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Barrierefreiheit im weitesten Sinn

Ich habe mich schon mehrfach hingesetzt, um über meine Erfahrung mit Gruppen- und Veranstaltungsorganisation zu schreiben. Zwei der Themen sind bereits seit einiger Zeit online: “Kritik und Gruppendynamik” und “Methoden der internen Gruppenorganisation”. Diesen Text habe ich bereits vor etwa einem Jahr geschrieben, doch aus Sorge um Vollständigkeit usw. nicht veröffentlicht. Die jetzt wieder aufkeimenden Diskussionen um das Gendercamp haben mich wieder daran erinnert. Ich finde die Diskussionen wichtig, doch hab ich immer das Gefühl, dass “die Welt” komplett neu erfunden wird. Viele der Themen wurden schon in verschiedenen Kontexten diskutiert. Vielleicht hilft eine Wissenweitergabe, um dann mit dieser weiterzuarbeiten. Hier also das, was ich mitbekommen habe:

Die Organisation von Veranstaltungen zu kritisieren ist genauso notwendig wie schwierig. Einerseits sind die Organisator_innen ganz toll, weil sie die Zeit (und das Geld etc.) für die Vorbereitungen aufgebracht haben, andererseits wurden Dinge nicht bedacht, die bedacht hätten werden müssen.

Aus der institutionalisierten Frauenbewegung und anderen Gremien bin ich gewohnt, dass in einer Orga-Gruppe (also die Gruppe, die eine Veranstaltung organisiert) immer wenigstens ein paar Menschen mit Erfahrung sitzen, aber es gibt eben auch Orga-Gruppen, in denen das nicht so ist. Zudem gibt es Orga-Gruppen, welche nicht prioritär Barrierefreiheit und so auf dem Schirm haben und daher diesbezügliche Vorschläge leicht übergehen.

Daher hier meine Zusammenstellung was ich über Barrierefreiheit und so in den letzten 10 Jahren gelernt habe, damit Orga-Menschen und solche, die es werden wollen, von dieser Erfahrung außerhalb von Kritik nach einer Veranstaltung profitieren können. Ich erhebe nicht mal ansatzweise Anspruch auf Vollständigkeit und ebenso wird nicht alles per se richtig sein. Ich neige zu einer egozentrischen Weltsicht und bemühe mich um Offenheit für Kritik und Ergänzungen.

Inhaltsverzeichnis

 

Zielgruppe
Die wenigsten Veranstaltungen heißen „Weiße, reiche, heterosexuelle, monogame, cis Männer ohne Behinderung treffen sich zum Thema X“. Dann würden alle POC, Frauen, nicht-heterosexuelle, nicht-monogame, intersexuelle, nicht-reiche, trans Menschen mit Behinderung (in allen Kombinationen) wissen, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht ist. Kommen diese trotzdem, können sie sich nur darüber beschweren, dass sie weder eingeladen noch in der Veranstaltungsgestaltung bedacht wurden.

Da jedoch die meisten Veranstaltungen die Zielgruppe – wenn überhaupt – nur minimal definieren (z.B. „Nur für Frauen“, „Für die Region X“), müssen eben alle Nicht-Ausgeschlossenen bedacht werden. Das ist sehr schwer und ich habe noch keine perfekte Veranstaltung gesehen.

Wichtig ist, sich bei jeder Frage im Hinterkopf zu halten: „Ich bin nicht der Maßstab!“.
Wahlweise hilft auch bei Vorschlägen mit der Formulierung „Für mich wäre …. gut/nicht gut.“ zu arbeiten und bei anderen Vorschlägen ebenso auf die „ich“-Formulierung zu achten. Generalisieren bringt nicht weiter, als z.B. nicht „Wir können ja (nicht) in einer Turnhalle schlafen“ sondern „Ich kann (nicht) ohne Probleme in einer Turnhalle schlafen“.

