Schlagwort-Archiv: klassismus

Feminism mit Schmerz und Schwarzer

Meine Timeline auf Twitter las sich vorgestern so: Allgemeine Empörung(tm) von Feministinnen*. Auf @radioeins wurde behauptet, es gäbe ja eh nur Alice Schwarzer die in Deutschland wirke und nach ihr keine andere Feministin*.

Die Wut einiger darüber kann ich sehr gut verstehen. Bei anderen ist mein Mitgefühl begrenzt.

Liebe Feministinnen*, die ihr euch unbeachtet fühlt: Kritik an Schwarzer ist bäräh-chtigt, das wissen wir alle. Aber bevor ihr euch vornehmlich an ihr abarbeitet, also an einer, an der das echt ne leichte Aufgabe ist; eine die offen zu Rassismen wie der Forderung nach ,,Assimilation” steht und den Islam als Bedrohung für die Zivilisation darstellt; achtet doch darauf, wo ihr selber daran mitwirkt, andere Menschen innerhalb der Bewegung auszugrenzen und unsichtbar zu machen. Das ist etwas, woran wir alle noch arbeiten müssen. Ich auch. Und das ist auch etwas, was vielen Menschen wehtut. Und nicht nur Schwarzers Variante.

Schwarzer zu kritisieren ist easy. Ich hab das auch schon geschafft. Aber was wir lernen müssen und was schwieriger ist: Sich selber der Kritik stellen. Nicht mit Beißreflexen reagieren. Oder genauso schwierig: Lernen, die eigenen Freund*innen zu kritisieren, wenn sie failen. Denn wir alle haben den Bullshit verinnerlicht.

Stellt euch vor, ich hätte gestern einigen geantwortet, wie mir und anderen Menschen beim Thema Klassismus geantwortet wurde. Ich gehe dabei mal darauf ein, was Nadia v.a. in ihrem Artikel an die taz schrieb und der von vielen gefeiert wurde (und nein, Nadia, ich lasse hier mal nicht los). ,,Die Schwarzer kämpft für euch da draußen, während ihr es hier in eurer Bubble schön kuschlig habt.” Stellt euch vor, ich hätte gesagt auf euer Bemühen hin, Formen von Rassismus sichtbar zu machen: ,,Es gibt ja eh fast nur deutsche Feministinnen* in der feministischen Bewegung.” Das wäre nicht okay gewesen. Ihr wäret zu Recht wütend geworden. Und dann hätte euch noch jemensch gesagt: Sag das bitte netter, sonst provozierst du ja nur, dass ich dir nicht zuhöre. Das hat Antje Schrupp gebracht.

Nein, mensch kann Rassismus und Klassismus nicht gleichsetzen. Muss ich auch nicht. Klassismus IST eine Form von Ausgrenzung und ist für viele unter uns spürbar. Und niemand muss dazu Bourdieu studiert haben, um das zu wissen. Ich weiß, wie emanzipatorisch Bildung sein kann; ich weiß, wie wichtig mir gerade als von Rassismus Betroffene Bildung gewesen ist und noch immer ist. Aber es bleibt dabei: Wichtig ist, nicht stehenzubleiben dabei, sondern diese Form von Ermächtigung zu reflektieren.

Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht.
Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht?

Eine Feministin zitierte vor kurzem Flavia Dzodan von Tiger Beatdown, die schrieb:

,,My feminism will be intersectional or it will be Bullshit. /
Mein Feminismus wird entweder intersektionell sein oder er ist Bullshit.”

Oder Vegans of Color, in deren Blogtitel steht:

,,Because we don’t have the luxury of being single-issue.” /
Sinngemäß etwa: Weil wir nicht den Luxus genießen, uns nur mit einer Form von Diskriminierung beschäftigen zu können.

Wieso schreib ich das alles. Ich habe heute einen Brief von der EMMA bekommen. Vor zwei Monaten oder so habe ich mein Abo gekündigt und den Grund dafür in meiner Mail angegeben: Rassismus.

Die EMMA schreibt:

,,Wir sind sicher, dass Ihnen Ihr Abonnement der Zeitschrift EMMA viel Freude bereitet und wertvolle Informationen vermittelt hat.”

Bullshit.

Ich bin im ,,Frauenkirche”-Verteiler. Gestern gingen antimuslimische Emails rum, die von der ,Mehrheit muslimischer Männer” redeten, die alle ihre Frauen* schlagen. Und dass ja Änderung nur von den “intellektuellen europäischen Zirkeln” ausgehen würde. Ich reagiere und bekomme die Abwehrreaktionen eurozentrischer Elitengläubigkeit. Zitat: ,,Antimuslimischen Rassismus lasse ich mir nicht vorwerfen!” und ,,die Eliten müssen anfangen … Es waren auch die Eliten, die zur Aufklärung geführt haben!” und dass muslimische Frauen in Europa das Glück haben, das ihnen hier Bildung offensteht: ,, (wenn es ihre Eltern zulassen!!!)!”

Und das von Feministinnen*. Wieder und wieder.

Bullshit.

Das alles ist kein Hobby von mir oder anderen. Die letzten Wochen sind voll gewesen mit dieser Scheiße. Ihr regt mich auf.

- – -

Ellenlanges Derailing wird erst gar nicht veröffenlicht.

Crossposted bei Rumbaumeln.

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Klassistisches Push-back

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Klassismus – Sprache – Fachbegriffe – Hartz IV – Sanktionen – Feminismus

Engl. to push back: etwas oder jemanden zurückdrängen

Artikel zu Klassismus zu schreiben, hat einen sonderbaren Effekt: man erfährt von Menschen, die man für völlig fortschrittlich hielt, dass man mal langsamer treten soll (RW=Redewendung). Nicht nur in der Klassismus-Diskussion im deutschen Feminismus, von z.B. Nadia Shehadeh, Antje Schrupp, Nadine Lantzsch oder sanczny (nach unten scrollen für Links), sondern auch unter anderen Artikeln zum Thema. Derartige Kommentare, die sich unter meinen Artikeln gefunden haben, sind zum Teil hier gelandet (Abschnitt “Warum Noten an der Uni ein Hohn sind”).

Was ich mich frage, ist, woher das kommt. Bei der feministischen Debatte wahrscheinlich durch den hohen Anteil an Akademiker*innen und damit akademischer Sprache. Man ist halt dran gewöhnt so zu reden und komplizierte Worte drücken komplizierte Sachverhalte so schön kurz aus. Dass das nur gilt, wenn man mit der Sprache vertraut ist, vergisst man dann schnell. Ich sitz immer noch manchmal vor meinen Texten und entdecke ein weiteres Wort, dass ich vielleicht umformulieren sollte. Ich selbst versteh’ es ja, also verstehen es alle..? Oh nein, Moment. Ein Text wird halt nur für die leichter mit Fachbegriffen, denen deren Bedeutung vertraut ist.

Aber allgemein, warum diese harsche Reaktion auf die Kritik an Klassismus? Warum krieg’ ich so viele “ist halt so”, wenn ich sage, dass Noten keine Lebensrealität widerspiegeln? Dass Noten angeblich gerecht verteilt werden, aber das System überhaupt nicht in der Lage ist, die für die Abgabe geleistete Arbeit zu überblicken? Warum geht es plötzlich um Hochbegabte, wenn ich den Intelligenz-Begriff kritisiere?
Es ist der gleiche Grund, warum Hartz IV-Bezieherinnen* immer noch mit “faul” verbunden werden. Warum Menschen nicht den Bogen von supertollen Bekannten, die zufällig auch Hartz IV beziehen zu “den” Hartz IV-Bezieherinnen* spannen können (RW). Die sind ja anders. Die sind was Besonderes. Aber die echten Hartz-IV-Bezieherinnen*, ganz schlimme Sache das.

Nein.

Ich denke, Klassismus ist die Sache, die immer den anderen passiert.

Die sind anders

Die Leute, die angeblich von unseren Steuergeldern leben, das sind die anderen (was heißt “angeblich”, tun sie. Und ich bin dankbar, dass sie von Steuergeldern leben statt ohne Steuergelder zu sterben, herrgottnochmal). Ich kenn zwar nur tolle und rechtschaffene Hartz IV-Bezieherinnen*, aber irgendwoher muss die B***-Zeitung doch ihre Geschichten haben. Können ja nicht alle erstunken und erlogen sein (HAHAHAHAHAHA *rofl*).
Sind sie aber. Es gibt diese Zwei-Dimensionalen Figuren zum Ausschneiden nicht, mit denen die Sanktionen gerechtfertigt werden. Es gibt nur Menschen, die versuchen in einem Land zu überleben, wo sie Gewalt ausgesetzt sind. Von Behörden, von Mitmenschen, oft mündlicher Gewalt, aber Gewalt. Gewalt, die von ihren eigenen Freundinnen* und ihrer eigenen Familie kommt, denn wir wissen ja, es wär so leicht, einfach “‘nen Job” zu kriegen. Gewalt, die durch unser System bedingt ist, weil Politik und Zeitungen Zwei-Dimensionale Schablonen produzieren, die aber voll total echte Menschen darstellen sollen. Die sind in dieser echten Hängematte und trinken echten Martini. Ham so ‘nen echten Swimming-Pool und so ‘nen richtig echten Benz. Irgendwann glaubt man den Scheiß auch noch.

Ich bin anders

“Die anderen” sind aber nicht nur die bösen Hartz-IV-Bezieherinnen*. “Die anderen” sind auch die, die wirklich von Klassismus betroffen sind. Wenn ich mir noch Essen leisten kann und nur frieren muss, weil die Heizkosten sonst zu hoch werden, geht’s mir doch noch gut, oder? Wenn ich nur einen Nebenjob brauche, um mich selbst über Wasser zu halten (RW), darf ich doch nicht klagen? Wenn ich mir das zweite Getränk beim Ausgehen mit Freundinnen* nicht leisten kann, liegt es sicher nur an schlechtem Geldmanagement? Andere müssen doch sicher auch einen Essensplan aufstellen, um sicherzustellen, dass sie sich genug Nährstoffe leisten können? Wenn ich nur jedes zweite Fachwort eines Textes nicht verstehe, muss ich mich doch nur mehr anstrengen? Oder? Oder???

