Kategorienarchiv: Zweisatz

Klassistisches Push-back

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Klassismus – Sprache – Fachbegriffe – Hartz IV – Sanktionen – Feminismus

Engl. to push back: etwas oder jemanden zurückdrängen

Artikel zu Klassismus zu schreiben, hat einen sonderbaren Effekt: man erfährt von Menschen, die man für völlig fortschrittlich hielt, dass man mal langsamer treten soll (RW=Redewendung). Nicht nur in der Klassismus-Diskussion im deutschen Feminismus, von z.B. Nadia Shehadeh, Antje Schrupp, Nadine Lantzsch oder sanczny (nach unten scrollen für Links), sondern auch unter anderen Artikeln zum Thema. Derartige Kommentare, die sich unter meinen Artikeln gefunden haben, sind zum Teil hier gelandet (Abschnitt “Warum Noten an der Uni ein Hohn sind”).

Was ich mich frage, ist, woher das kommt. Bei der feministischen Debatte wahrscheinlich durch den hohen Anteil an Akademiker*innen und damit akademischer Sprache. Man ist halt dran gewöhnt so zu reden und komplizierte Worte drücken komplizierte Sachverhalte so schön kurz aus. Dass das nur gilt, wenn man mit der Sprache vertraut ist, vergisst man dann schnell. Ich sitz immer noch manchmal vor meinen Texten und entdecke ein weiteres Wort, dass ich vielleicht umformulieren sollte. Ich selbst versteh’ es ja, also verstehen es alle..? Oh nein, Moment. Ein Text wird halt nur für die leichter mit Fachbegriffen, denen deren Bedeutung vertraut ist.

Aber allgemein, warum diese harsche Reaktion auf die Kritik an Klassismus? Warum krieg’ ich so viele “ist halt so”, wenn ich sage, dass Noten keine Lebensrealität widerspiegeln? Dass Noten angeblich gerecht verteilt werden, aber das System überhaupt nicht in der Lage ist, die für die Abgabe geleistete Arbeit zu überblicken? Warum geht es plötzlich um Hochbegabte, wenn ich den Intelligenz-Begriff kritisiere?
Es ist der gleiche Grund, warum Hartz IV-Bezieherinnen* immer noch mit “faul” verbunden werden. Warum Menschen nicht den Bogen von supertollen Bekannten, die zufällig auch Hartz IV beziehen zu “den” Hartz IV-Bezieherinnen* spannen können (RW). Die sind ja anders. Die sind was Besonderes. Aber die echten Hartz-IV-Bezieherinnen*, ganz schlimme Sache das.

Nein.

Ich denke, Klassismus ist die Sache, die immer den anderen passiert.

Die sind anders

Die Leute, die angeblich von unseren Steuergeldern leben, das sind die anderen (was heißt “angeblich”, tun sie. Und ich bin dankbar, dass sie von Steuergeldern leben statt ohne Steuergelder zu sterben, herrgottnochmal). Ich kenn zwar nur tolle und rechtschaffene Hartz IV-Bezieherinnen*, aber irgendwoher muss die B***-Zeitung doch ihre Geschichten haben. Können ja nicht alle erstunken und erlogen sein (HAHAHAHAHAHA *rofl*).
Sind sie aber. Es gibt diese Zwei-Dimensionalen Figuren zum Ausschneiden nicht, mit denen die Sanktionen gerechtfertigt werden. Es gibt nur Menschen, die versuchen in einem Land zu überleben, wo sie Gewalt ausgesetzt sind. Von Behörden, von Mitmenschen, oft mündlicher Gewalt, aber Gewalt. Gewalt, die von ihren eigenen Freundinnen* und ihrer eigenen Familie kommt, denn wir wissen ja, es wär so leicht, einfach “‘nen Job” zu kriegen. Gewalt, die durch unser System bedingt ist, weil Politik und Zeitungen Zwei-Dimensionale Schablonen produzieren, die aber voll total echte Menschen darstellen sollen. Die sind in dieser echten Hängematte und trinken echten Martini. Ham so ‘nen echten Swimming-Pool und so ‘nen richtig echten Benz. Irgendwann glaubt man den Scheiß auch noch.

Ich bin anders

“Die anderen” sind aber nicht nur die bösen Hartz-IV-Bezieherinnen*. “Die anderen” sind auch die, die wirklich von Klassismus betroffen sind. Wenn ich mir noch Essen leisten kann und nur frieren muss, weil die Heizkosten sonst zu hoch werden, geht’s mir doch noch gut, oder? Wenn ich nur einen Nebenjob brauche, um mich selbst über Wasser zu halten (RW), darf ich doch nicht klagen? Wenn ich mir das zweite Getränk beim Ausgehen mit Freundinnen* nicht leisten kann, liegt es sicher nur an schlechtem Geldmanagement? Andere müssen doch sicher auch einen Essensplan aufstellen, um sicherzustellen, dass sie sich genug Nährstoffe leisten können? Wenn ich nur jedes zweite Fachwort eines Textes nicht verstehe, muss ich mich doch nur mehr anstrengen? Oder? Oder???

Lassen wir’s einfach

Wenig Geld ist nichts Neutrales und nichts Okayes in diesem Land. Auf der einen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil sofort Stereotype über arme Menschen auf eine* einprasseln. Auf der anderen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil es so wehleidig, so selbstmitleidig klingt.
Der Zustand ist einfach perfekt! Keine* möchte sich als arm zu erkennen geben, weil es nur noch mehr Schwierigkeiten bedeutet. Mehr Ausgrenzung, mehr Beschimpfung, mehr “Beiß die Zähne zusammen”, mehr “Aber hast du schon mal dran gedacht, dass du Geld sparen könntest, wenn…”. Der Zustand ist wirklich einfach supertoll. Denn so werden wir weiter auf der Stelle treten (RW). So werden unbeachtet mehr Sozialleistungen gekürzt, mehr Leute in die Wohnungslosigkeit getrieben und dann verprügelt, mehr (Wahl-) Familien auf dem niedrigstmöglichen Lebensstandard gehalten, der tatsächliches Überleben überhaupt noch erlaubt.
(Trigger-Warnung: Tod) Und manchmal auch nicht.

*Dieser Text ist wegen der Woche des generischen Femininums und aus Spaß an der Freude im generischen Femininum mit Gender-Sternchen geschrieben.

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Emotional abuse is real abuse: Trauma ohne V.

