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Leben mit Depressionen

Nachtrag: Auch wenn der Artikel von der Form her sehr allgemein geschrieben ist, ist er nur Ausdruck meiner Erfahrung. Depressionen fühlen sich nicht genau so für jede*n an. Sie wirken sich auch nicht genau so für jede*n aus. Ich beschreibe also nicht Depression schlechthin, sondern nur das, was meiner Erfahrung entspricht. Andere Personen haben eigene Erfahrungen gemacht.

Inhaltswarnung: Erwähnung von Suizid, jedoch keine dahingehenden Gedanken

Depressiv zu sein bedeutet Stille. Es fällt schwer Menschen davon zu erzählen und dann kann man nicht einmal etwas vorweisen. Und so “richtig” depressiv ist man ja auch nicht, denn man hat noch nicht mal einen Selbstmordversuch unternommen. Es gibt dafür auch keine Hilfe an der Universität. Deine Studienzeit ist halt auf so und so viel Semester festgelegt. Niemand plant, da irgendwie mit deinen Gefühlen klarzukommen. Es gibt halt das Arbeitspensum und wie das erfüllt wird? Interessiert keine_n. Es gibt keine Anpassungen dafür. Keine besonderen Plätze, an denen man sich hinsetzen und ausruhen kann. Keine Alltagshilfe, falls man die grundlegenden Sachen nicht auf die Reihe kriegt. Essen und Essen kaufen zum Beispiel. Wenn du nicht ständig erklärst, wie schlecht es dir geht, wird es völlig übersehen. Aber selbst dann, wie erklärst du Menschen, dass du nicht meinst, dass du einen schlechten Tag hast? Dass du heute nicht “faul” bist, sondern dass dir die Müdigkeit in den Knochen sitzt, dass aufstehen eine unüberwindbare Hürde ist, dass – du – nicht – kannst. Jede Handlung ist zu viel. Und dennoch schleppt man sich durch den Alltag, wenn man keine andere Möglichkeit sieht, weil muss ja. Und wieder ist man in die Falle gegangen und erweckt den Anschein, als ginge es ja. Während man sich selbst weiter ausbeutet.
Freund_innen sind traurig. Sie wundern sich, warum du so wenig Zeit mit ihnen verbringst. Du brauchst Wochen und Monate, um ihnen zu antworten. Anscheinend magst du sie nicht? Sonst würdest du dir ja die Mühe machen ihnen zu schreiben? Dass du heute mit duschen, essen, Uni, Arbeit, nach Hause kommen alle vorhandene Energie aufgebraucht hast, dass das über Tage und Wochen gehen kann. Schwer vorstellbar. Und sie können es dir nicht ansehen. Du leitest nicht jedes Gespräch ein mit “Und übrigens, heute bin ich depressiv.” Und auch, wenn du es ihnen erklärst, können sie nicht abschätzen, wie lange du denn depressiv sein wirst. Und was heißt das überhaupt. Und zwischendurch haben wir uns doch getroffen, hättest du da nicht auch mal selbst ein Treffen anschubsen können? Es ist ihnen nicht nachvollziehbar, wie weit du schon wieder über deine Kraftreserven gegangen bist. Nicht fähig irgendwas zu tun, außer noch dein Essen zu machen, danach 2 Tage vor dem Computer gesessen hast. Was dir auch keine Linderung verschafft hat.
Der Kampf ist unsichtbar. Wie viel Überwindung am Morgen drin gesteckt hat, nicht einfach dazusitzen und vor dich hinzustarren. Aufstehen. Überwindung. Essen zubereiten. Überwindung. Zwischendurch nicht hinsetzen. Überwindung. Essen. Wenn’s scheiße läuft: Überwindung. Duschen gehen: Überwindung. Nicht wieder hinlegen. Überwindung. Sachen zum Anziehen raussuchen. Ach fuck, Entscheidungen treffen. Furchtbar. Anstrengend. Nicht sitzen bleiben, anziehen. Überwindung. Usw.
Das Gemeinste an der ganzen Sache: irgendwie willst du selbst klarkommen. Du willst nicht als Versager_in dastehen und nach außen organisiert und beisammen wirken. Bei einigen klappt das sehr gut. Bis es nicht mehr klappt. Der Preis ist die ständige Erschöpfung.
Um deine Fassade aufrecht zu erhalten, quälst du dich weiter. Der einzige Weg, der nicht in Frage kommt: einfach. nichts. tun.

