Schlagwort-Archiv: Solidarität

Flüchtlingsmarsch nach Berlin- Sep.2012

refugeestrikeberlin schreibt

Flüchtlingsmarsch nach Berlin september 2012

Aufruf an alle Flüchtlinge – Call for all refugees – فراخوان برای همه پناهجویان

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Um Freiheit zu erreichen, darf der Mensch nicht in Reih und Glied stehen, sondern muss die Reihe durchbrechen

Ihr, all die Asylsuchenden, die unter unmenschlichen Bedingungen in Deutschland leben und zuschauen wie euer Leben und das eurer Kinder einen langsamen Tod entgegen gehen, ihr, die wie Gefangene in Lagern gehalten werdet, im Angesicht all der diskriminierenden Bedingungen, die euch zu Bürgern zweiter Klasse machen, ihr, die jeden Moment die Abschiebung fürchtet, ihr, die auf der untersten Stufe einer ungerechten Gesellschaft steht und all ihr Gewicht auf euren Schultern tragt, -während ihr der grausamen und unmenschlichen Residenzpflicht gehorchen müsst: JETZT ist die Zeit gekommen, gegen all das aufzustehen.

JETZT ist die Zeit aufzustehen, weil wir nicht länger passiv Zeugen des Todes eines von uns sein möchten, denn die unmenschliche Behandlung der Asylbewerber in Deutschland kann jeden von uns in den Tod treiben.

[...]

Weiter geht es auf ihrer Website.

Der Aufruf ist verfügbar in den Sprachen Deutsch, Englisch, Persisch, d.h. Farsi/فارسی, Kurdisch, Russisch und Französisch.

Ab dem 8. September “werden Asylsuchende auf 2 verschiedenen Routen nach Berlin marschieren um dort der deutschen Regierung zu zeigen, dass auf jede Anwendung des unmenschlichen Abschiebegesetzes eine Reaktion der Bewegung folgen wird.”
In Berlin werden sie die folgenden Forderungen noch einmal vortragen

  • Abschaffung aller Flüchtlingslager in Deutschland
  • Abschaffung der Abschiebegesetze. Abschiebung ist unmenschlich und dient nur den politischen und ökonomischen Interessen der Mächtigen
  • Abschaffung der Residenzpflicht

Ablauf

Wie oben erwähnt, wird der Marsch nach Berlin gleichzeitig auf 2 verschiedenen Routen stattfinden: Auf der einen werden Flüchtlinge von Würzburg nach Berlin marschieren. Die andere führt mit Transportmitteln über die Flüchtlingslager Westdeutschlands. Beide Gruppen werden gleichzeitig in Berlin ankommen und dort zusammentreffen. Diese Aktion wird zunächst von Asylbewerbern aus Bayern und Baden-Württemberg ausgehen, wird sich aber nicht auf diese beiden Bundesländer beschränken. Alle Asylbewerber die in Lagern oder Städten auf dem Weg nach Berlin leben, werden besucht und eingeladen, am Protest teilzunehmen.

Der Aufruf richtet sich “[a]n alle Asylbewerber, Flüchtlinge und Immigranten in Deutschland“.

Helft ihn zu verbreiten!

Weitere Informationen, der Aufruf in anderen Sprachen und Kontaktdaten hier. Material zum Drucken hier.

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Allies ja, Selbstdarstellung nein

Crossposted auf High on Clichés

Schlagwörter: Allies – Diskriminierung – Selbstdarstellung – Solidarität

If you are going to actually be an ally this means that you have to take a true and legitimate interest in the causes and or people that you are claiming allegiance to. Wearing the right assortment of coloured bracelets or ribbons does not constitute activism. Sitting in a coffee house expounding on the lightness of being, while you quote esoteric quotes to prove how in touch you are with the downtrodden is the equivalent of a hot breeze on a hot day; annoying and needless.

Renee Martin auf Womanist Musings

Zuerst die Grundlagen; “Allies” (oder dt. korrekt “Allys”, sieht jedoch schlimm aus), zu deutsch “Verbündete”, sind Menschen, die von einer Diskriminierung nicht betroffen sind, sich aber explizit gegen diese aussprechen und von sich sagen, sie wöllten gegen diese Diskriminierung vorgehen. Ich könnte mich zum Beispiel, was Rassismus angeht, als Ally bezeichnen.

