Schlagwort-Archiv: antimuslimischer Rassismus

Ein Knast, den eine mitträgt.

Alice Schwarzer, Talkshow-Feministin und Journalistin, hat in der neuen Emma-Ausgabe Nr.4 im Herbst 2012 wieder hervorragend bewiesen, dass sie sich rassistischen Diskursen offen zugewandt hat und diese nun frei heraus vertritt. Im Editorial ihres Blattes deutet sie die Zeichen dieser Zeit, die alle darauf hinweisen, dass ,,Islamisten” die Welt zu einer Katastrophe führen, wenn ich ihre flammende Rede, begonnen tatsächlich mit dem Satz: “Die Welt steht in Flammen”, richtig verstehe.

Ich werde nicht den gesamten Inhalt wiedergeben, stattdessen möchte ich nur einige Schlagwörter heraussammeln, die sich im Laufe dieses Editorials ansammeln, mit dem sie ihr neues rassistisches Buch bewirbt. Da gibt es ,,aufgehetzte Massen”, die ,,Angst, stigmatisiert zu werden: als >islamfeindlich<, >fremdenfeindlich<, >rassistisch<”, das wären nämlich ,,die geistigen Waffen” der ,,agitierenden Islamisten”, mit denen ,,kritische Deutsche” bedroht werden. Auch eine weitere bekannte rassistische Waffe setzt sie ein; spaltet die ,,guten” Muslim*innen von den ,,bösen” Muslim*innen und stellt ihren Kampf als einen dar, der gerade die gemäßigte muslimische Community unterstützen soll. Kopftuchträgerinnen, die ihr in Talkshows begegnen, seien ,,bestens geschulte Propagandistinnen aus islamistischen Organisationen”. Das Kopftuch sei ,,ein Totentuch für Frauen”. Auch die Situation deutscher Frauen* wird idealisiert dargestellt; ,,kleine Musliminnen” sollen “sich frei bewegen wie ihre deutschen Freundinnen”; als ob das Kopftuch die absolute Einschränkung bedeute; eine Art Knast zum Mitnehmen. Über die Bewegungsfreiheit deutscher Frauen* würde ich auch gerne mal mit ihr diskutieren; so im Sinne von sexueller Belästigung, die überall in der Öffentlichkeit droht. Aber nein, wahrer Sexismus droht ja vor allem von den anderen, den religiösen Fanatikern und anderen Fremden.

Erdogans ,,Assimiliation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit” sieht sie als Absage gegen ,,Integration”; denn das wäre Assimilation bloß; und Menschen sollen sich gefälligst auch angleichen, wenn sie in fremden Kulturen unterwegs sind, denn: das hat sie ja in ihrer Zeit in Frankreich auch so gemacht. Dass sie dadurch eine radikalere Tour fährt als selbst die Regierung, die noch klar trennt zwischen Integration und Assimilation, macht die Frau Schwarzer bewusst, denn sie möchte beitragen, sie möchte auftragen, sie möchte unbedingt mehr PI-Leser im Boot haben und sie ignoriert komplett, von wem solche rassistische Schmiere noch kam, nämlich von ihrem vielbeschworenen Osloer Attentäter; der ja ihrer Meinung nach vor allem ein Krieg gegen Frauen führen würde. Am Ende zeichnet sie noch das bereits erwähnte Weltuntergangsszenario, mit dem ein durch Islamisten gänzlich ,,gekippter” Naher Osten Unheil für die restliche Welt hinaufbeschwört. Und da mag mir irgendein Antideutscher nochmal erzählen, dass ,,antimuslimische Ressentiments”, wie sie die Verharmlosung rassistischer Gewalt gegen Muslime nennen, Muslim*innen nicht als Bedrohung darstellen.

Ich erwarte von Frau Schwarzer nichts mehr, bereits lange nicht mehr. Für mich war das jetzt der letzte Auftakt, dass ich sie zu meiner politischen Feindin erkläre. Ich bin vor allem enttäuscht, traurig und wütend; in einer Zeit, in der die Welt von Krisen geschüttelt eine Neoliberalisierung durchläuft, in der Europa sich abschottet gegen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge und Deutschland eine Militarisierung erfährt, die vor Klassenzimmern nicht Halt macht und auch nicht vor Teeniezeitschriften; in der es nicht einfach Sexismus gibt, sondern für viele Menschen ein Paket an Sexismen, Rassismen, generelles Entmenschlichen und in eine Verwertungslogik packen; in dieser Zeit erklärt Frau Schwarzer ,,Islamisten” zu ihren Hauptfeinden. Und das innerhalb eines Diskurses, der die muslimischen Mitmenschen in unserem Land ,,an strammer Leine” hält; denn sollte sich ihre ,,Integration” nicht an irgendeiner ,,Leistung” messbar erzeigen, wird ihnen schonmal durch das Abwatschen ihrer nicht so leistungsfähigen Mitmenschen gezeigt, was ihnen droht: Eine noch stärkere Marginalisierung, etwas, was die meisten von ihnen hier bereits erleben und im Alltag immer befürchten müssen.

