Schlagwort-Archiv: Ableismus

Leben mit Depressionen

Nachtrag: Auch wenn der Artikel von der Form her sehr allgemein geschrieben ist, ist er nur Ausdruck meiner Erfahrung. Depressionen fühlen sich nicht genau so für jede*n an. Sie wirken sich auch nicht genau so für jede*n aus. Ich beschreibe also nicht Depression schlechthin, sondern nur das, was meiner Erfahrung entspricht. Andere Personen haben eigene Erfahrungen gemacht.

Inhaltswarnung: Erwähnung von Suizid, jedoch keine dahingehenden Gedanken

Depressiv zu sein bedeutet Stille. Es fällt schwer Menschen davon zu erzählen und dann kann man nicht einmal etwas vorweisen. Und so “richtig” depressiv ist man ja auch nicht, denn man hat noch nicht mal einen Selbstmordversuch unternommen. Es gibt dafür auch keine Hilfe an der Universität. Deine Studienzeit ist halt auf so und so viel Semester festgelegt. Niemand plant, da irgendwie mit deinen Gefühlen klarzukommen. Es gibt halt das Arbeitspensum und wie das erfüllt wird? Interessiert keine_n. Es gibt keine Anpassungen dafür. Keine besonderen Plätze, an denen man sich hinsetzen und ausruhen kann. Keine Alltagshilfe, falls man die grundlegenden Sachen nicht auf die Reihe kriegt. Essen und Essen kaufen zum Beispiel. Wenn du nicht ständig erklärst, wie schlecht es dir geht, wird es völlig übersehen. Aber selbst dann, wie erklärst du Menschen, dass du nicht meinst, dass du einen schlechten Tag hast? Dass du heute nicht “faul” bist, sondern dass dir die Müdigkeit in den Knochen sitzt, dass aufstehen eine unüberwindbare Hürde ist, dass – du – nicht – kannst. Jede Handlung ist zu viel. Und dennoch schleppt man sich durch den Alltag, wenn man keine andere Möglichkeit sieht, weil muss ja. Und wieder ist man in die Falle gegangen und erweckt den Anschein, als ginge es ja. Während man sich selbst weiter ausbeutet.
Freund_innen sind traurig. Sie wundern sich, warum du so wenig Zeit mit ihnen verbringst. Du brauchst Wochen und Monate, um ihnen zu antworten. Anscheinend magst du sie nicht? Sonst würdest du dir ja die Mühe machen ihnen zu schreiben? Dass du heute mit duschen, essen, Uni, Arbeit, nach Hause kommen alle vorhandene Energie aufgebraucht hast, dass das über Tage und Wochen gehen kann. Schwer vorstellbar. Und sie können es dir nicht ansehen. Du leitest nicht jedes Gespräch ein mit “Und übrigens, heute bin ich depressiv.” Und auch, wenn du es ihnen erklärst, können sie nicht abschätzen, wie lange du denn depressiv sein wirst. Und was heißt das überhaupt. Und zwischendurch haben wir uns doch getroffen, hättest du da nicht auch mal selbst ein Treffen anschubsen können? Es ist ihnen nicht nachvollziehbar, wie weit du schon wieder über deine Kraftreserven gegangen bist. Nicht fähig irgendwas zu tun, außer noch dein Essen zu machen, danach 2 Tage vor dem Computer gesessen hast. Was dir auch keine Linderung verschafft hat.
Der Kampf ist unsichtbar. Wie viel Überwindung am Morgen drin gesteckt hat, nicht einfach dazusitzen und vor dich hinzustarren. Aufstehen. Überwindung. Essen zubereiten. Überwindung. Zwischendurch nicht hinsetzen. Überwindung. Essen. Wenn’s scheiße läuft: Überwindung. Duschen gehen: Überwindung. Nicht wieder hinlegen. Überwindung. Sachen zum Anziehen raussuchen. Ach fuck, Entscheidungen treffen. Furchtbar. Anstrengend. Nicht sitzen bleiben, anziehen. Überwindung. Usw.
Das Gemeinste an der ganzen Sache: irgendwie willst du selbst klarkommen. Du willst nicht als Versager_in dastehen und nach außen organisiert und beisammen wirken. Bei einigen klappt das sehr gut. Bis es nicht mehr klappt. Der Preis ist die ständige Erschöpfung.
Um deine Fassade aufrecht zu erhalten, quälst du dich weiter. Der einzige Weg, der nicht in Frage kommt: einfach. nichts. tun.

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Der Diskurs liegt mir einfach im Blut

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Fremdwörter – Ausschluss – Fachsprache – Feminismus – akademisch – Klassismus – Ableismus – erasure

Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag besser einleiten kann als mit diesem Tweet von @Faye_La_Chatte

Antje Schrupp greift nun auch mal kurz die Kritik an der schwierigen Sprache von feministischen Artikeln auf. Und Antje Schrupp weiß: wer nicht versteht, di:er will nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht.

Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen.

Antje Schrupp wiederholt gerne, dass Kritik an schweren Texten eigentlich nur von Leuten kommt, die sich halt nicht mit deren Inhalt auseinandersetzen wollen. Diese beliebte These [normalerweise: wissenschaftliche Behauptung] wurde schon von @thinkpunk und shehadistan geäußert und keine*r scheint sich dran zu stören, dass dem immer wieder widersprochen wird. Zum Beispiel in einem ganzen verfluchten Artikel von kiturak. Kiturak beantwortet sogar die Frage sehr deutlich, wer einfach Sprache (von Naturwissenschaftler*innen) fordert. Seht euch das an:

Antwort – ich tu das.

