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Berlin. Eine Körper-Geschichte.

Inhaltswarnung: Beschreibung sexualisierter Gewalt an einer Stellezwei Stellen, auf die ich hervorgehoben nochmal aufmerksam mache. edit: Sowie Beschreibung (anderer) physischer Gewalt.

“… our writings like graffitis on the surface of the moneyed culture at large.”
(Michelle Tea: Without a Net. Via ClaraRosa)

Ich wünschte, ich hätte eine Geschichte, die nicht so starr wäre. Eine Geschichte, die ich im Nachhinein und mit wachsendem Alter immer neu und wie Bilder beim Internetdienst Instagram immer eingetaucht in anderen Farben sehen könnte. Hier und da mich an goldene Momente, an Highlights zurückerinnern könnte wie an funkelndes Spielzeug.

Aber meine Vergangenheit wirkt stattdessen unhandlich und unbeweglich auf mich. Ich habe sie selten erzählt bekommen; zuwenige Menschen, die sie kennen und die wenigen, die ein paar Jahre darunter kennen, verweigern mir oft ihre Perspektive; mit der seltsamen Annahme mich schützen zu müssen. Das Wenige was ich aus der frühen Kindheit weiß, habe ich den Menschen mit harter Arbeit abgezwungen; das andere aus meinem Gedächtnis gekratzt. Und weil ich von früh an lernte, mich mit den Augen anderer zu sehen, wurde ich meine eigene PR-Agentur. Ich erzählte den Menschen eine Geschichte, die okay war zu erzählen. Ich orientierte mich an Daten und Fakten, ich vergaß Gerüche, Bilder, Gesichter.

Vor kurzem war ich in Berlin; auf Konfrontationskurs; mit der Absicht diesen Erinnerungen nachzujagen um ein altes Tagheim wiederzufinden. Ich hatte nichts, nur die Information des Stadtteils; die schwache Erinnerung an ein längliches Haus und einen großen Garten; an eine Hausnummer, die dreistellig sein musste; und einen Straßennamen, den sich mein Gedächtnis vermutlich zurechtgelogen hatte.
So stand ich dann mit einem Menschen, die mich über die Zeit bei sich aufgenommen hatte, irgendwann am Abend an einer Straße; und die Straße endete im Nirgendwo; und die Hausnummer die ich zuvor noch bei GoogleMaps eingegeben hatte und dort sichtbar gewesen war, schien es nie gegeben zu haben.

Aber es hatte andere Momente gegeben. In Wedding in irgendeinem Treppenhaus – ein Geruch von früher, schlagartig erwachten meine Sinne, meine Knie wurden weich. Was da in einem Gehirn abgehen kann, in was da eine zurückgeworfen wird; ich stand und konzentrierte mich und genoss es, einen Erinnerungsfaden einzufangen und ihn wieder gehen lassen zu müssen. Später holten wir ein Kleinkind von der Krippe ab; der kleine Laden war süß, die Kinder purzelten mit durch Windeln vergrößerte Hinterteilen durch die Gegend, eine kam und legte mir mehrere Sachen in die Hand. Ein anderer erwartete seine Mutter und weinte und weinte und weinte. Ich saß da; und die Atmosphäre der Straße, die durch die hohen Schaufenster hineinwirkte und das heulende Kind, das wirkte, und plötzlich sah ich es wieder: keine eindeutigen Eindrücke, sondern ein verwehtes Bild einer Kindheit; auferstanden um mich herum, für wenige Sekunden.

Ich war mit vier oder fünf Jahren in Berlin. Meine Großeltern packten uns eines Nachts ein und fuhren meinen Bruder und mich zu meinem Vater; von Stuttgart nach Berlin. Türkische Konvention hatte anscheinend mal beschlossen, ein Mann dürfe nicht die Kinder eines anderen Mannes erziehen. Also musste/sollte/wollte meine Mutter ihre Kinder gefälligst in freundliche Hände abgeben.

Seriously, Mum? What were you thinking?