Sie sind eingeknickt, Frau Schwarzer. Weil Sie politische Macht mehr lieben, weil Sie es genießen, heute einen Artikel zu schreiben, über den die Menschen reden werden, denn sie lesen, was sie KENNEN; weil Sie demagogisch geworden sind und wissen, wo Sie die Fäden ziehen müssen; weil es Ihnen nicht reicht, die wenigen zu erreichen, die hart kämpfen; Sie sind eingeknickt vor der strukturellen Gewalt der Institutionen, in denen auch Sie sich bewegen, deren staatliche Zuschüsse Sie genießen und in dessen Bild Sie sich umgewandelt haben. Doch auch Sie haben Fäden, an denen andere ziehen; und wo Sie beherrschen, werden auch Sie ganz und gar beherrscht. Willkommen in Ihrem ganz persönlichen Knast, Frau Schwarzer, den Sie mit sich tragen und der in Ihrem Kopf steckt. Sie widern mich an.

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Solidaritätsbekundung für Mely Kiyak

Wir, Muslime, Schwarze Menschen, Schwule, Lesben, Nicht-Männer, …körperlich Beeinträchtigte, Arbeitslose, Araber_innen, Juden und Jüdinnen, Griech_innen, Atheist_innen, Kurd_innen, Türk_innen, Tscherkes_innen, Ostdeutsche, Andersdenkende, Agnostiker_innen, kritische Menschen…, wir alle, die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden, um uns (rechtliche und gesellschaftliche) Gleichbehandlung streitig zu machen, wollen uns in dieser Stellungnahme mit Mely Kiyak solidarisieren: Denn sie ist eine von uns!

Mely Kiyak schrieb in einer ihrer Kolumnen über einen Fernsehauftritt von Thilo Sarrazin bei Günter Jauch. Sarrazin ist bereits durch die Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Erklärungen gegenüber Muslimen, insbesondere gegenüber kurdisch- und türkischstämmigen aufgetreten. Unter anderem hat er viele Probleme des Bildungssystems und schließlich auch der Gesamtgesellschaft auf ‚vererbte‘ Probleme, die durch ‚Inzest‘ unter den genannten Bevölkerungsgruppen entstanden seien, zurückgeführt. Schlimm genug, dass diese rassistischen Meinungen heute unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sowohl von der Springerpresse als auch den sogenannten Qualitätsmedien in die Gesellschaft transportiert und damit salonfähig gemacht werden – immerhin wird das Buch als Bestseller betitelt. Jetzt werden auch Thilo Sarrazins vermeintliche Expertisen zur Wirtschaftskrise gehyped – just einen Tag, nachdem 25 000 Menschen in Frankfurt auf die Straße gegangen sind, um für eine seriösere europäische Finanzpolitik einzutreten, die auf Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gründet. Auch wir empfinden es als eine Verhöhnung der Demokratie in diesem Lande, dass gerade Thilo Sarrazin in diesem Kontext eine öffentliche und von allen hörbare Stimme durch die öffentlich-rechtlichen Sender verliehen wird, und können deshalb verstehen, dass Mely Kiyak ihren Frust darüber loswerden wollte.

Doch als sei dies alles nicht schlimm genug, nun wird Mely Kiyak, die sich als eine der wenigen zu diesen ganzen Unsäglichkeiten in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung geäußert hat, mit einer rassistischen und sexistischen Hetzkampagne verfolgt. (Siehe auch die Facebookseite Fans and Friends of Mely Kiyak.) Zu nennen sind hier zum einen Leser_innenbriefe an die Zeitungen, für die Kiyak schreibt, und zum anderen ein sogenannter Shitstorm, der durch die Beteiligung des rechten und dezidiert antimuslimischen Internetportals PI-news gesteuert (in der Frankfurter Rundschau sind Zitate zu lesen) und von der Bildzeitung in einer rassistischen und sexistischen Weise forciert und unterstützt wird.