Unglaublich. Eine Person, die nicht mit einem “Gedankt sei dem Patriarchat.” auf den Lippen aufsteht und weniger ausschließende Sprache fordert. Schauen wir weiter. Oh, guck

Scheint ja irgendwie, als würde Bäumchen in diesem Feminismus-Klub gerne mitmachen. Was haben wir denn sonst noch?

Marlen_e kommentiert unter kituraks Artikel

Ich bin so unglaublich froh über diesen Artikel [...].

Mich hat diese Debatte fertig gemacht, ich fühle mich scheiße, mickrig, exkludiert und verhöhnt. Und Nadias Artikel hat das quasi komplettiert.

Ich kann nicht viel sagen hier, außer, dass ich froh bin, mich in der Debatte das erste Mal [...] NICHT minderwertig, unwissend, gebildet genug und generell defizitär für “den Feminismus” zu fühlen.

Scheint, als hätte die Marlen_e so prinzipiell auch Interesse am Feminismus.

Und guten Tag, darf ich mich vorstellen: Esme ist mein Name. Ich finde Feminismus nicht scheiße. Und ich fordere leichtere Sprache.
Da wären wir also schon ein paar Menschen, die Klassismus ablehnen. Nicht zu reden von Clara Rosa, die sich dem Thema Klassismus auf einem ganzen Blog widmet. Und Feminismus auch nicht scheiße findet.

Warum mache ich diese lächerlich und pingelig anmutende Aufzählung? Weil die ganze Zeit in dieser beschissenen Debatte Erasure betrieben wird. Das heißt, dass Menschen, die von Klassismus betroffen sind/komplizierte Sprache ablehnen, unsichtbar gemacht werden. Dies geschieht völlig unverfroren durch Leute, die sich angeblich gegen Diskriminierung einsetzen. Halt ausschließlich gegen andere Formen, anscheinend. Du wirst einfach ignoriert.
Wenn man doch so gnädig ist, dich zu beachten, wirst du lapidar gefragt, wo dein Klassismus-Betroffenen-Ausweis ist. Ich weiß nicht genau, ob man aktuell nachweisen muss, dass man nicht studiert hat, von unter 200€ lebt oder was auch immer, damit einer* erlaubt wird, sich gegen den ganzen Scheiß auszusprechen.

Kleines Nebengleis (RW=Redewendung): Menschen zu zwingen, die Diskriminierung, von der sie betroffen sind, offenzulegen, ist unsolidarisch. Es kann beschämend sein und führt in jedem Falle dazu, dass negativ Betroffene sich seltener äußern können. Ausgerechnet zu Themen, die sie am krassesten einschränken!
Hinzu kommt eine sonderbare Einstellung, die ich in letzter Zeit öfters gelesen habe. Sie besagt, dass nur Echte Diskriminierte “ihre” Form von Diskriminierung kritisieren dürfen. Ich verstehe dieses Konzept von vorne bis hinten nicht: Betroffene sollen absichtlich allein gelassen werden? Sie sollen dazu gezwungen werden, sich erst zu outen und dann alleine gegen die Ablehnung zu kämpfen, die ihnen entgegenschlägt? Sie sollen alleine, obwohl sie sich in einer angeblich fortschrittlichen Bewegung wie dem Feminismus befinden, ihren Weg freikämpfen? Was ist das für ein furchtbares Konzept?
Dass es nicht in Ordnung ist über andere hinweg zu sprechen, ist mir klar. Aber wenn jede Form von solidarischer Unterstützung als Bevormundung bezeichnet wird, haben wir ein Problem.

Was Antje Schrupp im obigen Zitat tut und durch diesen Zwang zum Outing geschieht, ist Unsichtbarmachen von Klassismus-Betroffenen. Es ist darüber hinaus Victim Blaming. Es ist so unglaublich verdreht, es ist kaum zu begreifen: nicht die Menschen trifft die Schuld, die durch Sprache ausschließen. Die Schuld trifft die Leser*innen, die die Texte einfach nicht genug verstehen wollen. Sonst hätten sie ja keine Probleme. Antje Schrupp gibt in ihrem eigenen Artikel zu, dass ein Teil ihrer Zielgruppe ein Fremdwörterlexikon zücken muss, um sich durch entsprechende Texte zu arbeiten und die Konsequenz, die sie daraus zieht, ist dass andere es einfach nicht genug versuchen.

Das Argument, dass mich echt aus den Socken haut (RW), ist das folgende (Zitat Antje Schrupp):

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer.” Da hab ich echt keine Worte für. ANTI-DISKRIMINIERUNG IST IMMER SCHWER. Seit wann hält denn das irgendwen ab?! “Kein Blackface zu benutzen ist schwer.” War das nicht mal ein Argument, dass nur “die anderen” benutzen? Worum es hier geht, sind Prioritäten.

