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Serien-Ver- oder Empfehlung: My Name Is Earl

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: My Name is Earl – Diskriminierung – Rassismus – Sexismus – Klassismus

My Name is Earl (MNIE) ist eine Comedy-Serie, die in den USA spielt, genauer in einem unwichtigen Ort namens Camden. Dort lebt Earl J. Hickey mit seinem kleinen Bruder Randy Hickey, Earls Ex Joy mit ihrem neuen Freund/Mann/was-weiß-ich Darnell und die Reinigungskraft/Stripperin Catalina.

An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erwähnen, dass keine Lachkonserven verwendet werden, was mir bis zur Lektüre des Wikipedia-Artikels gar nicht aufgefallen war (warum auch). Und wo ich schon dabei bin eine zweite interessante Beobachtung: ich finde die deutsche Synchronisation gut. Ich weiß nicht, wie sie sich im Vergleich mit dem amerikanischen Original schlägt, aber die einzelnen Stimmen passen charakterlich zu den Schauspieler*innen.

Zur Story: Earl ist ein Kleinkrimineller, klaut viel und bringt Leute anderweitig um ihr Geld, bis er im Lotto gewinnt. Er wird allerdings prompt von einem Auto angefahren und verliert das Los, was ihn glauben lässt, das Karma wolle von ihm, dass er all seine schlechten Taten wieder richte. Als er seine erste Tat wieder gutmacht, fliegt ihm sein Los zu. Dies überzeugt ihn gänzlich. Mit Hilfe des Geldes macht er sich im weiteren Verlauf der Serie an die Wiedergutmachung der gesamten Liste von schlechten Taten.

Nun habe ich nur einen Teil der Folgen gesehen und die wiederum wild durcheinander. Ich hoffe, dass meine Annahme über ihre Reihenfolge korrekt ist, werde mich aber zur Orientierung teils auf die Handlung beziehen. Fest steht, dass ein Großteil der mir bekannten Folgen aus der dritten Staffel stammt.

Eine Vielzahl der Witze lebt davon, dass Joy, Randy und Earl der ungebildeten Bevölkerung angehören sollen. Also genauer von inhaltlich falschen Aussagen, falscher Benutzung von Begriffen etc. Dieses Konzept hat eine deutlich klassistische Komponente, wurde aber in den ersten Folgen, die ich gesehen habe, gut umgesetzt. Ich habe mich ausreichend mit den Protagonist*innen identifiziert, um nicht das Gefühl zu haben, über sie zu lachen. Ich schreibe “in den ersten Folgen”, weil es einen Moment gab, an dem dies zu kippen drohte.
Die Darstellung dieser Figuren als Angehörige der Unterschicht hat noch ein größeres Problem zur Folge: Randy und Earl fallen durch mehrheitsgesellschaftlich übliche heterosexistische Bemerkungen auf, Joy wird zudem als stark rassistisch charakterisiert. Auch Cis-Sexismus und Ableismus kommen vor. Bei entsprechenden Aussagen, besonders bei Joy zu bemerken, fehlt der Serie das Gegengewicht. Es gibt bei solchen Szenen durch die Handlung selbst keinen Hinweis an die Zuschauer*innen, dass die Aussagen schlicht nicht in Ordnung sind. Bzw. ist man dazu genötigt, entweder über die (rass)-istische Aussage zu lachen, also selbst Kompliz*in zu werden, oder sitzt in hilflosem Schweigen da. Vor allem dieser Fuck-up verleidet mir die Serie.

