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Religiöse Herr-schaft. Dekonstruktion am Beispiel einer Freundschaft.

In­halt: Re­li­giö­ser Miss­brauch, Ab­leis­mus ge­gen­über Trau­ma­ti­sier­ten, Ge­walt, Ky­ri­ar­chie, He­te­ro­s­e­xis­mus

,,Das Wort sein be­deu­tet im Deut­schen bei­des: Da­sein und ihm-ge­hö­ren.“
Franz Kafka

Ta­ge­buch­ein­trag aus dem Jahre 20__

Ges­tern, als Hen­drik* ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist. Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.
Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.
Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.
Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

*Namen und Wohn­or­te ge­än­dert/un­kennt­lich ge­macht

Das ist ein Ta­ge­buch­ein­trag, den ich kurz nach der Ju­gend­kon­fe­renz mei­ner Ge­mein­de vor ei­ni­gen Jah­ren ge­schrie­ben habe. Ich hatte ge­ra­de das Ab­itur hin­ter mir mit einer zu­frie­den­stel­len­den Note; ich war­te­te auf die Brie­fe der Uni­ver­si­tä­ten, bei denen ich mich be­wor­ben hatte. Ich war auf dem Hö­he­punkt mei­ner christ­li­chen Glau­ben­s­kar­rie­re. Sel­ber be­schrieb ich das mit ,,end­lich ge­lernt zu haben, was es heißt, sein Selbst auf­zu­ge­ben.“

Was die­ser Text be­deu­tet und was ich heute für mich und viel­leicht für an­de­re dar­aus zie­hen kann, möch­te ich jetzt ana­ly­sie­ren. Ich werde so vor­ge­hen, dass ich ihn Satz für Satz aus­ein­an­der­neh­me und kom­men­tie­re, mit mei­nem heu­ti­gen po­li­ti­schen Wis­sen be­ur­tei­le und ver­glei­che. Die­sen An­satz kön­nen an­de­re ,,Ana­ly­se“ nen­nen; ich mag das Wort ,,De­kon­struk­ti­on“ lie­ber, also zu­gleich Zer­stö­rung und Auf­bau; und habe das als An­satz von Ana Mar­doll: deren Li­te­ra­tur­kri­ti­ken ich nur jeder emp­feh­len kann.

Ich nehme einen Ta­ge­buch­ein­trag von mir, weil ich es für wich­tig halte, Se­xis­mus, Ras­sis­mus, He­te­ro­s­e­xis­mus, Ky­rio­zen­tris­mus, Ab­leis­mus etc. nicht immer nur an an­de­ren Men­schen zu kri­ti­sie­ren und sich an ihnen ab­zu­ar­bei­ten. Der Kampf gegen alle mög­li­chen Ismen muss in jedem Men­schen neu voll­zo­gen wer­den; die ei­ge­nen Ab­grün­de zu ent­de­cken, den ei­ge­nen An­teil an der Re­pro­duk­ti­on der Ge­samt­schei­ße; um die Di­men­si­on zu be­grei­fen, in der wir alle davon durch­drun­gen sind. Audre Lorde schrieb ein­mal über die Aus­gren­zun­gen in­ner­halb fe­mi­nis­ti­scher Grup­pen ge­gen­über schwar­zen, armen, les­bi­schen, alten Frau­en den wun­der­ba­ren Text ,,The Mas­ter’s Tools Will Never Dis­mant­le the Mas­ter’s House“ (als Sinn­bild etwa: Die Werk­zeu­ge des Pa­tri­ar­chats wer­den das Pa­tri­ar­chat nicht zer­stö­ren). In die­sem Sinne möch­te ich sagen: Damit Kri­tik dann letzt­end­lich tat­säch­lich wirk­sam wird, weil wir, die wir den Um­gang mit die­sen Werk­zeu­gen ver­in­ner­licht haben, fähig wer­den, ihre An­wen­dung zu er­ken­nen: bei uns sel­ber wie auch bei an­de­ren. Um neue Wege zu fin­den und einen Wi­der­stand zu kre­ieren, der zum Ab­riss des Pa­tri­ar­chats dann letzt­end­lich auch bei­trägt und ein gutes Leben für alle er­mög­licht.

