Schlagwort-Archiv: Sexismus

Bis zum männlichen* Horizont und nicht weiter

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Privileg – Sexismus – Silencing – Aktivismus

Vielleicht hat Magda recht und die #Aufschrei-Debatte ist für mich deswegen so schwer zu beobachten, weil ihr Ziel es ist

Frauen und Männer näher zueinander zu bringen

(Was, um die Verwirrung zu erhöhen, eigentlich ein Zitat von @fraeulein_tessa ist.)

Wenn die Kampagne dahin strebt, Männern* klar zu machen, welcher Gewalt sie jeden Tag qua Privileg entgehen, macht es Sinn.
Sie hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich von Typen gelesen habe, die “Scham” empfinden, weil sie damals nicht eingegriffen haben, die bis jetzt nicht wussten, wie schlimm das alles ist und so fort.

Schon beim ersten Lesen eines solchen Statements fragte ich mich: Was hat deine Manpain in diesem Hashtag verloren? Frauen* geht es scheiße und du legst gleich mal deine Betroffenheit dar, dafuq?
Warum das falsch ist? Weil es die Aufmerksamkeit verschiebt. Es geht nicht mehr um grausames sexistisches Ereignis X, es geht darum, wie grausames Ereignis X einen Mann* emotional mitnimmt. Dadurch wird es legitimer. Ja, auch das ist Sexismus. Nein, das ist KEINE HILFE.
Eine Hilfe ist es, die Stimmen von Frauen* (PoC, Homosexuellen, Menschen mit Behinderung usf.) zu verstärken. (Denk-Anstoß von kiturak. Gerade zu sauer, um den richtigen Artikel zu finden.) Was nicht darunter fällt, ist die Stimme von Dudes, die sich endlich (oder meinetwegen auch wiederholt) mal zum Thema äußern, in den Himmel zu loben.
Versteht ihr nicht, was passiert? Die Debatte wird legitimisiert dadurch, dass auch Männer* Sexismus schlimm finden. Das. Ist. Sexismus. Ja, ich freue mich ehrlich drüber, wenn ich sehe, dass ein paar Typen es geschnallt haben. Ja, ich freue mich auch drüber, dass sie ihre Position nutzen, um die Ideen einer breiteren Leser*innenschaft zuzutragen. Nein, ich werde sie deswegen nicht retweeten. Denn das, was sie da sagen, wird gerade von mindestens 5 Frauen* woanders auch gesagt und steht, viel besser (von Frauen*) beschrieben, schon seit 10 Jahren im Netz. Geschrieben von Leuten, die tatsächlich wissen wie es ist so zu leben. For realz.

Es gibt einen Tumblr-Post darüber, dass die Friend-Zone scheiße ist. Trotz einiger problematischer Aussage und dessen, dass er nicht sehr tief geht, wird er hoch und runter verlinkt. Ratet das Geschlecht und die Perspektive des Autors.
Es gibt einen Tumblr-Post von einem Typen, der ein soziales Experiment gemacht hat. (Ob bezüglich Sexismus oder Cis-Sexismus weiß ich nicht mehr). Er trug “weibliche” Klamotten (Bluse, Rock, …) und beobachtete die Reaktionen. Als er einen Tag lang den Rock trug, machten ihn die Reaktionen richtig fertig. Text über das Experiment? Rauf und runter verlinkt.
Wisst ihr wie viele (englischsprachige) Artikel es zu Cis-Sexismus und Sexismus im Netz gibt, die aus einer Betroffenen-Perspektive geschrieben sind? Ihr könnt sie in eurer Lebzeit nicht einmal lesen. Und dieser weiße Cis-Dude kommt daher und bringt alle zum Weinen. SO fühlt sich das also an. Das ist ja echt schmerzhaft. Da sollten wir Mitleid mit den anderen haben.

Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, wenn eine Person, von der man es nicht erwartet hat Es Versteht(tm). Dennoch ist das kein Grund für Belohnung, wenn ein Mann* endlich akzeptiert, dass es Sexismus und sexuelle Belästigung gibt. Die Belohnung für ein privilegierten Person die diskriminierende Struktur anzuerkennen, von der sie profitiert, ist Kein-Arschloch-sein. Hier ist deine “Herzlichen Glückwunsch, Du bist kein Arschloch”-Marke. Ich hoffe, das reicht.

(Tut mir Leid, dass die Lesbarkeit heute darunter gelitten haben könnte, dass ich das mehr oder weniger runtergerantet habe.)

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Günther Jauch, wie es am 27.01.2013 hätte sein sollen

Dieser Text erschien auch im Geschlechterchaos

Die Aktion um #aufschrei, bei der Betroffene (und ein paar Trolle/andere ignorante Menschen) auf Twitter mehr als 60.000 Tweets zu sexistischen Situationen, Erlebnissen, Grenzüberschreitungen innerhalb weniger Stunden verfassten, führte dazu, dass Günther Jauch seine Talkshow am Sonntag Abend kurzerhand über den Haufen warf. Das Medienecho war enorm.
Also statt über den Konzern Kirche mal über das Sexismusproblem in Deutschland sprechen. Super Idee. Die Umsetzung leider ein einziger Unfall. Ein Moderator, der ständig ablenkt. Interessanterweise die Mehrheit der Gäste (vier von sechs: Anne Wizorek, Thomas Osterkorn, Silvana Koch-Mehrin, Alice Schwarzer) die das Problem sehen. Auf die aber niemand inhaltlich eingeht, auch sie aufeinander nicht/kaum. Zwei (Wibke Bruhns, Hellmuth Karasek) die sogar auch die Situationen kennen aber nicht als problematisch empfinden. Die viel Raum für abstruse Ausführungen und eigene Bücher bekommen.