Lassen wir’s einfach

Wenig Geld ist nichts Neutrales und nichts Okayes in diesem Land. Auf der einen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil sofort Stereotype über arme Menschen auf eine* einprasseln. Auf der anderen Seite will man sich nicht damit identifizieren, weil es so wehleidig, so selbstmitleidig klingt.
Der Zustand ist einfach perfekt! Keine* möchte sich als arm zu erkennen geben, weil es nur noch mehr Schwierigkeiten bedeutet. Mehr Ausgrenzung, mehr Beschimpfung, mehr “Beiß die Zähne zusammen”, mehr “Aber hast du schon mal dran gedacht, dass du Geld sparen könntest, wenn…”. Der Zustand ist wirklich einfach supertoll. Denn so werden wir weiter auf der Stelle treten (RW). So werden unbeachtet mehr Sozialleistungen gekürzt, mehr Leute in die Wohnungslosigkeit getrieben und dann verprügelt, mehr (Wahl-) Familien auf dem niedrigstmöglichen Lebensstandard gehalten, der tatsächliches Überleben überhaupt noch erlaubt.
(Trigger-Warnung: Tod) Und manchmal auch nicht.

*Dieser Text ist wegen der Woche des generischen Femininums und aus Spaß an der Freude im generischen Femininum mit Gender-Sternchen geschrieben.

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Antwort auf “Wo ist eigentlich dieser Elfenbeinturm und in welchem Zimmer wohne ich?” von Nadine Lantzsch

Hinweis: Im Artikel schreibe ich ein rassistisches Wort aus, um es zu erklären.

Ich hab grad diesen neuen Artikel auf Medienelite gelesen und mich geärgert, deshalb blog ich jetzt auch mal was.

Ich nenn gleich mal das größte Problem, das ich damit habe: Dass auf Kritik verwiesen wird, die dann aber nicht zugeordnet oder belegt wird. Das ist ne ganz miese Tour, so macht man sich nämlich unangreifbar: Wer sich angesprochen fühlt, ist eh schuldig. Wer sich nicht angesprochen fühlt, ist eh einverstanden. Ich werd deshalb gleich mal was aufklären, was eigentlich erst später im Artikel steht: Die Person, die sich über den Begriff “epistemische Gewalt” beschwert hat, ist unsere* übertrieben supertolle kiturak! Viele bunte <3 <3 <3 an dieser Stelle! Das kann man alles hier auf Facebook nachlesen.

Dieses hinterhältige Nicht-Zitieren hat noch einen weiteren “Vorteil”: Die Kritiker_innen lassen sich hervorragend weißwaschen. Ich lass das mal so stehen, denn um sinnvoll zu widersprechen, müsste ich ja wissen, wer gemeint ist. Merkt ihr was? Ach, ich helf euch: Genau einen Tag vor Nadine Lantzsch hat die einzigartige Bäumchen einen unfassbar wichtigen Artikel zu Klassismus geschrieben (Lesen! Am besten jetzt, vor dem Quatsch hier! Kommentare auch lesen!). Und da wurde bisher mehr so mäßig bis gar nicht drauf reagiert.
Jedenfalls beschließe ich wegen dieser ganzen Fragezeichen, mich einfach von dem kompletten Artikel angegriffen zu fühlen. Zitate sind fett gedruckt. Viel Spaß, geht los:

Oft lese ich Kritik und gewinne den Eindruck, es ginge nur um die Kritik der Kritik willen …

Unpolitisch und psychologisierend. Sagen sowas nicht immer die Masku-Trolle, die Feminist_innen angreifen? Egal, jetzt kommt das erste Argument:

Es wird Sprache kritisiert, die unverständlich ist, aber es wird nicht eingeordnet, was das für Sprache ist und wo sie herkommt, wie sie sich einbettet in ein bestimmtes Herrschaftswissen (oder eben auch Widerstandswissen), wie dieses Wissen und diese Sprache zustande kommt.

Auch hier bleibt die Kritik, die sich ja erstmal total einleuchtend anhört, virtuell. Weil sie einfach in die Luft geschossen wird, ohne Ziel. Nee, auch nicht, kiturak war ja schon ein ganz eindeutiges Ziel. Dann vielleicht: Ohne dass das Ziel bekannt wäre. Trotzdem, ab hier war ich neugierig – was ist dieses Widerstandswissen? Warum ist es wichtig? Wer hat es, wer kann es bekommen?

Erstmal kommt aber ein kleiner Schwenk ins Grundsätzliche:

Warum sich auf einmal in die Kritik eines Machtverhältnis ein fieser liberalistischer Grundgedanke einschleicht und jeder Hinweis auf die Gefahr der Gleichsetzung von sozialen Positioniertheiten mit “Spiel keine oppression olympics!” vom Tisch gefegt wird.

Den Teil fand ich sehr kryptisch. Da hätte ein konkretes Beispiel bestimmt geholfen, kann ja auch ein erfundenes sein. Liberalismus ist scheiße, Oppression Olympics auch, der Zusammenhang ist mir völlig unklar. Ich sag auch gerne mal was gegen Oppression Olympics, deshalb hätt ich die Stelle gern verstanden – wenns jemand erklären könnte, wär das toll.

Jetzt kommt viel von Lantzschs eigenem Leben und wie sie zu einer antiklassistischen Praxis gefunden hat. Sie kommt dann auf “studierte junge Menschen, vielleicht auch aus studierten Elternhäusern”, die ihr bei Vorträgen wegen ihrer Sprache Klassismus vorwerfen. Ich versuch das ja alles zu entschlüsseln, und ich denke mal, hier geht es definitiv nicht mehr um Leute, die ich kenne oder mit denen ich zu tun habe. Ich kenne offline jedenfalls kaum studierte Menschen, und meine großartigen Mitblogger_innen können auch nicht gemeint sein, weil die keinen “neoliberalem Sprech” draufhaben.

Dann gehts darum, dass Lantzsch das Wissen von der Uni weiterverbreitet, indem sie z.B. bloggt. Hier bin ich auch wieder nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie sieht das Bloggen als antiklassistische Praxis, weil sie damit ja Leuten hilft, die nicht studiert haben. Find ich ziemlich komisch, aber nicht so wichtig, weil:

Auch dann kommt wieder der Klassismusvorwurf um die Ecke, weil ich nicht immer Alltagssprache benutze.

Undankbares Pack! Da gibt man sich sone Mühe, und dann?! Naja, eh nicht: Sie behauptet ja, die Kritiker_innen seien gar nicht von Klassismus betroffen. LOL. “Nicht immer Alltagssprache” ist ne harte Untertreibung. Diesen Artikel von Lantzsch konnt ich ganz gut lesen, andere: Not so much. Alltagssprache sei “rassistisch, sexistisch usw geprägt und dominiert”. Normal, aber deshalb muss man doch nicht rumakademisieren. Krieg ich doch auch hin! Klar, die *ismen muss und musste ich mir abgewöhnen, das war und ist harte Arbeit. Das hat aber nen Scheiß mit dem Sprachniveau zu tun, ich versteh überhaupt nicht, wie man auf sowas kommt. Ich meine, gehts hier um “je niedriger die Klasse desto größer der Rassismus”? Sind Akademiker_innen weniger sexistisch? Ist “Migrationshintergrund” weniger widerlich als das K-Wort? (Das steht für das rassistische Schimpfwort “Kanake”.)

Warum soll ich Wissen von Theoretiker_innen of color umlabeln, umschreiben und umsprechen, so dass es auch jede weiße Person begreift? Warum wird Wissen von Theoretiker_innen of color als “Fremd”wörter fremddefiniert?

Bahnhof. Um welche Wörter gehts hier? Englische Sachen vielleicht? Spaß, es geht natürlich um die fantastische KITURAK! Also, um das oben erwähnte Zitat von Facebook.

Und warum beschweren sich weiße Personen aus Akademikerhaushalten, dass sie auf postkolonial verorteten Konferenzen das Wort “epistemische Gewalt” nicht verstanden haben … Während Wikipedia eigentlich die Antwort auf dem Silbertablett serviert?

Ich will hier nochmal betonen, was für ne unfassbar widerliche Tour das ist, jemanden so anzugreifen, dass nur sie* und ein paar wenige Eingeweihte es verstehen können. Aber zur Kritik: Wenn ich Wikipedia frage, kommt was krass Unverständliches über “Epistemologie”. Das soll ein Silbertablett sein?! Letztens konnte mir jemand “epistemische Gewalt” erklären, es bedeutet sowas wie “Wissensgewalt” oder “Gewalt durch Wissensproduktion”. Weil.. ein Epistel ein Brief ist. (Korrigiert mich bitte, wenn das völliger Quatsch ist.) Ich denke, das soll jetzt ein Beispiel für einen Begriff aus dem Widerstandswissen sein. Er ist ganz klar akademisch, lateinisch, für Außenstehende nicht verständlich. Kein Plan, warum das kein Fremdwort sein soll. Man kann so einen Begriff hinterfragen. Spoiler: Ich bin weder weiß noch akademisch, die Keule zieht also nicht.

Warum wird hier Klassismus gegen Rassismus ausgespielt, während es in der Mehrheit von Rassismus betroffene Menschen sind, die sich mit “ethnischer Unterschichtung”, Sozialchauvinismus und der Bewertung ihrer nationalökonomischen Verwertbarkeit rumschlagen müssen …

AAAAAH anstrengend. Denkt sie denn, die Menschen, für die sie da spricht (Achtung: bei anderen ist das was Schlechtes), verstehen den ganzen Scheiß? Gibts doch nicht. Aber es ist noch nicht vorbei, hier:

Warum wird widerständiges antisexistisches, antirassistisches Wissen zur Angriffsfläche von Klassismuskritik und nicht die sexistischen und rassistischen Wissensproduktionen irgendwelcher weißen Theoretiker … Warum werden nicht vornehmlich linke Theoriemacker bei Seite genommen …

Immer das Gleiche: Nestbeschmutzerin*! Wir müssen zusammenhalten! Du machst unsere schöne Bewegung kaputt! Die da drüben sind viel schlimmer! Das kann man doch echt nicht mehr bringen. Trololol, und woanders müssense hungern.. Aus.

