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Call for Ideas: FemoCo2013 – die Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland

Hier gehts zur Webseite. Diese Information hat mir übrigens den Tag gerettet. :) Ich bin sehr gespannt darauf.

Im Ankündigungstext steht(english version below):

FemoCo2013, die „Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland“ (Arbeitstitel), ist eine Konferenz von und für uns. Wir, das sind alle Frauen, Trans* und Inter*, die sich als Schwarze, of Color, als jüdisch, im Exil lebend, als Sinti und Roma oder als Migrant_in verstehen. Die Konferenz wird am 5. und 6. September 20137. und 8.September(verschoben) in Berlin stattfinden.
Wenn du Ideen und Vorschläge hast, was du dir auf der Konferenz Feminismen of Color wünschst, mach mit beim Call for Ideas! Mehr Info hierzu sowie zur Konferenz und eine Vorlage für deinen Ideenvorschlag findest du im Anhang sowie auf http://femoco2013.jimdo.com/.
Bitte schick deine Idee bis zum 18. März an femoco2013@gmail.com. Anfang April ist auch ein gemeinsames Meeting zur Besprechung der Vorschläge und zum gemeinsamen Kennenlernen geplant.

Mit Dank und Bitte um Weiterleitung
das FemoCo2013-Organisationsteam

*Bitte beachte: Die Teilnahme an der Konferenz sowie am Call for Ideas ist nur möglich, wenn du zur *Zielgruppe* gehörst. Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft und Cis-Männer sind von der Teilnahme an der Konferenz und am Call ausgeschlossen.
**Gerne kannst du den Aufruf über deine Netzwerke, an Freund_innen und Bekannte streuen. Wir möchten möglichst viele Frauen, Trans* und Inter* of Color erreichen.

- – - English Version:

FemoCo2013, the „Gemeinsame Konferenz zu Feminismen of Color in Deutschland“ or the „Collaborative Conference on Feminisms of Color“ (working titles), is a conference for us and by us. „Us“ refers to all Women, Trans* and Inter* that recognize themselves to be Black, of Color, Jewish, living in exile, Sinti and Roma or Migrants. The Conference will be held from 5 – 6 September 2013 in Berlin.

If you have an idea or suggestion of what you wish to have at the conference, participate in the Call of Ideas! More information to the conference and the call as well as a template are attached and can also be found at http://femoco2013.jimdo.com/.

Please send your suggestions to femoco2013@gmail.com by 18th of March. An input.gathering is also planned for early April in order to discuss all ideas and get to know each other better.

Any forwarding of this call is very appreciated.

Kind regards

the FemoCo2013 organising team

* Please note: Participation in the Call for Ideas is restricted to those belonging to the conference ‘target group’. Members of the white
majority and cis-men are excluded from participation.
** Please distribute this Call for Ideas throughout your networks, to friends and acquaintances. We hope to reach as many Women, Trans* and Inter* of Color as possible.

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Lesben und Geld

Folgender Text stammt aus einer meiner “alten” Hausarbeiten (von 2009 schätze ich) zu “Geld in feministischen Frauenzusammenhängen”. Ich fand meinen “wissenschaftlich”-verpackten Frust sehr schön und zudem vielleicht auch sonst ganz spannend.

7. Lesben und Geld / lesbische Geldkultur
Auch wenn Lesben Frauen sind, bilden Lesben doch eine sehr eigene Gruppe. Wie die Kapitel 5 und 6 gezeigt haben, wurden die meisten Daten nur in Bezug auf heterosexuelle Frauen erhoben. Ebenso haben Lesben eine eigene Subkultur, sowohl innerhalb von Frauenzusammenhängen, als auch außerhalb.

7.1 Lesben und Geld
Es gibt weder Vertrauens erweckende statistische Erhebungen über die Existenz von Lesben, noch über deren Einkommen in Deutschland.

7.1.1 Statistisches Bundesamt
Eine Onlineabfrage, am 22.10.2009 um 13:05 Uhr, beim statistischen Bundesamt ergab bei den Suchworten „Lesben“, „Lesbe“, „lesbisch“, „lesbische“ und „lesbischen“ keinerlei Treffer. Die Suche nach „Homosexuell“ ergab einen Treffer, der Aufschluss über Straftaten u.a. nach dem Paragraphen 175 aufführt . Damit ist zunächst einmal belegt, dass es homosexuelle Handlungen zwischen Männern gab. Der Paragraph ist inzwischen abgeschafft, so dass darüber und über Homosexualität im Allgemeinen, nach den Daten des statistischen Bundesamts, für den heutigen Zeitpunkt keine Aussagen getroffen werden kann.