Wenn es um Allies geht, kommt es durch die Art unserer Gesellschaft mit Diskriminierung umzugehen unweigerlich zu einem Problem: es wird immer derjenigen Person zugehört, die weniger sich überschneidende Diskriminierung erfährt. In der Folge erfahren Allies mehr Aufmerksamkeit als Betroffene, obwohl sie Diskriminierung ansprechen, mit der sie keine persönliche Erfahrung haben (ich schwör: daneben zu stehen, wenn eine Person rassistisch beschimpft wird ist nicht “Erfahrung mit Rassismus”).
Was heißt hier “Allies” – Es wird lieber Nicht-Marginalisierten¹ zugehört. Mit etwas Glück sind das wenigstens Allies.

Das brisanteste Beispiel der letzten Tage für den Ausschluss betroffener Stimmen war eine Sendung von DRadio Wissen mit dem Titel “Sex, Gewalt und Hochkultur – ein Talk über Computerspiele”. Sexismus wurde thematisiert, keine Frau* war eingeladen. Vom Rassismus möchte ich hier gar nicht sprechen. Auf femgeeks.de wurde das ganze Debakel rückblickend beleuchtet und kritisiert. Unter ihrem inhaltlich gleichen Beitrag auf der Mädchenmannschaft wurde dann prompt die Erwartungshaltung und Lernresistenz der Angesprochenen durch einen Teilnehmer* verdeutlicht.

Nun wird das Ignorieren von betroffenen Stimmen durch die Presse, Radio und Fernsehen gerne als Motivator benannt “erst recht für die Rechte von … einzutreten”. Hugo Schwyzer etwa war im An-sich-Reißen des feministischen Dialogs in den USA ganz groß. Warum das nichts Gutes für Frauen* und Feministinnen* bedeutete, besonders für die mit sich überschneidenden Diskriminierungen, lässt sich vielerorts nachlesen.
Denn “für” andere sprechen ist vielleicht nett gedacht, aber sehr sehr kurz. Allies haben per Definition weniger Ahnung vom betreffenden Thema, weil sie nie nicht und nimmer davon betroffen sein werden (außer in sehr wenigen Fällen, aber für den Ist-Zustand ist das unerheblich).
Kiturak hat hierzu auf Facebook mal hilfreich die Definition eines “Sprachrohrs” verlinkt, da sich einige Allies gerne als solches für “marginalisierte Stimmen” verstehen: ein Sprachrohr kann das Gesagte nicht verändern, es wiederholt den Inhalt nur lauter. (Durch kituraks unermüdliches Beharren ist mir übrigens auch die Wichtigkeit der folgenden Liste deutlicher geworden.)

Aus all diesen Punkten ergibt sich die folgende Aufgabenstellung für Allies:

  • Die Texte von marginalisierten Personen verlinken, selbsterklärend kommentiert. Ein Äquivalent zur Frauen*quote kann für solche Links als Maßstab genutzt werden: wenn es zum gleichen Thema den Text einer marginalisierten Person und den einer*s Allys gibt, ist ersterer immer vorzuziehen.
  • Edit zu Punkt 1: das bedeutet absichtlich nach Texten von Marginalisierten zu suchen! “Ich lese halt keine Texte von Betroffenen, nur über Betroffene – wer weiß ob die überhaupt bloggen” ist eine furchtbar schlechte Entschuldigung.
  • Zitate, Zitate, Zitate mit Quelle und Erwähnung der Person, von der sie stammen.
  • Ablehnen an öffentlichen Diskussionen teilzunehmen, die nur aus nicht-Marginalisierten besteht. (via accalmie)
  • Bei Anfragen für Vorträge, Artikel usf. schamlos Blogger*innen o.a. promoten, die von der Diskriminierung betroffen sind.
  • In Artikeln und Diskussionen mitdenken, wo man gelernt hat, was man gerade wiedergibt. Die entsprechenden Namen konsequent nennen.
  • In Gremien und Diskussionen allgemein die eigene Redezeit selbstständig (d.h. unaufgefordert!) beschränken, wenn man z.B. cis-männlich ist oder Betroffene der Diskriminierung, die gerade diskutiert wird, anwesend sind – um ihnen den Diskussionsball zuzuspielen, versteht sich.