Ich hatte zuvor gedacht, mein Opa wäre mein Vater, der lediglich eben gerne das Bett mit meiner Oma teilt. Und als sie mir sagten: Dein Vater ist woanders und vllt besucht ihr ihn ja bald!!11 da dachte ich an einen abgedunkelten Raum mit einer Kerze, über die wir uns beugen damit ich das Gesicht meines Vaters besser erkenne. Ich weiß nicht, wieso ich mich an dieses Bild immer noch so gut erinnere. Mein Vater war ein Nichts; deshalb versuchte ich mir krampfhaft ein Gesicht vorzustellen. Aber jede Vorstellung entglitt mir.

Ich wachte im Auto auf; sie hatten uns in Schlafanzügen mitgenommen, wechselten nun unsere Kleidung; ich trug ein weißes Kleid mit rostroten Blüten auf Altrosa. Hin und wieder hielten sie an, um die Gebetsteppiche auszurollen. Sie setzten uns vor der Tür unseres Vaters ab. Die Putzfrau brachte uns hoch. Dort aus der Wohnung kam ein strahlender Mann heraus mt einem Schnurrbart, der sagte: ,,Meine Kinder sind da, meine Kinder sind da!”

Das Leben in Stuttgart hatte sich innerhalb eines großen Familienverbands abgespielt. Schon allein in der 5-Zimmer-Wohnung meiner Großeltern wohnten viele Menschen, große und kleine, alte und junge, und es gab immer Besuch. Ich war nie alleine, meine Tanten liebten mich, mein Opa liebte mich, vor einem Onkel rannten wir regelmäßig schreiend weg, wenn er zu Besuch kam, weil seine Wangenkniffe Ausschlag verursachten. Wir lebten in den Hochhäusern; und wenn wir rausgingen, war da schon immer ein Haufen Kinder, mit denen wir dann durch die Gegend rannten. Wir hatten bereits unsere eigenen hochkomplexen sozialen Netzwerke und die Währung bestand aus Selbstbewusstsein und Tratsch.

In Berlin: Ein weiteres Hochhaus, doch alles fiel zurück auf diese Kernfamilie: Mein Vater, seine Frau, ihre zwei Kinder. Wände. Mein Vater, eine Mischung aus Humor, Sentimentalität und Aggressivität. Selbstbewusstsein half nicht mehr; noch wurden wir von unserem Vater betüttelt; später würde das der genervten Langeweile weichen. Nach klassisch märchenhaften Prinzip bekamen mein Bruder und ich bald für alles die Schuld was unser kleiner Halbbruder anrichtete. [Hier folgt eine Darstellung sexualisierter Gewalt . . . ] Ein Cousin, der uns zeigte, wie er sich auf einer Matratze selbstbefriedigte. Unnütze Sachen, die uns gekauft wurden, wie Tische und Stühle für ein Puppenhaus, ohne Puppen, ohne Haus. Mein kleiner Halbbruder, der nur ,,heiß” sagen konnte und das oft und gerne. Meine Stiefmutter, die ihren Freundinnen die Haare blond färbte und ihnen erzählte, dass hier da und da eine grüne Stelle sei. Irgendwann rasierten mein Vater und sie sich ganz die Haare ab. Ich weiß, dass sie schön war, meine Stiefmutter, bis heute erinnere ich mich an ihre schönen Wangenknochen.
Dann dieses Tagheim. Kannst du dir vorstellen wie eine Art Kindertagesstätte, wo arbeitende Elternteile ihre Kinder hinbringen konnten und die durchaus auch dort übernachten konnten, für ein, zwei, mehrere Tage. Meine erste Erinnerung an ein Jugendamt. In der Wohnung gab es immer öfter Streit wegen Geld; meine Stiefmutter war überfordert mit uns zusätzlichen Kindern. Mein Vater wurde gewalttätig. Ich erinnere mich an eine Drohung, die er ausstieß: Wenn ich wieder ins Bett einnässen würde, würde er mir mit einem glühenden Eisen den Hintern versohlen. Ich erinnere mich nicht an Schläge. Mein Bruder erzählte mir, dass mein Vater mich oft geschlagen hätte. Ich glaubte ihm nicht. Jahre Später sah ich in einer Akte ein Arztschreiben. Da ging es wohl um eine tiefe Wunde an der Stirn, die mein Vater bei mir verursacht hat. Ich wäre dann mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht worden. Danach ging ich der Akte nach im Tagheim nicht mehr mit, als mein Vater uns zum Wochenende mitnehmen wollte.

