Schlagwort-Archiv: heterosexismus

Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

In­halt: Re­li­giö­ser Miss­brauch, Ab­leis­mus ge­gen­über Trau­ma­ti­sier­ten, Ge­walt, Ky­ri­ar­chie, He­te­ro­s­e­xis­mus

,,Das Wort sein be­deu­tet im Deut­schen bei­des: Da­sein und ihm-ge­hö­ren.“
Franz Kafka

Ta­ge­buch­ein­trag aus dem Jahre 20__

Ges­tern, als Hen­drik* ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.
Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.
Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.
Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

*Namen und Wohn­or­te ge­än­dert/un­kennt­lich ge­macht

Das ist ein Ta­ge­buch­ein­trag, den ich kurz nach der Ju­gend­kon­fe­renz mei­ner Ge­mein­de vor ei­ni­gen Jah­ren ge­schrie­ben habe. Ich hatte ge­ra­de das Ab­itur hin­ter mir mit einer zu­frie­den­stel­len­den Note; ich war­te­te auf die Brie­fe der Uni­ver­si­tä­ten, bei denen ich mich be­wor­ben hatte. Ich war auf dem Hö­he­punkt mei­ner christ­li­chen Glau­ben­s­kar­rie­re. Sel­ber be­schrieb ich das mit ,,end­lich ge­lernt zu haben, was es heißt, sein Selbst auf­zu­ge­ben.“

Was die­ser Text be­deu­tet und was ich heute für mich und viel­leicht für an­de­re dar­aus zie­hen kann, möch­te ich jetzt ana­ly­sie­ren. Ich werde so vor­ge­hen, dass ich ihn Satz für Satz aus­ein­an­der­neh­me und kom­men­tie­re, mit mei­nem heu­ti­gen po­li­ti­schen Wis­sen be­ur­tei­le und ver­glei­che. Die­sen An­satz kön­nen an­de­re ,,Ana­ly­se“ nen­nen; ich mag das Wort ,,De­kon­struk­ti­on“ lie­ber, also zu­gleich Zer­stö­rung und Auf­bau; und habe das als An­satz von Ana Mar­doll: deren Li­te­ra­tur­kri­ti­ken ich nur jeder emp­feh­len kann.

Ich nehme einen Ta­ge­buch­ein­trag von mir, weil ich es für wich­tig halte, Se­xis­mus, Ras­sis­mus, He­te­ro­s­e­xis­mus, Ky­rio­zen­tris­mus, Ab­leis­mus etc. nicht immer nur an an­de­ren Men­schen zu kri­ti­sie­ren und sich an ihnen ab­zu­ar­bei­ten. Der Kampf gegen alle mög­li­chen Ismen muss in jedem Men­schen neu voll­zo­gen wer­den; die ei­ge­nen Ab­grün­de zu ent­de­cken, den ei­ge­nen An­teil an der Re­pro­duk­ti­on der Ge­samt­schei­ße; um die Di­men­si­on zu be­grei­fen, in der wir alle davon durch­drun­gen sind. Audre Lorde schrieb ein­mal über die Aus­gren­zun­gen in­ner­halb fe­mi­nis­ti­scher Grup­pen ge­gen­über schwar­zen, armen, les­bi­schen, alten Frau­en den wun­der­ba­ren Text ,,The Mas­ter’s Tools Will Never Dis­mant­le the Mas­ter’s House“ (als Sinn­bild etwa: Die Werk­zeu­ge des Pa­tri­ar­chats wer­den das Pa­tri­ar­chat nicht zer­stö­ren). In die­sem Sinne möch­te ich sagen: Damit Kri­tik dann letzt­end­lich tat­säch­lich wirk­sam wird, weil wir, die wir den Um­gang mit die­sen Werk­zeu­gen ver­in­ner­licht haben, fähig wer­den, ihre An­wen­dung zu er­ken­nen: bei uns sel­ber wie auch bei an­de­ren. Um neue Wege zu fin­den und einen Wi­der­stand zu kre­ieren, der zum Ab­riss des Pa­tri­ar­chats dann letzt­end­lich auch bei­trägt und ein gutes Leben für alle er­mög­licht.

Ich be­gin­ne ein­fach mal Stück für Stück.

Ges­tern, als Hen­drik ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Maria ist eine mei­ner bes­ten und zu­min­dest auch meine lang­jäh­rigs­te Freun­din. Sie ist in der Ge­mein­de auf­ge­wach­sen; wäh­rend ich durch sie da­zu­kam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war an­er­kannt in der Ge­mein­de; spä­ter hatte sie aber ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis wäh­rend ihrem FSJ, was zu einem Ein­bruch ihrer bis­her li­nea­ren Be­zie­hung zur Ge­mein­de und zu Gott führ­te. Durch sie in die Ge­mein­de ge­kom­men, wurde ich immer mit ihr as­so­zi­iert; ihr ,,Schat­ten“, wie mich an­de­re z.t. nann­ten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie al­lei­ne ein­ge­la­den. Wäh­rend sie dann den Bruch er­leb­te, ge­noss ich lang­sam schon etwas An­se­hen; eine an­de­re Freun­din aus der Ge­mein­de hatte er­folg­reich dazu bei­ge­tra­gen, mich bes­ser zu in­te­grie­ren und ich heims­te lang­sam die Früch­te einer jah­re­lan­gen ent­beh­rungs­rei­chen Ar­beit ein.

Hen­drik war ein jun­ger Mann, der zu denen ge­hör­te, die die Ju­gend lei­te­ten. Ge­ra­de bei ge­mein­sa­men Essen mit vie­len Ju­gend­li­chen kommt es vor, dass diese geist­li­chen ,,Hir­ten“ sich ir­gend­wo da­zu­set­zen oder sich eine Grup­pe um sie schart und dann haben sie Ge­mein­schaft und tei­len ihre Er­fah­rung mit den Jün­ge­ren oder we­ni­ger Geist­li­chen. Geist­lich steht in mei­ner Ge­mein­de als ein Syn­onym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles an­de­re ist Mist (wort­wört­lich nach Pau­lus). Schon in der Art, wie dich diese Män­ner – es waren immer Män­ner –, an­spre­chen, kannst du er­ken­nen, auf wel­cher geist­li­chen Stufe du dich wohl be­fin­dest. Er­stre­bens­wert ist es, wäh­rend so einer Ge­mein­schaft sel­ber viel aus­zu­tei­len und bei­zu­tra­gen. Wer Ver­ant­wor­tung über­nimmt, wird nicht als un­mün­dig be­trach­tet. Diese Lei­ter, die sehr viel Zeit dafür auf­brach­ten, sich um die an­de­ren zu küm­mern, waren auch die­je­ni­gen, die die An­er­ken­nung gaben. Wel­che also schaff­te, nicht nur etwas zu sagen, son­dern die Lei­ter zu be­ein­dru­cken, diese bekam zu­sätz­li­che An­er­ken­nung.

