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Einführung in die Antipsychiatrie

 

Aus gegebenem Anlass

 

1.) Triggerwarnung für alle sog. “ableistischen” Begriffe aus dem Bereich „Psychose / Psychiatrie“, die mir gerade einfallen

2.) teilweise RANT!

 

 

Guten Abend ihr Irren,

ob das ein Reclaim sei, wurde ich gefragt. (Reclaim = Rückeroberung eines momentan stigmatisierenden oder beleidigenden Begriffs durch wiederaneignende Selbstbezeichung der betroffenen Gruppe.)

Nicht ganz. Es ist viel einfacher als ein Reclaim. Es ist die Wahrheit, denn:

 

wir irren allesamt, nur jede[_r] irrt anders. 

  • G.Lichtenberg

 

Nur haben das einige, die nachdem ich von Wahn sprach, regelrecht wahnsinnig geworden sind, nicht so wahrgenommen. Die allgemeine Fetischisierung des Verstands und der Rationalität nämlich ist es, die das Irren um seine neutrale, wenn nicht sogar positive Konnotation bringt. Damit ist dann auch jede Wertschätzung der Psychose dahin.

 

Dabei ist es das Irren, das den menschlichen Geist wachhält. Da ihr euch so sehr von eurer Kultur habt verrückt machen lassen, könnt ihr euch das vielleicht schon gar nicht mehr vorstellen, aber die Kulturgeschichte zeigt: Bevor das Wort „Psychose“ erfunden wurde, nannte mensch es wahlweise „Weisheit, Hellsehen, vom Allgeist / Kosmos erfüllt sein, Orakel, großes Erwachen, u.ä.“. (Übrigens: Diesen historischen Wandel von der Vergötterung zur Verachtung des Wahns beschreibt Foucault in seinem Hauptwerk „Wahnsinn und Gesellschaft“.) Es war mal mit großer Wertschätzung verbunden. Und diese Wertschätzung zeige ich auch gegenüber Eve Ensler.

 

Um zum Ausganssatz zurückzukommen: Da will euch eine Frau erzählen, man könne den „Kollektivkörper von negativen Energien bereinigen, indem man im Tanz tranceartig alle guten Mächte zu sich ruft“. Hallo? Ihr wollt mir absprechen, dass das psychotisch ist? Gehts noch? Da tauchen unsichtbare Mächte, Energiefelder und kollektive Gedächnisinhalte auf; alles drei Dinge, die ihr, wenn ihr gerade nicht besseres zu tun hättet als mich anzukotzen, in die sogenannte Esoterik-Abteilung stellen würdet. Da ich aber nicht psychose-feindlich bin, zolle ich dieser Frau großen Respekt. Denn der einzige Unterschied zwischen dem gängigen Gebrauch des Wortes „Wahn“ und meiner Verwendung des Begriffs ist, dass die Masse Ensler nicht wahnsinnig nennt, weil ihr so viele glauben. Und das ist ein Fehlschluss. Ich hingegen nenne es auch dann Wahn, wenn Menschen in mehr als 200 Ländern auf diese Psychose einsteigen. Gerade weil Enslers psychotisches Gedankengut genial ist. Weil es den menschlichen Geist erwachen lässt, und offensichtlich viele Menschen dazu verführen kann, endlich mal von ihrer sog. Ratio abzulassen. Denkt ihr das schafft jede_R Irre? Bei Gott (= noch so ne Kollektiv-Psychose = imaginäres Wesen, dessen Existenz nicht nachweisbar ist, aber vorgibt ein guter Gesprächspartner zu sein, obwohl er nicht antwortet), das ist eine wahnsinnig geile Spitzenleistung!

 

Wir dürfen also nicht aufhören, etwas Wahnsinn zu nennen, nur weil viele Leute es glauben. Gerade dann sollten wir damit anfangen. Weil es eine große Fähigkeit bezeichnet, die Fähigkeit Sinn zu produzieren. Denn dieser Fehlschluss ist es, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass nur noch Menschen, die eine Minderheitenposition vertreten als Irre im negativen Sinne abgestempelt und psychiatrisch eingeschlossen werden. Dabei sind wir alle zur Sinnstiftung fähig; wir irren allesamt. Dieser Fehlschluss ist es, der uns vergessen lässt, dass Wahnsinn und Genie zusammenhängen, dass Erkenntnis nicht ohne Irren geht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die kleinen Leute „irre“ nennt und die großen Leute „genial“, obwohl beides dasselbe ist.

Und da mache ich nicht mit. 

Macht ihr auch nicht mit! Dreht den Spieß mit mir um: Nennt jede_n und alles „irre“, der/die/das weit oben steht und den Dingen Sinn gibt!

 

Ihr wärd dabei in bester Gesellschaft:

  • Erich fromm tut es: „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, weil die Masse geisteskrank ist; nicht nur die Minderheit.
  • Foucault tut es.
  • Das Sozialistische Patienten Kollektiv tut es.
  • Thomas Bock aus der Trialog-Forschung tut es.

Es gibt kaum einen Bereich der Psychose-Forschung, der so gut ausgebaut ist, wie dieser, der endlich verstanden hat, dass gerade die Psychose Sinn macht. Irren produziert Sinn. Irren geht über die Ratio hinaus. Irren schafft es mehr zu produzieren als nur verständig zu reproduzieren.

Sei kein Feigling, irre mit mir. Schrei mit mir „IHR seid die Irren“, wenn du mal wieder von irgendeiner geisteskranken Scheiße betroffen bist. Wenn dein Leben keinen Sinn hat, irrst du zu wenig und nicht zu viel. Lass dich wahnsinnig machen. Mach mich wahnsinnig. Produziere SINN !

Das Problem sind nicht die Irren da draußen. Das Problem ist, welchen Irren geglaubt wird. Aber wenn du nicht mit uns irrst, stehen deine Chancen, dich in deinem Sinne gegen epistemische Gewalt zu wehren eben bei Null. Wahnsinn von sich zu geben ist eben die einzige Art, den Diskurs am Ansatz der epistemischen Gewalt, zu treffen. Nur durch geisteskrankes Zeug können wir den historischen Apriori ans Schienbein treten und neuen SINN produzieren.

Also hör auf mich zu langweilen und werd endlich irre.

 

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Atheistin oder was.

Irgendwann die letzten Monate, im regen Austausch mit Menschen, die ähnlichen religiösen Missbrauch erlebt haben, fiel von einer Seite der Gedanke:
Gut, dass ich jetzt in einer anderen Welt lebe. Gut, dass ich nicht mehr glaube, was ihr glaubt.

Ich blieb an dieser Aussage hängen, ließ sie mir immer wieder durch den Kopf gehen. Geht es mir denn so? Kann ich sagen: Ich bin Atheistin? Will ich das sagen? Wieviel Überrest ist da noch in mir? Sage ich zu all dem, was in mich hineingeschrieben wurde: Nein – ? Wieviel möchte ich noch glauben. Inwieweit verletze ich mich erneut, wenn ich mich darauf einlasse. Triggert mich nicht schon der Gedanke an einen allmächtigen Gott?

Mir ist klar geworden, dass das Wort Atheistin für mich nicht passt. Es ergreift nicht ganz, wie sehr das Erbe, das mir diese Zeit in der Gemeinde hinterlassen hat, mich noch beschäftigt. Wie dessen Symbolik immer noch Handwerkzeug für mich darstellt, mit dem ich arbeite. Ich brauche ein Wort, das damit arbeitet, dass es diese Vergangenheit gibt. Post-christlich vielleicht? Post-gläubig?

