Schlagwort-Archiv: Rassismus

Die letzte EMMA: Warum es jetzt echt reicht

Dieser Text erschien auch im Geschlechterchaos

Ein Leser*innenbrief an die EMMA, der nie abgeschickt wird, weil ich will, dass ihn alle lesen können und nicht nur die, die bestimmen, ob er abgedruckt wird

[Vormerkung: Teilweise sind die Texte der EMMA auf die ich mich beziehe, verlinkt. Die Wortwahl dort ist in keinster Weise sensibel. Sie verharmlosen/verleugnen u.a. Rassismus-Erfahrungen und negieren alles außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit. Weitere Kritikpunkte in meinem Text. Achtet auf euch, wenn ihr die Links anklickt.]

Werte EMMA-Redaktion,
Werte Frau Schwarzer,

Was bitte haben sie sich dabei gedacht?

Mit Entsetzen habe ich das Editorial und den bzw. die Artikel „Krieg gegen Frauen“/“Krieg unter Frauen“ in der aktuellen Ausgabe der EMMA Januar/Februar 2013 gelesen.

Der Artikel, dessen zwei Teile sich auf den Berliner Sl*twalk 2012 und die Rassismus-Vorfälle bei der 5-Jahres-Feier der Blogplattform Mädchenmannschaft beziehen, steht seit längerem online bis zu dem Absatz in dem es heißt, dass „akribisch recherchiert“ wurde. Was ich dann allerdings las, lässt mich ernsthaft daran zweifeln, ob wir dasselbe Verständnis von Recherche haben.
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Feminism mit Schmerz und Schwarzer

Meine Timeline auf Twitter las sich vorgestern so: Allgemeine Empörung(tm) von Feministinnen*. Auf @radioeins wurde behauptet, es gäbe ja eh nur Alice Schwarzer die in Deutschland wirke und nach ihr keine andere Feministin*.

Die Wut einiger darüber kann ich sehr gut verstehen. Bei anderen ist mein Mitgefühl begrenzt.

Liebe Feministinnen*, die ihr euch unbeachtet fühlt: Kritik an Schwarzer ist bäräh-chtigt, das wissen wir alle. Aber bevor ihr euch vornehmlich an ihr abarbeitet, also an einer, an der das echt ne leichte Aufgabe ist; eine die offen zu Rassismen wie der Forderung nach ,,Assimilation” steht und den Islam als Bedrohung für die Zivilisation darstellt; achtet doch darauf, wo ihr selber daran mitwirkt, andere Menschen innerhalb der Bewegung auszugrenzen und unsichtbar zu machen. Das ist etwas, woran wir alle noch arbeiten müssen. Ich auch. Und das ist auch etwas, was vielen Menschen wehtut. Und nicht nur Schwarzers Variante.

Schwarzer zu kritisieren ist easy. Ich hab das auch schon geschafft. Aber was wir lernen müssen und was schwieriger ist: Sich selber der Kritik stellen. Nicht mit Beißreflexen reagieren. Oder genauso schwierig: Lernen, die eigenen Freund*innen zu kritisieren, wenn sie failen. Denn wir alle haben den Bullshit verinnerlicht.

Stellt euch vor, ich hätte gestern einigen geantwortet, wie mir und anderen Menschen beim Thema Klassismus geantwortet wurde. Ich gehe dabei mal darauf ein, was Nadia v.a. in ihrem Artikel an die taz schrieb und der von vielen gefeiert wurde (und nein, Nadia, ich lasse hier mal nicht los). ,,Die Schwarzer kämpft für euch da draußen, während ihr es hier in eurer Bubble schön kuschlig habt.” Stellt euch vor, ich hätte gesagt auf euer Bemühen hin, Formen von Rassismus sichtbar zu machen: ,,Es gibt ja eh fast nur deutsche Feministinnen* in der feministischen Bewegung.” Das wäre nicht okay gewesen. Ihr wäret zu Recht wütend geworden. Und dann hätte euch noch jemensch gesagt: Sag das bitte netter, sonst provozierst du ja nur, dass ich dir nicht zuhöre. Das hat Antje Schrupp gebracht.

Nein, mensch kann Rassismus und Klassismus nicht gleichsetzen. Muss ich auch nicht. Klassismus IST eine Form von Ausgrenzung und ist für viele unter uns spürbar. Und niemand muss dazu Bourdieu studiert haben, um das zu wissen. Ich weiß, wie emanzipatorisch Bildung sein kann; ich weiß, wie wichtig mir gerade als von Rassismus Betroffene Bildung gewesen ist und noch immer ist. Aber es bleibt dabei: Wichtig ist, nicht stehenzubleiben dabei, sondern diese Form von Ermächtigung zu reflektieren.

Nadia schreibt in etwa: Wenn die EMMA mich nicht braucht, brauche ich die EMMA und Alice Schwarzer auch nicht.
Seriously, Nadia? Ich mein, mit der Schwarzer gebe ich dir zu 100% Recht; ich find die scheiße. Aber was denkst du, wie es mir mit dir geht?

Eine Feministin zitierte vor kurzem Flavia Dzodan von Tiger Beatdown, die schrieb:

,,My feminism will be intersectional or it will be Bullshit. /
Mein Feminismus wird entweder intersektionell sein oder er ist Bullshit.”

Oder Vegans of Color, in deren Blogtitel steht:

,,Because we don’t have the luxury of being single-issue.” /
Sinngemäß etwa: Weil wir nicht den Luxus genießen, uns nur mit einer Form von Diskriminierung beschäftigen zu können.

Wieso schreib ich das alles. Ich habe heute einen Brief von der EMMA bekommen. Vor zwei Monaten oder so habe ich mein Abo gekündigt und den Grund dafür in meiner Mail angegeben: Rassismus.

Die EMMA schreibt:

,,Wir sind sicher, dass Ihnen Ihr Abonnement der Zeitschrift EMMA viel Freude bereitet und wertvolle Informationen vermittelt hat.”

Bullshit.

Ich bin im ,,Frauenkirche”-Verteiler. Gestern gingen antimuslimische Emails rum, die von der ,Mehrheit muslimischer Männer” redeten, die alle ihre Frauen* schlagen. Und dass ja Änderung nur von den “intellektuellen europäischen Zirkeln” ausgehen würde. Ich reagiere und bekomme die Abwehrreaktionen eurozentrischer Elitengläubigkeit. Zitat: ,,Antimuslimischen Rassismus lasse ich mir nicht vorwerfen!” und ,,die Eliten müssen anfangen … Es waren auch die Eliten, die zur Aufklärung geführt haben!” und dass muslimische Frauen in Europa das Glück haben, das ihnen hier Bildung offensteht: ,, (wenn es ihre Eltern zulassen!!!)!”