Ich be­gin­ne ein­fach mal Stück für Stück.

Ges­tern, als Hen­drik ge­meint hat, dass zum Glück nir­gend­wo in der Bibel steht, dass wir durch Ge­füh­le er­ret­tet wer­den, ist Maria auf­ge­stan­den vom Tisch und zu einem an­de­ren ge­gan­gen. Echt, ihr Ver­hal­ten ist ziem­lich krass zur­zeit. Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Maria ist eine mei­ner bes­ten und zu­min­dest auch meine lang­jäh­rigs­te Freun­din. Sie ist in der Ge­mein­de auf­ge­wach­sen; wäh­rend ich durch sie da­zu­kam, als ich 14 Jahre alt war. Sie war an­er­kannt in der Ge­mein­de; spä­ter hatte sie aber ein trau­ma­ti­sches Er­leb­nis wäh­rend ihrem FSJ, was zu einem Ein­bruch ihrer bis­her li­nea­ren Be­zie­hung zur Ge­mein­de und zu Gott führ­te. Durch sie in die Ge­mein­de ge­kom­men, wurde ich immer mit ihr as­so­zi­iert; ihr ,,Schat­ten“, wie mich an­de­re z.t. nann­ten. Lange Zeit wurde ich nur mit ihr und nie al­lei­ne ein­ge­la­den. Wäh­rend sie dann den Bruch er­leb­te, ge­noss ich lang­sam schon etwas An­se­hen; eine an­de­re Freun­din aus der Ge­mein­de hatte er­folg­reich dazu bei­ge­tra­gen, mich bes­ser zu in­te­grie­ren und ich heims­te lang­sam die Früch­te einer jah­re­lan­gen ent­beh­rungs­rei­chen Ar­beit ein.

Hen­drik war ein jun­ger Mann, der zu denen ge­hör­te, die die Ju­gend lei­te­ten. Ge­ra­de bei ge­mein­sa­men Essen mit vie­len Ju­gend­li­chen kommt es vor, dass diese geist­li­chen ,,Hir­ten“ sich ir­gend­wo da­zu­set­zen oder sich eine Grup­pe um sie schart und dann haben sie Ge­mein­schaft und tei­len ihre Er­fah­rung mit den Jün­ge­ren oder we­ni­ger Geist­li­chen. Geist­lich steht in mei­ner Ge­mein­de als ein Syn­onym für ,,alles, was von Gott ist“. Alles an­de­re ist Mist (wort­wört­lich nach Pau­lus). Schon in der Art, wie dich diese Män­ner – es waren immer Män­ner –, an­spre­chen, kannst du er­ken­nen, auf wel­cher geist­li­chen Stufe du dich wohl be­fin­dest. Er­stre­bens­wert ist es, wäh­rend so einer Ge­mein­schaft sel­ber viel aus­zu­tei­len und bei­zu­tra­gen. Wer Ver­ant­wor­tung über­nimmt, wird nicht als un­mün­dig be­trach­tet. Diese Lei­ter, die sehr viel Zeit dafür auf­brach­ten, sich um die an­de­ren zu küm­mern, waren auch die­je­ni­gen, die die An­er­ken­nung gaben. Wel­che also schaff­te, nicht nur etwas zu sagen, son­dern die Lei­ter zu be­ein­dru­cken, diese bekam zu­sätz­li­che An­er­ken­nung.