Macht Euch Gedanken darüber, wer kommen soll und wer nicht. Gebt das auch bekannt! Wenn ihr keinen Wert auf die Anwesenheit von bestimmten Gruppen legt, schreibt das „Wir legen keinen Wert darauf, dass berufstätige Menschen mit 9-5 Jobs kommen. Daher haben wir das Treffen auf Werktage in diesen Zeitraum gelegt. Wenn 9-5 Jobs Menschen trotzdem kommen, freuen wir uns (nicht), aber (/denn) ihr seid nicht unsere Zielgruppe.“ oder „Unsere Hauptzielgruppe sind Studierende und daher haben wir bei Wahl des Zeitpunkts vor allem auf deren Bedürfnisse geguckt.“. Ihr könnt es nicht für alle perfekt machen, aber es hilft, Menschen vorzuwarnen, ob sie zur (Haupt-) Zielgruppe gehören oder eben nicht.

Natürlich ist es nicht schön, nicht zur Zielgruppe zu gehören. Schlimmer ist aber, zu glauben zur Zielgruppe zu gehören und dann zu erfahren, dass es nicht stimmt. Klare Äußerungen verhindern Gefühle, wie „Ich hab so viel dafür getan hier zu sein und jetzt bin ich gar nicht erwünscht.“ – solche Gefühle produzieren Wut und Enttäuschung.

Zeit & Zeitpunkt
Menschen haben unterschiedlich viel Zeit, unterschiedliche terminliche Verpflichtungen, unterschiedliches Zeitempfinden und unterschiedliche Rhythmen.

Einige Studierende haben in den Semesterferien mehr Zeit, einige weniger. Für einige Menschen bedeuten Wochenenden Freizeit, für Einige nicht. Einige Menschen können Urlaub für Veranstaltungen nehmen, andere nicht oder brauchen ihren Urlaub für anderes. Einige haben abends Verpflichtungen, andere haben Freizeit. Einige haben Tags  Verpflichtungen, Einige nicht. Einige haben zu sehr unterschiedlichen Zeiten Verpflichtungen. Einige können sich mehrere Stunden konzentrieren, Einige brauchen häufiger und/oder größere Pausen. Einige können nachts besser arbeiten, andere tagsüber. Einige brauchen mehr, andere weniger Schlaf. Einige können sich nur kleinere Zeiträume freischaufeln, Einige mehr. Einige können langfristig planen, Einige nur kurzfristig.

Wenn also mehrere Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort (physisch oder virtuell) sein sollen, kann es nicht allen Recht gemacht werden – insbesondere bei großen Gruppen. Natürlich gibt es viele Menschen, die an Wochenenden Freizeit für Veranstaltungen haben, aber es sind eben nicht alle.

Bekanntgabe des Termins & Anmeldung
Je frühzeitiger ein Termin bekannt gegeben wird, desto wahrscheinlicher, dass viele Menschen es einplanen können. Desto kurzfristiger eine Anmeldung möglich ist, desto flexibler ist die Zeitplanung für Menschen mit vielen und/oder flexiblen Verpflichtungen.

Zeitplan
Wenn von Vornherein klar ist, wann angefangen und aufgehört wird, können sich Menschen zumindest darauf einstellen. Den Zeitplan einzuhalten, hilft Menschen, die darauf angewiesen sind. Nicht einfach später anfangen, nicht einfach später aufhören, usw. Alle Menschen die da sind, wollen dabei sein und haben dafür ein organisatorisches Drumherum in Kauf genommen. Einige davon, werden sehr „pünktlich“ geplant haben, damit sie da sein können. Einfach „länger zu machen“ sagt denen, die pünktlich gehen müssen, dass auf ihre Anwesenheit verzichtet werden kann.

Pausen
Menschen sind unterschiedlich belastungsfähig. Regelmäßige Pausen einzuplanen hilft z.B. weniger Belastungsfähigen ungemein. Einigen jedoch werden die angebotenen Pausen zu wenig sein, hier hilft es entweder die Möglichkeit über eine Geschäftsordnung mehr Pausen zu schaffen und/oder allen freizustellen, ob sie alle Veranstaltungsteile besuchen. Falls nichts über eine Teilnahmepflicht (im Vorhinein) bekannt ist, hilft es nicht Teilnehmer_innen Abwesenheit vorzuwerfen.

Dauer der Veranstaltung
Unglaublich schwierig. Denn für Einige ist mehr Zeit besser, für Andere nicht. Zumindest wäre es gut bekannt zu geben, ob eine Anwesenheitspflicht für die gesamte Dauer besteht. Falls nicht: Nicht vorwerfen oder bewerten, wenn Menschen früher gehen/später kommen.

