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Fromme Jugend.

Crossposted auf Baum der Glückseligkeit.

Hier­mit spre­che ich eine In­halts­war­nung aus. In die­sem Post habe ich ver­sucht, meine Ge­dan­ken und Ge­füh­le und Er­leb­nis­se be­züg­lich mei­ner ehe­ma­li­gen christ­li­chen Glau­bens­ge­mein­schaft ein­zu­ord­nen, den re­li­giö­sen Miss­brauch und die Stig­ma­ti­sie­run­gen, die ich er­lebt habe, den Scha­den, den es an­rich­te­te und die Ver­ant­wor­tung, die ich trage. Her­aus dabei kam etwas Un­ab­ge­schlos­se­nes, teil­wei­se Wir­res; ich kann kei­nen roten Faden an­bie­ten, keine Moral. Ich ver­fan­ge mich in De­tail­haf­tig­keit, um dann wie­der große Zeit­ab­schnit­te zu über­sprin­gen. Die Ge­schich­te han­delt von einer Art Sub­kul­tur. Es ist auch eine Ge­schich­te von Ex­tre­men und ex­tre­men Ge­füh­len, die ich mit dem Nie­der­schrei­ben ab­le­gen möch­te. Ich habe ir­gend­wo an­ge­fan­gen, weil ich die Not­wen­dig­keit fühl­te. Ich kann das in­ner­halb dieses Blogs nicht so recht ver­or­ten, es ist auf seine Weise po­li­tisch.

Seit vie­len vie­len Wo­chen nun nehme ich mir vor, Leute aus mei­ner ehe­ma­li­gen Glau­bens­ge­mein­de zu be­su­chen. Immer und immer wie­der schie­be ich die­ses An­sin­nen auf. Ich ver­mis­se die Men­schen, ei­ner­seits. Ich ver­mis­se Gott.
An­de­rer­seits er­in­ne­re ich mich.
Vor einem hal­ben Jahr war ich das letz­te Mal dort, in den Win­ter­fe­ri­en. Es waren nur zwei Tage, und das ist nicht lang, aber in den zwei Tagen lief so vie­les falsch, dass ich mir da­nach vor­nahm, erst­mal eine ganz lange Pause zu ma­chen. Ich war scho­ckiert, am Ende und alles tat weh. Ich bin nach Hause ge­wankt, woll­te nicht mehr dran­den­ken und fühl­te wie stark in mir das Ver­trau­en ge­schwun­den war Men­schen ge­gen­über, die ich lange Zeit sehr ge­liebt habe.

Ich kam bei einer Freun­din unter, mei­ner lang­jäh­rigs­ten Freun­din. Ihre Fa­mi­lie war auf mich vor­be­rei­tet ge­we­sen und sie wuss­ten von mei­nem Vega­nis­mus. Des­halb war ich erst­mal ver­blüfft, dass ich, als ich ankam, in ihrem Kühl­schrank kein ein­zi­ges biss­chen Ge­mü­se fand. Kein Obst, nichts Vega­nes whatsoe­ver. Nur Käse und Wurst. Ich war ir­ri­tiert, aber dann war es mir wie­der egal; ich hatte mir ein biss­chen was mit­ge­bracht und aß davon. Viel­leicht, weil ich an die Wir­kung von Sym­bo­lik glau­be, hall­te die­ses klei­ne Er­leb­nis so in mir nach, das Ge­fühl, nicht will­kom­men zu sein, nicht Teil zu sein.

Am nächs­ten Tag stritt ich mich mit dem Vater mei­ner Freun­din. Wir haben be­reits eine ge­wis­se Streit­ge­schich­te hin­ter uns; er war in sei­ner Ju­gend auch ,,Pro­test­ler“ ge­we­sen; eine der äl­tes­ten Er­in­ne­run­gen mei­ner Freun­din ist die an Mahn­wa­chen, auf denen sie als Kind her­um­stand. Ihr Vater er­leb­te durch den Glau­ben dann eine Wen­dung, auch po­li­tisch, und ver­trat seit­dem kon­ser­va­ti­ve Stand­punk­te. Sol­che Men­schen gibt es ei­ni­ge in mei­ner Ge­mein­de. Aber mit­un­ter pre­di­gen sie eine un­po­li­ti­sche Hal­tung, die eine nicht sehen lässt, wel­che re­ak­tio­nä­re Agen­da sich da­hin­ter ver­birgt. (Immer be­lieb­ter, auch durch den Ein­fluss vie­ler Stu­dent*innen der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten, wird die An­wen­dung ka­pi­ta­lis­ti­scher Phra­sen bi­bel­ge­mäß um­klei­det: Gott in­ves­tiert in uns, wir sind in einem Wett­lauf, Ge­winn brin­gen, die Ge­mein­de als ,,Bank“ Got­tes, etc.)