Und das von Feministinnen*. Wieder und wieder.

Bullshit.

Das alles ist kein Hobby von mir oder anderen. Die letzten Wochen sind voll gewesen mit dieser Scheiße. Ihr regt mich auf.

- – -

Ellenlanges Derailing wird erst gar nicht veröffenlicht.

Crossposted bei Rumbaumeln.

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Die linke Presse entdeckt die Mädchenmannschaft

Eigentlich sollten wir uns freuen: Die linke Printpresse berichtet über Frauenbewegungs-/feministische Konflikte! Die Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen, praktischen, sozialen und politischen Fragen aus Perspektive der unterschiedlichen feministischen Strömungen ist eine sehr reiche, welche jedoch leider kaum Beachtung findet. Doch das diese kaum Beachtung der renommierten (linken) Presse findet hat System und es hat auch System, wenn diese plötzlich Aufmerksamkeit erlangt.

Prinzipiell sind die verschiedenen links-verorteten Bewegungen im beständigen Richtungsstreit. Irgendeine Gruppe redet immer mit irgendeiner anderen Gruppe der scheinbar gleichen Bewegung nicht, immer gibt es Vorfälle, die zu größeren Auseinandersetzungen führen. Meist ist es so, dass die Obrigkeit (welche auch immer) nicht ein Auge darauf werden soll, weshalb nicht berichtet wird. Doch gerade im anti-istischen Bereich gilt diese Annahme selten. Vielmehr ist hier die Frage, ob die jeweiligen anti-istischen Bewegungen in ihrem Streit gerade zweckdienlich zum „Wohle“ der anderen linken Aktionsfelder instrumentalisiert werden können.

Jungle World und taz berichten zurzeit über einen Richtungsstreit der Mädchenmannschaft. Die Mädchenmannschaft, als wichtigster feministischer Blog im deutschsprachigen Raum, hat jede Aufmerksamkeit seitens der feministisch-positionierten Menschen verdient. Schließlich wird sie es sein, die in den feministischen Geschichtsbüchern genauso stehen wird wie die Emma. So wird die Mädchenmannschaft auch beständiger Kritik seitens der verschiedenen feministischen Strömungen und Aktivist_innen ausgesetzt. Das ist wichtig, denn wie die Mädchenmannschaft sich positioniert, wird später als die dominante Strömung der feministischen Blogosphäre ausgelegt werden. Quasi zwangsläufig wird ein Richtungsstreit innerhalb der feministischen Blogosphäre anhand der Mädchenmannschaft eskalieren. Der Umgang mit dieser Eskalation als Ausdruck eines bestehenden Konflikts ist die politische Pflicht der Mädchenmannschaft, da sie der meistgelesene feministische Blog sind. Es gibt daraus kein Entrinnen, auch wenn diese vielleicht damit unglücklich sind.

Diese Eskalationen können in verschiedenen Bewegungen nachgelesen werden, eben immer auch anhand der wichtigen Gruppen. So eskaliert beispielsweise die Auseinandersetzung mit verschiedenen –ismen innerhalb der Lesbenbewegung regelmäßig anhand des Lesbenfrühlingstreffen (siehe beispielsweise “In Bewegung bleiben”). Alice Schwarzers Rassismus ist wichtiger, als der jeder anderer Feministin, aufgrund ihrer gesellschaftlichen Präsenz. Und wenn Luise F. Pusch einen cissexistischen Sprachgebrauch befürwortet, brennt der Richtungsstreit der anti-istischen Linguistik. Doch keine dieser Beispiele schaffte es, in der linken Printpresse derartig rezensiert zu werden. Was also ist jetzt anders?

Angeblich geht es um einen Richtungswechsel bei der Mädchenmannschaft, welcher durch die rassistischen Vorfälle auf der Geburtstagsparty zum 5-jährigen Jubiläum notwendig  wurde. Richtungswechsel gab es jedoch bereits vorher. Als beispielsweise Anfang 2011 die „Frau-Lila-Spaltung“ erfolgte, wurden die Artikel bei der Mädchenmannschaft deutlich diverser, so schienen Themen aus dem Homo-Bereich dominanter zu werden. Das jedoch war kein Grund für eine derartige Berichterstattung. Jetzt also kam es zu Redaktionsveränderungen aufgrund des erwähnten aktuellen Vorfalls. Nicht besonderer, als sonst. Doch liegt der Fall insofern anders, als die linke Presse ihre Rassismus-Diskussion (dominant geworden nach dem No-border-camp) mit Feminismus vermengen kann. Yay , der antisexistische Kampf wird verhindert durch den „falschen“ antirassistischen Kampf! Da lohnt es sich doch mal, möglichst tendenziös den Finger in die Wunde zu legen. Es macht dabei keinen Unterschied, dass die verbleibende Redaktion  sich der berichtenden Printpresse verweigert. Hätte die Printpresse tatsächlich Interesse, könnte sie genauso erraten warum, wie ich:

  1. Die Printpresse zeigt kein Interesse an der tatsächlichen Auseinandersetzung mit aktuellen feministischen Richtungstreitigkeiten, sondern will nur etwas zum ausspielen für die eigene Heiligsprechung der ihnen näheren Aktionsfelder.
  2. Es gibt keinen Weg der Äußerung innerhalb der Positionierung der verbleibenden Redaktion: Meredith Haaf und Susanne Klingner (übrigens genau wie bei Katrin Rönicke) profitieren durch ihre „Skandalaufdeckungen“ mittels der Alice-Schwarzer-Methode.  Sexismus gegen weiße Frauen wird für wichtiger erklärt, als Rassismus. So wird eine_r Bildzeitungs-anschlussfähig. Steigern können sie das nur noch, wenn sie sich alle samt mit Sarrazin an einen Tisch setzen. (Mehr dazu bei Noah Sow)

Innerhalb dieses Gefüges kann die aktuelle Mädchenmannschaft sich nicht äußern. Es gibt keinen Grund für eine Kooperation mit der Printpresse, weder aus Machtkalkül noch aus der Annahme heraus, es gäbe eine neutralere Berichterstattung. Das könnten taz und Jungle World wissen: Ist doch der Tomatenwurf aus einer ähnlichen Instrumentalisierungsgeschichte entstanden.