Zeitpunkt
Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt. Abwesenheit ist daher nicht nur eine Frage des Interesses. Die Forderung nach einem anderen Zeitpunkt ist nicht unverschämt, sondern berechtigt. Aber ja, es kann nicht für alle der perfekte Termin gefunden werden.

Bei nicht-einmaligen Veranstaltungen hilft es teilweise, den Zeitpunkt zu wechseln – insbesondere wenn die definierte Hauptzielgruppe nicht zeitspezifisch ist.

Kinderbetreuung
Kinderbetreuung ermöglicht es Elternteilen unabhängig vom Geldbeutel und Kinderversorgung teilzunehmen.

Ebenso: Kinderbetreuung kann für junge Menschen, die von Veranstaltungen ausgeschlossen werden sollen oder nicht teilnehmen wollen, ein alternatives Angebot sein. (Edit dank kiturak)

Veranstaltungsort
Wo etwas stattfindet, bedingt die Erreichbarkeit, die Fahrtkosten und die Anreisezeit. Nicht alle Menschen können gleich viel Zeit und Geld für die Anreise aufbringen und nicht alle Menschen nutzen die gleichen Transportmittel.

Ebenso: Berlin ist für PoC safer als andere Orte sowie Bahnhöfe, die ohne Regionalbahnen erreichbar sind. (Edit dank Mrsnextmatch)

Transportmittel
Gibt es Wege den Veranstaltungsort mit Bus und Bahn zu erreichen? Sind die Aus- und Einstiege Barrierefrei? Wie weit sind die Fußwege? Sind die Fußwege kurz genug, für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind? Muss geshuttelt werden und wurde bei der Wahl des Shuttlefahrzeugs u.a. auf Rolli-Bedürfnisse geachtet?

Gibt es Parkplätze in Gebäudenähe? Sind Parkplätze in direkter Nähe Menschen mit entsprechenden Bedürfnissen vorbehalten? (Nicht alle Menschen kommen aus „Luxusgründen“ mit dem PKW.)

Fahrtkostenunterstützung / Wechsel des Veranstaltungsorts
Insbesondere bei nicht-regional-beschränkten Veranstaltungen ist die Finanzierung der Anreise ein Problem, aber auch Nahverkehrskosten können das Budget einiger Menschen sprengen.

Ein Weg damit umzugehen, ist finanzielle Mittel zu akquirieren, um die Fahrtkosten der Teilnehmer_innen zu übernehmen oder teilweise zu übernehmen. Das geht z.B. über Stiftungen, Teilnahmebeiträge, Spenden usw. Vorher angeben, ob, wann und wieviel Fahrtkosten übernommen werden können.

Eine andere/zusätzliche Möglichkeit ist bei öfter stattfindenden Veranstaltungen den Ort zu wechseln, umso die Kosten der Anreise allen Teilnehmer_innen einmal aufzubürden. Damit können zwar nicht immer alle kommen, aber zumindest manchmal. Der Ortswechsel sollte wenn möglich im gesamten Einzugsgebiet der Zielgruppe erfolgen, also z.B. bei bundesweiten Veranstaltungen nicht zwischen Mainz und Wiesbaden hin- und herwechseln, sondern mal in Mainz, mal in Potsdam, mal in Freiburg, mal in Görlitz usw.
Der Wechsel des Veranstaltungsorts verteilt auch die Anreisezeit.

Gebäude (Ort)
Einen Ort für einen Veranstaltung zu finden ist schon allein aus finanziellen Gründen schwierig. Das Stattfinden der Veranstaltung über die Zugänglichkeit, Erreichbarkeit und Barrierefreiheit zu stellen, ist jedoch ein starker Diskriminierungsfaktor, denn es sagt „Auf Euch können wir verzichten“ ohne dies über die Zielgruppe der Veranstaltung begründet zu haben.

