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Was ist epistemische Gewalt?

In diesem Artikel hole ich etwas nach, womit ich nichts zu tun habe.
Aber nachdem Samia keine Antwort auf ihre Frage bekam, dachte ich: Als große Foucault-Fan mach ich das gerne. Ich geb mein Bestes: Sollte ich was verkacken, bitte drauf aufmerksam machen. Bin für jeden Hinweis dankbar.
Zweite Motivation dies zu tun: Ich glaube, dass das ein wichtiger und nützlicher Begriff ist. Warum steht im zweiten Teil.

Teil 1
Was ist epistemische Gewalt?
Fangen wir damit an zu erklären was ein Epistem ist.
Epistem ist einer der Kernbegriffe Foucaults, einem französischen Philosophen und Historiker.

Ein „Epistem“ bezeichnet in seiner Theorie bestimmte Dinge, die wir stillschweigend voraussetzen, wenn wir über etwas reden. Das ist immer der Fall: Mensch kann nichts sagen, ohne etwas vorauszusetzen.
Diese Dinge, die wir stillschweigend voraussetzen, brauchen wir um überhaupt über etwas sprechen zu können. Mensch kann ja nicht jedes Mal „bei Adam und Eva anfangen (RW)“, wie mensch so schön sagt. In diesem Sinne ermöglichen Episteme erst das Sprechen. Gleichzeitig aber schränken sie das Sprechen ein. Denn natürlich sorgt das, was ich einfach voraussetze, dafür, dass ich alle Menschen ausschließe, die dies nicht voraussetzen. Das ist laut Foucault nicht verhinderbar! Das wird häufig übersehen, wenn Menschen in der Illusion leben, es gäbe eine Möglichkeit zB einen Blogpost zu schreiben ohne jemanden auszugrenzen. Dass mensch aber immer jemanden ausgrenzt, wenn mensch redet, ist direkte Folge der beiden ersten Sätze! Fassen wir also zusammen:
Immer wenn ich rede, setze ich etwas stillschweigend voraus.
UND Immer wenn ich etwas einfach voraussetze, grenze ich all die Menschen aus, die es nicht voraussetzen.
=> Immer wenn ich rede, grenze ich all die Menschen aus, die nicht voraussetzen, was ich voraussetze.

Das zeigt zwei Dinge:
a) Zunächst zeigt es uns, dass das nicht immer was schlimmes ist, jemanden auszuschließen. Wenn ich zB voraussetze, dass dir klar ist, dass wir gerade über Schavan reden, während du noch überlegst, ob das Gespräch in das du reinplatzt, von Guttenberg handelt, kannst du einfach fragen „Worüber sprecht ihr da?“ und die Sache ist erledigt.
b) Es ist hoffnungslos, niemanden ausschließen zu wollen, da es sehr viele sehr unterschiedliche Menschen gibt, die sehr unterschiedliche Dinge voraussetzen. Das Ziel kann daher nur sein, zu überlegen, wen ich ausschließe (bzw. mich zu fragen, wen ich nicht ausschließen möchte).