Versteht mich nicht falsch, mindestens die Hälfte dieser Liste muss ich selber noch besser angehen. Aber eine Erinnerung kann nicht schaden.

Drei weiterführende grandiose Links zum Ally-Sein und arbeiten mit Allies
When Allies Fail, Part I
When allies fail – Pt. 2
I’m An Ally But

Weitere Links zum Thema in den Kommentaren gerne willkommen.

1 “marginalisiert” – wörtlich: an den Rand gedrängt

Edit: “öffentlich” in den vierten Anstrich eingefügt

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Solidaritätsbekundung für Mely Kiyak

Wir, Muslime, Schwarze Menschen, Schwule, Lesben, Nicht-Männer, …körperlich Beeinträchtigte, Arbeitslose, Araber_innen, Juden und Jüdinnen, Griech_innen, Atheist_innen, Kurd_innen, Türk_innen, Tscherkes_innen, Ostdeutsche, Andersdenkende, Agnostiker_innen, kritische Menschen…, wir alle, die wir in diesem Land als bizarr, ungewöhnlich oder einfach nur als „anders“ definiert werden, um uns (rechtliche und gesellschaftliche) Gleichbehandlung streitig zu machen, wollen uns in dieser Stellungnahme mit Mely Kiyak solidarisieren: Denn sie ist eine von uns!

Mely Kiyak schrieb in einer ihrer Kolumnen über einen Fernsehauftritt von Thilo Sarrazin bei Günter Jauch. Sarrazin ist bereits durch die Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab“ mit rassistischen Erklärungen gegenüber Muslimen, insbesondere gegenüber kurdisch- und türkischstämmigen aufgetreten. Unter anderem hat er viele Probleme des Bildungssystems und schließlich auch der Gesamtgesellschaft auf ‚vererbte‘ Probleme, die durch ‚Inzest‘ unter den genannten Bevölkerungsgruppen entstanden seien, zurückgeführt. Schlimm genug, dass diese rassistischen Meinungen heute unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit sowohl von der Springerpresse als auch den sogenannten Qualitätsmedien in die Gesellschaft transportiert und damit salonfähig gemacht werden – immerhin wird das Buch als Bestseller betitelt. Jetzt werden auch Thilo Sarrazins vermeintliche Expertisen zur Wirtschaftskrise gehyped – just einen Tag, nachdem 25 000 Menschen in Frankfurt auf die Straße gegangen sind, um für eine seriösere europäische Finanzpolitik einzutreten, die auf Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gründet. Auch wir empfinden es als eine Verhöhnung der Demokratie in diesem Lande, dass gerade Thilo Sarrazin in diesem Kontext eine öffentliche und von allen hörbare Stimme durch die öffentlich-rechtlichen Sender verliehen wird, und können deshalb verstehen, dass Mely Kiyak ihren Frust darüber loswerden wollte.

Doch als sei dies alles nicht schlimm genug, nun wird Mely Kiyak, die sich als eine der wenigen zu diesen ganzen Unsäglichkeiten in ihrer Kolumne in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung geäußert hat, mit einer rassistischen und sexistischen Hetzkampagne verfolgt. (Siehe auch die Facebookseite Fans and Friends of Mely Kiyak.) Zu nennen sind hier zum einen Leser_innenbriefe an die Zeitungen, für die Kiyak schreibt, und zum anderen ein sogenannter Shitstorm, der durch die Beteiligung des rechten und dezidiert antimuslimischen Internetportals PI-news gesteuert (in der Frankfurter Rundschau sind Zitate zu lesen) und von der Bildzeitung in einer rassistischen und sexistischen Weise forciert und unterstützt wird.

