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Motivation, Wohltätigkeit und Antidiskriminierungspolitik

Seit einiger Zeit stelle ich mir die Frage, warum ich’s eigentlich keine Menschen diskriminieren, ausschließen, beleidigen und benachteiligen möchte. Solange ich ausschließlich im Betroffenheitsbereich war – als Lesbe und Frau ist ja genug zu tun – war das kein Problem, ich kämpfte schlicht für mich, selbst wenn ich selbst nur peripher betroffen war. Doch mit dem intersektionellem Ansatz kam eben nicht nur die Frage auf, wie ich als Adressatin von Betroffenheitspolitik von Menschen deren Merkmale ich nicht teile, umgehen soll, sondern auch warum mir „die Anderen“ am Herzen liegen.

Gerade bei –ismen von denen ich positiv bedacht werde, finde ich keinen Grund mich kritisch zu meinen Privilegien zu stellen, ohne Wohltätigkeitsattitüden an den Tag zu legen. Wohltätigkeit  ist jedoch nicht nur keine gute Idee, siehe z.B. white charity, sondern ist auch ein andauerndes othern, ein Verweis auf „die Anderen“ die einer_m dann „am Herzen liegen“ können, die im Falle des Falles einfach nicht Teil der eigenen Gruppe sind, nur „bedacht“ werden können usw. Wohltätigkeit ist daher für mich keine Grundlage für politisch-gesellschaftliches Engagement.

Zu meinen Gedanken zu der Konstruktion von „ich und die Anderen“ schreibe ich ein andermal mehr, jetzt möchte ich den Fokus auf die Frage legen, wie sich Wohltätigkeitsdenken verhindern lassen könnte.  Warum ich generell alles, was mit Altruismus verbunden werden könnte, für zunächst keine gute Idee halte, habe ich bereits geschrieben und ich neige dazu, die Wohltätigkeitsfalle mit einem „kapitalistischen“ Egoismus-Modell zu umgehen:

Ich gehe davon aus, dass Menschen Einfluss auf mein Leben haben und ich habe ein ziemlich großes Interesse daran, dass dieser Einfluss mir nicht auf die Nerven geht. Das ist nicht nur die Motivationsgrundlage für mein antisexistisches und antihetereosexistisches Engagement, sondern eben auch für anti-istisches Engagement in Bereichen, von denen ich positiv betroffen bin. Auf einer ganz banalen Ebene habe ich ein großes Interesse daran, dass mir mein Auto nicht geklaut wird, mir Mitmenschen nicht die Hölle heiß machen und ich mich um viele Belange nicht selbst kümmern muss. Das bedeutet für mich, dass kein Mensch einen Grund haben sollte, mein Auto zu klauen (weil er_sie selbst eins haben oder eine äquivalente Einnahmequelle zur Verfügung steht); dass ich meine Mitmenschen nicht scheiße behandele, damit diese nicht wütend auf mich sind; und dass die gesellschaftlichen Organe, die sich um vielseitige gesellschaftliche Probleme kümmern (von Polizei bis freie Initiativen) gute Arbeit leisten und keinen Bockmist verzapfen.

Da ist nicht unbedingt eine umfassende Systemkritik drin, kann aber daraus abgeleitet werden, je nach dem, wie die_der Jeweilige glaubt, dass das „nicht auf die Nerven gehen“ am besten umgesetzt werden kann. Weiterhin heißt „nicht auf die Nerven gehen“, dass ich keiner_m auf die Nerven gehen soll oder dass der Wunsch, nicht auf die Nerven gegangen zu werden allzeit Berechtigung hat. Es ist nur eine Grundlage für einen beginnenden sozialen, gesellschaftlichen und/oder kleingruppenbezogenen Einigungsprozess. Ohne auf eine Version von „Ich kümmere mich um Dich, Du armes Ding“ zu verfallen.

Zwei Anmerkungen:

  • Dies ist ein unfertiges Gedankengang-Ding. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, so wie ich das vorschlage und bin daher dankbar für Diskussion und Kritik.
  • Dies ist irgendwie auch eine Antwort auf diesen Kommentar von AusDerBaum.

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Auf dem Weg zur Perfektion oder Altruismus verhindert Altruismus

Unter Leuten, die sich mit Intersektionalität beschäftigen, beobachte ich immer wieder Gespräche, die in einer „Wenn ich’s nichts richtig machen kann, darf ich dann überhaupt noch was machen?“-Schleife enden. Es gibt eine gewisse Grundverzweiflung, für dich ich drei Ursachen/Fehlschlüsse vermute.

Das erste, noch am leichtesten verständliche Ding ist, dass keine_r „nichts“ machen kann. Jede Aktion, auch das Unterlassen einer Handlung, ist eine Aktion. Wenn ich nichts mehr schreibe, nichts mehr sage usw. hat dies eine Aussage. Wie Wittgenstein und Lyotard es ausdrücken „Schweigen ist ein Satz“. Das bedeutet jedoch auch, dass es keinen Weg gibt, das „nicht richtig machen können“ über eine „Passive“-Handlung zu verhindern. Meines Erachtens ist es hier besser, eine „aktive“ Handlung vorzuziehen, da „passive“ Handlungen vielseitiger interpretierbar sind und somit eine größeren als falsch-interpretierbaren Spielraum haben.