,,Dass nicht Ge­füh­le uns er­ret­ten“: In­ner­halb der christ­li­chen Logik ist das durch­aus eine be­frei­en­de Aus­sa­ge, davon aus­zu­ge­hen, dass Men­schen nicht ge­ret­tet sind, weil sie sich ,,ge­ret­tet füh­len“, wenn sie mal einen guten Tag haben, son­dern durch eine ein­ma­li­ge Ent­schei­dung, dem Be­kennt­nis zu Gott und Jesus, für immer ge­ret­tet sind. In man­chen christ­li­chen Strö­mun­gen hält die Un­ge­wiss­heit über den Sta­tus des ei­ge­nen Heils Men­schen bei der Stan­ge und in den Kir­chen­ge­mein­den. Meine Ge­mein­de hat da einen cle­ve­ren Trick ein­ge­setzt, um Vor­tei­le von Ge­wiss­heit und Furcht zu­gleich ein­zu­heim­sen: Es gibt ein­fach zwei Arten von Er­ret­tung! Die eine wird er­langt durch das Be­kennt­nis und gilt als geist­li­cher ,,Start­schuss“, die an­de­re wird durch An­stren­gung er­langt und sym­bo­lisch als ,,Wett­lauf“ ge­se­hen. Mit der einen ent­gehst du dem ewi­gen Tod, mit der zwei­ten be­kommst du eine Zu­satz­be­loh­nung von etwa tau­send Jah­ren Herr­schaft auf Erden.

Zu dem gan­zen Kom­plex ge­hört na­tür­lich dazu, wie ne­ga­tiv in mei­ner Ge­mein­de das Wort ,,Ge­fühl“ ist. Ge­fühl ist Ir­ra­tio­na­li­tät und alte Mensch­lich­keit, Wahn und Ver­zer­rung der ,,nüch­ter­nen“ und ,,ob­jek­ti­ven“ Welt­wahr­neh­mung. Ne­ga­ti­ve und po­si­ti­ve Ge­füh­le wer­den in mei­ner Ge­mein­de kri­ti­siert, weil ihre Quel­le die Seele des Men­schen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nach­dem wird auch manch­mal kri­ti­siert, dass zum Bei­spiel die Ju­gend ,,zu nüch­tern“ sei und nicht ,,auf die Stüh­le sprin­ge“ wie die Äl­te­ren anno da­zu­mal. Diese ver­schie­de­nen Si­gna­le zu sen­den, um ei­ner­seits Ge­füh­le ab­zu­wer­ten, an­de­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, wo je­mand sich nicht von der Bot­schaft ein­ge­nom­men und be­wegt genug zeigt, trägt zum wir­ren Ver­hält­nis vie­ler zu ihrem In­nen­le­ben bei.

Auf Ge­füh­le ist nicht Ver­lass, weil auf Men­schen nicht Ver­lass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst ver­las­sen, dei­nem Ge­fühl und dei­ner In­tui­ti­on nicht trau­en, was das Selbst­be­wusst­sein dau­er­haft ein­schränkt

2. nicht an­de­ren Men­schen trau­en und ihren Ge­füh­len dir ge­gen­über, was auf Dauer zu Ent­so­li­da­ri­sie­rung führt. Freund­schaft und Liebe von Men­schen kann nur Ab­klatsch des­sen blei­ben, was Gott dir bie­tet. Er­mu­tigt wird des­halb, nur in­ner­halb der Ge­mein­de Lie­bes­be­zie­hun­gen zu füh­ren. Freund­schaft, diese ver­rä­te­ri­sche Bin­dung zwei­er Men­schen die auf nichts als Zu­nei­gung be­ru­hen kann, wird meis­tens ab­ge­lehnt, un­ter­ein­an­der nen­nen sich Men­schen lie­ber ,,Ge­schwis­ter“ um dar­zu­stel­len, dass Gott der Vater sie alle ver­bin­det und nicht etwa ihre ver­gäng­li­che Zu­nei­gung oder Ge­mein­sam­kei­ten au­ßer­halb Got­tes und der Ge­mein­de.

Was Maria da also getan hat: auf­zu­ste­hen, in­ner­halb die­ses Rah­mens, und weg­zu­ge­hen, ist groß. Sie ver­wehr­te sich der Ab­wer­tung der ei­ge­nen Ge­füh­le. Sie ver­wehr­te sich teil­zu­neh­men an einem so­zia­len Spiel, durch das sie in der Ach­tung an­de­rer stei­gen würde. Beide waren wir be­ob­ach­tet durch den Ju­gend­lei­ter. Ihr Weg­ge­hen de­fi­nier­te sie klar zu der we­ni­ger geist­li­chen Per­son. Was mich zu der bes­se­ren mach­te. Und ich habe das ge­nos­sen. Nicht offen, nicht­mal be­wusst. Ihr Ver­hal­ten wirk­te auf mich wie ein Re­gel­ver­stoß. In­ner­li­ches Na­se­rümp­fen. Ich konn­te mich end­lich von ihrer Per­son ab­gren­zen und da­durch end­lich auch Be­wer­te­rin sein und nicht­mehr nur Be­wer­te­te.

Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Un­be­rührt von der You‘co, der Kon­fe­renz für die 15-30Jäh­ri­gen, heim­zu­keh­ren, ist ein Makel son­der­glei­chen. Um ihren be­son­de­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len, gab es ir­gend­wann eine Na­mens­än­de­rung: Damit nie­mand drauf kommt, dass das so ne Art lo­cke­re Ju­gend­frei­zeit sei, wurde sie ,,Zu­rüs­tung“ ge­nannt. Be­nutzt wurde der Name dau­er­haft nur von den Lei­ten­den; aber es sym­bo­li­siert schön, was die You‘co sein soll: Auf­rüs­tung für die Sol­da­ten Got­tes. Sie ist ein Kol­lek­ti­ve­r­eig­nis für junge Men­schen, die ihre geist­li­chen Mus­keln spie­len las­sen, sich in Ek­sta­se beten und sin­gen. Eine wich­ti­ge an­de­re Funk­ti­on hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbst­prä­sen­ta­ti­on ver­bun­den ist: Hier ent­ste­hen zu­künf­ti­ge Ehe­paa­re. Alles in allem das so­zia­le Er­eig­nis für junge Men­schen in mei­ner Ge­mein­de.

