Schlagwort-Archiv: Anpassung

RPS-Beispiel: Unehrlichkeit (Collage)

Transcript folgend:

Comic von Fuchskind:

Bild 1 (scheinbar Schulhof):
Beschriftung: Oft offenbarte sich mir aber kein logischer Zusammenhang vom Sinn und Zweck.
Figur A: Sehen wir uns später?
Figur B: Ja, klar!
Figur C: Klaro!
Hauptprotagonisten steht mit Abstand zur Gruppe von Figur A-C im Bild.

Bild 2 (scheinbar Schulhof):
Figur A: Freu mich, bis dann!
Figur C: Ich mich auch!
Figur B steht lächelnd dabei.
Hauptprotagonisten steht mit Abstand zur Gruppe von Figur A-C im Bild.

Bild 3 (scheinbar Schulhof):
Hauptprotagonistin und Figur C und B gucken der aus dem Bild verschwundenen Figur A hinterher.

Bild 4 (scheinbar Schulhof)
Figur B: Gott ist die nervig!
Figur C: Kaum zum Aushalten!
Hauptprotagonisten steht mit Abstand zur Gruppe von Figur A-C im Bild, mit Fragezeichen über dem Kopf.

Bild 5 (Party):
Beschriftung: Faszinierenderweise kann ich manche Beobachtungen von damals auch noch heute entdecken.
Figur D winkt: Bis morgen!
Figur  E und F: Mach’s gut!
Hauptprotagonistin steht mit anderer Figur im Bild.

Bild 6 (Party):
Figur E: Was für ‘ne [leider sexistischer Begriff] Schlampe!
Figur F: Hast Du das Kleid gesehen? Irks!
Beschriftung: Und sie machen genauso wenig Sinn wie früher.

Bild 7 (Klassenzimmer):
Hauptprotagonistin sitzt alleine ein Buch lesend am Tisch.
Beschriftung: Es gab mehr Gründe lieber für sich alleine zu bleiben, statt mit anderen Kindern zu spielen.

 

“Jetzt überlegen SIe einmal: Wir sind in der Minderheit. Selbst, wenn jede/r Normale es mit 2 – 3 Autisten zu tun hätte, die ihn/sie ählich nerven wie ich, so sollten sie ab und zu bedenken daß ich von Normelen umgeben bin.”  Quelle: Vera F. Birkenbihl

 

Nothing more to add. / Nichts hinzuzufügen.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/08/rps-beispiel-unehrlichkeit-collage/

RPS-Beispiel: Darf ich [Name] anrufen?

Die vermehrt neurotypische Darstellung dieses Problems erfolgt häufig in US-amerikanischen Spielfilmen über die 3-Tagesregel für romantische Beziehungen, nach welcher Frauen überhaupt nicht anrufen dürfen, Männer erst drei Tage nach einem „Date“ und Menschen, die weder Frau noch Mann sind, nicht vorkommen. Zum Beispiel (insbesondere 0:20-0:27  und 1:06-1:15):


[Trailer des Kinofilms "Er steht einfach nicht auf dich". Transcript der Passagen siehe unten. kiturak]

Auch im deutschen Umfeld – sowohl in Spielfilmen als auch außerhalb von Spielfilmen – gibt es ein ähnliches neurotypisches Symptom: Eine unbeteiligte Person wird nach den Bedürfnissen einer abwesenden Person befragt, an welcher die fragende Person ein romantisches, sympathiebezogenes oder sexuelles Interesse hat. Derartige Fragestellungen sind zum Beispiel:

  • „Sollte ich mich bei ihm_ihr melden?“
  • „Ich hab eine SMS geschickt und noch keine Antwort bekommen. Wirkt es „komisch“, wenn ich mich nochmal melde?“
  • „Glaubst Du, ich wirke verzweifelt/interessiert/übergriffig/etc., wenn ich mich (nochmal) bei ihm_ihr melde?“
  • „Glaubst Du ich überfordere [Name] mit langen E-Mails/häufigen Anrufen/[Sympathiebekundungen]?“
  • „Warum hat [Name] sich noch nicht gemeldet?“

Grundlage dieser Fragestellung ist natürlich das Right Planet Syndrome, da dies die einzige Erklärung dafür ist, warum die fragende Person glaubt, von der unbeteiligten Person erfahren zu können, wie die abwesende Person eine Handlung auffasst. Selbstverständlich ist die einzige Person, die diese Fragen korrekt beantworten könnte, die abwesende Person. Die abwesende Person gilt jedoch als unfragbar, da anscheinend das Interesse kaschiert werden muss. Ebenso kommt es vermehrt zu „Glückstreffern“ der gefragten Person aufgrund des Anpassungsdrucks.