Es funktioniert nicht für mich, den Glauben zur Seite zu schieben. Obwohl es oft genug Momente gab, wo ich das tun wollte. Aber vielleicht muss das auch nicht mein Ansatz sein. Im Gegenteil, ich lerne auch hier wieder gerade den Begriff der Dekonstruktion schätzen. Dekonstruktion von Geschlecht z.B. wird, sowie ich das verstanden habe, nicht so gehandhabt, dass jetzt alle bitte so tun sollen, als ob es Geschlecht nicht gäbe. Sondern mehr: Wir spielen damit, wir verzerren es, wir geben vielen Geschlechtern Raum, wir zeigen mit dem Finger auf die Willkür von Unterscheidungsmerkmalen und so weiter. Kurz: Wir beschäftigen uns damit, nehmen es in die Hand, nehmen es auseinander, setzen es ein wenig schief wieder zusammen, verändern Perspektiven. Und ich hab das Gefühl, dass wir damit quasi auch der Tatsache Tribut leisten, dass wir diese ganze Scheiße verinnerlicht haben. Dass wir das vielleicht sogar machen müssen, diese ganze Arbeit, weil wir es anders nicht innerhalb unseres Vermögens bekämpfen können. Durch steten Zweifel, im sanften Zerrütten.

So ähnlich gehts mir mit Gott. Ich krieg ihn nicht aus meinem System raus. Er (ja, als er) ist da drin; vermengt mit meinen Nervenenden; eingewebt in meine Gefäße; jeder Kampf, den ich mit ihm je führte, hat Zeichen hinterlassen, Spuren: “Ich war da” mit rotleuchtenden Buchstaben an die Innenseite meines Kopfes geschrieben.

Solche Spuren sind wie Tatorte; ich kann versuchen, alles zu säubern; ich kann aber auch die Gaffer verjagen, den Bereich absperren und dann jedes einzelne Indiz untersuchen. Und vielleicht säubere ich alles danach so, dass nichts mehr daran erinnert, wenigstens so, dass ich ungestört meinen Tätigkeiten nachgehen kann. Ohne über Leichen zu stolpern. Vielleicht hinterlasse ich aber hin und wieder Mahnmale; ein Blumenstrauß, ein Brief, an mich, eine Erinnerung; Beweggründe; und manch Ding, das mir einfach kostbar war und was ich gar nicht wegschmeißen will. Vielleicht bau ich ein fettes Denkmal dahin. Oder einen Ort zum Tanzen …

Strategien, mit diesem ,,Danach” umzugehen. Ich brauche sie.

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Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

In­halt: Re­li­giö­ser Miss­brauch, Ab­leis­mus ge­gen­über Trau­ma­ti­sier­ten, Ge­walt, Ky­ri­ar­chie, He­te­ro­s­e­xis­mus

,,Das Wort sein be­deu­tet im Deut­schen bei­des: Da­sein und ihm-ge­hö­ren.“
Franz Kafka

Ta­ge­buch­ein­trag aus dem Jahre 20__

Ges­tern, als Hen­drik* ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.
Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.
Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.
Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

*Namen und Wohn­or­te ge­än­dert/un­kennt­lich ge­macht

Das ist ein Ta­ge­buch­ein­trag, den ich kurz nach der Ju­gend­kon­fe­renz mei­ner Ge­mein­de vor ei­ni­gen Jah­ren ge­schrie­ben habe. Ich hatte ge­ra­de das Ab­itur hin­ter mir mit einer zu­frie­den­stel­len­den Note; ich war­te­te auf die Brie­fe der Uni­ver­si­tä­ten, bei denen ich mich be­wor­ben hatte. Ich war auf dem Hö­he­punkt mei­ner christ­li­chen Glau­ben­s­kar­rie­re. Sel­ber be­schrieb ich das mit ,,end­lich ge­lernt zu haben, was es heißt, sein Selbst auf­zu­ge­ben.“

Was die­ser Text be­deu­tet und was ich heute für mich und viel­leicht für an­de­re dar­aus zie­hen kann, möch­te ich jetzt ana­ly­sie­ren. Ich werde so vor­ge­hen, dass ich ihn Satz für Satz aus­ein­an­der­neh­me und kom­men­tie­re, mit mei­nem heu­ti­gen po­li­ti­schen Wis­sen be­ur­tei­le und ver­glei­che. Die­sen An­satz kön­nen an­de­re ,,Ana­ly­se“ nen­nen; ich mag das Wort ,,De­kon­struk­ti­on“ lie­ber, also zu­gleich Zer­stö­rung und Auf­bau; und habe das als An­satz von Ana Mar­doll: deren Li­te­ra­tur­kri­ti­ken ich nur jeder emp­feh­len kann.

Ich nehme einen Ta­ge­buch­ein­trag von mir, weil ich es für wich­tig halte, Se­xis­mus, Ras­sis­mus, He­te­ro­s­e­xis­mus, Ky­rio­zen­tris­mus, Ab­leis­mus etc. nicht immer nur an an­de­ren Men­schen zu kri­ti­sie­ren und sich an ihnen ab­zu­ar­bei­ten. Der Kampf gegen alle mög­li­chen Ismen muss in jedem Men­schen neu voll­zo­gen wer­den; die ei­ge­nen Ab­grün­de zu ent­de­cken, den ei­ge­nen An­teil an der Re­pro­duk­ti­on der Ge­samt­schei­ße; um die Di­men­si­on zu be­grei­fen, in der wir alle davon durch­drun­gen sind. Audre Lorde schrieb ein­mal über die Aus­gren­zun­gen in­ner­halb fe­mi­nis­ti­scher Grup­pen ge­gen­über schwar­zen, armen, les­bi­schen, alten Frau­en den wun­der­ba­ren Text ,,The Mas­ter’s Tools Will Never Dis­mant­le the Mas­ter’s House“ (als Sinn­bild etwa: Die Werk­zeu­ge des Pa­tri­ar­chats wer­den das Pa­tri­ar­chat nicht zer­stö­ren). In die­sem Sinne möch­te ich sagen: Damit Kri­tik dann letzt­end­lich tat­säch­lich wirk­sam wird, weil wir, die wir den Um­gang mit die­sen Werk­zeu­gen ver­in­ner­licht haben, fähig wer­den, ihre An­wen­dung zu er­ken­nen: bei uns sel­ber wie auch bei an­de­ren. Um neue Wege zu fin­den und einen Wi­der­stand zu kre­ieren, der zum Ab­riss des Pa­tri­ar­chats dann letzt­end­lich auch bei­trägt und ein gutes Leben für alle er­mög­licht.

Ich be­gin­ne ein­fach mal Stück für Stück.

Ges­tern, als Hen­drik ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Maria ist eine mei­ner bes­ten und zu­min­dest auch meine lang­jäh­rigs­te Freun­din. Sie ist in der Ge­mein­de auf­ge­wach­sen; wäh­rend ich durch sie da­zu­kam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war an­er­kannt in der Ge­mein­de; spä­ter hatte sie aber ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis wäh­rend ihrem FSJ, was zu einem Ein­bruch ihrer bis­her li­nea­ren Be­zie­hung zur Ge­mein­de und zu Gott führ­te. Durch sie in die Ge­mein­de ge­kom­men, wurde ich immer mit ihr as­so­zi­iert; ihr ,,Schat­ten“, wie mich an­de­re z.t. nann­ten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie al­lei­ne ein­ge­la­den. Wäh­rend sie dann den Bruch er­leb­te, ge­noss ich lang­sam schon etwas An­se­hen; eine an­de­re Freun­din aus der Ge­mein­de hatte er­folg­reich dazu bei­ge­tra­gen, mich bes­ser zu in­te­grie­ren und ich heims­te lang­sam die Früch­te einer jah­re­lan­gen ent­beh­rungs­rei­chen Ar­beit ein.