,,Dass nicht Ge­füh­le uns er­ret­ten“: In­ner­halb der christ­li­chen Logik ist das durch­aus eine be­frei­en­de Aus­sa­ge, davon aus­zu­ge­hen, dass Men­schen nicht ge­ret­tet sind, weil sie sich ,,ge­ret­tet füh­len“, wenn sie mal einen guten Tag haben, son­dern durch eine ein­ma­li­ge Ent­schei­dung, dem Be­kennt­nis zu Gott und Jesus, für immer ge­ret­tet sind. In man­chen christ­li­chen Strö­mun­gen hält die Un­ge­wiss­heit über den Sta­tus des ei­ge­nen Heils Men­schen bei der Stan­ge und in den Kir­chen­ge­mein­den. Meine Ge­mein­de hat da einen cle­ve­ren Trick ein­ge­setzt, um Vor­tei­le von Ge­wiss­heit und Furcht zu­gleich ein­zu­heim­sen: Es gibt ein­fach zwei Arten von Er­ret­tung! Die eine wird er­langt durch das Be­kennt­nis und gilt als geist­li­cher ,,Start­schuss“, die an­de­re wird durch An­stren­gung er­langt und sym­bo­lisch als ,,Wett­lauf“ ge­se­hen. Mit der einen ent­gehst du dem ewi­gen Tod, mit der zwei­ten be­kommst du eine Zu­satz­be­loh­nung von etwa tau­send Jah­ren Herr­schaft auf Erden.

Zu dem gan­zen Kom­plex ge­hört na­tür­lich dazu, wie ne­ga­tiv in mei­ner Ge­mein­de das Wort ,,Ge­fühl“ ist. Ge­fühl ist Ir­ra­tio­na­li­tät und alte Mensch­lich­keit, Wahn und Ver­zer­rung der ,,nüch­ter­nen“ und ,,ob­jek­ti­ven“ Welt­wahr­neh­mung. Ne­ga­ti­ve und po­si­ti­ve Ge­füh­le wer­den in mei­ner Ge­mein­de kri­ti­siert, weil ihre Quel­le die Seele des Men­schen ist und nicht der Geist, also der Teil in uns, wo Gott wohnt. Je nach­dem wird auch manch­mal kri­ti­siert, dass zum Bei­spiel die Ju­gend ,,zu nüch­tern“ sei und nicht ,,auf die Stüh­le sprin­ge“ wie die Äl­te­ren anno da­zu­mal. Diese ver­schie­de­nen Si­gna­le zu sen­den, um ei­ner­seits Ge­füh­le ab­zu­wer­ten, an­de­rer­seits zu dis­zi­pli­nie­ren, wo je­mand sich nicht von der Bot­schaft ein­ge­nom­men und be­wegt genug zeigt, trägt zum wir­ren Ver­hält­nis vie­ler zu ihrem In­nen­le­ben bei.

Auf Ge­füh­le ist nicht Ver­lass, weil auf Men­schen nicht Ver­lass ist. Du kannst

1. dich nicht auf dich selbst ver­las­sen, dei­nem Ge­fühl und dei­ner In­tui­ti­on nicht trau­en, was das Selbst­be­wusst­sein dau­er­haft ein­schränkt

2. nicht an­de­ren Men­schen trau­en und ihren Ge­füh­len dir ge­gen­über, was auf Dauer zu Ent­so­li­da­ri­sie­rung führt. Freund­schaft und Liebe von Men­schen kann nur Ab­klatsch des­sen blei­ben, was Gott dir bie­tet. Er­mu­tigt wird des­halb, nur in­ner­halb der Ge­mein­de Lie­bes­be­zie­hun­gen zu füh­ren. Freund­schaft, diese ver­rä­te­ri­sche Bin­dung zwei­er Men­schen die auf nichts als Zu­nei­gung be­ru­hen kann, wird meis­tens ab­ge­lehnt, un­ter­ein­an­der nen­nen sich Men­schen lie­ber ,,Ge­schwis­ter“ um dar­zu­stel­len, dass Gott der Vater sie alle ver­bin­det und nicht etwa ihre ver­gäng­li­che Zu­nei­gung oder Ge­mein­sam­kei­ten au­ßer­halb Got­tes und der Ge­mein­de.