Ge­strit­ten haben wir uns schon über die Rolle der Frau im Ge­mein­de­le­ben, über Mus­li­me und all diese The­men, die äl­te­re weiße Her­ren vor­ge­ben, weil sie sich das ge­ra­de in ihrer kon­ser­va­ti­ven Zei­tung an­ge­le­sen haben.

Dies­mal strit­ten wir über Ho­mo­se­xua­li­tät. Ich hatte erst mit mei­ner Freun­din dar­über ge­re­det; sie ist wie viele an­de­re in der Ge­mein­de auch schwu­len-und les­ben­feind­lich, wes­halb ich ihr noch nicht von mir er­zählt habe. Die­ses ,,noch nicht“ sind nun sechs Jahre und sie dabei der sta­bils­te Mensch in mei­nem Leben (ich kenne sie, seit ich 10 bin). Wie ich mich also damit fühle, kann viel­leicht nach­voll­zo­gen wer­den. Sie wird lang­sam nach­denk­li­cher im Um­gang mit dem Thema und ich frage mich, was ich ihr er­zäh­len kann. Aber an die­sem Tag bringt sich ihr Vater ein. Er macht keine lan­gen Um­schwei­fe, er ver­gleicht Ho­mo­se­xua­li­tät mit Pä­de­ras­tie/Pä­do­phi­lie. Er zeigt mir einen alten Spie­gel-Ar­ti­kel on­line, in dem er­wach­sen­ge­wor­de­ne Kin­der aus ihrer Kom­mu­ne be­rich­ten und er­zäh­len, wie schön sie den Sex mit Er­wach­se­nen fan­den. Men­schen sind sün­dig, sagt er und wür­den lie­bend­gern den sün­di­gen Zu­stand wäh­len, egal wie gut es ihnen tat­säch­lich tut. Ich werde wü­tend. Er wisse genau, dass das nicht ver­gleich­bar sei, dass es bei Pä­de­ras­tie um ein Macht­ge­fäl­le geht. Er zuckt die Ach­seln und sal­ba­dert wei­ter. Die Ehe sei nur für Mann und Frau. Warum?, frag ich. Naja, wegen den Kin­dern, meint er und ver­sucht jetzt den bio­lo­gis­ti­schen Weg. Nur ein Mann und eine Frau kön­nen Kin­der be­kom­men. Ich ant­wor­te: Was ist mit Män­nern und Frau­en, die keine Kin­der be­kom­men wol­len oder kön­nen, dür­fen die dann nicht hei­ra­ten? Na­tür­lich, doch, meint er, ist ver­wirrt, aus dem Kon­zept ge­bracht und statt dem nach­zu­ge­hen, wen­det er IGNO­RANZ an und kehrt zu­rück zur Pä­de­ras­tie.

Ich koche vor Wut. Ich weiß, dass ich we­nigs­tens bei mei­ner Freun­din was zum Rol­len ge­bracht habe, denn sie stellt of­fe­ne Fra­gen und em­pört sich auch dar­über, dass die Ge­mein­de sol­che Men­schen aus­schlie­ßen würde. Aber das bringt nichts. Meine Ge­mein­de ist so he­te­ro­norm, Ho­mo­se­xua­li­tät wird nicht­mal er­wähnt, nie nicht, denn sowas darf es ja nicht geben. Nur ein­mal hat ein ame­ri­ka­ni­scher Pre­di­ger in einer Ju­gend­kon­fe­renz dar­über ge­re­det; aber wie un­ge­wohnt das war, zeig­te sich schon daran, dass sein Über­set­zer ganz er­schro­cken re­agier­te, als er das Wort ,,Ho­mo­se­xua­li­tät“ über­set­zen muss­te. Über die ame­ri­ka­ni­schen Evan­ge­li­ka­len kann ich nur sagen: We­nigs­tens reden sie dar­über. Wobei ich hier nicht zu der Ver­harm­lo­sung von Hass bei­tra­gen möch­te. Aber es ist noch­mal was an­de­res, wenn im ge­mein­d­ein­ter­nen Dis­kurs be­stimm­te Sa­chen ge­nannt sind statt dass es sie ein­fach nicht gibt und so auch keine Mög­lich­keit, dar­über zu reden.