„Be­rührt wer­den“ ist dabei ein gän­gi­ges Schlag­wort in mei­ner Ge­mein­de, das nichts an­de­res be­deu­ten soll als eine di­rek­te Be­rüh­rung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die hei­lend, er­ret­tend sein soll und ihren Ur­sprung ver­mut­lich in der Ge­schich­te der blut­flüs­si­gen Frau birgt, die Jesus mit einer ein­zi­gen Be­rüh­rung sei­nes Ge­wan­des von der jah­re­lan­gen Krank­heit be­freit. In einer You‘co mit zwei Haupt­ver­samm­lun­gen, einer per­sön­li­chen Ge­mein­schaft, einer Klein­grup­pe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den in­for­mel­len Ge­mein­schaf­ten beim Essen und Drau­ßen­sit­zen bleibt nie­mand un­be­rührt, schon al­lein wegen der Er­schöp­fung und des so­zia­len Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.

Töröö. Der Be­weis der geist­li­chen Un­zu­läng­lich­keit mei­ner Freun­din wird mit einem wei­te­ren Ar­gu­ment be­fes­tigt: NIE­MAND trifft sich di­rekt nach der You‘co mit ,,welt­li­chen“ Freun­den. Nie­mand. Das ist Ver­un­rei­ni­gung. Auf Dauer kann das Kon­strukt der Ge­mein­de, ihre Wert­vor­stel­lun­gen und ihr Re­gel­werk nur auf­recht­er­hal­ten wer­den, wenn es nicht an­dau­ern­der Kri­tik aus­ge­setzt wird. Und dazu ge­hört schon, Al­ter­na­ti­ven zu ken­nen, über an­de­re The­men zu reden, mit Wert­vor­stel­lun­gen an­de­rer Men­schen in Be­rüh­rung zu kom­men, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freund­schaft mit die­ser Welt ist Feind­schaft gegen Gott. Ja­ko­bus 4:4. Ge­ra­de auch nach der You‘co be­fin­den sich die meis­ten in einer Art hoch­geist­li­chem Sta­di­um, in der oft­mals laut­hals be­dau­ert wird, jetzt wie­der zu­rück in die Welt zu müs­sen sowie zu pro­kla­mie­ren, die ei­ge­nen Freun­de nur des­halb sehen zu wol­len, um ihnen das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen. Die „Welt“ steht hier üb­ri­gens als Syn­onym für alles, was nicht Gott und nicht Ge­mein­de und was damit gleich­zei­tig von Grund auf schlecht ist.

Wich­tig ist auch, dass Maria einen Freund tref­fen will, männ­lich. Man stel­le sich den Film ,,Harry und Sally“ re­li­gi­ös um­ge­setzt vor. Frau­en und Män­ner kön­nen nicht be­freun­det sein. Wes­halb jedes Al­lein­sein zwei­er Men­schen ver­schie­de­nen Ge­schlechts un­ter­bun­den wer­den muss. Nein, nicht durch Stra­fen. Durch in­ne­re Dis­zi­plin. Jede und jeder darf seine Gren­zen na­tür­lich sel­ber set­zen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mäd­chen sich zum Bei­spiel nicht al­lei­ne zu­sam­men in einem Raum be­fin­den. Oder auf einer Au­to­fahrt. Sich vor­sätz­lich zu tref­fen, ohne dass an­de­re Men­schen dabei sind, kommt quasi vor­ehe­li­chem Ge­schlechts­ver­kehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund un­ter­wegs war und in der Stadt einer äl­te­ren Dame aus mei­ner Ge­mein­de be­geg­net ist, die spä­ter Ma­ri­as Vater an­ge­ru­fen hat, um her­aus­zu­fin­den, ob Maria die Nacht noch nach Hause ge­kom­men ist.

Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben.

Die­ser Ab­satz ist so hoch­mü­tig, dass ich kot­zen könn­te. Nicht ein ein­zi­ges ver­damm­tes ,,Viel­leicht“ oder ,,könn­te sein“ habe ich hier rein­ge­setzt. So über­zeugt von der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit, so über­zeugt von Ma­ri­as ,,Fall“. Sie ist üb­ri­gens im Ge­gen­satz zu mir immer noch in der Ge­mein­de, nur um euch mal einen Rea­li­tät­scheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht na­tür­lich gegen sie. Dass sie in [Wohn­ort X] blei­ben will, einer sehr gro­ßen Ge­mein­de mit vie­len ver­schie­de­nen Men­schen und Ge­le­gen­hei­ten, sich un­ter­ein­an­der zu tref­fen, kann in mei­ner wir­ren ,,Maria ist ge­fal­len“-Lo­gik nichts Po­si­ti­ves bedeuten.Sie will na­tür­lich nur wegen ihrer Freun­de im Ort blei­ben, weil sie wei­ter­hin ihre un­ge­sun­den Be­zie­hun­gen füh­ren und in der Ge­mein­de nichts bei­tra­gen will. So­lan­ge sie da ist, sicht­bar und an­we­send, muss sie nicht mit viel tun, um da­zu­zu­ge­hö­ren. Sie ge­nießt also Vor­tei­le bei­der Wel­ten. Ich, als Heim­so­zia­li­sier­te, konn­te mir das nicht leis­ten: Im Ge­gen­satz zu ihr hatte ich keine Rück­bin­dung an einen Vater, der auch in der Ge­mein­de ist und durch den sie wei­ter­hin immer Teil der Ge­mein­de blei­ben wird, was sie auch tut. Ich muss­te mich zei­gen und agie­ren, um an­we­send zu sein. Ich war nei­disch auf ihre Frei­heit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm an­pas­se, die mir sel­ber Ge­walt antut – um be­lohnt zu wer­den, indem ich teil daran habe, an­de­ren diese Ge­walt an­zu­tun.

Auch, dass sie mit mir zu­sam­men­zie­hen möch­te, kann und bin ich nicht be­reit so aus­zu­le­gen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engs­ten Ver­trau­ens­per­so­nen bin. Es ist Ge­heim­nis die­ser geist­li­chen Ent­so­li­da­ri­sie­rung, dass Men­schen ihre ge­mein­sa­me Ge­schich­te nicht als ver­trau­ens­wür­dig ein­stu­fen; alles wird durch den Fil­ter der Geist­lich­keit ge­se­hen und was nicht einem ge­wis­sen geist­li­chen Ka­pi­tal zu­gu­te kommt, ist schlecht: für die ein­zel­nen Men­schen, für die Be­zie­hung und na­tür­lich auch für die Be­zie­hung jeder ein­zel­nen zu Gott. D.h. Maria wäre be­reit mich auch mit ins Ver­der­ben zu rei­ßen durch den Ein­fluss ihrer per­sön­li­chen Be­zie­hung zu mir, ein­fach nur weil sie Freun­de da drau­ßen hat. So der Ge­dan­ken­gang.