Was Maria da also getan hat: auf­zu­ste­hen, in­ner­halb die­ses Rah­mens, und weg­zu­ge­hen, ist groß. Sie ver­wehr­te sich der Ab­wer­tung der ei­ge­nen Ge­füh­le. Sie ver­wehr­te sich teil­zu­neh­men an einem so­zia­len Spiel, durch das sie in der Ach­tung an­de­rer stei­gen würde. Beide waren wir be­ob­ach­tet durch den Ju­gend­lei­ter. Ihr Weg­ge­hen de­fi­nier­te sie klar zu der we­ni­ger geist­li­chen Per­son. Was mich zu der bes­se­ren mach­te. Und ich habe das ge­nos­sen. Nicht offen, nicht­mal be­wusst. Ihr Ver­hal­ten wirk­te auf mich wie ein Re­gel­ver­stoß. In­ner­li­ches Na­se­rümp­fen. Ich konn­te mich end­lich von ihrer Per­son ab­gren­zen und da­durch end­lich auch Be­wer­te­rin sein und nicht­mehr nur Be­wer­te­te.

Ich habe es nie er­lebt, dass je­mand UN­BE­RÜHRT von der You‘co heim­ge­kehrt ist.

Un­be­rührt von der You‘co, der Kon­fe­renz für die 15-30Jäh­ri­gen, heim­zu­keh­ren, ist ein Makel son­der­glei­chen. Um ihren be­son­de­ren Cha­rak­ter dar­zu­stel­len, gab es ir­gend­wann eine Na­mens­än­de­rung: Damit nie­mand drauf kommt, dass das so ne Art lo­cke­re Ju­gend­frei­zeit sei, wurde sie ,,Zu­rüs­tung“ ge­nannt. Be­nutzt wurde der Name dau­er­haft nur von den Lei­ten­den; aber es sym­bo­li­siert schön, was die You‘co sein soll: Auf­rüs­tung für die Sol­da­ten Got­tes. Sie ist ein Kol­lek­ti­ve­r­eig­nis für junge Men­schen, die ihre geist­li­chen Mus­keln spie­len las­sen, sich in Ek­sta­se beten und sin­gen. Eine wich­ti­ge an­de­re Funk­ti­on hat sie als Raum für Balz, der mit der Selbst­prä­sen­ta­ti­on ver­bun­den ist: Hier ent­ste­hen zu­künf­ti­ge Ehe­paa­re. Alles in allem das so­zia­le Er­eig­nis für junge Men­schen in mei­ner Ge­mein­de.

„Be­rührt wer­den“ ist dabei ein gän­gi­ges Schlag­wort in mei­ner Ge­mein­de, das nichts an­de­res be­deu­ten soll als eine di­rek­te Be­rüh­rung von Gott, etwa durch einen Vers, ein Gebet, einen Psalm, die hei­lend, er­ret­tend sein soll und ihren Ur­sprung ver­mut­lich in der Ge­schich­te der blut­flüs­si­gen Frau birgt, die Jesus mit einer ein­zi­gen Be­rüh­rung sei­nes Ge­wan­des von der jah­re­lan­gen Krank­heit be­freit. In einer You‘co mit zwei Haupt­ver­samm­lun­gen, einer per­sön­li­chen Ge­mein­schaft, einer Klein­grup­pe sowie Gebet am Abend und das alles PRO TAG sowie all den in­for­mel­len Ge­mein­schaf­ten beim Essen und Drau­ßen­sit­zen bleibt nie­mand un­be­rührt, schon al­lein wegen der Er­schöp­fung und des so­zia­len Drucks.

Sie hat sich auch gleich am Sams­tag, als wir von der You‘co zu­rück­ge­kehrt sind, abends mit Ste­fan ge­trof­fen.

