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Berlin. Eine Körper-Geschichte.

Inhaltswarnung: Beschreibung sexualisierter Gewalt an einer Stellezwei Stellen, auf die ich hervorgehoben nochmal aufmerksam mache. edit: Sowie Beschreibung (anderer) physischer Gewalt.

“… our writings like graffitis on the surface of the moneyed culture at large.”
(Michelle Tea: Without a Net. Via ClaraRosa)

Ich wünschte, ich hätte eine Geschichte, die nicht so starr wäre. Eine Geschichte, die ich im Nachhinein und mit wachsendem Alter immer neu und wie Bilder beim Internetdienst Instagram immer eingetaucht in anderen Farben sehen könnte. Hier und da mich an goldene Momente, an Highlights zurückerinnern könnte wie an funkelndes Spielzeug.

Aber meine Vergangenheit wirkt stattdessen unhandlich und unbeweglich auf mich. Ich habe sie selten erzählt bekommen; zuwenige Menschen, die sie kennen und die wenigen, die ein paar Jahre darunter kennen, verweigern mir oft ihre Perspektive; mit der seltsamen Annahme mich schützen zu müssen. Das Wenige was ich aus der frühen Kindheit weiß, habe ich den Menschen mit harter Arbeit abgezwungen; das andere aus meinem Gedächtnis gekratzt. Und weil ich von früh an lernte, mich mit den Augen anderer zu sehen, wurde ich meine eigene PR-Agentur. Ich erzählte den Menschen eine Geschichte, die okay war zu erzählen. Ich orientierte mich an Daten und Fakten, ich vergaß Gerüche, Bilder, Gesichter.

Vor kurzem war ich in Berlin; auf Konfrontationskurs; mit der Absicht diesen Erinnerungen nachzujagen um ein altes Tagheim wiederzufinden. Ich hatte nichts, nur die Information des Stadtteils; die schwache Erinnerung an ein längliches Haus und einen großen Garten; an eine Hausnummer, die dreistellig sein musste; und einen Straßennamen, den sich mein Gedächtnis vermutlich zurechtgelogen hatte.
So stand ich dann mit einem Menschen, die mich über die Zeit bei sich aufgenommen hatte, irgendwann am Abend an einer Straße; und die Straße endete im Nirgendwo; und die Hausnummer die ich zuvor noch bei GoogleMaps eingegeben hatte und dort sichtbar gewesen war, schien es nie gegeben zu haben.

Aber es hatte andere Momente gegeben. In Wedding in irgendeinem Treppenhaus – ein Geruch von früher, schlagartig erwachten meine Sinne, meine Knie wurden weich. Was da in einem Gehirn abgehen kann, in was da eine zurückgeworfen wird; ich stand und konzentrierte mich und genoss es, einen Erinnerungsfaden einzufangen und ihn wieder gehen lassen zu müssen. Später holten wir ein Kleinkind von der Krippe ab; der kleine Laden war süß, die Kinder purzelten mit durch Windeln vergrößerte Hinterteilen durch die Gegend, eine kam und legte mir mehrere Sachen in die Hand. Ein anderer erwartete seine Mutter und weinte und weinte und weinte. Ich saß da; und die Atmosphäre der Straße, die durch die hohen Schaufenster hineinwirkte und das heulende Kind, das wirkte, und plötzlich sah ich es wieder: keine eindeutigen Eindrücke, sondern ein verwehtes Bild einer Kindheit; auferstanden um mich herum, für wenige Sekunden.

Ich war mit vier oder fünf Jahren in Berlin. Meine Großeltern packten uns eines Nachts ein und fuhren meinen Bruder und mich zu meinem Vater; von Stuttgart nach Berlin. Türkische Konvention hatte anscheinend mal beschlossen, ein Mann dürfe nicht die Kinder eines anderen Mannes erziehen. Also musste/sollte/wollte meine Mutter ihre Kinder gefälligst in freundliche Hände abgeben.

Seriously, Mum? What were you thinking?

Ich hatte zuvor gedacht, mein Opa wäre mein Vater, der lediglich eben gerne das Bett mit meiner Oma teilt. Und als sie mir sagten: Dein Vater ist woanders und vllt besucht ihr ihn ja bald!!11 da dachte ich an einen abgedunkelten Raum mit einer Kerze, über die wir uns beugen damit ich das Gesicht meines Vaters besser erkenne. Ich weiß nicht, wieso ich mich an dieses Bild immer noch so gut erinnere. Mein Vater war ein Nichts; deshalb versuchte ich mir krampfhaft ein Gesicht vorzustellen. Aber jede Vorstellung entglitt mir.

