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Die Sache mit der politischen Unverständlichkeit

cross-posted auf kiturak
(Nachtrag: Dort gibt es eine Fassung mit kürzeren Sätzen. Damit es nachvollziehbar bleibt, lasse ich das Original hier stehen. kiturak)

Hier jetzt auch noch meine Mayo* zu der Diskussion der letzten Tage darum, wie unverständlich, akademisch, in-Cliquen-mäßig oder sonstwie Feminismus daherkommen darf, soll, oder auch nicht.
Ich schreib’ absichtlich “Feminismus”, weil’s angeblich eben genau darum wieder mal geht: Der gute alte “Nur-” Feminismus, in dem andere *ismen WIE ZUM BEISPIEL KLASSISMUS nicht so richtig wichtig sind, oder nicht so ganz in Verbindung gebracht werden mit dem, was da so täglich gemacht und gesagt wird.

Natürlich betrifft das auch andere politische Bewegungen. Klassismus betrifft alle politischen Bewegungen.

Also, alles kenn ich nicht, viel wurd’ ja auch schon früher dazu gesagt, hab ich nicht den Überblick. Wer gute Texte kennt, bitte gern sagen, und es tut mir leid für die Lücke.
Zu den letzten Tagen: Da gab es das Barcamp Frauen, auf dem Kritik daran geübt wurde, dass Feminist_innen zuwenig Alltagssprache benutzen. Wer wie wann in welcher Form insgesamt weiß ich nicht genau.
Da gab es einen darauf folgenden taz-Artikel, der das aufgriff und den Anwesenden auf dem Barcamp mal locker die eigene Meinung unterjubelt, nämlich

Dass feministische Anliegen oft selbst verschuldet am Mainstream vorbeischrammen.

Da gab es den Artikel auf queer_in theory, der klarmacht, in welcher beschissenen Zwickmühle Feminist_innen stecken, gegen die einerseits auf einfache Forderungen hin pseudowissenschaftlicher Mist eingesetzt wird, wogegen sich aber dann bitte nur “einfach verständlich” gewehrt werden darf – und aus “Nein Heißt Nein!” werden auf äußeren Druck dann halt wissenschaftliche Aufsätze, grob gesagt.

Was Bullshit ist, ist sich an einem Spiel zu beteiligen, das so hingebastelt ist, dass eine_r nicht gewinnen kann.

Und nun schreibt Nadia Shehadeh unter anderem, das schließlich von anderen Wissenschaften oder sonstigen entsprechenden Umfeldern auch nicht sone Mainstream-Tauglichkeit gefordert wird.

Schön und gut. Fang ich mal damit an, die Frage von Nadia Shehadeh:

Wer bittet denn den ganzen Tag Naturwissenschaftler_innen darum, sich bitte LEICHT und FÜR ALLE und überhaupt so furzig und easy (und BITTE NICHT AGGRESSIV WENN EINER WAS NICHT VERSTEHT!) auszudrücken?

Antwort – ich tu das. Viele Naturwissenschaftler_innen selbst tun das – nur, in dem Bereich ist es halt noch weniger akzeptiert. Das macht’s aber nicht ok.

Na klar gibt es das Feminismus-muss-einfach-verständlich-sein-weil-was-können-FRAUEN(tm)-schon-für-Probleme-haben?!-Ding. Ja, ich hass das auch MIT ALL MEINEM HASS.
Und klar! ist der Hohn, den es immer wieder über Sprache im Feminismus regnet, zum Teil schlicht ne Weigerung, weniger diskriminierende Sprache zu akzeptieren – weil “versteht ja niemand”.
Und was soll der Scheiß, eine Anpassung an den “Mainstream” zu fordern in einem Blatt, das links sein will – ohne auch nur drauf zu schauen, um welchen “Mainstream” es da eigentlich geht? Vielleicht sollen wir alle auch unsere Forderungen bisschen anpassen, ja? Damits nicht alles so krass rüberkommt?

