Schlagwort-Archiv: Ausschluss

Der Diskurs liegt mir einfach im Blut

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Fremdwörter – Ausschluss – Fachsprache – Feminismus – akademisch – Klassismus – Ableismus – erasure

Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag besser einleiten kann als mit diesem Tweet von @Faye_La_Chatte

Antje Schrupp greift nun auch mal kurz die Kritik an der schwierigen Sprache von feministischen Artikeln auf. Und Antje Schrupp weiß: wer nicht versteht, di:er will nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht.

Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen.

Antje Schrupp wiederholt gerne, dass Kritik an schweren Texten eigentlich nur von Leuten kommt, die sich halt nicht mit deren Inhalt auseinandersetzen wollen. Diese beliebte These [normalerweise: wissenschaftliche Behauptung] wurde schon von @thinkpunk und shehadistan geäußert und keine*r scheint sich dran zu stören, dass dem immer wieder widersprochen wird. Zum Beispiel in einem ganzen verfluchten Artikel von kiturak. Kiturak beantwortet sogar die Frage sehr deutlich, wer einfach Sprache (von Naturwissenschaftler*innen) fordert. Seht euch das an:

Antwort – ich tu das.

Unglaublich. Eine Person, die nicht mit einem “Gedankt sei dem Patriarchat.” auf den Lippen aufsteht und weniger ausschließende Sprache fordert. Schauen wir weiter. Oh, guck

Scheint ja irgendwie, als würde Bäumchen in diesem Feminismus-Klub gerne mitmachen. Was haben wir denn sonst noch?

Marlen_e kommentiert unter kituraks Artikel

Ich bin so unglaublich froh über diesen Artikel [...].

Mich hat diese Debatte fertig gemacht, ich fühle mich scheiße, mickrig, exkludiert und verhöhnt. Und Nadias Artikel hat das quasi komplettiert.

Ich kann nicht viel sagen hier, außer, dass ich froh bin, mich in der Debatte das erste Mal [...] NICHT minderwertig, unwissend, gebildet genug und generell defizitär für “den Feminismus” zu fühlen.

Scheint, als hätte die Marlen_e so prinzipiell auch Interesse am Feminismus.

Und guten Tag, darf ich mich vorstellen: Esme ist mein Name. Ich finde Feminismus nicht scheiße. Und ich fordere leichtere Sprache.
Da wären wir also schon ein paar Menschen, die Klassismus ablehnen. Nicht zu reden von Clara Rosa, die sich dem Thema Klassismus auf einem ganzen Blog widmet. Und Feminismus auch nicht scheiße findet.

Warum mache ich diese lächerlich und pingelig anmutende Aufzählung? Weil die ganze Zeit in dieser beschissenen Debatte Erasure betrieben wird. Das heißt, dass Menschen, die von Klassismus betroffen sind/komplizierte Sprache ablehnen, unsichtbar gemacht werden. Dies geschieht völlig unverfroren durch Leute, die sich angeblich gegen Diskriminierung einsetzen. Halt ausschließlich gegen andere Formen, anscheinend. Du wirst einfach ignoriert.
Wenn man doch so gnädig ist, dich zu beachten, wirst du lapidar gefragt, wo dein Klassismus-Betroffenen-Ausweis ist. Ich weiß nicht genau, ob man aktuell nachweisen muss, dass man nicht studiert hat, von unter 200€ lebt oder was auch immer, damit einer* erlaubt wird, sich gegen den ganzen Scheiß auszusprechen.

