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RPS-Beispiel: Darf ich [Name] anrufen?

Die vermehrt neurotypische Darstellung dieses Problems erfolgt häufig in US-amerikanischen Spielfilmen über die 3-Tagesregel für romantische Beziehungen, nach welcher Frauen überhaupt nicht anrufen dürfen, Männer erst drei Tage nach einem „Date“ und Menschen, die weder Frau noch Mann sind, nicht vorkommen. Zum Beispiel (insbesondere 0:20-0:27  und 1:06-1:15):


[Trailer des Kinofilms "Er steht einfach nicht auf dich". Transcript der Passagen siehe unten. kiturak]

Auch im deutschen Umfeld – sowohl in Spielfilmen als auch außerhalb von Spielfilmen – gibt es ein ähnliches neurotypisches Symptom: Eine unbeteiligte Person wird nach den Bedürfnissen einer abwesenden Person befragt, an welcher die fragende Person ein romantisches, sympathiebezogenes oder sexuelles Interesse hat. Derartige Fragestellungen sind zum Beispiel:

  • „Sollte ich mich bei ihm_ihr melden?“
  • „Ich hab eine SMS geschickt und noch keine Antwort bekommen. Wirkt es „komisch“, wenn ich mich nochmal melde?“
  • „Glaubst Du, ich wirke verzweifelt/interessiert/übergriffig/etc., wenn ich mich (nochmal) bei ihm_ihr melde?“
  • „Glaubst Du ich überfordere [Name] mit langen E-Mails/häufigen Anrufen/[Sympathiebekundungen]?“
  • „Warum hat [Name] sich noch nicht gemeldet?“

Grundlage dieser Fragestellung ist natürlich das Right Planet Syndrome, da dies die einzige Erklärung dafür ist, warum die fragende Person glaubt, von der unbeteiligten Person erfahren zu können, wie die abwesende Person eine Handlung auffasst. Selbstverständlich ist die einzige Person, die diese Fragen korrekt beantworten könnte, die abwesende Person. Die abwesende Person gilt jedoch als unfragbar, da anscheinend das Interesse kaschiert werden muss. Ebenso kommt es vermehrt zu „Glückstreffern“ der gefragten Person aufgrund des Anpassungsdrucks.

Für die Therapie ist der emotionale Zustand der fragenden Person ein guter Ausgangspunkt, um die Reflektion dazu zu beginnen, ob es wirklich notwendig ist, weiterhin daran festzuhalten, dass sie ihre eigenen Interessen kaschieren muss und ob eine direkte Kommunikation mit der die von der Frage betroffene Person nicht einerseits zur Problemlösung zweckdienlicher wäre und ein Kennenlernen außerhalb der Anpassungsdruck-Problematik erleichtern würde.

P.S.: I’m totally in love with Rachel Cohen-Rottenberg. Ich werde nach dem Vorbild ihrer fantastischen Analyse des EQ-Test demnächst außerhalb der RPS-Reihe etwas Ähnliches für die Prosopagnosie-Tests machen.

[Transcript Video-Passagen:
0:20 Gigi (Ginnifer Goodwin) am Telefon, liest von einem Block ab: Hi Connor! Du hast Dich nicht gemeldet, und mal ehrlich: Dass Frauen immer darauf warten müssen, bis die Typen sie anrufen, ist doch bescheuert, oder?

1:06 Gigis Anrufbeantworter: Sie haben keine neuen Nachrichten.
(eingeblendete Unterhaltung zwischen Gigi und Alex)
Alex (Justin Long): Du meinst, Du bist tagelang zwanghaft um Dein Telefon rumgeschlichen?
Gigi: Vielleicht hat er meine Nummer verloren oder ist verreist oder wurde von einem Taxi überfahren?
Alex (im Bild): Oder er will vielleicht einfach nichts von Dir.
(Gigi schaut verständnislos)]

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