Töröö. Der Be­weis der geist­li­chen Un­zu­läng­lich­keit mei­ner Freun­din wird mit einem wei­te­ren Ar­gu­ment be­fes­tigt: NIE­MAND trifft sich di­rekt nach der You‘co mit ,,welt­li­chen“ Freun­den. Nie­mand. Das ist Ver­un­rei­ni­gung. Auf Dauer kann das Kon­strukt der Ge­mein­de, ihre Wert­vor­stel­lun­gen und ihr Re­gel­werk nur auf­recht­er­hal­ten wer­den, wenn es nicht an­dau­ern­der Kri­tik aus­ge­setzt wird. Und dazu ge­hört schon, Al­ter­na­ti­ven zu ken­nen, über an­de­re The­men zu reden, mit Wert­vor­stel­lun­gen an­de­rer Men­schen in Be­rüh­rung zu kom­men, eben Freund*innen aus der Welt zu haben. Freund­schaft mit die­ser Welt ist Feind­schaft gegen Gott. Ja­ko­bus 4:4. Ge­ra­de auch nach der You‘co be­fin­den sich die meis­ten in einer Art hoch­geist­li­chem Sta­di­um, in der oft­mals laut­hals be­dau­ert wird, jetzt wie­der zu­rück in die Welt zu müs­sen sowie zu pro­kla­mie­ren, die ei­ge­nen Freun­de nur des­halb sehen zu wol­len, um ihnen das Evan­ge­li­um zu pre­di­gen. Die „Welt“ steht hier üb­ri­gens als Syn­onym für alles, was nicht Gott und nicht Ge­mein­de und was damit gleich­zei­tig von Grund auf schlecht ist.

Wich­tig ist auch, dass Maria einen Freund tref­fen will, männ­lich. Man stel­le sich den Film ,,Harry und Sally“ re­li­gi­ös um­ge­setzt vor. Frau­en und Män­ner kön­nen nicht be­freun­det sein. Wes­halb jedes Al­lein­sein zwei­er Men­schen ver­schie­de­nen Ge­schlechts un­ter­bun­den wer­den muss. Nein, nicht durch Stra­fen. Durch in­ne­re Dis­zi­plin. Jede und jeder darf seine Gren­zen na­tür­lich sel­ber set­zen. Aber wir sehen es gerne, wenn ein Junge und ein Mäd­chen sich zum Bei­spiel nicht al­lei­ne zu­sam­men in einem Raum be­fin­den. Oder auf einer Au­to­fahrt. Sich vor­sätz­lich zu tref­fen, ohne dass an­de­re Men­schen dabei sind, kommt quasi vor­ehe­li­chem Ge­schlechts­ver­kehr gleich. Es ist kein Witz, dass Maria mal mit einem Freund un­ter­wegs war und in der Stadt einer äl­te­ren Dame aus mei­ner Ge­mein­de be­geg­net ist, die spä­ter Ma­ri­as Vater an­ge­ru­fen hat, um her­aus­zu­fin­den, ob Maria die Nacht noch nach Hause ge­kom­men ist.

Wie­der scheint es, als würde ich bald eine Schwes­ter ver­lie­ren. Ich bin über­zeugt, dass sie nur in [Wohn­ort X] blei­ben will wegen ihrer welt­li­chen Freun­de. In [Wohn­ort Y], einer klei­nen Ge­mein­de, wäre sie auf­ge­for­dert, am Ge­mein­de­le­ben teil­zu­ha­ben; in [Wohn­ort X] aber ver­schwin­det sie in der Masse. Sie will auch mit mir zu­sam­men zie­hen, aber das liegt wie­der­um daran, dass wir nie viel Ge­mein­schaft mit­ein­an­der haben und dass ich wohl eher ihre welt­li­chen Freun­de ak­zep­tie­ren würde als an­de­re Schwes­tern. In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben.

Die­ser Ab­satz ist so hoch­mü­tig, dass ich kot­zen könn­te. Nicht ein ein­zi­ges ver­damm­tes ,,Viel­leicht“ oder ,,könn­te sein“ habe ich hier rein­ge­setzt. So über­zeugt von der ei­ge­nen Voll­kom­men­heit, so über­zeugt von Ma­ri­as ,,Fall“. Sie ist üb­ri­gens im Ge­gen­satz zu mir immer noch in der Ge­mein­de, nur um euch mal einen Rea­li­tät­scheck zu geben.