Schreibt halt: “Ich fühl’ mich klüger mit Fremdwörtern.” oder “Hab keinen Bock, mehr über Wörter nachzudenken, nur um Ausschluss zu vermeiden.” oder meinetwegen auch: “Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.” – is ja manchmal sogar berechtigt!
Was mich an dieser Diskussion aufregt, ist nicht an sich, dass die Texte schwer sind. Es sind die riesigen großen Lügen.
Ich kann damit leben, wenn ihr schreibt, dass eure Texte halt nur für Leute sind, die die Energie oder Ausbildung haben, sich durch Fremdwort-Wüsten zu schleppen. Dann liegen die Karten wenigstens auf dem Tisch (RW). Ich weiß, dass ich euch nicht lesen werde und alles ist klar. Stattdessen kommt diese unglaubliche Menge an lächerlichen und hahnebüchenen Ausreden. Dass nur Gegner*innen des Feminismus so etwas fordern. Dass man doch bitte mal nachweisen soll, dass man von Klassismus betroffen ist. Dass eh nur Akademiker*innen feministisch sind. Das ist echt ein toller Strauß, gebunden aus “Fuck yous”, den ihr da für alle zusammenstellt, die die Texte halt nicht ohne größeren Aufwand verstehen.
Ich weiß, dass es tatsächlich diese Leute gibt, die Feminismus scheiße finden. Ich weiß, dass die mit allem ablenken, dass ihnen einfällt. Ich weiß aber auch, dass auf “interne” Kritik bis jetzt einfach – nicht – reagiert – wurde. Da wird der Verweis auf Antifeminist*innen zu einer vollkommen durschnittlichen Abwehrreaktion.

Bevor wir uns ganz verheddern, will ich noch einen Moment drauf eingehen, was für mich denn “schwierige Sprache” ist.
Ich unterteile in “Fachwörter” (“Sexismus”, “People of Color”, die Sternchen, Unterstriche und Doppelpunkte in Wörtern), Fremdwörter und feministischen (?) Jargon [Sondersprache mit speziellem Wortschatz].

Fremdwörter versuche ich in meinen Texten seit Neuestem zu vermeiden. Meist lassen sich andere Wörter dafür finden oder eine andere Formulierung. Ja, seit ich das, was ich im verlinkten Text angekündigt habe, tue, brauche ich länger für meine Texte. Aber das ist es mir gerade wert.
“Fachwörter” werde ich vorerst nicht ersetzen. Obwohl ich bei selteneren Begriffen wie “Intersektionalität” trotzdem nachdenken werde, ob es nicht auch “Mehrfachdiskriminierung” tut. Ich biete nach wie vor mein Glossar an, weil mir klar ist, dass man nicht alle dieser Wörter kennen kann.
Und dann gibt es den feministischen (?) Jargon, bei dem ich automatisch aus ‘nem Text aussteige. Ich weiß nicht genau, aus welcher Ecke er kommt und inwiefern sich unersetzliche Begriffe darin finden, aber wenn ich “normativ”, “Diskurs” oder “Positionierung” lese, beginne ich den geordneten Rückzug.

Wie ich oben schon sagte, finde ich nicht einmal am schlimmsten, dass gewisse Wörter verwendet werden. Ich kann die Selbstverständlichkeit nicht ab, mit der sie genutzt werden. Ich kann nicht ab, dass den Kritisierten für keine Sekunde anzumerken ist, dass sie über die Hinweise nachdenken.
Wenn ich einer Person anmerke, dass sie sich Mühe gibt, sich leicht verständlich auszudrücken oder Schlagwörter zu erklären, zeigt das einfach mal Rücksicht. Selbst wenn der Text dann immer noch auf die ein oder andere Weise kompliziert ist, mache ich mir vielleicht die Mühe, etwas Zeit darauf zu verwenden. Denn die Person hat sich auch Zeit für mein Anliegen genommen.

Zum Abschluss ein letztes Zitat aus Schrupps Text:

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist.

Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich, warum die im Feminismus beginnende Inklusion [das Miteinbeziehen] (die sich in Deutschland echt verflucht langsam vollzieht, wenn ihr mich fragt) an Klassengrenzen aufhört. Ich frage mich, warum sich Leute dafür entscheiden, die einen Frauen* mitzunehmen, aber die anderen links liegen zu lassen (RW). Und ich frage mich, wer sich dafür entscheidet, das als “radikalen” Feminismus zu verstehen.

Nachtrag 23.10.2012:

In den Kommentaren (auf High on Clichés) kam auf, dass es schwer ist den Verlauf der ganzen Diskussion nachzuvollziehen. Daher nochmal in der richtigen zeitlichen Reihenfolge die vorhergehenden Artikel. Ein Teil der Diskussionen lief auch auf Twitter oder Facebook ab bzw. auch auf dem internen takeover.beta-Forum. Das kann ich leider nicht alles zusammenfassen.

…und hier bin ich.

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Warum Noten an der Uni ein Hohn sind

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: unsere Gesellschaft – Universität – Studium – Noten – Klassismus – Ableismus – Diskriminierung

Dieses Thema lässt sich auf vielfältige Weise in jede Richtung ausdehnen (Vielleicht sind Noten an der Schule auch scheiße? Diskriminierung gibt’s nicht nur an der Uni! Das trifft auch aufs Arbeitsleben zu, usw.), ich beschränke mich aber auf dieses, denn irgendwo muss ich anfangen.

Noten reflektieren deine Fähigkeit auf bestimmte Art von Prüfungsfragen zu einer bestimmten Uhrzeit auf eine bestimmte Art zu antworten, nachdem du dich in einem festgesetzten Zeitraum mit einer bestimmten Art von Ressourcen (von der Uni, dem Schicksal und der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt) auf die Prüfung vorbereitet hast.