Hen­drik war ein jun­ger Mann, der zu denen ge­hör­te, die die Ju­gend lei­te­ten. Ge­ra­de bei ge­mein­sa­men Essen mit vie­len Ju­gend­li­chen kommt es vor, dass diese geist­li­chen ,,Hir­ten“ sich ir­gend­wo da­zu­set­zen oder sich eine Grup­pe um sie schart und dann haben sie Ge­mein­schaft und tei­len ihre Er­fah­rung mit den Jün­ge­ren oder we­ni­ger Geist­li­chen. Geist­lich steht in mei­ner Ge­mein­de als ein Syn­onym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles an­de­re ist Mist (wort­wört­lich nach Pau­lus). Schon in der Art, wie dich diese Män­ner – es waren immer Män­ner –, an­spre­chen, kannst du er­ken­nen, auf wel­cher geist­li­chen Stufe du dich wohl be­fin­dest. Er­stre­bens­wert ist es, wäh­rend so einer Ge­mein­schaft sel­ber viel aus­zu­tei­len und bei­zu­tra­gen. Wer Ver­ant­wor­tung über­nimmt, wird nicht als un­mün­dig be­trach­tet. Diese Lei­ter, die sehr viel Zeit dafür auf­brach­ten, sich um die an­de­ren zu küm­mern, waren auch die­je­ni­gen, die die An­er­ken­nung gaben. Wel­che also schaff­te, nicht nur etwas zu sagen, son­dern die Lei­ter zu be­ein­dru­cken, diese bekam zu­sätz­li­che An­er­ken­nung.

,,Dass nicht Ge­füh­le uns er­ret­ten“: In­ner­halb der christ­li­chen Logik ist das durch­aus eine be­frei­en­de Aus­sa­ge, davon aus­zu­ge­hen, dass Men­schen nicht ge­ret­tet sind, weil sie sich ,,ge­ret­tet füh­len“, wenn sie mal einen guten Tag haben, son­dern durch eine ein­ma­li­ge Ent­schei­dung, dem Be­kennt­nis zu Gott und Jesus, für immer ge­ret­tet sind. In man­chen christ­li­chen Strö­mun­gen hält die Un­ge­wiss­heit über den Sta­tus des ei­ge­nen Heils Men­schen bei der Stan­ge und in den Kir­chen­ge­mein­den. Meine Ge­mein­de hat da einen cle­ve­ren Trick ein­ge­setzt, um Vor­tei­le von Ge­wiss­heit und Furcht zu­gleich ein­zu­heim­sen: Es gibt ein­fach zwei Arten von Er­ret­tung! Die eine wird er­langt durch das Be­kennt­nis und gilt als geist­li­cher ,,Start­schuss“, die an­de­re wird durch An­stren­gung er­langt und sym­bo­lisch als ,,Wett­lauf“ ge­se­hen. Mit der einen ent­gehst du dem ewi­gen Tod, mit der zwei­ten be­kommst du eine Zu­satz­be­loh­nung von etwa tau­send Jah­ren Herr­schaft auf Erden.

Zu dem gan­zen Kom­plex ge­hört na­tür­lich dazu, wie ne­ga­tiv in mei­ner Ge­mein­de das Wort ,,Ge­fühl“ ist. Ge­fühl ist Ir­ra­tio­na­li­tät und alte Mensch­lich­keit, Wahn und Ver­zer­rung der ,,nüch­ter­nen“ und ,,ob­jek­ti­ven“ Welt­wahr­neh­mung. Ne­ga­ti­ve und po­si­ti­ve Ge­füh­le wer­den in mei­ner Ge­mein­de kri­ti­siert, weil ihre Quel­le die Seele des Men­schen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nach­dem wird auch manch­mal kri­ti­siert, dass zum Bei­spiel die Ju­gend ,,zu nüch­tern“ sei und nicht ,,auf die Stüh­le sprin­ge“ wie die Äl­te­ren anno da­zu­mal. Diese ver­schie­de­nen Si­gna­le zu sen­den, um ei­ner­seits Ge­füh­le ab­zu­wer­ten, an­de­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, wo je­mand sich nicht von der Bot­schaft ein­ge­nom­men und be­wegt genug zeigt, trägt zum wir­ren Ver­hält­nis vie­ler zu ihrem In­nen­le­ben bei.

Auf Ge­füh­le ist nicht Ver­lass, weil auf Men­schen nicht Ver­lass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst ver­las­sen, dei­nem Ge­fühl und dei­ner In­tui­ti­on nicht trau­en, was das Selbst­be­wusst­sein dau­er­haft ein­schränkt

2. nicht an­de­ren Men­schen trau­en und ihren Ge­füh­len dir ge­gen­über, was auf Dauer zu Ent­so­li­da­ri­sie­rung führt. Freund­schaft und Liebe von Men­schen kann nur Ab­klatsch des­sen blei­ben, was Gott dir bie­tet. Er­mu­tigt wird des­halb, nur in­ner­halb der Ge­mein­de Lie­bes­be­zie­hun­gen zu füh­ren. Freund­schaft, diese ver­rä­te­ri­sche Bin­dung zwei­er Men­schen die auf nichts als Zu­nei­gung be­ru­hen kann, wird meis­tens ab­ge­lehnt, un­ter­ein­an­der nen­nen sich Men­schen lie­ber ,,Ge­schwis­ter“ um dar­zu­stel­len, dass Gott der Vater sie alle ver­bin­det und nicht etwa ihre ver­gäng­li­che Zu­nei­gung oder Ge­mein­sam­kei­ten au­ßer­halb Got­tes und der Ge­mein­de.

Was Maria da also getan hat: auf­zu­ste­hen, in­ner­halb die­ses Rah­mens, und weg­zu­ge­hen, ist groß. Sie ver­wehr­te sich der Ab­wer­tung der ei­ge­nen Ge­füh­le. Sie ver­wehr­te sich teil­zu­neh­men an einem so­zia­len Spiel, durch das sie in der Ach­tung an­de­rer stei­gen würde. Beide waren wir be­ob­ach­tet durch den Ju­gend­lei­ter. Ihr Weg­ge­hen de­fi­nier­te sie klar zu der we­ni­ger geist­li­chen Per­son. Was mich zu der bes­se­ren mach­te. Und ich habe das ge­nos­sen. Nicht offen, nicht­mal be­wusst. Ihr Ver­hal­ten wirk­te auf mich wie ein Re­gel­ver­stoß. In­ner­li­ches Na­se­rümp­fen. Ich konn­te mich end­lich von ihrer Per­son ab­gren­zen und da­durch end­lich auch Be­wer­te­rin sein und nicht­mehr nur Be­wer­te­te.

Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Un­be­rührt von der You‘co, der Kon­fe­renz für die 15-30Jäh­ri­gen, heim­zu­keh­ren, ist ein Makel son­der­glei­chen. Um ihren be­son­de­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len, gab es ir­gend­wann eine Na­mens­än­de­rung: Damit nie­mand drauf kommt, dass das so ne Art lo­cke­re Ju­gend­frei­zeit sei, wurde sie ,,Zu­rüs­tung“ ge­nannt. Be­nutzt wurde der Name dau­er­haft nur von den Lei­ten­den; aber es sym­bo­li­siert schön, was die You‘co sein soll: Auf­rüs­tung für die Sol­da­ten Got­tes. Sie ist ein Kol­lek­ti­ve­r­eig­nis für junge Men­schen, die ihre geist­li­chen Mus­keln spie­len las­sen, sich in Ek­sta­se beten und sin­gen. Eine wich­ti­ge an­de­re Funk­ti­on hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbst­prä­sen­ta­ti­on ver­bun­den ist: Hier ent­ste­hen zu­künf­ti­ge Ehe­paa­re. Alles in allem das so­zia­le Er­eig­nis für junge Men­schen in mei­ner Ge­mein­de.

„Be­rührt wer­den“ ist dabei ein gän­gi­ges Schlag­wort in mei­ner Ge­mein­de, das nichts an­de­res be­deu­ten soll als eine di­rek­te Be­rüh­rung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die hei­lend, er­ret­tend sein soll und ihren Ur­sprung ver­mut­lich in der Ge­schich­te der blut­flüs­si­gen Frau birgt, die Jesus mit einer ein­zi­gen Be­rüh­rung sei­nes Ge­wan­des von der jah­re­lan­gen Krank­heit be­freit. In einer You‘co mit zwei Haupt­ver­samm­lun­gen, einer per­sön­li­chen Ge­mein­schaft, einer Klein­grup­pe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den in­for­mel­len Ge­mein­schaf­ten beim Essen und Drau­ßen­sit­zen bleibt nie­mand un­be­rührt, schon al­lein wegen der Er­schöp­fung und des so­zia­len Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.