In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Drei­mal ,,im Selbst“. Drei­mal ein Vor­wurf, der in mei­ner Ge­mein­de als Herr­schafts­in­stru­ment ein­ge­setzt wird, um Men­schen jeg­li­che Au­to­ri­tät und Aus­sa­ge­kraft über ihren per­sön­li­chen Glau­ben und über ein ver­ant­wor­tungs­voll ge­führ­tes Leben ab­zu­spre­chen. Dazu habe ich in mei­nem Be­richt ,,From­me Ju­gend“ be­reits schon was ge­schrie­ben und will das jetzt nicht aus­füh­ren. Aber es hat eine ähn­li­che Wir­kung wie diese Aus­sa­ge von Spock. Zu­ge­ge­ben, das ver­lin­ke ich, weil Spocks An­blick nach so­viel be­las­ten­dem Ge­schrei­be ganz nett wirkt …

Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache.

Das ganze ist also aus­ge­wach­sen zu einer ,,Sache“, zu einem Pro­blem, das un­be­dingt be­han­delt wer­den muss. Und die Ge­schwis­ter und ich ver­schmel­zen dabei zu einem ,,Wir“, wäh­rend meine Freun­din die an­de­re ist, nicht zum Wir ge­hört; das ,,Wir“ hier ist mün­dig und über­nimmt Ver­ant­wor­tung; Maria ist un­zu­rech­nungs­fä­hig, eine geist­lich Kran­ke, die ver­sorgt wer­den muss. Gleich­zei­tig zeige ich: Ich ver­las­se mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die an­de­ren; wie­der ein Be­weis mei­ner de­mü­ti­gen Un­ter­ord­nung unter das Kol­lek­tiv und ihr Ge­mein­wohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen.

Das ist der schlimms­te Satz. Die Dro­hung, mei­ner Freun­din Ge­walt an­zu­tun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht an­passt. Damit zu ko­ket­tie­ren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,ge­sun­de Ohr­fei­ge“ sie wie­der raus­bringt. Weil ich weiß, zu was Men­schen fähig sind, lehne ich des­halb auch Na­zi­ver­glei­che ab. Jedes Ver­bre­chen an einem Men­schen steht für sich und braucht keine Ver­glei­che (zur ver­meint­li­chen Be­wer­tung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spe­zi­el­le Ni­veau gäbe, auf das na­tür­lich Nie­mand Von Uns hin­ab­sin­ken würde. All­täg­lich haben wir doch An­teil an Un­ter­drü­ckung, die Grup­pen auf ein­zel­ne aus­üben, Mehr­hei­ten ge­gen­über Min­der­hei­ten, Mar­gi­na­li­sier­ten, Ent­mün­dig­ten.

Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt -

Klar – ich war na­tür­lich, im Ge­gen­satz zu mei­ner Freun­din, ab­so­lut ge­hor­sam. Hatte mich der ky­ri­ar­cha­len Logik un­ter­wor­fen, denn es gab nur die Wahl zwi­schen zwei Arten von Sein: Got­tes Herr­schaft oder Herr­schaft des schlech­ten Le­bens/der Sünde/der Fein­de Got­tes. Und damit keine wirk­li­che Wahl. Und selbst wenn mein ,,ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst die­ser Ein­ge­bung nicht trau­en und so­weit war­ten, bis Gott sel­ber mir das Okay dafür gibt, sie zu­recht­zu­wei­sen. Uärr, hallo, au­to­ri­tä­re Per­sön­lich­keit. Das Wort ,,Herr“(ky­ri­os) steht hier be­zeich­nend für die ky­rio­zen­tri­sche Hin­ga­be mei­ner­selbst und wird in mei­ner Ge­mein­de sehr viel öfter als ,,Gott“ be­nutzt.

Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Was ich mei­ner Freun­din hier auch nicht ver­zei­hen konn­te, war, dass sie of­fen­sicht­lich etwas Schlim­mes er­lebt hatte – und dann damit dar­auf re­agier­te, sich aus­zu­ru­hen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Ver­ständ­nis ein un­heim­li­cher Luxus. Ich schwan­ke da zwi­schen ,,Hätte ich mir nie er­lau­ben kön­nen“, ,,Wäre nie drauf ge­kom­men, dass meine ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen Grund genug sind, mich aus­ru­hen zu dür­fen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durf­te“.

Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.

Ein KLAS­SI­KER. So stark nach Lehr­buch, dass ich zwei­mal lesen muss­te, weil es mich so ver­blüff­te – und wie­der so wenig ver­blüff­te. Als ich die­sen Text schrieb in mein Ta­ge­buch, wuss­te ich be­reits seit meh­re­ren Jah­ren, dass ich les­bisch war. Und ich hatte mich auch in die­sem Punkt ent­schie­den, Got­tes Wil­len leben zu wol­len- was für mich da­mals be­deu­te­te, es nicht zu­zu­las­sen. Un­ter­drück­te Ho­mo­se­xua­li­tät, die ich als Ho­mo­pho­bie gegen an­de­re rich­te­te; mein ei­ge­nes Be­geh­ren auf an­de­re pro­ji­zier­te, um es in ihnen zu fürch­ten und zu has­sen. Über­rascht war ich, weil mir die­ses Phä­no­men be­reits da­mals be­kannt ge­we­sen war; hatte ich da­mals nicht ge­se­hen, was ich da schrieb? War es mir ein­fach egal?

Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

Öhm, was ich mit ni­hi­lis­tisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Ni­hi­lis­mus zu tun. Ver­mut­lich be­zie­he ich mich auf eine Art ,,ab­seits jeder bis­he­ri­gen Vor­stel­lung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund küm­mert, jede Be­zie­hung­ar­beit plötz­lich fal­len lässt, „nur“ weil es ihr sel­ber schlecht geht …

Ma­ri­as De­pres­si­on, ihr Trau­ma wur­den nicht ernst ge­nom­men. Ver­mut­lich am al­ler­we­nigs­ten von mir, die ich es mit mei­nen ei­ge­nen trau­ma­ti­schen Er­fah­run­gen ,,ver­glich“ und sie denen un­ter­ord­ne­te. Und wie konn­te sie ein­for­dern, ernst­ge­nom­men zu wer­den mit ihrem Lei­den, wenn ich doch be­stimmt Schlim­me­res er­lit­ten hatte und dies auch nie­mand wahr­ge­nom­men hatte? Op­pres­si­on Olym­pics, und das in einer Freund­schaft.

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Fromme Jugend.

Crossposted auf Baum der Glückseligkeit.

