Schlagwort-Archiv: Philosophie

Die feindliche Außenwelt (Teil 1)

Vielleicht gleich zu Beginn: Ich bin nicht so recht überzeugt, von der Idee der „feindlichen Außenwelt“. Dieses Konstrukt, dass ein Äußeres – wahlweise im Mainstream, Kapital, Bürgertum etc. – und ein Inneres – z.B. im Sub, in politischen Strukturen – definiert, erscheint dadurch seine politische Berechtigung zu haben, dass es aufgebrochen wird. So kann ich beispielsweise heute als Lesbe verhältnismäßig offen leben, da andere vor mir den Schutz des Subs verlassen haben. Gerade in der Schutz-Funktion liegt die persönliche Berechtigung der Teilung. Welche wiederum natürlich politisch ist, doch das tatsächliche Ziel ist halt die „nicht mehr Notwendigkeit“ des Schutz-Gebiets. Gerade diese Differenzierung macht das Sprechen darüber schwierig: Die persönlichen Bedürfnisse und die politischen Ziele wiedersprechen sich, doch liegt gerade darin der politische Sinn: Eben weil gerade dieser Widerspruch zwischen der Wesentlichkeit des Schutzes des Inneren und der Notwendigkeit von dessen Aufbruch das Überhaupt der Politik offenlegt.

Das Überhaupt der Politik liegt für mich in der Problemlösung von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Egal ob es um Krieg, Gesetzgebung, Naturschutz, Ethik oder „Stimmungswandel“ geht, immer sind es Probleme zwischen und in Menschen, die das Thema auf’s Trapez bringen. Politik ist nichts weiter als eine riesen große Selbsthilfegruppe. Das größte Problem dieser Selbsthilfegruppe ist jedoch, dass wir deren Selbsthilfegruppehaftigkeit nicht sehen (wollen). Stattdessen reden wir lieber über andere, als über uns selbst oder eben diese „Anderen“ reden zu lassen. Das macht unsere Selbsthilfegruppe zu einer schlechten. Indem wir glauben Politik wäre ein „neutrales“ Gebiet, schaffen wir es nicht nur, die vorgefundene Probleme nicht im einvernehmlichen Miteinander anzugehen, sondern wir grenzen auch noch bewusst diese aus, indem wir die Politik für Betroffene der einzelnen Themenfelder, unbetretbar machen, z.B. durch fehlende Triggerwarnungen (Seitenhieb).

Doch mit dem Auflösungswunsch der Fehlinterpretation der Politik als neutral, stoßen wir auf das eingangs genannt Problem: Die Neutralitäts-Doktrin verlangt nach einem Schutz des Inneren gegen die Politik als Äußeres, denn ohne „Neutralität“ lässt sich im als politisch verstandenen Milieu kein Blumentopf gewinnen (RW) und so bleibt die Betroffenheitsperspektive allzu häufig im Schutzgebiet – um ihr trotzdem Gehör zu verschaffen, betreiben wir häufig Stellvertreter_innenpolitik. Die hart erarbeiteten Strategien der Betroffenen werden so „neutral“ wie möglich in die feindliche Außenwelt getragen. Damit dies weitestgehend möglich ist, ist es gerade zu notwendig, dass das Innere sich geeint gibt und die Konflikte des inneren Kreises nicht in die feindliche Außenwelt trägt. Doch ist nicht das Ziel, dass die Außenwelt nicht mehr feindlich ist? Wie lässt sich dieser Wiederspruch auflösen? Wird es den Moment geben, an die Außenwelt wohlgesonnener wirkt? Oder ist es vielmehr ein Raum nehmen, der die Außenwelt verändert?

(Dazu kommt vorraussichtlich irgendwann ein Fortsetzung, aber zunächst hoffe ich auf eine tolle Diskussion.)

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/06/die-feindliche-aussenwelt-teil-1/

Als ob, Simmel!