Daraus wiederum folgt, warum nun noch der Begriff „Gewalt“ hinter das „epistemisch“ kommt. In einer Situation wie in Fall a gab es keine Gewalt. Das, was da vorausgesetzt wurde, ist aber eben auch etwas sehr oberflächliches, das leicht zu benennen ist. Wenn ich aber wie in Punkt b beschrieben, darüber nachdenken möchte, wen ich womit ausschließe, komme ich oft sehr schnell an meine Grenzen. Episteme nämlich bezeichnen ja gerade das Unhinterfragte einer Gesellschaft. Im Gegensatz zu Gesprächen zwischen drei, vier Menschen, wie in Fall a, wird es bei so großen Gefügen wie der Gesellschaft leicht unüberschaubar. Deshalb ist es auch wichtig für Foucault gewesen, dass er Geschichte studiert hat: Was in einer Gesellschaft für selbstverständlich gehalten wird, ändert sich schließlich. Das, was mensch momentan, hier und heute für „selbstverständlich“ hält, nennt er „historisches Apriori“. Das historische Apriori ist also das, was in der Geschichte kein („a-“ ist die Vorsilbe der Verneinung) Vorhergehendes oder Vorangegangenes (latein: „prior“; wie in „Priorität“ = das, was für jemanden Vorrang hat) kennt. Und was das zum Teufel sein soll, wissen wir oft selbst nicht. Es ist uns in der Regel nicht bewusst, wie oft eine_r „Warum? Warum? Warum?“ fragen muss, bis wir uns gezwungen fühlen zu antworten „Das weiß keine_r. Das ist eine große philosophische Frage“. Falls das noch nicht nachvollziehbar ist, möchte ich dich einladen, dich an eine Situation zu erinnern, in der dich jemand so oft gebeten hat, zu erklären warum das Sinn macht, was du sagst, dass du irgendwann dachtest „Da kannste mich auch gleich fragen, was der Sinn des Lebens ist“.

Ein Beispiel:
Runde 1: Warum bist du gegen Gewalt an Frauen?
- Weil Frauen auch Menschen sind und alle Menschen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit.
Runde 2: Ok, von mir aus. Aber warum haben alle Menschen ein Recht auf körperliche Unversehrtheit?
- Weil alles andere die Würde des Menschen verletzt.
Runde 3: Was soll denn die „Würde des Menschen“ sein? Und warum glaubst, dass der Mensch Würde hat?
- Na, weil der Mensch doch das Maß der Dinge ist und so. Weil man Menschen nicht zum Mittel anderer Zwecke machen darf – Puh, jetzt wirds schon eng.

Ich glaube so eine Situation, kennen wir alle. Das setz ich jetzt mal voraus ;-) . Und irgendwann wird es immer eng. Und irgendwann will mensch immer einfach nur noch so was antworten wie „Daran glaub ich halt einfach“. Und genau dieses wovon mensch glaubt, dass “mensch das halt einfach glaubt”, ist das Epistem. Weil er/sie/es in dem Moment gar nicht mehr anders erklären kann. Deshalb ist es ja so gemein, wenn eine_r so vorgeht in einer Unterhaltung. Gleichzeitig aber können diese Fragen todernst gemeint sein.
Das besondere an Foucault ist nun, dass er behauptet hat: Dieses Episteme, das sind gar keine großen philosophischen Fragen, auf die keine_r die Antwort kennt! Deshalb hat er selbst sich auch irgendwann aus der Philosophie verabschiedet, weil er der Meinung war, dass spätestens ab Runde 15 in einem Gespräch nichts mehr zu holen ist. Jedenfalls nichts außer Glaubenskrieg und kranken Machtspielchen. Es ist nämlich noch viel krasser; er hat behauptet, dass dieses „Wissen“ die größte Quelle der Macht ist. Das Epistem legt fest, worüber wir nicht mehr sprechen können, ohne „philosophisch“ im negativen Sinne des Wortes werden zu müssen. Denn irgendwoher muss es ja kommen, dass du das „einfach glaubst“. Denn so einfach ist das nicht, etwas zu glauben. Wenn du nun glaubst, dass das deine Entscheidung sei, was du glaubst, hast du weit gefehlt, würde Foucault sagen. Genau hier sitzt die Gewalt, die dich zwingt, zu akzeptieren, dass du nun mal Teil der Gesellschaft bist in der du lebst. Die Gewalt, die dich zwingt anzuerkennen, dass auch dein Denken nicht von einem anderen oder besseren Stern kommt, sondern in denselben Fäden zusammenläuft, wie das aller anderen, ob mit oder ohne Right-Planet-Syndrom. Es ist „nicht im Sagbaren“, wie Foucault sagen würde, geschweigedenn ist es verhandelbar. Ich verhandele nicht über die „Würde des Menschen“. Wenn der jemand ans Bein pinkeln will, schau ich, dass er mir an Macht unterlegen ist und sich bloß nicht durchsetzen kann!
Wer sich durchsetzt nämlich, trägt mit dazu bei, was in Zukunft für selbstverständlich gehalten werden wird. Dadurch trägt er/sie/es mit dazu bei, „Wissen“ zu produzieren. Denn, wie oben erläutert, können wir Dinge nur „wissen“, wenn wir das, was unhinterfragt vorausgesetzt wird, bereits vorher „wissen“. Weil es am Ende also an diesen scheiß Machtspielchen hängt, was ich „wissen“ kann, schreibt Foucault auch oft in einem Wort „MachtWissen“. Über den Satz, der zum Sprichwort geworden ist: „Wissen ist Macht“ lässt sich aus Foucaults Perspektive daher sagen (s.a. Kommentar unten von Du_weißt_schon_wer). Das heißt nicht, dass ein mensch, der viel weiß auch viel Macht hat! Das ist klassistischer Unfug und ein grob fahrlässiges Missverständnis. Gemeint ist, dass das Wissen Macht über uns hat und dass es viel Macht (Nachtrag: und ein Wagnis) braucht, um neues Wissen produzieren zu können.

