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Über die unmögliche Möglichkeit als Feministin zu lieben -Bekenntnisse einer Wölfin

Trigger-Warnung: Sexuelle Gewalt, Vergewaltigung, Prostitution

 

Wenn es um Liebe geht, war ich oft eine Defaitistin. Die Liebe, größtes Symbol der romantischen Verklärung, ist eine der letzten großen Insignien der Macht, die uns bei der Stange halten, uns auf die Suche schicken, uns umtriebig machen. Wozu lieben? Wie?

 

In letzter Zeit sind Bücher dazu erschienen: Von Eva Illouz “Warum Liebe weh tut” und das weniger bekannte, aber meines Erachtens bessere „Das Ende der Liebe – Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit“ von Hillenkamp. Ich bin froh, dass darüber geredet wird. Und ich glaube, dass dieses Thema bisher unterschätzt wurde in seiner Bedeutung für den postmodernen Feminismus; ja vielleicht war dies sogar die Stelle, an der sie uns alle abgehängt haben?

 

Die Vagina-Monologe etwa propagieren, dass meine Vagina mir gehört und dass ich sie mag und viel Freude mit ihr habe – doch gleichzeitig, und deshalb mochte ich dieses Theaterstück nie – bleibt es dabei eine Frau* zu entwerfen, die ihre Vagina liebt um dafür einen Mann* oder eine Frau* zu lieben. Es vermittelt subtil (wahrscheinlich sogar unfreiwillig?) die Botschaft: „Meine Vagina gehört mir, damit ich sie dir – als Zeichen der Liebe – schenken kann“.

Der ökonomische Zirkel des Tauschens ist damit geschlossen. Die Rede von asymmetrischen Machtkonstellationen wie die der unerfüllten Liebe, von Missbrauch und betrogen und verlassen Sein kann beginnen. Der Betrug, all die Zeit, die ich in dich investiert habe; diese Wort rekurrieren auf eine ökonomische Logik, auf eine Logik der Wahl, wie Illouz sagt, auf eine Illusion des freien Aus-handel-ns (Hillenkamp). Und diese Logik befiehlt, meine Vagina freizugeben, idealiter in einem gerechten Tausch mit einer ehrbaren Kauffrau, die mich wiederliebe.

Selbst das Gefühl, beraubt worden zu sein, das sich nach einer Vergewaltigung einstellt, entspricht dieser Ökonomisierung der Vagina. Die Formulierung „Er hat sich etwas genommen, das ihm nicht zusteht, das ihm nicht freiwillig gegeben wurde“ zeigt uns an, dass die Vagina im Netz des Tauschhandels verstrickt ist, dass sich die Vergewaltigung daher wie ein Diebstahl beschreiben lässt.

Meine Vagina gehört mir – und Eigentum ist Diebstahl, wie die Kommunist_Innen sagen. Io sono mia (=“Ich gehöre mir“ – berühmter Slogan der italienischen Frauenbewegung) ist ein Besitzanspruch, wie der Kapitalismus ihn vorschreibt.

 

Jemandem seine Liebe zu schenken ist ein unmöglicher Vorgang, wie Derrida sagen würde. Es ist ein Ereignis. Das beginnt schon damit, dass es durchaus kompliziert ist, jemandem etwas wirklich zu schenken, als Gabe zu lassen. So erläutert Derrida in „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen“, dass das Spezifikum der Gabe schließlich sei, dass sie das ökonomische Prinzip des Tauschens durchbricht. Es handelt sich nur dann um eine Gabe, wenn ich nichts dafür zurückverlange. Sonst ist ein Geschenk kein Geschenk. Der Dank zerstöre daher die Gabe, da der Dank sich als eine solche Gegenleistung darstellt und das Präsent wieder in die Logik der Ökonomie zurückdrängt. Das sich unmittelbar einstellende Gefühl des Dankes verunmöglicht die Gabe. „Es ist die Unmöglichkeit des Ereignisses, die das Maß für seine Möglichkeit gibt. Die Gabe ist unmöglich, und nur als unmögliche kann sie möglich werden. Es gibt kein ereignishafteres Ereignis als eine Gabe, die den Tausch, den Gang der Geschichte, den Kreislauf der Ökonomie unterbricht.“ (S.29; Merve-Ausgabe). Und wie könnte mensch der Liebe gegenüber undankbar sein?