Hier­mit spre­che ich eine In­halts­war­nung aus. In die­sem Post habe ich ver­sucht, meine Ge­dan­ken und Ge­füh­le und Er­leb­nis­se be­züg­lich mei­ner ehe­ma­li­gen christ­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft ein­zu­ord­nen, den re­li­giö­sen Miss­brauch und die Stig­ma­ti­sie­run­gen, die ich er­lebt habe, den Scha­den, den es an­rich­te­te und die Ver­ant­wor­tung, die ich trage. Her­aus dabei kam etwas Un­ab­ge­schlos­se­nes, teil­wei­se Wir­res; ich kann kei­nen roten Faden an­bie­ten, keine Moral. Ich ver­fan­ge mich in De­tail­haf­tig­keit, um dann wie­der große Zeit­ab­schnit­te zu über­sprin­gen. Die Ge­schich­te han­delt von einer Art Sub­kul­tur. Es ist auch eine Ge­schich­te von Ex­tre­men und ex­tre­men Ge­füh­len, die ich mit dem Nie­der­schrei­ben ab­le­gen möch­te. Ich habe ir­gend­wo an­ge­fan­gen, weil ich die Not­wen­dig­keit fühl­te. Ich kann das in­ner­halb dieses Blogs nicht so recht ver­or­ten, es ist auf seine Weise po­li­tisch.

Seit vie­len vie­len Wo­chen nun nehme ich mir vor, Leute aus mei­ner ehe­ma­li­gen Glau­bens­ge­mein­de zu be­su­chen. Immer und immer wie­der schie­be ich die­ses An­sin­nen auf. Ich ver­mis­se die Men­schen, ei­ner­seits. Ich ver­mis­se Gott.
An­de­rer­seits er­in­ne­re ich mich.
Vor einem hal­ben Jahr war ich das letz­te Mal dort, in den Win­ter­fe­ri­en. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vie­les falsch, dass ich mir da­nach vor­nahm, erst­mal eine ganz lange Pause zu ma­chen. Ich war scho­ckiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause ge­wankt, woll­te nicht mehr dran­den­ken und fühl­te wie stark in mir das Ver­trau­en ge­schwun­den war Men­schen ge­gen­über, die ich lange Zeit sehr ge­liebt habe.

Ich kam bei einer Freun­din unter, mei­ner lang­jäh­rigs­ten Freun­din. Ihre Fa­mi­lie war auf mich vor­be­rei­tet ge­we­sen und sie wuss­ten von mei­nem Vega­nis­mus. Des­halb war ich erst­mal ver­blüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühl­schrank kein ein­zi­ges biss­chen Ge­mü­se fand. Kein Obst, nichts Vega­nes whatsoe­ver. Nur Käse und Wurst. Ich war ir­ri­tiert, aber dann war es mir wie­der egal; ich hatte mir ein biss­chen was mit­ge­bracht und aß davon. Viel­leicht, weil ich an die Wir­kung von Sym­bo­lik glau­be, hall­te die­ses klei­ne Er­leb­nis so in mir nach, das Ge­fühl, nicht will­kom­men zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächs­ten Tag stritt ich mich mit dem Vater mei­ner Freun­din. Wir haben be­reits eine ge­wis­se Streit­ge­schich­te hin­ter uns; er war in sei­ner Ju­gend auch ,,Pro­test­ler“ ge­we­sen; eine der äl­tes­ten Er­in­ne­run­gen mei­ner Freun­din ist die an Mahn­wa­chen, auf denen sie als Kind her­um­stand. Ihr Vater er­leb­te durch den Glau­ben dann eine Wen­dung, auch po­li­tisch, und ver­trat seit­dem kon­ser­va­ti­ve Stand­punk­te. Sol­che Men­schen gibt es ei­ni­ge in mei­ner Ge­mein­de. Aber mit­un­ter pre­di­gen sie eine un­po­li­ti­sche Hal­tung, die eine nicht sehen lässt, wel­che re­ak­tio­nä­re Agen­da sich da­hin­ter ver­birgt. (Immer be­lieb­ter, auch durch den Ein­fluss vie­ler Stu­dent*innen der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wird die An­wen­dung ka­pi­ta­lis­ti­scher Phra­sen bi­bel­ge­mäß um­klei­det: Gott in­ves­tiert in uns, wir sind in einem Wett­lauf, Ge­winn brin­gen, die Ge­mein­de als ,,Bank“ Got­tes, etc.)

Ge­strit­ten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Ge­mein­de­le­ben, über Mus­li­me und all diese The­men, die äl­te­re weiße Her­ren vor­ge­ben, weil sie sich das ge­ra­de in ihrer kon­ser­va­ti­ven Zei­tung an­ge­le­sen haben.

Dies­mal strit­ten wir über Ho­mo­se­xua­li­tät. Ich hatte erst mit mei­ner Freun­din dar­über ge­re­det; sie ist wie viele an­de­re in der Ge­mein­de auch schwu­len-und les­ben­feind­lich, wes­halb ich ihr noch nicht von mir er­zählt habe. Die­ses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der sta­bils­te Mensch in mei­nem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann viel­leicht nach­voll­zo­gen wer­den. Sie wird lang­sam nach­denk­li­cher im Um­gang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr er­zäh­len kann. Aber an die­sem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine lan­gen Um­schwei­fe, er ver­gleicht Ho­mo­se­xua­li­tät mit Pä­de­ras­tie/Pä­do­phi­lie. Er zeigt mir einen alten Spie­gel-Ar­ti­kel on­line, in dem er­wach­sen­ge­wor­de­ne Kin­der aus ihrer Kom­mu­ne be­rich­ten und er­zäh­len, wie schön sie den Sex mit Er­wach­se­nen fan­den. Men­schen sind sün­dig, sagt er und wür­den lie­bend­gern den sün­di­gen Zu­stand wäh­len, egal wie gut es ihnen tat­säch­lich tut. Ich werde wü­tend. Er wisse genau, dass das nicht ver­gleich­bar sei, dass es bei Pä­de­ras­tie um ein Macht­ge­fäl­le geht. Er zuckt die Ach­seln und sal­ba­dert wei­ter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kin­dern, meint er und ver­sucht jetzt den bio­lo­gis­ti­schen Weg. Nur ein Mann und eine Frau kön­nen Kin­der be­kom­men. Ich ant­wor­te: Was ist mit Män­nern und Frau­en, die keine Kin­der be­kom­men wol­len oder kön­nen, dür­fen die dann nicht hei­ra­ten? Na­tür­lich, doch, meint er, ist ver­wirrt, aus dem Kon­zept ge­bracht und statt dem nach­zu­ge­hen, wen­det er IGNO­RANZ an und kehrt zu­rück zur Pä­de­ras­tie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich we­nigs­tens bei mei­ner Freun­din was zum Rol­len ge­bracht habe, denn sie stellt of­fe­ne Fra­gen und em­pört sich auch dar­über, dass die Ge­mein­de sol­che Men­schen aus­schlie­ßen würde. Aber das bringt nichts. Meine Ge­mein­de ist so he­te­ro­norm, Ho­mo­se­xua­li­tät wird nicht­mal er­wähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur ein­mal hat ein ame­ri­ka­ni­scher Pre­di­ger in einer Ju­gend­kon­fe­renz dar­über ge­re­det; aber wie un­ge­wohnt das war, zeig­te sich schon daran, dass sein Über­set­zer ganz er­schro­cken re­agier­te, als er das Wort ,,Ho­mo­se­xua­li­tät“ über­set­zen muss­te. Über die ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len kann ich nur sagen: We­nigs­tens reden sie dar­über. Wobei ich hier nicht zu der Ver­harm­lo­sung von Hass bei­tra­gen möch­te. Aber es ist noch­mal was an­de­res, wenn im ge­mein­d­ein­ter­nen Dis­kurs be­stimm­te Sa­chen ge­nannt sind statt dass es sie ein­fach nicht gibt und so auch keine Mög­lich­keit, dar­über zu reden.