Da ich keine Lust auf eine lange Analyse habe, hier kurz eine Idee, wie die Sendung hätte ablaufen sollen:

Simpel, oder?

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#Aufschrei

Frauen* schreiben und “Das habe ich nicht gewusst.”
Frauen* schreiben und “Das ist ja furchtbar.”
Frauen* schreiben und “Da muss doch wer etwas gegen tun!”
Frauen* schreiben und “Das hast du dir ausgedacht!”
Frauen* schreiben und “So etwas passiert doch nur dir.”
Frauen* schreiben und “Hättest du nur mal…”
Frauen* schreiben und “Männer* werden aber auf der Straße verprügelt.”
Frauen* schreiben und lasst uns ihre Schreie unterdrücken.
Frauen* schreiben und lasst uns darüber lachen.
Frauen* schreiben und “Nimm das doch nicht so ernst.”
Frauen* schreiben und “Das erzählst du erst jetzt?”
Frauen* schreiben und “Mir ist so etwas noch nie passiert.”
Frauen* schreiben und “Warum hast du dich nicht gewehrt?”
Frauen* schreiben und wir erkennen kein Problem.
Frauen* schreiben und irgendwer muss doch den Männern* helfen.
Frauen* schreiben und alles bleibt, wie es ist.

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Mord ist kein “Familiendrama”

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagworte: Frauenhass – Mord – Gewalt in Beziehungen – Mysogynie – Sexismus

Das Jahr 2012.

Januar:
·Nordrhein-Westfalen: 52-jähriger Mann ersticht 50-jährige Ehefrau.
Quelle

Juni:
·Bayern: 45-jähriger Rechtsanwalt ersticht seine 37-jährige Ehefrau.
Quelle

August:
·Berlin: 69-Jähriger bringt 28-jährige Ehefrau und die zwei kleinen Söhne um.
Quelle

November:
·Rheinland-Pfalz: 47-jähriger Mann bringt 43-jährige Ehefrau und ihre zwei Söhne um.
Quelle

Weihnachten:
·Brandenburg: 78-Jähriger tötet 77-jährige Lebensgefährtin und anschließend sich selbst.

·Niederbayern: 66-Jährige tot aufgefunden. Mutmaßlich von ihrem 68 Jahre alten Ehemann getötet.

·Thüringen: 50-Jähriger prügelt 52-jährige Lebensgefährtin zu Tode.

·Duisburg: Mann ersticht Schwager. Auslöser: Die Frau des Angreifers wollte mit den vier Kindern ausziehen und ihr Bruder half beim Umzug, als ihr Mann gewalttätig wurde.
Quelle via @maedchenblog

Alle Artikel, bis auf den letzten, habe ich durch das Schlagwort “Familiendrama” auf der ersten Google-Seite gefunden. Nicht durch “Mord” oder “bedenkliche Häufung von Gewalt-Verbrechen gegen Frauen”.
Bei den Artikeln fällt auf, dass das Wort “Mord” nur da fällt, wo eine Mutter ein Kind umgebracht hat. (Quelle). Die Taten wurden jedoch zum überwiegenden Teil von Männern verübt.
In jedem Falle wird die Berichterstattung der Situation nicht gerecht. Es ist die Rede von “Familiendramen”, “Beziehungsdramen” oder “Familienstreitigkeiten”. Ein “Familiendrama” ist es jedoch, wenn eine Familie durch unglückliche Umstände bei einem Brand umkommt. Wenn ein Mensch umgebracht wird, ist das Mord (oder, je nach Rechtslage, Totschlag oder Notwehr). Die örtliche Presse sieht sich aber nicht dafür verantwortlich, dem Ernst der Lage durch eine angemessene Wortwahl gerecht zu werden. Oder gar zu analysieren, wie es zu so vielen Morden an Frauen kommen kann. Jeder Artikel wird als Einzel”drama” dargestellt und ausgeschlachtet.

Es gibt sie jedoch, die Erklärung für diese Taten. Einer der Artikel erwähnt, dass Gewalt häufiger im familiären Umfeld erfahren wird als auf der Straße. Und weiter geht’s mit dem Tathergang.
Diese Gewalttaten sind aber, genau so wie die Massenmorde an Schulen, kein Zufall. Sie sind nur ein Symptom für den allgegenwärtigen Frauenhass. Dafür, dass es nicht genug Strukturen für Menschen gibt, die eine gewalttätige Beziehung verlassen müssen. Und dafür, dass strikte Geschlechter-Rollenbilder schlicht eine Gefahr darstellen.
Wut darf nicht als einzige und normale männliche Reaktion auf Schmerzen oder Kränkungen akzeptiert werden. Gewalttätigkeit gegen andere ist keine hinnehmbare Reaktion auf Konflikte. Und wenn es so viele Morde an Frauen durch (Ex-) Lebensgefährten gibt, ist das ein Zeichen dafür, dass gegen die Ursachen vorgegangen werden muss. Es ist keine “unglückliche Häufung von Familiendramen”.