Auch erschienen auf High on Clichés

Trigger-Warnung für Diskussion von verschiedensten Formen von Gewalt. Größtenteils, aber nicht nur, mündliche Gewalt. (TW sexualisierte Gewalt für Chwestas Link)

Eines Tages, als ich einen Artikel von Captain Awkward.com auf Twitter verlinkte, wies mich Joke daraufhin, dass der ‘ne Trigger-Warnung für emotionalen Missbrauch haben sollte. Und er_ hatte Recht. Warum hab’ ich das nicht selbst schnell hingeschrieben?
In meinem Kopf spielte sich der Test auf die üblichen Themen ab. Da es nicht um sexualisierte Gewalt ging, habe ich nichts ergänzt. – Aber das darf nicht der einzige Maßstab bleiben. Wie Chwesta in einem Beitrag sagt:

Und die wollte ich eigentlich nur wissen lassen, dass es auch möglich ist ohne V[…]¹ traumatisiert zu sein […]

Viele Gründe

Ich habe das Gefühl, dass noch kein Bewusstsein dafür besteht, dass man auch von “kleineren” Übergriffen Schaden davontragen kann. Geschrei, regelmäßigen Beleidigungen und vieles mehr zeigen eine Wirkung. Es gibt viele Bemühungen, die von sexualisierter Gewalt Betroffenen sichtbar zu machen (leider gegen starken Widerstand).
Was bei all dem schwer fällt, ist aber ein Bewusstsein zu schaffen, dass abuse² (grob “Missbrauch”) klein anfängt und trotzdem Spuren hinterlässt. Was auch fehlt, ist ein Bewusstsein, dass “bloße” Worte tiefe und bleibende Verletzungen verursachen können. Was deswegen vor allem fehlt, ist ein Bewusstsein, wann man sich denn überhaupt kaputt, ängstlich, fertig und überwältigt fühlen darf (oder sonstwie, es gibt keine Regeln).
“Aber andere haben’s viel schlechter”, mögen sich einige denken. “Wenn es Leute gibt, die so viel Schlimmeres erlebt haben, ist es dann nicht selbstsüchtig von mir, nach so einer Kleinigkeit zu einem Häufchen Elend zu werden?” (RW) Nein, ist es nicht.

Ich kann euch nennen, was ich schrecklich finde: Menschen, die Kinder anschreien oder respektlos behandeln. Und Männer*, die ‘rumschreien. Thema egal. Kann ich nicht haben. Fühle ich mich sofort arg unwohl. Ich hatte keine großen einschneidenden Erlebnisse. Die Umstände haben mich dennoch zu diesem Punkt gebracht.

Zum Beispiel

Wenn man auf verschiedene Formen von Gewalt schaut, ist es zum Beispiel auch absurd, was in unseren Kinos geschnitten wird. So weit ich das mitbekommen habe, ist ein Maßstab: Blut. Blut und abgetrennte Gliedmaßen. So übertriebener Kram wie Saw I bis XXV, da wird fröhlich geschnitten. (Auch in der Erwachsenen-Versionen. Why the fuck…) Wovon ihr aber Unmengen haben könnt, ist sexualisierte Gewalt. Die dann auch noch in der weiß-männlichen Wikipedia seltenst beim Namen genannt wird. Die krassesten *-ismen und Gewalt. Wird alles nicht geschnitten.
Es schert sich niemand drum, wie sehr das “unsere Kinder” mitnehmen kann, Gewalt zu sehen, die sich nicht in Litern Blut messen lässt.

Ein Beispiel außerhalb des Kinos ist “Alle lieben Raymond” (oder so ziemlich jede andere “Familien-Comedy-Serie” aus den USA, wenn ihr mich fragt). Das ist für mich echt zu fucking schlimm, mir das anzusehen.
Witze, die sich darum drehen, dass die Hauptfigur ein narzisstisches (nur sich selbst und die eigenen Interessen sehendes), sexistisches Arschloch ist und die Bedürfnisse von allen anderen ignoriert. Ein Ehepaar, dass sich gegenseitig fertig macht und sich einfach nur zu hassen scheint. Eine Familie, die so unglaublich kaputt ist, dass sie einfach nicht respektvoll miteinander reden können. Für mich ist das zu sehr Realität, als dass ich irgendwie drüber lachen könnte.³

Unsere Gesellschaft hat einfach keine Vorstellung von Gewalt, die keine körperlichen Spuren hinterlässt. Weil die Gesellschaft darauf beruht, sie fördert, ja sogar anerzieht (Diskriminierung). Wenn du davon betroffen bist, wird dir geraten härter sein, dich von sowas nicht ‘runterziehen lassen. Gefühle einfach schlucken und verdrängen ist die neue Stärke. Damit kann ich nicht leben.

1 Zitat verändert. Ich vermeide zur Zeit das Wort auszuschreiben. Gefällt mir mehr. Find ich weniger triggernd.

2 Ich benutze hier das englische Wort abuse statt “Missbrauch”, weil das deutsche weniger Bedeutungen abdeckt und selbst fragwürdig klingt. “falsch gebrauchen” ist nicht das Bild, was ich heraufbeschwören will (RW).
abuse kann für Missbrauch, verschiedene Formen von Gewalt stehen, aber auch wörtlich für “Beleidigungen”.

3 Weiteres, aber nicht ganz passendes Beispiel: Eragon. Das ist eine vierteilige Fantasy-Serie (die ich gestern hingeworfen habe, aber das ist ein anderes Thema).
Die Hauptfigur, Eragon, ist unterwegs mit der Drachin Saphira. Saphira lernt erst im Laufe der Erzählung Feuerspucken. Einmal lacht/schnaubt/? sie, als die Fähigkeit gerade neu ist und verbrennt Eragon fast. Er reagiert erbost. Nach einem kurzen Wortwechsel einigen sie sich, dass sein Unmut nicht gerechtfertigt war, denn es war ja nicht mit Absicht. ??? Ich weiß, das scheint wie eine Kleinigkeit, aber mich stört das wirklich.
Wenn ich unvorsichtig bin und jemanden an einer Treppe schubse und die Person fällt runter, dann stellen wir uns nicht hin und reden drüber, dass ich’s ja nicht mit Absicht gemacht hab. Mit sowas öffnet man Victim Blaming Tür und Tor. “Reg dich nicht auf, es war ja keine Absicht.” Das ist doch völlig scheißegal! Die Person am Fuße der Treppe hat, mit etwas Glück immer noch viele blaue Flecke oder – mit weniger Glück – gebrochene Knochen. HULK DO NOT LIKE.

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Feministischer Kauderwelsch

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: feministisch Fachsprache – Wortwahl – Fremdwörter

(Ich schreibe “feministisch”/”Feminismus”, für mich fällt darunter aber jede Art von Aktivismus gegen Diskriminierung. Feminismus, der nur Sexismus in den Blick nimmt (RW=Redewendung), ist nutzlos.)

Auch jetzt bin ich noch nicht ganz mit dem Thema Feminismus und Sprache fertig.
Denn es bleibt eine Frage: Wenn ich doch versuche, meine Texte zugänglicher zu gestalten, warum dann Begriffe aus dem englischen Sprachraum beibehalten? Warum überhaupt Begriffe aus “der Szene” benutzen, statt sich allgemeinverständlich auszudrücken? “People of Color”, “Mansplaining”, “Hetero-Sexismus”, geht das nicht auch irgendwie anders? In einfach? (Vielleicht auch in nett?)

Halt nicht. Beziehungsweise nur teilweise. Lasset mich ausholen.

Während @NurGedanken sich hier dazu äußert, warum akademische Sprache schwierig ist, ist der Punkt auch für feministische “Fachsprache” wichtig; “Sexismus” meint nicht einfach “Frauen*-Feindlichkeit”. “Rassismus” ist nicht “Angst vor Fremden” (ich mag das Wort “Xenophobie” kein bisschen). In beiden Fällen ist nicht nur die Diskriminierung “von Mensch zu Mensch” gemeint, also zum Beispiel feindliche Aussagen oder Handlungen. Die Begriffe stehen für ein größeres System der Diskriminierung, das sich durch Behörden, Universitäten und Geschichtsbücher zieht. Mit anderen Worten: die Begriffe, die benutzt werden, haben keine Ein-Wort-Übersetzung ins Deutsche. Eben weil ein Wort nicht die gesamte Bedeutung eines vielschichtigen Begriffes zusammenfassen kann.

