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Groß und nackt

Ich musste 26 Jahre alt werden und ein Geschäft zu finden, welches ich nicht nach den Verkäufer_innen aussuchen musste. Als ich erstmals ein Schuhgeschäft meiner Zukunft besuchte, lernte ich, dass ich zur „Fransen-“Fraktion gehören würde. Mein Umfeld erziehe ich immer noch, neue Klamotten angemessen zu kommentieren. Mit meinem lesbischen Coming Out hörten ein Großteil der Sprüche auf, mit denen 90% der Frauen* auf meiner Augenhöhe konfrontiert sind. In Bussen sitze ich in den 4er-Sitzen, in Flugzeugen versuche ich einen der „Notausgang“-Sitze zu bekommen und mein Gesicht auf öffentlichen Toiletten im Spiegel zu sehen, ist dann doch eher eine Seltenheit.

Meine Körperhöhe wurde diagnostiziert, was sie zu einem Zustand macht. 1,90m +/- 5cm. Hormone oder Operation? Meine Mutter sagte „Nein“, damit kommen wir klar. Schon meine Oma wurde „Leni Leuchtturm“ genannt. In meiner Familie versauen wir gerne Altersschätzungen bei Kindern, schließlich ist nur einer meiner Cousins „normal“ groß. Ich habe Ewigkeiten gebraucht, um mir einzuprägen, dass er nicht mehr im Kindergarten oder der Grundschule ist. Er war einfach so…klein.

Meine Kinderärztin war das Vorbild meiner Kindheit. Ich wollte nicht Ärztin werden, aber genauso groß wie sie. Sie musste sich immer unter der Tür durch bücken. Naja, dieses Ziel habe ich nicht erreicht, aber ich bin ihr und der Wahl meiner Mutter bis heute dankbar. Auf jeden Fall besser als der Kinderarzt, der meiner Mutter „Elefanten kriegen auch Elefantenkinder“ antwortete, als sie sich erkundigte, warum ich andauern hinfiel. Wachstum ist halt so eine Sache und diesen Prozess hatte ich mit 13 durch.

Zur Kommunion (mit 9) trug ich Brautschuhe, die Suche nach einem passenden (heißt genügend Länge) Kleid war nervenzermürbend. Zu meiner ersten Tanzstunde war ich erstmals in einem „Über- und Untergrößen“-Schuhgeschäft.  Die Untergrößen hatten Schleifchen und die Übergrößen Fransen. Die Farbauswahl war: Schwarz, Braun, Dunkelbau und Dunkelgrün. Der größte Stolz meiner Teenagerzeit waren hellgründe Turnschuhe. HELLGRÜN! Irgendwann fand ich ein Schuhgeschäft (Schuh Kaufmann), dass tatsächlich Auswahl hatte und höchstens 2-Jahre hinter dem jeweiligen Trend  zurücklag. Zum Glück war ich nicht so Mode interessiert, aber wie hätte ich dieses Interesse auch halten können?

Aber die Schuhe passen zu den Klamotten. Hochwasser (RW) in Hosen und Oberteilen habe ich lange Zeit in Kauf genommen, für ein bisschen mehr Spielerei und Auswahl. Irgendwann hat’s mir gereicht und ich wollte zumindest Hosen die lang genug sind. Was bedeutet Herrenabteilung. Der passende Laden war der, in dem das Personal so gut geschult war, mich nicht darauf hinzuweisen, wo die Damenabteilung ist. Manchmal hatte ich Glück und der_die Verkäufer_in antwortete auf „Ich hätte gerne ein Hose in Länge 36, 38 nehme ich auch.“ nicht mit „Welche Farbe/Machart denn?“. Je nach Laune ließ ich diese dann nach meiner Wunschfarbe suchen. Am Ende war ich froh, wenn ich mit einer Jeans nach Hause ging, die einigermaßen saß.

Dieses Jahr habe ich einen Laden (Weingarten) gefunden, der tatsächlich Überlängen anbietet. Der Hartnäckigkeit meiner Freundin ist es zu verdanken, dass ich mir den überhaupt angeschaut habe. Sonst hieß Überlänge nämlich nur, dass die Hosen auch in „Long“-Version haben. Haha. Seitdem ich Weingarten entdeckt habe, ist mein ganzer Stolz eine rosa Hose. ROSA! Ich hatte noch nie eine Hose, die nicht blau oder schwarz war. Dort gibt’s auch Oberteile, deren Ärmel lang genug sind. Luxus.  Mein Umfeld jedoch, weiß das nicht so richtig zu schätzen.

„Normalgroße“ Menschen (also alle, die (bei Frauen: mind. 11cm) kleiner sind als ich und über 1,40m) wissen nicht, warum ich mich in Schuhgeschäften gar nicht erst umgucke und das dazu hartes Training gehört. Oder warum rosa Hosen und hellgrüne Schuhe eine Errungenschaft der Menschheit sind. Oder warum ich in 2-er Bänken im Bus nicht neben ihnen sitze und schon gar nicht „reinrücken“ kann. Oder warum ich sie bitte, wenn sie Flugzeug vor mir sitzen und ich keinen Sondersitz erwischt habe, nicht die Stuhllehne zurück zu lassen. Oder warum ich zuhause die Badezimmerspiegel so hoch hänge, dass sie sich nicht mehr sehen können (und ich mit dem Gedanken spiele, einen Kindertritt-Schemel für sie zu kaufen…aber so viel Höflichkeit ist auch irgendwie zu viel verlangt…). Oder warum ich bei den meisten Autos darum bitte, vorne sitzen zu können.

Quasi nach den Grundregeln der Intersektionalität gibt’s gerade im feministischen Bereich, Diskriminierungen, die mich nicht gleichermaßen treffen. Beispielsweise belästigen Typen mich viel seltener, was wiederum am „Napoleon-Syndrom“ liegt (Napoleon hatte Angst vor großen Frauen). Ich hatte darüber bei der Mädchenmannschaft geschrieben.

Naja, lange Rede, kurzer Sinn. Ich habe mir heute die DVD von „Tall girls“ bestellt. Auf deren Facebook-Seite gibt’s viele tolle Links (beispielsweise), die mich jetzt seit einigen Wochen glücklich machen. Nach dem Trailer und deren Selbstdarstellung endlich eine „Empowerment“-Dokumentation, statt des nervtötenden „Wachtumsstörungen“-Scheiß, den ich sonst so gesehen habe.

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