Linksammlung zur Rassismus/Criticial Whiteness-Debatte (danke an kiturak für die Zusammenstellung):

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Keine falsche Scham

Bild eingescannt aus “Vulva”. Foto einer Sheela-na-gig, Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an einer Kirche in England.

„(…) »Zwischen den Beinen«, da war etwas Widerliches, zu widerlich um es auch nur auszusprechen. Dann kam der Biologieunterricht. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hießen: Scham (aha!) – mit folgenden Schamteilen:  Schamhaar, Schamhügel, große Schamlippen, kleine Schamlippen. Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf. (…) Der nächste Lernschritt war, daß das Besitzen einer »Scham« fast automatisch die »Schande« nach sich zog.“ Luise F. Pusch „Scham und Schande“ in „Das Deutsche als Männersprache“, 1984.

Es gibt Gründe, warum ich als Feministin mit dem Begriff „Scham“ vorsichtig umgehe. Wie  Pusch es so schön auf den Punkt brachte: Für Frauen* fängt die Scham erst richtig an, wenn sie bei Männern* schon aufhört. (Hier geht’s zumindest auf einer Bedeutungsebene, anders als im Pusch-Zitat, tatsächlich um Gender und nicht um cissexistische Bio-Zuschreibungen.) Im Hexengeflüster 2 (1987) wird weiterhin notiert: „Uns fiel auf, daß das Wort Scham bei der Bezeichnung unserer Geschlechtsorgane ein Ausdruck ist, der zeigt, wie stark die weibliche Sexualität negiert und tabuisiert wird“. (S. 88) Mithu M. Sanyal argumentiert in ihrem Buch (2009) „Vulva.  Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ unter anderem, dass die Verbannung der Vulva aus dem Vokabular mit der Verdrängung der Frau aus Denken und Öffentlichkeit einherging.

Die Scham ist etwas, für dass sich geschämt werden soll und so ist das Schamgefühl insbesondere für Menschen mit Vulva eine sehr zwiespältige Geschichte, ist doch ihre Scham etwas, dessen sie sich nicht mehr schämen wollen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Scham – als Gefühl oder unpassender Ausdruck für die Vulva – von ihrer negativen Bedeutung befreit werden sollte. Sich für etwas zu schämen ist doch keine Schande und die Scham erst recht nicht. (Aber der Begriff „Schande“ geht aus vielen Gründen auch einfach nicht.)

Katrin Rönicke fühlt sich beschämt, nachdem sie Noah Sow Werk „Deutschland Schwarz Weiss“ gelesen hat. Das kann ich gut verstehen, ist doch die Erkenntnis von rassistischen Strukturen zu profitieren, keine, der eine_r sich rühmen möchte. Aber ist Scham etwas Schlimmes? Warum ist der Artikel mit der Forderung „Du sollst Deine Leser nicht beschämen“ überschrieben?  In einer Formulierung, die daraus quasi ein 11. Gebot macht (Bibel, Altes Testament).

Rönicke führt aus: „Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt.“ Ihr Schamgefühl wird also aus einem Unwohlsein geboren. Historisch sehr interessant, ist doch der Begriff Unwohlsein eine umständliche Bezeichnung für die Menstruation, welche nach Esther Fischer-Hombergers „Aus der Geschichte der Menstruation in ihrem Aspekt als Zeichen eines Fehlers“ (komplett online!) eben die Frau als Mangelwesen offenbart. Unwohlsein ist – falls es noch nicht klar ist – kein Grund für Scham.
Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten. Das ist jedoch mitnichten der Fall, sonst wäre dieses Kapitel der deutschen Geschichte schon abgeschlossen. Ist es schon beschämend, das so zu schreiben? Wäre das wirklich ein Problem? Fakten auf den Tisch zu legen kann beschämend sein, darauf zu verzichten, geht jedoch gar nicht.

Mehr dazu bei:

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Serien-Ver- oder Empfehlung: My Name Is Earl

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: My Name is Earl – Diskriminierung – Rassismus – Sexismus – Klassismus

My Name is Earl (MNIE) ist eine Comedy-Serie, die in den USA spielt, genauer in einem unwichtigen Ort namens Camden. Dort lebt Earl J. Hickey mit seinem kleinen Bruder Randy Hickey, Earls Ex Joy mit ihrem neuen Freund/Mann/was-weiß-ich Darnell und die Reinigungskraft/Stripperin Catalina.

An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erwähnen, dass keine Lachkonserven verwendet werden, was mir bis zur Lektüre des Wikipedia-Artikels gar nicht aufgefallen war (warum auch). Und wo ich schon dabei bin eine zweite interessante Beobachtung: ich finde die deutsche Synchronisation gut. Ich weiß nicht, wie sie sich im Vergleich mit dem amerikanischen Original schlägt, aber die einzelnen Stimmen passen charakterlich zu den Schauspieler*innen.

Zur Story: Earl ist ein Kleinkrimineller, klaut viel und bringt Leute anderweitig um ihr Geld, bis er im Lotto gewinnt. Er wird allerdings prompt von einem Auto angefahren und verliert das Los, was ihn glauben lässt, das Karma wolle von ihm, dass er all seine schlechten Taten wieder richte. Als er seine erste Tat wieder gutmacht, fliegt ihm sein Los zu. Dies überzeugt ihn gänzlich. Mit Hilfe des Geldes macht er sich im weiteren Verlauf der Serie an die Wiedergutmachung der gesamten Liste von schlechten Taten.

Nun habe ich nur einen Teil der Folgen gesehen und die wiederum wild durcheinander. Ich hoffe, dass meine Annahme über ihre Reihenfolge korrekt ist, werde mich aber zur Orientierung teils auf die Handlung beziehen. Fest steht, dass ein Großteil der mir bekannten Folgen aus der dritten Staffel stammt.

Eine Vielzahl der Witze lebt davon, dass Joy, Randy und Earl der ungebildeten Bevölkerung angehören sollen. Also genauer von inhaltlich falschen Aussagen, falscher Benutzung von Begriffen etc. Dieses Konzept hat eine deutlich klassistische Komponente, wurde aber in den ersten Folgen, die ich gesehen habe, gut umgesetzt. Ich habe mich ausreichend mit den Protagonist*innen identifiziert, um nicht das Gefühl zu haben, über sie zu lachen. Ich schreibe “in den ersten Folgen”, weil es einen Moment gab, an dem dies zu kippen drohte.
Die Darstellung dieser Figuren als Angehörige der Unterschicht hat noch ein größeres Problem zur Folge: Randy und Earl fallen durch mehrheitsgesellschaftlich übliche heterosexistische Bemerkungen auf, Joy wird zudem als stark rassistisch charakterisiert. Auch Cis-Sexismus und Ableismus kommen vor. Bei entsprechenden Aussagen, besonders bei Joy zu bemerken, fehlt der Serie das Gegengewicht. Es gibt bei solchen Szenen durch die Handlung selbst keinen Hinweis an die Zuschauer*innen, dass die Aussagen schlicht nicht in Ordnung sind. Bzw. ist man dazu genötigt, entweder über die (rass)-istische Aussage zu lachen, also selbst Kompliz*in zu werden, oder sitzt in hilflosem Schweigen da. Vor allem dieser Fuck-up verleidet mir die Serie.