Warum so viel Englisch?

Kiturak:

Es gibt einen Berg an guten Gedanken und Theorien, den sich Feminist_innen erkämpft haben. Ein guter Teil davon ist in der letzten Zeit in englischer Sprache. Die Diskussionen und politischen Kämpfe in deutschsprachigen Blogs sind in dem Bereich schlicht um ein paar zig Jahre hinter dem englischsprachigen Bereich (meist USA/Kanada) hinterher.

Intersectionality, zu deutsch “Intersektionalität” kann man auch als “Mehrfach-Diskriminierung” bezeichnen. Bei anderen Begriffen wird es schon schwerer.
Kiturak:

“Allies” heißt nicht einfach “Verbündete”. “Allies” sind privilegierte Verbündete, im Gegensatz zu diskriminierten Menschen. Schreib ich was von “Verbündeten”, denken die Leut, ich mein, mit wem zusammen ich ne Demo organisier.

Mit anderen Worten: einige Begriffe sind leicht zu übersetzen. Durch die Übersetzung verlieren sie aber den Bezug zu ihrer ursprünglichen Bedeutung. Das ist ein bisschen, wie wenn man ein Wortspiel aus einer anderen Sprache übersetzt und plötzlich macht es keinen Sinn mehr. Leider merkt man bei einer Übersetzung wie “allies” => “Verbündete” gar nicht, dass Bedeutung verloren geht. Aus dem englischen übersetzte Wortspiele lassen eine*n hingegen stutzen, weil sie in deutsch sonderbar klingen.

Es bleibt natürlich das Problem, wie man solche Begriffe nachschlagen soll, wenn man selbst nicht gut englisch spricht. Einerseits denke ich: wer der Meinung ist, man solle “doch einfach” deutsche Begriffe verwenden, schafft es sicher alleine dict.cc oder leo.org zum Übersetzen zu verwenden.
Damit die Begriffe nicht unverständlich bleiben, habe ich sonst mein Glossar angelegt. (Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich die einzige Person bin, die solche Wörter jemals erklärt hat. Auch in Deutsch. Google benutzen, ernsthaft.)

Worte mit Geschichte

Und dann kommt noch ein sehr wichtiger Punkt, den kiturak schon im ersten Zitat ansprach: diese “Fachbegriffe” und die dahinerstehenden Theorien wurden von Menschen erkämpft, die von aller Art von Diskriminierung negativ betroffen sind. Sie wurden nicht total unpersönlich und von außen, wie es die Weiße-Männer-Philosophie gerne tut, erdacht.
Diese Wörter dienen dazu, Diskriminierung einen Namen zu geben. Man kann nicht über Dinge reden, für die man keinen Namen hat. Man braucht Worte, um zu beschreiben, was passiert. Diese Wortfindungs-Prozess, diese Begriffe dienen der Befreiung, sie dienen den gemeinsamen Kampf gegen ungerechte Systeme. Sie erst ermöglichen die Kritik am herrschenden System, durch Benennung.

Das ist keine neue Aussage und ich weiß auch gerade nicht, wie ich es in Worte fassen soll. Es ist schwer zu beschreiben, wie wichtig es ist, Diskriminierung benennen zu können. Oder die eigene Identität in Worte fassen zu können (etwa mit “trans*” und (gender-) “queer”, um nur zwei Worte zu nennen).
Wenn man die Existenz dieser Worte angreift, spricht man sich dagegen aus, dass Menschen endlich sichtbar werden. Man möchte einen Wortschatz vernichten, der die Grundlage darstellt, um sich gegen Diskriminierung aufzulehnen.

Sprache finden

Um ein persönliches Beispiel dafür zu nennen, welche Bedeutung es haben kann, wenn man bestimmte Begriffe kennenlernt: Mansplaining (setzt sich zusammen aus man = “Mann” und ‘splaining, kurz für explaining = “erklären”). Ich habe das mal wie folgt beschrieben:

[dabei erklärt ein Mann*] einer Frau*, die entweder qua [durch] Beruf/Ausbildung oder durch ihre bisherigen Redebeiträge deutlich gemacht hat, dass sie bestens mit dem aktuellen Thema vertraut ist, in einem langen Kommentar die Feinheiten des aktuellen Themas. Bonuspunkte, wenn der Inhalt bereits von Frauen* in vorherigen Beiträgen dargelegt wurde.

Diesen Begriff zu entdecken war einfach toll. Endlich hatte ich ein Wort für Erfahrungen, die ich immer wieder gemacht hatte. Endlich konnte ich mit einem Wort benennen, warum mich etwas wütend machte, statt es kompliziert beschreiben zu müssen. Ich konnte sogar in einer ganzen Kommentarspalte nachlesen, welche ähnlichen Erfahrungen andere Frauen* gemacht haben.

Feministische “Fachworte” werde ich deswegen beibehalten.

Kiturak:

Nochmal: Hier geht’s um Klassismus, und speziell akademische Sprache. Nicht darum, ob es okay ist oder nicht, erkämpfte Sprache und Wissen von politischen Bewegungen ohne Unterschied als Angeberei abzutun.

Schlusswort: alles so kompliziert

Ja, ich erinnere mich noch an die Zeit, als alle feministischen Texte einschüchternd waren. Ich erinnere mich an den Eindruck, dass manche das ja echt eng sehen mit der diskriminierungs-freien Sprache. Ich erinnere mich an das bange Gefühl, als ich nach 1 1/2 Jahren vielleicht den ersten Kommentar hinterließ. Würde man mich kritisieren? In der Luft zerreißen?
Für mich hat es sich gelohnt. Für mich hat es sich gelohnt, stille Mitleserin zu sein und mich immer und immer wieder in den Texten wiederzufinden.
Später war ich erstaunt, wie viele bereichernde Texte ich von Menschen finden konnte, deren Probleme ich nicht teile. Sie haben mir neue Perspektiven gezeigt. Sie haben mir auch Mut gemacht, weil ich gesehen hab, dass manche Menschen zusammenarbeiten wollen, um verschiedenste Missstände anzugehen.

Was ich sagen will: es ist ein langer Prozess, mit den Gedanken zu Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus, … vertraut zu werden. Aber er lohnt sich. Und es gibt keine*n, di:er mit den Begriffen “einfach so” vertraut ist. Alle mussten sich irgendwie in die Themen einarbeiten.
Kritik soll nicht dazu dienen, Leuten eins ‘reinzuwürgen. Die Kritik soll dazu dienen, einen besseren Raum für alle zu schaffen.
Die Einarbeitungszeit ist schwer, weil die Themen so schwer und vielschichtig sind. Weil so vieles für das privilegierte Auge unsichtbar ist. Und die Einarbeitungszeit ist für niemanden jemals vorbei. Das kann ich jetzt schon sagen.

Nachtrag: Nicht zu vergessen ist, dass die “Theorie”, von der wir reden, für viele Menschen Praxis ist. Wir behandeln diese Themen, weil wir nicht mehr von Diskriminierung betroffen sein wollen bzw. möchten, dass andere nicht mehr negativ betroffen sind. Hinzugehen und zu sagen “ich als Weiße finde es so schweeeer nichts Rassistisches zu sagen/anti-rassistische Theorie zu lernen”, ist einfach nur die Höhe an Selbstgerechtigkeit. Ja, anderen “können” das Thema schon, weil sie täglich damit konfrontiert sind. Sagt mir bitte nicht, ihr habt es schwer, weil ihr euch das anlesen sollt.