Für die Therapie ist der emotionale Zustand der fragenden Person ein guter Ausgangspunkt, um die Reflektion dazu zu beginnen, ob es wirklich notwendig ist, weiterhin daran festzuhalten, dass sie ihre eigenen Interessen kaschieren muss und ob eine direkte Kommunikation mit der die von der Frage betroffene Person nicht einerseits zur Problemlösung zweckdienlicher wäre und ein Kennenlernen außerhalb der Anpassungsdruck-Problematik erleichtern würde.

P.S.: I’m totally in love with Rachel Cohen-Rottenberg. Ich werde nach dem Vorbild ihrer fantastischen Analyse des EQ-Test demnächst außerhalb der RPS-Reihe etwas Ähnliches für die Prosopagnosie-Tests machen.

[Transcript Video-Passagen:
0:20 Gigi (Ginnifer Goodwin) am Telefon, liest von einem Block ab: Hi Connor! Du hast Dich nicht gemeldet, und mal ehrlich: Dass Frauen immer darauf warten müssen, bis die Typen sie anrufen, ist doch bescheuert, oder?

1:06 Gigis Anrufbeantworter: Sie haben keine neuen Nachrichten.
(eingeblendete Unterhaltung zwischen Gigi und Alex)
Alex (Justin Long): Du meinst, Du bist tagelang zwanghaft um Dein Telefon rumgeschlichen?
Gigi: Vielleicht hat er meine Nummer verloren oder ist verreist oder wurde von einem Taxi überfahren?
Alex (im Bild): Oder er will vielleicht einfach nichts von Dir.
(Gigi schaut verständnislos)]

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/06/rps-beispiel-darf-ich-name-anrufen/

RPS: Interesse

Bevor ich mich den Einzelbeispielen widme, ist noch eine weitere Grundlage des Right Planet Syndromes zu klären. Wie bereits aus der Anpassungsdruck-Problematik erahnbar ist, geht mit dem Right Planet Syndrome eine Welt- und Selbstwahrnehmung einher, die es Neurotypischen beinahe unmöglich macht, Interesse zu empfinden. Interesse ist ein Gefühl, das bedingt, ob etwas erfahren, kennengelernt oder erlernt werden möchte.

Es gibt zwei Theorien, welche versuchen zu klären, wie es sich mit diesem Gefühl für Menschen mit Right Planet Syndrome verhält:

Theorie A: Menschen mit Right Planet Syndrome scheint das Gefühl „Interesse“ gänzlich unbekannt zu sein und wird von diesen daher durch die Kalkulation von Eigenbedürfnissen ersetzt. So werden Neurotypische häufig als manipulativ wahrgenommen, da sie eben keine klare Aussagen über ihr Interesse an Themen oder Menschen machen können, sondern das fehlende Bewusstsein für Interesse durch Verschleierungstaktiken zugunsten ihres Eigeninteresses kaschieren. Daher werden zum Beispiel aufgrund von romantischen Bedürfnissen, gemeinsame Interessen vorgetäuscht, was bereits in zahlreichen Spielfilmen problematisiert wurde.

Theorie B: Menschen mit Right Planet Syndrome wird einerseits über ihr Syndrom und andererseits über den Anpassungsdruck beständig suggeriert, dass ihre Interessens-Gefühle, den Interessens-Gefühlen ihr Mitmenschen gleichen. Dadurch stellt es für sie eine extreme Verunsicherung dar, wenn sie zumindest scheinbar nicht ebenso Interesse empfinden. Dies führt insbesondere in sozialen Beziehungen zu Problemen, zum Beispiel: Unterhaltungen werden geführt, obwohl das Thema zumindest für eine Partei uninteressant ist; aus mangelndem Interesse wird nur unzulänglich zugehört; sexuelle Beziehungen werden als romantisch deklariert (und umgekehrt).