Dies ist aber leider nicht mein einziger Kritikpunkt. Der Bechdel-Test wird zwar bestanden, aber manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dies nur durch Konversationen geschieht, in denen sich Catalina und Joy darüber streiten, wer besser aussieht. Hmpf. Diese Konversationen stellen dann ihre Beziehung zueinander auch gut dar: sie sind die einzigen Frauen*, die konsequent in der Serie auftauchen und sie können sich nicht leiden … weil sie ihr Aussehen miteinander vergleichen. Wow. Das macht auch deswegen besonders wenig Sinn, weil es sonst zwischen Randy, Earl, Joy, Catalina und Darnell keine besonderen Feindschaften gibt. Nur die beiden Frauen…

Diiiie Rolle von People of Color: Catalina und Darnell haben definitiv eine Persönlichkeit, bei Catalina ist sie allerdings schon ein bisschen dünn. Sie bekommt wenig Hintergrundstory, die ihre eigenen Beweggründe und Wünsche ernsthaft darstellt. Häufiger dient die Story als Grundlage für eine Pointe. Die meisten Witze, die mit ihr zu tun haben, stellen Mexiko als vollkommenes Armenhaus dar (zugegeben, der Großteil der Handlung von MNIE spielt in einem Trailerpark also steht dem weniger eine Darstellung des “American Dream”-Amerikas gegenüber), beruhen darauf, dass sie rassistisch beleidigt wird oder gar auf sexueller Belästigung – die zum Glück “nur” einmal verharmlost wird, in den anderen Fällen wird sie innerhalb der Serie adressiert und kritisiert. Abgesehen davon natürlich, dass ausgerechnet sie auch als Stripperin arbeitet, nicht etwa die weiße Joy.

Und das bringt mich zur Erklärung, warum ich die letzten Folgen, die ich gesehen habe, weniger mochte.
Ich weiß nicht, was der Grund ist – ob die Produzent*innen gewechselt haben oder ihnen einfach die Witze ausgegangen sind – aber in den letzten Folgen, werden vermehrt Practical Jokes benutzt, also Witze, die auf der körperlichen Beschaffenheit von Figuren beruhten. Konkreter gibt es eine Latina mit grotesk großem Hintern (Fatsuit-mäßig ausgestopft), die sich als Politesse wiederholt zwischen sehr eng beieinander parkenden Autos durchquetschen muss und Dharma (okay, die Schauspielerin von Dharma in Dharma und Greg), die eine Kratzwunde im Gesicht und ein davon verletztes Auge hatte, das ebenfalls wiederholt Gegenstand von Witzen ist. All diese Witze waren nicht nur extrem flach und unlustig, sondern mitunter auch stark sexistisch bzw. ableistisch. Urg.
Und wo wir bei Sexismus sind? Eine von den Charmed-Hexen (ich erkenne Schauspieler*innen nur an früheren Rollen, it’s a fact) hat als “Billy” in einigen Folgen einen Auftritt. Der ganze Plot ist furchtbar furchtbar furchtbar. Entweder ist sie zuckersüß und die Superfrau oder sie ist die ganze Zeit gereizt und die Furchtbare Ehefrau™. So weit ich mich erinnere bekommt sie auch keine logische oder stimmige Charakterentwicklung. Ja, ihr Charakter ändert sich, aber immer von jetzt auf gleich, damit Earl den Eindruck bekommen kann, dass das Karma will, dass er weiter an seiner Liste arbeitet.

Was Frauenrollen angeht, hat die Serie also noch einiges zu lernen. Und andere von Diskriminierung negativ Betroffene werden sich vielleicht die ständigen Witze, die irgendwie zur Charakterisierung von Angehörigen der Unterschicht dienen sollen, auch nicht ununterbrochen anhören wollen. Alles in Allem sehr schade, weil ich den Humor – vom Genannten abgesehen – mag und auch die Charaktere.

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Ein Knast, den eine mitträgt.

Alice Schwarzer, Talkshow-Feministin und Journalistin, hat in der neuen Emma-Ausgabe Nr.4 im Herbst 2012 wieder hervorragend bewiesen, dass sie sich rassistischen Diskursen offen zugewandt hat und diese nun frei heraus vertritt. Im Editorial ihres Blattes deutet sie die Zeichen dieser Zeit, die alle darauf hinweisen, dass ,,Islamisten” die Welt zu einer Katastrophe führen, wenn ich ihre flammende Rede, begonnen tatsächlich mit dem Satz: “Die Welt steht in Flammen”, richtig verstehe.

Ich werde nicht den gesamten Inhalt wiedergeben, stattdessen möchte ich nur einige Schlagwörter heraussammeln, die sich im Laufe dieses Editorials ansammeln, mit dem sie ihr neues rassistisches Buch bewirbt. Da gibt es ,,aufgehetzte Massen”, die ,,Angst, stigmatisiert zu werden: als >islamfeindlich<, >fremdenfeindlich<, >rassistisch<”, das wären nämlich ,,die geistigen Waffen” der ,,agitierenden Islamisten”, mit denen ,,kritische Deutsche” bedroht werden. Auch eine weitere bekannte rassistische Waffe setzt sie ein; spaltet die ,,guten” Muslim*innen von den ,,bösen” Muslim*innen und stellt ihren Kampf als einen dar, der gerade die gemäßigte muslimische Community unterstützen soll. Kopftuchträgerinnen, die ihr in Talkshows begegnen, seien ,,bestens geschulte Propagandistinnen aus islamistischen Organisationen”. Das Kopftuch sei ,,ein Totentuch für Frauen”. Auch die Situation deutscher Frauen* wird idealisiert dargestellt; ,,kleine Musliminnen” sollen “sich frei bewegen wie ihre deutschen Freundinnen”; als ob das Kopftuch die absolute Einschränkung bedeute; eine Art Knast zum Mitnehmen. Über die Bewegungsfreiheit deutscher Frauen* würde ich auch gerne mal mit ihr diskutieren; so im Sinne von sexueller Belästigung, die überall in der Öffentlichkeit droht. Aber nein, wahrer Sexismus droht ja vor allem von den anderen, den religiösen Fanatikern und anderen Fremden.