Kleines Nebengleis (RW=Redewendung): Menschen zu zwingen, die Diskriminierung, von der sie betroffen sind, offenzulegen, ist unsolidarisch. Es kann beschämend sein und führt in jedem Falle dazu, dass negativ Betroffene sich seltener äußern können. Ausgerechnet zu Themen, die sie am krassesten einschränken!
Hinzu kommt eine sonderbare Einstellung, die ich in letzter Zeit öfters gelesen habe. Sie besagt, dass nur Echte Diskriminierte “ihre” Form von Diskriminierung kritisieren dürfen. Ich verstehe dieses Konzept von vorne bis hinten nicht: Betroffene sollen absichtlich allein gelassen werden? Sie sollen dazu gezwungen werden, sich erst zu outen und dann alleine gegen die Ablehnung zu kämpfen, die ihnen entgegenschlägt? Sie sollen alleine, obwohl sie sich in einer angeblich fortschrittlichen Bewegung wie dem Feminismus befinden, ihren Weg freikämpfen? Was ist das für ein furchtbares Konzept?
Dass es nicht in Ordnung ist über andere hinweg zu sprechen, ist mir klar. Aber wenn jede Form von solidarischer Unterstützung als Bevormundung bezeichnet wird, haben wir ein Problem.

Was Antje Schrupp im obigen Zitat tut und durch diesen Zwang zum Outing geschieht, ist Unsichtbarmachen von Klassismus-Betroffenen. Es ist darüber hinaus Victim Blaming. Es ist so unglaublich verdreht, es ist kaum zu begreifen: nicht die Menschen trifft die Schuld, die durch Sprache ausschließen. Die Schuld trifft die Leser*innen, die die Texte einfach nicht genug verstehen wollen. Sonst hätten sie ja keine Probleme. Antje Schrupp gibt in ihrem eigenen Artikel zu, dass ein Teil ihrer Zielgruppe ein Fremdwörterlexikon zücken muss, um sich durch entsprechende Texte zu arbeiten und die Konsequenz, die sie daraus zieht, ist dass andere es einfach nicht genug versuchen.

Das Argument, dass mich echt aus den Socken haut (RW), ist das folgende (Zitat Antje Schrupp):

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer.” Da hab ich echt keine Worte für. ANTI-DISKRIMINIERUNG IST IMMER SCHWER. Seit wann hält denn das irgendwen ab?! “Kein Blackface zu benutzen ist schwer.” War das nicht mal ein Argument, dass nur “die anderen” benutzen? Worum es hier geht, sind Prioritäten.

Schreibt halt: “Ich fühl’ mich klüger mit Fremdwörtern.” oder “Hab keinen Bock, mehr über Wörter nachzudenken, nur um Ausschluss zu vermeiden.” oder meinetwegen auch: “Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.” – is ja manchmal sogar berechtigt!
Was mich an dieser Diskussion aufregt, ist nicht an sich, dass die Texte schwer sind. Es sind die riesigen großen Lügen.
Ich kann damit leben, wenn ihr schreibt, dass eure Texte halt nur für Leute sind, die die Energie oder Ausbildung haben, sich durch Fremdwort-Wüsten zu schleppen. Dann liegen die Karten wenigstens auf dem Tisch (RW). Ich weiß, dass ich euch nicht lesen werde und alles ist klar. Stattdessen kommt diese unglaubliche Menge an lächerlichen und hahnebüchenen Ausreden. Dass nur Gegner*innen des Feminismus so etwas fordern. Dass man doch bitte mal nachweisen soll, dass man von Klassismus betroffen ist. Dass eh nur Akademiker*innen feministisch sind. Das ist echt ein toller Strauß, gebunden aus “Fuck yous”, den ihr da für alle zusammenstellt, die die Texte halt nicht ohne größeren Aufwand verstehen.
Ich weiß, dass es tatsächlich diese Leute gibt, die Feminismus scheiße finden. Ich weiß, dass die mit allem ablenken, dass ihnen einfällt. Ich weiß aber auch, dass auf “interne” Kritik bis jetzt einfach – nicht – reagiert – wurde. Da wird der Verweis auf Antifeminist*innen zu einer vollkommen durschnittlichen Abwehrreaktion.

Bevor wir uns ganz verheddern, will ich noch einen Moment drauf eingehen, was für mich denn “schwierige Sprache” ist.
Ich unterteile in “Fachwörter” (“Sexismus”, “People of Color”, die Sternchen, Unterstriche und Doppelpunkte in Wörtern), Fremdwörter und feministischen (?) Jargon [Sondersprache mit speziellem Wortschatz].