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Protest der Geflüchteten

Sowohl in Berlin als auch in Frankfurt protestieren zur Zeit Geflüchtete. Sie benötigen Unterstützung, je nach Lage in Form von Rechtsbeistand, Verpflegung oder warmen Sachen. Ihr könnt auch Geldspenden geben. Und was natürlich am besten ist: falls ihr vorbeikommen könnt.

Für genauere und aktuelle Informationen:

Website zur Aktion in Frankfurt.
Twitter-Account zur Aktion: @FluchtundAsyl

Website zur Aktion in Berlin.
Facebook-Seite für aktuelle Informationen.

Hinweise auf weitere Informations-Kanäle (oder wenn ich sie falsch zugeordnet habe) werden gerne entgegen genommen.

Auch wenn ihr sonst nichts tun könnt, macht den Protestmarsch bekannt! Edit: Auf Twitter könnt ihr dafür das Hashtag #refugeecamp verwenden.

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Der Diskurs liegt mir einfach im Blut

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Fremdwörter – Ausschluss – Fachsprache – Feminismus – akademisch – Klassismus – Ableismus – erasure

Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag besser einleiten kann als mit diesem Tweet von @Faye_La_Chatte

Antje Schrupp greift nun auch mal kurz die Kritik an der schwierigen Sprache von feministischen Artikeln auf. Und Antje Schrupp weiß: wer nicht versteht, di:er will nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht.

Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen.

Antje Schrupp wiederholt gerne, dass Kritik an schweren Texten eigentlich nur von Leuten kommt, die sich halt nicht mit deren Inhalt auseinandersetzen wollen. Diese beliebte These [normalerweise: wissenschaftliche Behauptung] wurde schon von @thinkpunk und shehadistan geäußert und keine*r scheint sich dran zu stören, dass dem immer wieder widersprochen wird. Zum Beispiel in einem ganzen verfluchten Artikel von kiturak. Kiturak beantwortet sogar die Frage sehr deutlich, wer einfach Sprache (von Naturwissenschaftler*innen) fordert. Seht euch das an:

Antwort – ich tu das.

Unglaublich. Eine Person, die nicht mit einem “Gedankt sei dem Patriarchat.” auf den Lippen aufsteht und weniger ausschließende Sprache fordert. Schauen wir weiter. Oh, guck

Scheint ja irgendwie, als würde Bäumchen in diesem Feminismus-Klub gerne mitmachen. Was haben wir denn sonst noch?

Marlen_e kommentiert unter kituraks Artikel

Ich bin so unglaublich froh über diesen Artikel [...].

Mich hat diese Debatte fertig gemacht, ich fühle mich scheiße, mickrig, exkludiert und verhöhnt. Und Nadias Artikel hat das quasi komplettiert.

Ich kann nicht viel sagen hier, außer, dass ich froh bin, mich in der Debatte das erste Mal [...] NICHT minderwertig, unwissend, gebildet genug und generell defizitär für “den Feminismus” zu fühlen.

Scheint, als hätte die Marlen_e so prinzipiell auch Interesse am Feminismus.

Und guten Tag, darf ich mich vorstellen: Esme ist mein Name. Ich finde Feminismus nicht scheiße. Und ich fordere leichtere Sprache.
Da wären wir also schon ein paar Menschen, die Klassismus ablehnen. Nicht zu reden von Clara Rosa, die sich dem Thema Klassismus auf einem ganzen Blog widmet. Und Feminismus auch nicht scheiße findet.

Warum mache ich diese lächerlich und pingelig anmutende Aufzählung? Weil die ganze Zeit in dieser beschissenen Debatte Erasure betrieben wird. Das heißt, dass Menschen, die von Klassismus betroffen sind/komplizierte Sprache ablehnen, unsichtbar gemacht werden. Dies geschieht völlig unverfroren durch Leute, die sich angeblich gegen Diskriminierung einsetzen. Halt ausschließlich gegen andere Formen, anscheinend. Du wirst einfach ignoriert.
Wenn man doch so gnädig ist, dich zu beachten, wirst du lapidar gefragt, wo dein Klassismus-Betroffenen-Ausweis ist. Ich weiß nicht genau, ob man aktuell nachweisen muss, dass man nicht studiert hat, von unter 200€ lebt oder was auch immer, damit einer* erlaubt wird, sich gegen den ganzen Scheiß auszusprechen.

Kleines Nebengleis (RW=Redewendung): Menschen zu zwingen, die Diskriminierung, von der sie betroffen sind, offenzulegen, ist unsolidarisch. Es kann beschämend sein und führt in jedem Falle dazu, dass negativ Betroffene sich seltener äußern können. Ausgerechnet zu Themen, die sie am krassesten einschränken!
Hinzu kommt eine sonderbare Einstellung, die ich in letzter Zeit öfters gelesen habe. Sie besagt, dass nur Echte Diskriminierte “ihre” Form von Diskriminierung kritisieren dürfen. Ich verstehe dieses Konzept von vorne bis hinten nicht: Betroffene sollen absichtlich allein gelassen werden? Sie sollen dazu gezwungen werden, sich erst zu outen und dann alleine gegen die Ablehnung zu kämpfen, die ihnen entgegenschlägt? Sie sollen alleine, obwohl sie sich in einer angeblich fortschrittlichen Bewegung wie dem Feminismus befinden, ihren Weg freikämpfen? Was ist das für ein furchtbares Konzept?
Dass es nicht in Ordnung ist über andere hinweg zu sprechen, ist mir klar. Aber wenn jede Form von solidarischer Unterstützung als Bevormundung bezeichnet wird, haben wir ein Problem.

Was Antje Schrupp im obigen Zitat tut und durch diesen Zwang zum Outing geschieht, ist Unsichtbarmachen von Klassismus-Betroffenen. Es ist darüber hinaus Victim Blaming. Es ist so unglaublich verdreht, es ist kaum zu begreifen: nicht die Menschen trifft die Schuld, die durch Sprache ausschließen. Die Schuld trifft die Leser*innen, die die Texte einfach nicht genug verstehen wollen. Sonst hätten sie ja keine Probleme. Antje Schrupp gibt in ihrem eigenen Artikel zu, dass ein Teil ihrer Zielgruppe ein Fremdwörterlexikon zücken muss, um sich durch entsprechende Texte zu arbeiten und die Konsequenz, die sie daraus zieht, ist dass andere es einfach nicht genug versuchen.

Das Argument, dass mich echt aus den Socken haut (RW), ist das folgende (Zitat Antje Schrupp):

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer.” Da hab ich echt keine Worte für. ANTI-DISKRIMINIERUNG IST IMMER SCHWER. Seit wann hält denn das irgendwen ab?! “Kein Blackface zu benutzen ist schwer.” War das nicht mal ein Argument, dass nur “die anderen” benutzen? Worum es hier geht, sind Prioritäten.