Irgendwann kam unser Vater nicht mehr. Was da alles lief im Hintergrund würde ich erst ein Jahrzehnt später nachvollziehen können. Wir blieben in dem Tagheim. Mein Bruder und ich entwickelten recht bald große Unabhängigkeit voneinander; er hatte seine Freundeskreise, ich meine. Ich für meinen Teil vergaß meine Familie erstmal. Der Tagesrhythmus des Hauses wurde zu meiner Struktur; der quälend lange Mittagsschlaf, zu dem wir verordnet wurden; mein Neid auf die, die schon in die Schule gehen konnten und deshalb in der Mittagspause Hausaufgaben machen durften im Wohnzimmer. Ich brachte mir selber Lesen und Schreiben bei; erforschte Sexualkundebücher. Wir liebten Michael Jackson und seinen Moonwalk; tanzten ihn mit nackten Oberkörpern, wir befummelten einander wie es sich gehörte, überhaupt drehte sich vieles um Lust. Manche Freundschaften ergaben sich, unerklärlich wie so oft; andere waren Allianzen, die strategisch durchgeplant waren, zum Beispiel um sich gegen die älteren Kinder zu wehren.

[edit: Ab hier die Darstellung sexualisierter Gewalt; Absatz kann übersprungen werden!]

Es gab ein Mädchen über das sich alle lustig machten, weil sie alle paar Minuten aufs Klo musste und dadurch jedes Spiel verdarb. Ich erinnere mich, wie ein etwas älterer Junge ihr beim Campen irgendwann des Nachts während sie schlief seinen Pimmel in den Mund gestopft hat. Bis heute steht diese Erinnerung ziemlich isoliert in meinem Kopf. Es war ganz klar ein Akt der Macht gewesen und für mich velleicht nie so spürbar wie in diesem Alter, wo ja fast nichts mehr hervortrat als die Verfügbarkeit und Kontrolle unserer Körper durch die älterer, stärkerer Menschen. Die Verfügbarkeit machte den Ekel größer; ich dachte tatsächlich, er würde in ihren Mund pinkeln, weil er keine Lust hatte, draußen zu pinkeln.

[Hier ists auch schon wieder vorbei :) ]

Unsere Betreuer*innen, an die ich mich erinnern konnte … Wolfgang, Gisela, Dirk? Gisela war eine recht alte Frau gewesen, die mich immer mit zum Bäcker genommen hatte, wo ich regelmäßig ein Brötchen geschenkt bekam. Sie erzählte oft Lügen der Pädagogik wegen; und ich weiß, dass mich bei ihr dieses Mitleid ritt, dass mir schon in meiner Familie für alte Frauen eingeimpft worden war. Einmal hatte ich ihr absagen müssen, weil ich nicht mit ihr zum Bäcker gehen wollte und erinnerte mich sehr gut an die Schuldgefühle, die mich da heiß überfielen.