Ich wachte im Auto auf; sie hatten uns in Schlafanzügen mitgenommen, wechselten nun unsere Kleidung; ich trug ein weißes Kleid mit rostroten Blüten auf Altrosa. Hin und wieder hielten sie an, um die Gebetsteppiche auszurollen. Sie setzten uns vor der Tür unseres Vaters ab. Die Putzfrau brachte uns hoch. Dort aus der Wohnung kam ein strahlender Mann heraus mt einem Schnurrbart, der sagte: ,,Meine Kinder sind da, meine Kinder sind da!”

Das Leben in Stuttgart hatte sich innerhalb eines großen Familienverbands abgespielt. Schon allein in der 5-Zimmer-Wohnung meiner Großeltern wohnten viele Menschen, große und kleine, alte und junge, und es gab immer Besuch. Ich war nie alleine, meine Tanten liebten mich, mein Opa liebte mich, vor einem Onkel rannten wir regelmäßig schreiend weg, wenn er zu Besuch kam, weil seine Wangenkniffe Ausschlag verursachten. Wir lebten in den Hochhäusern; und wenn wir rausgingen, war da schon immer ein Haufen Kinder, mit denen wir dann durch die Gegend rannten. Wir hatten bereits unsere eigenen hochkomplexen sozialen Netzwerke und die Währung bestand aus Selbstbewusstsein und Tratsch.

In Berlin: Ein weiteres Hochhaus, doch alles fiel zurück auf diese Kernfamilie: Mein Vater, seine Frau, ihre zwei Kinder. Wände. Mein Vater, eine Mischung aus Humor, Sentimentalität und Aggressivität. Selbstbewusstsein half nicht mehr; noch wurden wir von unserem Vater betüttelt; später würde das der genervten Langeweile weichen. Nach klassisch märchenhaften Prinzip bekamen mein Bruder und ich bald für alles die Schuld was unser kleiner Halbbruder anrichtete. [Hier folgt eine Darstellung sexualisierter Gewalt . . . ] Ein Cousin, der uns zeigte, wie er sich auf einer Matratze selbstbefriedigte. Unnütze Sachen, die uns gekauft wurden, wie Tische und Stühle für ein Puppenhaus, ohne Puppen, ohne Haus. Mein kleiner Halbbruder, der nur ,,heiß” sagen konnte und das oft und gerne. Meine Stiefmutter, die ihren Freundinnen die Haare blond färbte und ihnen erzählte, dass hier da und da eine grüne Stelle sei. Irgendwann rasierten mein Vater und sie sich ganz die Haare ab. Ich weiß, dass sie schön war, meine Stiefmutter, bis heute erinnere ich mich an ihre schönen Wangenknochen.
Dann dieses Tagheim. Kannst du dir vorstellen wie eine Art Kindertagesstätte, wo arbeitende Elternteile ihre Kinder hinbringen konnten und die durchaus auch dort übernachten konnten, für ein, zwei, mehrere Tage. Meine erste Erinnerung an ein Jugendamt. In der Wohnung gab es immer öfter Streit wegen Geld; meine Stiefmutter war überfordert mit uns zusätzlichen Kindern. Mein Vater wurde gewalttätig. Ich erinnere mich an eine Drohung, die er ausstieß: Wenn ich wieder ins Bett einnässen würde, würde er mir mit einem glühenden Eisen den Hintern versohlen. Ich erinnere mich nicht an Schläge. Mein Bruder erzählte mir, dass mein Vater mich oft geschlagen hätte. Ich glaubte ihm nicht. Jahre Später sah ich in einer Akte ein Arztschreiben. Da ging es wohl um eine tiefe Wunde an der Stirn, die mein Vater bei mir verursacht hat. Ich wäre dann mit hohem Fieber ins Krankenhaus gebracht worden. Danach ging ich der Akte nach im Tagheim nicht mehr mit, als mein Vater uns zum Wochenende mitnehmen wollte.