Schreibt halt: “Ich fühl’ mich klüger mit Fremdwörtern.” oder “Hab keinen Bock, mehr über Wörter nachzudenken, nur um Ausschluss zu vermeiden.” oder meinetwegen auch: “Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.” – is ja manchmal sogar berechtigt!
Was mich an dieser Diskussion aufregt, ist nicht an sich, dass die Texte schwer sind. Es sind die riesigen großen Lügen.
Ich kann damit leben, wenn ihr schreibt, dass eure Texte halt nur für Leute sind, die die Energie oder Ausbildung haben, sich durch Fremdwort-Wüsten zu schleppen. Dann liegen die Karten wenigstens auf dem Tisch (RW). Ich weiß, dass ich euch nicht lesen werde und alles ist klar. Stattdessen kommt diese unglaubliche Menge an lächerlichen und hahnebüchenen Ausreden. Dass nur Gegner*innen des Feminismus so etwas fordern. Dass man doch bitte mal nachweisen soll, dass man von Klassismus betroffen ist. Dass eh nur Akademiker*innen feministisch sind. Das ist echt ein toller Strauß, gebunden aus “Fuck yous”, den ihr da für alle zusammenstellt, die die Texte halt nicht ohne größeren Aufwand verstehen.
Ich weiß, dass es tatsächlich diese Leute gibt, die Feminismus scheiße finden. Ich weiß, dass die mit allem ablenken, dass ihnen einfällt. Ich weiß aber auch, dass auf “interne” Kritik bis jetzt einfach – nicht – reagiert – wurde. Da wird der Verweis auf Antifeminist*innen zu einer vollkommen durschnittlichen Abwehrreaktion.

Bevor wir uns ganz verheddern, will ich noch einen Moment drauf eingehen, was für mich denn “schwierige Sprache” ist.
Ich unterteile in “Fachwörter” (“Sexismus”, “People of Color”, die Sternchen, Unterstriche und Doppelpunkte in Wörtern), Fremdwörter und feministischen (?) Jargon [Sondersprache mit speziellem Wortschatz].

Fremdwörter versuche ich in meinen Texten seit Neuestem zu vermeiden. Meist lassen sich andere Wörter dafür finden oder eine andere Formulierung. Ja, seit ich das, was ich im verlinkten Text angekündigt habe, tue, brauche ich länger für meine Texte. Aber das ist es mir gerade wert.
“Fachwörter” werde ich vorerst nicht ersetzen. Obwohl ich bei selteneren Begriffen wie “Intersektionalität” trotzdem nachdenken werde, ob es nicht auch “Mehrfachdiskriminierung” tut. Ich biete nach wie vor mein Glossar an, weil mir klar ist, dass man nicht alle dieser Wörter kennen kann.
Und dann gibt es den feministischen (?) Jargon, bei dem ich automatisch aus ‘nem Text aussteige. Ich weiß nicht genau, aus welcher Ecke er kommt und inwiefern sich unersetzliche Begriffe darin finden, aber wenn ich “normativ”, “Diskurs” oder “Positionierung” lese, beginne ich den geordneten Rückzug.

Wie ich oben schon sagte, finde ich nicht einmal am schlimmsten, dass gewisse Wörter verwendet werden. Ich kann die Selbstverständlichkeit nicht ab, mit der sie genutzt werden. Ich kann nicht ab, dass den Kritisierten für keine Sekunde anzumerken ist, dass sie über die Hinweise nachdenken.
Wenn ich einer Person anmerke, dass sie sich Mühe gibt, sich leicht verständlich auszudrücken oder Schlagwörter zu erklären, zeigt das einfach mal Rücksicht. Selbst wenn der Text dann immer noch auf die ein oder andere Weise kompliziert ist, mache ich mir vielleicht die Mühe, etwas Zeit darauf zu verwenden. Denn die Person hat sich auch Zeit für mein Anliegen genommen.

Zum Abschluss ein letztes Zitat aus Schrupps Text:

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist.

Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich, warum die im Feminismus beginnende Inklusion [das Miteinbeziehen] (die sich in Deutschland echt verflucht langsam vollzieht, wenn ihr mich fragt) an Klassengrenzen aufhört. Ich frage mich, warum sich Leute dafür entscheiden, die einen Frauen* mitzunehmen, aber die anderen links liegen zu lassen (RW). Und ich frage mich, wer sich dafür entscheidet, das als “radikalen” Feminismus zu verstehen.

Nachtrag 23.10.2012:

In den Kommentaren (auf High on Clichés) kam auf, dass es schwer ist den Verlauf der ganzen Diskussion nachzuvollziehen. Daher nochmal in der richtigen zeitlichen Reihenfolge die vorhergehenden Artikel. Ein Teil der Diskussionen lief auch auf Twitter oder Facebook ab bzw. auch auf dem internen takeover.beta-Forum. Das kann ich leider nicht alles zusammenfassen.

…und hier bin ich.

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Zombie thoughts eating my brain

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Feminismus – Aktivismus – gaslighting – selfcare

Wenn man sich für bestimmte Fortschritte in der Gesellschaft einsetzt, hat man meist etwas gegen einen aktuellen Zustand einzuwenden, sagen wir z.B. gegen die Existenz von Hartz IV. Sobald man nun seine Meinung darüber kundtut, warum Hartz IV menschenunwürdig und diskriminierend ist, werden sich Menschen finden, die ganz anderer Meinung sind. Und die dir auch lang und breit erklären müssen, warum.
Erkenntnis: Solche Diskussionen wirken sich wie gaslighting (gesprochen “gäsleiting”) auf mich aus. Ich hatte den Begriff letztens wie folgt erklärt

[Gaslighting] bedeutet etwa, dass man einer Person so häufig die Realität und Legitimität [Berechtigung] ihrer Wahrnehmung/Gefühle abspricht, dass sie zunehmend an ihnen zweifelt und sich immer mehr an die Wünsche der*s Partner*in anpasst – meist um Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Natürlich meine ich den Begriff in diesem Artikel ein wenig anders. Ich rede nicht von Menschen in einer Beziehung, die versuchen ihre jeweilige Meinung durchzusetzen, sondern von politischen Gegner*innen. Ich finde jedoch, der Effekt kann ein ähnlicher sein, wenn man sich andauernd mit einem Thema auseinandersetzt. Man lernt die Argumente der Gegenseite sehr gut kennen. Wenn man sich die Mühe macht, versucht man sie zu entkräften und muss sich dafür noch tiefer hineindenken. Unfreiwillig beschäftigt man sich mit einer Menge Ideen, die man eigentlich für völlig falsch hält.

Was nach einer Weile auch verloren geht, ist der Schock-Effekt. Von den ersten hasserfüllten Aussagen ist man noch vor den Kopf gestoßen (RW = Redewendung) und regt sich auf, fühlt sich vielleicht sogar zum Handeln angespornt. Aber irgendwann hat man alles schon gelesen und alles schon gehört. Sicher, man teilt die Links weiterhin, man macht andere darauf aufmerksam. Aber tief drin hat man solche Einstellungen als normal akzeptiert. Nicht dass man sie auch nur ansatzweise in Ordnung findet, aber solche Menschen gibt es halt. Kennt man. Meine Abstumpfung bereitet mir Sorgen … Ich bin mir einfach nicht sicher, wie viele absurde Ideen bei eine*r hängen bleiben, di:er Artikel über Mitt Romney liest (den aktuellen Gegner Barack Obamas im Präsidentschafts-Kampf). Ich weiß nicht, was es mit einer*m macht, ständig neue sexistische Äußerungen zu lesen. Ich glaube, irgendetwas davon nistet sich bei dir ein.