Mit den männlichen Betreuern hatte ich seit jeher meine Probleme. Ich erinnere mich noch, dass es mir unangenehm war, als unsere Prinzessin einmal liebevoll im Schnurrbart von Wolfgang gespielt hatte. Überhaupt diese Prinzessin … innerhalb der Machtspielchen die es damals unter den Kids gab, war das Ausspielen des “gelungeren” Mädchen-Seins der mich am meisten überfordernde Kniff. Ich sah schon damals wie perfekt die Inszenierung dessen war: diese zarten hellhäutigen blonden Mädchen mit den großen blauen Augen, die einfach nur durch ihre Präsenz Menschen überzeugten. Sie erzählten mir auch eine Geschichte dessen, was ich nicht war. Seit damals hatte ich nie verlernt zu sehen: wahrzunehmen: die gerade Haltung meines Gegenübers, wie der Schal saß; die sauberen Formulierungen, das Räuspern; bis heute kann ich menschliche Inszenierung nie ignorieren; selbst in jeder noch so banalen Busfahrt prägt sich mir das Auftreten meines Gegenüber ein. Am stärksten aber das von anderen Frauen*.

Berlin, das war damals dieses Tagheim und das eine Hochhaus und der Laden um die Ecke, wo es türkischen Honig gab. Berlin, das war schon damals Schimpfen über einen Flughafen. Das Tobezimmer mit den riesigen Plüschtieren. Mein Schlafzimmer und das häufige Kranksein. Die Entwicklung unserer Zähne; manchmal war nichts faszinierender. Und viele viele Kinder, viele große und kleine Geschehnisse, erste Enttäuschungen, Mohnbrötchen, Sandmännchen. Und Mineralwasser. Ernsthaft.

Kurz bevor wir wegzogen, lernte ich Annika kennen. Sie war ein Mädchen in meinem Alter, blond wie die Prinzessin aber überraschend nett und vielleicht war sie meine erste gute Freundin. Sie schien mich bedingungslos zu mögen und einfach nur gerne Zeit mit mir zu verbringen. Ich durfte bei ihr übernachten und wir hatten viel Spaß miteinander. Und dann war das auch schon wieder vorbei und mein Bruder und ich saßen im Auto; unterwegs zu einem anderen Ort, zu einem anderen Heim. Weil irgendwelche Menschen in Büros das so beschlossen hatten.

Berlin. Zurück im Heute. Als ich letztens dort aus der Bahn stieg nach einer langen Fahrt, und mich erstmal müde verlief, da überraschte mich, wie angenehm alles war. Die Häuser und die Straßen, die ich sah, die vielen türkisch- und arabischsprechenden Menschen um mich her; die Häuserwände bunt wie damals schon; der freundliche Schmutz. Ich fühlte mich zuhause. Ich verirrte mich, aber das war okay. Ich hätte stundenlang weiter durch diese Straßen irren und ihren Geruch und ihre Atmosphäre auf mich einwirken lassen können. Es ist schön, dieses Gefühl, dass manche Erinnerungen zwar nicht in Worte gefasst werden können, aber vom Körper gelebt werden. Und gerade dieses Nichtfassenkönnen, Nichteinteilenkönnen solcher Erinnerungen; gerade das, was flüchtet, sobald ich danach greife, dieses Sprachlose; das, was eingewirkt in unseren Körpern weiterhin unsere Geschichte erzählt; ich möchte dies wieder wahrnehmen lernen. Ich möchte lernen, mich dem Einteilen zu verweigern, mich der Datierung zu entziehen. Lernen, das was Körper-Geschichte ist – : nicht mehr zu hören durch Erzählungen allein, sondern auch zu schmecken, zu riechen, zu fühlen.
Meine ganz eigene Geschichte.

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Adultismus – Wer sind die Bösen?

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Intersektionalität – Eltern – Kinder – Adultismus – unsere Gesellschaft – Familie

[Meine Lektüre: Erich Fromm (so lala), Arno Gruen (okay), Alice Miller (schon besser), Marshall Rosenberg (dazu komme ich später)]

Wenn Kinder sehr klein sind, sind sie abhängig von einer Bezugsperson/Bezugspersonen. Sie sind es in physischer Hinsicht, aber auch in emotionaler. Diese Bezugspersonen helfen ihnen idealerweise, ein Sinn für das eigene Ich zu entwickeln, dafür dass ihre Bedürfnisse zählen und wichtig sind und dass sie selbst liebenswert sind. Im Wortsinne: es wert, geliebt zu werden.
Mit zunehmendem Alter vollzieht sich eine Trennung von der Bezugsperson. Wenn die Beziehung funktioniert, ist die irgendwann vollständig: man steht sich als getrennte Personen gegenüber, die die Bedürfnisse der jeweils anderen anerkennen und für ihre eigenen eintreten.
Oft funktioniert es nicht.