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Fromme Jugend.

Crossposted auf Baum der Glückseligkeit.

Hier­mit spre­che ich eine In­halts­war­nung aus. In die­sem Post habe ich ver­sucht, meine Ge­dan­ken und Ge­füh­le und Er­leb­nis­se be­züg­lich mei­ner ehe­ma­li­gen christ­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft ein­zu­ord­nen, den re­li­giö­sen Miss­brauch und die Stig­ma­ti­sie­run­gen, die ich er­lebt habe, den Scha­den, den es an­rich­te­te und die Ver­ant­wor­tung, die ich trage. Her­aus dabei kam etwas Un­ab­ge­schlos­se­nes, teil­wei­se Wir­res; ich kann kei­nen roten Faden an­bie­ten, keine Moral. Ich ver­fan­ge mich in De­tail­haf­tig­keit, um dann wie­der große Zeit­ab­schnit­te zu über­sprin­gen. Die Ge­schich­te han­delt von einer Art Sub­kul­tur. Es ist auch eine Ge­schich­te von Ex­tre­men und ex­tre­men Ge­füh­len, die ich mit dem Nie­der­schrei­ben ab­le­gen möch­te. Ich habe ir­gend­wo an­ge­fan­gen, weil ich die Not­wen­dig­keit fühl­te. Ich kann das in­ner­halb dieses Blogs nicht so recht ver­or­ten, es ist auf seine Weise po­li­tisch.

Seit vie­len vie­len Wo­chen nun nehme ich mir vor, Leute aus mei­ner ehe­ma­li­gen Glau­bens­ge­mein­de zu be­su­chen. Immer und immer wie­der schie­be ich die­ses An­sin­nen auf. Ich ver­mis­se die Men­schen, ei­ner­seits. Ich ver­mis­se Gott.
An­de­rer­seits er­in­ne­re ich mich.
Vor einem hal­ben Jahr war ich das letz­te Mal dort, in den Win­ter­fe­ri­en. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vie­les falsch, dass ich mir da­nach vor­nahm, erst­mal eine ganz lange Pause zu ma­chen. Ich war scho­ckiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause ge­wankt, woll­te nicht mehr dran­den­ken und fühl­te wie stark in mir das Ver­trau­en ge­schwun­den war Men­schen ge­gen­über, die ich lange Zeit sehr ge­liebt habe.

Ich kam bei einer Freun­din unter, mei­ner lang­jäh­rigs­ten Freun­din. Ihre Fa­mi­lie war auf mich vor­be­rei­tet ge­we­sen und sie wuss­ten von mei­nem Vega­nis­mus. Des­halb war ich erst­mal ver­blüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühl­schrank kein ein­zi­ges biss­chen Ge­mü­se fand. Kein Obst, nichts Vega­nes whatsoe­ver. Nur Käse und Wurst. Ich war ir­ri­tiert, aber dann war es mir wie­der egal; ich hatte mir ein biss­chen was mit­ge­bracht und aß davon. Viel­leicht, weil ich an die Wir­kung von Sym­bo­lik glau­be, hall­te die­ses klei­ne Er­leb­nis so in mir nach, das Ge­fühl, nicht will­kom­men zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächs­ten Tag stritt ich mich mit dem Vater mei­ner Freun­din. Wir haben be­reits eine ge­wis­se Streit­ge­schich­te hin­ter uns; er war in sei­ner Ju­gend auch ,,Pro­test­ler“ ge­we­sen; eine der äl­tes­ten Er­in­ne­run­gen mei­ner Freun­din ist die an Mahn­wa­chen, auf denen sie als Kind her­um­stand. Ihr Vater er­leb­te durch den Glau­ben dann eine Wen­dung, auch po­li­tisch, und ver­trat seit­dem kon­ser­va­ti­ve Stand­punk­te. Sol­che Men­schen gibt es ei­ni­ge in mei­ner Ge­mein­de. Aber mit­un­ter pre­di­gen sie eine un­po­li­ti­sche Hal­tung, die eine nicht sehen lässt, wel­che re­ak­tio­nä­re Agen­da sich da­hin­ter ver­birgt. (Immer be­lieb­ter, auch durch den Ein­fluss vie­ler Stu­dent*innen der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wird die An­wen­dung ka­pi­ta­lis­ti­scher Phra­sen bi­bel­ge­mäß um­klei­det: Gott in­ves­tiert in uns, wir sind in einem Wett­lauf, Ge­winn brin­gen, die Ge­mein­de als ,,Bank“ Got­tes, etc.)