Zum Teil schirme ich mich dagegen ab, indem ich einschränke, wie viel deprimierende Sachen ich pro Tag lese. Ich bin auch schneller beim Blocken auf Twitter oder Kommentare-Löschen auf meinem Blog. Schon durch die Themen, die ich behandele, habe ich ausreichend schlechte Laune. Da habe ich keine Lust, zusätzlich von Leuten vollgequatscht zu werden, die mir unbedingt ihre Meinung näher bringen müssen. Aber hin und wieder frage ich mich, um wie viel schöner mein Tag wär’, wenn ich den Strom an schlechten Nachrichten häufiger hinter mit lassen würde.
(Mit der Fußnote: manche können das beinahe vollständig, andere haben die Möglichkeit gar nicht.)

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What About Teh Menz, Esme!?

Zuerst erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Patriarchat – Diskriminierung – Sexismus – what about teh menz – Umsturz – Aktivismus

Ich habe wiederholt angesetzt. Ich habe immer wieder versucht, über die Situation von Männern* zu schreiben. Ich fand es interessant zu durchdenken, inwiefern sie ebenfalls vom Patriarchat eingeschränkt werden. Ich wollte Geschlechter-Rollen betrachten, Begriffen wie “Weichei” auf den Grund gehen. Ich wollte laut drüber nachdenken, welche Gefühle Männer* überhaupt zeigen dürfen. Aber all das wird nicht sein.

Also tue ich, was ich in diesem Tweet schon andeutete:

Ich kann über das Thema nicht schreiben. Ich habe nicht umsonst immer wieder ansetzen müssen: Ich habe eben auch immer wieder aufgehört. Woher das ganze Gequäle?

Jedes Mal wenn ich ansetze einen solchen Artikel zu schreiben, fällt mir jeder Scheiß wieder ein. Meist der von vor ein paar Tagen. Vielleicht ein Kommentar auf dem Blog: “Männlichen Privilegien existieren nicht.” Vielleicht, wie ein Typ sich meine Antwort auf seine Frage von einem anderen bestätigen lässt, bevor er ihr Glauben schenkt. Vielleicht erinnere ich mich an das letzte Mal, als ich die öffentlichen Verkehrsmittel nutzte. Als ich die Wahl hatte mich einer Flunder gleich in meinen Sitz zu falten oder gegen fremde weit gespreizte Beine zu stoßen.
Aber allen voran beherrscht mich das Gefühl, dass man als Feministin die ganze Hand verliert, wenn man Leuten den kleinen Finger reicht (RW = Redewendung).
Wie ich letztens von Samia und kiturak gelernt habe, heißt das, ich habe Angst vor “Anschlussfähigkeit”. Eine Aussage wird meist als anschlussfähig kritisiert, wenn die “Falschen” sich ihrer bedienen könnten. Beispiel:
Ich so: Männer werden vom Patriarchat auch benachteiligt.
Jemand so: OH MY GAWWWWWD, sag ich ja: Feminismus, voll der Scheiß!!
Ich so: Äh…

In diesem Fall ist meine Aussage also anschlussfähig für Anti-Feminist*innen.
Ich habe aber keine Lust, dass meine Aussagen von denen benutzt werden. Ich will nicht, dass Leute meinen Text gebrauchen, um für das genaue Gegenteil zu argumentieren. (Wenn sie mich als Negativbeispiel nutzen, ist das natürlich in Ordnung.)
Ich habe sicher nur begrenzt Kontrolle drüber, ob und wie meine Aussagen weitergetragen werden, aber ich würde es dennoch gerne vermeiden.

Aber das ist nur der eine Punkt. Der andere Punkt ist: ich will nicht. Ja, ich weigere mich schlechthin diese Themen zu bearbeiten. Ich hab keinen Bock. Ich hab keinen Bock als Feministin vorzukauen, warum Männer* diese ganze Patriarchats-Scheiße vielleicht auch kacke finden sollten. Ich will nicht erst ein Beispiel suchen müssen, von dem Männer* sich endlich zum Handeln animiert fühlen … weil es sie betrifft. Wenn Leute einen Missssstand erst dann ernst nehmen, wenn sie selbst betroffen sind, haben sie ein echtes Problem mit ihrem Mitgefühl. Das kann ich auch nicht lösen, indem ich ihnen ganz umständlich erkläre: Hey, wenn du dieser diskriminierten Gruppe hilfst, springt was für dich bei raus!
Wo mir Stephanie mal die Augen geöffnet hat (RW): Warum sollen Feministinnen denn jetzt auch noch für die Männer* mitdenken? Also so ganz prinzipiell, warum sollen sie die Denkarbeit machen? Warum sollen sie die Kampagnen organisieren, die Artikel schreiben, die Projekte ins Leben rufen? Irgendwoher schreit es “Aber auch Männern* widerfährt xy.” Die gleichen Personen, die das schreien, scheinen aber irgendwie drauf zu warten, dass die Welt, das Karma oder sonstwer ihnen Für Die Gerechtigkeit (TM) Männerhäuser vom Himmel wirft oder Workshops oder was weiß ich.
Newsflash: das Wahlrecht der Frau* oder das Ende der Sklaverei in den USA wurde nicht von Männern* bzw. Weißen herbeigeführt. Sondern gegen ihren erbitterten Widerstand.

Wie Eingangs erwähnt, finde ich die Themen spannend. Aber täglich von Sexismus betroffen zu sein, senkt die Motivation erstaunlicherweise ENORM, dich mit den Problemen derer zu beschäftigen, die einen Gewinn aus sexistischen Strukturen ziehen. Ich bin lieber mit mir selbst solidarisch.

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Serien-Ver- oder Empfehlung: My Name Is Earl

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: My Name is Earl – Diskriminierung – Rassismus – Sexismus – Klassismus

My Name is Earl (MNIE) ist eine Comedy-Serie, die in den USA spielt, genauer in einem unwichtigen Ort namens Camden. Dort lebt Earl J. Hickey mit seinem kleinen Bruder Randy Hickey, Earls Ex Joy mit ihrem neuen Freund/Mann/was-weiß-ich Darnell und die Reinigungskraft/Stripperin Catalina.

An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erwähnen, dass keine Lachkonserven verwendet werden, was mir bis zur Lektüre des Wikipedia-Artikels gar nicht aufgefallen war (warum auch). Und wo ich schon dabei bin eine zweite interessante Beobachtung: ich finde die deutsche Synchronisation gut. Ich weiß nicht, wie sie sich im Vergleich mit dem amerikanischen Original schlägt, aber die einzelnen Stimmen passen charakterlich zu den Schauspieler*innen.

Zur Story: Earl ist ein Kleinkrimineller, klaut viel und bringt Leute anderweitig um ihr Geld, bis er im Lotto gewinnt. Er wird allerdings prompt von einem Auto angefahren und verliert das Los, was ihn glauben lässt, das Karma wolle von ihm, dass er all seine schlechten Taten wieder richte. Als er seine erste Tat wieder gutmacht, fliegt ihm sein Los zu. Dies überzeugt ihn gänzlich. Mit Hilfe des Geldes macht er sich im weiteren Verlauf der Serie an die Wiedergutmachung der gesamten Liste von schlechten Taten.

Nun habe ich nur einen Teil der Folgen gesehen und die wiederum wild durcheinander. Ich hoffe, dass meine Annahme über ihre Reihenfolge korrekt ist, werde mich aber zur Orientierung teils auf die Handlung beziehen. Fest steht, dass ein Großteil der mir bekannten Folgen aus der dritten Staffel stammt.