Der vorgegebene Grund: Mely Kiyak hat sich in ihrer Kolumne negativ und abwertend auf das Erscheinungsbild und die Mimik von T.S. bezogen. Mittlerweile hat sie sich für ihre verbale Entgleisung aber entschuldigt. Selbstverständlich ist es völlig indiskutabel, einen Menschen wegen seines Aussehens oder wegen körperlicher Beeinträchtigungen zu beschimpfen beziehungsweise körperliche Beeinträchtigungen als Schimpfworte zu benutzen. Wir bedauern in diesem Zusammenhang ausdrücklich, dass andere Menschen beleidigt und verletzt wurden, die ähnliche äußere Merkmale haben wie Sarrazin. Rassismus kann mit solchen körperlichen Einschränkungen weder erklärt noch entschuldigt werden. Und niemand sollte aufgrund ihrer/seiner äußeren Erscheinung mit einem Rassisten wie Sarrazin verglichen werden.

Doch es ist mehr als verwunderlich, dass gerade die Bildzeitung oder PI-News, was “Politically Incorrect-News” bedeutet, genau auf diesen Umstand hinweisen, um Mely Kiyak mit einer diffamierenden Hetzkampagne zu verfolgen. Denn so sehr wir die Wortwahl Mely Kiyaks in diesem Zusammenhang zurückweisen, so sehr wollen wir eine sachlich geführte Debatte um gesellschaftliche Verhältnisse und schließlich auch um politisch korrekte Sprache. Aber statt einer sachlichen Auseinandersetzung forciert die Bild-Zeitung weiter Verrohung. So wird zum Beispiel T. Sarrazin, der sich auf Kosten der muslimischen Bevölkerung in Deutschland bereichert hat, zum Opfer stilisiert, indem beispielsweise die physiologischen Hintergründe für Sarrazins Mimik in emotionaler und persönlicher Art dargelegt werden, ohne schließlich davor zurückzuscheuen, im selben Artikel Mely Kiyak in der Bildunterschrift auf ihren ethnischen Hintergrund und ihr Geschlecht (was natürlich exakt zu der von Sarrazin vorgegeben Matrix passt) zu reduzieren. Sarrazin wird dagegen im Bild daneben als „Bestsellerautor“ bezeichnet. Demnach ist sie lediglich das Produkt ihrer Gene und er der Schöpfer seiner Leistungen.

Angesichts solcher Diffamierungen und der rassistischen Verbalattacken Sarrazins auf von ihm als „minderwertig“ dargestellte Menschen, vor allem angesichts des großen Beitrags zur „Normalisierung“ rassistischen Vokabulars in Deutschland durch sein Buch und die damit einhergehenden Kolumnen und Interviews würden wir uns wünschen, dass auch Thilo Sarrazin sich bei all den Menschen entschuldigt, die er verletzt und beleidigt hat. Ebenso wünschen wir uns, dass die Bildzeitung die Verantwortung für die eigene Berichterstattung übernimmt und die oben erwähnten Entgleisungen öffentlich korrigiert.”

Unterzeichner_innnen:

1 Sakine Subaşı-Piltz
2 Florian Piltz
3 Anna-Sarah Henning
4 Kiturak
5 Dagmar B. Luftwurzel
6 Ernst Kunz
7 Hüseyin Inak
8 Irena Wachendorff
9 Gülay Demirdag-Yazici
10 Hüseyin Sitki
11 Turgut Yüksel
12 Hülya Lehr
13 Harun Demircan
14 Elisabeth Weller
15 Nadia Shehadeh
16 Michael Klein
17 Stephie Fehr
18 Sula Essokim
19 Lisa Dixon
20 Sophie Link
21 Nadia Doukali
22 Ayse Yildiz
23 Sesperado Lyrical Guerilla
24 Performingrace Germany
25 Birgit Wolf-Bauer
26 Tarik Karaca
27 Phillipp Weidemann
28 Leonie Teigler
29 Lydia Makhloufi
30 Julia Victoria
31 Franca M’hamdi
32 Atif Hussein
33 Malika Doukali
34 Philibuster
35 Osman Tok
36 Mädchenmannschaft
37 Liane Steiner
38 Benjamin Fröhlich Rodrigues
39 A Dizzy Eyrie Ilk
40 Abu Ince
41 Adimi Netcen Guanix
42 Lydia Makhloufi
43 Helga Hansen
44 Bern Hesse
45 Arne Hoffmann
46 Bilgin Lutzke
47 Birgit Wolf-Bauer
48 Cansu Yilmaz
49 Claudia Weiter Nix
50 Danka Rkman
51 Devrim Sirin
52 Dihia Drouaz
53 Elise Hendrick
54 Em Ce
55 Engin Kara
56 Fereshta Ludin
57 Georg Klauda
58 Grecko Junior
59 Gülay Özpulat
60 Gülüm Subasi Erdogan
61 Hakuna Matata
62 Julie Brilliant
63 Leonie Teigler
64 Leyla Jagiella
65 Magda Albrecht
66 Maria Eks
67 Mehmet-Fevzi Birgül
68 Michael Klein
69 Mukadder Bauer
70 Nazlı Özdemir
71 Neşe Tüfekçiler
72 Ömer Özkan
73 Özgür Uludag
74 Paradies Salman
75 Roland Sieber
76 Romina Camila Iclal
77 Sabih Hoseri
78 Güllü Manis
79 Benedikt Stein
80 Rudolfine Soultana
81 Sarah K. Otto
82 Traudel Sievert
83 Tarik Karaca
84 Una Gatito
85 Van Bo Le-Mentzel
86 takeover.beta
87 Sevgi Meryem Ünver
88 Eyüp Özgün
89 Serkan Deniz
90 Karl-Bolko Lesser
91 Sebastian Mraczny