Irgendwann kam unser Vater nicht mehr. Was da alles lief im Hintergrund würde ich erst ein Jahrzehnt später nachvollziehen können. Wir blieben in dem Tagheim. Mein Bruder und ich entwickelten recht bald große Unabhängigkeit voneinander; er hatte seine Freundeskreise, ich meine. Ich für meinen Teil vergaß meine Familie erstmal. Der Tagesrhythmus des Hauses wurde zu meiner Struktur; der quälend lange Mittagsschlaf, zu dem wir verordnet wurden; mein Neid auf die, die schon in die Schule gehen konnten und deshalb in der Mittagspause Hausaufgaben machen durften im Wohnzimmer. Ich brachte mir selber Lesen und Schreiben bei; erforschte Sexualkundebücher. Wir liebten Michael Jackson und seinen Moonwalk; tanzten ihn mit nackten Oberkörpern, wir befummelten einander wie es sich gehörte, überhaupt drehte sich vieles um Lust. Manche Freundschaften ergaben sich, unerklärlich wie so oft; andere waren Allianzen, die strategisch durchgeplant waren, zum Beispiel um sich gegen die älteren Kinder zu wehren.

[edit: Ab hier die Darstellung sexualisierter Gewalt; Absatz kann übersprungen werden!]

Es gab ein Mädchen über das sich alle lustig machten, weil sie alle paar Minuten aufs Klo musste und dadurch jedes Spiel verdarb. Ich erinnere mich, wie ein etwas älterer Junge ihr beim Campen irgendwann des Nachts während sie schlief seinen Pimmel in den Mund gestopft hat. Bis heute steht diese Erinnerung ziemlich isoliert in meinem Kopf. Es war ganz klar ein Akt der Macht gewesen und für mich velleicht nie so spürbar wie in diesem Alter, wo ja fast nichts mehr hervortrat als die Verfügbarkeit und Kontrolle unserer Körper durch die älterer, stärkerer Menschen. Die Verfügbarkeit machte den Ekel größer; ich dachte tatsächlich, er würde in ihren Mund pinkeln, weil er keine Lust hatte, draußen zu pinkeln.

[Hier ists auch schon wieder vorbei :) ]

Unsere Betreuer*innen, an die ich mich erinnern konnte … Wolfgang, Gisela, Dirk? Gisela war eine recht alte Frau gewesen, die mich immer mit zum Bäcker genommen hatte, wo ich regelmäßig ein Brötchen geschenkt bekam. Sie erzählte oft Lügen der Pädagogik wegen; und ich weiß, dass mich bei ihr dieses Mitleid ritt, dass mir schon in meiner Familie für alte Frauen eingeimpft worden war. Einmal hatte ich ihr absagen müssen, weil ich nicht mit ihr zum Bäcker gehen wollte und erinnerte mich sehr gut an die Schuldgefühle, die mich da heiß überfielen.

Mit den männlichen Betreuern hatte ich seit jeher meine Probleme. Ich erinnere mich noch, dass es mir unangenehm war, als unsere Prinzessin einmal liebevoll im Schnurrbart von Wolfgang gespielt hatte. Überhaupt diese Prinzessin … innerhalb der Machtspielchen die es damals unter den Kids gab, war das Ausspielen des “gelungeren” Mädchen-Seins der mich am meisten überfordernde Kniff. Ich sah schon damals wie perfekt die Inszenierung dessen war: diese zarten hellhäutigen blonden Mädchen mit den großen blauen Augen, die einfach nur durch ihre Präsenz Menschen überzeugten. Sie erzählten mir auch eine Geschichte dessen, was ich nicht war. Seit damals hatte ich nie verlernt zu sehen: wahrzunehmen: die gerade Haltung meines Gegenübers, wie der Schal saß; die sauberen Formulierungen, das Räuspern; bis heute kann ich menschliche Inszenierung nie ignorieren; selbst in jeder noch so banalen Busfahrt prägt sich mir das Auftreten meines Gegenüber ein. Am stärksten aber das von anderen Frauen*.

Berlin, das war damals dieses Tagheim und das eine Hochhaus und der Laden um die Ecke, wo es türkischen Honig gab. Berlin, das war schon damals Schimpfen über einen Flughafen. Das Tobezimmer mit den riesigen Plüschtieren. Mein Schlafzimmer und das häufige Kranksein. Die Entwicklung unserer Zähne; manchmal war nichts faszinierender. Und viele viele Kinder, viele große und kleine Geschehnisse, erste Enttäuschungen, Mohnbrötchen, Sandmännchen. Und Mineralwasser. Ernsthaft.