Ob nun Theorie A oder Theorie B zutrifft, ist es in beiden Fällen wesentlich, Menschen mit Right Planet Syndrome eine Brücke zu bauen, durch welche sie benennen können, was sie bewegt, damit sie sich und ihre Mitmenschen angstfrei kennenlernen können. Davon hätten auch wir im Alltag und in der Therapie einen erheblichen Vorteil: Endlich nicht mehr raten zu müssen, worum es ihnen wirklich geht.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/06/rps-interesse/

Die feindliche Außenwelt (Teil 1)

Vielleicht gleich zu Beginn: Ich bin nicht so recht überzeugt, von der Idee der „feindlichen Außenwelt“. Dieses Konstrukt, dass ein Äußeres – wahlweise im Mainstream, Kapital, Bürgertum etc. – und ein Inneres – z.B. im Sub, in politischen Strukturen – definiert, erscheint dadurch seine politische Berechtigung zu haben, dass es aufgebrochen wird. So kann ich beispielsweise heute als Lesbe verhältnismäßig offen leben, da andere vor mir den Schutz des Subs verlassen haben. Gerade in der Schutz-Funktion liegt die persönliche Berechtigung der Teilung. Welche wiederum natürlich politisch ist, doch das tatsächliche Ziel ist halt die „nicht mehr Notwendigkeit“ des Schutz-Gebiets. Gerade diese Differenzierung macht das Sprechen darüber schwierig: Die persönlichen Bedürfnisse und die politischen Ziele wiedersprechen sich, doch liegt gerade darin der politische Sinn: Eben weil gerade dieser Widerspruch zwischen der Wesentlichkeit des Schutzes des Inneren und der Notwendigkeit von dessen Aufbruch das Überhaupt der Politik offenlegt.

Das Überhaupt der Politik liegt für mich in der Problemlösung von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Egal ob es um Krieg, Gesetzgebung, Naturschutz, Ethik oder „Stimmungswandel“ geht, immer sind es Probleme zwischen und in Menschen, die das Thema auf’s Trapez bringen. Politik ist nichts weiter als eine riesen große Selbsthilfegruppe. Das größte Problem dieser Selbsthilfegruppe ist jedoch, dass wir deren Selbsthilfegruppehaftigkeit nicht sehen (wollen). Stattdessen reden wir lieber über andere, als über uns selbst oder eben diese „Anderen“ reden zu lassen. Das macht unsere Selbsthilfegruppe zu einer schlechten. Indem wir glauben Politik wäre ein „neutrales“ Gebiet, schaffen wir es nicht nur, die vorgefundene Probleme nicht im einvernehmlichen Miteinander anzugehen, sondern wir grenzen auch noch bewusst diese aus, indem wir die Politik für Betroffene der einzelnen Themenfelder, unbetretbar machen, z.B. durch fehlende Triggerwarnungen (Seitenhieb).

Doch mit dem Auflösungswunsch der Fehlinterpretation der Politik als neutral, stoßen wir auf das eingangs genannt Problem: Die Neutralitäts-Doktrin verlangt nach einem Schutz des Inneren gegen die Politik als Äußeres, denn ohne „Neutralität“ lässt sich im als politisch verstandenen Milieu kein Blumentopf gewinnen (RW) und so bleibt die Betroffenheitsperspektive allzu häufig im Schutzgebiet – um ihr trotzdem Gehör zu verschaffen, betreiben wir häufig Stellvertreter_innenpolitik. Die hart erarbeiteten Strategien der Betroffenen werden so „neutral“ wie möglich in die feindliche Außenwelt getragen. Damit dies weitestgehend möglich ist, ist es gerade zu notwendig, dass das Innere sich geeint gibt und die Konflikte des inneren Kreises nicht in die feindliche Außenwelt trägt. Doch ist nicht das Ziel, dass die Außenwelt nicht mehr feindlich ist? Wie lässt sich dieser Wiederspruch auflösen? Wird es den Moment geben, an die Außenwelt wohlgesonnener wirkt? Oder ist es vielmehr ein Raum nehmen, der die Außenwelt verändert?