Unsere Möglichkeit wirklich anders zu denken, werden also durch die Episteme begrenzt. Ein weiteres Beispiel: Warst du schon mal enttäuscht, dass die Aliens in ScienceFiction-Filmen unterm Strich doch so funktionieren wie Menschen? Ich war das oft. Es ist sehr schwer, sich etwas vorzustellen, das fundamental anders ist als das, was uns die Episteme vorschreiben.
Damit wäre jetzt auch geklärt, dass epistemische Gewalt nichts ist, was einzelne Menschen über dich ausüben. Der Satz „Die komischen Menschen auf dieser Konferenz üben epistemische Gewalt über dich aus“ ist also immer falsch. Epistemische Gewalt meint die Gewalt DES Epistems ÜBER dich (nicht gegen dich – über dich). Die kann kein Mensch ausüben, egal wie viel Foucault er gelesen hat. Denn die epistemische Gewalt entsteht nicht durch das, was einzelne Menschen sagen. Die epistemische Gewalt entsteht – entgegen der Gerüchte, die mittlerweile leider schon kursieren – auch nicht durch das, was die „herrschende Klasse“ sagt. Die epistemische Gewalt entsteht dadurch, das sich Menschen, kreuz und quer, mit und ohne Privilege, unterhalten und sich dabei so verstricken, dass am Ende sowieso keine_r mehr weiß, wer jetzt was gesagt hat, und wer wie darauf gekommen ist; und diese Verstrickungen und Verwirrungen laufen so aus dem Ruder, dass sie kaum noch steuerbar sind; und sie sind so wenig steuerbar oder verhinderbar, dass auch nie die Einzelperson daran Schuld ist oder etwas daran ändern kann. Diese Wollknäuel kennt glaub ich nun wirklich jede_r Blogger_In. Und dieses unentwirrbare Wolknäuel ist es, das mit dem magischen Begriff „Diskurs“ gemeint ist. Diskurse sind öffentliches Gerede, das so aus dem Ruder läuft, dass keine_r mehr weiß, wer da was genau gesagt hat und was damit wirklich gemeint war und wie mensch darauf eigentlich gekommen ist; und eigentlich macht alles keinen Sinn mehr, aber trotzdem redet mensch weiter. Der Diskurs produziert das Wissen, das sich zu Epistemen verdichtet, die dann Gewalt über dich haben. Nur der Diskurs kann diese Episteme verändern. Und das geht, wie wir alle wissen, sehr zäh vonstatten.

Teil 2
Wozu kann man diesen Begriff also in gesellschaftskritischen Analysen wie zB den Feminismen benutzen?
To be continued.

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