 

Diese unmögliche Möglichkeit also muss es sein, die die Liebe von der alltäglichen Prostitution, die eine gescheiterte Gabe ist, die den ökonomischen Kreislauf nicht durchbricht, unterscheidet. Wenn die Liebe ein Geschenk ist, habe ich mich mein Leben lang nur prostituiert. Prostituiert für dich, für Geld, für den Hausfrieden, für deine Liebe, damit du bleibst, damit du gehst, damit du mich magst, damit ich die Miete zahlen kann; all das gerät in dieselbe Reihe – nichts davon bleibt erhaben.

Die Diskriminierung von Prostituierten und all das falsche Mitleid lässt sich so durch eine andere Brille sehen: Das einzige, was die/der Prostituierte anders macht, ist, dass der Tauschhandel der Liebe durch die Gegenleistung des Geldes (statt oder ergänzend zu dem Dank) dort offensichtlich gemacht wird. Bei dem stellvertretenden Hass und der peniblen Distanzierung von der Prostitution handelt es sich so betrachtet nur um eine einfache Projektion einer Gesellschaft, die nicht wahrnehmen möchte, dass sie aus Prostituierten besteht. Bis auf diese seltenen kostbaren Momente, diese unmöglichen Ereignisse der Liebe als Geschenk. Liebe ist kein Gefühl, sie ist ein Geschenk. Sie durchbricht den ökonomischen Teufelskreis der Inflation, durch die deine Küsse immer weniger wert werden.

 

Dich zu lieben ist mir unmöglich. Und nur so kann ich dich lieben. In dieser unmöglichen Möglichkeit vor dir glaubhaft zu bekunden: Ich liebe dich.

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King Kong Theory – Virginie Despentes

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Prostitution – Pornografie – Feminismus – Patriarchat – Klassismus – Kapitalismus – feministische Literatur

Kommentatorin* Ada hatte zu meinem Wünsch dir was-Artikel kommentiert, ob ich nicht etwas zu Virginie Despentes, etwa ihrem Buch King Kong Theory schreiben wöllte. Also habe ich es mir ausgeliehen und allerhand Notizen gemacht. Wegen selbiger Notizen wird dieser Artikel auch eher eine längliche Zusammenfassung als eine richtige Rezension.
Dabei muss ich erwähnen, dass Despentes relativ provokativ-verallgemeinernd schreibt. Das hat zur Folge, dass die Lektüre interessanter ist, als bei einem trocken gehaltetenen Buch, aber auch, dass ich sie teils wörtlicher genommen habe, als Aussagen zu verstehen waren und das erst in späteren Kapiteln bemerkt habe. Auch hat sie ihre Gedanken absatzweise gesammelt. Das heißt, es gibt zwar mehrere große Kapitel, nach deren Überschrift sie die Themen wählt, aber innerhalb des Kapitels spricht sie je über einen Teilaspekt und geht dann relativ assoziativ zum nächsten. Dadurch kommt es zu den thematischen Sprüngen innerhalb nur weniger Seiten. Aber lest selbst.
Ich zähle die Seiten runter, auf denen ich gerade bin. Trigger Warnung ab Seite 33 bis Seite 43.
Von mir zusammengefasste Aussagen der Autorin (keine Zitate!) sind kursiv.

S.18 Despentes erscheint stark, unabhängig und in ihrer Meinung gefestigt und betont trotzdem stark, dass sie nicht schön/begehrenswert für Männer* ist. Verwirrung.

S.19 Stark femininer Look soll als Entschuldigung dienen fürs Intelligent- und Unabhängig-Sein? Ahem. Unabhängigkeit der Frau* wird als bedrohlich wahrgenommen? Okay, da gehe ich mit.
Dann würde ich die erste Aussage allerdings so umformulieren, dass von Frauen* erwartet wird, sich feminin zu kleiden, “wenn man sie schon ernst nehmen soll” – also von ihnen erwartet wird, nicht aus ihrer zugewiesenen Rolle zu fallen.

Hier wird schon ein großes Problem des Buches deutlich. Es gibt Männer und es gibt Frauen. Ende. (Absichtlich kein Stern.) Homosexualität ist bis zu einem gewissen Grad mitgedacht, denke ich, aber Menschen, die sich außerhalb der Geschlechterdualität verorten … gar nicht. Und trotz nicht völliger Ignoranz gegenüber Homosexualität geht es eigentlich ausschließlich um das Spannungsfeld zwischen Männern* und Frauen*.