Wichtige Hinweise: Das takeoverbeta-Team haftet nicht für Samia. Das ist übrigens immer so und bei allen, außer bei gemeinsam veröffentlichten Posts wie den Hinterzimmerberichten.
Die üblichen Lantzsch-Haters brauchens gar nicht erst versuchen, ihr seid hier immer schon raus. Sollte uns jemand durchrutschen, weil er_sie sich verstellt, sagt Bescheid, dann fliegt er_sie nachträglich raus.

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Der Diskurs liegt mir einfach im Blut

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Fremdwörter – Ausschluss – Fachsprache – Feminismus – akademisch – Klassismus – Ableismus – erasure

Ich weiß nicht, wie ich diesen Beitrag besser einleiten kann als mit diesem Tweet von @Faye_La_Chatte

Antje Schrupp greift nun auch mal kurz die Kritik an der schwierigen Sprache von feministischen Artikeln auf. Und Antje Schrupp weiß: wer nicht versteht, di:er will nicht.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf eine neue Idee, einen neuen Gedanken wirklich einzulassen (was noch nicht bedeutet, ihm zuzustimmen, sondern erst einmal, ihn wirklich verstehen zu wollen), hängt nicht von den intellektuellen Fähigkeiten ab oder von der Leichtverständlichkeit des Textes, sondern davon, ob man vermutet, darin etwas zu finden, das für die eigene Existenz von Belang ist – oder eben nicht.

Wem ein Problem existenziell wichtig ist, wird sich mit jedem neuen Lösungsvorschlag ernsthaft auseinandersetzen.

Antje Schrupp wiederholt gerne, dass Kritik an schweren Texten eigentlich nur von Leuten kommt, die sich halt nicht mit deren Inhalt auseinandersetzen wollen. Diese beliebte These [normalerweise: wissenschaftliche Behauptung] wurde schon von @thinkpunk und shehadistan geäußert und keine*r scheint sich dran zu stören, dass dem immer wieder widersprochen wird. Zum Beispiel in einem ganzen verfluchten Artikel von kiturak. Kiturak beantwortet sogar die Frage sehr deutlich, wer einfach Sprache (von Naturwissenschaftler*innen) fordert. Seht euch das an:

Antwort – ich tu das.

Unglaublich. Eine Person, die nicht mit einem “Gedankt sei dem Patriarchat.” auf den Lippen aufsteht und weniger ausschließende Sprache fordert. Schauen wir weiter. Oh, guck

Scheint ja irgendwie, als würde Bäumchen in diesem Feminismus-Klub gerne mitmachen. Was haben wir denn sonst noch?

Marlen_e kommentiert unter kituraks Artikel

Ich bin so unglaublich froh über diesen Artikel [...].

Mich hat diese Debatte fertig gemacht, ich fühle mich scheiße, mickrig, exkludiert und verhöhnt. Und Nadias Artikel hat das quasi komplettiert.

Ich kann nicht viel sagen hier, außer, dass ich froh bin, mich in der Debatte das erste Mal [...] NICHT minderwertig, unwissend, gebildet genug und generell defizitär für “den Feminismus” zu fühlen.

Scheint, als hätte die Marlen_e so prinzipiell auch Interesse am Feminismus.

Und guten Tag, darf ich mich vorstellen: Esme ist mein Name. Ich finde Feminismus nicht scheiße. Und ich fordere leichtere Sprache.
Da wären wir also schon ein paar Menschen, die Klassismus ablehnen. Nicht zu reden von Clara Rosa, die sich dem Thema Klassismus auf einem ganzen Blog widmet. Und Feminismus auch nicht scheiße findet.

Warum mache ich diese lächerlich und pingelig anmutende Aufzählung? Weil die ganze Zeit in dieser beschissenen Debatte Erasure betrieben wird. Das heißt, dass Menschen, die von Klassismus betroffen sind/komplizierte Sprache ablehnen, unsichtbar gemacht werden. Dies geschieht völlig unverfroren durch Leute, die sich angeblich gegen Diskriminierung einsetzen. Halt ausschließlich gegen andere Formen, anscheinend. Du wirst einfach ignoriert.
Wenn man doch so gnädig ist, dich zu beachten, wirst du lapidar gefragt, wo dein Klassismus-Betroffenen-Ausweis ist. Ich weiß nicht genau, ob man aktuell nachweisen muss, dass man nicht studiert hat, von unter 200€ lebt oder was auch immer, damit einer* erlaubt wird, sich gegen den ganzen Scheiß auszusprechen.

Kleines Nebengleis (RW=Redewendung): Menschen zu zwingen, die Diskriminierung, von der sie betroffen sind, offenzulegen, ist unsolidarisch. Es kann beschämend sein und führt in jedem Falle dazu, dass negativ Betroffene sich seltener äußern können. Ausgerechnet zu Themen, die sie am krassesten einschränken!
Hinzu kommt eine sonderbare Einstellung, die ich in letzter Zeit öfters gelesen habe. Sie besagt, dass nur Echte Diskriminierte “ihre” Form von Diskriminierung kritisieren dürfen. Ich verstehe dieses Konzept von vorne bis hinten nicht: Betroffene sollen absichtlich allein gelassen werden? Sie sollen dazu gezwungen werden, sich erst zu outen und dann alleine gegen die Ablehnung zu kämpfen, die ihnen entgegenschlägt? Sie sollen alleine, obwohl sie sich in einer angeblich fortschrittlichen Bewegung wie dem Feminismus befinden, ihren Weg freikämpfen? Was ist das für ein furchtbares Konzept?
Dass es nicht in Ordnung ist über andere hinweg zu sprechen, ist mir klar. Aber wenn jede Form von solidarischer Unterstützung als Bevormundung bezeichnet wird, haben wir ein Problem.

Was Antje Schrupp im obigen Zitat tut und durch diesen Zwang zum Outing geschieht, ist Unsichtbarmachen von Klassismus-Betroffenen. Es ist darüber hinaus Victim Blaming. Es ist so unglaublich verdreht, es ist kaum zu begreifen: nicht die Menschen trifft die Schuld, die durch Sprache ausschließen. Die Schuld trifft die Leser*innen, die die Texte einfach nicht genug verstehen wollen. Sonst hätten sie ja keine Probleme. Antje Schrupp gibt in ihrem eigenen Artikel zu, dass ein Teil ihrer Zielgruppe ein Fremdwörterlexikon zücken muss, um sich durch entsprechende Texte zu arbeiten und die Konsequenz, die sie daraus zieht, ist dass andere es einfach nicht genug versuchen.

Das Argument, dass mich echt aus den Socken haut (RW), ist das folgende (Zitat Antje Schrupp):

Aber kann man die Sachen nicht wenigstens verständlicher formulieren? Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer. Und wenn eine Idee wichtig ist, ziehe ich es vor, sie in einer kompliziert formulierten Fassung zu haben als sie gar nicht zu haben. Mag sein, dass manche Texte, die zirkulieren, zu „akademisch“ sind (was aber natürlich auch daran liegt, dass sie aus dem universitären Umfeld kommen, und die Desolatheit der Universitäten wäre noch mal ein ganz anders Thema). Aber ich glaube nicht, dass das der Grund für die Abwehr ist, die ihnen entgegen gebracht wird.

Ja, vielleicht, aber das ist ja schwer.” Da hab ich echt keine Worte für. ANTI-DISKRIMINIERUNG IST IMMER SCHWER. Seit wann hält denn das irgendwen ab?! “Kein Blackface zu benutzen ist schwer.” War das nicht mal ein Argument, dass nur “die anderen” benutzen? Worum es hier geht, sind Prioritäten.

Schreibt halt: “Ich fühl’ mich klüger mit Fremdwörtern.” oder “Hab keinen Bock, mehr über Wörter nachzudenken, nur um Ausschluss zu vermeiden.” oder meinetwegen auch: “Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.” – is ja manchmal sogar berechtigt!
Was mich an dieser Diskussion aufregt, ist nicht an sich, dass die Texte schwer sind. Es sind die riesigen großen Lügen.
Ich kann damit leben, wenn ihr schreibt, dass eure Texte halt nur für Leute sind, die die Energie oder Ausbildung haben, sich durch Fremdwort-Wüsten zu schleppen. Dann liegen die Karten wenigstens auf dem Tisch (RW). Ich weiß, dass ich euch nicht lesen werde und alles ist klar. Stattdessen kommt diese unglaubliche Menge an lächerlichen und hahnebüchenen Ausreden. Dass nur Gegner*innen des Feminismus so etwas fordern. Dass man doch bitte mal nachweisen soll, dass man von Klassismus betroffen ist. Dass eh nur Akademiker*innen feministisch sind. Das ist echt ein toller Strauß, gebunden aus “Fuck yous”, den ihr da für alle zusammenstellt, die die Texte halt nicht ohne größeren Aufwand verstehen.
Ich weiß, dass es tatsächlich diese Leute gibt, die Feminismus scheiße finden. Ich weiß, dass die mit allem ablenken, dass ihnen einfällt. Ich weiß aber auch, dass auf “interne” Kritik bis jetzt einfach – nicht – reagiert – wurde. Da wird der Verweis auf Antifeminist*innen zu einer vollkommen durschnittlichen Abwehrreaktion.

Bevor wir uns ganz verheddern, will ich noch einen Moment drauf eingehen, was für mich denn “schwierige Sprache” ist.
Ich unterteile in “Fachwörter” (“Sexismus”, “People of Color”, die Sternchen, Unterstriche und Doppelpunkte in Wörtern), Fremdwörter und feministischen (?) Jargon [Sondersprache mit speziellem Wortschatz].