Der vorgegebene Grund: Mely Kiyak hat sich in ihrer Kolumne negativ und abwertend auf das Erscheinungsbild und die Mimik von T.S. bezogen. Mittlerweile hat sie sich für ihre verbale Entgleisung aber entschuldigt. Selbstverständlich ist es völlig indiskutabel, einen Menschen wegen seines Aussehens oder wegen körperlicher Beeinträchtigungen zu beschimpfen beziehungsweise körperliche Beeinträchtigungen als Schimpfworte zu benutzen. Wir bedauern in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass andere Menschen beleidigt und verletzt wurden, die ähnliche äußere Merkmale haben wie Sarrazin. Rassismus kann mit solchen körperlichen Einschränkungen weder erklärt noch entschuldigt werden. Und niemand sollte aufgrund ihrer/seiner äußeren Erscheinung mit einem Rassisten wie Sarrazin verglichen werden.

Doch es ist mehr als verwunderlich, dass gerade die Bildzeitung oder PI-News, was “Politically Incorrect-News” bedeutet, genau auf diesen Umstand hinweisen, um Mely Kiyak mit einer diffamierenden Hetzkampagne zu verfolgen. Denn so sehr wir die Wortwahl Mely Kiyaks in diesem Zusammenhang zurückweisen, so sehr wollen wir eine sachlich geführte Debatte um gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich auch um politisch korrekte Sprache. Aber statt einer sachlichen Auseinandersetzung forciert die Bild-Zeitung weiter Verrohung. So wird zum Beispiel T. Sarrazin, der sich auf Kosten der muslimischen Bevölkerung in Deutschland bereichert hat, zum Opfer stilisiert, indem beispielsweise die physiologischen Hintergründe für Sarrazins Mimik in emotionaler und persönlicher Art dargelegt werden, ohne schließlich davor zurückzuscheuen, im selben Artikel Mely Kiyak in der Bildunterschrift auf ihren ethnischen Hintergrund und ihr Geschlecht (was natürlich exakt zu der von Sarrazin vorgegeben Matrix passt) zu reduzieren. Sarrazin wird dagegen im Bild daneben als „Bestsellerautor“ bezeichnet. Demnach ist sie lediglich das Produkt ihrer Gene und er der Schöpfer seiner Leistungen.

Angesichts solcher Diffamierungen und der rassistischen Verbalattacken Sarrazins auf von ihm als „minderwertig“ dargestellte Menschen, vor allem angesichts des großen Beitrags zur „Normalisierung“ rassistischen Vokabulars in Deutschland durch sein Buch und die damit einhergehenden Kolumnen und Interviews würden wir uns wünschen, dass auch Thilo Sarrazin sich bei all den Menschen entschuldigt, die er verletzt und beleidigt hat. Ebenso wünschen wir uns, dass die Bildzeitung die Verantwortung für die eigene Berichterstattung übernimmt und die oben erwähnten Entgleisungen öffentlich korrigiert.”

Unterzeichner_innnen:

1 Sakine Subaşı-Piltz
2 Florian Piltz
3 Anna-Sarah Henning
4 Kiturak
5 Dagmar B. Luftwurzel
6 Ernst Kunz
7 Hüseyin Inak
8 Irena Wachendorff
9 Gülay Demirdag-Yazici
10 Hüseyin Sitki
11 Turgut Yüksel
12 Hülya Lehr
13 Harun Demircan
14 Elisabeth Weller
15 Nadia Shehadeh
16 Michael Klein
17 Stephie Fehr
18 Sula Essokim
19 Lisa Dixon
20 Sophie Link
21 Nadia Doukali
22 Ayse Yildiz
23 Sesperado Lyrical Guerilla
24 Performingrace Germany
25 Birgit Wolf-Bauer
26 Tarik Karaca
27 Phillipp Weidemann
28 Leonie Teigler
29 Lydia Makhloufi
30 Julia Victoria
31 Franca M’hamdi
32 Atif Hussein
33 Malika Doukali
34 Philibuster
35 Osman Tok
36 Mädchenmannschaft
37 Liane Steiner
38 Benjamin Fröhlich Rodrigues
39 A Dizzy Eyrie Ilk
40 Abu Ince
41 Adimi Netcen Guanix
42 Lydia Makhloufi
43 Helga Hansen
44 Bern Hesse
45 Arne Hoffmann
46 Bilgin Lutzke
47 Birgit Wolf-Bauer
48 Cansu Yilmaz
49 Claudia Weiter Nix
50 Danka Rkman
51 Devrim Sirin
52 Dihia Drouaz
53 Elise Hendrick
54 Em Ce
55 Engin Kara
56 Fereshta Ludin
57 Georg Klauda
58 Grecko Junior
59 Gülay Özpulat
60 Gülüm Subasi Erdogan
61 Hakuna Matata
62 Julie Brilliant
63 Leonie Teigler
64 Leyla Jagiella
65 Magda Albrecht
66 Maria Eks
67 Mehmet-Fevzi Birgül
68 Michael Klein
69 Mukadder Bauer
70 Nazlı Özdemir
71 Neşe Tüfekçiler
72 Ömer Özkan
73 Özgür Uludag
74 Paradies Salman
75 Roland Sieber
76 Romina Camila Iclal
77 Sabih Hoseri
78 Güllü Manis
79 Benedikt Stein
80 Rudolfine Soultana
81 Sarah K. Otto
82 Traudel Sievert
83 Tarik Karaca
84 Una Gatito
85 Van Bo Le-Mentzel
86 takeover.beta
87 Sevgi Meryem Ünver
88 Eyüp Özgün
89 Serkan Deniz
90 Karl-Bolko Lesser
91 Sebastian Mraczny