S. 20

Pretending that men and women got on better before the 1970s is a historical lie. We just saw less of each other.

S.21 Haushalt und Kinderaufzucht wurden in den 1970ern nicht revolutioniert.

S.22 Von Müttern wird verlangt, dass sie auf magische Weise alles über Kindererziehung wissen. Der alles überwachende Staat ist nur eine Erweiterung davon und hält Menschen in einer infantilen Phase o.ô (ich hänge mich hier offensichtlich etwas an der Formulierung auf). Dies wird verbunden mit einer Kapitalismus-Kritik, die besagt dass Konsument*innen machtlos und gehorsam gehalten werden sollen. (S. 23)

S.24 Thema: inzwischen werden Männer* und Frauen* in den Krieg geschickt:

The real polarisation is along class lines.

Der väterliche Blick kann seiner Tochter klar machen, dass sie außerhalb des sexuellen Marktplatzes existiert. Hell to the fucking no. Why? Whut?
Despentes ist hier äußerst in männlichen und weiblichen Rollenbilder verhaftet, vor allem im Glauben, dass ein Geschlecht automatisch ein bestimmtes Rollenbild vermittelt. Die heterosexuelle Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) wird nicht in Frage gestellt. (Alle sind cis und binär.)
Class scheint sie einen höheren Stellenwert als Race beizumessen.

S.25 Männer* müssen ihre Femininität und Frauen* ihre Maskulinität unterdrücken.
Despentes hat also auch die männliche Perspektive im Blick.

S.26 Der Kapitalismus will uns alle infantilisieren (“Staat als Mutter*”), so dass Männer* genau so gefangen sind, wie Frauen* es bereits sind.
Diese ganze Sprache von Menschen, die im Kapitalismus wie Kinder bleiben sollen ist ugh. Hätte mich wahrscheinlich weniger gestört, wenn klarer ausgelegt worden wäre, in welch krasser Abhängigkeit derzeit Kinder gehalten werden. (Statt das allgemeine Verständnis vorauszusetzen, dass Kinder nicht für sich selbst sorgen können.)

TRIGGER WARNUNG

S.33 Sie spricht davon, wie sie nicht das Wort “V.” benutzt hat, weil Menschen dann anfangen, dich zu kontrollieren (d.h. Victim Blaming zu betreiben) und Bilder des “typischen” Opfers heraufbeschworen werden.

S.35 Sie begreift/schreibt wie sie V. als Risiko das Haus zu verlassen begriff (die V. abzuwerten hilft ihr, ihre V. als etwas managebares zu begreifen.)
Ist leider Bullshit. Sicher, das Haus zu verlassen bedeutet als Frau* automatisch mit Street Harassment rechnen zu müssen, leider blendet diese Darstellung aber sexualisierte Gewalt in den engsten Beziehungen, die man hat, aus. Die laut Statistik sehr häufig sind. Mit anderen Worten: häusliche Gewalt/Missbrauch in intimen Beziehungen ist definitiv kein zentrales Thema dieses Buches.

S.40 Sie wünschte, es gebe ein Anti-V.-Kondom. Da wir in einer traurigen Welt leben, gibt es das inzwischen.

Ich hätte mir gewünscht, dass Despentes noch ein wenig mehr auf die gesellschaftliche Ebene geht. Sie verfolgt einen Stil, der sich meist wie folgt liest: “Männer* denken dies, Männer* machen das.” Das ist sehr polemisch gehalten und macht es manchmal schwer zu unterscheiden, ob sie gesellschaftliche Tendenzen verdeutlichen will oder die Aussage wörtlich meint.

S.41 Mein O-Ton: Weird shit on why women who have been r***d are good hookers :/ “Men like the scent.”
“R***¹ is about power.”
Na ja, V. ist halt auch eine Gesellschaft, die keine Ahnung hat, was Consent ist (später geht sie noch etwas darauf ein).

S.42 “R***¹ is the exclusive male domain”. Wrong. Ja, sehr stark in die Richtung neigend, aber halt nicht richtig. Testosteron schaltet nicht das Urteilsvermögen aus. Korrekt.

S.43 Frauen sind mehrheitlich masochistisch, damit sie mit der Machtverteilung besser klarkommen, aber es hält uns fern von Macht. *starkes räuspern*

S.48 Thema: Prostitution. Der Ehevertrag und der “Prostitutionsvertrag” stehen in Verbindung miteinanader.