Dabei soll bereits Schüler*innen nahegebracht werden, dass ihr Wert als Mensch an ihren Notenschnitt geknüpft ist. Und noch mehr: dass es tatsächlich eine realistische Repräsentation ihres Wissens und Könnens in einem bestimmten Fachgebiet darstellt. Back to uni.

Den Noten ist es egal, ob du dich aufgrund deiner Wohnsituation mit dem verbundenen Zeitaufwand ganz alleine um den Abwasch, einkaufen, saubermachen, Sachen stopfen, die Wäsche, das Treppenhaus, den Rasen oder Hof kümmern musst, ob du die Aufgaben teilst, sie gar nicht oder für mehrere Personen mit erledigst.

Den Noten ist es egal, ob du einen Rückzugsraum hast, der es dir ermöglicht, in Ruhe für die Uni zu arbeiten.

Den Noten ist es egal, ob du dir eine teure Wohnung in annehmbarer Distanz zur Uni leisten kannst oder mehrere Stunden mit Bus und Bahn pendelst. Ob du ein Auto hast oder deine Energie in den öffentlichen Verkehrsmitteln täglich dadurch gefressen wird, dass du introvertiert bist, Angststörungen hast, Geräusch- oder lichtempfindlich bist oder regelmäßig von Diskriminierung betroffen und deswegen Angst davor hast, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und völlig geschafft in der Uni/zu Hause ankommst und zu keiner geistigen Arbeit mehr fähig bist.

Den Noten ist es egal, ob du dich um Freund*innen, Kinder, Eltern oder andere Menschen kümmerst. Ob du Zeit brauchst, sie durch den Tag zu begleiten, um mit Angst um sie oder eure gemeinsame Zukunft klarzukommen.

Den Noten ist es egal, ob du gar nicht vorkommst im gesellschaftlichen Verständnis deines Studiengangs. Ob du dich nicht wiederfindest in den Karrierepostern, auf denen weiße, (anscheinend) physiotypische junge Männer abgebildet sind. Ob du täglich mit den Botschaften zu kämpfen hast, dass Leute wie du das Thema eh nicht verstehen, langsam sind, alles falsch machen. Ob du persönlicher Diskriminierung durch Kommiliton*innen oder Professor*innen ausgesetzt bist.

Den Noten ist es egal, wo dein Geld herkommt. Ob du neben der Universität mehrere Stunden arbeiten musst, obwohl das Studium auf 40 Uni-Arbeitsstunden die Woche ausgelegt ist. Oder ob das Geld halt einfach da ist. Ob du Bafög beziehen kannst. Ob du Bafög zurückzahlen kannst, weil du tatsächlich eine Zukunft siehst. Ob du dich mit einem Bankdarlehen verschulden musst. Ob du überhaupt arbeitsfähig bist.

Den Noten ist es egal, ob deine körperliche Verfassung und dein finanzieller Haushalt es zulassen, alle Studienmaterialen zu erlangen, zu konsumieren und nach Notwendigkeit zu verändern und Arbeiten abzugeben. Ob du überhaupt einen Computer und Internet hast. Ob du zu einer Bibliothek gelangen und ihr Angebot nutzen kannst.

Den Noten ist es egal, wie viel Zeit du dafür aufbringen musst den Campus zu navigieren, weil du maximal zu einem zwangzigstel mitgedacht wurdest.

Den Noten ist es egal, ob du mit der Art wie die Informationen präsentiert werden, umgehen kannst. Ob dies deinem Lerntyp entspricht oder ihm völlig reingrätscht. Ob du mehr Praxis brauchst aber nur Theorie kriegst. Ob du mehr Theorie brauchst, aber nur Praxis kriegst. Ob du mehr Zeit brauchst, um alles zu verarbeiten, weil dein Tag nur 24 h hat.

Den Noten ist es egal, ob du den organisatorischen Anforderungen gewachsen bist. Ob du Hilfsangebote findest und sie dir zugänglich sind. Ob du Anträge drucken und sie inhaltlich verstehen kannst, um rechtzeitig alles auszufüllen.

Den Noten ist es egal, ob deine innere Uhr schon auf “wach” steht, wenn die Prüfung stattfindet. Ob du Prüfungsangst hast. Ob du mit der*m Prüfer*in befreundet bist oder Angst vor sim hast. Ob du die Materialien besitzt, die für die Prüfung zugelassen und notwendig sind. Ob du die Wahl hast auf “Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage an dieser Prüfung teilzunehmen?” Nein zu antworten.

Den Noten ist all das und noch viel mehr völlig egal. Aber wenn man genau hinschaut, wird klar, inwiefern sie deinen Wert in dieser Gesellschaft repräsentieren sollen.