(Dazu kommt vorraussichtlich irgendwann ein Fortsetzung, aber zunächst hoffe ich auf eine tolle Diskussion.)

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/06/die-feindliche-aussenwelt-teil-1/

Barrierefreiheit im weitesten Sinn

Ich habe mich schon mehrfach hingesetzt, um über meine Erfahrung mit Gruppen- und Veranstaltungsorganisation zu schreiben. Zwei der Themen sind bereits seit einiger Zeit online: “Kritik und Gruppendynamik” und “Methoden der internen Gruppenorganisation”. Diesen Text habe ich bereits vor etwa einem Jahr geschrieben, doch aus Sorge um Vollständigkeit usw. nicht veröffentlicht. Die jetzt wieder aufkeimenden Diskussionen um das Gendercamp haben mich wieder daran erinnert. Ich finde die Diskussionen wichtig, doch hab ich immer das Gefühl, dass “die Welt” komplett neu erfunden wird. Viele der Themen wurden schon in verschiedenen Kontexten diskutiert. Vielleicht hilft eine Wissenweitergabe, um dann mit dieser weiterzuarbeiten. Hier also das, was ich mitbekommen habe:

Die Organisation von Veranstaltungen zu kritisieren ist genauso notwendig wie schwierig. Einerseits sind die Organisator_innen ganz toll, weil sie die Zeit (und das Geld etc.) für die Vorbereitungen aufgebracht haben, andererseits wurden Dinge nicht bedacht, die bedacht hätten werden müssen.

Aus der institutionalisierten Frauenbewegung und anderen Gremien bin ich gewohnt, dass in einer Orga-Gruppe (also die Gruppe, die eine Veranstaltung organisiert) immer wenigstens ein paar Menschen mit Erfahrung sitzen, aber es gibt eben auch Orga-Gruppen, in denen das nicht so ist. Zudem gibt es Orga-Gruppen, welche nicht prioritär Barrierefreiheit und so auf dem Schirm haben und daher diesbezügliche Vorschläge leicht übergehen.

Daher hier meine Zusammenstellung was ich über Barrierefreiheit und so in den letzten 10 Jahren gelernt habe, damit Orga-Menschen und solche, die es werden wollen, von dieser Erfahrung außerhalb von Kritik nach einer Veranstaltung profitieren können. Ich erhebe nicht mal ansatzweise Anspruch auf Vollständigkeit und ebenso wird nicht alles per se richtig sein. Ich neige zu einer egozentrischen Weltsicht und bemühe mich um Offenheit für Kritik und Ergänzungen.

Inhaltsverzeichnis

 

Zielgruppe
Die wenigsten Veranstaltungen heißen „Weiße, reiche, heterosexuelle, monogame, cis Männer ohne Behinderung treffen sich zum Thema X“. Dann würden alle POC, Frauen, nicht-heterosexuelle, nicht-monogame, intersexuelle, nicht-reiche, trans Menschen mit Behinderung (in allen Kombinationen) wissen, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht ist. Kommen diese trotzdem, können sie sich nur darüber beschweren, dass sie weder eingeladen noch in der Veranstaltungsgestaltung bedacht wurden.

Da jedoch die meisten Veranstaltungen die Zielgruppe – wenn überhaupt – nur minimal definieren (z.B. „Nur für Frauen“, „Für die Region X“), müssen eben alle Nicht-Ausgeschlossenen bedacht werden. Das ist sehr schwer und ich habe noch keine perfekte Veranstaltung gesehen.

Wichtig ist, sich bei jeder Frage im Hinterkopf zu halten: „Ich bin nicht der Maßstab!“.
Wahlweise hilft auch bei Vorschlägen mit der Formulierung „Für mich wäre …. gut/nicht gut.“ zu arbeiten und bei anderen Vorschlägen ebenso auf die „ich“-Formulierung zu achten. Generalisieren bringt nicht weiter, als z.B. nicht „Wir können ja (nicht) in einer Turnhalle schlafen“ sondern „Ich kann (nicht) ohne Probleme in einer Turnhalle schlafen“.