Ge­strit­ten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Ge­mein­de­le­ben, über Mus­li­me und all diese The­men, die äl­te­re weiße Her­ren vor­ge­ben, weil sie sich das ge­ra­de in ihrer kon­ser­va­ti­ven Zei­tung an­ge­le­sen haben.

Dies­mal strit­ten wir über Ho­mo­se­xua­li­tät. Ich hatte erst mit mei­ner Freun­din dar­über ge­re­det; sie ist wie viele an­de­re in der Ge­mein­de auch schwu­len-und les­ben­feind­lich, wes­halb ich ihr noch nicht von mir er­zählt habe. Die­ses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der sta­bils­te Mensch in mei­nem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann viel­leicht nach­voll­zo­gen wer­den. Sie wird lang­sam nach­denk­li­cher im Um­gang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr er­zäh­len kann. Aber an die­sem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine lan­gen Um­schwei­fe, er ver­gleicht Ho­mo­se­xua­li­tät mit Pä­de­ras­tie/Pä­do­phi­lie. Er zeigt mir einen alten Spie­gel-Ar­ti­kel on­line, in dem er­wach­sen­ge­wor­de­ne Kin­der aus ihrer Kom­mu­ne be­rich­ten und er­zäh­len, wie schön sie den Sex mit Er­wach­se­nen fan­den. Men­schen sind sün­dig, sagt er und wür­den lie­bend­gern den sün­di­gen Zu­stand wäh­len, egal wie gut es ihnen tat­säch­lich tut. Ich werde wü­tend. Er wisse genau, dass das nicht ver­gleich­bar sei, dass es bei Pä­de­ras­tie um ein Macht­ge­fäl­le geht. Er zuckt die Ach­seln und sal­ba­dert wei­ter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kin­dern, meint er und ver­sucht jetzt den bio­lo­gis­ti­schen Weg. Nur ein Mann und eine Frau kön­nen Kin­der be­kom­men. Ich ant­wor­te: Was ist mit Män­nern und Frau­en, die keine Kin­der be­kom­men wol­len oder kön­nen, dür­fen die dann nicht hei­ra­ten? Na­tür­lich, doch, meint er, ist ver­wirrt, aus dem Kon­zept ge­bracht und statt dem nach­zu­ge­hen, wen­det er IGNO­RANZ an und kehrt zu­rück zur Pä­de­ras­tie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich we­nigs­tens bei mei­ner Freun­din was zum Rol­len ge­bracht habe, denn sie stellt of­fe­ne Fra­gen und em­pört sich auch dar­über, dass die Ge­mein­de sol­che Men­schen aus­schlie­ßen würde. Aber das bringt nichts. Meine Ge­mein­de ist so he­te­ro­norm, Ho­mo­se­xua­li­tät wird nicht­mal er­wähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur ein­mal hat ein ame­ri­ka­ni­scher Pre­di­ger in einer Ju­gend­kon­fe­renz dar­über ge­re­det; aber wie un­ge­wohnt das war, zeig­te sich schon daran, dass sein Über­set­zer ganz er­schro­cken re­agier­te, als er das Wort ,,Ho­mo­se­xua­li­tät“ über­set­zen muss­te. Über die ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len kann ich nur sagen: We­nigs­tens reden sie dar­über. Wobei ich hier nicht zu der Ver­harm­lo­sung von Hass bei­tra­gen möch­te. Aber es ist noch­mal was an­de­res, wenn im ge­mein­d­ein­ter­nen Dis­kurs be­stimm­te Sa­chen ge­nannt sind statt dass es sie ein­fach nicht gibt und so auch keine Mög­lich­keit, dar­über zu reden.