Ich studiere Philosophie um das Denken zu erlernen. Mit Begeisterung habe ich somit Seminare zu Argumentationstheorie und Logik besucht und mich auf die Gedankengänge verschiedener Philosophen gestürzt.Trotzdem begleitet mich bei meinem Studium eine Angst: Scheißt mir mein Studium ins Hirn?
Es ist eine Sache, dass ich zufällig nur Einzelwerk-Seminare von Philosophen besucht habe – irgendwie habe ich es versäumt, mich für Seminare zu Philosophinnen zu begeistern (und die thematischen Seminare waren „erstaunlich“ männerlastig). Die andere Sache ist jedoch, dass es Äußerungen gibt, die entweder nachvollziehbarer klingen als sie sind oder so widerlich, dass ich mir wünschte, sie nie gelesen zu haben.

Zu letzterer Sorte gehört Georg Simmel. Mit „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ ist er standardmäßig in vermutlich jedem Reader zur Kulturphilosophie vertreten. Leider wurde in jedem meiner Seminare zur Kulturphilosophie vergessen zu erwähnen, dass er zwischen „Kultur“ und „weiblicher Kultur“ differenziert und somit die ersten 3 Worte seines populären Aufsatzes „Daß der Mensch…“ vermutlich nicht auf eine Personengruppe verweist, die wir heute unter Menschen geneigt sind zu verstehen.

Als „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ 1911 erschien, folgte auf diesen Text im gleichen Band der Aufsatz „Weibliche Kultur“. Ebenso im gleichen Jahr erschien „Das Relative und das Absolute im Geschlechter-Problem“. Simmel war verhältnismäßig aufgeschlossen gegenüber Frauen, so dass mit „Weibliche Kultur“ auf die 1. Frauenbewegung einging. Die 2. Frauenbewegung dankte es ihm mit der Wiederentdeckung für den Differenzfeminismus (s. dazu Ursula Menzer „Subjektive und objektive Kultur“).

Simmel lässt sich durchaus als Differenzfeminist lesen, besetzt er doch Frauen mit von ihm positiv gedachten Eigenschaften – sie ruhen in sich selbst – und lobt das Haus als die große Kulturleistung der Frauen. Genauso lässt er sich jedoch als geschickter Verteidiger des Patriarchats lesen: So ist das Haus eben auch besonders geeignet für die Frau, da es mit ihren „natürlichen“ Eigenschaften gut zusammen passt.

Ich könnte jetzt Seitenweise Beispiele bringen, für ihm „entfläuchte“ Widerlichkeiten, möchte jedoch meine geneigten Leser_innen nur auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam machen: Auch wenn die hier erwähnten Veröffentlichungen ziemlich genau 100 Jahre her sind, sind seine Gedankengänge nicht verschwunden. Zum Beispiel die „Frauen sind selber schuld“-These, wenn es um Lohn geht. Hierzu schrieb Simmel:

Frauen haben vielfach ihre niedrigere (>269) und billigere Lebenshaltung benutzt, um die Männer zu unterbieten, und damit eine Verschlechterung des Standardlohnes herbeigeführt, so dass im allgemeinen die Gewerkvereine die Verwendung der weiblichen Arbeitskraft in der Industrie aufs bitterste bekämpfen.
Einige Gewerkvereine nun, z. B. Baumwollweber und Strumpfwirker, haben einen Ausweg gefunden durch Einführung einer Standardlohnliste für sämtliche auch die kleinsten Teilfunktionen der Fabrikarbeit. Diese werden ganz gleichmäßig bezahlt, mögen sie von Männern oder von Frauen ausgeführt werden. Wie von selbst nun hat sich durch diesen, zunächst nur zur Beseitigung der Konkurrenz zwischen Männern und Frauen erdachten Modus eine Arbeitsteilung herausgebildet, derart, dass die Frauen die ihren Körperkräften und ihrer Geschicklichkeit adäquaten Funktionen für sich gleichsam monopolisiert haben, den Männern die ihren Kräften zusagenden überlassend.“ (Quelle)

Foto einer Demonstration der Suffragetten. Auf einem schlecht eingefügten Banner steht "Weniger Lohn!".

Als ob! (Demo im März 1910, Quelle)

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://takeoverbeta.de/2012/05/als-ob-simmel/