[Editiert für Klarheit und um Link einzufügen. 02.10.2012 Zweisatz]

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Über das Unreif-Sein, Kapitalismus und Gedankensalat

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Adultismus – Kapitalismus – Ableismus – Gedankensalat

Genauso wie “kindisch sein”, “werd’ endlich erwachsen” oder “du verhältst dich wie ein*e Vierjährige*r” ist der Vorwurf unreif zu sein ein adultistischer. Kindern wird die vielgepriesene Rationalität abgesprochen, sie werden als überemotional dargestellt. Das geht mir auf die Nerven (RW)¹. Es dient, wie bei vielen anderen Formen der Diskriminierung dazu, die Gegenposition als irrelevant darzustellen und somit von der Hand zu weisen (RW). Es erkennt einer Gruppe unserer Gesellschaft die Menschlichkeit ab.
Und wie es sonst auch der Fall ist, wird eine künstliche Unterscheidung aufgemacht, die es Privilegierten verbietet, bestimmte Eigenschaften an den Tag zu legen (RW). (Vorsicht, ab hier wird es etwas “What about teh adults”)
Dadurch, dass bestimmte Eigenschaften Kindern zugeschrieben werden, erhalten sie eine negative Bedeutung und können – wie im Eingangsabsatz gesehen – dazu dienen, “Erwachsene” zur Ordnung zu rufen. In dieser Ordnung ist das Hören auf eigene Bedürfnisse und Gefühle, impulsives Handeln und starke Ablehnung bestimmter Dinge, ohne sich zu erklären, nicht gerne gesehen.

Da ich schon einen verwirrenden Beitrag schreibe, der ab hier nicht besser wird, eine kleine Nebenbemerkung zur Ablehnung von Dingen: Unsere Gesellschaft ist scheiße im Akzeptieren von unterschiedlichen Bedürfnissen. U.a. begründet im Kapitalismus und sich sehr deutlich zeigend im Ableismus.
Wenn Anpassungen für Minderheiten vorgenommen werden, warten alle auf ihre Medaille, weil wir einfach so daran gewöhnt sind, dass das Persönliche nicht zählt. Dass es egal ist, wer woraufhin Kopfschmerzen oder Unwohlsein oder Desorientierung empfindet. Das Zugänglich-Machen von Medien für jedes Sinnesorgan, wird als vernachlässigbar und Sache der*s Einzelnen gesehen. Öffentliche Räume so zu gestalten, dass sich tatsächlich alle darin bewegen können, ist uns auch zu viel Stress. (Momentan kann sich uneingeschränkt ohnehin nur eine sehr kleine Gruppe unserer Gesellschaft bewegen, aber daran sind wir ja gewöhnt.) Wenn also Anpassungen vorgenommen werden, wird das nicht etwa als selbstverständliches Zeichen von Empathie gesehen, sondern einen riesen Aufwand, der bitte auch belohnt werden soll.
Wegen all dem also war ich letztens überrascht, als ich bei einer Übernachtung davon sprach, unter welchen Umständen ich schlecht schlafe und darauf ohne Hinterfragen oder Witze mit den entsprechenden Anpassungen reagiert wurde. Eigentlich sollte das immer so sein, aber dadurch ist mir bewusst geworden, wie wenig individuelle Bedürfnisse, selbst in meinem Freund*innenkreis, mitunter respektiert werden.

Und hier kommt mein Bogen zum Kapitalismus. Sowohl die Unterscheidung zwischen Kindern und Erwachsenen, als auch die Ablehnung des Individuellen leistet dem Kapitalismus einen großen Dienst und befeuert diverse -ismen.
Einerseits wird es als das höchste Gut gepriesen, auf eigenen Beinen zu stehen (RW) – üblicherweise eine Forderung, die an Erwachsene herangetragen wird. Wer, vor allem finanziell, von anderen abhängig ist, hat es Nicht Geschafft™, ungeachtet jeglicher Umstände. Entsolidarisierung ist völlig erwünscht, geplant und wird aktiv betrieben. Solidarität wird nur gefördert, wenn sie finanzielle Vorteile mit sich bringt (essentielle, aber ehrenamtliche Arbeit, hallo), Anerkennung wird sich selten finden. Natürlich auch, weil es sich bei ehrenamtlicher Arbeit meist um Pflege- und “emotionale” Tätigkeiten handelt, die eine menschliche Gemeinschaft überhaupt erst zusammenhalten, aber “nichts bringen”, sich also nicht zum Geldmachen eignen.
Individualität zu akzeptieren, respektieren und zu fördern, ist natürlich ebenso “nutzlos”. Man denke an all die Mehrausgaben, die man leisten müsste, wenn Bildung, Kleidung und der Mensch an sich nicht mehr mit Massenabfertigung in Verbindung gebracht würden [\Sarkasmus]. Wenn wir uns erzählen, alle Menschen seien gleich (hätten also die gleichen Voraussetzungen im Leben und würden sich eine definierte Menge an “normalem” Verhalten teilen), lassen sich so ziemlich alle Unterdrückungsmechanismen viel einfacher betreiben.

Ich weiß nicht, worauf ich hiermit hinaus will, vieles davon wurde schon gesagt. Vielleicht: ein*e jede*r hat das Recht darauf, dass sire ganz individuellen Probleme Beachtung finden.

1 RW = Redewendung

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Intelligenzija

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Klassismus – Intelligenz – Ableismus – unsere Gesellschaft – Ausschluss

Im Folgenden meine ich mit “Intelligenz” nur das, was man mit IQ-Tests ermitteln möchte/die Gesellschaft als “intelligent” akzeptiert.

In meinen Kommentarregeln [auf High on Clichés] steht, dass ich weder “Idiot” noch “dumm” auf dieser Seite lesen möchte. Schon seid einiger Zeit verkneife ich mir diese Worte sowie “blöd” und auch “bescheuert”, obwohl ich über letzterem immer noch grübele. Für viele Gelegenheiten bleibt dann nicht mehr viel übrig, das ich sagen kann, aber das ist nun einmal ein gesellschaftliches Problem.