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Die linke Presse entdeckt die Mädchenmannschaft

Eigentlich sollten wir uns freuen: Die linke Printpresse berichtet über Frauenbewegungs-/feministische Konflikte! Die Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen, praktischen, sozialen und politischen Fragen aus Perspektive der unterschiedlichen feministischen Strömungen ist eine sehr reiche, welche jedoch leider kaum Beachtung findet. Doch das diese kaum Beachtung der renommierten (linken) Presse findet hat System und es hat auch System, wenn diese plötzlich Aufmerksamkeit erlangt.

Prinzipiell sind die verschiedenen links-verorteten Bewegungen im beständigen Richtungsstreit. Irgendeine Gruppe redet immer mit irgendeiner anderen Gruppe der scheinbar gleichen Bewegung nicht, immer gibt es Vorfälle, die zu größeren Auseinandersetzungen führen. Meist ist es so, dass die Obrigkeit (welche auch immer) nicht ein Auge darauf werden soll, weshalb nicht berichtet wird. Doch gerade im anti-istischen Bereich gilt diese Annahme selten. Vielmehr ist hier die Frage, ob die jeweiligen anti-istischen Bewegungen in ihrem Streit gerade zweckdienlich zum „Wohle“ der anderen linken Aktionsfelder instrumentalisiert werden können.

Jungle World und taz berichten zurzeit über einen Richtungsstreit der Mädchenmannschaft. Die Mädchenmannschaft, als wichtigster feministischer Blog im deutschsprachigen Raum, hat jede Aufmerksamkeit seitens der feministisch-positionierten Menschen verdient. Schließlich wird sie es sein, die in den feministischen Geschichtsbüchern genauso stehen wird wie die Emma. So wird die Mädchenmannschaft auch beständiger Kritik seitens der verschiedenen feministischen Strömungen und Aktivist_innen ausgesetzt. Das ist wichtig, denn wie die Mädchenmannschaft sich positioniert, wird später als die dominante Strömung der feministischen Blogosphäre ausgelegt werden. Quasi zwangsläufig wird ein Richtungsstreit innerhalb der feministischen Blogosphäre anhand der Mädchenmannschaft eskalieren. Der Umgang mit dieser Eskalation als Ausdruck eines bestehenden Konflikts ist die politische Pflicht der Mädchenmannschaft, da sie der meistgelesene feministische Blog sind. Es gibt daraus kein Entrinnen, auch wenn diese vielleicht damit unglücklich sind.

Diese Eskalationen können in verschiedenen Bewegungen nachgelesen werden, eben immer auch anhand der wichtigen Gruppen. So eskaliert beispielsweise die Auseinandersetzung mit verschiedenen –ismen innerhalb der Lesbenbewegung regelmäßig anhand des Lesbenfrühlingstreffen (siehe beispielsweise “In Bewegung bleiben”). Alice Schwarzers Rassismus ist wichtiger, als der jeder anderer Feministin, aufgrund ihrer gesellschaftlichen Präsenz. Und wenn Luise F. Pusch einen cissexistischen Sprachgebrauch befürwortet, brennt der Richtungsstreit der anti-istischen Linguistik. Doch keine dieser Beispiele schaffte es, in der linken Printpresse derartig rezensiert zu werden. Was also ist jetzt anders?

Angeblich geht es um einen Richtungswechsel bei der Mädchenmannschaft, welcher durch die rassistischen Vorfälle auf der Geburtstagsparty zum 5-jährigen Jubiläum notwendig  wurde. Richtungswechsel gab es jedoch bereits vorher. Als beispielsweise Anfang 2011 die „Frau-Lila-Spaltung“ erfolgte, wurden die Artikel bei der Mädchenmannschaft deutlich diverser, so schienen Themen aus dem Homo-Bereich dominanter zu werden. Das jedoch war kein Grund für eine derartige Berichterstattung. Jetzt also kam es zu Redaktionsveränderungen aufgrund des erwähnten aktuellen Vorfalls. Nicht besonderer, als sonst. Doch liegt der Fall insofern anders, als die linke Presse ihre Rassismus-Diskussion (dominant geworden nach dem No-border-camp) mit Feminismus vermengen kann. Yay , der antisexistische Kampf wird verhindert durch den „falschen“ antirassistischen Kampf! Da lohnt es sich doch mal, möglichst tendenziös den Finger in die Wunde zu legen. Es macht dabei keinen Unterschied, dass die verbleibende Redaktion  sich der berichtenden Printpresse verweigert. Hätte die Printpresse tatsächlich Interesse, könnte sie genauso erraten warum, wie ich:

  1. Die Printpresse zeigt kein Interesse an der tatsächlichen Auseinandersetzung mit aktuellen feministischen Richtungstreitigkeiten, sondern will nur etwas zum ausspielen für die eigene Heiligsprechung der ihnen näheren Aktionsfelder.
  2. Es gibt keinen Weg der Äußerung innerhalb der Positionierung der verbleibenden Redaktion: Meredith Haaf und Susanne Klingner (übrigens genau wie bei Katrin Rönicke) profitieren durch ihre „Skandalaufdeckungen“ mittels der Alice-Schwarzer-Methode.  Sexismus gegen weiße Frauen wird für wichtiger erklärt, als Rassismus. So wird eine_r Bildzeitungs-anschlussfähig. Steigern können sie das nur noch, wenn sie sich alle samt mit Sarrazin an einen Tisch setzen. (Mehr dazu bei Noah Sow)

Innerhalb dieses Gefüges kann die aktuelle Mädchenmannschaft sich nicht äußern. Es gibt keinen Grund für eine Kooperation mit der Printpresse, weder aus Machtkalkül noch aus der Annahme heraus, es gäbe eine neutralere Berichterstattung. Das könnten taz und Jungle World wissen: Ist doch der Tomatenwurf aus einer ähnlichen Instrumentalisierungsgeschichte entstanden.