Alles, was Maria tut, spricht na­tür­lich gegen sie. Dass sie in [Wohn­ort X] blei­ben will, einer sehr gro­ßen Ge­mein­de mit vie­len ver­schie­de­nen Men­schen und Ge­le­gen­hei­ten, sich un­ter­ein­an­der zu tref­fen, kann in mei­ner wir­ren ,,Maria ist ge­fal­len“-Lo­gik nichts Po­si­ti­ves bedeuten.Sie will na­tür­lich nur wegen ihrer Freun­de im Ort blei­ben, weil sie wei­ter­hin ihre un­ge­sun­den Be­zie­hun­gen füh­ren und in der Ge­mein­de nichts bei­tra­gen will. So­lan­ge sie da ist, sicht­bar und an­we­send, muss sie nicht mit viel tun, um da­zu­zu­ge­hö­ren. Sie ge­nießt also Vor­tei­le bei­der Wel­ten. Ich, als Heim­so­zia­li­sier­te, konn­te mir das nicht leis­ten: Im Ge­gen­satz zu ihr hatte ich keine Rück­bin­dung an einen Vater, der auch in der Ge­mein­de ist und durch den sie wei­ter­hin immer Teil der Ge­mein­de blei­ben wird, was sie auch tut. Ich muss­te mich zei­gen und agie­ren, um an­we­send zu sein. Ich war nei­disch auf ihre Frei­heit und mein Text zeigt gut, wie ich mich hier an eine Norm an­pas­se, die mir sel­ber Ge­walt antut – um be­lohnt zu wer­den, indem ich teil daran habe, an­de­ren diese Ge­walt an­zu­tun.

Auch, dass sie mit mir zu­sam­men­zie­hen möch­te, kann und bin ich nicht be­reit so aus­zu­le­gen, dass Maria mich mag, dass ich eine ihrer engs­ten Ver­trau­ens­per­so­nen bin. Es ist Ge­heim­nis die­ser geist­li­chen Ent­so­li­da­ri­sie­rung, dass Men­schen ihre ge­mein­sa­me Ge­schich­te nicht als ver­trau­ens­wür­dig ein­stu­fen; alles wird durch den Fil­ter der Geist­lich­keit ge­se­hen und was nicht einem ge­wis­sen geist­li­chen Ka­pi­tal zu­gu­te kommt, ist schlecht: für die ein­zel­nen Men­schen, für die Be­zie­hung und na­tür­lich auch für die Be­zie­hung jeder ein­zel­nen zu Gott. D.h. Maria wäre be­reit mich auch mit ins Ver­der­ben zu rei­ßen durch den Ein­fluss ihrer per­sön­li­chen Be­zie­hung zu mir, ein­fach nur weil sie Freun­de da drau­ßen hat. So der Ge­dan­ken­gang.

In [Wohn­ort X] wird sie in ihrem Selbst blei­ben. Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache. Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen. Ich habe bei Hanna, Ruth und Rahel den Feh­ler ge­macht, ihnen nicht zu zei­gen, dass sie völ­lig im Selbst han­deln. Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt – bei Maria werde ich mich nicht der Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen. Sie ist völ­lig im Selbst. Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Drei­mal ,,im Selbst“. Drei­mal ein Vor­wurf, der in mei­ner Ge­mein­de als Herr­schafts­in­stru­ment ein­ge­setzt wird, um Men­schen jeg­li­che Au­to­ri­tät und Aus­sa­ge­kraft über ihren per­sön­li­chen Glau­ben und über ein ver­ant­wor­tungs­voll ge­führ­tes Leben ab­zu­spre­chen. Dazu habe ich in mei­nem Be­richt ,,From­me Ju­gend“ be­reits schon was ge­schrie­ben und will das jetzt nicht aus­füh­ren. Aber es hat eine ähn­li­che Wir­kung wie diese Aus­sa­ge von Spock. Zu­ge­ge­ben, das ver­lin­ke ich, weil Spocks An­blick nach so­viel be­las­ten­dem Ge­schrei­be ganz nett wirkt …

Ich brauch die an­de­ren Ge­schwis­ter in die­ser Sache.