Am nächs­ten Tag war ich bei mei­ner Lieb­lings­fa­mi­lie essen. A*, eine Frau in mitt­le­ren Jah­ren, hatte sich seit ei­ni­ger Zeit mit mir an­ge­freun­det, mich häu­fig ein­ge­la­den, ich hatte auf ihre kran­ke Toch­ter bei deren Schul­land­heim auf­ge­passt; es be­stand ein enges Band zwi­schen uns. Sie war eine der we­ni­gen Men­schen, denen ich noch zu­hö­ren konn­te, wenn sie über Gott und ihren Glau­ben er­zähl­ten, ohne Kopf­schmer­zen zu be­kom­men.
Sie hatte viele an­de­re Men­schen ein­ge­la­den, u.a. zwei junge Men­schen, Arzt­kin­der, in mei­nem Alter, die ich von frü­her kann­te und frü­her schon nicht ge­mocht habe. Was ich dann er­leb­te, war eine ge­schla­ge­ne Stun­de Mob­bing von den zwei­en, vor der ver­sam­mel­ten Runde, ohne dass ir­gend­wer ein­griff. ,,Grund“ war mein Vega­nis­mus. Ich weiß wirk­lich nicht, warum Men­schen schon öf­ters mit der­ar­ti­gen Hass­ti­ra­den re­agier­ten; aber was die zwei mir boten, war vom Ek­ligs­ten. Es gip­fel­te ir­gend­wann in dem Streit der Ge­schwis­ter dar­über, ob ich denn des­we­gen ab­ge­nom­men hätte, die Schwes­ter mein­te: Ja, na­tür­lich, und ihr Bru­der rief aus: ,,Was, sie war noch di­cker als jetzt?“
Die zwei sind ein­fach ek­li­ge Men­schen und ich war kurz davor, in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Schlim­mer wurde es, als diese gin­gen und A* mein­te, das Pro­blem wäre ge­we­sen, dass ich das mit mir habe ma­chen las­sen und dass sie an mei­ner Stel­le ein­fach ganz cool re­agiert hätte und ver­sucht, ihnen kei­nen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zu­schaue­rin, die kein Wort ge­sagt hatte zu den bei­den und sogar hin und wie­der amü­siert ge­we­sen war. Sie war jetzt noch amü­siert. Und als ob das nicht genug ge­we­sen wäre, fing eine gute Freun­din von mir, die eben­falls da­bei­ge­ses­sen hatte, im Zwei­er­ge­spräch dann an, dass SIE halt die Ge­schwis­ter liebe und ich mein Selbst auf­ge­ben müsse.

Klingt wie eine For­mel, oder?