Kurz bevor wir wegzogen, lernte ich Annika kennen. Sie war ein Mädchen in meinem Alter, blond wie die Prinzessin aber überraschend nett und vielleicht war sie meine erste gute Freundin. Sie schien mich bedingungslos zu mögen und einfach nur gerne Zeit mit mir zu verbringen. Ich durfte bei ihr übernachten und wir hatten viel Spaß miteinander. Und dann war das auch schon wieder vorbei und mein Bruder und ich saßen im Auto; unterwegs zu einem anderen Ort, zu einem anderen Heim. Weil irgendwelche Menschen in Büros das so beschlossen hatten.

Berlin. Zurück im Heute. Als ich letztens dort aus der Bahn stieg nach einer langen Fahrt, und mich erstmal müde verlief, da überraschte mich, wie angenehm alles war. Die Häuser und die Straßen, die ich sah, die vielen türkisch- und arabischsprechenden Menschen um mich her; die Häuserwände bunt wie damals schon; der freundliche Schmutz. Ich fühlte mich zuhause. Ich verirrte mich, aber das war okay. Ich hätte stundenlang weiter durch diese Straßen irren und ihren Geruch und ihre Atmosphäre auf mich einwirken lassen können. Es ist schön, dieses Gefühl, dass manche Erinnerungen zwar nicht in Worte gefasst werden können, aber vom Körper gelebt werden. Und gerade dieses Nichtfassenkönnen, Nichteinteilenkönnen solcher Erinnerungen; gerade das, was flüchtet, sobald ich danach greife, dieses Sprachlose; das, was eingewirkt in unseren Körpern weiterhin unsere Geschichte erzählt; ich möchte dies wieder wahrnehmen lernen. Ich möchte lernen, mich dem Einteilen zu verweigern, mich der Datierung zu entziehen. Lernen, das was Körper-Geschichte ist – : nicht mehr zu hören durch Erzählungen allein, sondern auch zu schmecken, zu riechen, zu fühlen.
Meine ganz eigene Geschichte.

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Wenn Menschen Menschen sind – Adultismus

Zusammenhängend-lose Gedanken zu Adultismus von einer Nicht-negativ-Betroffenen, die die Übergriffigkeit dessen nicht so ganz klar in den Artikel kriegt.

Einleitung

Wir leben in einer Gesellschaft, in der auch nach dem Geburtstag berechnet wird, welche Rechte Menschen haben und wie sie behandelt werden sollen/dürfen. Erstaunlicherweise ;-) hat das Auswirkungen, die sich besonders gern bei Menschen zeigen, die mit nicht-gleichaltrigen Menschen zu tun haben, z.B. Elter_n (der Unterstrich markiert hier das Singular vom Plural, heißt es geht mir nicht um die Paarkonstellation, die Biologie usw..) oder Pfleger_innen. Das heißt nicht, dass der Rest der Welt nicht die gleichen Gedankengänge pflegt, sondern nur, dass sie seltener die Gelegenheit haben, diese zu performen.

Wie immer wenn’s um gruppenbezogene Rechte anhand von sozial-konstruierten Merkmalen geht, ist’s eine Form von Diskriminierung. Adultismus bezeichnet demnach die Diskriminierung von Menschen, die unter 18 bzw. unter 21 Jahre alt sind. Adultismus ist daher scheinbar eine Form von Ageismus, wobei ein deutliches Differenzierungsmerkmal ist, dass von Adultismus-Betroffene niemals durch eine Phase der Mündigkeit gegangen sind und somit niemals in der gesellschaftlichen Position waren, ernst genommen zu werden. Heißt, junge Menschen konnten weder sehen, was auf sie zukommt (da sie reingeboren wurden) noch konnten sie dies im Vorhinein angehen. Während ich mich also jetzt, als 26-Jährige dafür einsetzen kann, auch mit 80 noch ernst genommen zu werden, da ich gesellschaftlich in meinem aktuellen Alter für artikulations- und kritikfähig gehalten werde. Daher macht’s meines Erachtens keinen Sinn, Adultismus Ageismus zuzuordnen.

