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“Zu persönlich”. Über die Versuche, Kämpfe und Debatten zu entpolitisieren.

Auch auf Rumbaumeln veröffentlicht.

Die Kampfansage der Feministinnen* seit jeher war hierzulande eine kurze Phrase, ein in sich vollendeter Satz, der vermeintliche Gegensätze aufgriff und gleichsetzte; politisch wirksam durch die Versöhnung eines durch das Patriarchat unversöhnbar erklärten Dualismus.

Das Persönliche ist politisch.

Mit dieser Aussage wurde vorgegangen gegen die Hybris männlich-linker Politik, die Geschlechterpolitik in den Nähkasten daheim verbannen wollte; gegen Heterosexismus, der andere Formen des Begehrens durch den ,,Zu-Persönlich“-Stempel zum Schweigen bringen wollte und das noch tut; er wird angewendet gerade auch im Bereich sexueller Handlungen; wo lange Zeit negiert wurde, dass auch hier Macht ausgeübt und Unterdrückung erfahren wurde. Er wurde verwendet gegenüber Akten körperlicher wie seelischer Gewalt, die innerhalb von Familien und intimen Partner*innen ausgeübt wird, die ihre Probleme ,,unter sich” ausmachen sollten.

Und er wird noch nicht oft genug verwendet. Und nicht radikal genug.

Schauen wir uns an; was bedeutet denn die Aussage: „Es ist persönlich“ bzw. ,,Das ist zu persönlich“. Es bedeutet vor allem erstmal: Es betrifft andere nicht. Generell suchen sich Menschen aus, wem sie etwas erzählen möchten, sich öffnen möchten, auch was sie als ,,persönlich“ ansehen und was nicht.

Trotz dieser Selbstbestimmtheit bedeutet es nicht, dass diese Handlung/Entscheidung nicht eine Auswirkung hat und in ihren Konsequenzen zum Beispiel nicht auch andere Menschen trifft. Das Persönliche wird politisch, sobald es in einen sozialen Kontext tritt.

Beispiel: Ich entscheide mich als evangelikale Christin, meine Homosexualität nicht auszuleben, sondern eine Hetero-Ehe zu führen; das ist eine persönliche Entscheidung, die jedoch durch den Rahmen der Zwangsheterosexualität innerhalb unserer Gesellschaft und verstärkt durch meine Subkultur zu einem Politikum wird. Es reproduziert ein Machtverhältnis,

Wenn nun aber andere Menschen über einen Menschen hinweg das Urteil treffen, seine*ihre Aussage/Kritik sei zu persönlich; und damit aussagen: Es betrifft sie nicht; versuchen sie das Anliegen des Menschen aus dem sozialen Kontext herauszuheben. Sie verneinen die gesellschaftliche Verantwortung; und somit auch jede Möglichkeit, einen Handlungsrahmen zu schaffen, um mit dieser Aussage umzugehen. Was mich nicht betrifft, kann durch mich nicht verändert werden. Folglich habe ich keine Verantwortung.

Ich habe nun des öfteren erlebt, wie gerade auch zwischenmenschliche Kritik in eine ,,Zu persönlich“-Box gestopft wurde. Es kann eine Form der Reduzierung politischer Kämpfe sein, die uns tagtäglich umgeben und schafft mitunter Erleichterung. Für die betroffenen Personen ist es eine Form von Gewalt, es entzieht ihnen Handlungsmöglichkeiten, es reduziert sie zu Einzelwesen, es ent-powert und ent-solidarisiert. Es ist ein Signal: Hier bitte nicht hingucken. Es ist ein Herrschaftsinstrument.

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