Familie wird dennoch als der Nährboden für alles Gute dargestellt. “Blut ist dicker als Wasser” und all dieser Unsinn. Ich habe jedoch bewusst “Bezugsperson” und nichts von Eltern geschrieben, denn es besteht keine Notwendigkeit, dass dies (leibliche) Eltern oder ein Mann* und eine Frau* sein müssen. So weit mir bekannt ist, müssen es auch nicht zwei Personen sein oder nicht nur zwei. Was ein Kind aber braucht, ist, wie Alice Miller es nennt, ein*e Zeug*in. Eine Person (oder mehrere), die vermittelt, was ich im ersten Absatz beschrieb. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: das Leben mit leiblichen Eltern garantiert kein*e Zeug*in.

Warum die Einleitung?

Es gibt wenige Themen, die es einer*m so schwer machen können, den Durchblick zu erhalten. Weil die menschliche Psyche zu einem guten Teil daran glauben muss, dass die eigenen Eltern/Bezugspersonen gut waren. Das ist der Grund, warum einige Kinder nicht einfach davonlaufen, wenn sie 18 werden (also die meisten, meine ich), obwohl ihre Familie sie von außen betrachtet furchtbar behandelt haben. – Selbst diese Betrachtung von außen wird oft erschwert, weil man dran gewöhnt ist, “Schrulligkeiten” in einer Familie eher zu dulden, auch wenn sie zwischen Partner*innen als emotionale oder körperliche Misshandlung eingestuft würden. Unter anderem natürlich auch wegen Adultismus selbst: weil Kindern keine körperliche und seelische Autonomie zugestanden wird.
Was ich sagen will: Familie und besonders Eltern sind in unserer Gesellschaft stark mit Bedeutung aufgeladen, die der Gesundung von vielen Kindern, [edit]die Probleme haben[/edit], im Wege steht und auch die Betrachtung von Adultismus erschwert, weil schmerzhaft macht. (“Kinder” ist hier durchaus als “alle Personen mit Eltern/Bezugspersonen” gemeint – also auch Menschen weit über 18. Wenn ich von der Betroffenheit durch Adultismus schreibe, spreche ich aber nur von Personen bis 18.)

Heißt es immer Eltern vs. Kinder?

Jein. Auf der persönlichen Ebene haben Eltern¹ tatsächlich eine sehr wichtige Position, die ich oben erklärt habe: das emotionale Wohlbefinden der Kinder hängt von ihnen ab. Aber Adultismus² bezieht sich meinem Verständnis nach vor allem auf gesellschaftliche Strukturen, die Eltern z.B. moralisch in ihrer Machtposition bestärken. Damit meine ich konkret, Entscheidungen “für” statt mit ihren Kindern zu treffen, ihnen Vorschriften zu machen, ihren Lebensweg bis zur Vollendung des 18. Lebensjahr vorzuzeichnen.
Eltern haben gesellschaftliche Rückendeckung dabei, über das Leben einer anderen Person zu bestimmen.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass gesellschaftliche Strukturen stark bestimmen, inwiefern ein Kind anti-adultistisch behandelt werden kann.
Auch Eltern, die ihrem Kind auf Augenhöhe begegnen möchten, müssen der Schuldpflicht nachkommen, können ihre Kinder keine wichtigen Dokumente selbst unterzeichnen lassen, bevor sie volljährig sind, können ihre Kinder nicht wählen schicken usw.