Das zweite und wohl am meisten diskutierte Ding ist, dass „richtig“ ein sehr schwammiger Begriff ist. Das sind so Diskussionen nach dem Motto „Wäre es nicht richtiger, wenn…“ bzw. „Wie gehe ich besser mit den eigenen Privilegien um?“. Das Problem hieran ist nicht, dass die Diskussion und die Fragestellungen nicht zweckdienlich sind, sondern dass sie die Grundverzweiflung nicht einschränken. Scheinbar ist das Ziel der Auseinandersetzung Perfektion zu erreichen und diese Perfektion besteht nicht darin, Fehler bewusst zu machen. Eigentlich wissen ja alle, dass die gesellschaftlichen Probleme – gerade in -istischen Fragen – nicht von einer Person, die „alles richtig macht“ zu lösen sind. Das hindert uns jedoch nicht daran, trotzdem nach jeder dieser Diskussionen ein horrendes Bedürfnis nach Verdrängungswerkzeugen wie Alkohol, Schokolade oder Fernsehen zu entwickeln.
Ich glaube nicht, dass die Grundverzweiflung eine gute, beizubehaltende Idee ist. Sie macht Aktivist_innen müde, depressiv und/oder demotiviert. Ich denke, dass Beste was wir tun können, ist die Idee der Perfektion dahingehend aufzugeben, dass wir die Fehler in den Vordergrund stellen und nicht die Positivbeispiele. Dafür jedoch halte ich es für notwendig, auch die Idee des Altruismus aufzugeben. Womit ich zum dritten Ding komme:

Zumindest mir wurde gerade in meiner Jugend beständig vermittelt, dass es diese tollen, selbstlosen Menschen gibt, die „einfach so“ ihr Leben irgendeiner Sache gewidmet haben und dafür „am Besten“ auch noch in den Tod gegangen sind. In den unzähligen Schuldiskussion zu diesem Altruismus habe ich jedes mal gesagt, dass ich glaube, dass sie das aus reinem Egoismus getan haben, nämlich mindestens in der Hoffnung darauf, irgendwann von der Nachwelt dafür bewundert zu werden. Das Problem an der Altruismus-Konstruktion ist für mich, dass Altruismus motivationslos zu erfolgen hat. Dementsprechend ist die Frage, warum sollte ich altruistisch handeln?

Aus dieser Motivationslosigkeit des viel bewunderten Altruismus folgen dann Gespräche, wie sie vielleicht jede_r Aktivist_in kennt: Bewundernde Äußerungen seitens nicht oder wenig aktiven Menschen, wie „Ich find’s so toll, was Du alles machst. Ich könnte das nicht.“. Solche Äußerungen machen mich aggressiv, ich antworte darauf mal mit einer Version von „Super, mehr Blumen und Anerkennung für mich.“ und mal, dass es halt eine Frage von Prioritäten ist (Natürlich gibt es selbstgewählte und erzwungene Prioritäten, Engagement ist nicht frei von Privilegien.). Meine Antworten werden in der Regel nicht verstanden, was ich jedoch versuche deutlich zu machen, ist das Engagement nicht selbstlos ist und jede_r Motivationsgründe für Engagement finden kann. Es geht nicht darum, für das eigene Engagement irgendwann „heilig“ gesprochen zu werden, sondern das eigene Leben so zu gestalten, wie es für die Jeweiligen cool ist. Zu meiner Lebensplanung gehört ein ziemlich großer Lottogewinn, den ich vermutlich nicht kriegen werden, genauso wie Engagement, welches nicht immer perfekt laufen wird. Doch wenn ich vorgebe, aus Altruismus heraus zu handeln, verhindere ich einerseits, dass meine Handlungen anschlussfähig für Viele sind, die ihr Leben nicht aufgeben wollen und ich bau mir selbst einen riesigen moralischen Druck auf, selbstlos zu sein und keine Fehler zu machen – denn Fehler offenbaren scheinbar einen fehlerhaften Charakter und wie kann ein fehlerhafter Mensch altruistisch sein?

Egoistische Motivationsgrundlagen zu finden, scheint mir ein wichtiges Anliegen für Engagement und Aktivismus zu sein. Die Idee aufzugeben, ein „besserer Mensch zu werden“ zugunsten des eigenen Lebensplans. Wenn Engagement und die Beschäftigung mit Intersektionalität auf „Genau so habe ich mir mein Leben vorgestellt“ beruht und nicht auf „Ich will, dass die Welt ein besserer Ort ist“, hilft das nicht nur dabei, bei jeder weiteren Baustelle, bei jedem Fehler usw. nicht zu verzweifeln, sondern jede Baustelle und jeder Fehler ist genau das, was das Ziel des Ganzen war, nämlich das Leben mit eben diesen Baustellen und Fehlern und Menschen und Kram zu füllen.

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