Das ganze ist also aus­ge­wach­sen zu einer ,,Sache“, zu einem Pro­blem, das un­be­dingt be­han­delt wer­den muss. Und die Ge­schwis­ter und ich ver­schmel­zen dabei zu einem ,,Wir“, wäh­rend meine Freun­din die an­de­re ist, nicht zum Wir ge­hört; das ,,Wir“ hier ist mün­dig und über­nimmt Ver­ant­wor­tung; Maria ist un­zu­rech­nungs­fä­hig, eine geist­lich Kran­ke, die ver­sorgt wer­den muss. Gleich­zei­tig zeige ich: Ich ver­las­se mich nicht auf meine Kraft, ich brauch die an­de­ren; wie­der ein Be­weis mei­ner de­mü­ti­gen Un­ter­ord­nung unter das Kol­lek­tiv und ihr Ge­mein­wohl.

Der Herr weiß, dass ich kurz davor stehe, ihr eine Ohr­fei­ge zu ver­pas­sen.

Das ist der schlimms­te Satz. Die Dro­hung, mei­ner Freun­din Ge­walt an­zu­tun, weil sie nicht ,,Schritt hält“, weil sie sich nicht an­passt. Damit zu ko­ket­tie­ren, weil ich sie in einem Wahn meine, durch den nur eine ,,ge­sun­de Ohr­fei­ge“ sie wie­der raus­bringt. Weil ich weiß, zu was Men­schen fähig sind, lehne ich des­halb auch Na­zi­ver­glei­che ab. Jedes Ver­bre­chen an einem Men­schen steht für sich und braucht keine Ver­glei­che (zur ver­meint­li­chen Be­wer­tung); v.a. nicht wenn getan wird, als ob es das eine spe­zi­el­le Ni­veau gäbe, auf das na­tür­lich Nie­mand Von Uns hin­ab­sin­ken würde. All­täg­lich haben wir doch An­teil an Un­ter­drü­ckung, die Grup­pen auf ein­zel­ne aus­üben, Mehr­hei­ten ge­gen­über Min­der­hei­ten, Mar­gi­na­li­sier­ten, Ent­mün­dig­ten.

Aber – wenn der Herr seine Be­stä­ti­gung dazu gibt -

Klar – ich war na­tür­lich, im Ge­gen­satz zu mei­ner Freun­din, ab­so­lut ge­hor­sam. Hatte mich der ky­ri­ar­cha­len Logik un­ter­wor­fen, denn es gab nur die Wahl zwi­schen zwei Arten von Sein: Got­tes Herr­schaft oder Herr­schaft des schlech­ten Le­bens/der Sünde/der Fein­de Got­tes. Und damit keine wirk­li­che Wahl. Und selbst wenn mein ,,ge­sun­der Men­schen­ver­stand“ mir sagte, Maria treibt es zu weit; ich würde selbst die­ser Ein­ge­bung nicht trau­en und so­weit war­ten, bis Gott sel­ber mir das Okay dafür gibt, sie zu­recht­zu­wei­sen. Uärr, hallo, au­to­ri­tä­re Per­sön­lich­keit. Das Wort ,,Herr“(ky­ri­os) steht hier be­zeich­nend für die ky­rio­zen­tri­sche Hin­ga­be mei­ner­selbst und wird in mei­ner Ge­mein­de sehr viel öfter als ,,Gott“ be­nutzt.

Sie ver­schläft den hal­ben Tag und be­haup­tet, sie hätte Schlaf­man­gel. Sie geht nicht zur Ver­samm­lung, weil sie müde ist, fühlt sich aber fit genug, sich am sel­ben Abend mit einem Kum­pel zu tref­fen.