Linksammlung zur Rassismus/Criticial Whiteness-Debatte (danke an kiturak für die Zusammenstellung):

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What About Teh Menz, Esme!?

Zuerst erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: Patriarchat – Diskriminierung – Sexismus – what about teh menz – Umsturz – Aktivismus

Ich habe wiederholt angesetzt. Ich habe immer wieder versucht, über die Situation von Männern* zu schreiben. Ich fand es interessant zu durchdenken, inwiefern sie ebenfalls vom Patriarchat eingeschränkt werden. Ich wollte Geschlechter-Rollen betrachten, Begriffen wie “Weichei” auf den Grund gehen. Ich wollte laut drüber nachdenken, welche Gefühle Männer* überhaupt zeigen dürfen. Aber all das wird nicht sein.

Also tue ich, was ich in diesem Tweet schon andeutete:

Ich kann über das Thema nicht schreiben. Ich habe nicht umsonst immer wieder ansetzen müssen: Ich habe eben auch immer wieder aufgehört. Woher das ganze Gequäle?

Jedes Mal wenn ich ansetze einen solchen Artikel zu schreiben, fällt mir jeder Scheiß wieder ein. Meist der von vor ein paar Tagen. Vielleicht ein Kommentar auf dem Blog: “Männlichen Privilegien existieren nicht.” Vielleicht, wie ein Typ sich meine Antwort auf seine Frage von einem anderen bestätigen lässt, bevor er ihr Glauben schenkt. Vielleicht erinnere ich mich an das letzte Mal, als ich die öffentlichen Verkehrsmittel nutzte. Als ich die Wahl hatte mich einer Flunder gleich in meinen Sitz zu falten oder gegen fremde weit gespreizte Beine zu stoßen.
Aber allen voran beherrscht mich das Gefühl, dass man als Feministin die ganze Hand verliert, wenn man Leuten den kleinen Finger reicht (RW = Redewendung).
Wie ich letztens von Samia und kiturak gelernt habe, heißt das, ich habe Angst vor “Anschlussfähigkeit”. Eine Aussage wird meist als anschlussfähig kritisiert, wenn die “Falschen” sich ihrer bedienen könnten. Beispiel:
Ich so: Männer werden vom Patriarchat auch benachteiligt.
Jemand so: OH MY GAWWWWWD, sag ich ja: Feminismus, voll der Scheiß!!
Ich so: Äh…

In diesem Fall ist meine Aussage also anschlussfähig für Anti-Feminist*innen.
Ich habe aber keine Lust, dass meine Aussagen von denen benutzt werden. Ich will nicht, dass Leute meinen Text gebrauchen, um für das genaue Gegenteil zu argumentieren. (Wenn sie mich als Negativbeispiel nutzen, ist das natürlich in Ordnung.)
Ich habe sicher nur begrenzt Kontrolle drüber, ob und wie meine Aussagen weitergetragen werden, aber ich würde es dennoch gerne vermeiden.

Aber das ist nur der eine Punkt. Der andere Punkt ist: ich will nicht. Ja, ich weigere mich schlechthin diese Themen zu bearbeiten. Ich hab keinen Bock. Ich hab keinen Bock als Feministin vorzukauen, warum Männer* diese ganze Patriarchats-Scheiße vielleicht auch kacke finden sollten. Ich will nicht erst ein Beispiel suchen müssen, von dem Männer* sich endlich zum Handeln animiert fühlen … weil es sie betrifft. Wenn Leute einen Missssstand erst dann ernst nehmen, wenn sie selbst betroffen sind, haben sie ein echtes Problem mit ihrem Mitgefühl. Das kann ich auch nicht lösen, indem ich ihnen ganz umständlich erkläre: Hey, wenn du dieser diskriminierten Gruppe hilfst, springt was für dich bei raus!
Wo mir Stephanie mal die Augen geöffnet hat (RW): Warum sollen Feministinnen denn jetzt auch noch für die Männer* mitdenken? Also so ganz prinzipiell, warum sollen sie die Denkarbeit machen? Warum sollen sie die Kampagnen organisieren, die Artikel schreiben, die Projekte ins Leben rufen? Irgendwoher schreit es “Aber auch Männern* widerfährt xy.” Die gleichen Personen, die das schreien, scheinen aber irgendwie drauf zu warten, dass die Welt, das Karma oder sonstwer ihnen Für Die Gerechtigkeit (TM) Männerhäuser vom Himmel wirft oder Workshops oder was weiß ich.
Newsflash: das Wahlrecht der Frau* oder das Ende der Sklaverei in den USA wurde nicht von Männern* bzw. Weißen herbeigeführt. Sondern gegen ihren erbitterten Widerstand.