Macht Euch Gedanken darüber, wer kommen soll und wer nicht. Gebt das auch bekannt! Wenn ihr keinen Wert auf die Anwesenheit von bestimmten Gruppen legt, schreibt das „Wir legen keinen Wert darauf, dass berufstätige Menschen mit 9-5 Jobs kommen. Daher haben wir das Treffen auf Werktage in diesen Zeitraum gelegt. Wenn 9-5 Jobs Menschen trotzdem kommen, freuen wir uns (nicht), aber (/denn) ihr seid nicht unsere Zielgruppe.“ oder „Unsere Hauptzielgruppe sind Studierende und daher haben wir bei Wahl des Zeitpunkts vor allem auf deren Bedürfnisse geguckt.“. Ihr könnt es nicht für alle perfekt machen, aber es hilft, Menschen vorzuwarnen, ob sie zur (Haupt-) Zielgruppe gehören oder eben nicht.

Natürlich ist es nicht schön, nicht zur Zielgruppe zu gehören. Schlimmer ist aber, zu glauben zur Zielgruppe zu gehören und dann zu erfahren, dass es nicht stimmt. Klare Äußerungen verhindern Gefühle, wie „Ich hab so viel dafür getan hier zu sein und jetzt bin ich gar nicht erwünscht.“ – solche Gefühle produzieren Wut und Enttäuschung.

Zeit & Zeitpunkt
Menschen haben unterschiedlich viel Zeit, unterschiedliche terminliche Verpflichtungen, unterschiedliches Zeitempfinden und unterschiedliche Rhythmen.

Einige Studierende haben in den Semesterferien mehr Zeit, einige weniger. Für einige Menschen bedeuten Wochenenden Freizeit, für Einige nicht. Einige Menschen können Urlaub für Veranstaltungen nehmen, andere nicht oder brauchen ihren Urlaub für anderes. Einige haben abends Verpflichtungen, andere haben Freizeit. Einige haben Tags  Verpflichtungen, Einige nicht. Einige haben zu sehr unterschiedlichen Zeiten Verpflichtungen. Einige können sich mehrere Stunden konzentrieren, Einige brauchen häufiger und/oder größere Pausen. Einige können nachts besser arbeiten, andere tagsüber. Einige brauchen mehr, andere weniger Schlaf. Einige können sich nur kleinere Zeiträume freischaufeln, Einige mehr. Einige können langfristig planen, Einige nur kurzfristig.

Wenn also mehrere Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort (physisch oder virtuell) sein sollen, kann es nicht allen Recht gemacht werden – insbesondere bei großen Gruppen. Natürlich gibt es viele Menschen, die an Wochenenden Freizeit für Veranstaltungen haben, aber es sind eben nicht alle.

Bekanntgabe des Termins & Anmeldung
Je frühzeitiger ein Termin bekannt gegeben wird, desto wahrscheinlicher, dass viele Menschen es einplanen können. Desto kurzfristiger eine Anmeldung möglich ist, desto flexibler ist die Zeitplanung für Menschen mit vielen und/oder flexiblen Verpflichtungen.

Zeitplan
Wenn von Vornherein klar ist, wann angefangen und aufgehört wird, können sich Menschen zumindest darauf einstellen. Den Zeitplan einzuhalten, hilft Menschen, die darauf angewiesen sind. Nicht einfach später anfangen, nicht einfach später aufhören, usw. Alle Menschen die da sind, wollen dabei sein und haben dafür ein organisatorisches Drumherum in Kauf genommen. Einige davon, werden sehr „pünktlich“ geplant haben, damit sie da sein können. Einfach „länger zu machen“ sagt denen, die pünktlich gehen müssen, dass auf ihre Anwesenheit verzichtet werden kann.