Fremdwörter versuche ich in meinen Texten seit Neuestem zu vermeiden. Meist lassen sich andere Wörter dafür finden oder eine andere Formulierung. Ja, seit ich das, was ich im verlinkten Text angekündigt habe, tue, brauche ich länger für meine Texte. Aber das ist es mir gerade wert.
“Fachwörter” werde ich vorerst nicht ersetzen. Obwohl ich bei selteneren Begriffen wie “Intersektionalität” trotzdem nachdenken werde, ob es nicht auch “Mehrfachdiskriminierung” tut. Ich biete nach wie vor mein Glossar an, weil mir klar ist, dass man nicht alle dieser Wörter kennen kann.
Und dann gibt es den feministischen (?) Jargon, bei dem ich automatisch aus ‘nem Text aussteige. Ich weiß nicht genau, aus welcher Ecke er kommt und inwiefern sich unersetzliche Begriffe darin finden, aber wenn ich “normativ”, “Diskurs” oder “Positionierung” lese, beginne ich den geordneten Rückzug.

Wie ich oben schon sagte, finde ich nicht einmal am schlimmsten, dass gewisse Wörter verwendet werden. Ich kann die Selbstverständlichkeit nicht ab, mit der sie genutzt werden. Ich kann nicht ab, dass den Kritisierten für keine Sekunde anzumerken ist, dass sie über die Hinweise nachdenken.
Wenn ich einer Person anmerke, dass sie sich Mühe gibt, sich leicht verständlich auszudrücken oder Schlagwörter zu erklären, zeigt das einfach mal Rücksicht. Selbst wenn der Text dann immer noch auf die ein oder andere Weise kompliziert ist, mache ich mir vielleicht die Mühe, etwas Zeit darauf zu verwenden. Denn die Person hat sich auch Zeit für mein Anliegen genommen.

Zum Abschluss ein letztes Zitat aus Schrupps Text:

Ich frage mich, wann es angefangen hat, fehlende Radikalität für etwas Positives zu halten? Jedenfalls bin ich der Meinung, dass jede politische Theorie, die sich nicht um größtmögliche Radikalität bemüht, also darum, wirklich an die Wurzeln eines Problems vorzudringen, anstatt nur an der Oberfläche ein paar Dinge hin und her zu rücken, nichts wert ist.

Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich, warum die im Feminismus beginnende Inklusion [das Miteinbeziehen] (die sich in Deutschland echt verflucht langsam vollzieht, wenn ihr mich fragt) an Klassengrenzen aufhört. Ich frage mich, warum sich Leute dafür entscheiden, die einen Frauen* mitzunehmen, aber die anderen links liegen zu lassen (RW). Und ich frage mich, wer sich dafür entscheidet, das als “radikalen” Feminismus zu verstehen.

Nachtrag 23.10.2012:

In den Kommentaren (auf High on Clichés) kam auf, dass es schwer ist den Verlauf der ganzen Diskussion nachzuvollziehen. Daher nochmal in der richtigen zeitlichen Reihenfolge die vorhergehenden Artikel. Ein Teil der Diskussionen lief auch auf Twitter oder Facebook ab bzw. auch auf dem internen takeover.beta-Forum. Das kann ich leider nicht alles zusammenfassen.

…und hier bin ich.

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Die Sache mit der politischen Unverständlichkeit

cross-posted auf kiturak
(Nachtrag: Dort gibt es eine Fassung mit kürzeren Sätzen. Damit es nachvollziehbar bleibt, lasse ich das Original hier stehen. kiturak)

Hier jetzt auch noch meine Mayo* zu der Diskussion der letzten Tage darum, wie unverständlich, akademisch, in-Cliquen-mäßig oder sonstwie Feminismus daherkommen darf, soll, oder auch nicht.
Ich schreib’ absichtlich “Feminismus”, weil’s angeblich eben genau darum wieder mal geht: Der gute alte “Nur-” Feminismus, in dem andere *ismen WIE ZUM BEISPIEL KLASSISMUS nicht so richtig wichtig sind, oder nicht so ganz in Verbindung gebracht werden mit dem, was da so täglich gemacht und gesagt wird.

Natürlich betrifft das auch andere politische Bewegungen. Klassismus betrifft alle politischen Bewegungen.

Also, alles kenn ich nicht, viel wurd’ ja auch schon früher dazu gesagt, hab ich nicht den Überblick. Wer gute Texte kennt, bitte gern sagen, und es tut mir leid für die Lücke.
Zu den letzten Tagen: Da gab es das Barcamp Frauen, auf dem Kritik daran geübt wurde, dass Feminist_innen zuwenig Alltagssprache benutzen. Wer wie wann in welcher Form insgesamt weiß ich nicht genau.
Da gab es einen darauf folgenden taz-Artikel, der das aufgriff und den Anwesenden auf dem Barcamp mal locker die eigene Meinung unterjubelt, nämlich

Dass feministische Anliegen oft selbst verschuldet am Mainstream vorbeischrammen.

Da gab es den Artikel auf queer_in theory, der klarmacht, in welcher beschissenen Zwickmühle Feminist_innen stecken, gegen die einerseits auf einfache Forderungen hin pseudowissenschaftlicher Mist eingesetzt wird, wogegen sich aber dann bitte nur “einfach verständlich” gewehrt werden darf – und aus “Nein Heißt Nein!” werden auf äußeren Druck dann halt wissenschaftliche Aufsätze, grob gesagt.

Was Bullshit ist, ist sich an einem Spiel zu beteiligen, das so hingebastelt ist, dass eine_r nicht gewinnen kann.

Und nun schreibt Nadia Shehadeh unter anderem, das schließlich von anderen Wissenschaften oder sonstigen entsprechenden Umfeldern auch nicht sone Mainstream-Tauglichkeit gefordert wird.

Schön und gut. Fang ich mal damit an, die Frage von Nadia Shehadeh:

Wer bittet denn den ganzen Tag Naturwissenschaftler_innen darum, sich bitte LEICHT und FÜR ALLE und überhaupt so furzig und easy (und BITTE NICHT AGGRESSIV WENN EINER WAS NICHT VERSTEHT!) auszudrücken?

Antwort – ich tu das. Viele Naturwissenschaftler_innen selbst tun das – nur, in dem Bereich ist es halt noch weniger akzeptiert. Das macht’s aber nicht ok.

Na klar gibt es das Feminismus-muss-einfach-verständlich-sein-weil-was-können-FRAUEN(tm)-schon-für-Probleme-haben?!-Ding. Ja, ich hass das auch MIT ALL MEINEM HASS.
Und klar! ist der Hohn, den es immer wieder über Sprache im Feminismus regnet, zum Teil schlicht ne Weigerung, weniger diskriminierende Sprache zu akzeptieren – weil “versteht ja niemand”.
Und was soll der Scheiß, eine Anpassung an den “Mainstream” zu fordern in einem Blatt, das links sein will – ohne auch nur drauf zu schauen, um welchen “Mainstream” es da eigentlich geht? Vielleicht sollen wir alle auch unsere Forderungen bisschen anpassen, ja? Damits nicht alles so krass rüberkommt?

Weil das ist es doch – WELCHER “Mainstream”, WARUM verständliche Sprache? Weil, was da nie steht, DAS WORT, es geht halt schlicht um eine Kritik an Klassismus in all den schicken politischen Bewegungen.
Es geht darum, dass akademisches Fachsprech ausschließend und diskriminierend ist. Kein Klassismus! ist halt wichtiger als was irgendwelche Mainstream-Privilegienhansjoachims von uns denken, oder auch nur die Leute, die wollen, dass wir lieb zu denen sind. In der Debatte fehlt mir bisher, dass viele Leute, Blogs, Zeitschriften und wasweißich, einfach völlig unnötig superakademisch daherkommen – und da sind die feministischen teilweise noch am wenigsten schlimm.** Auch um hier mal die Karten auf den Tisch zu legen (RW): Ich hab selbst schon studiert. Sogar Geistes- und Sozialwissenschaftskram (wenn auch nichts in der Richtung Gender oder anti-*ismus). UND ich komm aus einer akademischen weißdeutschen Familie.
Und selbst ich verstehe zum guten Teil davon kaum was davon, was so geschrieben wird. Genau wie in der Uni auch schon. Und wenn ich mich dann mal durch so Wust durchgekämpft hab’, und in 3/4 der Fälle merke, dass der Schmodder aus einer halben Seite in eineinhalb klar verständliche Sätze gepasst hätte – dann krieg ich damals wie heute die Wut.
Es geht doch darum, dass es als was Positives gesehen wird, lauter politisch-akademische Fachsprache zu benutzen, auch wenn’s einfacher ginge – gerade von Leuten, die es nicht verstehen, und sich deswegen scheiße fühlen (zum Beispiel ich lange Zeit, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Dass Leute, die die Fachsprache drauf haben, es garnicht versuchen, mit allen Politik zu machen, die ein Thema angeht. Dass ich Leute frage, ob sie nicht Lust haben, was zu schreiben, coole Leute, politische Leute, studierende Leute – und dann heißt es “ich kann das nicht so gut”. Was soll ich sagen? “Oh, geh doch am Besten in nen “antiklassistischen” “empowerment”-”Workshop” gegen das, was ich da mache. Kann allerdings nix garantieren – das gesamte Umfeld ist halt scheiße”? Weil so sieht’s aus, Leute.

Das ist halt einfach ne Pleite für eine politische Bewegung, wenn den Menschen, für und mit denen’s angeblich sein soll, erklärt wird, sie seien leider Nicht Gut Genug, wenn sie sich in das akademische Geseiere nicht reinarbeiten können oder wollen.
Klar ist das nicht eine Erfindung des Feminismus, sondern klassistischer Normalzustand – und das ist das Ärgerliche, und JA KLAR! Sexistische daran (Frauen ™ sollen doch bitte alles vorkauen und nett und lieb sagen und keine_n vor den Kopf stoßen (RW), und einsehen, dass jeder ZEIT-Magazin-Günther ihre politischen Gedanken sofort mit der linken Hirnhälfte auf den Rücken gebunden überblicken kann UND WENN NICHT MÜSSEN SIE EBEN DAFÜR SORGEN – ne?). Aber das heißt doch nicht, dass Feminist_innen oder andere politische Aktivist_innen diese Scheiße mitmachen müssen.

