Schlagwort-Archiv: Katrin Rönicke

Die linke Presse entdeckt die Mädchenmannschaft

Eigentlich sollten wir uns freuen: Die linke Printpresse berichtet über Frauenbewegungs-/feministische Konflikte! Die Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen, praktischen, sozialen und politischen Fragen aus Perspektive der unterschiedlichen feministischen Strömungen ist eine sehr reiche, welche jedoch leider kaum Beachtung findet. Doch das diese kaum Beachtung der renommierten (linken) Presse findet hat System und es hat auch System, wenn diese plötzlich Aufmerksamkeit erlangt.

Prinzipiell sind die verschiedenen links-verorteten Bewegungen im beständigen Richtungsstreit. Irgendeine Gruppe redet immer mit irgendeiner anderen Gruppe der scheinbar gleichen Bewegung nicht, immer gibt es Vorfälle, die zu größeren Auseinandersetzungen führen. Meist ist es so, dass die Obrigkeit (welche auch immer) nicht ein Auge darauf werden soll, weshalb nicht berichtet wird. Doch gerade im anti-istischen Bereich gilt diese Annahme selten. Vielmehr ist hier die Frage, ob die jeweiligen anti-istischen Bewegungen in ihrem Streit gerade zweckdienlich zum „Wohle“ der anderen linken Aktionsfelder instrumentalisiert werden können.

Jungle World und taz berichten zurzeit über einen Richtungsstreit der Mädchenmannschaft. Die Mädchenmannschaft, als wichtigster feministischer Blog im deutschsprachigen Raum, hat jede Aufmerksamkeit seitens der feministisch-positionierten Menschen verdient. Schließlich wird sie es sein, die in den feministischen Geschichtsbüchern genauso stehen wird wie die Emma. So wird die Mädchenmannschaft auch beständiger Kritik seitens der verschiedenen feministischen Strömungen und Aktivist_innen ausgesetzt. Das ist wichtig, denn wie die Mädchenmannschaft sich positioniert, wird später als die dominante Strömung der feministischen Blogosphäre ausgelegt werden. Quasi zwangsläufig wird ein Richtungsstreit innerhalb der feministischen Blogosphäre anhand der Mädchenmannschaft eskalieren. Der Umgang mit dieser Eskalation als Ausdruck eines bestehenden Konflikts ist die politische Pflicht der Mädchenmannschaft, da sie der meistgelesene feministische Blog sind. Es gibt daraus kein Entrinnen, auch wenn diese vielleicht damit unglücklich sind.

Diese Eskalationen können in verschiedenen Bewegungen nachgelesen werden, eben immer auch anhand der wichtigen Gruppen. So eskaliert beispielsweise die Auseinandersetzung mit verschiedenen –ismen innerhalb der Lesbenbewegung regelmäßig anhand des Lesbenfrühlingstreffen (siehe beispielsweise “In Bewegung bleiben”). Alice Schwarzers Rassismus ist wichtiger, als der jeder anderer Feministin, aufgrund ihrer gesellschaftlichen Präsenz. Und wenn Luise F. Pusch einen cissexistischen Sprachgebrauch befürwortet, brennt der Richtungsstreit der anti-istischen Linguistik. Doch keine dieser Beispiele schaffte es, in der linken Printpresse derartig rezensiert zu werden. Was also ist jetzt anders?

Angeblich geht es um einen Richtungswechsel bei der Mädchenmannschaft, welcher durch die rassistischen Vorfälle auf der Geburtstagsparty zum 5-jährigen Jubiläum notwendig  wurde. Richtungswechsel gab es jedoch bereits vorher. Als beispielsweise Anfang 2011 die „Frau-Lila-Spaltung“ erfolgte, wurden die Artikel bei der Mädchenmannschaft deutlich diverser, so schienen Themen aus dem Homo-Bereich dominanter zu werden. Das jedoch war kein Grund für eine derartige Berichterstattung. Jetzt also kam es zu Redaktionsveränderungen aufgrund des erwähnten aktuellen Vorfalls. Nicht besonderer, als sonst. Doch liegt der Fall insofern anders, als die linke Presse ihre Rassismus-Diskussion (dominant geworden nach dem No-border-camp) mit Feminismus vermengen kann. Yay , der antisexistische Kampf wird verhindert durch den „falschen“ antirassistischen Kampf! Da lohnt es sich doch mal, möglichst tendenziös den Finger in die Wunde zu legen. Es macht dabei keinen Unterschied, dass die verbleibende Redaktion  sich der berichtenden Printpresse verweigert. Hätte die Printpresse tatsächlich Interesse, könnte sie genauso erraten warum, wie ich:

  1. Die Printpresse zeigt kein Interesse an der tatsächlichen Auseinandersetzung mit aktuellen feministischen Richtungstreitigkeiten, sondern will nur etwas zum ausspielen für die eigene Heiligsprechung der ihnen näheren Aktionsfelder.
  2. Es gibt keinen Weg der Äußerung innerhalb der Positionierung der verbleibenden Redaktion: Meredith Haaf und Susanne Klingner (übrigens genau wie bei Katrin Rönicke) profitieren durch ihre „Skandalaufdeckungen“ mittels der Alice-Schwarzer-Methode.  Sexismus gegen weiße Frauen wird für wichtiger erklärt, als Rassismus. So wird eine_r Bildzeitungs-anschlussfähig. Steigern können sie das nur noch, wenn sie sich alle samt mit Sarrazin an einen Tisch setzen. (Mehr dazu bei Noah Sow)

Innerhalb dieses Gefüges kann die aktuelle Mädchenmannschaft sich nicht äußern. Es gibt keinen Grund für eine Kooperation mit der Printpresse, weder aus Machtkalkül noch aus der Annahme heraus, es gäbe eine neutralere Berichterstattung. Das könnten taz und Jungle World wissen: Ist doch der Tomatenwurf aus einer ähnlichen Instrumentalisierungsgeschichte entstanden.

Linksammlung zur Rassismus/Criticial Whiteness-Debatte (danke an kiturak für die Zusammenstellung):

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/10/linke-presse-entdeckt-maedchenmannschaft/

Keine falsche Scham

Bild eingescannt aus “Vulva”. Foto einer Sheela-na-gig, Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an einer Kirche in England.

„(…) »Zwischen den Beinen«, da war etwas Widerliches, zu widerlich um es auch nur auszusprechen. Dann kam der Biologieunterricht. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hießen: Scham (aha!) – mit folgenden Schamteilen:  Schamhaar, Schamhügel, große Schamlippen, kleine Schamlippen. Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf. (…) Der nächste Lernschritt war, daß das Besitzen einer »Scham« fast automatisch die »Schande« nach sich zog.“ Luise F. Pusch „Scham und Schande“ in „Das Deutsche als Männersprache“, 1984.

Es gibt Gründe, warum ich als Feministin mit dem Begriff „Scham“ vorsichtig umgehe. Wie  Pusch es so schön auf den Punkt brachte: Für Frauen* fängt die Scham erst richtig an, wenn sie bei Männern* schon aufhört. (Hier geht’s zumindest auf einer Bedeutungsebene, anders als im Pusch-Zitat, tatsächlich um Gender und nicht um cissexistische Bio-Zuschreibungen.) Im Hexengeflüster 2 (1987) wird weiterhin notiert: „Uns fiel auf, daß das Wort Scham bei der Bezeichnung unserer Geschlechtsorgane ein Ausdruck ist, der zeigt, wie stark die weibliche Sexualität negiert und tabuisiert wird“. (S. 88) Mithu M. Sanyal argumentiert in ihrem Buch (2009) „Vulva.  Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ unter anderem, dass die Verbannung der Vulva aus dem Vokabular mit der Verdrängung der Frau aus Denken und Öffentlichkeit einherging.

Die Scham ist etwas, für dass sich geschämt werden soll und so ist das Schamgefühl insbesondere für Menschen mit Vulva eine sehr zwiespältige Geschichte, ist doch ihre Scham etwas, dessen sie sich nicht mehr schämen wollen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Scham – als Gefühl oder unpassender Ausdruck für die Vulva – von ihrer negativen Bedeutung befreit werden sollte. Sich für etwas zu schämen ist doch keine Schande und die Scham erst recht nicht. (Aber der Begriff „Schande“ geht aus vielen Gründen auch einfach nicht.)

Katrin Rönicke fühlt sich beschämt, nachdem sie Noah Sow Werk „Deutschland Schwarz Weiss“ gelesen hat. Das kann ich gut verstehen, ist doch die Erkenntnis von rassistischen Strukturen zu profitieren, keine, der eine_r sich rühmen möchte. Aber ist Scham etwas Schlimmes? Warum ist der Artikel mit der Forderung „Du sollst Deine Leser nicht beschämen“ überschrieben?  In einer Formulierung, die daraus quasi ein 11. Gebot macht (Bibel, Altes Testament).

Rönicke führt aus: „Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt.“ Ihr Schamgefühl wird also aus einem Unwohlsein geboren. Historisch sehr interessant, ist doch der Begriff Unwohlsein eine umständliche Bezeichnung für die Menstruation, welche nach Esther Fischer-Hombergers „Aus der Geschichte der Menstruation in ihrem Aspekt als Zeichen eines Fehlers“ (komplett online!) eben die Frau als Mangelwesen offenbart. Unwohlsein ist – falls es noch nicht klar ist – kein Grund für Scham.
Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten. Das ist jedoch mitnichten der Fall, sonst wäre dieses Kapitel der deutschen Geschichte schon abgeschlossen. Ist es schon beschämend, das so zu schreiben? Wäre das wirklich ein Problem? Fakten auf den Tisch zu legen kann beschämend sein, darauf zu verzichten, geht jedoch gar nicht.

Mehr dazu bei:

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/10/keine-falsche-scham/