Pausen
Menschen sind unterschiedlich belastungsfähig. Regelmäßige Pausen einzuplanen hilft z.B. weniger Belastungsfähigen ungemein. Einigen jedoch werden die angebotenen Pausen zu wenig sein, hier hilft es entweder die Möglichkeit über eine Geschäftsordnung mehr Pausen zu schaffen und/oder allen freizustellen, ob sie alle Veranstaltungsteile besuchen. Falls nichts über eine Teilnahmepflicht (im Vorhinein) bekannt ist, hilft es nicht Teilnehmer_innen Abwesenheit vorzuwerfen.

Dauer der Veranstaltung
Unglaublich schwierig. Denn für Einige ist mehr Zeit besser, für Andere nicht. Zumindest wäre es gut bekannt zu geben, ob eine Anwesenheitspflicht für die gesamte Dauer besteht. Falls nicht: Nicht vorwerfen oder bewerten, wenn Menschen früher gehen/später kommen.

Zeitpunkt
Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt. Abwesenheit ist daher nicht nur eine Frage des Interesses. Die Forderung nach einem anderen Zeitpunkt ist nicht unverschämt, sondern berechtigt. Aber ja, es kann nicht für alle der perfekte Termin gefunden werden.

Bei nicht-einmaligen Veranstaltungen hilft es teilweise, den Zeitpunkt zu wechseln – insbesondere wenn die definierte Hauptzielgruppe nicht zeitspezifisch ist.

Kinderbetreuung
Kinderbetreuung ermöglicht es Elternteilen unabhängig vom Geldbeutel und Kinderversorgung teilzunehmen.

Ebenso: Kinderbetreuung kann für junge Menschen, die von Veranstaltungen ausgeschlossen werden sollen oder nicht teilnehmen wollen, ein alternatives Angebot sein. (Edit dank kiturak)

Veranstaltungsort
Wo etwas stattfindet, bedingt die Erreichbarkeit, die Fahrtkosten und die Anreisezeit. Nicht alle Menschen können gleich viel Zeit und Geld für die Anreise aufbringen und nicht alle Menschen nutzen die gleichen Transportmittel.

Ebenso: Berlin ist für PoC safer als andere Orte sowie Bahnhöfe, die ohne Regionalbahnen erreichbar sind. (Edit dank Mrsnextmatch)

Transportmittel
Gibt es Wege den Veranstaltungsort mit Bus und Bahn zu erreichen? Sind die Aus- und Einstiege Barrierefrei? Wie weit sind die Fußwege? Sind die Fußwege kurz genug, für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind? Muss geshuttelt werden und wurde bei der Wahl des Shuttlefahrzeugs u.a. auf Rolli-Bedürfnisse geachtet?

Gibt es Parkplätze in Gebäudenähe? Sind Parkplätze in direkter Nähe Menschen mit entsprechenden Bedürfnissen vorbehalten? (Nicht alle Menschen kommen aus „Luxusgründen“ mit dem PKW.)

Fahrtkostenunterstützung / Wechsel des Veranstaltungsorts
Insbesondere bei nicht-regional-beschränkten Veranstaltungen ist die Finanzierung der Anreise ein Problem, aber auch Nahverkehrskosten können das Budget einiger Menschen sprengen.

Ein Weg damit umzugehen, ist finanzielle Mittel zu akquirieren, um die Fahrtkosten der Teilnehmer_innen zu übernehmen oder teilweise zu übernehmen. Das geht z.B. über Stiftungen, Teilnahmebeiträge, Spenden usw. Vorher angeben, ob, wann und wieviel Fahrtkosten übernommen werden können.

Eine andere/zusätzliche Möglichkeit ist bei öfter stattfindenden Veranstaltungen den Ort zu wechseln, umso die Kosten der Anreise allen Teilnehmer_innen einmal aufzubürden. Damit können zwar nicht immer alle kommen, aber zumindest manchmal. Der Ortswechsel sollte wenn möglich im gesamten Einzugsgebiet der Zielgruppe erfolgen, also z.B. bei bundesweiten Veranstaltungen nicht zwischen Mainz und Wiesbaden hin- und herwechseln, sondern mal in Mainz, mal in Potsdam, mal in Freiburg, mal in Görlitz usw.
Der Wechsel des Veranstaltungsorts verteilt auch die Anreisezeit.