Wenn Nadia Shehadeh schreibt -

Machen wir uns nix vor, in der Bubble hocken doch primär akademisch-verseuchte Personen, viele von denen geisteswissenschaftlich eingenordet

dann weiß ich wie immer nicht genau, wer oder was mit “Bubble” gemeint ist – feministische Parallelgesellschaft? Welche? Die, in der ich mitbekomme, dass es diese Diskussion gibt?
Jedenfalls, wenn ich das lese als: im Feminismus oder irgendwie feministischen Umfeld oder so, online oder nicht, seien doch überhaupt in der Mehrzahl Akademiker_innen unterwegs? Das ist doch ganz schlicht ein klassistischer Ausschluss. Und soweit das stimmt (also das mit der Mehrzahl), ist es doch irgendwann auch ne selbst erfüllende Prophezeiung: Leute haben halt kein Bock auf den elitären Mist (also wieder ich zum Beispiel, um das mal nicht allen anderen zu unterstellen). Soweit das stimmt, ist das halt ein Problem, Diskriminierung, und nicht ein akzeptabler Zustand.

Die Sache ist doch: weder wissenschaftlich noch politisch muss automatisch unverständlich heißen. Nicht immer. Und das ärgert mich so an der Argumentation. Da wird die Forderung nach verständlicher Sprache und Inklusion*** mal gleichgesetzt mit “halbgarem Und-alle-so-yeah-Feminismus” (queer_in theory) oder, ne, vorgeschlagen, “Wer irgendwas Flauschiges mit ganz viel Spaß und Spannung und Schokolade haben will, die_der kann sich ja ein Überraschungsei kaufen. Und hoffen, dass ein Miniatur-Furby drin ist.” (Shehadeh). Da wird (Neulich auf Facebook) bei decolonize the city auf die gleiche Kritik herablassend reagiert damit, eine Konferenz sei ja nun kein Spieleabend. Ja Scheiße, Leute. Vielleicht wollen wir alle miteinander nochmal drüber nachdenken, wen das eigentlich grade im Grunde als Nicht Gut Genug für all die feine politische Theorie hinstellt? Wem zu ner harten gesellschaftlichen Unterdrückung auch noch der Hohn gratis dazugeliefert wird, mensch komme ja offensichtlich nur mit einem Leben aus blasslila Flausch klar?

Ich kann mich der Kritikerin nur anschließen, die schreibt:

Nur weil eine_r Akademiker_in ist, heißt doch nich dass man nich mehr normal reden kann. Das doch ne Entscheidung, da so rumzudozieren als wär man in der Uni.

Word.

Und da, wo’s mal nicht anders geht: Was hindert Leute daran, sowas zu trennen, ne entsprechende Anmerkung davor zu schreiben, was weiß ich?
Das ganze Geschwurbele ist doch sogar in der Wissenschaft selbst genau das, was es in politischen Blogs ist: Ein Machtspielchen. Dominanzgehabe. Kann ja Gründe geben, das mal mitzumachen – ne strategische Entscheidung, so wie jede Beteiligung an jedem Scheißsystem. Aber bitte behandelt und kritisiert das doch ehrlicherweise genau so – und tut nicht so, als sei eine akademische Revolution etwas anderes als traurige Realsatire mit Tradition. So sehr ich den Artikel von queer_in theory geliebt hab – aber:

Wir können Pseudowissenschaft mit wirklicher Wissenschaft bekämpfen und andere von uns können Pseudowissenschaft ignorieren und in der Bubble tolle Dinge tun und darin Platz für mehr Leute schaffen.

WELCHE BUBBLE, VERDAMMTE SCHEIßE? Die mit der Regenbogen-sorglos-Welt der nicht Studierten? Während die Echten Harten Feminist_innen Da Draußen die Akademieschlacht austragen? Nee. Ich kündige diesen Satz. Ich trete aus. Oder so. Das ist eklig.

* RW (Redewendung), von “mein Senf” = meine Meinung, die ich zu allem anderen, was schon geschrieben wurde, auch noch dazugebe. Statt dessen Mayo, weil ich die grad gern mag und außerdem gern Redewendungen ändere.
** Mein persönlicher Hass gilt diesen unzähligen Blogs von linken Typen, bei denen schon in den ersten zwei Sätzen klargemacht wird, dass das Nicht Für Leute Wie Mich ist, weil ADORNO(tm) oder so. – Nix gegen Adorno.
*** wikipedia: “Die Forderung nach Sozialer Inklusion ist verwirklicht, wenn jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben oder teilzunehmen.”

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Serien-Ver- oder Empfehlung: My Name Is Earl

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: My Name is Earl – Diskriminierung – Rassismus – Sexismus – Klassismus

My Name is Earl (MNIE) ist eine Comedy-Serie, die in den USA spielt, genauer in einem unwichtigen Ort namens Camden. Dort lebt Earl J. Hickey mit seinem kleinen Bruder Randy Hickey, Earls Ex Joy mit ihrem neuen Freund/Mann/was-weiß-ich Darnell und die Reinigungskraft/Stripperin Catalina.

An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erwähnen, dass keine Lachkonserven verwendet werden, was mir bis zur Lektüre des Wikipedia-Artikels gar nicht aufgefallen war (warum auch). Und wo ich schon dabei bin eine zweite interessante Beobachtung: ich finde die deutsche Synchronisation gut. Ich weiß nicht, wie sie sich im Vergleich mit dem amerikanischen Original schlägt, aber die einzelnen Stimmen passen charakterlich zu den Schauspieler*innen.

Zur Story: Earl ist ein Kleinkrimineller, klaut viel und bringt Leute anderweitig um ihr Geld, bis er im Lotto gewinnt. Er wird allerdings prompt von einem Auto angefahren und verliert das Los, was ihn glauben lässt, das Karma wolle von ihm, dass er all seine schlechten Taten wieder richte. Als er seine erste Tat wieder gutmacht, fliegt ihm sein Los zu. Dies überzeugt ihn gänzlich. Mit Hilfe des Geldes macht er sich im weiteren Verlauf der Serie an die Wiedergutmachung der gesamten Liste von schlechten Taten.

Nun habe ich nur einen Teil der Folgen gesehen und die wiederum wild durcheinander. Ich hoffe, dass meine Annahme über ihre Reihenfolge korrekt ist, werde mich aber zur Orientierung teils auf die Handlung beziehen. Fest steht, dass ein Großteil der mir bekannten Folgen aus der dritten Staffel stammt.

Eine Vielzahl der Witze lebt davon, dass Joy, Randy und Earl der ungebildeten Bevölkerung angehören sollen. Also genauer von inhaltlich falschen Aussagen, falscher Benutzung von Begriffen etc. Dieses Konzept hat eine deutlich klassistische Komponente, wurde aber in den ersten Folgen, die ich gesehen habe, gut umgesetzt. Ich habe mich ausreichend mit den Protagonist*innen identifiziert, um nicht das Gefühl zu haben, über sie zu lachen. Ich schreibe “in den ersten Folgen”, weil es einen Moment gab, an dem dies zu kippen drohte.
Die Darstellung dieser Figuren als Angehörige der Unterschicht hat noch ein größeres Problem zur Folge: Randy und Earl fallen durch mehrheitsgesellschaftlich übliche heterosexistische Bemerkungen auf, Joy wird zudem als stark rassistisch charakterisiert. Auch Cis-Sexismus und Ableismus kommen vor. Bei entsprechenden Aussagen, besonders bei Joy zu bemerken, fehlt der Serie das Gegengewicht. Es gibt bei solchen Szenen durch die Handlung selbst keinen Hinweis an die Zuschauer*innen, dass die Aussagen schlicht nicht in Ordnung sind. Bzw. ist man dazu genötigt, entweder über die (rass)-istische Aussage zu lachen, also selbst Kompliz*in zu werden, oder sitzt in hilflosem Schweigen da. Vor allem dieser Fuck-up verleidet mir die Serie.

Dies ist aber leider nicht mein einziger Kritikpunkt. Der Bechdel-Test wird zwar bestanden, aber manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dies nur durch Konversationen geschieht, in denen sich Catalina und Joy darüber streiten, wer besser aussieht. Hmpf. Diese Konversationen stellen dann ihre Beziehung zueinander auch gut dar: sie sind die einzigen Frauen*, die konsequent in der Serie auftauchen und sie können sich nicht leiden … weil sie ihr Aussehen miteinander vergleichen. Wow. Das macht auch deswegen besonders wenig Sinn, weil es sonst zwischen Randy, Earl, Joy, Catalina und Darnell keine besonderen Feindschaften gibt. Nur die beiden Frauen…

Diiiie Rolle von People of Color: Catalina und Darnell haben definitiv eine Persönlichkeit, bei Catalina ist sie allerdings schon ein bisschen dünn. Sie bekommt wenig Hintergrundstory, die ihre eigenen Beweggründe und Wünsche ernsthaft darstellt. Häufiger dient die Story als Grundlage für eine Pointe. Die meisten Witze, die mit ihr zu tun haben, stellen Mexiko als vollkommenes Armenhaus dar (zugegeben, der Großteil der Handlung von MNIE spielt in einem Trailerpark also steht dem weniger eine Darstellung des “American Dream”-Amerikas gegenüber), beruhen darauf, dass sie rassistisch beleidigt wird oder gar auf sexueller Belästigung – die zum Glück “nur” einmal verharmlost wird, in den anderen Fällen wird sie innerhalb der Serie adressiert und kritisiert. Abgesehen davon natürlich, dass ausgerechnet sie auch als Stripperin arbeitet, nicht etwa die weiße Joy.