Am nächs­ten Tag war ich bei mei­ner Lieb­lings­fa­mi­lie essen. A*, eine Frau in mitt­le­ren Jah­ren, hatte sich seit ei­ni­ger Zeit mit mir an­ge­freun­det, mich häu­fig ein­ge­la­den, ich hatte auf ihre kran­ke Toch­ter bei deren Schul­land­heim auf­ge­passt; es be­stand ein enges Band zwi­schen uns. Sie war eine der we­ni­gen Men­schen, denen ich noch zu­hö­ren konn­te, wenn sie über Gott und ihren Glau­ben er­zähl­ten, ohne Kopf­schmer­zen zu be­kom­men.
Sie hatte viele an­de­re Men­schen ein­ge­la­den, u.a. zwei junge Men­schen, Arzt­kin­der, in mei­nem Alter, die ich von frü­her kann­te und frü­her schon nicht ge­mocht habe. Was ich dann er­leb­te, war eine ge­schla­ge­ne Stun­de Mob­bing von den zwei­en, vor der ver­sam­mel­ten Runde, ohne dass ir­gend­wer ein­griff. ,,Grund“ war mein Vega­nis­mus. Ich weiß wirk­lich nicht, warum Men­schen schon öf­ters mit der­ar­ti­gen Hass­ti­ra­den re­agier­ten; aber was die zwei mir boten, war vom Ek­ligs­ten. Es gip­fel­te ir­gend­wann in dem Streit der Ge­schwis­ter dar­über, ob ich denn des­we­gen ab­ge­nom­men hätte, die Schwes­ter mein­te: Ja, na­tür­lich, und ihr Bru­der rief aus: ,,Was, sie war noch di­cker als jetzt?“
Die zwei sind ein­fach ek­li­ge Men­schen und ich war kurz davor, in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Schlim­mer wurde es, als diese gin­gen und A* mein­te, das Pro­blem wäre ge­we­sen, dass ich das mit mir habe ma­chen las­sen und dass sie an mei­ner Stel­le ein­fach ganz cool re­agiert hätte und ver­sucht, ihnen kei­nen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zu­schaue­rin, die kein Wort ge­sagt hatte zu den bei­den und sogar hin und wie­der amü­siert ge­we­sen war. Sie war jetzt noch amü­siert. Und als ob das nicht genug ge­we­sen wäre, fing eine gute Freun­din von mir, die eben­falls da­bei­ge­ses­sen hatte, im Zwei­er­ge­spräch dann an, dass SIE halt die Ge­schwis­ter liebe und ich mein Selbst auf­ge­ben müsse.

Klingt wie eine For­mel, oder?

Ich er­zäh­le euch ge­ra­de aus dem Ge­sche­hen einer sek­ten­ähn­li­chen Ge­mein­schaft und ihr braucht In­for­ma­tio­nen, um nach­voll­zie­hen zu kön­nen, wel­che macht­vol­len In­stru­men­te die Aus­drü­cke ,,Ge­schwis­ter lie­ben“, sein ,,Selbst auf­ge­ben“, ,,das Kreuz auf sich neh­men“ sind. Es sind Aus­drü­cke, die nicht ein­fach zur völ­li­gen Pas­si­vi­tät in Streit­fäl­len auf­ru­fen. Sie brin­gen dich dazu, auch noch dank­bar dafür zu sein. Wenn dich Ge­schwis­ter also be­lei­di­gen oder ver­let­zen, musst du erst­mal zu Gott ren­nen, ihm das ab­ge­ben und auch jedes ver­letz­te Ge­fühl. Du musst er­dul­den, was dir ge­schieht. Regst du dich auf, ist das nur der Be­weis, dass du immer noch in dei­nem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Chris­tus ,,an­ziehst“. Und Be­lei­di­gun­gen und An­stö­ße sind per se gut für dich, weil du ge­prüft wirst, ob du im­mer­noch ,,im Geist“ oder in dei­nem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts an­de­res als In­stru­men­ta­ri­um für Dik­ta­tu­ren; die For­de­rung zur Nächs­ten­lie­be in die­ser Form ein Mit­tel, die Men­schen­her­de ge­duckt zu hal­ten, Hier­ar­chi­en zu be­wah­ren und Men­schen auf Dauer zu be­schäf­ti­gen mit ihrem ,,in­wen­di­gen Bösen“, damit sie nicht nach außen schau­en oder gar Ana­ly­sen an­stel­len.
Victim Bla­ming in Rein­form, mir vor­ge­hal­ten von zwei der wich­tigs­ten Men­schen, die es in der Ge­mein­de für mich gab. Was das in mir aus­lös­te, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohn­zim­mer zu­rück, um eine Weile für mich zu sein und wein­te unter der Decke. Am nächs­ten Mor­gen, nach einer Ge­mein­de­ver­samm­lung, die ohne jede Be­deu­tung für mich war, stand ich erst al­lei­ne und ver­lo­ren in der gro­ßen Halle herum; in mei­nem Kopf schwirr­te es, ich fühl­te, wie die letz­ten gro­ßen Pfei­ler mei­ner jah­re­lan­gen Über­zeu­gun­gen und Hoff­nun­gen ein­stürz­ten, aber nicht ein­fach mein Glau­be kam zu einem Ende, son­dern mein Platz in einem so­zia­len Ge­fü­ge, in dem ich jah­re­lang zu­hau­se war, ja das ich zehn Jahre lang mein ein­zi­ges Zu­hau­se ge­nannt habe. Durch eine Un­stim­mig­keit zwi­schen mei­nen Gast­ge­ber*innen, die dazu führ­te, dass ich wie­der zwei Stun­den ohne Essen da­ste­hen würde, fing ich einen Streit an; ich woll­te ein­fach nur weg, woll­te nach Hause und nicht in der Kan­ti­ne war­ten, in der es kein Essen für mich gab. Ich woll­te weg von den Bil­dern, die mich ver­damm­ten, von all den glück­li­chen gläu­bi­gen Men­schen um mich herum in­mit­ten ihrer Fa­mi­li­en. Ich wurde nicht ernst­ge­nom­men, also rann­te ich weg und brach dann in einem der Ba­de­zim­mer zu­sam­men.