Töröö. Der Be­weis der geist­li­chen Un­zu­läng­lich­keit mei­ner Freun­din wird mit einem wei­te­ren Ar­gu­ment be­fes­tigt: NIE­MAND trifft sich di­rekt nach der You‘co mit ,,welt­li­chen“ Freun­den. Nie­mand. Das ist Ver­un­rei­ni­gung. Auf Dauer kann das Kon­strukt der Ge­mein­de, ihre Wert­vor­stel­lun­gen und ihr Re­gel­werk nur auf­recht­er­hal­ten wer­den, wenn es nicht an­dau­ern­der Kri­tik aus­ge­setzt wird. Und dazu ge­hört schon, Al­ter­na­ti­ven zu ken­nen, über an­de­re The­men zu reden, mit Wert­vor­stel­lun­gen an­de­rer Men­schen in Be­rüh­rung zu kom­men, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freund­schaft mit die­ser Welt ist Feind­schaft gegen Gott. Ja­ko­bus 4:4. Ge­ra­de auch nach der You‘co be­fin­den sich die meis­ten in einer Art hoch­geist­li­chem Sta­di­um, in der oft­mals laut­hals be­dau­ert wird, jetzt wie­der zu­rück in die Welt zu müs­sen sowie zu pro­kla­mie­ren, die ei­ge­nen Freun­de nur des­halb sehen zu wol­len, um ihnen das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen. Die „Welt“ steht hier üb­ri­gens als Syn­onym für alles, was nicht Gott und nicht Ge­mein­de und was damit gleich­zei­tig von Grund auf schlecht ist.

Wich­tig ist auch, dass Maria einen Freund tref­fen will, männ­lich. Man stel­le sich den Film ,,Harry und Sally“ re­li­gi­ös um­ge­setzt vor. Frau­en und Män­ner kön­nen nicht be­freun­det sein. Wes­halb jedes Al­lein­sein zwei­er Men­schen ver­schie­de­nen Ge­schlechts un­ter­bun­den wer­den muss. Nein, nicht durch Stra­fen. Durch in­ne­re Dis­zi­plin. Jede und jeder darf seine Gren­zen na­tür­lich sel­ber set­zen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mäd­chen sich zum Bei­spiel nicht al­lei­ne zu­sam­men in einem Raum be­fin­den. Oder auf einer Au­to­fahrt. Sich vor­sätz­lich zu tref­fen, ohne dass an­de­re Men­schen dabei sind, kommt quasi vor­ehe­li­chem Ge­schlechts­ver­kehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund un­ter­wegs war und in der Stadt einer äl­te­ren Dame aus mei­ner Ge­mein­de be­geg­net ist, die spä­ter Ma­ri­as Vater an­ge­ru­fen hat, um her­aus­zu­fin­den, ob Maria die Nacht noch nach Hause ge­kom­men ist.

Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben.

Die­ser Ab­satz ist so hoch­mü­tig, dass ich kot­zen könn­te. Nicht ein ein­zi­ges ver­damm­tes ,,Viel­leicht“ oder ,,könn­te sein“ habe ich hier rein­ge­setzt. So über­zeugt von der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit, so über­zeugt von Ma­ri­as ,,Fall“. Sie ist üb­ri­gens im Ge­gen­satz zu mir immer noch in der Ge­mein­de, nur um euch mal einen Rea­li­tät­scheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht na­tür­lich gegen sie. Dass sie in [Wohn­ort X] blei­ben will, einer sehr gro­ßen Ge­mein­de mit vie­len ver­schie­de­nen Men­schen und Ge­le­gen­hei­ten, sich un­ter­ein­an­der zu tref­fen, kann in mei­ner wir­ren ,,Maria ist ge­fal­len“-Lo­gik nichts Po­si­ti­ves bedeuten.Sie will na­tür­lich nur wegen ihrer Freun­de im Ort blei­ben, weil sie wei­ter­hin ihre un­ge­sun­den Be­zie­hun­gen füh­ren und in der Ge­mein­de nichts bei­tra­gen will. So­lan­ge sie da ist, sicht­bar und an­we­send, muss sie nicht mit viel tun, um da­zu­zu­ge­hö­ren. Sie ge­nießt also Vor­tei­le bei­der Wel­ten. Ich, als Heim­so­zia­li­sier­te, konn­te mir das nicht leis­ten: Im Ge­gen­satz zu ihr hatte ich keine Rück­bin­dung an einen Vater, der auch in der Ge­mein­de ist und durch den sie wei­ter­hin immer Teil der Ge­mein­de blei­ben wird, was sie auch tut. Ich muss­te mich zei­gen und agie­ren, um an­we­send zu sein. Ich war nei­disch auf ihre Frei­heit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm an­pas­se, die mir sel­ber Ge­walt antut – um be­lohnt zu wer­den, indem ich teil daran habe, an­de­ren diese Ge­walt an­zu­tun.

Auch, dass sie mit mir zu­sam­men­zie­hen möch­te, kann und bin ich nicht be­reit so aus­zu­le­gen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engs­ten Ver­trau­ens­per­so­nen bin. Es ist Ge­heim­nis die­ser geist­li­chen Ent­so­li­da­ri­sie­rung, dass Men­schen ihre ge­mein­sa­me Ge­schich­te nicht als ver­trau­ens­wür­dig ein­stu­fen; alles wird durch den Fil­ter der Geist­lich­keit ge­se­hen und was nicht einem ge­wis­sen geist­li­chen Ka­pi­tal zu­gu­te kommt, ist schlecht: für die ein­zel­nen Men­schen, für die Be­zie­hung und na­tür­lich auch für die Be­zie­hung jeder ein­zel­nen zu Gott. D.h. Maria wäre be­reit mich auch mit ins Ver­der­ben zu rei­ßen durch den Ein­fluss ihrer per­sön­li­chen Be­zie­hung zu mir, ein­fach nur weil sie Freun­de da drau­ßen hat. So der Ge­dan­ken­gang.

In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Drei­mal ,,im Selbst“. Drei­mal ein Vor­wurf, der in mei­ner Ge­mein­de als Herr­schafts­in­stru­ment ein­ge­setzt wird, um Men­schen jeg­li­che Au­to­ri­tät und Aus­sa­ge­kraft über ihren per­sön­li­chen Glau­ben und über ein ver­ant­wor­tungs­voll ge­führ­tes Leben ab­zu­spre­chen. Dazu habe ich in mei­nem Be­richt ,,From­me Ju­gend“ be­reits schon was ge­schrie­ben und will das jetzt nicht aus­füh­ren. Aber es hat eine ähn­li­che Wir­kung wie diese Aus­sa­ge von Spock. Zu­ge­ge­ben, das ver­lin­ke ich, weil Spocks An­blick nach so­viel be­las­ten­dem Ge­schrei­be ganz nett wirkt …

Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache.

Das ganze ist also aus­ge­wach­sen zu einer ,,Sache“, zu einem Pro­blem, das un­be­dingt be­han­delt wer­den muss. Und die Ge­schwis­ter und ich ver­schmel­zen dabei zu einem ,,Wir“, wäh­rend meine Freun­din die an­de­re ist, nicht zum Wir ge­hört; das ,,Wir“ hier ist mün­dig und über­nimmt Ver­ant­wor­tung; Maria ist un­zu­rech­nungs­fä­hig, eine geist­lich Kran­ke, die ver­sorgt wer­den muss. Gleich­zei­tig zeige ich: Ich ver­las­se mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die an­de­ren; wie­der ein Be­weis mei­ner de­mü­ti­gen Un­ter­ord­nung unter das Kol­lek­tiv und ihr Ge­mein­wohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen.