7.1.2 Bisher zitierte Statistiken
Die in den Kapiteln 5 und 6 aufgeführten Erhebungen erwecken nicht einmal den Anschein, dass Lesben oder lesbische Paarhaushalte existieren.

(7.1.3. weggelassen)

7.1.4. Gerüchteküche
Die les-bi-schwule Community spricht von 10 % homosexuellen Menschen , teilweise sinkt der prozentuale Wert auf 5 %. Lesben gelten eher als arm, wobei ich noch keine „im Verhältnis zu…“ Aussage gehört habe.
Jedoch gibt es auch Zusammenschlüsse lesbischer Frauen, die als eher wohlhabend gelten, wie z.B. die Wirtschaftsweiber .

7.1.5. Einschätzungen der Ihrsinn
Die „Ihrsinn“ ist eine „radikalfeministische Lesbenzeitschrift“, die von 1990 bis 2004 zweimal im Jahr erschien. 1994 erschien eine Ausgabe zum Thema Lesben und Geld unter dem Titel „Von Klassen und Kassen“. In dieser Ausgabe stellt Ulrike Janz Überlegungen zur ökonomischen Lage von Lesben in Deutschland an.

Zunächst geht sie davon aus, dass die meisten Lesben unverheiratet oder geschieden sind. Des weiteren das Lesben in den Statistiken als allein – stehend gelten, da sie keinen Mann vorweisen können. Es lagen ihr keine Daten vor, wie viele Lesben Kinder haben und damit, mangels Mann, als allein – erziehend gelten. (Die Ausrichtung von Frauen auf (Ehe)-Männer wird mehrfach innerhalb des Artikels als Heterosexismus betitelt.)

Weiterhin führt sie aus, „daß (sic!) für die meisten Lesben in der BRD heute die mannlose Existenz möglich ist“ . Da die so genannten „Frauenberufe“ vom Verdienst auf einen Zusatzverdienst und nicht auf Existenzsicherung ausgerichtet sind, sei die ökonomische Lage von Lesben schwieriger als für heterosexuelle Frauen in Paarbeziehungen.

Alleinerziehende Mütter sind, laut Janz, die Ärmsten der Gesellschaft. Lesbische allein erziehende Mütter kann es nochmals härter treffen, wenn ihr aufgrund ihrer sexuellen Orientierung die familiäre Unterstützung verweigert wird oder von ihr selbst verweigert wird, um nicht von einem Mann, sprich ihrem Vater, abhängig zu sein. Nach Janz ist „die Unabhängigkeit vom (…) Mann (…) eine Grundbedingung ihrer lesbischen Identität“.

Weiterhin wirkt sich möglicherweise das „offen lesbisch leben“ negativ auf die berufliche Situation aus, ebenso die Verweigerung vom weiblichen Rollenmuster nach „Aussehen, Lächeln, vorausgesetzter Verfügbarkeit (…)[, dass] viel zu oft als integrierter Bestandteil der Arbeitskraft Frau betrachtet wird“ .

Trotzdem geht Janz davon aus, dass „junge, gutausgebildete, nichtbehinderte deutsche Lesben in der BRD bessere Chancen einer eigenständigen Existenzsicherung haben, als heterosexuelle verheiratete Frauen“ . Dies vor allem, da kinderlose Lesben keine unbezahlte Reproduktionsarbeit für Kinder und Mann leisten müssen. (Die feministische Ökonomietheorie sieht diese Arbeit als eine der Hauptursachen von Frauenarmut.)

Ebenso führt Janz aus, dass durch die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und dem Anspruch des Arbeitsmarktes auf allzeitige und allseitige Verfügbarkeit, also wenig private und räumliche Verpflichtungen, Lesben die idealen Arbeitnehmerinnen sein könnten, da es bei Ihnen weniger wahrscheinlich sei, dass sie Kinder bekommen oder großziehen und die familiären und räumlichen Verpflichtungen dementsprechend gering sind.

