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Selbstmord aus Neugier

Wenn’s um Religion geht, scheint’s in den meisten Diskussion eigentlich nur zwei Seiten zu geben: Die Religiösen und die Atheist_innen. Es gibt jedoch noch eine gute versteckte Dritte, zu welcher ich mich zähle: Agnostiker_innen.

Als Agnostikerin weiß ich schlicht nicht, ob’s mind. eine_n Göttin_Gott gibt oder nicht. Ebenso geht mit meinem Agnostizismus einher, dass mir die Legitimation von religiösen Vorschriften verloren geht. Ich weiß schlicht nicht, warum extraterristische und/oder nicht-menschliche Autorität(en) Recht haben soll(en). Auf Aussagen wie „Mein Gott will das so“ ist meine Antwort also „Woher weißt Du, dass Dein Gott Recht hat?“. Am Ende bluten entweder beide Hirne (RW) und/oder ich denke darüber nach, mich aus Neugier umzubringen. In vielen Religionen gilt ja der Tod als Übergang ins „göttliche Reich“, damit sollte das dann geklärt sein. Doch was, wenn ich schlicht unwissend wiedergeboren werde? Dann wäre nichts gewonnen, Selbstmord ist also dafür keine Lösung, es gibt schlicht zu viele Optionen.

Die Sache mit den Optionen ist etwas, dass mich sehr stört. Immer muss ich mich entscheiden oder werde entschieden. So haben die Gottgeweihten (im Volksmund: Hare Krishnas) entschieden, dass ich – wenn ich mich nicht an die Regeln halte und die Regeln stimmen – in der untersten Kaste wiedergeboren werde… und – da ich die Bhagavad Gita besitze – mit mir, alle Leute die über mich Zugang zu ihr haben. Von einem Besuch bei oder einer Freundschaft/Bekanntschaft mit mir ist also im Zweifelsfall abzuraten.
Da ich katholisch getauft wurde, kann ich nur dann nicht in den Himmel kommen, wenn ich mich mit Regelbrüchen ran halte. Das geht so weiter. Ich habe ernsthafte Sorgen um meine seelische Selbstbestimmung, sollte auch nur eine Religion Recht haben.

Gerade dieses Thema der seelischen Selbstbestimmung ist ja Hauptanliegen aller mir bekannten Religionen. Über Wissensvermittlung zu Regeln usw. soll erreicht werden, dass Menschen die Chance habe, den Übergang in eine weitere Existenz zu planen und in ihrem Sinne zu gestalten.  Leider legen die Religionen gerne Fallstricke, wenn’s um diese Planungs- und Selbstbestimmungssicherheit geht, z.B. durch Initiationssriten, insbesondere wenn sie gerne von anderen entschieden werden und nicht rückgängig zu machen sind, wie die Taufe oder Beschneidungen.

Wenig erstaunlich ist, dass zumindest in Deutschland jedoch diese Fragen nicht anhand der (religionsübergreifenden) psychisch-seelischen Selbstbestimmung verhandelt werden, sondern anhand der (religionsspezifischen) körperlichen Selbstbestimmung. Ich glaube gerade für religiöse Menschen müsste dies ein UNDING sein, ist doch gerade die seelische Selbstbestimmung deren Thema. Aber nein, ich spiele zwar auf das aktuelle Beschneidungsthema an, doch da wird ja gar nicht verhandelt, nach welcher Religion ein Kind verurteilt wird. Sondern die achso gepriesene körperliche Selbstbestimmung, deren Dominanz mir spätestens seit meiner Morddrohungsgeschichte auf meine zigtausend Eier geht. Denn jetzt mal ehrlich, halten wir die körperliche Selbstbestimmung tatsächlich für so wichtig?

Wie Sakine Subaşı-Piltz so treffend verglichen hat, „optimieren“ wir unsere und die Körper Anderer (also Kinder über die Erwachsene bestimmen dürfen) über Impfungen. Da wird also ein Körper von seinem „natürlichen“ Werdegang abgehalten, um auf bestimmte Erreger nicht mehr oder zumindest geringer anzuspringen, teilweise halten diese Impfungen ein Leben lang. Unabhängig von dem Wissen, ob der geimpfte Mensch jemals mit dem Erreger in Kontakt kommen wird. Sehr ähnlich also zur Beschneidung, die ja nicht nur in sandreichen Gebieten einen erwünschten Nebeneffekt hat.

Da wir aber beim Beschneidungsthema nicht über Adultismus und die körperliche oder seelische Selbstbestimmung reden, sondern darum ob Beschneidung eine gute oder schlechte Idee ist, geht’s anscheinend darum nicht.

Aber warum eigentlich nicht?

(edit: quatschiges “nicht” entfernt)

Anmerkung: Herzlichen Dank dem Arbeitskreis Frauengesundheit, dessen Geschäftführerin mir für die nachfolgende Diskussion telefonisch weitergeholfen hat.

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