Das ist der schlimms­te Satz. Die Dro­hung, mei­ner Freun­din Ge­walt an­zu­tun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht an­passt. Damit zu ko­ket­tie­ren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,ge­sun­de Ohr­fei­ge“ sie wie­der raus­bringt. Weil ich weiß, zu was Men­schen fähig sind, lehne ich des­halb auch Na­zi­ver­glei­che ab. Jedes Ver­bre­chen an einem Men­schen steht für sich und braucht keine Ver­glei­che (zur ver­meint­li­chen Be­wer­tung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spe­zi­el­le Ni­veau gäbe, auf das na­tür­lich Nie­mand Von Uns hin­ab­sin­ken würde. All­täg­lich haben wir doch An­teil an Un­ter­drü­ckung, die Grup­pen auf ein­zel­ne aus­üben, Mehr­hei­ten ge­gen­über Min­der­hei­ten, Mar­gi­na­li­sier­ten, Ent­mün­dig­ten.

Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt -

Klar – ich war na­tür­lich, im Ge­gen­satz zu mei­ner Freun­din, ab­so­lut ge­hor­sam. Hatte mich der ky­ri­ar­cha­len Logik un­ter­wor­fen, denn es gab nur die Wahl zwi­schen zwei Arten von Sein: Got­tes Herr­schaft oder Herr­schaft des schlech­ten Le­bens/der Sünde/der Fein­de Got­tes. Und damit keine wirk­li­che Wahl. Und selbst wenn mein ,,ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst die­ser Ein­ge­bung nicht trau­en und so­weit war­ten, bis Gott sel­ber mir das Okay dafür gibt, sie zu­recht­zu­wei­sen. Uärr, hallo, au­to­ri­tä­re Per­sön­lich­keit. Das Wort ,,Herr“(ky­ri­os) steht hier be­zeich­nend für die ky­rio­zen­tri­sche Hin­ga­be mei­ner­selbst und wird in mei­ner Ge­mein­de sehr viel öfter als ,,Gott“ be­nutzt.

Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Was ich mei­ner Freun­din hier auch nicht ver­zei­hen konn­te, war, dass sie of­fen­sicht­lich etwas Schlim­mes er­lebt hatte – und dann damit dar­auf re­agier­te, sich aus­zu­ru­hen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Ver­ständ­nis ein un­heim­li­cher Luxus. Ich schwan­ke da zwi­schen ,,Hätte ich mir nie er­lau­ben kön­nen“, ,,Wäre nie drauf ge­kom­men, dass meine ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen Grund genug sind, mich aus­ru­hen zu dür­fen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durf­te“.

Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.

Ein KLAS­SI­KER. So stark nach Lehr­buch, dass ich zwei­mal lesen muss­te, weil es mich so ver­blüff­te – und wie­der so wenig ver­blüff­te. Als ich die­sen Text schrieb in mein Ta­ge­buch, wuss­te ich be­reits seit meh­re­ren Jah­ren, dass ich les­bisch war. Und ich hatte mich auch in die­sem Punkt ent­schie­den, Got­tes Wil­len leben zu wol­len- was für mich da­mals be­deu­te­te, es nicht zu­zu­las­sen. Un­ter­drück­te Ho­mo­se­xua­li­tät, die ich als Ho­mo­pho­bie gegen an­de­re rich­te­te; mein ei­ge­nes Be­geh­ren auf an­de­re pro­ji­zier­te, um es in ihnen zu fürch­ten und zu has­sen. Über­rascht war ich, weil mir die­ses Phä­no­men be­reits da­mals be­kannt ge­we­sen war; hatte ich da­mals nicht ge­se­hen, was ich da schrieb? War es mir ein­fach egal?

Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

Öhm, was ich mit ni­hi­lis­tisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Ni­hi­lis­mus zu tun. Ver­mut­lich be­zie­he ich mich auf eine Art ,,ab­seits jeder bis­he­ri­gen Vor­stel­lung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund küm­mert, jede Be­zie­hung­ar­beit plötz­lich fal­len lässt, „nur“ weil es ihr sel­ber schlecht geht …

Ma­ri­as De­pres­si­on, ihr Trau­ma wur­den nicht ernst ge­nom­men. Ver­mut­lich am al­ler­we­nigs­ten von mir, die ich es mit mei­nen ei­ge­nen trau­ma­ti­schen Er­fah­run­gen ,,ver­glich“ und sie denen un­ter­ord­ne­te. Und wie konn­te sie ein­for­dern, ernst­ge­nom­men zu wer­den mit ihrem Lei­den, wenn ich doch be­stimmt Schlim­me­res er­lit­ten hatte und dies auch nie­mand wahr­ge­nom­men hatte? Op­pres­si­on Olym­pics, und das in einer Freund­schaft.

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Fromme Jugend.

Crossposted auf Baum der Glückseligkeit.

Hier­mit spre­che ich eine In­halts­war­nung aus. In die­sem Post habe ich ver­sucht, meine Ge­dan­ken und Ge­füh­le und Er­leb­nis­se be­züg­lich mei­ner ehe­ma­li­gen christ­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft ein­zu­ord­nen, den re­li­giö­sen Miss­brauch und die Stig­ma­ti­sie­run­gen, die ich er­lebt habe, den Scha­den, den es an­rich­te­te und die Ver­ant­wor­tung, die ich trage. Her­aus dabei kam etwas Un­ab­ge­schlos­se­nes, teil­wei­se Wir­res; ich kann kei­nen roten Faden an­bie­ten, keine Moral. Ich ver­fan­ge mich in De­tail­haf­tig­keit, um dann wie­der große Zeit­ab­schnit­te zu über­sprin­gen. Die Ge­schich­te han­delt von einer Art Sub­kul­tur. Es ist auch eine Ge­schich­te von Ex­tre­men und ex­tre­men Ge­füh­len, die ich mit dem Nie­der­schrei­ben ab­le­gen möch­te. Ich habe ir­gend­wo an­ge­fan­gen, weil ich die Not­wen­dig­keit fühl­te. Ich kann das in­ner­halb dieses Blogs nicht so recht ver­or­ten, es ist auf seine Weise po­li­tisch.

Seit vie­len vie­len Wo­chen nun nehme ich mir vor, Leute aus mei­ner ehe­ma­li­gen Glau­bens­ge­mein­de zu be­su­chen. Immer und immer wie­der schie­be ich die­ses An­sin­nen auf. Ich ver­mis­se die Men­schen, ei­ner­seits. Ich ver­mis­se Gott.
An­de­rer­seits er­in­ne­re ich mich.
Vor einem hal­ben Jahr war ich das letz­te Mal dort, in den Win­ter­fe­ri­en. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vie­les falsch, dass ich mir da­nach vor­nahm, erst­mal eine ganz lange Pause zu ma­chen. Ich war scho­ckiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause ge­wankt, woll­te nicht mehr dran­den­ken und fühl­te wie stark in mir das Ver­trau­en ge­schwun­den war Men­schen ge­gen­über, die ich lange Zeit sehr ge­liebt habe.

Ich kam bei einer Freun­din unter, mei­ner lang­jäh­rigs­ten Freun­din. Ihre Fa­mi­lie war auf mich vor­be­rei­tet ge­we­sen und sie wuss­ten von mei­nem Vega­nis­mus. Des­halb war ich erst­mal ver­blüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühl­schrank kein ein­zi­ges biss­chen Ge­mü­se fand. Kein Obst, nichts Vega­nes whatsoe­ver. Nur Käse und Wurst. Ich war ir­ri­tiert, aber dann war es mir wie­der egal; ich hatte mir ein biss­chen was mit­ge­bracht und aß davon. Viel­leicht, weil ich an die Wir­kung von Sym­bo­lik glau­be, hall­te die­ses klei­ne Er­leb­nis so in mir nach, das Ge­fühl, nicht will­kom­men zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächs­ten Tag stritt ich mich mit dem Vater mei­ner Freun­din. Wir haben be­reits eine ge­wis­se Streit­ge­schich­te hin­ter uns; er war in sei­ner Ju­gend auch ,,Pro­test­ler“ ge­we­sen; eine der äl­tes­ten Er­in­ne­run­gen mei­ner Freun­din ist die an Mahn­wa­chen, auf denen sie als Kind her­um­stand. Ihr Vater er­leb­te durch den Glau­ben dann eine Wen­dung, auch po­li­tisch, und ver­trat seit­dem kon­ser­va­ti­ve Stand­punk­te. Sol­che Men­schen gibt es ei­ni­ge in mei­ner Ge­mein­de. Aber mit­un­ter pre­di­gen sie eine un­po­li­ti­sche Hal­tung, die eine nicht sehen lässt, wel­che re­ak­tio­nä­re Agen­da sich da­hin­ter ver­birgt. (Immer be­lieb­ter, auch durch den Ein­fluss vie­ler Stu­dent*innen der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wird die An­wen­dung ka­pi­ta­lis­ti­scher Phra­sen bi­bel­ge­mäß um­klei­det: Gott in­ves­tiert in uns, wir sind in einem Wett­lauf, Ge­winn brin­gen, die Ge­mein­de als ,,Bank“ Got­tes, etc.)