Dies ist aber leider nicht mein einziger Kritikpunkt. Der Bechdel-Test wird zwar bestanden, aber manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dies nur durch Konversationen geschieht, in denen sich Catalina und Joy darüber streiten, wer besser aussieht. Hmpf. Diese Konversationen stellen dann ihre Beziehung zueinander auch gut dar: sie sind die einzigen Frauen*, die konsequent in der Serie auftauchen und sie können sich nicht leiden … weil sie ihr Aussehen miteinander vergleichen. Wow. Das macht auch deswegen besonders wenig Sinn, weil es sonst zwischen Randy, Earl, Joy, Catalina und Darnell keine besonderen Feindschaften gibt. Nur die beiden Frauen…

Diiiie Rolle von People of Color: Catalina und Darnell haben definitiv eine Persönlichkeit, bei Catalina ist sie allerdings schon ein bisschen dünn. Sie bekommt wenig Hintergrundstory, die ihre eigenen Beweggründe und Wünsche ernsthaft darstellt. Häufiger dient die Story als Grundlage für eine Pointe. Die meisten Witze, die mit ihr zu tun haben, stellen Mexiko als vollkommenes Armenhaus dar (zugegeben, der Großteil der Handlung von MNIE spielt in einem Trailerpark also steht dem weniger eine Darstellung des “American Dream”-Amerikas gegenüber), beruhen darauf, dass sie rassistisch beleidigt wird oder gar auf sexueller Belästigung – die zum Glück “nur” einmal verharmlost wird, in den anderen Fällen wird sie innerhalb der Serie adressiert und kritisiert. Abgesehen davon natürlich, dass ausgerechnet sie auch als Stripperin arbeitet, nicht etwa die weiße Joy.

Und das bringt mich zur Erklärung, warum ich die letzten Folgen, die ich gesehen habe, weniger mochte.
Ich weiß nicht, was der Grund ist – ob die Produzent*innen gewechselt haben oder ihnen einfach die Witze ausgegangen sind – aber in den letzten Folgen, werden vermehrt Practical Jokes benutzt, also Witze, die auf der körperlichen Beschaffenheit von Figuren beruhten. Konkreter gibt es eine Latina mit grotesk großem Hintern (Fatsuit-mäßig ausgestopft), die sich als Politesse wiederholt zwischen sehr eng beieinander parkenden Autos durchquetschen muss und Dharma (okay, die Schauspielerin von Dharma in Dharma und Greg), die eine Kratzwunde im Gesicht und ein davon verletztes Auge hatte, das ebenfalls wiederholt Gegenstand von Witzen ist. All diese Witze waren nicht nur extrem flach und unlustig, sondern mitunter auch stark sexistisch bzw. ableistisch. Urg.
Und wo wir bei Sexismus sind? Eine von den Charmed-Hexen (ich erkenne Schauspieler*innen nur an früheren Rollen, it’s a fact) hat als “Billy” in einigen Folgen einen Auftritt. Der ganze Plot ist furchtbar furchtbar furchtbar. Entweder ist sie zuckersüß und die Superfrau oder sie ist die ganze Zeit gereizt und die Furchtbare Ehefrau™. So weit ich mich erinnere bekommt sie auch keine logische oder stimmige Charakterentwicklung. Ja, ihr Charakter ändert sich, aber immer von jetzt auf gleich, damit Earl den Eindruck bekommen kann, dass das Karma will, dass er weiter an seiner Liste arbeitet.

Was Frauenrollen angeht, hat die Serie also noch einiges zu lernen. Und andere von Diskriminierung negativ Betroffene werden sich vielleicht die ständigen Witze, die irgendwie zur Charakterisierung von Angehörigen der Unterschicht dienen sollen, auch nicht ununterbrochen anhören wollen. Alles in Allem sehr schade, weil ich den Humor – vom Genannten abgesehen – mag und auch die Charaktere.

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Vampire Diaries: Elena und Damon

Am Donnerstag kam auf Sixx die neue Folge von Vampire Diaries (Spoilerwarnung also für alle, die die Serie auf Pro Sieben verfolgen). In dieser erfolgte die bisher beste „Wie kommt’s zum Kuss“-Szene, die ich je gesehen habe. Gleichzeitig belegt diese eine These, die ich gleichermaßen gegenüber True Blood (Spoiler: Behandele auch Kram aus der 4. Staffel) und Vampire Diaries vertrete:

In beiden Serien ist die weibliche Hauptfigur (Sookie, Elena) an zwei Männern interessiert: Einen scheinbar bemüht moralisch Integeren (Bill, Stephan) und einem „Halunken“ (Eric, Damon). In beiden Fällen ist der scheinbare Integere bemüht, für sich und die weibliche Hauptfigur die richtige Entscheidung zu treffen und der „Halunke“ auf der ersten Interpretationsebene übergriffig. Diese Übergriffigkeit ist aus meiner Interpretation so ausgelegt, dass er zwar darauf scheißt, was die weibliche Hauptfigur will, aber beständig daran interessiert ist, dass die weibliche Hauptfigur weiß, was sie will. Sie muss sich gegen den Willen des „Halunken“ durchsetzen, während der Integere den Willen anerkennt/fördert, den er gut findet: Sie muss und kann sich nicht gegen den Integeren durchsetzen, es geht ihm nicht um ihre Stärke.

Aus diesem Grund bin ich sehr parteiisch gegenüber den „Halunken“, ich hoffe immer drauf, dass sich die weibliche Hauptfigur – falls sie findet, sich entscheiden zu müssen – sich für den „Halunken“ entscheidet.

In Vampire Diaries kam es also in der im deutsprachigen Fernsehen aktuellen Staffel zur 2. Kussszene zwischen der weiblichen Hauptfigur Elena und dem „Halunken“ Damon. Und dies geschah auf die wohl unübergriffigste, zustimmungsbasierteste und ungewaltätigste Weise, die ich je im Film gesehen habe:

Elena und Damon befinden sich auf einer Reise, die Elena u.a. deswegen mit ihm unternimmt, um herauszufinden, wie sie für Damon fühlt (Elena weiß bereits von Damon, dass dieser an ihr emotional und sexuell interessiert ist). Es ist Nacht, Elena liegt im Bett und Damon vagabundiert durch das Zimmer. Elena beobachtet auf der Seite liegend Damon – der dank offenem Hemd und so wohl anziehend wirken soll – mehr oder minder heimlich. Als Damon ihren Blick bemerkt, schließt sie zunächst wieder die Augen. Kurze Zeit später öffnet sie Augen wieder und schaut ihn weiter an. Darauf geht Damon zu ihr hinüber und legt sich neben sich auf dem Rücken liegen zu ihr ins Bett, ohne sie zu berühren. Sie führen ein kurzes Gespräch, über was Persönliches, jedoch nicht über die Situation an sich. Erst als Elena ihre Hand „aus Versehen“ neben Damon legt, beginnen sie Händchen zu halten und Damon streichelt Elenas Hand. Daraufhin wird Elenas Atmung unregelmäßig, doch Damon nimmt dies nicht zum Anlass, über das Händchen halten hinaus zu gehen. Elena flieht trotzdem aus dem Bett und geht aus dem Zimmer. Damon folgt ihr langsam und mit Abstand. Als Elena draußen stehen bleibt, bleibt auch Damon mit Abstand stehen, noch bevor Elena „Nicht/Don’t“ sagt. Während also Elena davon ausgeht, dass er ihre Grenzen nicht respektiert, tut dies Damon wohl aus Erfahrung bereits. Nach seiner Antwort „Warum nicht?/ Why not?“ geht Elena auf ihn zu, sie beginnen sich zu küssen und erst ab diesem Zeitpunkt wird Damon gegenüber Elena auf explizit sexuelle Weise aktiv.

Was mich an dieser Szene so unfassbar fasziniert, ist das – schätzungsweise – jeder anderen Storyline, dass Augen wieder aufmachen gereicht hätte, für die Kussszene. Ich habe noch nie im Film diese langsame, Grenzen respektierende und auslotende Handlungen gesehen. Soviel zum Thema “der “Halunke” will, dass die weibliche Hauptfigur, weiß was sie will”.

Kurz überflogen, finde ich die “Halunken”-Figur nur in Vampierserien, ist es also eher so, dass die “Schnelligkeit” der anderen Filme und Serien dem “Integeren” geschuldet ist? Oder ist das Drehbuch von Vampire Diaries wirklich so genial geschrieben und all die anderen Filme und Serien so unglaublich schlecht?

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