Was ich mei­ner Freun­din hier auch nicht ver­zei­hen konn­te, war, dass sie of­fen­sicht­lich etwas Schlim­mes er­lebt hatte – und dann damit dar­auf re­agier­te, sich aus­zu­ru­hen und sich den Stress nicht mehr zu geben. Für mein Ver­ständ­nis ein un­heim­li­cher Luxus. Ich schwan­ke da zwi­schen ,,Hätte ich mir nie er­lau­ben kön­nen“, ,,Wäre nie drauf ge­kom­men, dass meine ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen Grund genug sind, mich aus­ru­hen zu dür­fen“ und ,,Sie darf nicht, was ich auch nicht durf­te“.

Au­ßer­dem gibt es noch einen an­de­ren Punkt, den ich nicht rich­tig ein­ord­nen kann. Sie hängt sich viel­zu­sehr an mich, und zwar auf eine Weise, die die Alarm­glo­cken in mei­nem Kopf schril­len lässt. In der You‘co mein­te sie plötz­lich, was für eine be­son­de­re Au­gen­far­be ich hätte. Sol­che Dinge hel­fen nicht ge­ra­de, ihre Nähe aus­zu­hal­ten.

Ein KLAS­SI­KER. So stark nach Lehr­buch, dass ich zwei­mal lesen muss­te, weil es mich so ver­blüff­te – und wie­der so wenig ver­blüff­te. Als ich die­sen Text schrieb in mein Ta­ge­buch, wuss­te ich be­reits seit meh­re­ren Jah­ren, dass ich les­bisch war. Und ich hatte mich auch in die­sem Punkt ent­schie­den, Got­tes Wil­len leben zu wol­len- was für mich da­mals be­deu­te­te, es nicht zu­zu­las­sen. Un­ter­drück­te Ho­mo­se­xua­li­tät, die ich als Ho­mo­pho­bie gegen an­de­re rich­te­te; mein ei­ge­nes Be­geh­ren auf an­de­re pro­ji­zier­te, um es in ihnen zu fürch­ten und zu has­sen. Über­rascht war ich, weil mir die­ses Phä­no­men be­reits da­mals be­kannt ge­we­sen war; hatte ich da­mals nicht ge­se­hen, was ich da schrieb? War es mir ein­fach egal?

Und in Sa­chen Josef ist sie völ­lig ni­hi­lis­tisch, ich meine sie war mit dem Kerl drei Jahre lang zu­sam­men, und jetzt redet sie nicht mehr mit ihm, küm­mert sich nicht um ihn. Mit ihm habe ich schon ge­re­det und seine Sicht kann ich gut ver­ste­hen; ihn ir­ri­tie­ren ihre Selbst­mord­ge­dan­ken. Da ist er nicht al­lei­ne.

Öhm, was ich mit ni­hi­lis­tisch hier meine, hat wohl nichts mit ,,dem“ Ni­hi­lis­mus zu tun. Ver­mut­lich be­zie­he ich mich auf eine Art ,,ab­seits jeder bis­he­ri­gen Vor­stel­lung von dem, was sich ziemt“. Und das war es, wenn eine Frau sich nicht um ihren Freund küm­mert, jede Be­zie­hung­ar­beit plötz­lich fal­len lässt, „nur“ weil es ihr sel­ber schlecht geht …

Ma­ri­as De­pres­si­on, ihr Trau­ma wur­den nicht ernst ge­nom­men. Ver­mut­lich am al­ler­we­nigs­ten von mir, die ich es mit mei­nen ei­ge­nen trau­ma­ti­schen Er­fah­run­gen ,,ver­glich“ und sie denen un­ter­ord­ne­te. Und wie konn­te sie ein­for­dern, ernst­ge­nom­men zu wer­den mit ihrem Lei­den, wenn ich doch be­stimmt Schlim­me­res er­lit­ten hatte und dies auch nie­mand wahr­ge­nom­men hatte? Op­pres­si­on Olym­pics, und das in einer Freund­schaft.

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