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Vorschlag zu einer Neusortierung der Feminismen

Realsatire nach Kongressbesuch ;-)

 

Kleine Vorrede: Ich schätze männliche Allies und Feministen sehr, da mir aber für diese die Datenbasis fehlt, da ich nicht genügend kenne, bezieht sich dieser Text tatsächlich auf Feministinnen.

Aus gegebenem Anlass – also im Klartext – weil es schon überfällig ist zu sagen, dass es überfällig ist, möchte ich eine Neu-Sortierung der Feminismen vorschlagen. Eine, die den Problemen des Wellenmodells gerecht wird, die Intersektionalität mitdenkt und die -wie ich hoffe- manche Kommunikationsprobleme zwischen den Lagern lindern könnte. Um dies alles in einem Schlag zu schaffen, erscheint mir die eleganteste Lösung an genau diesen Kommunikationsstilen anzusetzen. Einteilungen nämlich, die anhand der Ziele oder Etappenziele Feminismen unterteilen wollen, so haben wir gesehen, sind nicht in der Lage, Streit wirklich zu erklären. Fem101 propagiert das; doch Konflikte zwischen Feminist_innen sind meines Erachtens selten Zielkonflikte. Einteilungen wie das Wellenmodell laufen bei Missverständnis im Umgang mit Modellen Gefahr, Generationenkonflikte zu überzeichnen. Daher folgender Ansatz:

Nach Beobachtung der Struktur inner-feministischer Streits komme ich zu folgendem Pattern

Es gibt drei gleichrangige und gleich wertvolle Stile des Feminismus.

1) Die Parallelist_innen

2) Die Strukturalist_innen

3) Die Habermas-Bastion

(Reihenfolge ist willkürlich, nicht historisch und nicht wertend)

Leitfrage bei der Analyse ist immer „Was ist feministische Gesellschaftskritik?“ oder kurz und intersektionaler: „Was ist Kritik?“

 

1. Die Parallelist_innen

Was ist (feministische) Gesellschaftskritik für Parallelist_innen? Die Parallelist_in beginnt ihre Kritik damit, sich ein Paralleluniversum zu designen – daher der Name. Sie überlegt zunächst welche Normen und Werte ihr wichtig sind, welche sie hochhalten möchte. Das kann im Sinne eines kategorischen Imperativs geschehen; muss aber nicht. Sie kann in der Situationsanalyse etwas fordern, das eine allgemeine Regel sein sollte. Sie kann aber auch aus anderen Quellen die Sicherheit gewinnen, dass ein Wert oder eine Norm die hier richtige ist. Um selbst kritikfähig und selbstkritikfähig zu bleiben errichtet sie in der Regel gleich eine Vielzahl Paralleluniversen, im elaboriertesten Fall bis hin zu einem ganzen Netz an möglichen besseren Welten; die eine an der anderen Stelle besser als die andere an der einen. Diese Parallelwelten nutzt sie sodann zur genaueren Bestimmung der Situation auf dem Planeten Erde. Das Netz der Parallelogramme ermöglicht ihr dabei allerhand Winkel zu eröffnen, aus denen heraus sich die Analyse immer neu konstruieren lässt. Mit besonderer Raffinesse zeichnet sie auch die Paralleluniversen ihrer Mitblogger_innen im Kopf nach, um diese zu „verstehen“, wie sie dabei glaubt. In 99% der Fälle aber steht der Planet Erde schlechter da. So kommt sie zu dem Schluss: „Die Welt müsste SO sein (wie Parallelwelt X)“. Einen Kompromiss zu schließen, bedeutet für die Parallelistin demnach zuzulassen, dass mensch sich mit der anderen Partei wenigstens auf die Ankathete zu X kreuzt Y einigen kann. Praktische Handlungsanweisungen kann sie nur in den seltensten Fällen geben. Typische Beleidigungen gegenüber Parallelist_innen sind daher aus der Wortgruppe „verklärt, idealistisch, abgehoben“ oder klingen wie der Klassiker: „SO funktioniert die Welt aber nun mal nicht!“.

(Fachsprache: Primat der Theorie)

Slogan: Eine bessere oder gar gute Welt ist vorstellbar.