Ich er­zäh­le euch ge­ra­de aus dem Ge­sche­hen einer sek­ten­ähn­li­chen Ge­mein­schaft und ihr braucht In­for­ma­tio­nen, um nach­voll­zie­hen zu kön­nen, wel­che macht­vol­len In­stru­men­te die Aus­drü­cke ,,Ge­schwis­ter lie­ben“, sein ,,Selbst auf­ge­ben“, ,,das Kreuz auf sich neh­men“ sind. Es sind Aus­drü­cke, die nicht ein­fach zur völ­li­gen Pas­si­vi­tät in Streit­fäl­len auf­ru­fen. Sie brin­gen dich dazu, auch noch dank­bar dafür zu sein. Wenn dich Ge­schwis­ter also be­lei­di­gen oder ver­let­zen, musst du erst­mal zu Gott ren­nen, ihm das ab­ge­ben und auch jedes ver­letz­te Ge­fühl. Du musst er­dul­den, was dir ge­schieht. Regst du dich auf, ist das nur der Be­weis, dass du immer noch in dei­nem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Chris­tus ,,an­ziehst“. Und Be­lei­di­gun­gen und An­stö­ße sind per se gut für dich, weil du ge­prüft wirst, ob du im­mer­noch ,,im Geist“ oder in dei­nem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts an­de­res als In­stru­men­ta­ri­um für Dik­ta­tu­ren; die For­de­rung zur Nächs­ten­lie­be in die­ser Form ein Mit­tel, die Men­schen­her­de ge­duckt zu hal­ten, Hier­ar­chi­en zu be­wah­ren und Men­schen auf Dauer zu be­schäf­ti­gen mit ihrem ,,in­wen­di­gen Bösen“, damit sie nicht nach außen schau­en oder gar Ana­ly­sen an­stel­len.
Victim Bla­ming in Rein­form, mir vor­ge­hal­ten von zwei der wich­tigs­ten Men­schen, die es in der Ge­mein­de für mich gab. Was das in mir aus­lös­te, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohn­zim­mer zu­rück, um eine Weile für mich zu sein und wein­te unter der Decke. Am nächs­ten Mor­gen, nach einer Ge­mein­de­ver­samm­lung, die ohne jede Be­deu­tung für mich war, stand ich erst al­lei­ne und ver­lo­ren in der gro­ßen Halle herum; in mei­nem Kopf schwirr­te es, ich fühl­te, wie die letz­ten gro­ßen Pfei­ler mei­ner jah­re­lan­gen Über­zeu­gun­gen und Hoff­nun­gen ein­stürz­ten, aber nicht ein­fach mein Glau­be kam zu einem Ende, son­dern mein Platz in einem so­zia­len Ge­fü­ge, in dem ich jah­re­lang zu­hau­se war, ja das ich zehn Jahre lang mein ein­zi­ges Zu­hau­se ge­nannt habe. Durch eine Un­stim­mig­keit zwi­schen mei­nen Gast­ge­ber*innen, die dazu führ­te, dass ich wie­der zwei Stun­den ohne Essen da­ste­hen würde, fing ich einen Streit an; ich woll­te ein­fach nur weg, woll­te nach Hause und nicht in der Kan­ti­ne war­ten, in der es kein Essen für mich gab. Ich woll­te weg von den Bil­dern, die mich ver­damm­ten, von all den glück­li­chen gläu­bi­gen Men­schen um mich herum in­mit­ten ihrer Fa­mi­li­en. Ich wurde nicht ernst­ge­nom­men, also rann­te ich weg und brach dann in einem der Ba­de­zim­mer zu­sam­men.

Vie­les mag er­schre­ckend klin­gen, was ich hier schrei­be, wieso war ich da über­haupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Be­son­ders Athe­ist*innen ver­ste­hen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu ver­ste­hen. Und noch un­ver­ständ­li­cher ist, wie­viel ge­sche­hen muss­te, bis ich ver­stand, wel­che Ge­walt an­de­re und ich mir damit an­ta­ten.