Gebäude (Ort)
Einen Ort für einen Veranstaltung zu finden ist schon allein aus finanziellen Gründen schwierig. Das Stattfinden der Veranstaltung über die Zugänglichkeit, Erreichbarkeit und Barrierefreiheit zu stellen, ist jedoch ein starker Diskriminierungsfaktor, denn es sagt „Auf Euch können wir verzichten“ ohne dies über die Zielgruppe der Veranstaltung begründet zu haben.

Ausschilderung
Nicht alle Menschen haben einen Orientierungssinn. Nicht alle Menschen können es sich leisten, Wege für das Suchen des richtigen Wegs zurückzulegen oder ihre Zeit mit Suchen zu verbringen. Daher ausschildern, ausschildern, ausschildern: Von der Bushaltestelle zum Gebäude, die treppenlosen Wege, die Wege über Treppen, die Veranstaltungsräume, die Toiletten und Rolli-Toiletten, die Schlafplätze, etc.

Treppenfreie Wege
Ob Krücken, Rolli, kaputte Knie, Rheuma…: Treppen machen es für Viele schwierig bis unmöglich zu kommen. Daher keine Veranstaltungsräume ohne treppenfreien Zugang. „Tragen“ ist keine Alternative, denn es macht abhängig.

Rauchfrei
Nicht nur für Asthmatiker_innen ist es wichtig rauchfreie Veranstaltungsräume und Aufenthaltsorte zu haben. Mehr Pausen sind nicht nur für Raucher_innen gut (s. Pausen).

Schlafplätze
Schlafen auf dem Boden, in Gruppenunterkünften usw. macht es für Einige schwierig bis unmöglich zu kommen. Daher verschiedene Formen von Schlafplätzen anbieten, welche nicht vom Geldbeutel der Teilnehmer_innen abhängig sind.

Essen & Trinken
Menschen müssen Essen und Trinken und das kann ohne eigene Küche teuer werden. Daher kann Essen und Getränke gegen Teilnahmebeitrag, umsonst oder Pauschale angeboten werden. Doch was?

Aufgrund von Allergien, veganen und vegetarischen Ernährungsweisen und anderen Einschränkungen können nicht alle alles essen. Daher ist „Eintopf“ eine schlechte Lösung. Besser ist es, leicht trennbare Lebensmittel anzubieten. Sei es Brot (glutenfreies Brot nicht vergessen), Aufschnitt usw. oder Nudeln/Reis, Gemüsearten, Soßen, Fleisch usw. Schlicht: Möglichst wenig zusammen schmeißen. Wahlweise kann auch einfach die Küche Essenwünsche entgegennehmen, was jedoch meist teurer ist. Ebenso läuft’s mit Getränken.

Sprache
Welche Sprachen werden gesprochen? Ob Deutsch, Kroatisch, Gebärdensprachen, Akademiker_innensprech, einfache Sprache etc. Wenigstens ankündigen was die Hauptsprache/n ist/sind und welche Übersetzungen angeboten werden. Nicht auf den Geldbeutel der Individuen setzen, dass diese ja ihre eigenen Dolmetscher_innen mitbringen können.

Teilnahmebeiträge
Festpreise für die Teilnahme werden Menschen von einer Veranstaltung fern halten. Nach festgelegten Kriterien die Teilnahmebeiträge zu staffeln, wird Menschen ausschließen, deren finanzielle Lage nicht von den festgelegten Kriterien abhängt. Selbsteinschätzungspreise sind ein guter Weg diesen Problem aus dem Weg zu gehen, doch muss der Sinn dieser transportiert werden. Nach meiner Erfahrung zahlen häufiger die mehr, die weniger haben.

Verwaltung akquirierte Mittel
Über finanzielle Unterstützung, Teilnahmebeiträgen, Spenden usw. steht einer Orga-Gruppe ein Betrag X zur Verfügung. Voraussichtlich wird dieser nicht für alles reichen. Wofür also das Geld ausgeben?