Erdogans ,,Assimiliation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit” sieht sie als Absage gegen ,,Integration”; denn das wäre Assimilation bloß; und Menschen sollen sich gefälligst auch angleichen, wenn sie in fremden Kulturen unterwegs sind, denn: das hat sie ja in ihrer Zeit in Frankreich auch so gemacht. Dass sie dadurch eine radikalere Tour fährt als selbst die Regierung, die noch klar trennt zwischen Integration und Assimilation, macht die Frau Schwarzer bewusst, denn sie möchte beitragen, sie möchte auftragen, sie möchte unbedingt mehr PI-Leser im Boot haben und sie ignoriert komplett, von wem solche rassistische Schmiere noch kam, nämlich von ihrem vielbeschworenen Osloer Attentäter; der ja ihrer Meinung nach vor allem ein Krieg gegen Frauen führen würde. Am Ende zeichnet sie noch das bereits erwähnte Weltuntergangsszenario, mit dem ein durch Islamisten gänzlich ,,gekippter” Naher Osten Unheil für die restliche Welt hinaufbeschwört. Und da mag mir irgendein Antideutscher nochmal erzählen, dass ,,antimuslimische Ressentiments”, wie sie die Verharmlosung rassistischer Gewalt gegen Muslime nennen, Muslim*innen nicht als Bedrohung darstellen.

Ich erwarte von Frau Schwarzer nichts mehr, bereits lange nicht mehr. Für mich war das jetzt der letzte Auftakt, dass ich sie zu meiner politischen Feindin erkläre. Ich bin vor allem enttäuscht, traurig und wütend; in einer Zeit, in der die Welt von Krisen geschüttelt eine Neoliberalisierung durchläuft, in der Europa sich abschottet gegen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge und Deutschland eine Militarisierung erfährt, die vor Klassenzimmern nicht Halt macht und auch nicht vor Teeniezeitschriften; in der es nicht einfach Sexismus gibt, sondern für viele Menschen ein Paket an Sexismen, Rassismen, generelles Entmenschlichen und in eine Verwertungslogik packen; in dieser Zeit erklärt Frau Schwarzer ,,Islamisten” zu ihren Hauptfeinden. Und das innerhalb eines Diskurses, der die muslimischen Mitmenschen in unserem Land ,,an strammer Leine” hält; denn sollte sich ihre ,,Integration” nicht an irgendeiner ,,Leistung” messbar erzeigen, wird ihnen schonmal durch das Abwatschen ihrer nicht so leistungsfähigen Mitmenschen gezeigt, was ihnen droht: Eine noch stärkere Marginalisierung, etwas, was die meisten von ihnen hier bereits erleben und im Alltag immer befürchten müssen.

Sie sind eingeknickt, Frau Schwarzer. Weil Sie politische Macht mehr lieben, weil Sie es genießen, heute einen Artikel zu schreiben, über den die Menschen reden werden, denn sie lesen, was sie KENNEN; weil Sie demagogisch geworden sind und wissen, wo Sie die Fäden ziehen müssen; weil es Ihnen nicht reicht, die wenigen zu erreichen, die hart kämpfen; Sie sind eingeknickt vor der strukturellen Gewalt der Institutionen, in denen auch Sie sich bewegen, deren staatliche Zuschüsse Sie genießen und in dessen Bild Sie sich umgewandelt haben. Doch auch Sie haben Fäden, an denen andere ziehen; und wo Sie beherrschen, werden auch Sie ganz und gar beherrscht. Willkommen in Ihrem ganz persönlichen Knast, Frau Schwarzer, den Sie mit sich tragen und der in Ihrem Kopf steckt. Sie widern mich an.

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Wären Sie bitte so freundlich, Herr Welding?

Ich lerne zur Zeit für meine Philoprüfung und da kommt mir das amüsante „Haha, guck Dir den Scheiß mal an!“-Spiel rund um einen Text von Malte Welding gerade Recht. Viele haben schon dazu geschrieben, z.B. das kotzende Einhorn, Nadia Shehadeh und Antje Schrupp (edit: Noch mehr Mitspieler_innen gefunden: TheGurkenkaiser, Claudia Kilian, yetzt (hab noch Plätze frei ;-) ).

Da ich jedoch gerade in so einer sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Philo-Blase drin hänge, halte ich mich einfach nur mit den fehlenden Ausrufungszeichen und Formulierungsfragen auf. Das ganze anhand der ersten beiden Sätze:

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Es scheint deutlich zu sein, dass in beiden Sätzen jeweils eine klare Aufforderung drin steckt. Bei Aufforderungen ziemen sich in der Regel Ausrufungszeichen, z.B. in „Mach das!“, „Lass das!“, „Tu was!“. Die Ausrufungszeichen scheinen einen „Call to action“ deutlich zu machen, welcher eben beinhaltet, dass eine oder mehrere Personen eine Handlung durchführen soll(en) (wozu ich auch Unterlassungsaufforderungen zählen würde).  Ebenso bestimmt das Ausrufungszeichen eine Form der Betonung die Aufregung, einen Befehl… irgendetwas in der Art, auf jeden Fall soll die Stimme eher hoch gehen.
Ein Punkt wiederum schließt eine Aussage ab.  Ein Punkt lässt keine Frage aufkommen und keine Aufforderung stehen. Ein Satz mit Punkt ist in sich geschlossen und lässt von der Struktur her keine Unschlüssigkeiten zu. Die Stimme geht runter, na, wie in der Grundschule gelernt.

Selbstverständlich ist je nach Satzzeichen zumindest im Deutschen auch der Aufbau der verwendeten Wörter verschieden. Dies ist jedoch bei Weldings Sätzen nicht der Fall, die Sätze könnten ohne grammatikalische Probleme ein Ausrufungszeichen bekommen. Warum also die Punkte?