Und das bringt mich zur Erklärung, warum ich die letzten Folgen, die ich gesehen habe, weniger mochte.
Ich weiß nicht, was der Grund ist – ob die Produzent*innen gewechselt haben oder ihnen einfach die Witze ausgegangen sind – aber in den letzten Folgen, werden vermehrt Practical Jokes benutzt, also Witze, die auf der körperlichen Beschaffenheit von Figuren beruhten. Konkreter gibt es eine Latina mit grotesk großem Hintern (Fatsuit-mäßig ausgestopft), die sich als Politesse wiederholt zwischen sehr eng beieinander parkenden Autos durchquetschen muss und Dharma (okay, die Schauspielerin von Dharma in Dharma und Greg), die eine Kratzwunde im Gesicht und ein davon verletztes Auge hatte, das ebenfalls wiederholt Gegenstand von Witzen ist. All diese Witze waren nicht nur extrem flach und unlustig, sondern mitunter auch stark sexistisch bzw. ableistisch. Urg.
Und wo wir bei Sexismus sind? Eine von den Charmed-Hexen (ich erkenne Schauspieler*innen nur an früheren Rollen, it’s a fact) hat als “Billy” in einigen Folgen einen Auftritt. Der ganze Plot ist furchtbar furchtbar furchtbar. Entweder ist sie zuckersüß und die Superfrau oder sie ist die ganze Zeit gereizt und die Furchtbare Ehefrau™. So weit ich mich erinnere bekommt sie auch keine logische oder stimmige Charakterentwicklung. Ja, ihr Charakter ändert sich, aber immer von jetzt auf gleich, damit Earl den Eindruck bekommen kann, dass das Karma will, dass er weiter an seiner Liste arbeitet.

Was Frauenrollen angeht, hat die Serie also noch einiges zu lernen. Und andere von Diskriminierung negativ Betroffene werden sich vielleicht die ständigen Witze, die irgendwie zur Charakterisierung von Angehörigen der Unterschicht dienen sollen, auch nicht ununterbrochen anhören wollen. Alles in Allem sehr schade, weil ich den Humor – vom Genannten abgesehen – mag und auch die Charaktere.

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Warum Noten an der Uni ein Hohn sind

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: unsere Gesellschaft – Universität – Studium – Noten – Klassismus – Ableismus – Diskriminierung

Dieses Thema lässt sich auf vielfältige Weise in jede Richtung ausdehnen (Vielleicht sind Noten an der Schule auch scheiße? Diskriminierung gibt’s nicht nur an der Uni! Das trifft auch aufs Arbeitsleben zu, usw.), ich beschränke mich aber auf dieses, denn irgendwo muss ich anfangen.

Noten reflektieren deine Fähigkeit auf bestimmte Art von Prüfungsfragen zu einer bestimmten Uhrzeit auf eine bestimmte Art zu antworten, nachdem du dich in einem festgesetzten Zeitraum mit einer bestimmten Art von Ressourcen (von der Uni, dem Schicksal und der Gesellschaft im Allgemeinen bestimmt) auf die Prüfung vorbereitet hast.

Dabei soll bereits Schüler*innen nahegebracht werden, dass ihr Wert als Mensch an ihren Notenschnitt geknüpft ist. Und noch mehr: dass es tatsächlich eine realistische Repräsentation ihres Wissens und Könnens in einem bestimmten Fachgebiet darstellt. Back to uni.

Den Noten ist es egal, ob du dich aufgrund deiner Wohnsituation mit dem verbundenen Zeitaufwand ganz alleine um den Abwasch, einkaufen, saubermachen, Sachen stopfen, die Wäsche, das Treppenhaus, den Rasen oder Hof kümmern musst, ob du die Aufgaben teilst, sie gar nicht oder für mehrere Personen mit erledigst.

Den Noten ist es egal, ob du einen Rückzugsraum hast, der es dir ermöglicht, in Ruhe für die Uni zu arbeiten.

Den Noten ist es egal, ob du dir eine teure Wohnung in annehmbarer Distanz zur Uni leisten kannst oder mehrere Stunden mit Bus und Bahn pendelst. Ob du ein Auto hast oder deine Energie in den öffentlichen Verkehrsmitteln täglich dadurch gefressen wird, dass du introvertiert bist, Angststörungen hast, Geräusch- oder lichtempfindlich bist oder regelmäßig von Diskriminierung betroffen und deswegen Angst davor hast, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen und völlig geschafft in der Uni/zu Hause ankommst und zu keiner geistigen Arbeit mehr fähig bist.

Den Noten ist es egal, ob du dich um Freund*innen, Kinder, Eltern oder andere Menschen kümmerst. Ob du Zeit brauchst, sie durch den Tag zu begleiten, um mit Angst um sie oder eure gemeinsame Zukunft klarzukommen.

Den Noten ist es egal, ob du gar nicht vorkommst im gesellschaftlichen Verständnis deines Studiengangs. Ob du dich nicht wiederfindest in den Karrierepostern, auf denen weiße, (anscheinend) physiotypische junge Männer abgebildet sind. Ob du täglich mit den Botschaften zu kämpfen hast, dass Leute wie du das Thema eh nicht verstehen, langsam sind, alles falsch machen. Ob du persönlicher Diskriminierung durch Kommiliton*innen oder Professor*innen ausgesetzt bist.

Den Noten ist es egal, wo dein Geld herkommt. Ob du neben der Universität mehrere Stunden arbeiten musst, obwohl das Studium auf 40 Uni-Arbeitsstunden die Woche ausgelegt ist. Oder ob das Geld halt einfach da ist. Ob du Bafög beziehen kannst. Ob du Bafög zurückzahlen kannst, weil du tatsächlich eine Zukunft siehst. Ob du dich mit einem Bankdarlehen verschulden musst. Ob du überhaupt arbeitsfähig bist.

Den Noten ist es egal, ob deine körperliche Verfassung und dein finanzieller Haushalt es zulassen, alle Studienmaterialen zu erlangen, zu konsumieren und nach Notwendigkeit zu verändern und Arbeiten abzugeben. Ob du überhaupt einen Computer und Internet hast. Ob du zu einer Bibliothek gelangen und ihr Angebot nutzen kannst.

Den Noten ist es egal, wie viel Zeit du dafür aufbringen musst den Campus zu navigieren, weil du maximal zu einem zwangzigstel mitgedacht wurdest.

Den Noten ist es egal, ob du mit der Art wie die Informationen präsentiert werden, umgehen kannst. Ob dies deinem Lerntyp entspricht oder ihm völlig reingrätscht. Ob du mehr Praxis brauchst aber nur Theorie kriegst. Ob du mehr Theorie brauchst, aber nur Praxis kriegst. Ob du mehr Zeit brauchst, um alles zu verarbeiten, weil dein Tag nur 24 h hat.

Den Noten ist es egal, ob du den organisatorischen Anforderungen gewachsen bist. Ob du Hilfsangebote findest und sie dir zugänglich sind. Ob du Anträge drucken und sie inhaltlich verstehen kannst, um rechtzeitig alles auszufüllen.

Den Noten ist es egal, ob deine innere Uhr schon auf “wach” steht, wenn die Prüfung stattfindet. Ob du Prüfungsangst hast. Ob du mit der*m Prüfer*in befreundet bist oder Angst vor sim hast. Ob du die Materialien besitzt, die für die Prüfung zugelassen und notwendig sind. Ob du die Wahl hast auf “Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage an dieser Prüfung teilzunehmen?” Nein zu antworten.

Den Noten ist all das und noch viel mehr völlig egal. Aber wenn man genau hinschaut, wird klar, inwiefern sie deinen Wert in dieser Gesellschaft repräsentieren sollen.

[Editiert für Klarheit und um Link einzufügen. 02.10.2012 Zweisatz]

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King Kong Theory – Virginie Despentes

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Prostitution – Pornografie – Feminismus – Patriarchat – Klassismus – Kapitalismus – feministische Literatur

Kommentatorin* Ada hatte zu meinem Wünsch dir was-Artikel kommentiert, ob ich nicht etwas zu Virginie Despentes, etwa ihrem Buch King Kong Theory schreiben wöllte. Also habe ich es mir ausgeliehen und allerhand Notizen gemacht. Wegen selbiger Notizen wird dieser Artikel auch eher eine längliche Zusammenfassung als eine richtige Rezension.
Dabei muss ich erwähnen, dass Despentes relativ provokativ-verallgemeinernd schreibt. Das hat zur Folge, dass die Lektüre interessanter ist, als bei einem trocken gehaltetenen Buch, aber auch, dass ich sie teils wörtlicher genommen habe, als Aussagen zu verstehen waren und das erst in späteren Kapiteln bemerkt habe. Auch hat sie ihre Gedanken absatzweise gesammelt. Das heißt, es gibt zwar mehrere große Kapitel, nach deren Überschrift sie die Themen wählt, aber innerhalb des Kapitels spricht sie je über einen Teilaspekt und geht dann relativ assoziativ zum nächsten. Dadurch kommt es zu den thematischen Sprüngen innerhalb nur weniger Seiten. Aber lest selbst.
Ich zähle die Seiten runter, auf denen ich gerade bin. Trigger Warnung ab Seite 33 bis Seite 43.
Von mir zusammengefasste Aussagen der Autorin (keine Zitate!) sind kursiv.

S.18 Despentes erscheint stark, unabhängig und in ihrer Meinung gefestigt und betont trotzdem stark, dass sie nicht schön/begehrenswert für Männer* ist. Verwirrung.

S.19 Stark femininer Look soll als Entschuldigung dienen fürs Intelligent- und Unabhängig-Sein? Ahem. Unabhängigkeit der Frau* wird als bedrohlich wahrgenommen? Okay, da gehe ich mit.
Dann würde ich die erste Aussage allerdings so umformulieren, dass von Frauen* erwartet wird, sich feminin zu kleiden, “wenn man sie schon ernst nehmen soll” – also von ihnen erwartet wird, nicht aus ihrer zugewiesenen Rolle zu fallen.