Wie Eingangs erwähnt, finde ich die Themen spannend. Aber täglich von Sexismus betroffen zu sein, senkt die Motivation erstaunlicherweise ENORM, dich mit den Problemen derer zu beschäftigen, die einen Gewinn aus sexistischen Strukturen ziehen. Ich bin lieber mit mir selbst solidarisch.

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Keine falsche Scham

Bild eingescannt aus “Vulva”. Foto einer Sheela-na-gig, Skulptur aus dem 12. Jahrhundert an einer Kirche in England.

„(…) »Zwischen den Beinen«, da war etwas Widerliches, zu widerlich um es auch nur auszusprechen. Dann kam der Biologieunterricht. Die äußeren Geschlechtsteile der Frau (also unsere) hießen: Scham (aha!) – mit folgenden Schamteilen:  Schamhaar, Schamhügel, große Schamlippen, kleine Schamlippen. Für den Mann hörte das Schämen schon beim Schamhaar auf. (…) Der nächste Lernschritt war, daß das Besitzen einer »Scham« fast automatisch die »Schande« nach sich zog.“ Luise F. Pusch „Scham und Schande“ in „Das Deutsche als Männersprache“, 1984.

Es gibt Gründe, warum ich als Feministin mit dem Begriff „Scham“ vorsichtig umgehe. Wie  Pusch es so schön auf den Punkt brachte: Für Frauen* fängt die Scham erst richtig an, wenn sie bei Männern* schon aufhört. (Hier geht’s zumindest auf einer Bedeutungsebene, anders als im Pusch-Zitat, tatsächlich um Gender und nicht um cissexistische Bio-Zuschreibungen.) Im Hexengeflüster 2 (1987) wird weiterhin notiert: „Uns fiel auf, daß das Wort Scham bei der Bezeichnung unserer Geschlechtsorgane ein Ausdruck ist, der zeigt, wie stark die weibliche Sexualität negiert und tabuisiert wird“. (S. 88) Mithu M. Sanyal argumentiert in ihrem Buch (2009) „Vulva.  Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ unter anderem, dass die Verbannung der Vulva aus dem Vokabular mit der Verdrängung der Frau aus Denken und Öffentlichkeit einherging.

Die Scham ist etwas, für dass sich geschämt werden soll und so ist das Schamgefühl insbesondere für Menschen mit Vulva eine sehr zwiespältige Geschichte, ist doch ihre Scham etwas, dessen sie sich nicht mehr schämen wollen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob die Scham – als Gefühl oder unpassender Ausdruck für die Vulva – von ihrer negativen Bedeutung befreit werden sollte. Sich für etwas zu schämen ist doch keine Schande und die Scham erst recht nicht. (Aber der Begriff „Schande“ geht aus vielen Gründen auch einfach nicht.)

Katrin Rönicke fühlt sich beschämt, nachdem sie Noah Sow Werk „Deutschland Schwarz Weiss“ gelesen hat. Das kann ich gut verstehen, ist doch die Erkenntnis von rassistischen Strukturen zu profitieren, keine, der eine_r sich rühmen möchte. Aber ist Scham etwas Schlimmes? Warum ist der Artikel mit der Forderung „Du sollst Deine Leser nicht beschämen“ überschrieben?  In einer Formulierung, die daraus quasi ein 11. Gebot macht (Bibel, Altes Testament).

Rönicke führt aus: „Ich fühlte mich dennoch nicht wohl. Ich wollte lernen und wurde wegen meiner Hautfarbe unter einen Generalverdacht gestellt.“ Ihr Schamgefühl wird also aus einem Unwohlsein geboren. Historisch sehr interessant, ist doch der Begriff Unwohlsein eine umständliche Bezeichnung für die Menstruation, welche nach Esther Fischer-Hombergers „Aus der Geschichte der Menstruation in ihrem Aspekt als Zeichen eines Fehlers“ (komplett online!) eben die Frau als Mangelwesen offenbart. Unwohlsein ist – falls es noch nicht klar ist – kein Grund für Scham.
Wegen der „Hautfarbe unter (…) Generalverdacht gestellt“ zu werden, ist tatsächlich fürchterlich, wie sich wunderbar anhand des Racial Profiling-Scheißdrecks zeigt und etwas, für das wir uns in Deutschland schämen sollten. Das ist jedoch mitnichten der Fall, sonst wäre dieses Kapitel der deutschen Geschichte schon abgeschlossen. Ist es schon beschämend, das so zu schreiben? Wäre das wirklich ein Problem? Fakten auf den Tisch zu legen kann beschämend sein, darauf zu verzichten, geht jedoch gar nicht.

Mehr dazu bei:

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Serien-Ver- oder Empfehlung: My Name Is Earl

Auch erschienen auf High on Clichés

Schlagwörter: My Name is Earl – Diskriminierung – Rassismus – Sexismus – Klassismus

My Name is Earl (MNIE) ist eine Comedy-Serie, die in den USA spielt, genauer in einem unwichtigen Ort namens Camden. Dort lebt Earl J. Hickey mit seinem kleinen Bruder Randy Hickey, Earls Ex Joy mit ihrem neuen Freund/Mann/was-weiß-ich Darnell und die Reinigungskraft/Stripperin Catalina.