In mir zuckt es auch zusammen, wenn jemand sich ereifert, wie “dumm” doch ein*e andere*r sei, dies und jenes nicht zu verstehen.
Das transportiert: “Ich kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die nicht exakt die gleichen Dinge gelernt und erlebt haben wie ich.”, immer verbunden mit dem Glauben, dass die anderen deswegen zwangsläufig weniger wissen müssen.

Wissen wird in einer Hierarchie geordnet. An der Spitze steht das, was man für einen Intelligenztest benötigt, um Politik oder (westliche, männliche, heterosexuelle, weiße) Geschichte erklären zu können. Je weiter sich das Wissen vom Notwendigen des westlichen weißen erwachsenen verpartnerten Mannes entfernt, desto unwichtiger wird es. Popkulturelles Wissen wird von der “Elite” verächtlich betrachtet, es sei denn, es handelt sich nicht um Popkultur, sondern “Kunst”. Welche Werke den Schritt von Popkultur zu Kunst vollzogen haben, wird dabei wiederum von Eliten bestimmt.
Wissen, das abseits von Sternekocherei für die Aufrechterhaltung des Haushaltes benötigt wird, ist ebenso unwichtig. Sich schminken zu können, ist “keine Kunst”. Youtuberinnen*, die Makeup- oder Haushaltstips geben, müssen sich regelmäßig anhören, wie “nutzlos” das sei. So viel zur Hierarchie von Wissen.

Dann gibt es noch den anderen Aspekt: Wissen scheint tatsächlich als quantifiziert wahrgenommen zu werden; es gibt Leute die “viel” wissen und welche die “(zu) wenig” wissen, allgemein als “dumm” bezeichnet. Wie an dieser Stelle sicher schon klar ist, muss man, um “viel” zu wissen viel vom Richtigen wissen. Landwirtschaftliche Geräte und wie man sie am effektivsten nutzt bis ins kleinste Detail zu verstehen ist nicht gefragt, noch die Produktunterschiede verschiedener Kosmetikmarken ausführlich auflisten zu können. Hier schlägt die Hierarchie wieder zu.
Zwangsläufig kommt es zu einer Abwertung von Menschen, die nicht weiß, akademisch, männlich, … sind. Denn egal wie viel sie von dem, was sie für ihre Lebensrealität brauchen, wissen, es wird immer das Falsche sein. Sie mögen wesentlich mehr wissen, weil ihnen – über das “Richtige” hinaus – noch das bekannt ist, womit sie ihre tägliche Arbeit bestreiten, aber das zählt nicht.
Gleichzeitig wird ihre “Dummheit” dazu herangezogen, Forderung nach mehr Anerkennung, gerechter Behandlung als nicht legitim zu verwerfen und sie als Personengruppe schlicht herabzusetzen. Ihre Dummheit soll bedeuten, dass sie es “nicht besser verdient haben”. Dummheit als Grund für Strafe und Aberkennung der Menschlichkeit. (Hartz IV.)

Ein offensichtlichter Konsequenz hat das natürlich auch: Menschen, denen man anmerkt, dass sie einen niedrigeren IQ haben oder wo Menschen einfach glauben, dass das so sei, werden unmittelbar mit allen negativen Stereotypen belegt und sind entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Ableismus und Klassismus ist Tür und Tor geöffnet (auch Speziezismus, wenn ich drüber nachdenke).

Die “Intelligenten” verfallen derweil in eine Hybris¹. Ja, alle, die ihr (wie ich) studiert oder studiert habt: wir sind nicht ausgenommen. Intelligenz und “gebildet sein” wird eine positive Bedeutung beigemessen. Dialektloses Sprechen hilft, feministische Schlagwörter verleihen einen Anschein der Kompetenz. Hier werden ganz aktiv Menschen ausgeschlossen oder gehen von selbst. Wer will aber zu denen gehören, die zu intelligent wären, um auf den Täter ‘reinzufallen?

Ich schrecke wahrscheinlich keine*n mehr auf, wenn ich darauf hinweise, dass all das Aufwerten der einen und Abwerten der anderen Absicht ist. Unser System funktioniert prächtig, wenn wir immer neue Gründe finden, Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Wie sollen wir sonst vor uns rechtfertigen, andere wie Dreck zu behandeln?

Edit: Wer Anmerkungen zu meinen Erwähnungen von IQ-Tests machen möchte, bitte zuvor diese Kommentare lesen.

1 Selbstüberschätzung

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Solidaritätsbekundung für Mely Kiyak

Wir, Muslime, Schwarze Menschen, Schwule, Lesben, Nicht-Männer, …körperlich Beeinträchtigte, Arbeitslose, Araber_innen, Juden und Jüdinnen, Griech_innen, Atheist_innen, Kurd_innen, Türk_innen, Tscherkes_innen, Ostdeutsche, Andersdenkende, Agnostiker_innen, kritische Menschen…, wir alle, die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden, um uns (rechtliche und gesellschaftliche) Gleichbehandlung streitig zu machen, wollen uns in dieser Stellungnahme mit Mely Kiyak solidarisieren: Denn sie ist eine von uns!