Hier wird schon ein großes Problem des Buches deutlich. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Ende. (Absichtlich kein Stern.) Homosexualität ist bis zu einem gewissen Grad mitgedacht, denke ich, aber Menschen, die sich außerhalb der Geschlechterdualität verorten … gar nicht. Und trotz nicht völliger Ignoranz gegenüber Homosexualität geht es eigentlich ausschließlich um das Spannungsfeld zwischen Männern* und Frauen*.

S. 20

Pretending that men and women got on better before the 1970s is a historical lie. We just saw less of each other.

S.21 Haushalt und Kinderaufzucht wurden in den 1970ern nicht revolutioniert.

S.22 Von Müttern wird verlangt, dass sie auf magische Weise alles über Kindererziehung wissen. Der alles überwachende Staat ist nur eine Erweiterung davon und hält Menschen in einer infantilen Phase o.ô (ich hänge mich hier offensichtlich etwas an der Formulierung auf). Dies wird verbunden mit einer Kapitalismus-Kritik, die besagt dass Konsument*innen machtlos und gehorsam gehalten werden sollen. (S. 23)

S.24 Thema: inzwischen werden Männer* und Frauen* in den Krieg geschickt:

The real polarisation is along class lines.

Der väterliche Blick kann seiner Tochter klar machen, dass sie außerhalb des sexuellen Marktplatzes existiert. Hell to the fucking no. Why? Whut?
Despentes ist hier äußerst in männlichen und weiblichen Rollenbilder verhaftet, vor allem im Glauben, dass ein Geschlecht automatisch ein bestimmtes Rollenbild vermittelt. Die heterosexuelle Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) wird nicht in Frage gestellt. (Alle sind cis und binär.)
Class scheint sie einen höheren Stellenwert als Race beizumessen.

S.25 Männer* müssen ihre Femininität und Frauen* ihre Maskulinität unterdrücken.
Despentes hat also auch die männliche Perspektive im Blick.

S.26 Der Kapitalismus will uns alle infantilisieren (“Staat als Mutter*”), so dass Männer* genau so gefangen sind, wie Frauen* es bereits sind.
Diese ganze Sprache von Menschen, die im Kapitalismus wie Kinder bleiben sollen ist ugh. Hätte mich wahrscheinlich weniger gestört, wenn klarer ausgelegt worden wäre, in welch krasser Abhängigkeit derzeit Kinder gehalten werden. (Statt das allgemeine Verständnis vorauszusetzen, dass Kinder nicht für sich selbst sorgen können.)

TRIGGER WARNUNG

S.33 Sie spricht davon, wie sie nicht das Wort “V.” benutzt hat, weil Menschen dann anfangen, dich zu kontrollieren (d.h. Victim Blaming zu betreiben) und Bilder des “typischen” Opfers heraufbeschworen werden.

S.35 Sie begreift/schreibt wie sie V. als Risiko das Haus zu verlassen begriff (die V. abzuwerten hilft ihr, ihre V. als etwas managebares zu begreifen.)
Ist leider Bullshit. Sicher, das Haus zu verlassen bedeutet als Frau* automatisch mit Street Harassment rechnen zu müssen, leider blendet diese Darstellung aber sexualisierte Gewalt in den engsten Beziehungen, die man hat, aus. Die laut Statistik sehr häufig sind. Mit anderen Worten: häusliche Gewalt/Missbrauch in intimen Beziehungen ist definitiv kein zentrales Thema dieses Buches.

S.40 Sie wünschte, es gebe ein Anti-V.-Kondom. Da wir in einer traurigen Welt leben, gibt es das inzwischen.

Ich hätte mir gewünscht, dass Despentes noch ein wenig mehr auf die gesellschaftliche Ebene geht. Sie verfolgt einen Stil, der sich meist wie folgt liest: “Männer* denken dies, Männer* machen das.” Das ist sehr polemisch gehalten und macht es manchmal schwer zu unterscheiden, ob sie gesellschaftliche Tendenzen verdeutlichen will oder die Aussage wörtlich meint.

S.41 Mein O-Ton: Weird shit on why women who have been r***d are good hookers :/ “Men like the scent.”
“R***¹ is about power.”
Na ja, V. ist halt auch eine Gesellschaft, die keine Ahnung hat, was Consent ist (später geht sie noch etwas darauf ein).

S.42 “R***¹ is the exclusive male domain”. Wrong. Ja, sehr stark in die Richtung neigend, aber halt nicht richtig. Testosteron schaltet nicht das Urteilsvermögen aus. Korrekt.

S.43 Frauen sind mehrheitlich masochistisch, damit sie mit der Machtverteilung besser klarkommen, aber es hält uns fern von Macht. *starkes räuspern*

S.48 Thema: Prostitution. Der Ehevertrag und der “Prostitutionsvertrag” stehen in Verbindung miteinanader.

S.54 Frauen* werden durch Prostitution gebrandmarkt, ein Freier zu sein ist normal, marginalisiert nicht.

S.63 Geld (für Sex) bringt Unabhängigkeit und lieber Hure als in einer Ehe sein für Geld. Eine mächtige Frau* ist beunruhigend, weil sie, nicht wie eine schöne Frau*, kein Verfallsdatum hat.

S.65

The prostitution transaction – “I pay you, you satisfy me” – is the basis of the heterosexual contract. It is hypocritical to pretend, as we do, that this transaction is foreign to our culture.

Die Verbannung und Regulierung von Prostitution schafft unsichere Arbeitsbedingungen, begünstigt Missbrauch. Medial werden die Ärmsten, Eingeschleppten ausgeschlachtet, um die Diskussion zu beeinflussen.

S.69

Masculine sexuality is not in itself an act of violence against women, as long as they are consenting and well paid.

S.72 Thema: Pornographie. Wait “men”? Frauen* schauen keine Pornographie? Ah doch, später neutral.

S.74 Leute lehnen Pornographie ab, weil sie unmittelbar vermittelt, was die eigenen Turn-ons sind, ohne dass man das Gehirn zwischenschalten kann.

S.75 Wir erwarten von Pornos “echt” zu sein, während niemand diesen Anspruch an Film stellt.

S.78 Pornodarstellerinnen wird verunmöglicht, sich in irgendeinem anderen Zusammenhang zu äußern oder zu verwirklichen. Unabhängigkeit durch Geld und weiblich sein: böse.

S.80 Verbot von Pornofilmen in den frz. Kinos, weil sie zu erfolgreich war. Lust darf spielerisch nur von den Reichen ausgeübt werden. Zu viel Erleben von Lust könnte Arbeiter*innen vom Arbeiten abhalten.

S.82 Mein O-Ton: Weirde Theorie, dass Männer* Porno-Darstellerinnen so anziehend finden, weil sie sich wie Männer* im Frauen*körper verhalten: immer Sex wollend. Und dass “realer” Sex dies nicht hergibt … aber welcher Mann* will so viel Sex?!

Weiblicher Orgasmus als Performance-Zwang: vom male gaze beansprucht, d.h. 1) Frauen* müssen kommen, sind sonst frigide. 2) Der Orgasmus soll von einem Mann* verursacht werden, nicht Masturbation. (Homosexualität, anyone?)

S.84 Über Frauen*, die Masturbation “langweilig” bis unnötig finden und sich einen Mann* wünschen, der sie zum Orgasmus bringt:

What relationship can you have with yourself if you systematically hand your genitals over to someone else?

S.95

For a man, not loving women is an attitude. For a woman, not loving men is pathological.

Sonderbare oppression olympics zwischen “Frauen* unterdrückt durch Männer*” und was “Weiße über Schwarze” sagen.

S.97 Victim blaming.

S.98

The thing is that those of us at the top are those of us who have become the allies of the powerful. [...] The women most able to accept masculine domination are obviously those given the jobs because it is still men who admit or exclude women.

Femininer Style als generelles Zeichen der Unterwerfung. Ahm.

Thema: Was Femininität für unsere Kultur bedeutet.

S.113 Es gibt keine großen neuen Entdeckungen/Werke über das Männliche, immer die gleiche Show.

Alles in Allem kann ich nicht viel dazu sagen, wie ich das Buch fand, weil es für mich sehr unnatürlich ist, Notizen beim Lesen zu machen und es mich massiv ablenkt. Einige der obigen Zitate bzw. generelle Punkte im Buch finde ich sehr bedenkenswert. Wie ich schon schrieb: die plakative Schreibweise macht es einerseits interessanter zu lesen, andererseits wird nicht immer ganz klar, ob es nur Übertreibung ist oder der feste Standpunkt der Autorin.
Ich hoffe, dass die Zusammenfassung dennoch hilfreich ist.
[Edit]Und wichtig zum Schluss: für das Buch selbst muss ich eine Trigger-Warnung aussprechen, da sie, wie sich wahrscheinlich erahnen lässt, über eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schreibt.

1 Von mir verfremdet, im Original ausgeschrieben.[/Edit]

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Mein Eigentum, dein Eigentum, kein Eigentum

Zuerst erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Urheber*innen-Recht – Kapitalismus – Pirat*innen – Klassismus – warum zur Hölle habe ich das getan

Ich habe mich (begrenzt) umgelesen, weil mir in letzter Zeit wiederholt die Bösigkeit von geistigem Eigetum (als Begriff oder Sache kam nicht ganz heraus. In einem Pirat*innenwiki-Artikel wird es nur als Begriff gegeißelt.) ins Gedächtnis gerufen wurde.
Andreas Popp erklärt auf jeden Fall, warum es kein geistiges Eigentum gibt. Denn you see, nicht-anfassbares Gut (immaterielles) kann man ohne Schaden am ersten Werk kopieren, Autos jedoch nicht. Er schafft es fast eine anti-kapitalistische Kritik anzubringen (“Wieso haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt ein Eigentum?”), aber dann kehrt er wieder zu Autos zurück. Die man ja (nicht) ohne Schaden verfielfachen kann. Oder so. Am Ende ist er so gütig einzuräumen, dass Urheber (sic) aber schon irgendwie voll wichtig für unsere Kultur sind, aber so recht kann er keine Konsequenzen formulieren, wie man eben diesen nun das Künstlerisch-Sein ermöglichen soll.