Ge­strit­ten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Ge­mein­de­le­ben, über Mus­li­me und all diese The­men, die äl­te­re weiße Her­ren vor­ge­ben, weil sie sich das ge­ra­de in ihrer kon­ser­va­ti­ven Zei­tung an­ge­le­sen haben.

Dies­mal strit­ten wir über Ho­mo­se­xua­li­tät. Ich hatte erst mit mei­ner Freun­din dar­über ge­re­det; sie ist wie viele an­de­re in der Ge­mein­de auch schwu­len-und les­ben­feind­lich, wes­halb ich ihr noch nicht von mir er­zählt habe. Die­ses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der sta­bils­te Mensch in mei­nem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann viel­leicht nach­voll­zo­gen wer­den. Sie wird lang­sam nach­denk­li­cher im Um­gang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr er­zäh­len kann. Aber an die­sem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine lan­gen Um­schwei­fe, er ver­gleicht Ho­mo­se­xua­li­tät mit Pä­de­ras­tie/Pä­do­phi­lie. Er zeigt mir einen alten Spie­gel-Ar­ti­kel on­line, in dem er­wach­sen­ge­wor­de­ne Kin­der aus ihrer Kom­mu­ne be­rich­ten und er­zäh­len, wie schön sie den Sex mit Er­wach­se­nen fan­den. Men­schen sind sün­dig, sagt er und wür­den lie­bend­gern den sün­di­gen Zu­stand wäh­len, egal wie gut es ihnen tat­säch­lich tut. Ich werde wü­tend. Er wisse genau, dass das nicht ver­gleich­bar sei, dass es bei Pä­de­ras­tie um ein Macht­ge­fäl­le geht. Er zuckt die Ach­seln und sal­ba­dert wei­ter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kin­dern, meint er und ver­sucht jetzt den bio­lo­gis­ti­schen Weg. Nur ein Mann und eine Frau kön­nen Kin­der be­kom­men. Ich ant­wor­te: Was ist mit Män­nern und Frau­en, die keine Kin­der be­kom­men wol­len oder kön­nen, dür­fen die dann nicht hei­ra­ten? Na­tür­lich, doch, meint er, ist ver­wirrt, aus dem Kon­zept ge­bracht und statt dem nach­zu­ge­hen, wen­det er IGNO­RANZ an und kehrt zu­rück zur Pä­de­ras­tie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich we­nigs­tens bei mei­ner Freun­din was zum Rol­len ge­bracht habe, denn sie stellt of­fe­ne Fra­gen und em­pört sich auch dar­über, dass die Ge­mein­de sol­che Men­schen aus­schlie­ßen würde. Aber das bringt nichts. Meine Ge­mein­de ist so he­te­ro­norm, Ho­mo­se­xua­li­tät wird nicht­mal er­wähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur ein­mal hat ein ame­ri­ka­ni­scher Pre­di­ger in einer Ju­gend­kon­fe­renz dar­über ge­re­det; aber wie un­ge­wohnt das war, zeig­te sich schon daran, dass sein Über­set­zer ganz er­schro­cken re­agier­te, als er das Wort ,,Ho­mo­se­xua­li­tät“ über­set­zen muss­te. Über die ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len kann ich nur sagen: We­nigs­tens reden sie dar­über. Wobei ich hier nicht zu der Ver­harm­lo­sung von Hass bei­tra­gen möch­te. Aber es ist noch­mal was an­de­res, wenn im ge­mein­d­ein­ter­nen Dis­kurs be­stimm­te Sa­chen ge­nannt sind statt dass es sie ein­fach nicht gibt und so auch keine Mög­lich­keit, dar­über zu reden.

Am nächs­ten Tag war ich bei mei­ner Lieb­lings­fa­mi­lie essen. A*, eine Frau in mitt­le­ren Jah­ren, hatte sich seit ei­ni­ger Zeit mit mir an­ge­freun­det, mich häu­fig ein­ge­la­den, ich hatte auf ihre kran­ke Toch­ter bei deren Schul­land­heim auf­ge­passt; es be­stand ein enges Band zwi­schen uns. Sie war eine der we­ni­gen Men­schen, denen ich noch zu­hö­ren konn­te, wenn sie über Gott und ihren Glau­ben er­zähl­ten, ohne Kopf­schmer­zen zu be­kom­men.
Sie hatte viele an­de­re Men­schen ein­ge­la­den, u.a. zwei junge Men­schen, Arzt­kin­der, in mei­nem Alter, die ich von frü­her kann­te und frü­her schon nicht ge­mocht habe. Was ich dann er­leb­te, war eine ge­schla­ge­ne Stun­de Mob­bing von den zwei­en, vor der ver­sam­mel­ten Runde, ohne dass ir­gend­wer ein­griff. ,,Grund“ war mein Vega­nis­mus. Ich weiß wirk­lich nicht, warum Men­schen schon öf­ters mit der­ar­ti­gen Hass­ti­ra­den re­agier­ten; aber was die zwei mir boten, war vom Ek­ligs­ten. Es gip­fel­te ir­gend­wann in dem Streit der Ge­schwis­ter dar­über, ob ich denn des­we­gen ab­ge­nom­men hätte, die Schwes­ter mein­te: Ja, na­tür­lich, und ihr Bru­der rief aus: ,,Was, sie war noch di­cker als jetzt?“
Die zwei sind ein­fach ek­li­ge Men­schen und ich war kurz davor, in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Schlim­mer wurde es, als diese gin­gen und A* mein­te, das Pro­blem wäre ge­we­sen, dass ich das mit mir habe ma­chen las­sen und dass sie an mei­ner Stel­le ein­fach ganz cool re­agiert hätte und ver­sucht, ihnen kei­nen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zu­schaue­rin, die kein Wort ge­sagt hatte zu den bei­den und sogar hin und wie­der amü­siert ge­we­sen war. Sie war jetzt noch amü­siert. Und als ob das nicht genug ge­we­sen wäre, fing eine gute Freun­din von mir, die eben­falls da­bei­ge­ses­sen hatte, im Zwei­er­ge­spräch dann an, dass SIE halt die Ge­schwis­ter liebe und ich mein Selbst auf­ge­ben müsse.

Klingt wie eine For­mel, oder?