Mely Kiyak schrieb in einer ihrer Kolumnen über einen Fernsehauftritt von Thilo Sarrazin bei Günter Jauch. Sarrazin ist bereits durch die Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Erklärungen gegenüber Muslimen, insbesondere gegenüber kurdisch- und türkischstämmigen aufgetreten. Unter anderem hat er viele Probleme des Bildungssystems und schließlich auch der Gesamtgesellschaft auf ‚vererbte‘ Probleme, die durch ‚Inzest‘ unter den genannten Bevölkerungsgruppen entstanden seien, zurückgeführt. Schlimm genug, dass diese rassistischen Meinungen heute unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sowohl von der Springerpresse als auch den sogenannten Qualitätsmedien in die Gesellschaft transportiert und damit salonfähig gemacht werden – immerhin wird das Buch als Bestseller betitelt. Jetzt werden auch Thilo Sarrazins vermeintliche Expertisen zur Wirtschaftskrise gehyped – just einen Tag, nachdem 25 000 Menschen in Frankfurt auf die Straße gegangen sind, um für eine seriösere europäische Finanzpolitik einzutreten, die auf Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gründet. Auch wir empfinden es als eine Verhöhnung der Demokratie in diesem Lande, dass gerade Thilo Sarrazin in diesem Kontext eine öffentliche und von allen hörbare Stimme durch die öffentlich-rechtlichen Sender verliehen wird, und können deshalb verstehen, dass Mely Kiyak ihren Frust darüber loswerden wollte.

Doch als sei dies alles nicht schlimm genug, nun wird Mely Kiyak, die sich als eine der wenigen zu diesen ganzen Unsäglichkeiten in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung geäußert hat, mit einer rassistischen und sexistischen Hetzkampagne verfolgt. (Siehe auch die Facebookseite Fans and Friends of Mely Kiyak.) Zu nennen sind hier zum einen Leser_innenbriefe an die Zeitungen, für die Kiyak schreibt, und zum anderen ein sogenannter Shitstorm, der durch die Beteiligung des rechten und dezidiert antimuslimischen Internetportals PI-news gesteuert (in der Frankfurter Rundschau sind Zitate zu lesen) und von der Bildzeitung in einer rassistischen und sexistischen Weise forciert und unterstützt wird.

Der vorgegebene Grund: Mely Kiyak hat sich in ihrer Kolumne negativ und abwertend auf das Erscheinungsbild und die Mimik von T.S. bezogen. Mittlerweile hat sie sich für ihre verbale Entgleisung aber entschuldigt. Selbstverständlich ist es völlig indiskutabel, einen Menschen wegen seines Aussehens oder wegen körperlicher Beeinträchtigungen zu beschimpfen beziehungsweise körperliche Beeinträchtigungen als Schimpfworte zu benutzen. Wir bedauern in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass andere Menschen beleidigt und verletzt wurden, die ähnliche äußere Merkmale haben wie Sarrazin. Rassismus kann mit solchen körperlichen Einschränkungen weder erklärt noch entschuldigt werden. Und niemand sollte aufgrund ihrer/seiner äußeren Erscheinung mit einem Rassisten wie Sarrazin verglichen werden.

Doch es ist mehr als verwunderlich, dass gerade die Bildzeitung oder PI-News, was “Politically Incorrect-News” bedeutet, genau auf diesen Umstand hinweisen, um Mely Kiyak mit einer diffamierenden Hetzkampagne zu verfolgen. Denn so sehr wir die Wortwahl Mely Kiyaks in diesem Zusammenhang zurückweisen, so sehr wollen wir eine sachlich geführte Debatte um gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich auch um politisch korrekte Sprache. Aber statt einer sachlichen Auseinandersetzung forciert die Bild-Zeitung weiter Verrohung. So wird zum Beispiel T. Sarrazin, der sich auf Kosten der muslimischen Bevölkerung in Deutschland bereichert hat, zum Opfer stilisiert, indem beispielsweise die physiologischen Hintergründe für Sarrazins Mimik in emotionaler und persönlicher Art dargelegt werden, ohne schließlich davor zurückzuscheuen, im selben Artikel Mely Kiyak in der Bildunterschrift auf ihren ethnischen Hintergrund und ihr Geschlecht (was natürlich exakt zu der von Sarrazin vorgegeben Matrix passt) zu reduzieren. Sarrazin wird dagegen im Bild daneben als „Bestsellerautor“ bezeichnet. Demnach ist sie lediglich das Produkt ihrer Gene und er der Schöpfer seiner Leistungen.

Angesichts solcher Diffamierungen und der rassistischen Verbalattacken Sarrazins auf von ihm als „minderwertig“ dargestellte Menschen, vor allem angesichts des großen Beitrags zur „Normalisierung“ rassistischen Vokabulars in Deutschland durch sein Buch und die damit einhergehenden Kolumnen und Interviews würden wir uns wünschen, dass auch Thilo Sarrazin sich bei all den Menschen entschuldigt, die er verletzt und beleidigt hat. Ebenso wünschen wir uns, dass die Bildzeitung die Verantwortung für die eigene Berichterstattung übernimmt und die oben erwähnten Entgleisungen öffentlich korrigiert.”