An dieser Stelle sollte ich wahrscheinlich erwähnen, dass keine Lachkonserven verwendet werden, was mir bis zur Lektüre des Wikipedia-Artikels gar nicht aufgefallen war (warum auch). Und wo ich schon dabei bin eine zweite interessante Beobachtung: ich finde die deutsche Synchronisation gut. Ich weiß nicht, wie sie sich im Vergleich mit dem amerikanischen Original schlägt, aber die einzelnen Stimmen passen charakterlich zu den Schauspieler*innen.

Zur Story: Earl ist ein Kleinkrimineller, klaut viel und bringt Leute anderweitig um ihr Geld, bis er im Lotto gewinnt. Er wird allerdings prompt von einem Auto angefahren und verliert das Los, was ihn glauben lässt, das Karma wolle von ihm, dass er all seine schlechten Taten wieder richte. Als er seine erste Tat wieder gutmacht, fliegt ihm sein Los zu. Dies überzeugt ihn gänzlich. Mit Hilfe des Geldes macht er sich im weiteren Verlauf der Serie an die Wiedergutmachung der gesamten Liste von schlechten Taten.

Nun habe ich nur einen Teil der Folgen gesehen und die wiederum wild durcheinander. Ich hoffe, dass meine Annahme über ihre Reihenfolge korrekt ist, werde mich aber zur Orientierung teils auf die Handlung beziehen. Fest steht, dass ein Großteil der mir bekannten Folgen aus der dritten Staffel stammt.

Eine Vielzahl der Witze lebt davon, dass Joy, Randy und Earl der ungebildeten Bevölkerung angehören sollen. Also genauer von inhaltlich falschen Aussagen, falscher Benutzung von Begriffen etc. Dieses Konzept hat eine deutlich klassistische Komponente, wurde aber in den ersten Folgen, die ich gesehen habe, gut umgesetzt. Ich habe mich ausreichend mit den Protagonist*innen identifiziert, um nicht das Gefühl zu haben, über sie zu lachen. Ich schreibe “in den ersten Folgen”, weil es einen Moment gab, an dem dies zu kippen drohte.
Die Darstellung dieser Figuren als Angehörige der Unterschicht hat noch ein größeres Problem zur Folge: Randy und Earl fallen durch mehrheitsgesellschaftlich übliche heterosexistische Bemerkungen auf, Joy wird zudem als stark rassistisch charakterisiert. Auch Cis-Sexismus und Ableismus kommen vor. Bei entsprechenden Aussagen, besonders bei Joy zu bemerken, fehlt der Serie das Gegengewicht. Es gibt bei solchen Szenen durch die Handlung selbst keinen Hinweis an die Zuschauer*innen, dass die Aussagen schlicht nicht in Ordnung sind. Bzw. ist man dazu genötigt, entweder über die (rass)-istische Aussage zu lachen, also selbst Kompliz*in zu werden, oder sitzt in hilflosem Schweigen da. Vor allem dieser Fuck-up verleidet mir die Serie.

Dies ist aber leider nicht mein einziger Kritikpunkt. Der Bechdel-Test wird zwar bestanden, aber manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dies nur durch Konversationen geschieht, in denen sich Catalina und Joy darüber streiten, wer besser aussieht. Hmpf. Diese Konversationen stellen dann ihre Beziehung zueinander auch gut dar: sie sind die einzigen Frauen*, die konsequent in der Serie auftauchen und sie können sich nicht leiden … weil sie ihr Aussehen miteinander vergleichen. Wow. Das macht auch deswegen besonders wenig Sinn, weil es sonst zwischen Randy, Earl, Joy, Catalina und Darnell keine besonderen Feindschaften gibt. Nur die beiden Frauen…

Diiiie Rolle von People of Color: Catalina und Darnell haben definitiv eine Persönlichkeit, bei Catalina ist sie allerdings schon ein bisschen dünn. Sie bekommt wenig Hintergrundstory, die ihre eigenen Beweggründe und Wünsche ernsthaft darstellt. Häufiger dient die Story als Grundlage für eine Pointe. Die meisten Witze, die mit ihr zu tun haben, stellen Mexiko als vollkommenes Armenhaus dar (zugegeben, der Großteil der Handlung von MNIE spielt in einem Trailerpark also steht dem weniger eine Darstellung des “American Dream”-Amerikas gegenüber), beruhen darauf, dass sie rassistisch beleidigt wird oder gar auf sexueller Belästigung – die zum Glück “nur” einmal verharmlost wird, in den anderen Fällen wird sie innerhalb der Serie adressiert und kritisiert. Abgesehen davon natürlich, dass ausgerechnet sie auch als Stripperin arbeitet, nicht etwa die weiße Joy.