Ergänzung der takeover.beta-Redaktion:

Wir stellen uns eine Entschuldigung anders vor als Mely Kiyak.
Dabei finden wir im Gegensatz zur BILD-Zeitung in keiner Weise, dass eine weitere Entschuldigung bei Sarrazin notwendig oder auch nur wünschenswert wäre.

Kiyaks Aussage war vor allem eine ableistische, und das setzt sich in ihrer Entschuldigung bei Sarrazin leider fort.
Es geht uns auch nicht um eine Augenwischerei durch “politisch korrekte” Sprache, sondern darum, dass über Sprache nicht gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung fortgesetzt wird.
Ihre Aussagen tragen dazu bei, dass Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen weiterhin als “ungewöhnlich” gelten, “besonderer Rücksichtnahme” oder “Toleranz” bedürfen; “unvollkommen” sind. (Zitate sämtlich aus Kiyaks “Klarstellung” übernommen – Warnung: verletzende/ableistische Sprache abgedruckt.)
Wir hätten uns vor allem eine Entschuldigung bei Menschen mit Behinderungen gewünscht, die täglich Ausgrenzung aufgrund von Aussagen wie dieser erfahren.

Eine Entschuldigung bei Sarrazin ist insofern absurd, als diesem über die Jahre hinweg jegliche Formen von diskriminierenden, entmenschlichenden Aussagen nicht nur “versehentlich unterlaufen” sind. Im Gegenteil, er hat sich dieser “Bewertung” von Menschen über die Jahre systematisch gewidmet, bis hin zu einem Buch, das in Deutschland Rekord-Verkaufszahlen erreicht hat.
Dabei hat er insbesondere muslimische, oder kurzerhand zu Muslim_innen erklärte Menschen herabgesetzt. Es steht in keiner Weise zu erwarten, dass Sarrazin sich für sein Buch und seine jahrelange systematische, Menschen verachtende Hetze je entschuldigen wird. Er sieht dies also offensichtlich als erwünschte Form gesellschaftlichen Diskurses an. Dass die BILD-Zeitung es als kritikwürdig ansieht, dass Sarrazin nun ausnahmsweise nach seinen eigenen Maßstäben bewertet wird, ist einigermaßen lachhaft.

Dabei sehen wir Sarrazins Aussagen nicht als eine “Verhöhnung der Demokratie”, schon garnicht der “in unserem Land”. Es hat noch keine Demokratie ohne Rassismus gegeben, und gerade das demokratische System in Deutschland hat eine rassistische Vergangenheit und Gegenwart, die die Thesen Sarrazins nur fortsetzen. Wir stellen uns gegen die rassistischen und klassistischen Aussagen Sarrazins mit dem Bewusstsein, dass sie der herrschenden Ideologie entsprechen.

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Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland

Der neue Liebling des „kleinen Mannes“ (der vermutlich die „kleine Frau” miteinschließt, solang beide weiß, deutsch und hetero sind) Joachim Gauck, hat kürzlich in einem ZEIT-Interview festgestellt, dass nicht der Islam, sondern nur die in Deutschland lebenden Muslim_innen zu Deutschland gehörten. Diese subtile Trennung beruht auf der scharfsinnigen Analyse, dass der Islam ja auch weder Aufklärung noch Reformation erlebt habe. Dankend möchte ich diese Analysekategorien nun auch auf andere Religionen anwenden, die in Deutschland praktiziert werden.
 