Dass mir per se als Mensch, die ich in die Ge­mein­de mit 14 Jah­ren kam, Heim­kind das ich war, nicht ver­traut wurde, er­fuhr ich erst zwei Jahre nach mei­nem An­fang dort, nach einer Zeit vol­ler En­ga­ge­ment von mei­ner Seite aus, mit re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen aller mög­li­chen Ver­samm­lun­gen, mit­tels einer Per­sön­li­chen Un­ter­re­dung (PU wurde das mehr oder we­ni­ger scherz­haft ge­nannt) durch einen der Ge­mein­de­äl­tes­ten. Dass ich mich schon mehr an­stren­gen müss­te und mich end­lich ,,für die Ge­mein­de“ ent­schei­den müss­te. Das von einem Men­schen, der mich nicht kann­te, mich nicht­mal ge­grüßt hatte bis­her.
Es war auch mit 16, wo meine De­pres­sio­nen an­fin­gen, schlimm zu wer­den. In den Schü­ler- und Ju­gend­ver­samm­lun­gen saß ich außen, meine Trau­rig­keit schreck­te die Men­schen ab, nie­mand be­merk­te es, wenn ich mit­ten unter ihnen zu wei­nen an­fing und ihre Freu­de, ihre Aus­ge­las­sen­heit und die Tat­sa­che, dass sie eine größ­ten­teils ho­mo­ge­ne Grup­pe waren, mach­ten es mir noch schwe­rer. Hin und wie­der weg­zu­blei­ben wäre aber keine Lö­sung ge­we­sen, denn dann hätte ich noch mehr an Ver­trau­en ver­lo­ren, an christ­li­cher Credi­bi­li­ty. „Zu­hau­se“ er­war­te­te mich dann mein Heim, wo ich schon etwas län­ger zu einer Au­ßen­sei­te­rin ge­wor­den bin, die mit den meis­ten an­de­ren Kin­dern nicht klark­am.

Es war viel­leicht in mei­nem fünf­ten oder sechs­ten Jahr in der Ge­mein­de, wo ich durch ein ein­zi­ges Mäd­chen, das neu war, in die Ge­mein­schaft in­te­griert wurde, ein­fach nur da­durch, dass sie mich wahr­nahm, mit mir re­de­te, sich mit mir an­freun­de­te. Ich weiß nicht, ob ich als ein­zi­ge Tür­kin und Heim­so­zia­li­sier­te eine Art Ali­en-Tat­too auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die an­de­ren mich jah­re­lang igno­rier­ten. Aber sie sah mich und sie brach­te mich hin­ein. Meine ,,Glau­ben­s­kar­rie­re“ be­gann, ich bekam viele Freun­de und be­gann bald zu denen zu ge­hö­ren, die oft ,,Zeug­nis­se“ in der Ver­samm­lung gaben (Be­rich­te über Er­leb­nis­se mit Gott oder Ge­bets­er­hö­run­gen, Bi­bel­ver­se, die eine be­rüh­ren). Ich lern­te nun viel schnel­ler die gan­zen Codes, in­ter­na­li­sier­te sie, lern­te mich aus­zu­drü­cken, wie es auch die gan­zen ,,su­per­geist­li­chen“ Ge­schwis­ter taten.

In der Zwi­schen­zeit ver­lor ich auf­grund von Geld­man­gel meine Woh­nung, aus der dar­auf­fol­gen­den WG wur­den ich und ein Mit­be­woh­ner von dem in­säs­si­gen Pär­chen her­aus­ge­ekelt, ich droh­te auf der Stra­ße zu lan­den. Es gab eine PU mit allen Ge­mein­de­äl­tes­ten. Ich werde das nie ver­ges­sen. In einer Ge­mein­de, die ein Ge­mein­de­haus vol­ler Bet­ten be­sitzt und in der es viele Men­schen aus der Mit­tel­schicht gibt mit ei­ge­nen Häu­sern und Gäs­te­zim­mern, ich werde nie ver­ges­sen, dass mir ge­sagt wurde, es gäbe kei­nen Platz für mich. Und ich werde nie ver­ges­sen, dass dann das Wort ,,Ob­dach­lo­sen­heim“ aus­ge­spro­chen wurde und dass nicht ein Ge­mein­de­äl­tes­ter da­ge­gen pro­tes­tier­te, son­dern erst nach einer gan­zen Weile eine äl­te­re Frau, die da­bei­saß und das nicht mit­an­hö­ren konn­te.