Von den vermeintlichen Bedürfnissen der angenommenen Mehrheit der Teilnehmer_innen auszugehen, produziert in der Regel, dass diese „Mehrheit“ auch entsteht. Es ist also eine selbsterfüllende Prophezeiung, wenn „plötzlich“ alle wunschlos glücklich sind.

Alles Geld auf eine „Karte“ zu setzen, also z.B. nur das Essen zu bezahlen oder nur die Schlafplätze, produziert Ausschlüsse. Ebenso werden Menschen ausgeschlossen, wenn Sonderkosten für „spezielle“ Bedürfnisse erhoben oder in Kauf genommen werden.

Eine Einsparmöglichkeit ist Mehrkosten nur auf Wunsch in Kauf zu nehmen, doch damit werden Menschen gezwungen eine Sonderrolle einzunehmen. „Auf Nachfrage wird … zur Verfügung gestellt“ ist also kein Pluspunkt, sondern höchstens kein Minuspunkt.

Helfer_innenzeiten
Eine Möglichkeit Geld zu sparen ist Helfer_innenzeiten zu vereinbaren, z.B. für das Kochen, Übersetzungen, Aufräumen, Putzen, Abholdienste, Assistenz etc. Diese können jedoch nicht verpflichtend sein, z.B. da Menschen unterschiedlich Belastungsfähig sind, und sollten nach der Bereitschaft der Helfer_innen vergeben werden. Also nicht einfach Menschen zu bestimmten Diensten einteilen, sondern auf deren Aussage hin, was sie machen wollen. Genauso wenig, wie alle Menschen übersetzen können, können alle körperlicher Arbeit usw. nachgehen. Die Aufforderung zu benennen, warum sie etwas nicht können, produziert Ausschlüsse.

 

Fragen, Kritik, Ergänzungen usw. sind unglaublich willkommen!

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/05/barrierefreiheit-im-weitesten-sinn/

RPS: Anpassungsdruck

Vielen Menschen ist eigen, dass sie sich in der Welt wiederfinden wollen in der sie leben. Doch um sich in der Welt wiederzufinden, muss in ihr gelebt werden und die Welt muss so eingerichtet sein und werden, dass alle Menschen, die sich wiederfinden wollen, in ihr leben können. Für Neurotypische mit Right Planet Syndrome (RPS) ist dies besonders schwer, denn sie justieren nicht die Welt zu ihren Gunsten, sondern sich zugunsten der vorgefundenen Welt. Damit können sie sich jedoch nicht in der Welt wiederfinden, da sie nur ihr justiertes Selbst in die Welt einbringen. Die Folge sind Unzufriedenheit, Stress, häufig Depressionen und scheinbar mangelnde Empathie mit Mitmenschen, seien sie neurotypisch oder –divers. Das Right Planet Syndrome (RPS) führt zudem dazu, dass sie diesen Weg als den einzig richtigen empfinden und so die damit einhergehenden Probleme nicht auf die Ursache zurückführen können: Den Anpassungsdruck.

Neurotypische mit Right Planet Syndrome bestärken sich zunächst gegenseitig in ihrer Weltsicht und erzeugen so einen Anpassungsdruck an die vorgefundene Welt. Der Austausch zeigt, dass sie alle mit der Anpassung die gleichen Probleme erleben, die sie damit als „normal“ und unveränderlich verstehen. In einem nächsten Schritt tragen sie diese gemeinsame „Erkenntnis“ nach außen und geben so den Anpassungsdruck an all‘ ihre Mitmenschen weiter. Dies mag auf Menschen ohne Right Planet Syndrome herzlos (RW), gefühlskalt oder wenig empathisch wirken, da diese versuchen diesen Lebensweg ihren Mitmenschen aufzuzwingen´, obwohl sie um die damit zusammenhängenden Probleme wissen.

Doch sind sie nicht gefühlskalt, sie sehen nur keinen anderen Weg. Sie brauchen unsere liebevolle Unterstützung, um selbst zu erkennen, dass ein anderer Weg möglich ist und sie es verdient haben, ihre unjustierte Persönlichkeit in der Welt wiederzufinden.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/05/rps-anpassungsdruck/