Am nächs­ten Tag war ich bei mei­ner Lieb­lings­fa­mi­lie essen. A*, eine Frau in mitt­le­ren Jah­ren, hatte sich seit ei­ni­ger Zeit mit mir an­ge­freun­det, mich häu­fig ein­ge­la­den, ich hatte auf ihre kran­ke Toch­ter bei deren Schul­land­heim auf­ge­passt; es be­stand ein enges Band zwi­schen uns. Sie war eine der we­ni­gen Men­schen, denen ich noch zu­hö­ren konn­te, wenn sie über Gott und ihren Glau­ben er­zähl­ten, ohne Kopf­schmer­zen zu be­kom­men.
Sie hatte viele an­de­re Men­schen ein­ge­la­den, u.a. zwei junge Men­schen, Arzt­kin­der, in mei­nem Alter, die ich von frü­her kann­te und frü­her schon nicht ge­mocht habe. Was ich dann er­leb­te, war eine ge­schla­ge­ne Stun­de Mob­bing von den zwei­en, vor der ver­sam­mel­ten Runde, ohne dass ir­gend­wer ein­griff. ,,Grund“ war mein Vega­nis­mus. Ich weiß wirk­lich nicht, warum Men­schen schon öf­ters mit der­ar­ti­gen Hass­ti­ra­den re­agier­ten; aber was die zwei mir boten, war vom Ek­ligs­ten. Es gip­fel­te ir­gend­wann in dem Streit der Ge­schwis­ter dar­über, ob ich denn des­we­gen ab­ge­nom­men hätte, die Schwes­ter mein­te: Ja, na­tür­lich, und ihr Bru­der rief aus: ,,Was, sie war noch di­cker als jetzt?“
Die zwei sind ein­fach ek­li­ge Men­schen und ich war kurz davor, in Trä­nen aus­zu­bre­chen. Schlim­mer wurde es, als diese gin­gen und A* mein­te, das Pro­blem wäre ge­we­sen, dass ich das mit mir habe ma­chen las­sen und dass sie an mei­ner Stel­le ein­fach ganz cool re­agiert hätte und ver­sucht, ihnen kei­nen Wind zu geben. Das sagte sie mir als Zu­schaue­rin, die kein Wort ge­sagt hatte zu den bei­den und sogar hin und wie­der amü­siert ge­we­sen war. Sie war jetzt noch amü­siert. Und als ob das nicht genug ge­we­sen wäre, fing eine gute Freun­din von mir, die eben­falls da­bei­ge­ses­sen hatte, im Zwei­er­ge­spräch dann an, dass SIE halt die Ge­schwis­ter liebe und ich mein Selbst auf­ge­ben müsse.

Klingt wie eine For­mel, oder?

Ich er­zäh­le euch ge­ra­de aus dem Ge­sche­hen einer sek­ten­ähn­li­chen Ge­mein­schaft und ihr braucht In­for­ma­tio­nen, um nach­voll­zie­hen zu kön­nen, wel­che macht­vol­len In­stru­men­te die Aus­drü­cke ,,Ge­schwis­ter lie­ben“, sein ,,Selbst auf­ge­ben“, ,,das Kreuz auf sich neh­men“ sind. Es sind Aus­drü­cke, die nicht ein­fach zur völ­li­gen Pas­si­vi­tät in Streit­fäl­len auf­ru­fen. Sie brin­gen dich dazu, auch noch dank­bar dafür zu sein. Wenn dich Ge­schwis­ter also be­lei­di­gen oder ver­let­zen, musst du erst­mal zu Gott ren­nen, ihm das ab­ge­ben und auch jedes ver­letz­te Ge­fühl. Du musst er­dul­den, was dir ge­schieht. Regst du dich auf, ist das nur der Be­weis, dass du immer noch in dei­nem ,,alten Selbst“ lebst und nicht Chris­tus ,,an­ziehst“. Und Be­lei­di­gun­gen und An­stö­ße sind per se gut für dich, weil du ge­prüft wirst, ob du im­mer­noch ,,im Geist“ oder in dei­nem Selbst bist.