Und wie immer, wenn etwas Schlim­mes in mei­nem Leben ge­sche­hen ist, konn­te ich es an­fangs noch nicht be­grei­fen und war oft­mals noch dank­bar für das We­ni­ge, was ich be­kom­men konn­te. Es wurde eine an­de­re Lö­sung für meine Lage ge­fun­den; ich, der­weil ab­ge­ma­gert, weil ich in der schwie­ri­gen Zeit nicht­mal mehr Geld für Essen ge­habt hatte, freu­te mich ein­fach nur wie­der daran, Essen zu haben und satt zu wer­den und Men­schen um mich zu haben, die mich an­lä­cheln. Ich war so re­du­ziert in all mei­nen Be­dürf­nis­sen, dass es nicht­mal weht­at, als die Men­schen mir Kom­pli­men­te mach­ten, weil ich zehn Kilo ab­ge­nom­men hatte. Sogar meine De­pres­sio­nen ver­schwan­den, es war, als hätte mein Kör­per den Not­schal­ter um­ge­legt.

Was ich fühl­te, war Dank­bar­keit und ich drück­te diese aus, indem ich mich noch enger an die Ge­mein­de band und mich noch mehr an­streng­te. In den nächs­ten drei vier Jah­ren würde ich die schöns­te Zeit er­le­ben, die Zeit, in der ich wirk­lich an­ge­kom­men war in­mit­ten der an­de­ren. Ich konn­te Frie­den ma­chen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich be­herr­schen, mich er­freu­en, jede Mi­nu­te war mei­nem Glau­ben ge­wid­met. Ich flog auf der Welle des sym­bo­li­schen Reich­tums, der sich mir er­öff­ne­te, ich fand Mit­tel und Wege, meine Schmer­zen in Ka­nä­le zu lei­ten, um sie zu er­leich­tern, ich fand neue Freu­de. Ich rich­te­te meine Zu­kunft­wün­sche auf ein Leben in der Ge­mein­de aus, auf einen Part­ner, den ich hier tref­fen würde, hei­ra­ten, um ge­mein­sam ein Boll­werk für die an­de­ren Men­schen zu sein. Ich ver­lieb­te mich stän­dig neu in ,,Brü­der“, ich ver­lieb­te mich lange, ver­stärkt durch den Ge­schlech­ter­se­pa­ra­tis­mus und die ri­gi­den Re­geln er­fuhr ich üb­ri­gens nie, ob diese Ge­füh­le er­wi­dert wur­den.

Aber es gab auch die an­de­re Seite. Ab 16, 17 be­gan­nen mich schlim­me Träu­me in der Nacht zu quä­len. Ich weiß nicht, ob das die Art meines Kör­pers war, mit dem düsteren Sym­bo­lis­mus in der Bibel um­zu­ge­hen und wie dieser Symbolismus in meiner Gemeinde zelebriert wurde. Ich träum­te davon, von Dämonen be­ses­sen zu sein, Träu­me die sich fort­setz­ten, eine Ge­schich­te ent­wi­ckel­ten. Es waren nicht ein­fach Alp­träu­me. Es be­gann freund­lich mit so ner Art Ge­fühl, aus dem Kör­per zu schwe­ben, es war ein Glücks­ge­fühl, das schöns­te und ir­ri­tie­rends­te, was ich wohl je ge­fühlt habe. Doch ir­gend­wann wen­de­te sich das Blatt, und das Un­be­kann­te be­gann mich zu quä­len. Es fuhr in mich, be­setz­te mich, riss an mei­nem Kör­per herum wie an einer Mario­net­te; ich werde den Hor­ror nie­mals ver­ges­sen, nie­mals die Angst. Nie­mals das Ge­fühl, wie real es sich an­fühl­te und wie wach ich es er­leb­te. Vom un­be­kann­ten Sche­men in den An­fangs­träu­men an ge­wann es an Form, bis es Ge­sich­ter bekam, die Ge­sich­ter und Kör­per von Frau­en.