Weil das ist es doch – WELCHER “Mainstream”, WARUM verständliche Sprache? Weil, was da nie steht, DAS WORT, es geht halt schlicht um eine Kritik an Klassismus in all den schicken politischen Bewegungen.
Es geht darum, dass akademisches Fachsprech ausschließend und diskriminierend ist. Kein Klassismus! ist halt wichtiger als was irgendwelche Mainstream-Privilegienhansjoachims von uns denken, oder auch nur die Leute, die wollen, dass wir lieb zu denen sind. In der Debatte fehlt mir bisher, dass viele Leute, Blogs, Zeitschriften und wasweißich, einfach völlig unnötig superakademisch daherkommen – und da sind die feministischen teilweise noch am wenigsten schlimm.** Auch um hier mal die Karten auf den Tisch zu legen (RW): Ich hab selbst schon studiert. Sogar Geistes- und Sozialwissenschaftskram (wenn auch nichts in der Richtung Gender oder anti-*ismus). UND ich komm aus einer akademischen weißdeutschen Familie.
Und selbst ich verstehe zum guten Teil davon kaum was davon, was so geschrieben wird. Genau wie in der Uni auch schon. Und wenn ich mich dann mal durch so Wust durchgekämpft hab’, und in 3/4 der Fälle merke, dass der Schmodder aus einer halben Seite in eineinhalb klar verständliche Sätze gepasst hätte – dann krieg ich damals wie heute die Wut.
Es geht doch darum, dass es als was Positives gesehen wird, lauter politisch-akademische Fachsprache zu benutzen, auch wenn’s einfacher ginge – gerade von Leuten, die es nicht verstehen, und sich deswegen scheiße fühlen (zum Beispiel ich lange Zeit, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Dass Leute, die die Fachsprache drauf haben, es garnicht versuchen, mit allen Politik zu machen, die ein Thema angeht. Dass ich Leute frage, ob sie nicht Lust haben, was zu schreiben, coole Leute, politische Leute, studierende Leute – und dann heißt es “ich kann das nicht so gut”. Was soll ich sagen? “Oh, geh doch am Besten in nen “antiklassistischen” “empowerment”-”Workshop” gegen das, was ich da mache. Kann allerdings nix garantieren – das gesamte Umfeld ist halt scheiße”? Weil so sieht’s aus, Leute.

Das ist halt einfach ne Pleite für eine politische Bewegung, wenn den Menschen, für und mit denen’s angeblich sein soll, erklärt wird, sie seien leider Nicht Gut Genug, wenn sie sich in das akademische Geseiere nicht reinarbeiten können oder wollen.
Klar ist das nicht eine Erfindung des Feminismus, sondern klassistischer Normalzustand – und das ist das Ärgerliche, und JA KLAR! Sexistische daran (Frauen ™ sollen doch bitte alles vorkauen und nett und lieb sagen und keine_n vor den Kopf stoßen (RW), und einsehen, dass jeder ZEIT-Magazin-Günther ihre politischen Gedanken sofort mit der linken Hirnhälfte auf den Rücken gebunden überblicken kann UND WENN NICHT MÜSSEN SIE EBEN DAFÜR SORGEN – ne?). Aber das heißt doch nicht, dass Feminist_innen oder andere politische Aktivist_innen diese Scheiße mitmachen müssen.

Wenn Nadia Shehadeh schreibt -

Machen wir uns nix vor, in der Bubble hocken doch primär akademisch-verseuchte Personen, viele von denen geisteswissenschaftlich eingenordet

dann weiß ich wie immer nicht genau, wer oder was mit “Bubble” gemeint ist – feministische Parallelgesellschaft? Welche? Die, in der ich mitbekomme, dass es diese Diskussion gibt?
Jedenfalls, wenn ich das lese als: im Feminismus oder irgendwie feministischen Umfeld oder so, online oder nicht, seien doch überhaupt in der Mehrzahl Akademiker_innen unterwegs? Das ist doch ganz schlicht ein klassistischer Ausschluss. Und soweit das stimmt (also das mit der Mehrzahl), ist es doch irgendwann auch ne selbst erfüllende Prophezeiung: Leute haben halt kein Bock auf den elitären Mist (also wieder ich zum Beispiel, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Soweit das stimmt, ist das halt ein Problem, Diskriminierung, und nicht ein akzeptabler Zustand.