Das Ganze ist nichts an­de­res als In­stru­men­ta­ri­um für Dik­ta­tu­ren; die For­de­rung zur Nächs­ten­lie­be in die­ser Form ein Mit­tel, die Men­schen­her­de ge­duckt zu hal­ten, Hier­ar­chi­en zu be­wah­ren und Men­schen auf Dauer zu be­schäf­ti­gen mit ihrem ,,in­wen­di­gen Bösen“, damit sie nicht nach außen schau­en oder gar Ana­ly­sen an­stel­len.
Victim Bla­ming in Rein­form, mir vor­ge­hal­ten von zwei der wich­tigs­ten Men­schen, die es in der Ge­mein­de für mich gab. Was das in mir aus­lös­te, war mir noch nicht klar; ich zog mich ins Wohn­zim­mer zu­rück, um eine Weile für mich zu sein und wein­te unter der Decke. Am nächs­ten Mor­gen, nach einer Ge­mein­de­ver­samm­lung, die ohne jede Be­deu­tung für mich war, stand ich erst al­lei­ne und ver­lo­ren in der gro­ßen Halle herum; in mei­nem Kopf schwirr­te es, ich fühl­te, wie die letz­ten gro­ßen Pfei­ler mei­ner jah­re­lan­gen Über­zeu­gun­gen und Hoff­nun­gen ein­stürz­ten, aber nicht ein­fach mein Glau­be kam zu einem Ende, son­dern mein Platz in einem so­zia­len Ge­fü­ge, in dem ich jah­re­lang zu­hau­se war, ja das ich zehn Jahre lang mein ein­zi­ges Zu­hau­se ge­nannt habe. Durch eine Un­stim­mig­keit zwi­schen mei­nen Gast­ge­ber*innen, die dazu führ­te, dass ich wie­der zwei Stun­den ohne Essen da­ste­hen würde, fing ich einen Streit an; ich woll­te ein­fach nur weg, woll­te nach Hause und nicht in der Kan­ti­ne war­ten, in der es kein Essen für mich gab. Ich woll­te weg von den Bil­dern, die mich ver­damm­ten, von all den glück­li­chen gläu­bi­gen Men­schen um mich herum in­mit­ten ihrer Fa­mi­li­en. Ich wurde nicht ernst­ge­nom­men, also rann­te ich weg und brach dann in einem der Ba­de­zim­mer zu­sam­men.

Vie­les mag er­schre­ckend klin­gen, was ich hier schrei­be, wieso war ich da über­haupt und sei froh, dass du da nicht mehr bist. Be­son­ders Athe­ist*innen ver­ste­hen dann nicht, und es ist ihr gutes Recht, es nicht zu ver­ste­hen. Und noch un­ver­ständ­li­cher ist, wie­viel ge­sche­hen muss­te, bis ich ver­stand, wel­che Ge­walt an­de­re und ich mir damit an­ta­ten.