Ausschilderung
Nicht alle Menschen haben einen Orientierungssinn. Nicht alle Menschen können es sich leisten, Wege für das Suchen des richtigen Wegs zurückzulegen oder ihre Zeit mit Suchen zu verbringen. Daher ausschildern, ausschildern, ausschildern: Von der Bushaltestelle zum Gebäude, die treppenlosen Wege, die Wege über Treppen, die Veranstaltungsräume, die Toiletten und Rolli-Toiletten, die Schlafplätze, etc.

Treppenfreie Wege
Ob Krücken, Rolli, kaputte Knie, Rheuma…: Treppen machen es für Viele schwierig bis unmöglich zu kommen. Daher keine Veranstaltungsräume ohne treppenfreien Zugang. „Tragen“ ist keine Alternative, denn es macht abhängig.

Rauchfrei
Nicht nur für Asthmatiker_innen ist es wichtig rauchfreie Veranstaltungsräume und Aufenthaltsorte zu haben. Mehr Pausen sind nicht nur für Raucher_innen gut (s. Pausen).

Schlafplätze
Schlafen auf dem Boden, in Gruppenunterkünften usw. macht es für Einige schwierig bis unmöglich zu kommen. Daher verschiedene Formen von Schlafplätzen anbieten, welche nicht vom Geldbeutel der Teilnehmer_innen abhängig sind.

Essen & Trinken
Menschen müssen Essen und Trinken und das kann ohne eigene Küche teuer werden. Daher kann Essen und Getränke gegen Teilnahmebeitrag, umsonst oder Pauschale angeboten werden. Doch was?

Aufgrund von Allergien, veganen und vegetarischen Ernährungsweisen und anderen Einschränkungen können nicht alle alles essen. Daher ist „Eintopf“ eine schlechte Lösung. Besser ist es, leicht trennbare Lebensmittel anzubieten. Sei es Brot (glutenfreies Brot nicht vergessen), Aufschnitt usw. oder Nudeln/Reis, Gemüsearten, Soßen, Fleisch usw. Schlicht: Möglichst wenig zusammen schmeißen. Wahlweise kann auch einfach die Küche Essenwünsche entgegennehmen, was jedoch meist teurer ist. Ebenso läuft’s mit Getränken.

Sprache
Welche Sprachen werden gesprochen? Ob Deutsch, Kroatisch, Gebärdensprachen, Akademiker_innensprech, einfache Sprache etc. Wenigstens ankündigen was die Hauptsprache/n ist/sind und welche Übersetzungen angeboten werden. Nicht auf den Geldbeutel der Individuen setzen, dass diese ja ihre eigenen Dolmetscher_innen mitbringen können.

Teilnahmebeiträge
Festpreise für die Teilnahme werden Menschen von einer Veranstaltung fern halten. Nach festgelegten Kriterien die Teilnahmebeiträge zu staffeln, wird Menschen ausschließen, deren finanzielle Lage nicht von den festgelegten Kriterien abhängt. Selbsteinschätzungspreise sind ein guter Weg diesen Problem aus dem Weg zu gehen, doch muss der Sinn dieser transportiert werden. Nach meiner Erfahrung zahlen häufiger die mehr, die weniger haben.

Verwaltung akquirierte Mittel
Über finanzielle Unterstützung, Teilnahmebeiträgen, Spenden usw. steht einer Orga-Gruppe ein Betrag X zur Verfügung. Voraussichtlich wird dieser nicht für alles reichen. Wofür also das Geld ausgeben?

Von den vermeintlichen Bedürfnissen der angenommenen Mehrheit der Teilnehmer_innen auszugehen, produziert in der Regel, dass diese „Mehrheit“ auch entsteht. Es ist also eine selbsterfüllende Prophezeiung, wenn „plötzlich“ alle wunschlos glücklich sind.

Alles Geld auf eine „Karte“ zu setzen, also z.B. nur das Essen zu bezahlen oder nur die Schlafplätze, produziert Ausschlüsse. Ebenso werden Menschen ausgeschlossen, wenn Sonderkosten für „spezielle“ Bedürfnisse erhoben oder in Kauf genommen werden.

Eine Einsparmöglichkeit ist Mehrkosten nur auf Wunsch in Kauf zu nehmen, doch damit werden Menschen gezwungen eine Sonderrolle einzunehmen. „Auf Nachfrage wird … zur Verfügung gestellt“ ist also kein Pluspunkt, sondern höchstens kein Minuspunkt.