Ich denke es handelt sich dabei um schlichte Vermessenheit/Selbstüberschätzuhng. Um dies jedoch möglichst vollständig zu belegen, möchte ich auf eine weitere sprachliche Besonderheit aufmerksam machen und zwar das fehlende Personalpronomen.  In Aussagen wie „Ich schreibe gerade einen Text.“ oder Fragen wie „Wären Sie bitte so freundlich?“ stecken Personalpronomen und ich neige dazu, dass die Personlpronomen bei solcherlei Sätzen seltener fehlen, als bei Aufforderungen. Das liegt daran, dass bei Aufforderungen häufig der_die Adressat_in klar ist, durch die implizite Form, welche deutlich macht,  welche Person(en) handeln soll(en). „Sagt ihr seltener…!“ wirkt halt irgendwie doppelt gemoppelt. Dieses „ihr“ jedoch ist durchaus relevant, insbesondere wenn’s um politische Arbeit geht. „Lasst uns…!“ sagt halt, dass eine_r Teil der Bewegung ist und nicht außerhalb steht – daher ist’s auch inhaltlich eine komplett andere Aussage. Welding jedoch wählte die Version, in der er nicht Teil der politischen Arbeit ist – und will trotzdem die Art und Weise der politischen Arbeit bestimmen.

Warum und wie er sich dieses Recht konstruiert, wird meines Erachtens eben auch durch die Wahl der Satzzeichen deutlich, denn er macht dadurch deutlich, dass der Chef (Geschlecht ist Absicht) gesprochen hat. Implizite Aufforderungen mit Punkt sind z.B. „Du räumst jetzt Dein Zimmer auf.“, „Wenn Du das essen willst, musst Du es Dir selber kaufen.“ oder „Das darfst Du nicht.“. In jedem Fall dieser impliziten Aufforderungen mit Punkt ist klar, dass die sprechende Person zumindest glaubt bestimmen zu dürfen und das nach dieser Aussage „natürlich“ gehandelt wird.

Weldings Punkte machen also deutlich, dass er glaubt bestimmen zu dürfen und nicht befehlen muss. Ein Befehl wäre genauso anmaßend, aufgrund der Wahl des impliziten Personalpronomens. Also, eigentlich endet die Kritik des Textes nach den ersten beiden Sätzen.

Warum jedoch glaubt Welding auf diese Art mitreden zu können? Was gibt ihm die Macht? Dass er weiß, vermutlich cis und männlich ist? Um das zu belegen, fehlt mir die Motivation. Also:

Wären Sie bitte so freundlich Ihre vermeintlich sexistische und rassistische Kackscheiße zu unterlassen, Herr Welding?  

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A feminist’s guide to insults

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: white supremacy – Kyriarchie – Rassismus – Sexismus – Schimpfwörter – R*** Culture – Cis-Sexismus

Ich habe in den letzten Tagen drei verschiedene Diskussionen zur Benutzung von Schimpfwörtern und zur Bedrohlichkeit von Aussagen (besonders in Blogkommentaren) geführt. Dazu möchte ich noch einmal zwei Sachen zusammenfassen. Einige Punkte finden sich auch in meinen Artikel zum Thema Reclaiming. Aber das soll uns nicht aufhalten.

Es gibt verschiedene Gruppen von Schimpfwörtern. Die deutlichste Unterscheidung muss man entlang von Diskriminierung treffen. Ich kann jede*n “Arsch” nennen, aber “Schl****” hat eine ganz bestimmte Zielgruppe. Und das ist wichtig. Daraus ergibt sich nämlich, wer entscheiden kann, wie diese Worte zu verstehen sind und wie nicht. Ich kann mich als Mann* einfach mal nicht hinstellen und festlegen, wie sexistische Beleidigungen zu verstehen sind. Ich kann nicht behaupten “Sch****” sei okay oder ein Kompliment oder anderen sexistischen Mist.
Ich kann als Cis-Sexuelle*r nicht bestimmen, ob “Tr****” positiv besetzt ist oder werden kann. Ich kann nicht festlegen, dass “Transfrau/-mann” ein diskriminierungsfreier Begriff ist.
Ich kann als Weiße*r nicht hingehen und mir eine Bullshit-Definition vom N-Wort aus dem Hintern ziehen (oh Gott, was ich schon alles gelesen hab m/ ) und darauf basierend behaupten, wir können gerne mal Eis und Süßigkeiten und sonstwas danach benennen.

Als Privilegierte*r erzählt man Marginalisierten¹ einfach mal nicht, wie sie Schimpfwörter zu verstehen haben, die genau deswegen an sie gerichtet wurden, weil man sie damit verletzen kann … und will. Und es gibt keinen “Kontext”, in dem Schimpfwörter “nett” werden. Wörter, die zum verletzen gedacht sind, sind kein Kompliment. Sie reduzieren eine Person notwendigerweise auf einen Aspekt ihrer Identität und auf alle damit verbundenen Stereotype gleich mit.
Also sagt mir nicht, dass “du sexy Sch*****” mir schmeicheln soll. Es reduziert mich immer noch auf meine (wahrgenommene) Weiblichkeit, überschreitet Grenzen und sagt mir, dass ich dem männlichen Blick zur Verfügung zu stehen habe. Fuck that.

Aus all dem leitet sich ab: wenn eine marginalisierte Person mir erklärt, dass ein Wort beleidigend ist, wird sie Recht haben. “Es würde keinen Sinn machen, mich damit zu beleidigen, aber ich habe das noch nie in einem negativen Kontext gehört.” kommt einfach mal nicht gut.

Aus all dem leitet sich weiterhin ab: wenn dir eine gerechtere Gesellschaft am Herzen liegt, benutzt du keines der diskriminierenden Schimpfwörter. Kein. Einziges. Nicht einmal, wenn du in der gleichen marginalisierten Gruppe bist wie die Person, die du beleidigst. (Daher habe ich auch ein kleines Problem damit, per Slutwalk gleich mit als “Sch*****” bezeichnet zu werden. Ich möchte das Wort nicht reclaimen.)
Sei dir bewusst, sollte dir doch ein diskriminierendes Wort rausrutschen: du unterstützt das System.

Und nun ein kleiner Richtungswechsel. Den Großteil der folgenden Erkenntnisse habe ich übrigens kiturak zu verdanken.