Dass mir per se als Mensch, die ich in die Ge­mein­de mit 14 Jah­ren kam, Heim­kind das ich war, nicht ver­traut wurde, er­fuhr ich erst zwei Jahre nach mei­nem An­fang dort, nach einer Zeit vol­ler En­ga­ge­ment von mei­ner Seite aus, mit re­gel­mä­ßi­gen Be­su­chen aller mög­li­chen Ver­samm­lun­gen, mit­tels einer Per­sön­li­chen Un­ter­re­dung (PU wurde das mehr oder we­ni­ger scherz­haft ge­nannt) durch einen der Ge­mein­de­äl­tes­ten. Dass ich mich schon mehr an­stren­gen müss­te und mich end­lich ,,für die Ge­mein­de“ ent­schei­den müss­te. Das von einem Men­schen, der mich nicht kann­te, mich nicht­mal ge­grüßt hatte bis­her.
Es war auch mit 16, wo meine De­pres­sio­nen an­fin­gen, schlimm zu wer­den. In den Schü­ler- und Ju­gend­ver­samm­lun­gen saß ich außen, meine Trau­rig­keit schreck­te die Men­schen ab, nie­mand be­merk­te es, wenn ich mit­ten unter ihnen zu wei­nen an­fing und ihre Freu­de, ihre Aus­ge­las­sen­heit und die Tat­sa­che, dass sie eine größ­ten­teils ho­mo­ge­ne Grup­pe waren, mach­ten es mir noch schwe­rer. Hin und wie­der weg­zu­blei­ben wäre aber keine Lö­sung ge­we­sen, denn dann hätte ich noch mehr an Ver­trau­en ver­lo­ren, an christ­li­cher Credi­bi­li­ty. „Zu­hau­se“ er­war­te­te mich dann mein Heim, wo ich schon etwas län­ger zu einer Au­ßen­sei­te­rin ge­wor­den bin, die mit den meis­ten an­de­ren Kin­dern nicht klark­am.

Es war viel­leicht in mei­nem fünf­ten oder sechs­ten Jahr in der Ge­mein­de, wo ich durch ein ein­zi­ges Mäd­chen, das neu war, in die Ge­mein­schaft in­te­griert wurde, ein­fach nur da­durch, dass sie mich wahr­nahm, mit mir re­de­te, sich mit mir an­freun­de­te. Ich weiß nicht, ob ich als ein­zi­ge Tür­kin und Heim­so­zia­li­sier­te eine Art Ali­en-Tat­too auf der Stirn hatte, ich weiß nicht wieso die an­de­ren mich jah­re­lang igno­rier­ten. Aber sie sah mich und sie brach­te mich hin­ein. Meine ,,Glau­ben­s­kar­rie­re“ be­gann, ich bekam viele Freun­de und be­gann bald zu denen zu ge­hö­ren, die oft ,,Zeug­nis­se“ in der Ver­samm­lung gaben (Be­rich­te über Er­leb­nis­se mit Gott oder Ge­bets­er­hö­run­gen, Bi­bel­ver­se, die eine be­rüh­ren). Ich lern­te nun viel schnel­ler die gan­zen Codes, in­ter­na­li­sier­te sie, lern­te mich aus­zu­drü­cken, wie es auch die gan­zen ,,su­per­geist­li­chen“ Ge­schwis­ter taten.

In der Zwi­schen­zeit ver­lor ich auf­grund von Geld­man­gel meine Woh­nung, aus der dar­auf­fol­gen­den WG wur­den ich und ein Mit­be­woh­ner von dem in­säs­si­gen Pär­chen her­aus­ge­ekelt, ich droh­te auf der Stra­ße zu lan­den. Es gab eine PU mit allen Ge­mein­de­äl­tes­ten. Ich werde das nie ver­ges­sen. In einer Ge­mein­de, die ein Ge­mein­de­haus vol­ler Bet­ten be­sitzt und in der es viele Men­schen aus der Mit­tel­schicht gibt mit ei­ge­nen Häu­sern und Gäs­te­zim­mern, ich werde nie ver­ges­sen, dass mir ge­sagt wurde, es gäbe kei­nen Platz für mich. Und ich werde nie ver­ges­sen, dass dann das Wort ,,Ob­dach­lo­sen­heim“ aus­ge­spro­chen wurde und dass nicht ein Ge­mein­de­äl­tes­ter da­ge­gen pro­tes­tier­te, son­dern erst nach einer gan­zen Weile eine äl­te­re Frau, die da­bei­saß und das nicht mit­an­hö­ren konn­te.