Die Sache ist doch: weder wissenschaftlich noch politisch muss automatisch unverständlich heißen. Nicht immer. Und das ärgert mich so an der Argumentation. Da wird die Forderung nach verständlicher Sprache und Inklusion*** mal gleichgesetzt mit “halbgarem Und-alle-so-yeah-Feminismus” (queer_in theory) oder, ne, vorgeschlagen, “Wer irgendwas Flauschiges mit ganz viel Spaß und Spannung und Schokolade haben will, die_der kann sich ja ein Überraschungsei kaufen. Und hoffen, dass ein Miniatur-Furby drin ist.” (Shehadeh). Da wird (Neulich auf Facebook) bei decolonize the city auf die gleiche Kritik herablassend reagiert damit, eine Konferenz sei ja nun kein Spieleabend. Ja Scheiße, Leute. Vielleicht wollen wir alle miteinander nochmal drüber nachdenken, wen das eigentlich grade im Grunde als Nicht Gut Genug für all die feine politische Theorie hinstellt? Wem zu ner harten gesellschaftlichen Unterdrückung auch noch der Hohn gratis dazugeliefert wird, mensch komme ja offensichtlich nur mit einem Leben aus blasslila Flausch klar?

Ich kann mich der Kritikerin nur anschließen, die schreibt:

Nur weil eine_r Akademiker_in ist, heißt doch nich dass man nich mehr normal reden kann. Das doch ne Entscheidung, da so rumzudozieren als wär man in der Uni.

Word.

Und da, wo’s mal nicht anders geht: Was hindert Leute daran, sowas zu trennen, ne entsprechende Anmerkung davor zu schreiben, was weiß ich?
Das ganze Geschwurbele ist doch sogar in der Wissenschaft selbst genau das, was es in politischen Blogs ist: Ein Machtspielchen. Dominanzgehabe. Kann ja Gründe geben, das mal mitzumachen – ne strategische Entscheidung, so wie jede Beteiligung an jedem Scheißsystem. Aber bitte behandelt und kritisiert das doch ehrlicherweise genau so – und tut nicht so, als sei eine akademische Revolution etwas anderes als traurige Realsatire mit Tradition. So sehr ich den Artikel von queer_in theory geliebt hab – aber:

Wir können Pseudowissenschaft mit wirklicher Wissenschaft bekämpfen und andere von uns können Pseudowissenschaft ignorieren und in der Bubble tolle Dinge tun und darin Platz für mehr Leute schaffen.

WELCHE BUBBLE, VERDAMMTE SCHEIßE? Die mit der Regenbogen-sorglos-Welt der nicht Studierten? Während die Echten Harten Feminist_innen Da Draußen die Akademieschlacht austragen? Nee. Ich kündige diesen Satz. Ich trete aus. Oder so. Das ist eklig.

* RW (Redewendung), von “mein Senf” = meine Meinung, die ich zu allem anderen, was schon geschrieben wurde, auch noch dazugebe. Statt dessen Mayo, weil ich die grad gern mag und außerdem gern Redewendungen ändere.
** Mein persönlicher Hass gilt diesen unzähligen Blogs von linken Typen, bei denen schon in den ersten zwei Sätzen klargemacht wird, dass das Nicht Für Leute Wie Mich ist, weil ADORNO(tm) oder so. – Nix gegen Adorno.
*** wikipedia: “Die Forderung nach Sozialer Inklusion ist verwirklicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen.”

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