Ich ver­lieb­te mich in eine Frau. Es war Ende De­zember 2006; ich be­such­te ein Essen in der Halle, vol­ler Vor­freu­de über einen jah­re­lan­gen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein biss­chen Katz und Maus spie­len fand ich reiz­voll, also ging ich den Men­schen­grup­pen aus dem Weg, und fand eine Be­kann­te von mir im Ess­zim­mer sit­zen. Sie war nicht al­lein; sie saß da mit einem Mäd­chen das ich bis­her nur ent­fernt kann­te. Ich be­grüß­te sie, small­talk­te. Wäh­rend dem Reden wurde ich mir be­wusst, was für ein of­fe­nes Ge­sicht sie hatte, jun­gen­haft, an­dro­gyn, mit wil­den blon­den Lo­cken. Sie be­ein­druck­te mich. Ich ging nach Hause und die zuvor star­ke Fi­xiert­heit auf den Typen war wie weg­ge­bla­sen, ich hatte ihn sogar ver­ges­sen. Ich war glück­lich und wuss­te nicht wieso. Und erst ein paar Tage spä­ter würde ich rea­li­sie­ren, was da ge­ra­de pas­siert war. Und es würde mich um­wer­fen und nicht los­las­sen, und das in einer Zeit, in der ich end­lich in der Ge­mein­schaft an­ge­kom­men war. Und es würde dazu bei­tra­gen, die Ge­mein­de zu hin­ter­fra­gen, aber bis mir das mög­lich war, würde es mich sogar noch stär­ker an sie bin­den, im Glau­ben, durch Hin­ga­be Ab­so­lu­ti­on zu er­fah­ren.

Zu der Freun­din, die zu mei­ner In­te­gra­ti­on maß­geblich bei­ge­tra­gen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Ge­mein­de­le­ben auf­ge­op­fert, die per­fek­te Schwes­ter, mit immer vol­lem Gäs­te­tisch zu­hau­se, vol­ler Dienst­bar­keit an­de­ren Men­schen ge­gen­über; immer ver­nach­läs­sigt, was sie sel­ber wünsch­te. Es war kein Wun­der, dass sie un­glück­lich wurde. Sie freun­de­te sich mit einem Mann an, der neu in der Ge­mein­de war. Was dann be­gann, war Ruf­mord an ihr, Ge­schich­ten, die ru­mer­zählt wur­den und sie ver­leum­de­ten. Aber nicht nur dass die Ge­schich­ten er­fun­den waren, war wich­tig, son­dern dass diese sich um Sex dreh­ten, um Sex, den eine er­wach­se­ne Frau hatte oder nicht hatte. Ich be­griff erst spät was los war, und sie pack­te schon ihre Kof­fer, als ich es in sei­ner gan­zen Kon­se­quenz rea­li­sier­te. Ich war wie er­starrt, ich bat sie zu blei­ben und ich wuss­te doch, was ihr da an­ge­tan wor­den war.

Diese Dinge sind alle ge­sche­hen und sind erst nach und nach in mei­nem Be­wusst­sein zu Er­leb­nis­sen an­ge­reift, die mich aus­ein­an­der­ris­sen. Am An­fang stand da die­ser Wunsch, da­zu­zu­ge­hö­ren, ein­fach nur Teil des­sen zu sein. Wie groß er ge­we­sen sein muss­te und wie­viel Schö­nes auch pas­siert ist, dass ich das Ne­ga­ti­ve manch­mal sogar ver­gaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl ge­fehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlim­men Er­leb­nis­se ihre de­struk­ti­ve Kraft nur lang­sam ent­fal­ten konn­ten. Ich bin ver­ant­wort­lich dafür, in was ich mich da ge­bracht habe, ver­ant­wort­lich dafür, nicht frü­her nein ge­sagt zu haben, ver­ant­wort­lich für das, was ich durch mein Schwei­gen ak­zep­tiert habe. Teil einer so­zia­len Dy­na­mik, die Men­schen re­ak­tio­nä­ren Bil­dern über Mensch­lich­keit und Liebe und Leben und Ge­sell­schaft un­ter­wirft, sie dar­auf trimmt, ihre ,,frohe Bot­schaft“ auf der Welt zu ver­brei­ten, mit dem Be­kennt­nis nicht zu­frie­den ist, son­dern auch die Her­zen, die Ge­dan­ken, die In­stink­te zu be­set­zen und zu be­herr­schen an­strebt; jeden Zen­ti­me­ter Mensch, der zur Ver­fü­gung steht.

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