Und wie immer, wenn etwas Schlim­mes in mei­nem Leben ge­sche­hen ist, konn­te ich es an­fangs noch nicht be­grei­fen und war oft­mals noch dank­bar für das We­ni­ge, was ich be­kom­men konn­te. Es wurde eine an­de­re Lö­sung für meine Lage ge­fun­den; ich, der­weil ab­ge­ma­gert, weil ich in der schwie­ri­gen Zeit nicht­mal mehr Geld für Essen ge­habt hatte, freu­te mich ein­fach nur wie­der daran, Essen zu haben und satt zu wer­den und Men­schen um mich zu haben, die mich an­lä­cheln. Ich war so re­du­ziert in all mei­nen Be­dürf­nis­sen, dass es nicht­mal weht­at, als die Men­schen mir Kom­pli­men­te mach­ten, weil ich zehn Kilo ab­ge­nom­men hatte. Sogar meine De­pres­sio­nen ver­schwan­den, es war, als hätte mein Kör­per den Not­schal­ter um­ge­legt.

Was ich fühl­te, war Dank­bar­keit und ich drück­te diese aus, indem ich mich noch enger an die Ge­mein­de band und mich noch mehr an­streng­te. In den nächs­ten drei vier Jah­ren würde ich die schöns­te Zeit er­le­ben, die Zeit, in der ich wirk­lich an­ge­kom­men war in­mit­ten der an­de­ren. Ich konn­te Frie­den ma­chen mit dem, was in der Bibel stand, es wurde mein Leben, ich ließ es mich be­herr­schen, mich er­freu­en, jede Mi­nu­te war mei­nem Glau­ben ge­wid­met. Ich flog auf der Welle des sym­bo­li­schen Reich­tums, der sich mir er­öff­ne­te, ich fand Mit­tel und Wege, meine Schmer­zen in Ka­nä­le zu lei­ten, um sie zu er­leich­tern, ich fand neue Freu­de. Ich rich­te­te meine Zu­kunft­wün­sche auf ein Leben in der Ge­mein­de aus, auf einen Part­ner, den ich hier tref­fen würde, hei­ra­ten, um ge­mein­sam ein Boll­werk für die an­de­ren Men­schen zu sein. Ich ver­lieb­te mich stän­dig neu in ,,Brü­der“, ich ver­lieb­te mich lange, ver­stärkt durch den Ge­schlech­ter­se­pa­ra­tis­mus und die ri­gi­den Re­geln er­fuhr ich üb­ri­gens nie, ob diese Ge­füh­le er­wi­dert wur­den.

Aber es gab auch die an­de­re Seite. Ab 16, 17 be­gan­nen mich schlim­me Träu­me in der Nacht zu quä­len. Ich weiß nicht, ob das die Art meines Kör­pers war, mit dem düsteren Sym­bo­lis­mus in der Bibel um­zu­ge­hen und wie dieser Symbolismus in meiner Gemeinde zelebriert wurde. Ich träum­te davon, von Dämonen be­ses­sen zu sein, Träu­me die sich fort­setz­ten, eine Ge­schich­te ent­wi­ckel­ten. Es waren nicht ein­fach Alp­träu­me. Es be­gann freund­lich mit so ner Art Ge­fühl, aus dem Kör­per zu schwe­ben, es war ein Glücks­ge­fühl, das schöns­te und ir­ri­tie­rends­te, was ich wohl je ge­fühlt habe. Doch ir­gend­wann wen­de­te sich das Blatt, und das Un­be­kann­te be­gann mich zu quä­len. Es fuhr in mich, be­setz­te mich, riss an mei­nem Kör­per herum wie an einer Mario­net­te; ich werde den Hor­ror nie­mals ver­ges­sen, nie­mals die Angst. Nie­mals das Ge­fühl, wie real es sich an­fühl­te und wie wach ich es er­leb­te. Vom un­be­kann­ten Sche­men in den An­fangs­träu­men an ge­wann es an Form, bis es Ge­sich­ter bekam, die Ge­sich­ter und Kör­per von Frau­en.