Eine Vielzahl der Witze lebt davon, dass Joy, Randy und Earl der ungebildeten Bevölkerung angehören sollen. Also genauer von inhaltlich falschen Aussagen, falscher Benutzung von Begriffen etc. Dieses Konzept hat eine deutlich klassistische Komponente, wurde aber in den ersten Folgen, die ich gesehen habe, gut umgesetzt. Ich habe mich ausreichend mit den Protagonist*innen identifiziert, um nicht das Gefühl zu haben, über sie zu lachen. Ich schreibe “in den ersten Folgen”, weil es einen Moment gab, an dem dies zu kippen drohte.
Die Darstellung dieser Figuren als Angehörige der Unterschicht hat noch ein größeres Problem zur Folge: Randy und Earl fallen durch mehrheitsgesellschaftlich übliche heterosexistische Bemerkungen auf, Joy wird zudem als stark rassistisch charakterisiert. Auch Cis-Sexismus und Ableismus kommen vor. Bei entsprechenden Aussagen, besonders bei Joy zu bemerken, fehlt der Serie das Gegengewicht. Es gibt bei solchen Szenen durch die Handlung selbst keinen Hinweis an die Zuschauer*innen, dass die Aussagen schlicht nicht in Ordnung sind. Bzw. ist man dazu genötigt, entweder über die (rass)-istische Aussage zu lachen, also selbst Kompliz*in zu werden, oder sitzt in hilflosem Schweigen da. Vor allem dieser Fuck-up verleidet mir die Serie.

Dies ist aber leider nicht mein einziger Kritikpunkt. Der Bechdel-Test wird zwar bestanden, aber manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dies nur durch Konversationen geschieht, in denen sich Catalina und Joy darüber streiten, wer besser aussieht. Hmpf. Diese Konversationen stellen dann ihre Beziehung zueinander auch gut dar: sie sind die einzigen Frauen*, die konsequent in der Serie auftauchen und sie können sich nicht leiden … weil sie ihr Aussehen miteinander vergleichen. Wow. Das macht auch deswegen besonders wenig Sinn, weil es sonst zwischen Randy, Earl, Joy, Catalina und Darnell keine besonderen Feindschaften gibt. Nur die beiden Frauen…

Diiiie Rolle von People of Color: Catalina und Darnell haben definitiv eine Persönlichkeit, bei Catalina ist sie allerdings schon ein bisschen dünn. Sie bekommt wenig Hintergrundstory, die ihre eigenen Beweggründe und Wünsche ernsthaft darstellt. Häufiger dient die Story als Grundlage für eine Pointe. Die meisten Witze, die mit ihr zu tun haben, stellen Mexiko als vollkommenes Armenhaus dar (zugegeben, der Großteil der Handlung von MNIE spielt in einem Trailerpark also steht dem weniger eine Darstellung des “American Dream”-Amerikas gegenüber), beruhen darauf, dass sie rassistisch beleidigt wird oder gar auf sexueller Belästigung – die zum Glück “nur” einmal verharmlost wird, in den anderen Fällen wird sie innerhalb der Serie adressiert und kritisiert. Abgesehen davon natürlich, dass ausgerechnet sie auch als Stripperin arbeitet, nicht etwa die weiße Joy.

Und das bringt mich zur Erklärung, warum ich die letzten Folgen, die ich gesehen habe, weniger mochte.
Ich weiß nicht, was der Grund ist – ob die Produzent*innen gewechselt haben oder ihnen einfach die Witze ausgegangen sind – aber in den letzten Folgen, werden vermehrt Practical Jokes benutzt, also Witze, die auf der körperlichen Beschaffenheit von Figuren beruhten. Konkreter gibt es eine Latina mit grotesk großem Hintern (Fatsuit-mäßig ausgestopft), die sich als Politesse wiederholt zwischen sehr eng beieinander parkenden Autos durchquetschen muss und Dharma (okay, die Schauspielerin von Dharma in Dharma und Greg), die eine Kratzwunde im Gesicht und ein davon verletztes Auge hatte, das ebenfalls wiederholt Gegenstand von Witzen ist. All diese Witze waren nicht nur extrem flach und unlustig, sondern mitunter auch stark sexistisch bzw. ableistisch. Urg.
Und wo wir bei Sexismus sind? Eine von den Charmed-Hexen (ich erkenne Schauspieler*innen nur an früheren Rollen, it’s a fact) hat als “Billy” in einigen Folgen einen Auftritt. Der ganze Plot ist furchtbar furchtbar furchtbar. Entweder ist sie zuckersüß und die Superfrau oder sie ist die ganze Zeit gereizt und die Furchtbare Ehefrau™. So weit ich mich erinnere bekommt sie auch keine logische oder stimmige Charakterentwicklung. Ja, ihr Charakter ändert sich, aber immer von jetzt auf gleich, damit Earl den Eindruck bekommen kann, dass das Karma will, dass er weiter an seiner Liste arbeitet.

Was Frauenrollen angeht, hat die Serie also noch einiges zu lernen. Und andere von Diskriminierung negativ Betroffene werden sich vielleicht die ständigen Witze, die irgendwie zur Charakterisierung von Angehörigen der Unterschicht dienen sollen, auch nicht ununterbrochen anhören wollen. Alles in Allem sehr schade, weil ich den Humor – vom Genannten abgesehen – mag und auch die Charaktere.

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Von Limbo bis Dead Space 2 [--o--]

Zuerst erschienen auf High on Clichés

<< Mass Effect 2

Schlagwörter: Rätsel – Videospiele – Leichen – Indie

In Teil 3 dieser die Gamer*innen-Seele hoffentlich erfreuenden Serie, geht es um

Limbo

Nun habe ich es versäumt, in den letzten beiden Artikeln zu erwähnen, um welche Art von Spielen es sich eigentlich handelt. Das liegt wohl daran, dass das fast die einzige Art von Spielen ist, die ich spiele: Third-person-Shooter. Hätten wir das geklärt.

Den gleichen Fehler möchte ich bei Limbo nicht machen, also kann ich gleich eröffnen, dass es sich nicht um einen Third-person-Shoother handelt. Es gibt sicher einen cleveren Namen für das Genre, ich werde Limbo jedoch einfach beschreiben.

In einer Welt aus meist sehr dunklen Grauwerten läuft man in Super-Mario-Manier der Unendlichkeit (na ja, dem Spielende) entgegen. Mit dem Unterschied, dass man auch nach links zurücklaufen kann, falls man eine komplexere “Szene” noch nicht verlassen hat. Hauptziel des Spieles sollte es sein, die gegebenen Rätsel zu lösen, damit man weiterkommt. Aber es ist korrekter zu sagen: Rätsel lösen, damit man nicht schon wieder grausam krepiert.
Obwohl nicht einmal rot für Blut zur Verfügung steht, sind die diversen Todesfälle sehr, ähm, liebevoll gestaltet.
Hinterhältigerweise muss man mitunter sterben, um überhaupt herauszubekommen, wie man eben nicht stirbt.

Die Steuerung ist sehr minimalistisch und lenkt nicht ab, weil sie keiner großen Einarbeitung bedarf. Die Pfeiltasten dienen zum bewegen, auch springen, die Strg-Taste ermöglicht Aktionen. Das war’s. Da besonders im späteren Verlauf Timing oft wichtig ist, halte ich diese Steuerung für gelungen.