Fremdwörter versuche ich in meinen Texten seit Neuestem zu vermeiden. Meist lassen sich andere Wörter dafür finden oder eine andere Formulierung. Ja, seit ich das, was ich im verlinkten Text angekündigt habe, tue, brauche ich länger für meine Texte. Aber das ist es mir gerade wert.
“Fachwörter” werde ich vorerst nicht ersetzen. Obwohl ich bei selteneren Begriffen wie “Intersektionalität” trotzdem nachdenken werde, ob es nicht auch “Mehrfachdiskriminierung” tut. Ich biete nach wie vor mein Glossar an, weil mir klar ist, dass man nicht alle dieser Wörter kennen kann.
Und dann gibt es den feministischen (?) Jargon, bei dem ich automatisch aus ‘nem Text aussteige. Ich weiß nicht genau, aus welcher Ecke er kommt und inwiefern sich unersetzliche Begriffe darin finden, aber wenn ich “normativ”, “Diskurs” oder “Positionierung” lese, beginne ich den geordneten Rückzug.

Wie ich oben schon sagte, finde ich nicht einmal am schlimmsten, dass gewisse Wörter verwendet werden. Ich kann die Selbstverständlichkeit nicht ab, mit der sie genutzt werden. Ich kann nicht ab, dass den Kritisierten für keine Sekunde anzumerken ist, dass sie über die Hinweise nachdenken.
Wenn ich einer Person anmerke, dass sie sich Mühe gibt, sich leicht verständlich auszudrücken oder Schlagwörter zu erklären, zeigt das einfach mal Rücksicht. Selbst wenn der Text dann immer noch auf die ein oder andere Weise kompliziert ist, mache ich mir vielleicht die Mühe, etwas Zeit darauf zu verwenden. Denn die Person hat sich auch Zeit für mein Anliegen genommen.

Zum Abschluss ein letztes Zitat aus Schrupps Text:

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist.

Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich, warum die im Feminismus beginnende Inklusion [das Miteinbeziehen] (die sich in Deutschland echt verflucht langsam vollzieht, wenn ihr mich fragt) an Klassengrenzen aufhört. Ich frage mich, warum sich Leute dafür entscheiden, die einen Frauen* mitzunehmen, aber die anderen links liegen zu lassen (RW). Und ich frage mich, wer sich dafür entscheidet, das als “radikalen” Feminismus zu verstehen.

Nachtrag 23.10.2012:

In den Kommentaren (auf High on Clichés) kam auf, dass es schwer ist den Verlauf der ganzen Diskussion nachzuvollziehen. Daher nochmal in der richtigen zeitlichen Reihenfolge die vorhergehenden Artikel. Ein Teil der Diskussionen lief auch auf Twitter oder Facebook ab bzw. auch auf dem internen takeover.beta-Forum. Das kann ich leider nicht alles zusammenfassen.

…und hier bin ich.

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/10/der-diskurs-liegt-mir-einfach-im-blut/

Intelligenzija

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Klassismus – Intelligenz – Ableismus – unsere Gesellschaft – Ausschluss

Im Folgenden meine ich mit “Intelligenz” nur das, was man mit IQ-Tests ermitteln möchte/die Gesellschaft als “intelligent” akzeptiert.

In meinen Kommentarregeln [auf High on Clichés] steht, dass ich weder “Idiot” noch “dumm” auf dieser Seite lesen möchte. Schon seid einiger Zeit verkneife ich mir diese Worte sowie “blöd” und auch “bescheuert”, obwohl ich über letzterem immer noch grübele. Für viele Gelegenheiten bleibt dann nicht mehr viel übrig, das ich sagen kann, aber das ist nun einmal ein gesellschaftliches Problem.

In mir zuckt es auch zusammen, wenn jemand sich ereifert, wie “dumm” doch ein*e andere*r sei, dies und jenes nicht zu verstehen.
Das transportiert: “Ich kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die nicht exakt die gleichen Dinge gelernt und erlebt haben wie ich.”, immer verbunden mit dem Glauben, dass die anderen deswegen zwangsläufig weniger wissen müssen.

