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„Theoretisch“ feministisch, nur leider ohne Geld (Rant?)

Bei der Mädchenmannschaft hat Melanie eine Zweitausgabe ihres Artikels „Qualifikation: kinderlos, wünschenswert: totale Verfügbarkeit“ veröffentlicht, welchen ich im Ganzen gar nicht kritisieren möchte – vor allem, da sie den Schlussworten gemäß meine Kritik daran wohl teilen wird – sondern nur eine Formulierung und damit einhergehende inhärente Positionierung. Diese wiederum begegnet mir gefühlt häufiger, nur selten so klar formuliert:

Melanie berichtet von Ihrer Jobsuche, die sich als Mutter aufgrund von Vorurteilen und Arbeitszeitregelungen schwierig gestaltet. Unter anderem hat sie sich bei einer „ – theoretisch – feministische[n] einrichtung“ beworben. Das „theoretisch“, wird nachfolgend im Artikel klarer, ist dem geschuldet, dass die Teilzeitstelle extrem flexible Arbeitszeiten voraussetzt, welche sich für die vorher beschäftigte Arbeitnehmerinnen anscheinend nicht mit dem vermeintlichen Mutter-Dasein verträgt. (Das „anscheinend“ nur weil Bewertung der Kündigung aus Dritter-Hand (nicht Melanie, sondern die Gesprächspartnerin) und das “vermeintlich” im Sinne von Fremd- und Selbsteinschätzung)

Feministische Arbeitsplatzgestaltung ist eine Geldfrage. Um geregelte Arbeitszeiten stellen zu können, müssen genügend Arbeitskräfte beschäftigt werden, damit Tätigkeiten außerhalb der Arbeitszeitregelungen abgedeckt werden. An Arbeit für die zusätzlichen Arbeitskräfte mangelt es in der Regel nicht (einer der Gründe warum gerade bei Vereinsstellen 50% der Zeit bezahlt werden und der Rest…), wohl aber am Geld das zu finanzieren, gerade im „sozialen“ Bereich. Ist zudem der Trägerverein des Projekts nicht enorm groß, sondern eben ein beispielsweise feministisches Projekt, ist es schon ein riesen Ding überhaupt eine Stelle anbieten zu können – und dann auch noch außerhalb von Mini- und Midijobs.  Um das zu verstehen, reicht es vielleicht, sich bewusst zu machen, dass die Finanzierung solcher Projekte eigentlich immer wackelig ist. Was wenn die Finanzierung plötzlich zusammenbricht (plötzlich ist dabei ein realistisches Szenario), aber der Arbeitsvertrag noch läuft? Woher dann das Geld nehmen? Wie den Arbeitnehmer_innen Sicherheit bieten?

Häufig entwickeln sich diese Stellen auch noch aus ehrenamtlichen Zusammenhängen und sind häufig zusätzlich „symbiotisch“ mit Ehrenamt und/oder Ehrenamtlichen verbunden. Heißt: Die Stellen sind überhaupt schon eine Errungenschaft, wenn auch nicht unbedingt gut bezahlt, aber eben immerhin bezahlt, werden und sind unterstützt durch ehrenamtliche Zeit und hinzukommen die politischen Fragen. Zum Beispiel: Welche Arbeit kann vertretbar ehrenamtlich erfolgen und welche vertretbar bezahlt? Das feministisch zu begründen ist die Hölle, aber eben Teil der praktischen feministischen Arbeit.

Anhand eines anderen Beispiels wird das vielleicht deutlicher: Neben der Teilzeit-Geschäftsführungsstelle gibt’s eine Mini-Aushilfsstelle für das Reinigen der sogar vorhandenen Räumlichkeiten.  Wie hoch soll der Stundenlohn für diese Aushilfe sein? So hoch, wie der der Geschäftsführung oder andersherum? Gibt’s eine Abstufung des Lohns nach Marktwert? Gibt’s eine Abstufung des Lohns nach Möglichkeiten nebenher anderen Beschäftigungen nachzugehen? Oder…? Wie vertragen sich all‘ diese Fragen mit den jeweiligen Finanzen?

Diese Fragen werden sich vermutlich ähnlich auch in sozialpädagogischen feministischen Projekten stellen, vielleicht auch nicht genauso. Doch – und darauf kommt’s mir an – „theoretisch-feministisch“ sind diese mitnichten, sondern eben praktisch, mit und in der Welt, die sie umgibt.

Was nicht bedeutet, dass die Lösungswege cool sind. Was nicht bedeutet, dass diese nicht kritisiert werden sollen und dürfen. Doch – und da sind all diejenigen gefragt, die es leisten können – an den Lösungswegen muss gearbeitet werden. Gerne in den bestehenden Projekten, gerne in neuen.

Diese Arbeit aber vermisse ich, das darüber Nachdenken, wie sich Projekte realisieren lassen. Wie sich die Bedingungen verändern lassen und diese zu verändern. Das ist kein theoretisches Problem, sondern ein praktisches.

(Ich habe bereits mal über eine ähnliches gelagertes Thema vor einigen Jahren geschrieben: Solidarität ist nicht essbar).

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