Letztere Einschätzung wurde mir neulich von einer lesbischen Mitarbeiterin einer Personalabteilung bestätigt: Lesben bekommen seltener Kinder, dementsprechend kein Mutterschutz, keine Vertretung und Einarbeitung einer Vertretung in Elternzeit, keine Abrufe der Arbeitnehmerinnen aufgrund von Kindernotfällen etc.. Dementsprechend günstige und weit reichend verfügbare Arbeitskraft.

7.2 Lesbische Geldkultur
„Ist schon bitter, wenn eine nicht mal zur Werbungs-Zielgruppe taugt. Sind wir etwa nicht lesbisch genug um einzukaufen? PROTEST!!!“ wird auf dem lesbischen Blog „L-Talk“ zum Thema „Schwulenwerbung“ gebloggt. Diese positive Haltung zur Einordnung in eine Konsumentinnengruppe ist eher selten.

Häufiger findet sich die Thematisierung einer lesbischen Geldkultur in der Forderung bzw. Fragestellung „Lesbengeld in Lesbenhände“.

7.2.1 Lesbengeld in Lesbenhände
Die radikale Version der Forderung ist die Idee einer eigenständigen lesbischen Ökonomie (siehe dazu: „Lesbian Nation“ von Jill Johnston), eine abgeschwächte Form findet sich in der Forderung bzw. Praxis besonderer Solidarität zwischen Lesben.

Die erste Stiftung für Lesben in Europa ist die Sappho-Stiftung. Deren Motto „Das Vermögen unserer Urgroßmütter haben unsere Großväter geerbt. Das Vermögen unserer Großväter fiel an unsere Väter. Unser Vermögen werden unsere >>Töchter<< erben und es wird in Lesbenhänden bleiben.“ verdeutlicht praktisch die Forderung „Lesbengeld in Lesbenhände“.

Die Idee hinter „Lesbengeld in Lesbenhände“ hat keine allgemeine Verbreitung, wobei diese durchaus bei den „hauptberuflichen Lesben“, also Lesben die mit lesbenspezifischen Angeboten ihren Lebensunterhalt verdienen, Anerkennung findet. So finden sich bei lesbenspezifischen Angeboten immer wieder Forderungen wie „Geld sollte durch Lesbenhände fließen – davon sind wir überzeugt. Wir leisten unseren Anteil daran, indem wir lesbische Unternehmen und Veranstaltungen bewerben. [...] Nutzt die Partnerprogramme von lesben.org!“. Letzteres wurde 2009 von der Betreiberin des größten deutschsprachigen Lesbeninformationsportal Konstanze Gerhard online gestellt.

Ausführlicher äußerte sich eine Gruppe von Standbetreiberinnen des größten jährlichen Lesbentreffens Deutschland, dem Lesbenfrühlingstreffen, die um Wertschätzung seitens der Besucherinnen und Organisatorinnen baten: „Lesben, die sich entschieden haben, (auch) Produkte für Lesben herzustellen, haben eine politische Entscheidung getroffen. Wir sind darauf angewiesen, auf den jeweiligen Lesbenfrühlingstreffen und -wochen verkaufen zu können. [...]Wir wünschen und fordern, daß (sic!) alle Lesben so einfach über unsere Stände stolpern, daß (sic!) das Prinzip “Lesbengeld in Lesbenhände” ohne großen Aufwand umgesetzt werden kann. [...] Auch wenn Lesben wenig Geld haben (Thema für ein Extra-Kapitel …), gibt jede trotzdem mehr oder weniger viel Geld für kulinarische Genüsse aus. Deshalb ist es besonders wichtig, daß (sic!) Lesben für die Essensstände engagiert werden, mit einem so umfassenden Angebot, daß (sic!) die “Konsumentinnen” nicht in die Hetera/o-welt ausschwärmen, um dort ihr Geld zu lassen.“ Mitunterzeichnerin ist keine Geringere als Anke Schäfer, eine der wenigen lesbischen Bundesverdienstkreuzträgerinnen. (leider ist die Quelle nicht mehr online)

7.2.2. Einschätzung von Marie Sichtermann
Marie Sichtermann, Unternehmensberaterin bei „Geld und Rosen“ , führt an, dass ihr bei Lesben keine Verhaltensweisen auffallen, die für sie nicht generell unter frauentypisch fallen. Jedoch hält sie für möglich, dass diese frauentypischen Verhaltensweisen möglicherweise bei Lesben verstärkt werden, da es kein männliches Korrektiv gebe. Nach Sichtermann fehlen größtenteils die politischen Visionen .