Ein häufiges Argumentationsmodell gegen Adultismus ist daraus eine Ableismus-Diskussion zu machen. So wird z.B. gegen die Forderung nach Wahlalter 0 eingewendet, dass junge Menschen beeinflussbar(er) sind oder wahlweise nicht selbstständig zur Wahlurne gelangen können (weil sie nicht laufen, schreiben, lesen, etc. können). Diese Einwände sind also auf Ableismus aufgebaut und zeigen, dass adultistisch diskriminierte Menschen häufig auch ableistischer Diskriminierung unterworfen sind. Dies wird gerne unterschlagen, dennoch wird deshalb aus Adultismus keine Form von Ableismus.

Ziemlich offensichtlich ist, dass adultistisch diskiminierte Menschen auch weiteren –ismen ausgesetzt sind, sei es nun Sexismus, Rassismus usw. und wie die intersektionelle Schule lehrt, die Verschränkungen verschiedener –ismen eigene gesellschaftliche Ausprägungen gebiert. Diese weiter auszuarbeiten, ist sicherlich aus vielerlei Gründen zentral, kann ich jedoch fortfolgend nicht leisten.

Adultismus ist also meines Erachtens eine eigene Form von Diskriminierung, die in sich deutliche Zusammenhänge zu Ageismus und Ableismus (ich würde mich zu der These hinreißen lassen, dass jeder –ismus einen starken Anknüpfungspunkt zu Ableismus hat) hat, jedoch eine eigenständige Diskriminierungsform ist.

Warum Eltern gar nicht so wichtig sind

Als Elter_n bezeichne ich fortfolgend Menschen, die bereit waren/sind, eine rechtlich-verpflichtende Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen, die von einem deutlichen Altersunterschied geprägt ist, in welchem die als Elter_n-Bezeichneten die jeweils älteren sind. Die Dauer dieser Beziehung ist dabei nicht vorgeschrieben (zumindest die rechtliche Seite dessen).

In den aktuellen Diskussionen um Adultismus geht es in großem Ausmaß um Elter_n. Ich verstehe schon, warum Elter_n so zentral für die Adultismus-Bekämpfung sind, doch scheinen mir diese nicht Hauptadressat_innen zu sein. Vielmehr sollte es darum gehen, wie die Denkschule gestellt werden kann, in welchem auch Elter_n Menschen als Menschen wahrnehmen können und ebenso als solche wahrgenommen werden.

In der Elter_n-bezogenen Adultismus-Diskussion geht es viel darum, wie die Abhängigkeitsbeziehung gestaltet werden soll. Heißt, wir leben in einem Staat in dem „Minderjährige“ eine verpflichtende Abhängigkeit zu ihren „Erziehungsberechtigten“ haben. Diese Abhängigkeit und die daraus resultierende Probleme werden daraufhin den Elter_n in diesen Diskussionen vorgeworfen, dabei dürfen diese nur die Scheiße austragen, die die gesellschaftliche Situation ihnen vorgibt.  Viele Facetten der Abhängigkeit sind rechtlich vorgeben, heißt Elter_n müssen die Verantwortung für Menschen übernehmen, denen sozial die Eigenverantwortlichkeit abgesprochen wird.

Diese Situation gebiert geradezu missbräuchliche Beziehungen und darüber hinaus, sind Menschen (und somit auch Elter_n) sehr unterschiedlich und schaffen es – flappsig gesagt – überhaupt nur selten zu nicht-missbräuchlichen Beziehungen. Natürlich macht’s die rechtliche und konstitutions-bedingte Abhängigkeit nicht besser. Aber die rechtliche Diskriminerung von „Minderjährigen“ abzuschaffen, ist sicherlich ein wichtiger erster Schritt.

Die konstitutions-bedingte Abhängigkeit

Bei der konstitutions-bedingten Abhängigkeit ist der Zusammenhang zu Ableismus wesentlich, denn auch wenn bei „Minderjährigen“ die konstitutions-bedingte Abhängigkeit zwangsläufig und häufig nicht von Dauer ist, sind die Zuschreibungen zu dieser Konstitution eben im Ableismus verankert.

So können sich Säuglinge unseres Wissens (hier wären dann eher die Religionen gefragt) nicht aussuchen, im welcher sozial-, genetisch und „dispositions“bedingten „Art“ sie erschaffen werden. Sei es die Staatsbürgerschaft, die physische Beschaffenheit oder eben die soziale Klasse, wird mit angeboren und fertig ist’s. Prognosen darüber, was welchem Menschen wohl lieber wäre, sind hahnebüchend und Teil verschiedener –ismen. Das bedeutet im Rückschluss nicht, dass Staatbürgerschaften, die Bewertung physischer Eigenheiten oder sozialen Klassen gute gesellschaftliche Ideen sind.