Ergänzung der takeover.beta-Redaktion:

Wir stellen uns eine Entschuldigung anders vor als Mely Kiyak.
Dabei finden wir im Gegensatz zur BILD-Zeitung in keiner Weise, dass eine weitere Entschuldigung bei Sarrazin notwendig oder auch nur wünschenswert wäre.

Kiyaks Aussage war vor allem eine ableistische, und das setzt sich in ihrer Entschuldigung bei Sarrazin leider fort.
Es geht uns auch nicht um eine Augenwischerei durch “politisch korrekte” Sprache, sondern darum, dass über Sprache nicht gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung fortgesetzt wird.
Ihre Aussagen tragen dazu bei, dass Menschen mit Krankheiten oder Behinderungen weiterhin als “ungewöhnlich” gelten, “besonderer Rücksichtnahme” oder “Toleranz” bedürfen; “unvollkommen” sind. (Zitate sämtlich aus Kiyaks “Klarstellung” übernommen – Warnung: verletzende/ableistische Sprache abgedruckt.)
Wir hätten uns vor allem eine Entschuldigung bei Menschen mit Behinderungen gewünscht, die täglich Ausgrenzung aufgrund von Aussagen wie dieser erfahren.

Eine Entschuldigung bei Sarrazin ist insofern absurd, als diesem über die Jahre hinweg jegliche Formen von diskriminierenden, entmenschlichenden Aussagen nicht nur “versehentlich unterlaufen” sind. Im Gegenteil, er hat sich dieser “Bewertung” von Menschen über die Jahre systematisch gewidmet, bis hin zu einem Buch, das in Deutschland Rekord-Verkaufszahlen erreicht hat.
Dabei hat er insbesondere muslimische, oder kurzerhand zu Muslim_innen erklärte Menschen herabgesetzt. Es steht in keiner Weise zu erwarten, dass Sarrazin sich für sein Buch und seine jahrelange systematische, Menschen verachtende Hetze je entschuldigen wird. Er sieht dies also offensichtlich als erwünschte Form gesellschaftlichen Diskurses an. Dass die BILD-Zeitung es als kritikwürdig ansieht, dass Sarrazin nun ausnahmsweise nach seinen eigenen Maßstäben bewertet wird, ist einigermaßen lachhaft.

Dabei sehen wir Sarrazins Aussagen nicht als eine “Verhöhnung der Demokratie”, schon garnicht der “in unserem Land”. Es hat noch keine Demokratie ohne Rassismus gegeben, und gerade das demokratische System in Deutschland hat eine rassistische Vergangenheit und Gegenwart, die die Thesen Sarrazins nur fortsetzen. Wir stellen uns gegen die rassistischen und klassistischen Aussagen Sarrazins mit dem Bewusstsein, dass sie der herrschenden Ideologie entsprechen.

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