Ich er­zäh­le euch ge­ra­de aus dem Ge­sche­hen einer sek­ten­ähn­li­chen Ge­mein­schaft und ihr braucht In­for­ma­tio­nen, um nach­voll­zie­hen zu kön­nen, wel­che macht­vol­len In­stru­men­te die Aus­drü­cke ,,Ge­schwis­ter lie­ben“, sein ,,Selbst auf­ge­ben“, ,,das Kreuz auf sich neh­men“ sind. Es sind Aus­drü­cke, die nicht ein­fach zur völ­li­gen Pas­si­vi­tät in Streit­fäl­len auf­ru­fen. Sie brin­gen dich dazu, auch noch dank­bar dafür zu sein. Wenn dich Ge­schwis­ter also be­lei­di­gen oder ver­let­zen, musst du erst­mal zu Gott ren­nen, ihm das ab­ge­ben und auch jedes ver­letz­te Ge­fühl. Du musst er­dul­den, was dir ge­schieht. Regst du dich auf, ist das nur der Be­weis, dass du immer noch in dei­nem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Chris­tus ,,an­ziehst“. Und Be­lei­di­gun­gen und An­stö­ße sind per se gut für dich, weil du ge­prüft wirst, ob du im­mer­noch ,,im Geist“ oder in dei­nem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts an­de­res als In­stru­men­ta­ri­um für Dik­ta­tu­ren; die For­de­rung zur Nächs­ten­lie­be in die­ser Form ein Mit­tel, die Men­schen­her­de ge­duckt zu hal­ten, Hier­ar­chi­en zu be­wah­ren und Men­schen auf Dauer zu be­schäf­ti­gen mit ihrem ,,in­wen­di­gen Bösen“, damit sie nicht nach außen schau­en oder gar Ana­ly­sen an­stel­len.
Victim Bla­ming in Rein­form, mir vor­ge­hal­ten von zwei der wich­tigs­ten Men­schen, die es in der Ge­mein­de für mich gab. Was das in mir aus­lös­te, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohn­zim­mer zu­rück, um eine Weile für mich zu sein und wein­te unter der Decke. Am nächs­ten Mor­gen, nach einer Ge­mein­de­ver­samm­lung, die ohne jede Be­deu­tung für mich war, stand ich erst al­lei­ne und ver­lo­ren in der gro­ßen Halle herum; in mei­nem Kopf schwirr­te es, ich fühl­te, wie die letz­ten gro­ßen Pfei­ler mei­ner jah­re­lan­gen Über­zeu­gun­gen und Hoff­nun­gen ein­stürz­ten, aber nicht ein­fach mein Glau­be kam zu einem Ende, son­dern mein Platz in einem so­zia­len Ge­fü­ge, in dem ich jah­re­lang zu­hau­se war, ja das ich zehn Jahre lang mein ein­zi­ges Zu­hau­se ge­nannt habe. Durch eine Un­stim­mig­keit zwi­schen mei­nen Gast­ge­ber*innen, die dazu führ­te, dass ich wie­der zwei Stun­den ohne Essen da­ste­hen würde, fing ich einen Streit an; ich woll­te ein­fach nur weg, woll­te nach Hause und nicht in der Kan­ti­ne war­ten, in der es kein Essen für mich gab. Ich woll­te weg von den Bil­dern, die mich ver­damm­ten, von all den glück­li­chen gläu­bi­gen Men­schen um mich herum in­mit­ten ihrer Fa­mi­li­en. Ich wurde nicht ernst­ge­nom­men, also rann­te ich weg und brach dann in einem der Ba­de­zim­mer zu­sam­men.

Vie­les mag er­schre­ckend klin­gen, was ich hier schrei­be, wieso war ich da über­haupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Be­son­ders Athe­ist*innen ver­ste­hen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu ver­ste­hen. Und noch un­ver­ständ­li­cher ist, wie­viel ge­sche­hen muss­te, bis ich ver­stand, wel­che Ge­walt an­de­re und ich mir damit an­ta­ten.

Dass mir per se als Mensch, die ich in die Ge­mein­de mit 14 Jah­ren kam, Heim­kind das ich war, nicht ver­traut wurde, er­fuhr ich erst zwei Jahre nach mei­nem An­fang dort, nach einer Zeit vol­ler En­ga­ge­ment von mei­ner Seite aus, mit re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen aller mög­li­chen Ver­samm­lun­gen, mit­tels einer Per­sön­li­chen Un­ter­re­dung (PU wurde das mehr oder we­ni­ger scherz­haft ge­nannt) durch einen der Ge­mein­de­äl­tes­ten. Dass ich mich schon mehr an­stren­gen müss­te und mich end­lich ,,für die Ge­mein­de“ ent­schei­den müss­te. Das von einem Men­schen, der mich nicht kann­te, mich nicht­mal ge­grüßt hatte bis­her.
Es war auch mit 16, wo meine De­pres­sio­nen an­fin­gen, schlimm zu wer­den. In den Schü­ler- und Ju­gend­ver­samm­lun­gen saß ich außen, meine Trau­rig­keit schreck­te die Men­schen ab, nie­mand be­merk­te es, wenn ich mit­ten unter ihnen zu wei­nen an­fing und ihre Freu­de, ihre Aus­ge­las­sen­heit und die Tat­sa­che, dass sie eine größ­ten­teils ho­mo­ge­ne Grup­pe waren, mach­ten es mir noch schwe­rer. Hin und wie­der weg­zu­blei­ben wäre aber keine Lö­sung ge­we­sen, denn dann hätte ich noch mehr an Ver­trau­en ver­lo­ren, an christ­li­cher Credi­bi­li­ty. „Zu­hau­se“ er­war­te­te mich dann mein Heim, wo ich schon etwas län­ger zu einer Au­ßen­sei­te­rin ge­wor­den bin, die mit den meis­ten an­de­ren Kin­dern nicht klark­am.

Es war viel­leicht in mei­nem fünf­ten oder sechs­ten Jahr in der Ge­mein­de, wo ich durch ein ein­zi­ges Mäd­chen, das neu war, in die Ge­mein­schaft in­te­griert wurde, ein­fach nur da­durch, dass sie mich wahr­nahm, mit mir re­de­te, sich mit mir an­freun­de­te. Ich weiß nicht, ob ich als ein­zi­ge Tür­kin und Heim­so­zia­li­sier­te eine Art Ali­en-Tat­too auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die an­de­ren mich jah­re­lang igno­rier­ten. Aber sie sah mich und sie brach­te mich hin­ein. Meine ,,Glau­ben­s­kar­rie­re“ be­gann, ich bekam viele Freun­de und be­gann bald zu denen zu ge­hö­ren, die oft ,,Zeug­nis­se“ in der Ver­samm­lung gaben (Be­rich­te über Er­leb­nis­se mit Gott oder Ge­bets­er­hö­run­gen, Bi­bel­ver­se, die eine be­rüh­ren). Ich lern­te nun viel schnel­ler die gan­zen Codes, in­ter­na­li­sier­te sie, lern­te mich aus­zu­drü­cken, wie es auch die gan­zen ,,su­per­geist­li­chen“ Ge­schwis­ter taten.

In der Zwi­schen­zeit ver­lor ich auf­grund von Geld­man­gel meine Woh­nung, aus der dar­auf­fol­gen­den WG wur­den ich und ein Mit­be­woh­ner von dem in­säs­si­gen Pär­chen her­aus­ge­ekelt, ich droh­te auf der Stra­ße zu lan­den. Es gab eine PU mit allen Ge­mein­de­äl­tes­ten. Ich werde das nie ver­ges­sen. In einer Ge­mein­de, die ein Ge­mein­de­haus vol­ler Bet­ten be­sitzt und in der es viele Men­schen aus der Mit­tel­schicht gibt mit ei­ge­nen Häu­sern und Gäs­te­zim­mern, ich werde nie ver­ges­sen, dass mir ge­sagt wurde, es gäbe kei­nen Platz für mich. Und ich werde nie ver­ges­sen, dass dann das Wort ,,Ob­dach­lo­sen­heim“ aus­ge­spro­chen wurde und dass nicht ein Ge­mein­de­äl­tes­ter da­ge­gen pro­tes­tier­te, son­dern erst nach einer gan­zen Weile eine äl­te­re Frau, die da­bei­saß und das nicht mit­an­hö­ren konn­te.