Eine kleine Gruppe von Frauen die in der 2. bzw. neuen Frauenbewegung stark involviert waren, bewerten ihrer Meinung nach Geld, nach Geld streben und die Steigerung von Wohlbefinden durch Luxusgüter moralisch negativ.

Eine weitere Gruppe sind die Frauen die Geld mögen, viel dafür arbeiten und es dann sparen. Diese Frauen fühlen sich, nach Sichtermann, arm, insbesondere da sie sich nichts gönnen.

Die beiden genannten Gruppen bilden für Sichtermann die beiden Extrempole. Zwischen diesen liegen viele Frauen mit wenig Geld, insbesondere wenn diese Kinder haben. Weiterhin gebe es Lesben, die vom Familienvermögen ausgeschlossen werden, aber auch viele Frauen mit Geld, die nicht sparen oder ihr Geld für politische Ziele einsetzen.

Die beschriebenen Gruppen treffen laut Sichtermann nur noch selten aufeinander, da sich die Gruppen mit mehr oder mittelmäßig viel Geld separieren. Als gegenläufige Gruppierung bringt Sichtermann SAFIA an.

Mit „Sagen nicht auch die italienischen Philosophinnen , dass wir Frauen einander reichlich zu geben haben, unermessliches miteinander tauschen könnten, Geld sei nur eines von vielen Tauschobjekten? (…)Heute schon was an eine Lesbe verschenkt? “ gibt Sichtermann ihre eigene Vision an. (Sichtermann, Marie: „Happy and rich ?“. In: Lesbenring e.V.: „Lesbenring-Info. Lesben und Geld. Juni/Juli 2008“. Oldenburg, 2008, S. 11-12.)

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BERLIN!!!111einself!!11

Deutschland hat knapp 82 Millionen Einwohner_innen, etwa 3,5 Millionen davon wohnen in Berlin. Trotzdem erscheint Berlin unfassbar, unglaublich und endlos wichtig zu sein. So wichtig, dass ich regelmäßig Einladungen zu Veranstaltungen über Facebook bekomme, die nicht mal den Ort angeben. Warum auch? BERLIN!

Ich habe spaßeshalber mal bei der Mädchenmannschaft die letzten 10 „Kurz notiert“s nach den Terminen ausgewertet: 18 x Berlin, 22 x Rest Deutschland, 3 x außerhalb Deutschlands. Das ist beim besten Willen kein Mädchenmannschaft-spezifisches Verhältnis, sondern vielmehr eine Verkettung von Umständen: Berlin ist Bundeshauptstadt und allein schon deswegen Veranstaltungsmagnet. Die anderen Orte fühlen sich „nicht ganz so wichtig“ und reichen wahrscheinlich auch seltener Veranstaltungen ein. Das nächste Veranstaltungs-Orgateam legt die Veranstaltung nach BERLIN. Und so weiter.

Doch es gibt mehrere eventuell erstaunliche Nachteile an BERLIN: Es liegt nicht gerade zentral und, was noch wichtiger ist: WIE SOLLEN DIE ANDEREN ORTE COOLER WERDEN? Insbesondere wenn alle(s) nach BERLIN wandern/t. Mhh?

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Innerdeutsche Leitkultur

Bei jeder Veranstaltung, in welcher der Begriff „Leitkultur“ fällt, frage ich nach, ob eigentlich endlich etwas gegen die kulturellen Unterschiede der Regionen in Deutschland unternommen wird. Die Antwort ist immer ein „Nein“…wenn ich überhaupt eine Antwort bekomme, denn die Meisten halten meine Frage für einen Witz. Das ist es jedoch nur bedingt, denn hätte ich nicht Kulturanthropologie studiert, würde ich z.B. immer noch davon ausgehen, dass mich alle Kinder hassen.