Das zweite Kriterium ist dabei schon mal recht einfach: Eine Reformation haben nur die protestantischen Religionen hinter sich und sind somit die einzigen Religionen, die wirklich als richtig deutsch durchgehen können. Zu diesem Schluss waren übrigens auch schon die Nazis gelangt, so dass diese Einschätzung also bereits eine längere Tradition in Deutschland vorweisen kann.
 
Schwieriger wird es bei der Aufklärung.
 
Zwar gab es katholische Aufklärer (mir sind nur Männer bekannt), doch wurden deren Reformansätze ab 1814 unter Pius IX. sämtlich wieder zurückgenommen. Dies sollte dann auch bis zum zweiten vatikanischen Konzil 1962-65 so bleiben. Doch auch seit 1965 sind längst nicht alle Forderungen der Aufklärung erfüllt. So hält die katholische Kirche bis heute an dem Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes oder der als Aberglauben verurteilten Bedeutung bestimmter Rituale fest. Außerdem gibt es immer noch katholische Strömungen, die nicht mal das zweite vatikanische Konzil anerkennen. Besonders bekannt sind hier die Piusbrüder, die nicht etwa wegen ihrer Ablehnung des zweiten vatikanischen Konzils, sondern weil sie ohne Erlaubnis des Papstes eigene Priesterseminare gründeten, ihren Status als katholische Organisation verloren. Die Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbrüder wurde übrigens 2009 vom deutschen (aber nicht zu Deutschland gehörenden) Papst wieder aufgehoben.
 
Gut schneiden hingegen Protestantismus und Judentum in Punkto Aufklärung ab. Sämtliche der bedeutendsten Vertreter_innen der Aufklärung in Deutschland waren Protestant_innen oder Jüd_innen und der Gedanke der Aufklärung setzte sich als Grundüberzeugung in allen jüdischen und protestantischen Milieus durch. Dass die einen später von den Nazis (die zwar Deutsche waren, aber da anti-aufklärerisch offenbar nicht zu Deutschland gehörten) zur Quasi-Staatsreligion gemacht wurden, während die anderen zum Ziel nationalsozialistischer Vernichtungspolitik wurden, könnte darauf hinweisen, dass das Kriterium „Aufklärung“ alleine vielleicht etwas dünn ist. Aber wir wollen uns davon nicht weiter beirren lassen.
Zu erwähnen wäre in Bezung auf den Musterschüler Protestantismus noch, dass sich mit dem steigenden Einfluss Evangelikaler in Deutschland nun auch bei diesem Probleme einschleichen. Die Evangelikalen, deren gemeinsamer Nenner die wörtliche Auslegung der Bibel ist, sind nämlich leider eine ganz und gar anti-aufklärerische Bewegung.
 
Fazit: Auf einer Deutschheitsskala von 0-100% schneiden die untersuchten Religionen so ab:
 
1. Platz: protestantische Kirchen 90% (Reformation ja; Aufklärung bei Hauptströmung dominierend, -10% für erstarkende anti-aufklärerische Evangelikale)
2. Platz: Judentum 45% (keine Reformation; Aufklärung bei Hauptströmung dominierend, -5% für erstarkende Orthodoxie)
3. Platz katholische Kirche 20% (keine Reformation; Aufklärung bei Hauptströmungen nicht voll durchgesetzt; anti-aufklärerische Teilbewegungen)
 
Dieses Ergebnis beruht auf den Analysekriterien eines protestantischen Theologen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
 
 
(Disclaimer: Diese Polemik könnte den Eindruck erwecken, dass ich „Aufklärung“ als uneingeschränkt positive Wertreferenz teile. Mir ist hingegen bewusst, dass es eine koloniale und imperiale Tradition gibt, die „Aufklärung“ als positives Selbstbild anderen Kulturen gegenüber als Mittel der Machtausübung und Rechtfertigung von Rassismus und Unterdrückung zu benutzen. Auf die „Aufklärung“ können sich zudem so unterschiedliche Weltbilder wie Marxismus, Parlamentarismus, Rassenlehre oder Liberalismus (kein Anspruch auf Vollständigkeit) positiv berufen. Mir ist also durchaus bewusst, dass „Aufklärung“, gerade in dieser von Gauck abgrenzend verwendeten Weise, eine höchst problematische Geschichte hat und dass die Werte, die auch ich positiv mit Aufklärung verbinden würde, wie individuelle Selbstbestimmung, Überwindung von Unmündigkeit durch Vernunft etc. selber Teil politischer Auseinandersetzung und Interpretation sind. Mir ging es aber in diesem Artikel weniger darum, die verwendeten Begriffe selber zu hinterfragen, als die Willkürlichkeit und Absurdität solcher „historischer Kriterien“ deutlich zu machen.)

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