Und wie immer, wenn etwas Schlim­mes in mei­nem Leben ge­sche­hen ist, konn­te ich es an­fangs noch nicht be­grei­fen und war oft­mals noch dank­bar für das We­ni­ge, was ich be­kom­men konn­te. Es wurde eine an­de­re Lö­sung für meine Lage ge­fun­den; ich, der­weil ab­ge­ma­gert, weil ich in der schwie­ri­gen Zeit nicht­mal mehr Geld für Essen ge­habt hatte, freu­te mich ein­fach nur wie­der daran, Essen zu haben und satt zu wer­den und Men­schen um mich zu haben, die mich an­lä­cheln. Ich war so re­du­ziert in all mei­nen Be­dürf­nis­sen, dass es nicht­mal weht­at, als die Men­schen mir Kom­pli­men­te mach­ten, weil ich zehn Kilo ab­ge­nom­men hatte. Sogar meine De­pres­sio­nen ver­schwan­den, es war, als hätte mein Kör­per den Not­schal­ter um­ge­legt.

Was ich fühl­te, war Dank­bar­keit und ich drück­te diese aus, indem ich mich noch enger an die Ge­mein­de band und mich noch mehr an­streng­te. In den nächs­ten drei vier Jah­ren würde ich die schöns­te Zeit er­le­ben, die Zeit, in der ich wirk­lich an­ge­kom­men war in­mit­ten der an­de­ren. Ich konn­te Frie­den ma­chen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich be­herr­schen, mich er­freu­en, jede Mi­nu­te war mei­nem Glau­ben ge­wid­met. Ich flog auf der Welle des sym­bo­li­schen Reich­tums, der sich mir er­öff­ne­te, ich fand Mit­tel und Wege, meine Schmer­zen in Ka­nä­le zu lei­ten, um sie zu er­leich­tern, ich fand neue Freu­de. Ich rich­te­te meine Zu­kunft­wün­sche auf ein Leben in der Ge­mein­de aus, auf einen Part­ner, den ich hier tref­fen würde, hei­ra­ten, um ge­mein­sam ein Boll­werk für die an­de­ren Men­schen zu sein. Ich ver­lieb­te mich stän­dig neu in ,,Brü­der“, ich ver­lieb­te mich lange, ver­stärkt durch den Ge­schlech­ter­se­pa­ra­tis­mus und die ri­gi­den Re­geln er­fuhr ich üb­ri­gens nie, ob diese Ge­füh­le er­wi­dert wur­den.

Aber es gab auch die an­de­re Seite. Ab 16, 17 be­gan­nen mich schlim­me Träu­me in der Nacht zu quä­len. Ich weiß nicht, ob das die Art meines Kör­pers war, mit dem düsteren Sym­bo­lis­mus in der Bibel um­zu­ge­hen und wie dieser Symbolismus in meiner Gemeinde zelebriert wurde. Ich träum­te davon, von Dämonen be­ses­sen zu sein, Träu­me die sich fort­setz­ten, eine Ge­schich­te ent­wi­ckel­ten. Es waren nicht ein­fach Alp­träu­me. Es be­gann freund­lich mit so ner Art Ge­fühl, aus dem Kör­per zu schwe­ben, es war ein Glücks­ge­fühl, das schöns­te und ir­ri­tie­rends­te, was ich wohl je ge­fühlt habe. Doch ir­gend­wann wen­de­te sich das Blatt, und das Un­be­kann­te be­gann mich zu quä­len. Es fuhr in mich, be­setz­te mich, riss an mei­nem Kör­per herum wie an einer Mario­net­te; ich werde den Hor­ror nie­mals ver­ges­sen, nie­mals die Angst. Nie­mals das Ge­fühl, wie real es sich an­fühl­te und wie wach ich es er­leb­te. Vom un­be­kann­ten Sche­men in den An­fangs­träu­men an ge­wann es an Form, bis es Ge­sich­ter bekam, die Ge­sich­ter und Kör­per von Frau­en.

Ich ver­lieb­te mich in eine Frau. Es war Ende De­zember 2006; ich be­such­te ein Essen in der Halle, vol­ler Vor­freu­de über einen jah­re­lan­gen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein biss­chen Katz und Maus spie­len fand ich reiz­voll, also ging ich den Men­schen­grup­pen aus dem Weg, und fand eine Be­kann­te von mir im Ess­zim­mer sit­zen. Sie war nicht al­lein; sie saß da mit einem Mäd­chen das ich bis­her nur ent­fernt kann­te. Ich be­grüß­te sie, small­talk­te. Wäh­rend dem Reden wurde ich mir be­wusst, was für ein of­fe­nes Ge­sicht sie hatte, jun­gen­haft, an­dro­gyn, mit wil­den blon­den Lo­cken. Sie be­ein­druck­te mich. Ich ging nach Hause und die zuvor star­ke Fi­xiert­heit auf den Typen war wie weg­ge­bla­sen, ich hatte ihn sogar ver­ges­sen. Ich war glück­lich und wuss­te nicht wieso. Und erst ein paar Tage spä­ter würde ich rea­li­sie­ren, was da ge­ra­de pas­siert war. Und es würde mich um­wer­fen und nicht los­las­sen, und das in einer Zeit, in der ich end­lich in der Ge­mein­schaft an­ge­kom­men war. Und es würde dazu bei­tra­gen, die Ge­mein­de zu hin­ter­fra­gen, aber bis mir das mög­lich war, würde es mich sogar noch stär­ker an sie bin­den, im Glau­ben, durch Hin­ga­be Ab­so­lu­ti­on zu er­fah­ren.

Zu der Freun­din, die zu mei­ner In­te­gra­ti­on maß­geblich bei­ge­tra­gen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Ge­mein­de­le­ben auf­ge­op­fert, die per­fek­te Schwes­ter, mit immer vol­lem Gäs­te­tisch zu­hau­se, vol­ler Dienst­bar­keit an­de­ren Men­schen ge­gen­über; immer ver­nach­läs­sigt, was sie sel­ber wünsch­te. Es war kein Wun­der, dass sie un­glück­lich wurde. Sie freun­de­te sich mit einem Mann an, der neu in der Ge­mein­de war. Was dann be­gann, war Ruf­mord an ihr, Ge­schich­ten, die ru­mer­zählt wur­den und sie ver­leum­de­ten. Aber nicht nur dass die Ge­schich­ten er­fun­den waren, war wich­tig, son­dern dass diese sich um Sex dreh­ten, um Sex, den eine er­wach­se­ne Frau hatte oder nicht hatte. Ich be­griff erst spät was los war, und sie pack­te schon ihre Kof­fer, als ich es in sei­ner gan­zen Kon­se­quenz rea­li­sier­te. Ich war wie er­starrt, ich bat sie zu blei­ben und ich wuss­te doch, was ihr da an­ge­tan wor­den war.

Diese Dinge sind alle ge­sche­hen und sind erst nach und nach in mei­nem Be­wusst­sein zu Er­leb­nis­sen an­ge­reift, die mich aus­ein­an­der­ris­sen. Am An­fang stand da die­ser Wunsch, da­zu­zu­ge­hö­ren, ein­fach nur Teil des­sen zu sein. Wie groß er ge­we­sen sein muss­te und wie­viel Schö­nes auch pas­siert ist, dass ich das Ne­ga­ti­ve manch­mal sogar ver­gaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl ge­fehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlim­men Er­leb­nis­se ihre de­struk­ti­ve Kraft nur lang­sam ent­fal­ten konn­ten. Ich bin ver­ant­wort­lich dafür, in was ich mich da ge­bracht habe, ver­ant­wort­lich dafür, nicht frü­her nein ge­sagt zu haben, ver­ant­wort­lich für das, was ich durch mein Schwei­gen ak­zep­tiert habe. Teil einer so­zia­len Dy­na­mik, die Men­schen re­ak­tio­nä­ren Bil­dern über Mensch­lich­keit und Liebe und Leben und Ge­sell­schaft un­ter­wirft, sie dar­auf trimmt, ihre ,,frohe Bot­schaft“ auf der Welt zu ver­brei­ten, mit dem Be­kennt­nis nicht zu­frie­den ist, son­dern auch die Her­zen, die Ge­dan­ken, die In­stink­te zu be­set­zen und zu be­herr­schen an­strebt; jeden Zen­ti­me­ter Mensch, der zur Ver­fü­gung steht.

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