Helfer_innenzeiten
Eine Möglichkeit Geld zu sparen ist Helfer_innenzeiten zu vereinbaren, z.B. für das Kochen, Übersetzungen, Aufräumen, Putzen, Abholdienste, Assistenz etc. Diese können jedoch nicht verpflichtend sein, z.B. da Menschen unterschiedlich Belastungsfähig sind, und sollten nach der Bereitschaft der Helfer_innen vergeben werden. Also nicht einfach Menschen zu bestimmten Diensten einteilen, sondern auf deren Aussage hin, was sie machen wollen. Genauso wenig, wie alle Menschen übersetzen können, können alle körperlicher Arbeit usw. nachgehen. Die Aufforderung zu benennen, warum sie etwas nicht können, produziert Ausschlüsse.

 

Fragen, Kritik, Ergänzungen usw. sind unglaublich willkommen!

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Wie verhalte ich mich möglichst nicht wie ein Arsch?

Schlagwörter: feministische Grundlagen – street harassment – Don’t be that asshole – Frauen*

[Triggernde Worte und Beschreibung von street harassment und anderen Formen der (sexuellen) Belästigung folgend]
Im Folgenden geht es aufgrund des Themas um Interaktionen zwischen Personen, die männlich wirken und Personen, die sich als weiblich identifizieren.


Street harassment ist unglaublich anstrengend, nervtötend und einschüchternd für Betroffene, also was tun, wenn Mann* doch mal eine Frau* ansprechen will?

Dieses Thema wurde in mindestens einem [Trigger Warnung für Titel des verlinkten Posts] englischsprachigen Artikel, der inzwischen recht bekannt ist, behandelt, aber ich werde dennoch im Geiste meines letzten Artikels zu street harassment darauf eingehen.

Man stelle sich vor, man ist unterwegs. In der Bahn oder zu Fuß, vielleicht mit dem Fahrrad oder dem Auto. Man hat ein Ziel, denn man muss zur Arbeit, einkaufen, möchte Freund*innen treffen oder endlich nach Hause, um sich entspannen zu können. Vielleicht ist man auch unterwegs, um sich dabei zu entspannen. Sehr unwahrscheinlich ist, dass man sich im öffentlichen Raum bewegt, um Menschen kennen zu lernen.
Nun wird man unterbrochen. Eine hoffentlich freundlich wirkende Person spricht eine* an.
Bereits in diesem Moment gibt es viele Umgebungsbedingungen, die beeinflussen, wie die Interaktion auf die Angesprochene wirken wird.

Aber gehen wir einen Moment zurück in der Zeit.

Die angesprochene Person ist in einer rape culture aufgewachsen. Ihr wurde von klein auf vermittelt, dass sie zu bestimmten Tageszeiten, in bestimmten Umgebungen, mit bestimmter Kleidung und in bestimmten Situationen vorsichtig sein muss, “damit ihr nichts geschieht”. Ihr wurde vermittelt, dass fremde Männer* eine Gefahrenquelle sind.
Leider wird sie aber nahezu unausweichlich nicht nur dieses theoretische Training erhalten haben, sondern auch ein praktisches. Sie wird erlebt haben, wie sie anzüglich oder mit Abscheu im Blick angestarrt wird, ihr hinterhergerufen oder sie angehupt wurde. Oft auch Einschneidenderes.
Wenn man bereits erlebt hat, wie die körperliche oder sexuelle Selbstbestimmung auf die eine oder andere Art verletzt wurde, wird man eine natürliche Reaktion darauf zeigen: man versucht zu verhindern, dass es noch einmal geschieht und befindet sich in einer Situation, die als gefährlich wahrgenommen wird, in Alarmbereitschaft.

Das klingt jetzt alles sehr negativ und deprimierend, aber wenn dich das überraschend trifft, kann ich nur sagen: Grüß dich, Privileg.

Also kommen wir dazu, welche Faktoren, die du beeinflussen kannst, bestimmen wie du während eines Gesprächs wahrgenommen wirst.