S.54 Frauen* werden durch Prostitution gebrandmarkt, ein Freier zu sein ist normal, marginalisiert nicht.

S.63 Geld (für Sex) bringt Unabhängigkeit und lieber Hure als in einer Ehe sein für Geld. Eine mächtige Frau* ist beunruhigend, weil sie, nicht wie eine schöne Frau*, kein Verfallsdatum hat.

S.65

The prostitution transaction – “I pay you, you satisfy me” – is the basis of the heterosexual contract. It is hypocritical to pretend, as we do, that this transaction is foreign to our culture.

Die Verbannung und Regulierung von Prostitution schafft unsichere Arbeitsbedingungen, begünstigt Missbrauch. Medial werden die Ärmsten, Eingeschleppten ausgeschlachtet, um die Diskussion zu beeinflussen.

S.69

Masculine sexuality is not in itself an act of violence against women, as long as they are consenting and well paid.

S.72 Thema: Pornographie. Wait “men”? Frauen* schauen keine Pornographie? Ah doch, später neutral.

S.74 Leute lehnen Pornographie ab, weil sie unmittelbar vermittelt, was die eigenen Turn-ons sind, ohne dass man das Gehirn zwischenschalten kann.

S.75 Wir erwarten von Pornos “echt” zu sein, während niemand diesen Anspruch an Film stellt.

S.78 Pornodarstellerinnen wird verunmöglicht, sich in irgendeinem anderen Zusammenhang zu äußern oder zu verwirklichen. Unabhängigkeit durch Geld und weiblich sein: böse.

S.80 Verbot von Pornofilmen in den frz. Kinos, weil sie zu erfolgreich war. Lust darf spielerisch nur von den Reichen ausgeübt werden. Zu viel Erleben von Lust könnte Arbeiter*innen vom Arbeiten abhalten.

S.82 Mein O-Ton: Weirde Theorie, dass Männer* Porno-Darstellerinnen so anziehend finden, weil sie sich wie Männer* im Frauen*körper verhalten: immer Sex wollend. Und dass “realer” Sex dies nicht hergibt … aber welcher Mann* will so viel Sex?!

Weiblicher Orgasmus als Performance-Zwang: vom male gaze beansprucht, d.h. 1) Frauen* müssen kommen, sind sonst frigide. 2) Der Orgasmus soll von einem Mann* verursacht werden, nicht Masturbation. (Homosexualität, anyone?)

S.84 Über Frauen*, die Masturbation “langweilig” bis unnötig finden und sich einen Mann* wünschen, der sie zum Orgasmus bringt:

What relationship can you have with yourself if you systematically hand your genitals over to someone else?

S.95

For a man, not loving women is an attitude. For a woman, not loving men is pathological.

Sonderbare oppression olympics zwischen “Frauen* unterdrückt durch Männer*” und was “Weiße über Schwarze” sagen.

S.97 Victim blaming.

S.98

The thing is that those of us at the top are those of us who have become the allies of the powerful. [...] The women most able to accept masculine domination are obviously those given the jobs because it is still men who admit or exclude women.

Femininer Style als generelles Zeichen der Unterwerfung. Ahm.

Thema: Was Femininität für unsere Kultur bedeutet.

S.113 Es gibt keine großen neuen Entdeckungen/Werke über das Männliche, immer die gleiche Show.

Alles in Allem kann ich nicht viel dazu sagen, wie ich das Buch fand, weil es für mich sehr unnatürlich ist, Notizen beim Lesen zu machen und es mich massiv ablenkt. Einige der obigen Zitate bzw. generelle Punkte im Buch finde ich sehr bedenkenswert. Wie ich schon schrieb: die plakative Schreibweise macht es einerseits interessanter zu lesen, andererseits wird nicht immer ganz klar, ob es nur Übertreibung ist oder der feste Standpunkt der Autorin.
Ich hoffe, dass die Zusammenfassung dennoch hilfreich ist.
[Edit]Und wichtig zum Schluss: für das Buch selbst muss ich eine Trigger-Warnung aussprechen, da sie, wie sich wahrscheinlich erahnen lässt, über eigene Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt schreibt.

1 Von mir verfremdet, im Original ausgeschrieben.[/Edit]

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