Unterzeichner_innnen:

1 Sakine Subaşı-Piltz
2 Florian Piltz
3 Anna-Sarah Henning
4 Kiturak
5 Dagmar B. Luftwurzel
6 Ernst Kunz
7 Hüseyin Inak
8 Irena Wachendorff
9 Gülay Demirdag-Yazici
10 Hüseyin Sitki
11 Turgut Yüksel
12 Hülya Lehr
13 Harun Demircan
14 Elisabeth Weller
15 Nadia Shehadeh
16 Michael Klein
17 Stephie Fehr
18 Sula Essokim
19 Lisa Dixon
20 Sophie Link
21 Nadia Doukali
22 Ayse Yildiz
23 Sesperado Lyrical Guerilla
24 Performingrace Germany
25 Birgit Wolf-Bauer
26 Tarik Karaca
27 Phillipp Weidemann
28 Leonie Teigler
29 Lydia Makhloufi
30 Julia Victoria
31 Franca M’hamdi
32 Atif Hussein
33 Malika Doukali
34 Philibuster
35 Osman Tok
36 Mädchenmannschaft
37 Liane Steiner
38 Benjamin Fröhlich Rodrigues
39 A Dizzy Eyrie Ilk
40 Abu Ince
41 Adimi Netcen Guanix
42 Lydia Makhloufi
43 Helga Hansen
44 Bern Hesse
45 Arne Hoffmann
46 Bilgin Lutzke
47 Birgit Wolf-Bauer
48 Cansu Yilmaz
49 Claudia Weiter Nix
50 Danka Rkman
51 Devrim Sirin
52 Dihia Drouaz
53 Elise Hendrick
54 Em Ce
55 Engin Kara
56 Fereshta Ludin
57 Georg Klauda
58 Grecko Junior
59 Gülay Özpulat
60 Gülüm Subasi Erdogan
61 Hakuna Matata
62 Julie Brilliant
63 Leonie Teigler
64 Leyla Jagiella
65 Magda Albrecht
66 Maria Eks
67 Mehmet-Fevzi Birgül
68 Michael Klein
69 Mukadder Bauer
70 Nazlı Özdemir
71 Neşe Tüfekçiler
72 Ömer Özkan
73 Özgür Uludag
74 Paradies Salman
75 Roland Sieber
76 Romina Camila Iclal
77 Sabih Hoseri
78 Güllü Manis
79 Benedikt Stein
80 Rudolfine Soultana
81 Sarah K. Otto
82 Traudel Sievert
83 Tarik Karaca
84 Una Gatito
85 Van Bo Le-Mentzel
86 takeover.beta
87 Sevgi Meryem Ünver
88 Eyüp Özgün
89 Serkan Deniz
90 Karl-Bolko Lesser
91 Sebastian Mraczny

Ergänzung der takeover.beta-Redaktion:

Wir stellen uns eine Entschuldigung anders vor als Mely Kiyak.
Dabei finden wir im Gegensatz zur BILD-Zeitung in keiner Weise, dass eine weitere Entschuldigung bei Sarrazin notwendig oder auch nur wünschenswert wäre.

Kiyaks Aussage war vor allem eine ableistische, und das setzt sich in ihrer Entschuldigung bei Sarrazin leider fort.
Es geht uns auch nicht um eine Augenwischerei durch “politisch korrekte” Sprache, sondern darum, dass über Sprache nicht gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung fortgesetzt wird.
Ihre Aussagen tragen dazu bei, dass Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen weiterhin als “ungewöhnlich” gelten, “besonderer Rücksichtnahme” oder “Toleranz” bedürfen; “unvollkommen” sind. (Zitate sämtlich aus Kiyaks “Klarstellung” übernommen – Warnung: verletzende/ableistische Sprache abgedruckt.)
Wir hätten uns vor allem eine Entschuldigung bei Menschen mit Behinderungen gewünscht, die täglich Ausgrenzung aufgrund von Aussagen wie dieser erfahren.

Eine Entschuldigung bei Sarrazin ist insofern absurd, als diesem über die Jahre hinweg jegliche Formen von diskriminierenden, entmenschlichenden Aussagen nicht nur “versehentlich unterlaufen” sind. Im Gegenteil, er hat sich dieser “Bewertung” von Menschen über die Jahre systematisch gewidmet, bis hin zu einem Buch, das in Deutschland Rekord-Verkaufszahlen erreicht hat.
Dabei hat er insbesondere muslimische, oder kurzerhand zu Muslim_innen erklärte Menschen herabgesetzt. Es steht in keiner Weise zu erwarten, dass Sarrazin sich für sein Buch und seine jahrelange systematische, Menschen verachtende Hetze je entschuldigen wird. Er sieht dies also offensichtlich als erwünschte Form gesellschaftlichen Diskurses an. Dass die BILD-Zeitung es als kritikwürdig ansieht, dass Sarrazin nun ausnahmsweise nach seinen eigenen Maßstäben bewertet wird, ist einigermaßen lachhaft.

Dabei sehen wir Sarrazins Aussagen nicht als eine “Verhöhnung der Demokratie”, schon garnicht der “in unserem Land”. Es hat noch keine Demokratie ohne Rassismus gegeben, und gerade das demokratische System in Deutschland hat eine rassistische Vergangenheit und Gegenwart, die die Thesen Sarrazins nur fortsetzen. Wir stellen uns gegen die rassistischen und klassistischen Aussagen Sarrazins mit dem Bewusstsein, dass sie der herrschenden Ideologie entsprechen.

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