Eine andere Frage ist die nach sich überschneidenden Diskriminierungen der Eltern. Wie wirkt sich das auf die Fähigkeit der Eltern aus, ihr Kind anti-adultistisch zu behandeln? Meiner Meinung nach: so gut wie nicht. Es ist korrekt, dass z.B. Alleinerziehende/Geringerverdiener*innen mit mehreren Jobs schlicht und ergreifend weniger Zeit mit den Kindern verbringen können und gerecht ist das nicht (aus einer gesellschaftlichen Perspektive). Es hat aber keinen Einfluss darauf, wie (sprich: auf welche Art, nicht wie oft) die Eltern mit dem Kind umgehen. Ob sie si:hn an Entscheidungen beteiligen oder ob sie über siren Kopf hinweg entscheiden.
Anklagen wie Rabenmutterschaft und all das fällt zu einem guten Teil unter Sexismus und nicht Adultismus. Oft für das Kind nicht erreichbar zu sein, macht noch keine adultistischen Eltern. Es kann die Eltern-Kind-Beziehung schädigen, aber hier wäre die Schuldigkeit tatsächlich nicht bei Adultismus zu suchen, sondern bei den klassistischen, rassistischen und ableistischen Strukturen unserer Gesellschaft, die den Eltern verwehren, mehr Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Jedoch: Kinder werden oft als Anschaffung betrachtet. Man plant sie ins Leben ein und dann sind sie da und man freut sich. Weniger beachtet wird, ob sie etwas zum Freuen haben. Viel zu viele Eltern sind meiner Meinung nach emotional überhaupt nicht in der Lage, damit umzugehen. Kinder als Accessoir oder Haustier? Adultistisch.

Dadurch, dass ich Adultismus mit der Einleitung vermischt habe, habe ich die Themen ein wenig vermengt. Ich weiß nicht, ob es als adultistisch zählt Kinder aufgrund von äußeren Umständen z.B. zeitlich zu vernachlässigen. Dies ist ein Thema für ein andermal, wenn ich vielleicht mehr weiß.

Ich habe noch einige relevante Links durch/von takeover.beta, hoffe aber, die in einem der nächsten Artikel einfügen zu können.

1 …/Bezugspersonen” bitte ab hier dazudenken
2 Wobei zu beachten ist, dass das Konzept des Adultismus sich stark auf Weiße bezieht. Weiteres bei accalmie. (Warnung Adultismus)
3 Ich habe diese Autor*innen vor 2 bis 5 Jahren gelesen. Ich lese sie, bis auf Alice Miller, gar nicht mehr, aus Gründen.™ Sie stehen nicht da oben, weil ich sie empfehlen will (siehe Klammern), sondern weil ich mir, unter anderem anhand dieser Bücher, eine Meinung gebildet habe. Diese ist im Artikel nachzulesen. Ich kann aber nicht mehr sagen, welche*r Autor*in konkret welche Meinung beeinflusste, daher habe ich sie alle aufgelistet.

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,,Woher kommst du?” – Auch eine Delikate Frage für (ehemalige) Heimkinder.

Meine Lebensgeschichte (oder einen Aspekt davon) bekamen Menschen zum Teil recht unfreiwillig beim Smalltalken mitgeliefert. Das geschah, als ich das Prinzip ,,Smalltalk“ noch nicht so ganz verstanden hatte.
Gespräche liefen (oftmals 1:1) so ab:

xyz: ,,Hey, ich bin xyz! Und wer bist du?”
Ich: ,,Ich bin zyx(nichtdeutscher Name).”
xyz: ,,Ach wie lustig, du heißt ja zyx!”
Ich: ,,Ja genau. Ha ha.”
xyz: ,,Und woher kommst du?”
Ich: ,,Ähm. Ich bin in Hannover geboren.”
xyz: ,,Nee, ich mein… ursprünglich.”
Ich: ,,Meine Eltern kommen aus der Türkei.”
xyz: Mögliche Antwort 1: ,,Ach, du wirkst gar nicht türkisch!”
Mögliche Antwort 1.1: ,,… sondern[anderes Ausland einfügen, von indisch bis estnisch war da alles drin]
Mögliche Antwort 2: ,,Du kannst aber gut deutsch!”
Ich: ,,Tjaja.”
xyz: ,,Sprichst du Türkisch?”
Ich: ,,Nee.”
xyz: ,,Wieso nicht?”
Ich: ,,Weil ich nicht bei meinen Eltern aufgewachsen bin, sondern im Heim.”
FAIL.