-> Umgebung
Vorzugsweise befindet ihr euch in der Hörweite von einigen anderen Menschen (die nicht unter dem Einfluss von Rauschmitteln stehen oder ein “Frauen sind scheiße”-Plakat herumtragen), je mehr desto besser. Öffentliche Verkehrsmittel, offene Plätze oder überfüllte Einkaufspassagen sind in der Hinsicht positiv.

-> Fluchtweg
Das klingt wieder sehr bedrohlich, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Niemand möchte sich fühlen, als wäre hän in einer ausweglosen Situation. Fang also kein Gespräch mit einer Frau* an, die an einem Fensterplatz sitzt, während du den Weg zum Gang versperrst.

-> Körperhaltung
Abstand ist zentral. Je mehr Platz zwischen dir und ihr ist, umso besser. Menschen variieren im Empfinden, was für sie im Gespräch die beste Entfernung zueinander ist. Im Zweifelsfall wird sie auf dich zukommen.
Das gilt übrigens generell in öffentlichen Verkehrsmitteln, denn wenn ich kuscheln will, gehe ich damit zu Personen, die ich mag und die Lust drauf haben, nicht zu meinem Sitznachbarn.

-> Easy out
Da davon auszugehen ist, dass “Dich unterwegs kennelernen” nicht auf ihrer heutigen ToDo-Liste stand, halte das Gespräch kurz und biete ihr eine einfache Möglichkeit, es zu beenden. Wenn du nur nach dem Weg/der Uhrzeit fragen möchtest, belass’ es auch dabei und verwickel’ sie nicht in ein Gespräch, weil sie so freundlich wirkte.
Wenn du sie gerne treffen möchtest, biete ihr deine Nummer/E-Mail-Adresse/Twitternamen an. (Wenn sie Nein dazu sagt, ist das in Ordnung und du beendest das Gespräch höflich.)

-> Enthusiasmus ist key
Achte darauf, wie sie reagiert und wie viel sie von sich aus sagt. Freundlichkeit allein ist kein Zeichen von Interesse oder Freude am Gespräch, es ist mehr oder weniger der weiblich sozialisierte Default-Wert. Eine rege enthusiastische Beteiligung am Gespräch (das heißt nicht, nur auf Fragen zu antworten!) ist z.B. ein klareres Zeichen von Interesse.
Wenn sie allerdings schon zu Begin des Gesprächs bedrückt, ängstlich, aggressiv oder abweisend wirkt, beende es so schnell wie möglich. Zu versuchen sie von deiner Nettigkeit zu überzeugen wirkt nur aufdringlich (und stellt deine Nettigkeit ernstlich in Frage, schließlich hat sie nicht um das Gespräch gebeten).

-> Muss das wirklich sein?
Zu Beginn einer Interaktion, sollte immer die Frage stehen: ist das wirklich wichtig? Frauen*, an denen du vorbeigehst, müssen überhaupt nicht wissen, wie attraktiv du sie findest.

Tatsache ist: keine Frau* schuldet dir ihre Freundlichkeit oder Interesse und nicht einmal ihre Aufmerksamkeit. Wenn du Frauen* kennenlernen möchtest, tust du das am besten in Kontexten, die dafür geschaffen sind, wie Partys, Clubs¹ oder noch besser: Dating-Webseiten. Aber auch wenn du ehrlich nur nach der Uhrzeit oder dem Weg fragen möchtest, hat die Angesprochene jedes Recht nicht mit dir sprechen zu wollen. Du weißt nicht, was sie schon erlebt hat und sie muss sich nicht rechtfertigen.

1 Editiert am 25.05.2012, Wie ich mehrfach korrekt daraufhingewiesen wurde, sind Partys und Clubs (oder während des Urlaubs oder im Park) eben keine Orte, um Frauen* bedenkenlos anzumachen, weil es die Orte sind, an denen es am häufigsten und vor allem aufdringlichsten geschieht. Sie sind zur Entspannung geschaffen und daher sollte im Blick behalten werden, dass es nicht für jede Frau* “Entspannung” ist, angemacht zu werden – erst recht nicht, wenn es in einer übergriffigen Weise geschieht, wie ich in meinem Artikel zu street harassment beschrieb oder auch oben (bedrängen, isolieren, zulabern).

Crossposted auf High on Clichés

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