Einen Großteil meiner Kindheit habe ich in Korschenbroich verbracht. Dort gibt es einen Brauch, der St. Martin genannt wird. An St. Martin gibt’s immer einen Laternenumzug der Kinder, hin zu einem großen Feuer, an welchen die Geschichte von St. Martin nachgespielt wird. Dann ziehen die Kinder in Gruppen los, klingeln an Türen, singen St. Martins-Lieder und bekommen dafür Süßigkeiten oder von verschusselten Menschen, die keine Süßigkeiten eingekauft haben, Geld. Es ist ein sogenannter Heischebrauch. Seit dem ich von Korschenbroich nach Speyer und später nach Mainz gezogen bin, klingeln bei mir an St. Martin keine Kinder mehr. SIE HASSEN MICH! Vielleicht jedoch lassen sie sich nur von meinem englischen Nachnamen abschrecken. Dafür versuchen sie es jedoch teilweise an Halloween. Ha! Verarschen kann ich mich alleine! Halloween ist kein deutscher Brauch! Die wollen nur zweimal abräumen! Sollen sie doch an St. Martin kommen!
Erst in einem Uni-Seminar habe ich gelernt, dass St. Martin nur in wenigen Regionen ein Heischebrauch ist. Hier kommen die Kinder an Halloween, weil’s diese Form von St. Martin nicht in Mainz gibt. DIE ARMEN KINDER! Ich habe St. Martin immer geliebt.

Ähnlich ist es mir mit dem „Aus-Nön“ gegangen, wie es eine Professorin so charmant nannte. Sie erzählte, dass sie im Süden Deutschlands bei privaten Essenseinladungen immer verhungert ist, bis sie verstanden hat, warum. Jedes Mal, wenn ihr ein Nachschlag angeboten wurde, antworte sie „Nein danke. Die erste Portion war wirklich reichlich.“ und dann: Nichts. Kein weiteres Angebot seitens der Gastgeber_innen. Mit dieser Geschichte ging mir endlich ein Licht auf. Meine Familie mütterlicherseits kommt aus Meppen (Emsland). Wenn mir seitens meiner Familie etwas angeboten wurde – sei es ein Nachschlag oder ein Taschengeldzuschuss – beginnt der Prozess des „Aus-Nöns“. Mindestens drei Mal lehnte ich überschwänglich ab, bis ich dann doch annahm. Ich war die Höflichkeit in Person! Doch je mehr mein Umfeld nicht meine Familie war, desto weniger nöte ich aus. Irgendwie erschien das Aus-Nön falsch. Gleichzeitig kam ich mir unhöflich vor, doch eigentlich nur im Kontext meiner Familie. Anderswo scheint mein Verhalten „richtig“. Dank des Seminars der Professorin verstand ich endlich, dass mein Eindruck stimmte. Anderswo war es richtig.

Ein paar Sachen habe ich nicht in meinem Studium gelernt, sondern selbst erschlossen. Zum Beispiel, dass das i in Korschenbroich nicht mitgesprochen wird, wenn eine_r nicht als „Touri“ gelten möchte. Oder dass ich in der Pfalz mit meiner Version von Pfälzisch in manchen Kontexten weiter komme als mit „Hochdeutsch“. Oder dass die richtige Antwort auf „Auf welcher Seite vom Rhein leben Sie?“ immer „Auf der besseren Seite“ ist.

Bis heute habe ich aber z.B. nicht herausgefunden, wann und wo ich Geld zu Beileidskarten beilege. Bin ziemlich sicher, dass es ein katholischer Brauch ist. Doch in welcher Region? Als ich mir das letzte Mal diese Frage stellte, hab ich am Ende schlicht auf die Karte verzichtet.

Ich finde es reichlich übertreiben, dass ich für die interkulturelle Kommunikation innerhalb Deutschlands ein Hochschulstudium brauche. Wenn’s denn wirklich so komplex ist, dass dafür eine mehrjährige intensive Beschäftigung von Nöten ist, bin ich komplett für eine innerdeutsche Leitkultur. Die Feiertage haben wir ja vor einiger Zeit auch vereinheitlicht, warum dann nicht auch die Gepflogenheiten?

Mit kiturak habe ich jedoch einen anderen Umgang mit solchen Unterschieden gefunden: Drüber reden ;-) . Meine persönliche Lieblingseinigung ist etwas, dass ich „Höflichkeitsbattle“ nenne: Während ich es unhöflich finde, eine_r die Partizipation an Essen zu verweigern und daher von mir aus auf „Darf ich…“ immer mit „Ja“ reagieren würde und deshalb auch selbst niemals fragen würde (sondern drauf starre, bis mir was angeboten wird), kiturak dass jedoch genau andersrum sieht, haben wir uns drauf geeinigt, es einfach so zu machen: Ich sage „Nein“ und kiturak achtet drauf, wenn ich auf etwas drauf starre.

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