr Schatten spendet. Schafstall von außen.

Rundherum gibt es viele Seen. Einige sind touristisch belebt, aber trotz des guten Wetters nicht überlaufen. Allerdings habe ich es nicht für möglich gehalten, dass es Gegenden in Deutschland gibt, die so unglaublich weiß sind und angesichts dessen, gab’s zu viele Männer mit zu kurzen Haaren. Ich weiß nicht, woran dieser Haarmangel lag, vielleicht sind sie auch alle bei der Bundeswehr – Arbeit schien’s eher weniger zu geben. Eindeutig geschmückte haarlose Männer hab ich erst wieder im Autobahn-Gebiet (in Hessen) gesehen.

Parken verboten Schild mit der Einschränkung "Di - 13-14h, Straßenreinigung"Die Menschen dort -sowohl die Urlauber_innen als auch die erspähten Einwohner_innen – waren eher bodenständig. Nur die Teenager an den Seen hatten “Schönheitswettbewerbe” am Laufen, an den Tischen im Cafe konnte ich zumeist keine “Aber Kant hat gesagt…”-Gespräche belauschen, nur ein Tisch voller Freimaurer_innen wirkte etwas deplaziert ;-) .

In einem dieser Seeorte (ich glaube Sternberg) gab es ein wunderschöne Schild. Dieser Auswuchs der Bürokratie würde die Parksituation in vielen Städten sehr erleichtern!

Neben See und Land wollten wir auch Städte und Meer sehen. Nach Schwerin sind wir zwar gefahren, aber das Wetter war so schlecht, so richtig aus dem Auto aussteigen oder Fotos machen wollten wir nicht. Dann ging’s irgendwann nach Wismar, an die Ostsee. Leider war das schönste am Hotel der Ausblick vom und auf das Hotel.

Aber Wismar ist wunderschön und wir haben eine grandiose Stadtführung mitgemacht. Die Stadtführerin war die Beste, die ich Stadtführunglok auf Rädern am Marktplatz in Wismarseit langem erlebt habe. Sie erklärte uns sowohl die alten als auch die neuen Stadtdetails, weder die alten Kirchen noch der neue Busbahnhof blieben außen vor. Ich weiß jetzt, dass Wismar 15.000 Einwohner_innen in den letzten 20 Jahren verloren gegangen sind, dass ein Klosterziegel 8 € das Stück kostet, dass in den Studiwohnheimzimmern gleichzeitig gekocht und geduscht werden kann und wie sich in Wismar ausgerechnet wird, dass sie eigentlich die Kirche mit dem höchsten Dachfirst  in Deutschland haben ;-) .
Ein wichtiges Kriterium für eine gute Stadtführung ist für mich, dass erwähnt wird, warum eine Stadt bombadiert wurde, bevor erwähnt wird, wieviel zerstört war. Auch das hat sie wunderbar deutlich gemacht (Flugzeugbauer)… keine Selbstverständlichkeit, in Nürnberg musste ich mal einen Stadtführer zwingen, der allzu lang über die Bombadierung sprach, die er als “grundlos” wirken ließ.

Ansonsten lese ich im Urlaub ca. ein Buch pro Tag und hatte diesen Urlaub unglaublich viel Glück mit der Auswahl, die ich Euch hiermit ans Herz legen möchte: Von Charlaine Harris die “Aurora Teagarden” und die “Harper Conelly”-Reihe, sowie die grandiose Lily Brett (einfach alles von ihr).

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Empowerment anhand von “Beverly Hills Chihuahua”

In der letzten Zeit bin ich immer wieder auf Aussagen gestoßen, die benannte Privilegien-Verhaltensweisen auf die jeweils dazu Marginalisierte übertragen. So wird seitens einer Feministin der Begriff „womansplaining“ verwendet; eine WoC versucht umgekehrten Rassismus damit zu belegen, dass People of Color Spottnamen für Weiße verwenden; und eine andere Feministin erklärt, dass sie Mackerverhalten von Frauen genauso nervig findet, wie von Männern (Quellenangaben füge ich auf eigenen Wunsch der Beispiel-Leute ein).

Für mich stellt diese Anhäufung eine ungute Entwicklung dar und zwar, weil es Empowerment verunglimpft. Die Sache ist die: Privilegierte Verhaltensweisen zu benennen ist wichtig, denn das Ausmachen und Benennen von diesen, hilft nicht nur dabei, diese zu erkennen, sondern auch diese zu beseitigen. Ebenso ist grade bei Diskriminierungen die in der Gesellschaft verankert sind, wie z.B. Sexismus und Rassismus,  es häufig so, dass die Aneignung von Verhaltensweisen, die Privilegierte nutzen – auch wenn es in einer heilen Welt keine coolen Verhaltensweisen wären – wichtig, denn es beinhaltet ein Sich-zur-Wehr-setzen und macht gleichzeitig eben durch Negativreaktionen Privilegierter auf die Aneignung deutlich, worin die gesellschaftlichen Strukturen bestehen. Wenn jedoch diese Selbstermächtigung von davon Nicht-Negativ-Betroffenen angegriffen wird, macht dies einerseits das Empowerment schwieriger und gleichzeitig vergeht eine weitere Funktion davon: Die gesellschaftlichen Strukturen sichtbar machen. Das ist sehr theoretisch und daher werde ich es anhand eines Vergleichs erklären:


[Szene aus "Beverly Hills Chihuahua". Bitte um Transkription!!!]