Und das bringt mich zur Erklärung, warum ich die letzten Folgen, die ich gesehen habe, weniger mochte.
Ich weiß nicht, was der Grund ist – ob die Produzent*innen gewechselt haben oder ihnen einfach die Witze ausgegangen sind – aber in den letzten Folgen, werden vermehrt Practical Jokes benutzt, also Witze, die auf der körperlichen Beschaffenheit von Figuren beruhten. Konkreter gibt es eine Latina mit grotesk großem Hintern (Fatsuit-mäßig ausgestopft), die sich als Politesse wiederholt zwischen sehr eng beieinander parkenden Autos durchquetschen muss und Dharma (okay, die Schauspielerin von Dharma in Dharma und Greg), die eine Kratzwunde im Gesicht und ein davon verletztes Auge hatte, das ebenfalls wiederholt Gegenstand von Witzen ist. All diese Witze waren nicht nur extrem flach und unlustig, sondern mitunter auch stark sexistisch bzw. ableistisch. Urg.
Und wo wir bei Sexismus sind? Eine von den Charmed-Hexen (ich erkenne Schauspieler*innen nur an früheren Rollen, it’s a fact) hat als “Billy” in einigen Folgen einen Auftritt. Der ganze Plot ist furchtbar furchtbar furchtbar. Entweder ist sie zuckersüß und die Superfrau oder sie ist die ganze Zeit gereizt und die Furchtbare Ehefrau™. So weit ich mich erinnere bekommt sie auch keine logische oder stimmige Charakterentwicklung. Ja, ihr Charakter ändert sich, aber immer von jetzt auf gleich, damit Earl den Eindruck bekommen kann, dass das Karma will, dass er weiter an seiner Liste arbeitet.

Was Frauenrollen angeht, hat die Serie also noch einiges zu lernen. Und andere von Diskriminierung negativ Betroffene werden sich vielleicht die ständigen Witze, die irgendwie zur Charakterisierung von Angehörigen der Unterschicht dienen sollen, auch nicht ununterbrochen anhören wollen. Alles in Allem sehr schade, weil ich den Humor – vom Genannten abgesehen – mag und auch die Charaktere.

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Da geht’s gar nicht um Mädchen, sondern um Menschen!

kiturak und ich waren einkaufen. Während ich kurz zuvor erläuterte, warum es unbedingt zu vermeiden ist, in “Kunstläden” Postkarten anzuschauen – weil sonst entweder der Geldbeutel am Ende leer oder der Laden dank verschiedenster auf Postkarten inszenierter -Ismen unsympathisch wird – hatte kiturak ein Auge auf die Bastelbücher geworfen. Das nahm kein gutes Ende.

Wenn die langen/kurzen Haare nicht Indiz für die Geschlechtszuordnung genug waren schreibt’s sich diese am Besten gleich in den Titel: “Schminkspaß” “für Mädchen” und “für Jungen”. Für die Mädchen gilt dabei: “Von Prinzessin bis Mietzekatze ist alles dabei” und für die Jungen “Vom Fußballfan bis zum Ritter ist alles dabei”.

Jedes Buch ziert ein “Siegel” mit der Aufschrift “Kreativ- das bist Du”, was von der Autorin Birigt Hertfelder sicherlich nicht sagbar ist.

Einmal angefangen mit diesen Bastelbüchern nahm’s eigentlich kein Ende. Weiter also mit den zahlreichen Laternenbüchern, von denen scheinbar kein Einziges ohne Geschlechtszuordnung auskommt.

Auch hier gilt wieder: Es lässt sich nicht groß genug drauf schreiben, für welches Geschlecht die Laternen gedacht sind und FALLS irgendeiner Person entgeht, welche Gestaltung sich für welches Geschlecht ziemt: “SÜßE Laternen für Mädchen” und “FRECHE Laternen für Jungs”. Für Mädchen gilt wiederum “Von kinderleicht bis anspruchsvoll” und erstaunlich anders für Jungen “Fröhliche Ideen aus Papier und Pappmaché”. Vom Bild her sei noch gesagt: Was jetzt an dem Drachen bzw. der Eule weniger süß/frech sein soll, entgeht meiner Vorstellungskraft.

Die Laternen nehmen jedoch kein Ende. Diesmal erfolgt die schriftliche Geschlechtszuordnung im Untertitel, die abgebildete Prinzessin und der Drache sind eventuell Hinweis genug, doch das “Meine liebste Laterne” und “Meine coolste Laterne” im rosa bzw. blauen Kasten… ach, muss ich’s noch ausformulieren?

Gegen Ende der Laternenbücher war dann auch meine Kamera unwillig, so dass das 3. Laternenbuch für Mädchen und ein Buch für “Mädchen und Jungen”, dass von den Geschlechtszuordnungen der Laternen nach der umfangreichen Studie der restlichen Bücher jedoch auch keine Probleme mehr bereitet.

Da jedoch Laternen und Schminken beim besten Willen nicht ausreichen, Menschen Geschlechtern und Geschlechtern adäquate Beschäftigungen, Adjektive und Symbole zuzuordnen, ist es wichtig, auch den Schulstart entsprechend mit Schultüten auszustatten.


Ach Du liebe Scheiße. Aber sei’s drum: “Katzen, Herzen, Märchenfee” ist mit dem Untertitel “Schultüten für Mädchen” verstehen und “Panther, Skateboard, freche Monster” mit “Schultüten für Jungen”. Wundert sich noch irgendeine_r wie Verhalten geschlechtsstereotyp anerzogen wird?

Möchte irgendeine_r Antje Schrupps Opression Olympics im “Beim pinken Überraschungsei geht es nicht um Mädchen, sondern um Jungs” noch zustimmen? Vielleicht diesem Satz: “Mädchen können nämlich beides, Jungenkram machen und Mädchenkram.”?