Vie­les mag er­schre­ckend klin­gen, was ich hier schrei­be, wieso war ich da über­haupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Be­son­ders Athe­ist*innen ver­ste­hen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu ver­ste­hen. Und noch un­ver­ständ­li­cher ist, wie­viel ge­sche­hen muss­te, bis ich ver­stand, wel­che Ge­walt an­de­re und ich mir damit an­ta­ten.

Dass mir per se als Mensch, die ich in die Ge­mein­de mit 14 Jah­ren kam, Heim­kind das ich war, nicht ver­traut wurde, er­fuhr ich erst zwei Jahre nach mei­nem An­fang dort, nach einer Zeit vol­ler En­ga­ge­ment von mei­ner Seite aus, mit re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen aller mög­li­chen Ver­samm­lun­gen, mit­tels einer Per­sön­li­chen Un­ter­re­dung (PU wurde das mehr oder we­ni­ger scherz­haft ge­nannt) durch einen der Ge­mein­de­äl­tes­ten. Dass ich mich schon mehr an­stren­gen müss­te und mich end­lich ,,für die Ge­mein­de“ ent­schei­den müss­te. Das von einem Men­schen, der mich nicht kann­te, mich nicht­mal ge­grüßt hatte bis­her.
Es war auch mit 16, wo meine De­pres­sio­nen an­fin­gen, schlimm zu wer­den. In den Schü­ler- und Ju­gend­ver­samm­lun­gen saß ich außen, meine Trau­rig­keit schreck­te die Men­schen ab, nie­mand be­merk­te es, wenn ich mit­ten unter ihnen zu wei­nen an­fing und ihre Freu­de, ihre Aus­ge­las­sen­heit und die Tat­sa­che, dass sie eine größ­ten­teils ho­mo­ge­ne Grup­pe waren, mach­ten es mir noch schwe­rer. Hin und wie­der weg­zu­blei­ben wäre aber keine Lö­sung ge­we­sen, denn dann hätte ich noch mehr an Ver­trau­en ver­lo­ren, an christ­li­cher Credi­bi­li­ty. „Zu­hau­se“ er­war­te­te mich dann mein Heim, wo ich schon etwas län­ger zu einer Au­ßen­sei­te­rin ge­wor­den bin, die mit den meis­ten an­de­ren Kin­dern nicht klark­am.

Es war viel­leicht in mei­nem fünf­ten oder sechs­ten Jahr in der Ge­mein­de, wo ich durch ein ein­zi­ges Mäd­chen, das neu war, in die Ge­mein­schaft in­te­griert wurde, ein­fach nur da­durch, dass sie mich wahr­nahm, mit mir re­de­te, sich mit mir an­freun­de­te. Ich weiß nicht, ob ich als ein­zi­ge Tür­kin und Heim­so­zia­li­sier­te eine Art Ali­en-Tat­too auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die an­de­ren mich jah­re­lang igno­rier­ten. Aber sie sah mich und sie brach­te mich hin­ein. Meine ,,Glau­ben­s­kar­rie­re“ be­gann, ich bekam viele Freun­de und be­gann bald zu denen zu ge­hö­ren, die oft ,,Zeug­nis­se“ in der Ver­samm­lung gaben (Be­rich­te über Er­leb­nis­se mit Gott oder Ge­bets­er­hö­run­gen, Bi­bel­ver­se, die eine be­rüh­ren). Ich lern­te nun viel schnel­ler die gan­zen Codes, in­ter­na­li­sier­te sie, lern­te mich aus­zu­drü­cken, wie es auch die gan­zen ,,su­per­geist­li­chen“ Ge­schwis­ter taten.

In der Zwi­schen­zeit ver­lor ich auf­grund von Geld­man­gel meine Woh­nung, aus der dar­auf­fol­gen­den WG wur­den ich und ein Mit­be­woh­ner von dem in­säs­si­gen Pär­chen her­aus­ge­ekelt, ich droh­te auf der Stra­ße zu lan­den. Es gab eine PU mit allen Ge­mein­de­äl­tes­ten. Ich werde das nie ver­ges­sen. In einer Ge­mein­de, die ein Ge­mein­de­haus vol­ler Bet­ten be­sitzt und in der es viele Men­schen aus der Mit­tel­schicht gibt mit ei­ge­nen Häu­sern und Gäs­te­zim­mern, ich werde nie ver­ges­sen, dass mir ge­sagt wurde, es gäbe kei­nen Platz für mich. Und ich werde nie ver­ges­sen, dass dann das Wort ,,Ob­dach­lo­sen­heim“ aus­ge­spro­chen wurde und dass nicht ein Ge­mein­de­äl­tes­ter da­ge­gen pro­tes­tier­te, son­dern erst nach einer gan­zen Weile eine äl­te­re Frau, die da­bei­saß und das nicht mit­an­hö­ren konn­te.

Und wie immer, wenn etwas Schlim­mes in mei­nem Leben ge­sche­hen ist, konn­te ich es an­fangs noch nicht be­grei­fen und war oft­mals noch dank­bar für das We­ni­ge, was ich be­kom­men konn­te. Es wurde eine an­de­re Lö­sung für meine Lage ge­fun­den; ich, der­weil ab­ge­ma­gert, weil ich in der schwie­ri­gen Zeit nicht­mal mehr Geld für Essen ge­habt hatte, freu­te mich ein­fach nur wie­der daran, Essen zu haben und satt zu wer­den und Men­schen um mich zu haben, die mich an­lä­cheln. Ich war so re­du­ziert in all mei­nen Be­dürf­nis­sen, dass es nicht­mal weht­at, als die Men­schen mir Kom­pli­men­te mach­ten, weil ich zehn Kilo ab­ge­nom­men hatte. Sogar meine De­pres­sio­nen ver­schwan­den, es war, als hätte mein Kör­per den Not­schal­ter um­ge­legt.