Zum Beschimpfen und Bedrohen, um ein Klima der Angst zu erzeugen, das verschiedene Gruppen unserer Gesellschaft klein halten soll, benötigt man keine Schimpfwörter. Es ist wichtig, das im Kopf zu behalten, weil man sonst in die gleiche Falle wie ich tappen kann: ‘Das war doch gar nicht so schlimm. Wenigstens wurde ich nicht *-istisch beleidigt.’ Nein. Die Kyriarchie sticht mit tausend kleinen Nadeln und führt zu einer Wunde, die signifikant schwächt. Es ist ein Baustein, auf der Straße beschimpft zu werden. Ein weiterer ist es, wenn Bekannte dir unüberlegte Fragen stellen. Der nächste, wenn du auf Arbeit weniger bezahlt bekommst (oder gar keinen Job oder überhaupt eine Wohnung). Probleme mit Ämtern, Autoritätspersonen, die dich ungerecht behandeln, das Lustigmachen über deine Identität im Fernsehen, Menschen, die dir nicht glauben, … Deswegen sprechen wir nicht mehr nur von Rassismus, sondern white supremacy. Deswegen spricht man von struktureller Unterdrückung.
Und genau so, wie viele Männer* nicht sehen, was es mit dem Begriff “creepy” auf sich hat, mit dem Frauen* “um sich werfen, obwohl es doch gar kein Problem gibt“, verwehren wir uns mitunter selbst und gegenseitig, die Gewalt hinter einem verbalen Angriff zu sehen.
Was zählt ist nicht, ob Die Fünf Magischen Schlagwörter in einer bedrohlichen Nachricht stehen, sondern wie die angesprochene Person sich fühlt. Denn genau dieses Gefühl und Level der Bedrohung war das Ziel. Und das Gefühl der Bedrohung entsteht, weil all die versteckten Wege, die unsere Gesellschaft nutzt Marginalisierte zu treffen, durch solche Beleidigungen aktiviert werden. Du bist anders, mach dich klein.
Aber weil diese Art von Drohungen unsichtbar ist und so unglaublich leicht unter den Teppich gekehrt werden kann, tun wir nichts. Stattdessen spielen wir insult olympics², denn “ich habe schon viel schlimmere Drohungen bekommen”.
Leute, das ist r*** culture … White supremacy … Kyriarchie. Das ist Betroffene alleine lassen.

1 Wörtlich: “an den Rand gedrängt”, von Diskriminierung betroffen
2 Angelehnt an “opression olympics”, wo man fruchtlos versucht zu ermitteln, wer “unterdrückter” ist. Sollte allgemein vermieden werden.

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IBB – Wir haben Integration hier

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Rassismus – Derailing – unsere Gesellschaft – Abwehrverhalten
Inhaltswarnung für die Links: Beschreibung von rassistischen Erfahrungen und verbaler Gewalt

Anlässlich dieses Artikels (via @Naekubi) möchte ich zwei Aussagen behandeln, die regelmäßig getroffen werden. Eine wird von Kwesi aufgegriffen

…und der Typ sagte mir, es gebe keinen Rassismus! Er relativierte und entwertete meine Meinung mit Verweis darauf, dass es in anderen Ländern wie den USA viel schlimmer sei.

Die andere ist im gesamten Artikel präsent: wenn du Weißen erklärst, dass ihre Aussage oder Handlung rassistisch war, bezeichnest du sie als Nazi, was schnell mal zu “die Nazi-Keule schwingen” wird.
Beides sind Argumente, die eine Auseinandersetzung mit der Thematik verhindern sollen. “Guck mal da drüben, die <rassistisches Stereotyp> ihre Frauen*/Kinder!”
WHO THE FUCK CARES?
Okay, I care wenn irgendwo Menschenrechte verletzt werden, aber diese Aussagen sind meist grobe Vereinfachungen oder gar völlige Falschinformationen. Sie dienen dazu Missstände in Deutschland im gleichen Atemzug wie sie sie anerkennen als unbedeutend erscheinen zu lassen. Ironischerweise geschieht das meist durch Menschen, die “die Rechte der Frauen*” oder von Homosexuellen nicht weniger interessieren könnten, allen voran im dem Land, in dem sie leben.
Gleiches beobachtet man, wenn von der “unterdrückten Muslima” (weil kopftuchtragend), die Tanja erwähnt, die Rede ist: diesen Leuten ist es sonst auch scheißegal, in welcher Form Frauen* in dieser Gesellschaft Unrecht widerfährt, aber wenn ihre angebliche Sorge um die muslimische Frau™ als Sprungbrett für rassistische Höhenflüge genutzt werden kann, steigt man gerne mal auf.

Und kommt mir nicht mit den Nazis. Ich habe bereits darüber geschrieben, wie der Hinweis auf eine rassistische Tat als Beleidigung aufgefasst wird, statt als Tatsachenbehauptung, die er ist.

Um es zusammenzufassen: es gibt uns und es gibt “die Nazis”. “Die Nazis” sind eindeutig definiert: im Zweifelsfall immer die anderen. “Die Nazis” sind rassistisch und die einzigen, die rassistische Gewalt ausüben … außer dass wir das in unseren Zeitungen nie so nennen. Bestenfalls noch “ausländerfeindlich”. Aber ich schweife ab und rege mich nur auf.
Jedenfalls gehört “den Nazis” quasi Rassismus. Das bedeutet, wenn ich etwas rassistisch nenne, nenne ich die Person einen Nazi. Die ist aber kein Nazi, weil siehe oben und voilà: kein Rassismus vorhanden! q.e.d. Himmelherrgottnochmal.
Wenn dir jemand sagt “Das war rassistisch” geht es nicht um dich. Dann ist es nicht an der Zeit zu erklären, wie du das eigentlich gemeint hast. Es nicht Zeit mit dem Finger auf die “richtigen Rassist*innen” zu zeigen oder zu erklären, warum deine dunklen Haare, deine asiatische Freundin* oder deine Vorliebe für indisches Essen dich zur*m Guten Weißen™ machen, di:er Rassismus nicht ausüben kann.
Ganz ruhig, niemand hat gesagt “Du bist scheiße.”, sondern dir wurde die einmalige Möglichkeit geliefert zu lernen, was du tun kannst, um dich weniger ignorant zu verhalten. Wenn du drei mal durchatmest, dir Zeit nimmst und dann versuchst zu verstehen, wird dir das keine*r übel nehmen. Wenn du anerkennst, dass das, was du getan hast, relativ uncool war und dich entschuldigst, wird niemand herausplatzen: “Aha! Also doch ein*e Rassist*in!” (Oder vielleicht doch, aber das ist doch völlig egal. Wenn wir ehrlich sind, wir in dieser Gesellschaft niemand dafür verurteilt, rassistisch zu sein. Nichts könnte die Mehrheit weniger interessieren.)

Also lasst einfach “die Nazis” und “die Rassist*innen” stecken, wenn das immer nur die anderen sein sollen.

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“Sexismus oder Faulheit?” IHR KÖNNT MICH.

