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Einführung in die Antipsychiatrie

 

Aus gegebenem Anlass

 

1.) Triggerwarnung für alle sog. “ableistischen” Begriffe aus dem Bereich „Psychose / Psychiatrie“, die mir gerade einfallen

2.) teilweise RANT!

 

 

Guten Abend ihr Irren,

ob das ein Reclaim sei, wurde ich gefragt. (Reclaim = Rückeroberung eines momentan stigmatisierenden oder beleidigenden Begriffs durch wiederaneignende Selbstbezeichung der betroffenen Gruppe.)

Nicht ganz. Es ist viel einfacher als ein Reclaim. Es ist die Wahrheit, denn:

 

wir irren allesamt, nur jede[_r] irrt anders. 

  • G.Lichtenberg

 

Nur haben das einige, die nachdem ich von Wahn sprach, regelrecht wahnsinnig geworden sind, nicht so wahrgenommen. Die allgemeine Fetischisierung des Verstands und der Rationalität nämlich ist es, die das Irren um seine neutrale, wenn nicht sogar positive Konnotation bringt. Damit ist dann auch jede Wertschätzung der Psychose dahin.

 

Dabei ist es das Irren, das den menschlichen Geist wachhält. Da ihr euch so sehr von eurer Kultur habt verrückt machen lassen, könnt ihr euch das vielleicht schon gar nicht mehr vorstellen, aber die Kulturgeschichte zeigt: Bevor das Wort „Psychose“ erfunden wurde, nannte mensch es wahlweise „Weisheit, Hellsehen, vom Allgeist / Kosmos erfüllt sein, Orakel, großes Erwachen, u.ä.“. (Übrigens: Diesen historischen Wandel von der Vergötterung zur Verachtung des Wahns beschreibt Foucault in seinem Hauptwerk „Wahnsinn und Gesellschaft“.) Es war mal mit großer Wertschätzung verbunden. Und diese Wertschätzung zeige ich auch gegenüber Eve Ensler.

 

Um zum Ausganssatz zurückzukommen: Da will euch eine Frau erzählen, man könne den „Kollektivkörper von negativen Energien bereinigen, indem man im Tanz tranceartig alle guten Mächte zu sich ruft“. Hallo? Ihr wollt mir absprechen, dass das psychotisch ist? Gehts noch? Da tauchen unsichtbare Mächte, Energiefelder und kollektive Gedächnisinhalte auf; alles drei Dinge, die ihr, wenn ihr gerade nicht besseres zu tun hättet als mich anzukotzen, in die sogenannte Esoterik-Abteilung stellen würdet. Da ich aber nicht psychose-feindlich bin, zolle ich dieser Frau großen Respekt. Denn der einzige Unterschied zwischen dem gängigen Gebrauch des Wortes „Wahn“ und meiner Verwendung des Begriffs ist, dass die Masse Ensler nicht wahnsinnig nennt, weil ihr so viele glauben. Und das ist ein Fehlschluss. Ich hingegen nenne es auch dann Wahn, wenn Menschen in mehr als 200 Ländern auf diese Psychose einsteigen. Gerade weil Enslers psychotisches Gedankengut genial ist. Weil es den menschlichen Geist erwachen lässt, und offensichtlich viele Menschen dazu verführen kann, endlich mal von ihrer sog. Ratio abzulassen. Denkt ihr das schafft jede_R Irre? Bei Gott (= noch so ne Kollektiv-Psychose = imaginäres Wesen, dessen Existenz nicht nachweisbar ist, aber vorgibt ein guter Gesprächspartner zu sein, obwohl er nicht antwortet), das ist eine wahnsinnig geile Spitzenleistung!

 

Wir dürfen also nicht aufhören, etwas Wahnsinn zu nennen, nur weil viele Leute es glauben. Gerade dann sollten wir damit anfangen. Weil es eine große Fähigkeit bezeichnet, die Fähigkeit Sinn zu produzieren. Denn dieser Fehlschluss ist es, der im schlimmsten Fall dazu führt, dass nur noch Menschen, die eine Minderheitenposition vertreten als Irre im negativen Sinne abgestempelt und psychiatrisch eingeschlossen werden. Dabei sind wir alle zur Sinnstiftung fähig; wir irren allesamt. Dieser Fehlschluss ist es, der uns vergessen lässt, dass Wahnsinn und Genie zusammenhängen, dass Erkenntnis nicht ohne Irren geht. Wir leben in einer Gesellschaft, die die kleinen Leute „irre“ nennt und die großen Leute „genial“, obwohl beides dasselbe ist.

Und da mache ich nicht mit. 

Macht ihr auch nicht mit! Dreht den Spieß mit mir um: Nennt jede_n und alles „irre“, der/die/das weit oben steht und den Dingen Sinn gibt!

 

Ihr wärd dabei in bester Gesellschaft:

  • Erich fromm tut es: „Wege aus einer kranken Gesellschaft“, weil die Masse geisteskrank ist; nicht nur die Minderheit.
  • Foucault tut es.
  • Das Sozialistische Patienten Kollektiv tut es.
  • Thomas Bock aus der Trialog-Forschung tut es.

Es gibt kaum einen Bereich der Psychose-Forschung, der so gut ausgebaut ist, wie dieser, der endlich verstanden hat, dass gerade die Psychose Sinn macht. Irren produziert Sinn. Irren geht über die Ratio hinaus. Irren schafft es mehr zu produzieren als nur verständig zu reproduzieren.

Sei kein Feigling, irre mit mir. Schrei mit mir „IHR seid die Irren“, wenn du mal wieder von irgendeiner geisteskranken Scheiße betroffen bist. Wenn dein Leben keinen Sinn hat, irrst du zu wenig und nicht zu viel. Lass dich wahnsinnig machen. Mach mich wahnsinnig. Produziere SINN !

Das Problem sind nicht die Irren da draußen. Das Problem ist, welchen Irren geglaubt wird. Aber wenn du nicht mit uns irrst, stehen deine Chancen, dich in deinem Sinne gegen epistemische Gewalt zu wehren eben bei Null. Wahnsinn von sich zu geben ist eben die einzige Art, den Diskurs am Ansatz der epistemischen Gewalt, zu treffen. Nur durch geisteskrankes Zeug können wir den historischen Apriori ans Schienbein treten und neuen SINN produzieren.

Also hör auf mich zu langweilen und werd endlich irre.

 

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