Was ich fühl­te, war Dank­bar­keit und ich drück­te diese aus, indem ich mich noch enger an die Ge­mein­de band und mich noch mehr an­streng­te. In den nächs­ten drei vier Jah­ren würde ich die schöns­te Zeit er­le­ben, die Zeit, in der ich wirk­lich an­ge­kom­men war in­mit­ten der an­de­ren. Ich konn­te Frie­den ma­chen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich be­herr­schen, mich er­freu­en, jede Mi­nu­te war mei­nem Glau­ben ge­wid­met. Ich flog auf der Welle des sym­bo­li­schen Reich­tums, der sich mir er­öff­ne­te, ich fand Mit­tel und Wege, meine Schmer­zen in Ka­nä­le zu lei­ten, um sie zu er­leich­tern, ich fand neue Freu­de. Ich rich­te­te meine Zu­kunft­wün­sche auf ein Leben in der Ge­mein­de aus, auf einen Part­ner, den ich hier tref­fen würde, hei­ra­ten, um ge­mein­sam ein Boll­werk für die an­de­ren Men­schen zu sein. Ich ver­lieb­te mich stän­dig neu in ,,Brü­der“, ich ver­lieb­te mich lange, ver­stärkt durch den Ge­schlech­ter­se­pa­ra­tis­mus und die ri­gi­den Re­geln er­fuhr ich üb­ri­gens nie, ob diese Ge­füh­le er­wi­dert wur­den.

Aber es gab auch die an­de­re Seite. Ab 16, 17 be­gan­nen mich schlim­me Träu­me in der Nacht zu quä­len. Ich weiß nicht, ob das die Art meines Kör­pers war, mit dem düsteren Sym­bo­lis­mus in der Bibel um­zu­ge­hen und wie dieser Symbolismus in meiner Gemeinde zelebriert wurde. Ich träum­te davon, von Dämonen be­ses­sen zu sein, Träu­me die sich fort­setz­ten, eine Ge­schich­te ent­wi­ckel­ten. Es waren nicht ein­fach Alp­träu­me. Es be­gann freund­lich mit so ner Art Ge­fühl, aus dem Kör­per zu schwe­ben, es war ein Glücks­ge­fühl, das schöns­te und ir­ri­tie­rends­te, was ich wohl je ge­fühlt habe. Doch ir­gend­wann wen­de­te sich das Blatt, und das Un­be­kann­te be­gann mich zu quä­len. Es fuhr in mich, be­setz­te mich, riss an mei­nem Kör­per herum wie an einer Mario­net­te; ich werde den Hor­ror nie­mals ver­ges­sen, nie­mals die Angst. Nie­mals das Ge­fühl, wie real es sich an­fühl­te und wie wach ich es er­leb­te. Vom un­be­kann­ten Sche­men in den An­fangs­träu­men an ge­wann es an Form, bis es Ge­sich­ter bekam, die Ge­sich­ter und Kör­per von Frau­en.

Ich ver­lieb­te mich in eine Frau. Es war Ende De­zember 2006; ich be­such­te ein Essen in der Halle, vol­ler Vor­freu­de über einen jah­re­lan­gen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein biss­chen Katz und Maus spie­len fand ich reiz­voll, also ging ich den Men­schen­grup­pen aus dem Weg, und fand eine Be­kann­te von mir im Ess­zim­mer sit­zen. Sie war nicht al­lein; sie saß da mit einem Mäd­chen das ich bis­her nur ent­fernt kann­te. Ich be­grüß­te sie, small­talk­te. Wäh­rend dem Reden wurde ich mir be­wusst, was für ein of­fe­nes Ge­sicht sie hatte, jun­gen­haft, an­dro­gyn, mit wil­den blon­den Lo­cken. Sie be­ein­druck­te mich. Ich ging nach Hause und die zuvor star­ke Fi­xiert­heit auf den Typen war wie weg­ge­bla­sen, ich hatte ihn sogar ver­ges­sen. Ich war glück­lich und wuss­te nicht wieso. Und erst ein paar Tage spä­ter würde ich rea­li­sie­ren, was da ge­ra­de pas­siert war. Und es würde mich um­wer­fen und nicht los­las­sen, und das in einer Zeit, in der ich end­lich in der Ge­mein­schaft an­ge­kom­men war. Und es würde dazu bei­tra­gen, die Ge­mein­de zu hin­ter­fra­gen, aber bis mir das mög­lich war, würde es mich sogar noch stär­ker an sie bin­den, im Glau­ben, durch Hin­ga­be Ab­so­lu­ti­on zu er­fah­ren.

Zu der Freun­din, die zu mei­ner In­te­gra­ti­on maß­geblich bei­ge­tra­gen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Ge­mein­de­le­ben auf­ge­op­fert, die per­fek­te Schwes­ter, mit immer vol­lem Gäs­te­tisch zu­hau­se, vol­ler Dienst­bar­keit an­de­ren Men­schen ge­gen­über; immer ver­nach­läs­sigt, was sie sel­ber wünsch­te. Es war kein Wun­der, dass sie un­glück­lich wurde. Sie freun­de­te sich mit einem Mann an, der neu in der Ge­mein­de war. Was dann be­gann, war Ruf­mord an ihr, Ge­schich­ten, die ru­mer­zählt wur­den und sie ver­leum­de­ten. Aber nicht nur dass die Ge­schich­ten er­fun­den waren, war wich­tig, son­dern dass diese sich um Sex dreh­ten, um Sex, den eine er­wach­se­ne Frau hatte oder nicht hatte. Ich be­griff erst spät was los war, und sie pack­te schon ihre Kof­fer, als ich es in sei­ner gan­zen Kon­se­quenz rea­li­sier­te. Ich war wie er­starrt, ich bat sie zu blei­ben und ich wuss­te doch, was ihr da an­ge­tan wor­den war.

Diese Dinge sind alle ge­sche­hen und sind erst nach und nach in mei­nem Be­wusst­sein zu Er­leb­nis­sen an­ge­reift, die mich aus­ein­an­der­ris­sen. Am An­fang stand da die­ser Wunsch, da­zu­zu­ge­hö­ren, ein­fach nur Teil des­sen zu sein. Wie groß er ge­we­sen sein muss­te und wie­viel Schö­nes auch pas­siert ist, dass ich das Ne­ga­ti­ve manch­mal sogar ver­gaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl ge­fehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlim­men Er­leb­nis­se ihre de­struk­ti­ve Kraft nur lang­sam ent­fal­ten konn­ten. Ich bin ver­ant­wort­lich dafür, in was ich mich da ge­bracht habe, ver­ant­wort­lich dafür, nicht frü­her nein ge­sagt zu haben, ver­ant­wort­lich für das, was ich durch mein Schwei­gen ak­zep­tiert habe. Teil einer so­zia­len Dy­na­mik, die Men­schen re­ak­tio­nä­ren Bil­dern über Mensch­lich­keit und Liebe und Leben und Ge­sell­schaft un­ter­wirft, sie dar­auf trimmt, ihre ,,frohe Bot­schaft“ auf der Welt zu ver­brei­ten, mit dem Be­kennt­nis nicht zu­frie­den ist, son­dern auch die Her­zen, die Ge­dan­ken, die In­stink­te zu be­set­zen und zu be­herr­schen an­strebt; jeden Zen­ti­me­ter Mensch, der zur Ver­fü­gung steht.

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