Ein Servicepost.
cross-posted bei mir daheim

Inhaltswarnung 1. Absatz: sexualisierte Gewalt in fiktiven Medien (danke für Erinnerung an Zweisatz)

Anlass:

 
 
Ich erkläre.

Mitten in die schönste Diskussion um … hmm, dass es keine weiblichen Tuskarr gibt bei World of Warcraft oder Elcor bei Mass Effect, dass schon wieder ein weiblicher Charakter Mysteriös Schwanger wird, dass zum VIERMILLIARDSTEN Mal eine Vergewaltigung (oder gleich ein paar hundert) die Protagonistin dazu bringen, Hart Und Beziehungsunfähig ™ zu sein, platzt unweigerlich, jedesmal, immer immer immer dieser Typ, weiß, cis, hetero, Science Fiction-/Fantasy-Geek (WIR KENNEN IHN ALLE) und sagt in etwa das Folgende:

“Ich glaube nicht, dass das SEXISMUS ist – die Spieleentwickler haben halt einfach Kosten gespart.” (Wahlweise: Der Autor war einfach zu faul, sich was anderes auszudenken.)

Er sagt es ernsthaft.
Er denkt wirklich, das sei eine sinnvolle Antwort.
Er sagt das im Anschluss an eine minutenlange Diskussion zu Sexismus.
Als sei noch niemand in der Runde auf “ES WAR EINFACH NUR FAULHEIT!!1″ gekommen.

Das “Faulheit-nicht-Sexismus-Argument” ist einfach Müll.

Das ist keine “zufällige”, sondern sexistische Faulheit.
Es ist sexistisch, bei männlichen Charakteren das Design oder individuelle Plots als zentral und interessant zu sehen, und die Ausgestaltung von weiblichen Charakteren als eine Art Bonus für Fleißpunkte, für den halt am End keine Kohle/ Zeit/ Bock mehr da war.

Das gilt übrigens genauso für jede andere Art von Faulheit-nicht-*ismus-Argument, z.B. “Alle sind Hetero? Das ist nicht heterosexistisch ‘gemeint’ – der Autor war halt einfach zu faul, sich was anderes auszudenken.”

Spezifisch zu der Praxis in Science Fiction/Fantasy-Spielgestaltung, bei irgendwelchen nicht menschlichen “Völkern” oder “Rassen” die “females” einfach mal wegzulassen (in einer Welt, die grundsätzlich immer in “männlich” und “weiblich” eingeteilt ist):

Das funktioniert meist über eine rassistische Instrumentalisierung von feministischen Themen, die in SF/F exakt genauso aussieht wie in der restlichen Welt: Irgendwelche nicht weiß/menschlichen “Völker” oder “Rassen” werden konstruiert, die “ihre Frauen” schlecht behandeln (diese Zivilisationen werden gern auch gleich “primitiv” und annähernd “tierhaft” dargestellt, und die Frauen “females” oder “Weibchen” genannt). Auf diese Weise müssen Frauen garnicht erst designt werden, weil sie nie vorkommen (sie sind Unterdrückt ™ und in der Küche/ beim Beerensammeln/ mit der “Aufzucht” der “Jungen” beschäftigt, egal, bloß IRGENDWO ANDERS). Die “ganz normal (sexistische)” weiße/menschliche Kultur, zu der der Protagonist üblicherweise gehört, kann sich dagegen als “zivilisiert”, “fortschrittlich” und moralisch überlegen fühlen.
(Zu Rassismus in SF/F bitte hier einlesen – via N.K. Jemisin. Ich weiß aus dem Kopf keinen Artikel, der’s genau so auf den Punkt bringt, aber meine Basics hab ich aus dieser Diskussion und ihren Vorgängerinnen.)

Es geht nicht darum, dass da nirgendwo jemals Faulheit war. IM GEGENTEIL. Es geht nur um selektive Faulheit.

Der Punkt ist, dass für das Mass Effect-Universum der Seufzer “ooooch, brauchen wir jetzt WIRKLICH noch ein weibliches Salarian-Modell?” ein kleiner, unwesentlicher Moment am Ende einer langen, langen Entscheidungskette ist, in der völlig andere Dinge eine Rolle spielen. Zum Beispiel:

“Hey, wie cool wäre es für unsere Galaktopolitik, so eine halb tierhafte dunkelh-aarige Supermackerrasse zu haben, die primitiv ist, aber auch auf schlichte Weise putzig, und dauernd nur Krieg führt in kleinen Stämmen gegeneinander? Und sie sind riesige Muskelpakete, daran sieht man, dass das mit dem dauernd kämpfen und brutal sein und keine richtige Zivilisation auf die Reihe kriegen total in Einklang steht mit ihrer biologischen Veranlagung, deshalb sind sie auch tendenziell alle ziemlich ähnlich und reden nur von Kämpfen und Ehre und so, und die einzelnen Leute sind ihnen total egal. UND SIE VERMEHREN SICH! Sie werden uns alle überrennen! Das gibt JEDE MENGE COOLE KÄMPFE!

Wir bringen sie in einen Konflikt mit, äh, den anderen Aliens, die auf ihre Weise genauso brutal sind und sie durch, äh, Wissenschaft ausrotten wollen (HINTERGRUND, LEUTE), und menschliche Helden können dem dann zwiespältig gegenüberstehen, sich generell aus allem raushalten und natürlich an nichts schuld sein.

Fertig!

Oh, ach, Frauen?
Für die GANZEN Alien races, die wir uns grad ausgedacht haben?
äh.
Ach, echt jetzt.”

Der Punkt ist also weniger Faulheit als Interesse für eine andere Art von Geschichte, in der nicht menschliche Aliens als stereotypisierte Einheit gedacht sind, und in der deshalb Frauen, als eh nur Fortpflanzungsträgerinnen der in der Regel männlich gedachten Norm-Aliens, einfach nicht relevant sind.
“Alienfrauen” gibts ja auch schon als eigene Rasse.

Desinteresse an Nicht Männern, die irgendeine andere Funktion erfüllen als Sexy Eye Candy mit stereotyp weiblichen, für weiße cis Heterotypen unbedrohlichen Eigenschaften ist in meiner Terminologie aber nicht “Faulheit”, sondern “Sexismus”.

Und was ist das Perfide an dem “Faulheits”-Scheißargument?

Dass das suggeriert, weniger Sexismus, Rassismus etc. wäre grundsätzlich ein MEHRAUFWAND.

FICKT EUCH. Schreibt ANDERS. Nicht mehr.

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