Wissen wird in einer Hierarchie geordnet. An der Spitze steht das, was man für einen Intelligenztest benötigt, um Politik oder (westliche, männliche, heterosexuelle, weiße) Geschichte erklären zu können. Je weiter sich das Wissen vom Notwendigen des westlichen weißen erwachsenen verpartnerten Mannes entfernt, desto unwichtiger wird es. Popkulturelles Wissen wird von der “Elite” verächtlich betrachtet, es sei denn, es handelt sich nicht um Popkultur, sondern “Kunst”. Welche Werke den Schritt von Popkultur zu Kunst vollzogen haben, wird dabei wiederum von Eliten bestimmt.
Wissen, das abseits von Sternekocherei für die Aufrechterhaltung des Haushaltes benötigt wird, ist ebenso unwichtig. Sich schminken zu können, ist “keine Kunst”. Youtuberinnen*, die Makeup- oder Haushaltstips geben, müssen sich regelmäßig anhören, wie “nutzlos” das sei. So viel zur Hierarchie von Wissen.

Dann gibt es noch den anderen Aspekt: Wissen scheint tatsächlich als quantifiziert wahrgenommen zu werden; es gibt Leute die “viel” wissen und welche die “(zu) wenig” wissen, allgemein als “dumm” bezeichnet. Wie an dieser Stelle sicher schon klar ist, muss man, um “viel” zu wissen viel vom Richtigen wissen. Landwirtschaftliche Geräte und wie man sie am effektivsten nutzt bis ins kleinste Detail zu verstehen ist nicht gefragt, noch die Produktunterschiede verschiedener Kosmetikmarken ausführlich auflisten zu können. Hier schlägt die Hierarchie wieder zu.
Zwangsläufig kommt es zu einer Abwertung von Menschen, die nicht weiß, akademisch, männlich, … sind. Denn egal wie viel sie von dem, was sie für ihre Lebensrealität brauchen, wissen, es wird immer das Falsche sein. Sie mögen wesentlich mehr wissen, weil ihnen – über das “Richtige” hinaus – noch das bekannt ist, womit sie ihre tägliche Arbeit bestreiten, aber das zählt nicht.
Gleichzeitig wird ihre “Dummheit” dazu herangezogen, Forderung nach mehr Anerkennung, gerechter Behandlung als nicht legitim zu verwerfen und sie als Personengruppe schlicht herabzusetzen. Ihre Dummheit soll bedeuten, dass sie es “nicht besser verdient haben”. Dummheit als Grund für Strafe und Aberkennung der Menschlichkeit. (Hartz IV.)

Ein offensichtlichter Konsequenz hat das natürlich auch: Menschen, denen man anmerkt, dass sie einen niedrigeren IQ haben oder wo Menschen einfach glauben, dass das so sei, werden unmittelbar mit allen negativen Stereotypen belegt und sind entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Ableismus und Klassismus ist Tür und Tor geöffnet (auch Speziezismus, wenn ich drüber nachdenke).

Die “Intelligenten” verfallen derweil in eine Hybris¹. Ja, alle, die ihr (wie ich) studiert oder studiert habt: wir sind nicht ausgenommen. Intelligenz und “gebildet sein” wird eine positive Bedeutung beigemessen. Dialektloses Sprechen hilft, feministische Schlagwörter verleihen einen Anschein der Kompetenz. Hier werden ganz aktiv Menschen ausgeschlossen oder gehen von selbst. Wer will aber zu denen gehören, die zu intelligent wären, um auf den Täter ‘reinzufallen?

Ich schrecke wahrscheinlich keine*n mehr auf, wenn ich darauf hinweise, dass all das Aufwerten der einen und Abwerten der anderen Absicht ist. Unser System funktioniert prächtig, wenn wir immer neue Gründe finden, Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Wie sollen wir sonst vor uns rechtfertigen, andere wie Dreck zu behandeln?

Edit: Wer Anmerkungen zu meinen Erwähnungen von IQ-Tests machen möchte, bitte zuvor diese Kommentare lesen.

1 Selbstüberschätzung

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