Fortfolgend ab der Zeugung sind Menschen verschiedenen Abhängigkeiten unterworfen und wie Abhängigkeiten nun mal so sind, sie sind selten fair. Die Frage ist jedoch, was wir daraus machen. Viele der Fragen, die vor allem die körperliche- und erfahrungsbedingte Beschaffenheit von Menschen ausmachen, können somit wunderbar in der Behindertenpolitik entlehnt werden.

„Ja, aber…“ – wenn Menschen Menschen sind

Menschen wie Menschen zu behandeln, ist in der derzeitigen gesellschaftlichen Lage immer eine Herausforderung. Das Denken ist zu sehr geprägt, von den verschiedensten –ismen. Ein paar dieser Herausforderungen/Fehlschlüsse möchte ich hier jedoch beispielhaft thematisieren.

„Aber ich will (m)ein Kind doch davon abhalten, auf die heiße Herdplatte zu fassen/vor ein Auto zu laufen.“
Die Sache ist, dass dieses Bedürfnis nichts mit „Kind“ zu tun hat. Es gibt wohl kaum Menschen, die nicht gerne davon abgehalten werden, sich versehentlich weh zu tun. Wenn’s wiedererwartend doch der Fall sein sollte, spricht nichts gegen den Konflikt. Sich darum zu streiten, was die jeweils andere Person als übergriffig empfindet und die gegenseitigen Bedürfnisse in einer Beziehung abzuwägen, ist ein normaler sozialer Prozess und nicht altersabhängig.

Aber Kinder verstehen doch gar nicht…“
Wiederum, „Kind“ ist hier nicht das zentrale Problem, sondern die soziale Situation. Wenn Verständnis für etwas wesentlich ist, haben wir immer ein gesellschaftliches Problem, verschiedene Menschen haben erfahrungs- oder sonstwas-bedingt verschiedene Weisen und Möglichkeiten etwas zu verstehen. Wie wir damit umgehen, ist die Herausforderung, nicht wie wir Adultismus rechtfertigen.

Altersunterschiede

Aus meiner Zeit als Jugendliche ist mir eine Sache besonders wichtig und erscheint mir ein wesentliches Merkmal von Adultimus zu sein. Es kommt durch folgende Aussage (die ich früher definitiv zu oft gehört habe) – ab und zu begegnet mir das auch heute noch:

„Wenn Du mal in meinem Alter bist…“

Das ist ein argumentatives Knock-Out und zwar weil es bedeutet „Ich nehme Dich nicht ernst, aufgrund einer Eigenschaft, die Du nicht ändern kannst.“
Das besonders perfide daran ist, dass es nicht zu widerlegen ist. Natürlich machen Erfahrungen einen Unterschied und natürlich braucht’s Erfahrungen, um zu sehen, dass Erfahrungen einen Unterschied machen. Gerade junge Menschen haben häufig weniger Erfahrungen als ältere Menschen.
Das ist und kann jedoch kein Grund sein, sie nicht ernst zu nehmen. Die so angegangen Person hat keine Chance die Diskussion weiter zu führen, weshalb ich nach einiger Übungszeit meine älteren Freund_innen immer in etwa folgenden Worten auf die Scheiße aufmerksam gemacht habe.

„Das mag sein. Doch Du bist jetzt und hier mit mir konfrontiert. Möchtest Du mich erst wieder in 10+X Jahren wieder sehen oder glaubst Du, dass unsere soziale Beziehung es wert ist, dass Du mich jetzt ernst nimmst?“

Meiner Erfahrung nach, war dies der einzige Weg ältere Menschen auf den Missstand ihres „Arguments“ hinzuweisen. Jede Form von „witziger“ Entgegnung, wie z.B. „Wenn Du mal noch in meinem Alter wärst…“, führt nicht zum gewünschten Ziel, sondern nur zum Belitteln.

Schlussworte

Die Gedanken zu diesem Text gehen mir seit einiger Zeit im Kopf rum und sind nicht vollständig, manchmal nur unzusammenhängend, häufig pauschalisierend usw. Dennoch will ich sie mit Euch teilen, in der Hoffnung, dass sie besser werden. Achso und in dem Artikel fehlt ein Punkt, den ich noch nicht formuliert kriege…

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