Ich ver­lieb­te mich in eine Frau. Es war Ende De­zember 2006; ich be­such­te ein Essen in der Halle, vol­ler Vor­freu­de über einen jah­re­lan­gen Schwarm, den ich dort sehen würde. Ein biss­chen Katz und Maus spie­len fand ich reiz­voll, also ging ich den Men­schen­grup­pen aus dem Weg, und fand eine Be­kann­te von mir im Ess­zim­mer sit­zen. Sie war nicht al­lein; sie saß da mit einem Mäd­chen das ich bis­her nur ent­fernt kann­te. Ich be­grüß­te sie, small­talk­te. Wäh­rend dem Reden wurde ich mir be­wusst, was für ein of­fe­nes Ge­sicht sie hatte, jun­gen­haft, an­dro­gyn, mit wil­den blon­den Lo­cken. Sie be­ein­druck­te mich. Ich ging nach Hause und die zuvor star­ke Fi­xiert­heit auf den Typen war wie weg­ge­bla­sen, ich hatte ihn sogar ver­ges­sen. Ich war glück­lich und wuss­te nicht wieso. Und erst ein paar Tage spä­ter würde ich rea­li­sie­ren, was da ge­ra­de pas­siert war. Und es würde mich um­wer­fen und nicht los­las­sen, und das in einer Zeit, in der ich end­lich in der Ge­mein­schaft an­ge­kom­men war. Und es würde dazu bei­tra­gen, die Ge­mein­de zu hin­ter­fra­gen, aber bis mir das mög­lich war, würde es mich sogar noch stär­ker an sie bin­den, im Glau­ben, durch Hin­ga­be Ab­so­lu­ti­on zu er­fah­ren.

Zu der Freun­din, die zu mei­ner In­te­gra­ti­on maß­geblich bei­ge­tra­gen hat: Zwei Jahre lang hatte sie sich für das Ge­mein­de­le­ben auf­ge­op­fert, die per­fek­te Schwes­ter, mit immer vol­lem Gäs­te­tisch zu­hau­se, vol­ler Dienst­bar­keit an­de­ren Men­schen ge­gen­über; immer ver­nach­läs­sigt, was sie sel­ber wünsch­te. Es war kein Wun­der, dass sie un­glück­lich wurde. Sie freun­de­te sich mit einem Mann an, der neu in der Ge­mein­de war. Was dann be­gann, war Ruf­mord an ihr, Ge­schich­ten, die ru­mer­zählt wur­den und sie ver­leum­de­ten. Aber nicht nur dass die Ge­schich­ten er­fun­den waren, war wich­tig, son­dern dass diese sich um Sex dreh­ten, um Sex, den eine er­wach­se­ne Frau hatte oder nicht hatte. Ich be­griff erst spät was los war, und sie pack­te schon ihre Kof­fer, als ich es in sei­ner gan­zen Kon­se­quenz rea­li­sier­te. Ich war wie er­starrt, ich bat sie zu blei­ben und ich wuss­te doch, was ihr da an­ge­tan wor­den war.

Diese Dinge sind alle ge­sche­hen und sind erst nach und nach in mei­nem Be­wusst­sein zu Er­leb­nis­sen an­ge­reift, die mich aus­ein­an­der­ris­sen. Am An­fang stand da die­ser Wunsch, da­zu­zu­ge­hö­ren, ein­fach nur Teil des­sen zu sein. Wie groß er ge­we­sen sein muss­te und wie­viel Schö­nes auch pas­siert ist, dass ich das Ne­ga­ti­ve manch­mal sogar ver­gaß, kann ich nur ahnen; und dass mir eine Wahl ge­fehlt hat, all das trägt dazu bei, dass diese schlim­men Er­leb­nis­se ihre de­struk­ti­ve Kraft nur lang­sam ent­fal­ten konn­ten. Ich bin ver­ant­wort­lich dafür, in was ich mich da ge­bracht habe, ver­ant­wort­lich dafür, nicht frü­her nein ge­sagt zu haben, ver­ant­wort­lich für das, was ich durch mein Schwei­gen ak­zep­tiert habe. Teil einer so­zia­len Dy­na­mik, die Men­schen re­ak­tio­nä­ren Bil­dern über Mensch­lich­keit und Liebe und Leben und Ge­sell­schaft un­ter­wirft, sie dar­auf trimmt, ihre ,,frohe Bot­schaft“ auf der Welt zu ver­brei­ten, mit dem Be­kennt­nis nicht zu­frie­den ist, son­dern auch die Her­zen, die Ge­dan­ken, die In­stink­te zu be­set­zen und zu be­herr­schen an­strebt; jeden Zen­ti­me­ter Mensch, der zur Ver­fü­gung steht.

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