Was ist das, was mich an dieser Situation ärgert? Erstmal, dass sie so, wie mensch sie hier liest, tatsächlich ablief, immer und immer wieder. Und bald verliert mensch den Glauben daran, dass Menschen und Begegnungen individuell sind.
Zweitens: Nicht der rassistische Unterton ließen diesen Smalltalk problematisch erscheinen für meine Umgebung (kleiner Brainstorm: fremdklingender Name: Lebenswirklichkeit muss anderes Land/Kultur sein; und was bitte ist ,,ursprünglich”, wenn Menschen schon immer von einem Ort zum anderen gezogen sind?; türkisch ,,wirken” heißt: gewisse Rassenmerkmale aufzuweisen wie …?; Verwunderung über Sprachkenntnisse), nein, problematisch war meine ehrliche und selbstbewusste Antwort, in der ich erwähnte, Heimkind zu sein, d.h. in einer Alternative zur Kernfamilie aufgewachsen zu sein. Und ähnlich, wie Lesben und Schwule (und viele andere) sich auf der Arbeitsstelle anhören dürfen, doch nicht von ihren ,,sexuellen Vorlieben” zu reden, wenn es um ihre Partnerschaften geht, weil sie nicht das Normale repräsentieren, so ähnlich wollte man mich zum Schweigen bringen, weil mit Heimleben das Andere, die Abweichung repräsentiert wird. ,,Heim”, das ist voller Symbolik über grausame Erziehungsmethoden, Missbrauch, böse Betreuer*innen, kriminelle Kinder. Dass es soetwas wie eine glückliche, eine gesunde Kindheit in Heimen gibt, dass auch hier interessante, vielfältige, tolle Menschen leben, darüber wird nicht geredet. Es verwundert mich, dass Menschen nicht nachfragen, wenn es schlicht ungewohnt für sie ist; dass sie bei der Erwähnung vom ,,Kinderheim” oft nur kurz abnicken in meiner Erfahrung und dann ihre eigenen Vorurteile züchten. Was ich dann in der Beziehung zu ihnen langfristig mitkriegen werde.
Wer Familien individuell betrachtet, weiß, dass es ziemlich viel Scheiße in jeder Familie geben kann. Doch sobald Heim und Familie als Dualismus gesehen werden, scheinen Menschen alles Negative, was auch in Familien vorkommt, auf das Leben im Heim zu übertragen. (Emotionale) Vernachlässigung, rauer Umgang, strenge Ordnung, wechselnde Bezugspersonen. Achja, und vermutlich hat es GRÜNDE™, warum das Kind im Heim ist, die sicher auch in seinen Genen vorliegen/auf eine alkoholabhängige Mutter/einen dauerschwangeren Vater hinweisen, der/die Drogen nahm/im Gefängnis saß/Sex vor der Ehe hatte/sonstwie ein schillerndes Leben führte.
Weil ich es müde geworden bin, eine Heimvergangenheit als annehmbare Alternative für ein Familienleben durchzusetzen, bin ich auf Umgehung Heikler Fragen™ umgeschwungen. Das heißt, ich antworte auf jeglichen Smalltalk-Mechanismus, der unweigerlich dazu führen wird, dass ich erzählen muss, warum ich so gut deutsch/kein Türkisch spreche, damit, dass ich einfach sehr viele deutsche Freunde hatte. Das ist sehr simpel. Es hilft mir aber nicht, weil ich damit selber einen wichtigen Teil von mir leugne und ihn der Marginalisierung überlasse, anstatt ihn wieder mit etwas Positivem zu besetzen, als Lebenswirklichkeit, die auch im alltäglichen Umgang mit anderen Menschen nicht verheimlicht werden müsste.
Was denkt ihr darüber?

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