 

2. Die Strukturalist_Innen

Was ist Kritik für Strukturalist_innen? Die Strukturalist_in entscheidet sich zunächst für das, was man in den Sozialwissenschaften „teilnehmende Beobachtung“ nennt: Sie hockt dabei und denkt. Nachdem sie aus einer Intuition heraus, oder aber weil sie einen Geistesblitz hatte, beschlossen hat, dass sie sich das jetzt lange genug angeschaut hat, spricht sie. Weniger um etwas zu sagen, sondern vielmehr, um erst mal zu erfühlen, wie die Anderen denn so reagieren. Das schärft die Intuition für die Situation noch mehr. Ganz gewitzt „die Lage checken“: Dabei wird lediglich gecheckt, an welchen Stellen das System, das man beobachtet noch fragil genug ist, um es zu erschüttern; herausfinden, wo die Stellschrauben sind, an welchem Faden das Kartenhaus der sozialen Situation noch hängt. Eine Strukturalist_in, die einen schlechten Tag hat, erkennt man dementsprechend daran, dass sie in eine Diskussion einfach nur „FEHLSCHLUSS“ reinruft; und dann ins Stottern gerät, wenn man sie nach ihrer Position fragt. So weit war die Analyse noch nicht. Allgemein wird ihr gerne vorgeworfen, sie hacke nur auf den Meinungen anderer rum, und liefere nie ihre eigene Meinung der Kritik aus. Innerhalb des Soziolog_innen-Milieus ist sie die typische Foucault-Butler-Leser_in. An guten Tagen aber schafft sie als selbstgewählte Dauer-Externe genau den Faden reißen zu lassen, an dem der Streit hängt. In solchen kostbaren Momenten wird die Gewalt ihrer scharfen Analysen gelegentlich geschätzt.

(Fachsprache: Primat der Praxis)

Slogan: Eine bessere Welt ist möglich.

 

3. Die Habermas-Bastion

wird mit ihrer Vorstellung von Kritik nie fertig. Auf der nicht enden wollenden Suche nach einem idealen Diskurs ist sie jedes Mal wieder enttäuscht, wie solche Diskussionen ablaufen. Unabhängig davon, was sie denkt, ist sie daher gewillt, sich in die Waagschale zu schmeißen, die den Diskurs ausgeglichener macht. Sie erklärt sogar Posts der Gegenpartei, damit diese sich nicht missverstanden fühlt und auch ihr Recht gehört zu werden bekommt. Sie ist die typische Leserin der „friedfertigen Frau“ (Mitscherlich), achtet auch die übrigen toten (Gott hab sie selig) Ikonen des Feminismus und wird als Kosmopolit_in oft von Weltschmerz heimgesucht. Häufig ist sie so sehr damit beschäftigt die Debatte zu moderieren, dass sie ihre eigene Meinung, die eigenltich äußerst interessant und fundiert gewesen wäre, gar nicht mehr äußert (weil sie bei mehr als vier Posts Angst hat, sie würde die Debatte zu sehr dominieren). Durch dieses große Talent zur Vermittlung aber gelingt es ihr immer wieder zu zeigen „Ihr meint eigentlich dasselbe“ (Subtext an schlechten Tagen: „Bitte meint doch einfach dasselbe!“). Kritik ist für diese Frau immer eine Kritik daran, wie wir miteinander umgehen. Spielerisch leicht verbindet sie utopische Phantasien mit lebenspraktischen „klärenden Gesprächen“; immer wieder verblüfft sie uns mit ihrer synergetischen Aura. Ein Streit ohne sie, wäre ein verlorener Streit. Typische Beleidigungen an die Habermas-Tante sind: „Bemutternd, gluckenhaft“ oder aber „konfliktscheu, harmoniesüchtig“.

(Fachsprache: Primat der Emanzipation)

Slogan: Eine gute Welt ist mög

 

Wie alle Typologien bringt auch diese hier Überschneidungen mit sich und ich bin immer wieder überrascht wie flexibel manche Blogger_innen zwischen diesen Stilen wechseln können, während andere regelrecht dafür berühmt sind auf ihrem Stil zu beharren. Eisern. Bis Blut fließt.

 

In jedem Fall, so weit der ernsthafte Teil dieses Posts, würde es sich lohnen, gemäß der postmodernen Philosophie über eine Einteilung der Feminismen entlang ihrer diskursiven Stile nachzudenken. Dies könnte wesentlich ertragreicher sein, als sie (ggf. fälschlicherweise) nach Zielkonflikten zu sortieren und diese damit zu überspitzen. In jedem Fall erscheint es mir sinnvoller als eine Einteilung entlang der Schwerpunktthemen, da jede thematische Sortierung (in den meisten Fällen entlang der Dimensionen von Ungleichheit oder aktuellen tagespolitischen Ausformungen dieser) im Zuge der Intersektionalitäts-Debatte von Auflösung bedroht ist.

Was bleibt ist also die Frage der Methode und dem daraus folgenden Argumentationsstil und dem daraus folgenden Methodenstreit.

 

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