Die Schwere und Komplexität der Rätsel nimmt mit der Zeit natürlich zu, wobei einige Elemente sich wiederholen, andere hinzukommen und manche dich nur reinlegen, weil sie gleich aussehen, aber eine neue Funktion erhalten. Ich fand die notwendige Lernkurve in Ordnung, wobei ich ein wichtiges Detail nicht bemerkt habe, sondern mir habe flüstern lassen.

Die Optik ist sehr schön, wenn teils fast scherenschnittartig. Für mich gab es keine Probleme mich zu orientieren. In Verbindung mit der stark reduzierten, teils plötzlichen, musikalischen Untermalung, ergibt sich eine nette (das heißt je nach Gemütslage gruselige, bedrückende oder postapokalyptische) Atmosphäre.

Eine Geschichte kann man sich nur mithilfe von Interpretation zusammenreimen, selbst durch das Ende wird sie nicht sehr klar. In der Hinsicht würde mich interessieren, ob die Macher*innen etwas Bestimmtes aussagen wollten oder sich eher haben treiben lassen.

Finally ist zu sagen, dass das Spiel wahrscheinlich nichts für Arachnophobiker*innen ist. Auch nichts für Leute, die weniger gerne Menschen sterben sehen. Man sieht zwar wie gesagt kein Blut (bzw. ist es weiß in einer grau-in-grauen Welt) und Details lassen sich auch schwer erkennen, wenn deine Figur einfach schwarz ist, aber die Tode wurden definitiv mit … Liebe animiert und mit entsprechenden Geräuschen unterlegt. Man sollte auch kein Problem mit stilisierten (Kinder-) Leichen haben.

Alles in Allem ein entspannendes, aber geistig forderndes Spiel für Zwischendurch (wenn man auf sowas steht).

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Warum Noten an der Uni ein Hohn sind

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: unsere Gesellschaft – Universität – Studium – Noten – Klassismus – Ableismus – Diskriminierung

Dieses Thema lässt sich auf vielfältige Weise in jede Richtung ausdehnen (Vielleicht sind Noten an der Schule auch scheiße? Diskriminierung gibt’s nicht nur an der Uni! Das trifft auch aufs Arbeitsleben zu, usw.), ich beschränke mich aber auf dieses, denn irgendwo muss ich anfangen.

Noten reflektieren deine Fähigkeit auf bestimmte Art von Prüfungsfragen zu einer bestimmten Uhrzeit auf eine bestimmte Art zu antworten, nachdem du dich in einem festgesetzten Zeitraum mit einer bestimmten Art von Ressourcen (von der Uni, dem Schicksal und der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt) auf die Prüfung vorbereitet hast.

Dabei soll bereits Schüler*innen nahegebracht werden, dass ihr Wert als Mensch an ihren Notenschnitt geknüpft ist. Und noch mehr: dass es tatsächlich eine realistische Repräsentation ihres Wissens und Könnens in einem bestimmten Fachgebiet darstellt. Back to uni.

Den Noten ist es egal, ob du dich aufgrund deiner Wohnsituation mit dem verbundenen Zeitaufwand ganz alleine um den Abwasch, einkaufen, saubermachen, Sachen stopfen, die Wäsche, das Treppenhaus, den Rasen oder Hof kümmern musst, ob du die Aufgaben teilst, sie gar nicht oder für mehrere Personen mit erledigst.

Den Noten ist es egal, ob du einen Rückzugsraum hast, der es dir ermöglicht, in Ruhe für die Uni zu arbeiten.

Den Noten ist es egal, ob du dir eine teure Wohnung in annehmbarer Distanz zur Uni leisten kannst oder mehrere Stunden mit Bus und Bahn pendelst. Ob du ein Auto hast oder deine Energie in den öffentlichen Verkehrsmitteln täglich dadurch gefressen wird, dass du introvertiert bist, Angststörungen hast, Geräusch- oder lichtempfindlich bist oder regelmäßig von Diskriminierung betroffen und deswegen Angst davor hast, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und völlig geschafft in der Uni/zu Hause ankommst und zu keiner geistigen Arbeit mehr fähig bist.

Den Noten ist es egal, ob du dich um Freund*innen, Kinder, Eltern oder andere Menschen kümmerst. Ob du Zeit brauchst, sie durch den Tag zu begleiten, um mit Angst um sie oder eure gemeinsame Zukunft klarzukommen.

Den Noten ist es egal, ob du gar nicht vorkommst im gesellschaftlichen Verständnis deines Studiengangs. Ob du dich nicht wiederfindest in den Karrierepostern, auf denen weiße, (anscheinend) physiotypische junge Männer abgebildet sind. Ob du täglich mit den Botschaften zu kämpfen hast, dass Leute wie du das Thema eh nicht verstehen, langsam sind, alles falsch machen. Ob du persönlicher Diskriminierung durch Kommiliton*innen oder Professor*innen ausgesetzt bist.

Den Noten ist es egal, wo dein Geld herkommt. Ob du neben der Universität mehrere Stunden arbeiten musst, obwohl das Studium auf 40 Uni-Arbeitsstunden die Woche ausgelegt ist. Oder ob das Geld halt einfach da ist. Ob du Bafög beziehen kannst. Ob du Bafög zurückzahlen kannst, weil du tatsächlich eine Zukunft siehst. Ob du dich mit einem Bankdarlehen verschulden musst. Ob du überhaupt arbeitsfähig bist.

Den Noten ist es egal, ob deine körperliche Verfassung und dein finanzieller Haushalt es zulassen, alle Studienmaterialen zu erlangen, zu konsumieren und nach Notwendigkeit zu verändern und Arbeiten abzugeben. Ob du überhaupt einen Computer und Internet hast. Ob du zu einer Bibliothek gelangen und ihr Angebot nutzen kannst.

Den Noten ist es egal, wie viel Zeit du dafür aufbringen musst den Campus zu navigieren, weil du maximal zu einem zwangzigstel mitgedacht wurdest.

Den Noten ist es egal, ob du mit der Art wie die Informationen präsentiert werden, umgehen kannst. Ob dies deinem Lerntyp entspricht oder ihm völlig reingrätscht. Ob du mehr Praxis brauchst aber nur Theorie kriegst. Ob du mehr Theorie brauchst, aber nur Praxis kriegst. Ob du mehr Zeit brauchst, um alles zu verarbeiten, weil dein Tag nur 24 h hat.

Den Noten ist es egal, ob du den organisatorischen Anforderungen gewachsen bist. Ob du Hilfsangebote findest und sie dir zugänglich sind. Ob du Anträge drucken und sie inhaltlich verstehen kannst, um rechtzeitig alles auszufüllen.

Den Noten ist es egal, ob deine innere Uhr schon auf “wach” steht, wenn die Prüfung stattfindet. Ob du Prüfungsangst hast. Ob du mit der*m Prüfer*in befreundet bist oder Angst vor sim hast. Ob du die Materialien besitzt, die für die Prüfung zugelassen und notwendig sind. Ob du die Wahl hast auf “Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage an dieser Prüfung teilzunehmen?” Nein zu antworten.

Den Noten ist all das und noch viel mehr völlig egal. Aber wenn man genau hinschaut, wird klar, inwiefern sie deinen Wert in dieser Gesellschaft repräsentieren sollen.

[Editiert für Klarheit und um Link einzufügen. 02.10.2012 Zweisatz]

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