(P.S: Ich habe mich in diesem Artikel auf den Sexismusformen beschränkt, sicherlich wäre es auch den “Spaß” wert, weitere -ismen darin anzugehen, z.B. dass alle abgebildeten Personen weiß sind und schlank und…)

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Wären Sie bitte so freundlich, Herr Welding?

Ich lerne zur Zeit für meine Philoprüfung und da kommt mir das amüsante „Haha, guck Dir den Scheiß mal an!“-Spiel rund um einen Text von Malte Welding gerade Recht. Viele haben schon dazu geschrieben, z.B. das kotzende Einhorn, Nadia Shehadeh und Antje Schrupp (edit: Noch mehr Mitspieler_innen gefunden: TheGurkenkaiser, Claudia Kilian, yetzt (hab noch Plätze frei ;-) ).

Da ich jedoch gerade in so einer sprachphilosophischen und erkenntnistheoretischen Philo-Blase drin hänge, halte ich mich einfach nur mit den fehlenden Ausrufungszeichen und Formulierungsfragen auf. Das ganze anhand der ersten beiden Sätze:

Sagt seltener “sexististische Kackscheiße”. Sagt seltener “rassistische Kackscheiße”.

Es scheint deutlich zu sein, dass in beiden Sätzen jeweils eine klare Aufforderung drin steckt. Bei Aufforderungen ziemen sich in der Regel Ausrufungszeichen, z.B. in „Mach das!“, „Lass das!“, „Tu was!“. Die Ausrufungszeichen scheinen einen „Call to action“ deutlich zu machen, welcher eben beinhaltet, dass eine oder mehrere Personen eine Handlung durchführen soll(en) (wozu ich auch Unterlassungsaufforderungen zählen würde).  Ebenso bestimmt das Ausrufungszeichen eine Form der Betonung die Aufregung, einen Befehl… irgendetwas in der Art, auf jeden Fall soll die Stimme eher hoch gehen.
Ein Punkt wiederum schließt eine Aussage ab.  Ein Punkt lässt keine Frage aufkommen und keine Aufforderung stehen. Ein Satz mit Punkt ist in sich geschlossen und lässt von der Struktur her keine Unschlüssigkeiten zu. Die Stimme geht runter, na, wie in der Grundschule gelernt.

Selbstverständlich ist je nach Satzzeichen zumindest im Deutschen auch der Aufbau der verwendeten Wörter verschieden. Dies ist jedoch bei Weldings Sätzen nicht der Fall, die Sätze könnten ohne grammatikalische Probleme ein Ausrufungszeichen bekommen. Warum also die Punkte?

Ich denke es handelt sich dabei um schlichte Vermessenheit/Selbstüberschätzuhng. Um dies jedoch möglichst vollständig zu belegen, möchte ich auf eine weitere sprachliche Besonderheit aufmerksam machen und zwar das fehlende Personalpronomen.  In Aussagen wie „Ich schreibe gerade einen Text.“ oder Fragen wie „Wären Sie bitte so freundlich?“ stecken Personalpronomen und ich neige dazu, dass die Personlpronomen bei solcherlei Sätzen seltener fehlen, als bei Aufforderungen. Das liegt daran, dass bei Aufforderungen häufig der_die Adressat_in klar ist, durch die implizite Form, welche deutlich macht,  welche Person(en) handeln soll(en). „Sagt ihr seltener…!“ wirkt halt irgendwie doppelt gemoppelt. Dieses „ihr“ jedoch ist durchaus relevant, insbesondere wenn’s um politische Arbeit geht. „Lasst uns…!“ sagt halt, dass eine_r Teil der Bewegung ist und nicht außerhalb steht – daher ist’s auch inhaltlich eine komplett andere Aussage. Welding jedoch wählte die Version, in der er nicht Teil der politischen Arbeit ist – und will trotzdem die Art und Weise der politischen Arbeit bestimmen.

Warum und wie er sich dieses Recht konstruiert, wird meines Erachtens eben auch durch die Wahl der Satzzeichen deutlich, denn er macht dadurch deutlich, dass der Chef (Geschlecht ist Absicht) gesprochen hat. Implizite Aufforderungen mit Punkt sind z.B. „Du räumst jetzt Dein Zimmer auf.“, „Wenn Du das essen willst, musst Du es Dir selber kaufen.“ oder „Das darfst Du nicht.“. In jedem Fall dieser impliziten Aufforderungen mit Punkt ist klar, dass die sprechende Person zumindest glaubt bestimmen zu dürfen und das nach dieser Aussage „natürlich“ gehandelt wird.

Weldings Punkte machen also deutlich, dass er glaubt bestimmen zu dürfen und nicht befehlen muss. Ein Befehl wäre genauso anmaßend, aufgrund der Wahl des impliziten Personalpronomens. Also, eigentlich endet die Kritik des Textes nach den ersten beiden Sätzen.

Warum jedoch glaubt Welding auf diese Art mitreden zu können? Was gibt ihm die Macht? Dass er weiß, vermutlich cis und männlich ist? Um das zu belegen, fehlt mir die Motivation. Also:

Wären Sie bitte so freundlich Ihre vermeintlich sexistische und rassistische Kackscheiße zu unterlassen, Herr Welding?  

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