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Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland

Der neue Liebling des „kleinen Mannes“ (der vermutlich die „kleine Frau” miteinschließt, solang beide weiß, deutsch und hetero sind) Joachim Gauck, hat kürzlich in einem ZEIT-Interview festgestellt, dass nicht der Islam, sondern nur die in Deutschland lebenden Muslim_innen zu Deutschland gehörten. Diese subtile Trennung beruht auf der scharfsinnigen Analyse, dass der Islam ja auch weder Aufklärung noch Reformation erlebt habe. Dankend möchte ich diese Analysekategorien nun auch auf andere Religionen anwenden, die in Deutschland praktiziert werden.
 
Das zweite Kriterium ist dabei schon mal recht einfach: Eine Reformation haben nur die protestantischen Religionen hinter sich und sind somit die einzigen Religionen, die wirklich als richtig deutsch durchgehen können. Zu diesem Schluss waren übrigens auch schon die Nazis gelangt, so dass diese Einschätzung also bereits eine längere Tradition in Deutschland vorweisen kann.
 
Schwieriger wird es bei der Aufklärung.
 
Zwar gab es katholische Aufklärer (mir sind nur Männer bekannt), doch wurden deren Reformansätze ab 1814 unter Pius IX. sämtlich wieder zurückgenommen. Dies sollte dann auch bis zum zweiten vatikanischen Konzil 1962-65 so bleiben. Doch auch seit 1965 sind längst nicht alle Forderungen der Aufklärung erfüllt. So hält die katholische Kirche bis heute an dem Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes oder der als Aberglauben verurteilten Bedeutung bestimmter Rituale fest. Außerdem gibt es immer noch katholische Strömungen, die nicht mal das zweite vatikanische Konzil anerkennen. Besonders bekannt sind hier die Piusbrüder, die nicht etwa wegen ihrer Ablehnung des zweiten vatikanischen Konzils, sondern weil sie ohne Erlaubnis des Papstes eigene Priesterseminare gründeten, ihren Status als katholische Organisation verloren. Die Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbrüder wurde übrigens 2009 vom deutschen (aber nicht zu Deutschland gehörenden) Papst wieder aufgehoben.
 
Gut schneiden hingegen Protestantismus und Judentum in Punkto Aufklärung ab. Sämtliche der bedeutendsten Vertreter_innen der Aufklärung in Deutschland waren Protestant_innen oder Jüd_innen und der Gedanke der Aufklärung setzte sich als Grundüberzeugung in allen jüdischen und protestantischen Milieus durch. Dass die einen später von den Nazis (die zwar Deutsche waren, aber da anti-aufklärerisch offenbar nicht zu Deutschland gehörten) zur Quasi-Staatsreligion gemacht wurden, während die anderen zum Ziel nationalsozialistischer Vernichtungspolitik wurden, könnte darauf hinweisen, dass das Kriterium „Aufklärung“ alleine vielleicht etwas dünn ist. Aber wir wollen uns davon nicht weiter beirren lassen.
Zu erwähnen wäre in Bezung auf den Musterschüler Protestantismus noch, dass sich mit dem steigenden Einfluss Evangelikaler in Deutschland nun auch bei diesem Probleme einschleichen. Die Evangelikalen, deren gemeinsamer Nenner die wörtliche Auslegung der Bibel ist, sind nämlich leider eine ganz und gar anti-aufklärerische Bewegung.
 
Fazit: Auf einer Deutschheitsskala von 0-100% schneiden die untersuchten Religionen so ab:
 
1. Platz: protestantische Kirchen 90% (Reformation ja; Aufklärung bei Hauptströmung dominierend, -10% für erstarkende anti-aufklärerische Evangelikale)
2. Platz: Judentum 45% (keine Reformation; Aufklärung bei Hauptströmung dominierend, -5% für erstarkende Orthodoxie)
3. Platz katholische Kirche 20% (keine Reformation; Aufklärung bei Hauptströmungen nicht voll durchgesetzt; anti-aufklärerische Teilbewegungen)
 
Dieses Ergebnis beruht auf den Analysekriterien eines protestantischen Theologen – ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
 
 
(Disclaimer: Diese Polemik könnte den Eindruck erwecken, dass ich „Aufklärung“ als uneingeschränkt positive Wertreferenz teile. Mir ist hingegen bewusst, dass es eine koloniale und imperiale Tradition gibt, die „Aufklärung“ als positives Selbstbild anderen Kulturen gegenüber als Mittel der Machtausübung und Rechtfertigung von Rassismus und Unterdrückung zu benutzen. Auf die „Aufklärung“ können sich zudem so unterschiedliche Weltbilder wie Marxismus, Parlamentarismus, Rassenlehre oder Liberalismus (kein Anspruch auf Vollständigkeit) positiv berufen. Mir ist also durchaus bewusst, dass „Aufklärung“, gerade in dieser von Gauck abgrenzend verwendeten Weise, eine höchst problematische Geschichte hat und dass die Werte, die auch ich positiv mit Aufklärung verbinden würde, wie individuelle Selbstbestimmung, Überwindung von Unmündigkeit durch Vernunft etc. selber Teil politischer Auseinandersetzung und Interpretation sind. Mir ging es aber in diesem Artikel weniger darum, die verwendeten Begriffe selber zu hinterfragen, als die Willkürlichkeit und Absurdität solcher „historischer Kriterien“ deutlich zu machen.)

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