Warum habe ich mir diesen Text angetan? Nun, weil ich wissen wollte, ob ich etwas Sinnvolles verpasse. Antwort: nope. Und nun kommt meine Kritik an der Kritik am geistigen Eigentum.

1) Ich finde es völlig irrelevant wie man die Idee nennt, dass ein*e Urheber*in darüber verfügen können sollte, was si:er geschaffen hat. Nennt es wie ihr wollt. Sprecht es sim halt ab, wenn ihr es nicht mögt.

2) Die Ablehnung der Idee von geistigem Eigentum richtet sich größtenteils gegen Rechtverwerter*innen, wie Verlage, die Musik- oder Filmindustrie. Kann ich verstehen. Die finde ich auch scheiße. Aber aus einem anderem Grund. Nämlich dem, das die Künstler*innen oft unfair entlohnt werden. Und natürlich die unproportionalen Strafen, die mitunter wegen illegaler Downloads verhängt werden.

3) Problem: Ich sehe in dieser Kritik am geistigen Eigentum eigentlich nur, wie Künstler*innen unter die Räder der Kritik an Rechteverwerter*innen kommen.

Das ist nämlich so: Wir leben im Kapitalismus und müssen, je nachdem, wie unser Support-Netzwerk aussieht, wo wir wohnen, welche Verpflichtungen wir haben und allen voran, inwiefern wir privilegiert sind, unterschiedlich viel Geld irgendwoher kriegen, um zu überleben. Wenn man nicht völlig in den Wald auswandert (was in Deutschland natürlich auch illegal wäre), gilt das für so ziemlich alle.
Dies wird durch so genannten “Jobs” bewerkstelligt. Oder durch Geld vom Staat, für dessen Bezug man dann offensichtlich beschimpft und als weniger als ein menschliches Wesen wahrgenommen werden darf.
Auf jeden Fall stellen Leute im Zuge ihrer “Jobs” verschiedene Dinge zur Verfügung: Ideen, Bildung, Pläne, Essen, Anfassbares und Unanfassbares also. Und dann gibt es die ganz Verwegenen, die tatsächlich nur Dinge schaffen wollen, die nicht nur unanfassbar sind, sondern sogar beliebig kopierbar. Z.B. digitale Texte, Bilder, Filme. Laut Pirat*innen-Logik des verlinkten Textes oben geht beim Verfielfältigen selbiger gar nichts verloren, verlustfreies Kopieren halt. Das ist jedoch leider Bullshit.
Was beim beliebigen Verfielfältigen verloren geht, ist eine monetäre (in Form von Geld) Anerkennung für die Leistung, die dahinter steckt. Warum braucht es die? Weil wir im Kapitalismus leben.
Dieses “wir schätzen Urheber*innen total. Die sind wichtig für eine Gesellschaft” ist halt inhaltsloses Geschwätz, wenn man meint, Kopierbares muss kostenlos kopierbar sein, einfach weil es geht. Natürlich geht es. Es zeigt aber auch völlige Ignoranz gegenüber den Urheber*innen. Ja, wenn wir nicht alle von Geld abhängig wären, könnten Künstler*innen sich tatsächlich einfach daran erfreuen, wie viele Menschen ihre Werke reposten, liken, erwähnen und mit Liebe überhäufen. Aber Newsflash: heutzutage braucht man Geld zum Leben. Wenn du das System scheiße findest, kein Ding, kannst du gerne kritisieren. Aber es ist ein beschissener Zug aus deiner Kritik am Kapitalismus abzuleiten, dass zufällig gewählte Menschen (Künstler*innen) es nicht verdienen, für ihre Arbeit entlohnt zu werden, weil man ihre Arbeit einfacher stehlen kann als die körperliche Arbeit einer*s Gärtner*in*s. Ja, wenn wir nicht im Kapitalismus Leben würden, wäre es auch kein “stehlen”, denn man nähme ihnen ja nichts weg. Aber deeeerzeit tut man es nun einmal.

Ich schreibe Texte. Ich mache Musik. Ich zeichne. Und ich wage es zu verlangen, dass mir die Möglichkeit gelassen wird mit meinen Werken Geld zu verdienen, so lange ich Geld verdienen muss, um leben zu können.

Uh, uh, ich hab’ noch einen! Könnt ihr euch vorstellen, wer es sich im Besonderen leisten kann, Werke kostenlos anzubieten? Maximal Privilegierte. Die haben nämlich die höchste Wahrscheinlichkeit, eine Bildung erhalten und damit einen Job erlangt zu haben, der es ihnen erlaubt, aus Spaß kreativ zu sein. Nicht fürs Essen. Wenn du monatlich über 2000€ verdienst ist es plötzlich keine so große Wohltat mehr, deine Werke frei ins Internet zu stellen.

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Intelligenzija

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Klassismus – Intelligenz – Ableismus – unsere Gesellschaft – Ausschluss

Im Folgenden meine ich mit “Intelligenz” nur das, was man mit IQ-Tests ermitteln möchte/die Gesellschaft als “intelligent” akzeptiert.

In meinen Kommentarregeln [auf High on Clichés] steht, dass ich weder “Idiot” noch “dumm” auf dieser Seite lesen möchte. Schon seid einiger Zeit verkneife ich mir diese Worte sowie “blöd” und auch “bescheuert”, obwohl ich über letzterem immer noch grübele. Für viele Gelegenheiten bleibt dann nicht mehr viel übrig, das ich sagen kann, aber das ist nun einmal ein gesellschaftliches Problem.

In mir zuckt es auch zusammen, wenn jemand sich ereifert, wie “dumm” doch ein*e andere*r sei, dies und jenes nicht zu verstehen.
Das transportiert: “Ich kann nicht fassen, dass es Menschen gibt, die nicht exakt die gleichen Dinge gelernt und erlebt haben wie ich.”, immer verbunden mit dem Glauben, dass die anderen deswegen zwangsläufig weniger wissen müssen.

Wissen wird in einer Hierarchie geordnet. An der Spitze steht das, was man für einen Intelligenztest benötigt, um Politik oder (westliche, männliche, heterosexuelle, weiße) Geschichte erklären zu können. Je weiter sich das Wissen vom Notwendigen des westlichen weißen erwachsenen verpartnerten Mannes entfernt, desto unwichtiger wird es. Popkulturelles Wissen wird von der “Elite” verächtlich betrachtet, es sei denn, es handelt sich nicht um Popkultur, sondern “Kunst”. Welche Werke den Schritt von Popkultur zu Kunst vollzogen haben, wird dabei wiederum von Eliten bestimmt.
Wissen, das abseits von Sternekocherei für die Aufrechterhaltung des Haushaltes benötigt wird, ist ebenso unwichtig. Sich schminken zu können, ist “keine Kunst”. Youtuberinnen*, die Makeup- oder Haushaltstips geben, müssen sich regelmäßig anhören, wie “nutzlos” das sei. So viel zur Hierarchie von Wissen.

Dann gibt es noch den anderen Aspekt: Wissen scheint tatsächlich als quantifiziert wahrgenommen zu werden; es gibt Leute die “viel” wissen und welche die “(zu) wenig” wissen, allgemein als “dumm” bezeichnet. Wie an dieser Stelle sicher schon klar ist, muss man, um “viel” zu wissen viel vom Richtigen wissen. Landwirtschaftliche Geräte und wie man sie am effektivsten nutzt bis ins kleinste Detail zu verstehen ist nicht gefragt, noch die Produktunterschiede verschiedener Kosmetikmarken ausführlich auflisten zu können. Hier schlägt die Hierarchie wieder zu.
Zwangsläufig kommt es zu einer Abwertung von Menschen, die nicht weiß, akademisch, männlich, … sind. Denn egal wie viel sie von dem, was sie für ihre Lebensrealität brauchen, wissen, es wird immer das Falsche sein. Sie mögen wesentlich mehr wissen, weil ihnen – über das “Richtige” hinaus – noch das bekannt ist, womit sie ihre tägliche Arbeit bestreiten, aber das zählt nicht.
Gleichzeitig wird ihre “Dummheit” dazu herangezogen, Forderung nach mehr Anerkennung, gerechter Behandlung als nicht legitim zu verwerfen und sie als Personengruppe schlicht herabzusetzen. Ihre Dummheit soll bedeuten, dass sie es “nicht besser verdient haben”. Dummheit als Grund für Strafe und Aberkennung der Menschlichkeit. (Hartz IV.)

Ein offensichtlichter Konsequenz hat das natürlich auch: Menschen, denen man anmerkt, dass sie einen niedrigeren IQ haben oder wo Menschen einfach glauben, dass das so sei, werden unmittelbar mit allen negativen Stereotypen belegt und sind entsprechenden Angriffen ausgesetzt. Ableismus und Klassismus ist Tür und Tor geöffnet (auch Speziezismus, wenn ich drüber nachdenke).

Die “Intelligenten” verfallen derweil in eine Hybris¹. Ja, alle, die ihr (wie ich) studiert oder studiert habt: wir sind nicht ausgenommen. Intelligenz und “gebildet sein” wird eine positive Bedeutung beigemessen. Dialektloses Sprechen hilft, feministische Schlagwörter verleihen einen Anschein der Kompetenz. Hier werden ganz aktiv Menschen ausgeschlossen oder gehen von selbst. Wer will aber zu denen gehören, die zu intelligent wären, um auf den Täter ‘reinzufallen?

Ich schrecke wahrscheinlich keine*n mehr auf, wenn ich darauf hinweise, dass all das Aufwerten der einen und Abwerten der anderen Absicht ist. Unser System funktioniert prächtig, wenn wir immer neue Gründe finden, Menschen ihre Menschlichkeit abzusprechen. Wie sollen wir sonst vor uns rechtfertigen, andere wie Dreck zu behandeln?

Edit: Wer Anmerkungen zu meinen Erwähnungen von IQ-Tests machen möchte, bitte zuvor diese Kommentare lesen.

1 Selbstüberschätzung

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