In diesem Video wird gezeigt, wie eine seperatistische Chihuahua-Gruppe sich von Fremdzuschreibungen dadurch versucht zu emanzipieren, indem sie das Dasein als Schoßhund_hündin und „niedliche“ Namen ablehnen. Sie begeben sich in einem Massenrausch indem jede diesbezügliche Deklaration des Ausrufers mit dem Schlachtruf „no mas“ („Nie wieder!“) beantwortet wird. Eigentlich eine ziemlich coole Angelegenheit und gerade für die Chihuahuas wichtig, die sich erstmals von den Fremdzuschreibungen befreien. Das Problem ist nur, am Schoßhund_hündinnen-Dasein ist überhaupt nichts Schlimmes und auch „niedliche“ Namen sind gar kein Problem.

Für diese Dalmatinerin z.B. ist die Entdeckung ihrer eigenen Leidenschaft als Schoßhündin eine wichtige, emanzipative Sache.

Verhätnismäßig große Dalmatinerhündin liegt auf dem Schoss einer verhältnismäßig großen Frau.

Und für diese_n Dobermann wäre der Name „Fifi“ vermutlich auch eine Erleichterung.


[Dobermann und Babykatze spielen zusammen. Babykatze schlägt mit Pfote auf  Dobermann und Dobermann beisst nach Babykatze.]

Was ich sagen will: Empowerment-Geschichten anhand der zukünftig erwünschten Welt zu kritisieren, ist einfach gemein. Jetzt ist erstmal der Zeitpunkt Chihuahuas zu sagen, dass sie keine Schosshunde_hündinnen sein müssen, Dalmatiner_innen in ihrer Entdeckung des Schoßhund-Daseins zu supporten und angebliche Kampfhünd_innen mit „niedlichen“ Namen zu versehen. Aber auf keinen Fall kann’s angehen, Privilegien-Bezeichnungen gegen Marginalisierte zu verwenden.

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Eine gemeinsame Welt ist möglich

Triggerwarnung (TW): Ableismus – Phobien (Überspringbar)

Jede physische oder virtuelle Raumgestaltungsdiskussion begegnet irgendwann der These „Aber wir können ja nicht auf alle Rücksicht nehmen“. Selbst in anti-istisch motivierten Diskussionen, Gruppen, Blogs, Räumen. Egal ob es um einen größeren oder kleineren Raum geht. Ob es um eine Veranstaltung geht oder um die „große“ Politik.

Eventuell stimmt das sogar, eventuell gibt es unvereinbare Interessen. Doch das ist nicht die Frage und auch nicht mit der Aussage gemeint. Gemeint ist, dass es schlicht zu anstregend ist, es zu versuchen. Das liegt vor allem daran, dass diese Aussage in 99% der Fälle nicht von Betroffenen der „nicht alle“-Gruppe geäußert wird. Doch wenn sie tun, haben die „Anderen“ ein Problem: Wir können uns ja einfach mal vorstellen, was wohl dahinter steckt, wenn – um ein einfaches Beispiel zu nehmen – alle Rollifahrer_innen der Welt deklarieren, dass alle Veranstaltungen von Nicht-Rollifahrer_innen gerne im 7. Stock ohne Aufzug stattfinden können, sie würden sowieso nicht kommen wollen. Als Nicht-Rollifahrerin würde ich zu diesem Zeitpunkt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen (RW) und ausrufen: „Scheiße! Jetzt haben wir anderen es aber richtig versaut!“.

Aber bei den verschiedenen Versionen des „Wir können nicht auf alle Rücksicht nehmen“ geht’s es niemals um die eigene Gruppe (höchstens um die eigene Person, aber „Ihr müsst nicht auf mich Rücksicht nehmen“ ist ein anderes Thema). Es geht immer um scheinbar abwesende Dritte oder um ausschließbare Anwesende.

AB hier überspringen bei Interesse aufgrund TW:

Heute auf Twitter kam’s zu folgender Aussage (anlässlich der Frage, ob Kram, der Menschen traumatisiert, eine prinzipiell gute Sache sind oder nicht):

proloweib hat also zunächst offensichtlich keine Lust gehabt, sich mit den Forderungen und Wünschen der mit Platzangst-Ausgestatteten auseinanderzusetzen. Weiterhin sah sie keinen Grund, die Begriffswahl zu erklären, da Platzangst wissenschaftlich und umgangssprachlich entgegengesetzte Bedeutungen hat. Ebenso ist ihr an einer tatsächlichen Diskussion um die Sinnhaftigkeit und Ausschlussmechanismen durch Plätze nicht gelegen. Ebenso geht es ihr nicht darum, mit Menschen mit Platzangst über Twitter ins Gespräch zu kommen. Es geht ihr um Polemik auf Kosten von Anderen. (Und ja, ich verwette meinen Hut darauf, dass proloweib nicht Agoraphobikerin ist – falls doch, schick mir bitte Deine Adresse proloweib, dann schick ich Dir meinen Hut zu.)

AB hier wieder einsteigbar:

Zugrunde liegt dem Beispiel die Vorstellung, dass wenn denn tatsächlich auf alle Rücksicht genommen wird, nichts mehr geht. Keine Veranstaltungen, keine Vereinbarungen, kein gar nichts. Das stimmt nur nicht und kann jede_r an sich selber beobachten: Wenn Menschen auf eine_n selbst tatsächlich Rücksicht nehmen wollen, gibt’s eine Verhandlungsbasis und mit der Verhandlungsbasis meist auch eine für alle mögliche Lösung. „Perfekt“ wird’s wahrscheinlich nicht und trotzdem fühlt sich’s richtig an.

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